{"id":12012,"date":"2004-06-16T23:00:00","date_gmt":"2004-06-16T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-41\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"editorial-41","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/editorial-41\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 1<\/p>\n<p>Der Sudan im Jahr 2004: K\u00e4mpfe in der Westprovinz Darfur haben \u00fcber 10.000 Tote gefordert. Arabischst\u00e4mmige Milizen terrorisieren die Bev\u00f6lkerung im Auftrag der Zentralregierung in Khartum und haben \u00fcber eine Million Menschen in die Flucht getrieben, die nun vom Hungertod bedroht sind. Sch\u00e4tzungen sprechen von mehreren Hunderttausend Verhungernden in den n\u00e4chsten Monaten. P\u00fcnktlich zum zehnten Jahrestag des V\u00f6lkermords in Ruanda spielt sich vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit erneut ein afrikanisches Drama ab. Die Staatssekret\u00e4rin im Ausw\u00e4rtigen Amt, Kerstin M\u00fcller, spricht schon von &#132;ethnischen S\u00e4uberungen&#148;. Wiederholt sich hier die Geschichte? Bringt sich der schwarze Kontinent wirklich selbst um, wie es der renommierteste franz\u00f6sische Afrika-Journalist Stephen Smith in einem umstrittenen &#132;Nekrolog&#148; j\u00fcngst behauptete?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich offenbarte der Genozid in Ruanda 1994 &#8211; parallel zu den Balkankriegen &#150;, wie tr\u00fcgerisch die Rede vom &#132;Ende der Geschichte&#148; nach 1989 gewesen war. Todesschwadronen und Massengr\u00e4ber pr\u00e4gten das Antlitz der 1990er Jahre, auch wenn die vereinte west\u00f6stliche Welt anf\u00e4nglich in Frieden und Freiheit zu prosperieren schien. Die alte Bundesrepublik war noch in den 1980er Jahren von einer \u00f6ffentlichen Solidarit\u00e4t mit den armen L\u00e4ndern gepr\u00e4gt, die so erfolgreiche Spendenkampagnen wie &#132;Menschen f\u00fcr Menschen&#148; des Schauspielers Karlheinz B\u00f6hms hervorbrachte, der damit Hungernde in \u00c4thiopien unterst\u00fctzte. Diese Solidarit\u00e4t ist gegenw\u00e4rtig zumindest aus der medialen \u00d6ffentlichkeit verschwunden. Fernsehshows werden heute spontan zugunsten der Elbeflut opfer in Szene gesetzt, nicht f\u00fcr die Hungernden in Darfur oder die halbe Milliarde Kinder, die mit weniger als einem US-Dollar t\u00e4glich \u00fcberleben muss.<\/p>\n<p>Jenseits der Katastrophennachrichten gibt es jedoch vielleicht ebenso viele Hoffnungszeichen: Denn die Dritte Welt, so wie sie in Negativbildern noch viele K\u00f6pfe hierzulande pr\u00e4gt, existiert nicht mehr. Sie hat sich ausdifferenziert. Neben den failed states, in Chaos, Hunger und Not versinkenden Gemeinwesen, stehen aufstrebende Staaten wie Indien, China oder Brasilien. Die Lebenserwartung ist in diesen L\u00e4ndern in den letzten 40 Jahren st\u00e4rker gestiegen als in den 4.000 Jahren zuvor. Und der Weltbankpr\u00e4sident James Wolfensohn nannte den linken brasilianischen Pr\u00e4sidenten Lula j\u00fcngst begeistert das &#132;wichtigste Einzelexperiment, das es derzeit gibt auf der Welt.&#148; Lula fordert denn auch die Teilnahme der drei L\u00e4nder und S\u00fcdafrikas am n\u00e4chsten G-8-Treffen. Sie w\u00fcrden den Norden mit Macht an die Ungerechtigkeiten der Weltwirtschaftsordnung erinnern: Mit mehr als 300 Milliarden Dollar subventionieren die OECD-Staaten ihre 20 Millionen Landwirte; die Milliarden Kleinbauern- und Landarbeiterfamilien in den Entwicklungsl\u00e4ndern haben keine Chance, ihre Produkte auf diesen abgeschotteten M\u00e4rkten unterzubringen. Eine Billion Dollar pro Jahr werden weltweit f\u00fcr R\u00fcstung ausgegeben, dagegen nur 50 Milliarden f\u00fcr Entwicklungshilfe. Auch wenn Korruption, B\u00fcrgerkriege und Diktaturen vielfach hausgemacht sind: Die reichen L\u00e4nder des Nordens haben eine hohe Verantwortung f\u00fcr die Entwicklung im S\u00fcden, der sie vor allem durch Strukturver\u00e4nderungen im Welthandel endlich gerecht werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Entwicklungspolitische Fragen sollten also wieder ins Zentrum der Debatten r\u00fccken, gerade in einer Zeit, in der die \u00d6ffentlichkeit vielleicht allzu sehr auf Terrorismus, Irak-krieg, amerikanische Hegemonie sowie nationale und europ\u00e4ische Fragen fixiert ist. Denn in einer unsicheren s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re k\u00f6nnen jederzeit neue Risiken f\u00fcr die L\u00e4nder des Nordens entstehen. Die Beitr\u00e4ge dieses vorg\u00e4nge-Heftes wollen sowohl Fortschritte als auch Defizite analysieren: Genhart Baum, Bundesinnenminister a.D. und von 1992 bis 1998 Leiter der deutschen Delegation in der UN-Menschenrechtskommission, zieht eine Bilanz der internationalen Menschenrechtspolitik der vergangenen Jahre. Die \u00f6kologischen und wirtschaftlichen Chancen, die f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder durch Umstellung auf erneuerbare Energien entstehen, arbeiten <i>Ulrich Laumanns<\/i>, <i>Danyel Reiche <\/i>und <i>Mischa Bechberger <\/i>in ihrem Beitrag \u00fcberzeugend heraus. In die Fr\u00fchphase der (west)deutschen Entwicklungspolitik f\u00fchrt der Aufsatz von <i>Hendrik Grote:<\/i> Im Verlauf der 1950er Jahre entstand allm\u00e4hlich, behindert und bef\u00f6rdert von ganz verschiedenen \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen, eine eigenst\u00e4ndige Entwicklungspolitik. Das Schicksal philippinischer Arbeitsmigrantinnen in Singapur pr\u00e4sentiert<i> Nicole Weber <\/i>anhand eigener Forschungen vor Ort. F\u00fcr die Frauen ist der Aufenthalt in der Fremde zugleich Emanzipations- und Zwangserfahrung. Welche lokalen Aktivit\u00e4ten in Deutschland f\u00fcr eine gerechtere, die Interessen des S\u00fcdens ber\u00fccksichtigende Weltwirtschaftsordnung m\u00f6glich sind, zeigen Ellen Frings und J\u00fcrgen W\u00fcst in ihrem mit zahlreichen Fallbeispielen belegten Beitrag. Am Ende des Heftschwerpunktes stellt wie immer ein aktueller Literaturbericht wichtige Neuerscheinungen vor.<\/p>\n<p><i>Hermann Scheer <\/i>k\u00e4mpft in seinem<i> Essay<\/i> unverdrossen gegen politikm\u00fcde Agonie und alles beherrschenden \u00d6konomismus an und prophezeit das Widererstarken engagierter Gesellschaftskritik von links. In den<i> Kommentaren <\/i>und <i>Kolumnen<\/i> verweist Wieland Hempel auf die einzelnen Felder, in denen der zum Fetisch gewordene Liberalisierungsglaube die Gesellschaft gef\u00e4hrdet. Ein neues Wahlrecht fordert Lore Maria Peschel-Gutzeit: Kinder sollten von Geburt an stimmberechtigt sein, treuh\u00e4nderisch ausge\u00fcbt durch ihre Eltern. Gary S. Schaal fragt, ob b\u00fcrgerschaftliches Kapital eine harte W\u00e4hrung sein kann, w\u00e4hrend Hildegard Pamme auf die Defizite in der kommunalen Selbstverwaltung verweist. <i>Christoph Bruch <\/i>will dem Geheimnistr\u00e4ger Staat durch ein Informationsfreiheitsgesetz zu Leibe r\u00fccken will. Rezensionen runden das Heft ab.<\/p>\n<p>Intellektuell anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnscht wie immer<\/p>\n<p>Alexander Cammann<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12012","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/editorial-41\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 1 Der Sudan im Jahr 2004: K\u00e4mpfe in der Westprovinz Darfur haben \u00fcber 10.000 Tote gefordert. 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