{"id":12015,"date":"2004-06-16T21:00:00","date_gmt":"2004-06-16T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\/","title":{"rendered":"Von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Voraussetzungen, Strukturen und Mentalit\u00e4ten der bundesdeutschen Entwicklungshilfe 1949-1961<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S 24-35<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren setzte in allen Industriel\u00e4ndern die intensive Besch\u00e4ftigung mit der wirtschaftlichen Entwicklung von rohstoffreichen, aber kapital armen L\u00e4ndern ein &#150; mit L\u00e4ndern, die h\u00e4ufig gerade aus der Kolonialherrschaft entlassenen worden waren oder zumindest kurz davor standen. In Deutschland f\u00fchrte dies 1961 zur Institutionalisierung des neuen Politikfeldes in einem eigenst\u00e4ndigen Entwicklungshilfeministerium, das die bisherigen Bem\u00fchungen koordinieren sollte.<\/p>\n<p>Hier soll den Motiven nachgegangen werden, die hinter der fr\u00fchen deutschen Entwicklungshilfe standen. Dabei muss ein ganzes B\u00fcndel von miteinander verwobenen Begr\u00fcndungen, Bedingungen und Mentalit\u00e4ten ber\u00fccksichtigt werden: Der Ost-West-Konflikt, die Entkolonialisierung, eine anf\u00e4ngliche deutsche Fokussierung auf die Au\u00dfenwirtschaftspolitik sowie amerikanische Forderungen an die deutsche Seite bilden den Rahmen, innerhalb dessen \u00c4ngste, Hoffnungen und gesellschaftspolitische Einstellungen auf die Rechtfertigung und Ausgestaltung westdeutscher Entwicklungshilfe einwirkten. Koloniale Imaginationen waren weit verbreitet: Man sah Europa immer noch als den kulturell h\u00f6herstehenden und technisch entwickelteren Kontinent an, im Vergleich zu den primitiven Zivilisationen Afrikas oder Asiens. Die Sorge vor einer \u00dcberbev\u00f6lkerung der Erde, Antikommunismus, Technik- und Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit, humanit\u00e4re Vorstellungen und nicht zuletzt parteipolitisches Kalk\u00fcl &#150; all das pr\u00e4gte die Debatte um die Entwicklungshilfe.<\/p>\n<h5><span id=\"der-aeussere-rahmen-vom-primat-der-exportwirtschaft-zur-hallstein-doktrin\">Der &auml;u&szlig;ere Rahmen: Vom Primat der Export&shy;wirt&shy;schaft zur Hallstein-&shy;Dok&shy;trin<\/span><\/h5>\n<p>Die Eingliederung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen erfolgte zun\u00e4chst \u00fcber die Integration in das westliche Wirtschaftssystem. Mit dem am 5. Juni 1947 verk\u00fcndeten Marshallplan &#150; offiziell als European <i>Recovery Program<\/i> (ERP) bezeichnet &#150; sollte Deutschland nicht nur an das westliche B\u00fcndnis gebunden werden, sondern auch in die Lage versetzt werden, den eigenen Wiederaufbau selbst tragen zu k\u00f6nnen. Weitere Schritte der wirtschaftspolitischen Westintegration waren die deutsche Beteiligung an der Organisation for European Economic Cooperation (OEEC; Vorg\u00e4nger der OECD) 1948, der Beitritt zum Gatt-Abkommen 1950 und die Aufnahme der Bundesrepublik in die Bretton-Woods-Institutionen Weltbank und IWF 1952. Die Grundkonzeption dieser Organisationen folgte der Idee, dass freier Welthandel zu Wirtschaftswachstum und zu Wohlstand f\u00fchre und dem Wohle aller Beteiligten diene.<\/p>\n<p>Mit einer Reaktivierung des deutschen Au\u00dfenhandels sollte nicht nur die Versorgungslage in Westdeutschland gesichert werden, sondern auch die deutsche Industrie wiederbelebt werden. Dahinter stand auch der Gedanke, dass eine politische Radikalisierung von Arbeitslosen, Fl\u00fcchtlingen, Heimkehrern und Ausgebombten durch wirtschaftliche Integration und Wohlstand zu verhindern sei (Damm 1965: 39).<\/p>\n<p>Erstmals konnte die Bundesrepublik 1952 einen Ausfuhr\u00fcberschuss erzielen. Mit zunehmender wirtschaftlicher Erholung sah sich die Bundesregierung gen\u00f6tigt, sich auf Druck der westlichen Alliierten hin an deren Leistungen f\u00fcr die (vormaligen) Kolonien zu beteiligen. Die Begr\u00fcndung der USA und Gro\u00dfbritanniens war, dass Deutschland, welches sich nicht an milit\u00e4rischen Kosten der Verteidigung des Westens beteilige, in wirtschaftlicher Hinsicht helfen sollte. So beteiligte sich die Bundesrepublik ab 1952 finanziell an multilateralen Entwicklungsprogrammen der Weltbank und am Expanded Program of Technical Assistance (EPTA) der UNO, dem sie ebenfalls 1952 beigetreten war.<\/p>\n<p>Das erste Mal kann 1953 von bilateraler deutscher Entwicklungshilfe gesprochen werden, als das Bundeswirtschaftsministerium (BMW) 500.000 DM f\u00fcr bilaterale technische Hilfe aus dem ERP-Sonderverm\u00f6gen bekam. Das ERP-Sonderverm\u00f6gen war aus den Gegenwertmitteln der Marshallplan-Einfuhren gebildet worden. Nach dem erfolgreichen wirtschaftlichen Wiederaufbau lag es nahe, nun einen Teil dieser Mittel f\u00fcr Hilfen an die Entwicklungsl\u00e4nder einzusetzen (Adelmann 1999). Die ERP-Mittel waren schnell verf\u00fcgbar, da zur Freigabe keine parlamentarische Zustimmung n\u00f6tig war (Vogel 1982:17). Sie dienten in erster Linie der Exportf\u00f6rderung, denn die Bundesregierung favorisierte die privatwirtschaftliche Initiative in den Entwicklungsl\u00e4ndern. Diese galt als politisch unverd\u00e4chtig, und als der Entwicklungshilfe der DDR \u00fcberlegen. Au\u00dfer-dem sollte die westdeutsche Handelsbilanz ausgeglichen werden. Zus\u00e4tzlich wurde der Export durch \u00dcbernahme von Risiken mittels Hermesb\u00fcrgschaften angekurbelt. Eine weitere Ma\u00dfnahme der Au\u00dfenhandelsf\u00f6rderung war die Aufnahme von Bestimmungen \u00fcber privatwirtschaftliche Technische Hilfe in Handelsvertr\u00e4gen mit Pakistan, Indien und Ceylon. Bis 1955 diente die deutsche Hilfe haupts\u00e4chlich den wirtschaftlichen Beziehungen zu den Entwicklungsl\u00e4ndern. So ist die Vertiefung westdeutscher Handelsbeziehungen im Jahr 1954 zu Griechenland und der T\u00fcrkei, die mit Finanzhilfen in Form von Krediten in H\u00f6he von 250 Millionen Dollar verbunden war, zur ersten Entwicklungshilfe zu rechnen (Damm 1965: 51). Politische Vergabegesichtspunkte sind angesichts der geostrategischen Lage beider Staaten an der S\u00fcdost-Flanke der NATO offen-sichtlich. Die Bundesregierung konnte damit demonstrativ ihre Verl\u00e4sslichkeit gegen\u00fcber dem Westen beweisen. In Asien gingen erste Hilfen schwerpunktm\u00e4\u00dfig an neutrale Staaten wie Indien, Indonesien und Burma, um ein Ausbreiten des Kommunismus zu verhindern. In Lateinamerika war das deutsche Vorgehen weitgehend unabh\u00e4ngig vom Antikommunismus des Westens. Hier konnte im Gegensatz zu Afrika auf traditionellen Handelsverbindungen aufgebaut werden, ohne dabei auf die Interessen europ\u00e4ischer Kolonialm\u00e4chte R\u00fccksicht nehmen zu m\u00fcssen. Auch daher wurden in Lateinamerika die ergiebigsten Vertragsabschl\u00fcsse erzielt.<\/p>\n<p>1954\/55 \u00e4nderte sich die Lage f\u00fcr die Bundesrepublik. Die Westm\u00e4chte gew\u00e4hrten am 5. Mai 1955 der Bundesrepublik fast vollst\u00e4ndige Souver\u00e4nit\u00e4t; die DDR erlangte nominell ebenfalls au\u00dfenpolitische Eigenst\u00e4ndigkeit infolge der Souver\u00e4nit\u00e4tserkl\u00e4rung vom 25. M\u00e4rz 1954. Im Sommer 1955 setzten zudem Bem\u00fchungen der Sowjetunion in der Deutschlandfrage ein, die Zweiteilung Deutschlands international durchzusetzen, und schlie\u00dflich kam es zum Vertrag \u00fcber die Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR vom 20. September 1955.<\/p>\n<p>Somit entstanden einerseits neue au\u00dfenpolitische Handlungsspielr\u00e4ume, anderseits waren diese durch die dominierende Rolle der Wiedervereinigungspolitik der Bundesregierung schnell eingeengt. Handelspolitische Begr\u00fcndungen der westdeutschen Entwicklungshilfe wurden zunehmend durch au\u00dfenpolitische Absichten der Bundesregierung in den Schatten gestellt.<\/p>\n<p>Entwicklungshilfe wurde &#132;bewusst&#148; als &#132;politische Waffe zur Verwirklichung au\u00dfenpolitischer Ziele&#148; benutzt (Damm 1965: 13; vgl, ebd.: 9). Da-bei ging es im Sinne der Halbstein-Doktrin[2] vornehmlich um die Verhinderung einer v\u00f6lkerrechtlichen Anerkennung der DDR in der Welt &#150; insbesondere in den im Zuge der Entkolonialisierung neu entstehenden Staaten. Aber auch das politische Erstarken der blockfreien Staaten &#150; deutlich geworden mit der Konferenz von Bandung im Mai 1955 &#150; dr\u00e4ngte die westdeutsche Entwicklungshilfe und Au\u00dfenpolitik zur Konzentration auf die Deutschlandfrage. Die Bundesregierung hoffte, dass die deutsche Wiedervereinigung von den Vereinten Nationen durch eine Abstimmung in der Generalversammlung herbeigef\u00fchrt werden k\u00f6nne und versuchte unter den ehemaligen Kolonien Partner zu gewinnen. Im Herbst 1955 konnte allerdings auch die DDR au\u00dfenpolitische Erfolge er-zielen. Jugoslawien, Indien, Burma und Indonesien standen einer Anerkennung der DDR nicht grunds\u00e4tzlich ablehnend gegen\u00fcber. Die Zweiteilung Deutschlands drohte auch v\u00f6lkerrechtlich zur Realit\u00e4t zu werden.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser politischen Entwicklungen begann die offizielle deutsche Entwicklungshilfe aus \u00f6ffentlichen Mitteln. Der Bundestag bewilligte in der Haushaltsdebatte 1956, nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern in der Bundesregierung und in den Reihen der Regierungsfraktionen, 50 Mio. DM f\u00fcr die Abteilung Au\u00dfenhandel des Ausw\u00e4rtigen Amts (AA) (Dennert 1968: 29). Gleichzeitig beteiligte Deutschland sich auch an multilateralen Programmen. Dennoch erhoben Gro\u00dfbritannien und die USA weiterhin Forderungen nach einer gr\u00f6\u00dferen Beteiligung der Bundesrepublik an der Entwicklungshilfe. Das atomare Patt zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten und der sog. &#132;Sputnik-Schock&#148; 1957 f\u00fchrten zu einer Wiederaufwertung der wirtschaftlichen Aspekte der Au\u00dfenpolitik. Zudem stieg der Druck seitens der USA, sich an den Kosten f\u00fcr die Entwicklung der st\u00e4ndig wachsenden Zahl unabh\u00e4ngiger Staaten, die aus den zerfallenden Kolonialreichen entstanden, zu beteiligen (vgl. hierzu Schmidt 2003). Dem Verweis auf ein burden sharing lag die Auffassung zu Grunde, dass Deutschland verpflichtet sei, mit steigender Wirtschaftskraft und zunehmendem Wohlstand auch h\u00f6here Kosten zu tragen. Der britische Druck ging sogar soweit, mit einem Abzug der Besatzungstruppen am Rhein zu drohen (Damm 1965: 107). Bislang war es dem in Fragen der Entwicklungshilfe sehr z\u00f6gerlichen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gelungen, unter Verweis auf den eigenen Wiederaufbau eine Erh\u00f6hung der Mittel f\u00fcr Entwicklungshilfe zumindest zu verlangsamen. Er f\u00fcgte sich, nachdem Adenauer, der das politische Ansehen bei den westlichen Alliierten nicht aufs Spiel setzen wollte, in eine gr\u00f6\u00dfere deutsche Lastenbeteiligung eingewilligt hatte. Ulrich Damm sieht deshalb im Fr\u00fchjahr 1958 den &#132;Beginn einer neuen, mehr auf Solidarit\u00e4t mit den Westm\u00e4chten ausgerichteten Phase der westdeutschen Entwicklungshilfe&#148; (Damm 1965: 85).<\/p>\n<p>Erstmals in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit wurde die Entwicklungshilfe diskutiert, als Erhard auf einer Asienreise Anfang Oktober 1958 der materiellen Not in Form von Armut, Hunger und Verelendung begegnete und gleichzeitig erkannte, welche Absatz- und Rohstoffm\u00e4rkte sich in den Entwicklungsl\u00e4ndern anboten (vgl. Hentschel 1996: 320). Anlass seiner Reise war die Teilnahme an den Konferenzen des Weltw\u00e4hrungsfonds und der Weltbank in Neu Delhi, wo Erhard bereits Beitragserh\u00f6hungen f\u00fcr die beiden internationalen Organisationen zustimmte. Trotz dieser Zusagen sah sich die Bundesregierung weiterhin amerikanischen Forderungen nach gr\u00f6\u00dferer finanzieller Beteiligung ausgesetzt. Aufgrund des eigenen Zahlungsbilanzdefizits dr\u00e4ngten die USA die westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder zu einem gr\u00f6\u00dferen Engagement in der Entwicklungshilfe, damit gemeinsam stets die Entwicklungshilfe des Ostblocks \u00fcbertroffen werden konnte. Bei steigendem Wohlstand und wachsenden Gold- und Devisenreserven in Westdeutschland sah sich die Bundesregierung einem besonderen Druck in dieser Frage ausgesetzt. An-l\u00e4sslich seines Besuches in Bonn im August 1959 erhielt US-Pr\u00e4sident Eisenhower die Zusage, dass die \u00f6ffentliche deutsche Entwicklungshilfe weiter erh\u00f6ht und fester Bestandteil des bundesdeutschen Haushalts werde.<\/p>\n<p>Damit waren Ende der 1950er Jahre die Grundlagen f\u00fcr Entwicklungshilfe geschaffen. Nachdem an der grunds\u00e4tzlichen Notwendigkeit von Entwicklungshilfe niemand mehr zweifelte, ging es nach 1960 um die detaillierte Gestaltung und Vergabe der Entwicklungshilfe.<\/p>\n<h5><span id=\"der-weg-zum-bundesministerium-fuer-wirtschaftliche-zusammenarbeit-bmz\">Der Weg zum Bundes&shy;mi&shy;nis&shy;te&shy;rium f&uuml;r wirtschaft&shy;liche Zusam&shy;me&shy;n&shy;a&shy;r&shy;beit (BMZ)<\/span><\/h5>\n<p>Die Strukturen deutscher Entwicklungshilfe mussten erst geschaffen werden. Anders als in Frankreich oder in Gro\u00dfbritannien konnte die Bundesrepublik bei der Organisation und Verwaltung der Entwicklungshilfe nicht auf einer gewachsenen Kolonialverwaltung, die in beiden L\u00e4ndern ab Ende der 1940er Jahre auch Entwicklungsvorhaben plante, aufbauen.<\/p>\n<p>An den deutschen Entwicklungshilfeprojekten waren insbesondere das Ausw\u00e4rtige Amt, das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Finanzministerium beteiligt. Als erste Organisation der deutschen Entwicklungshilfe wurde am 30. Juni 1959 die Deutsche Stiftung f\u00fcr internationale Entwicklung (DSE) gegr\u00fcndet. Diese diente der Aus- und Fortbildung von Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4ften aus Entwicklungsl\u00e4ndern und die Vorbereitung deutscher Fachkr\u00e4fte f\u00fcr den Auslandseinsatz (vgl. Adelmann 1999). Die Durchf\u00fchrung der Kapitalhilfe oblag der Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau (KfW).<\/p>\n<p>Hinsichtlich der gesamten Entwicklungshilfe (technische Hilfe, bilaterale Kapitalhilfe und multilaterale Hilfe) f\u00fchrten bis in die 1960er Jahre hinein Kompetenzwirrwarr und lange Bearbeitungsfristen bis zur Auszahlung der Entwicklungshilfe zu Kritik in der Publizistik, unter wissenschaftlichen Experten und bei den Empf\u00e4ngern. Auch die SPD-Fraktion im Bundestag \u00e4u\u00dferte sich kritisch &#8211; selbst nach Errichtung eines Entwicklungshilfeministeriums. Der SPD-Parlamentarier Kalbitzer warf noch im April 1962 diesbez\u00fcglich dem AA und dem BMW &#132;Eigens\u00fcchteleien&#148; vor (Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit 1976: 20). W\u00e4hrend die parlamentarische Kritik auch als Mittel des politischen Wettbewerbs betrachtet werden kann, so bot die Kritik den Experten und Publizistik die M\u00f6glichkeit, ein Thema zu erschlie\u00dfen und sich in einem neuen Feld zu profilieren und als Fachmann zu etablieren.<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit der Entwicklungshilfe nimmt parallel zur staatlichen Bet\u00e4tigung in diesem Politikfeld zu. W\u00e4hrend 1958 nur wenige Schriften erscheinen, so wuchs die Publikationst\u00e4tigkeit 1959 und 1960 stark an (vgl. Danckwortt 1962: 65). Zwar widmete sich die Presse verst\u00e4rkt der Entwicklungshilfe, doch blieb diese im wesentlichen ein Thema der Experten; die wissenschaftliche Diskussion fand bis Ende der 1950er Jahre in der \u00d6ffentlichkeit kaum Widerhall, nur sporadisch tauchte Kritik auf.3 Dies lag an schlechter \u00d6ffentlichkeitsarbeit, an den zun\u00e4chst geringen finanziellen Mitteln f\u00fcr die Entwicklungshilfe, und vor allem an der Un\u00fcbersichtlichkeit der mit der Organisation und Vergabe der Entwicklungshilfe befassten Ministerien und Stellen.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Ministerien hatten unterschiedliche Vorstellungen vom Sinn der Entwicklungshilfe. Das AA war an Einflussnahme im Sinne der Halbstein-Doktrin interessiert und favorisierte deshalb ein pr\u00e4ventives, m\u00f6glichst alle Entwicklungsl\u00e4nder ber\u00fccksichtigendes Gie\u00dfkannenprinzip der Geldervergabe. Das BMW verfolgte ein liberales Welthandelskonzept und war \u00fcberzeugt, dass Freihandel zu Wachstum f\u00fchre und Wirtschaftswachstum zu Wohlstand. Das Bundesfinanzministerium (BMF) war der eigentliche Bremser. Es verwies auf die Notwendigkeit des Sparens und darauf, dass die praktizierten Einjahreshaushalte die l\u00e4ngerfristige Planung unm\u00f6glich machten (Bodemer 1974: 359ff.).<\/p>\n<p>Das Kompetenzwirrwarr und das Gerangel insbesondere zwischen BMW und AA verst\u00e4rkten den Wunsch nach einer zentralen Steuerungseinheit, den schon 1956 der SPD Bundestagsabgeordnete Kahn-Ackermann ge\u00e4u\u00dfert hatte (Vogel 1982, S. 19). Auf ihrem Parteitag 1960 in Hannover forderte die SPD die Errichtung eines eigenst\u00e4ndigen Ministeriums f\u00fcr die Entwicklungspolitik (Dennert 1968, S. 35).<\/p>\n<p>Bei der Bundestagswahl im September 1961 verlor die CDU\/CSU die absolute Mehrheit. Zweimonatige Koalitionsverhandlungen mit der FDP folgten. Der Konkurrenzkampf zwischen Adenauer und Erhard versetzte die FDP in die Lage, ein f\u00fcnftes Ministerium zu fordern, das im au\u00dfenpolitischen Bereich angesiedelt sein sollte (vgl. Koerfer 1987). Die FDP hatte die Hoffnung, dass dieser Minister auch den Au\u00dfenminister vertreten w\u00fcrde. Die zun\u00e4chst favorisierte Errichtung eines Europaministeriums scheiterte am Einspruch Erhards, der Kompetenzverluste f\u00fcr das BMW bef\u00fcrchtete. So fiel schlie\u00dflich die Entscheidung zugunsten eines neu zu gr\u00fcndenden Bundesministeriums f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) unter Walter Scheel (FDP), das Ende 1961 gebildet wurde. Kompetenz\u00fcberschneidungen zwischen BMZ und AA verweisen auf eine Ressortdoppelung. Mit dem BMZ als Parallelministerium erhoffte sich die FDP Einsichtnahme in und Einflussnahme auf die deutsche Au\u00dfenpolitik &#8211; wie \u00fcbrigens in den 1980er und 1990er Jahren die CSU&#151;, die bis zu diesem Zeitpunkt von der CDU bestimmt wurde. Tats\u00e4chlich gelang es der FDP, ihren Wunsch durchzusetzen, den Entwicklungshilfeminister wie geplant zum Vertreter bei Abwesenheit des Au\u00dfenministers zu bestimmen. Auf diese Weise ebnete die Entwicklungshilfe Walter Scheel den Weg zum Amt des Bundesau\u00dfenministers ab 1969.<\/p>\n<h5><span id=\"koloniale-kontinuitaeten\">Koloniale Konti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;&shy;ten?<\/span><\/h5>\n<p>In ihrer ersten Phase, in den fr\u00fchen 1950er Jahren, folgte die bundesdeutsche Entwicklungspolitik der Makro\u00f6konomie. Der freie Welthandel sollte durch Exportf\u00f6rderung das bundesdeutsche Handelsdefizit bek\u00e4mpfen, und gleichzeitig das Wachstum in den Entwicklungsl\u00e4ndern ankurbeln. Technischer Fortschritt sollte Hunger und Armut in der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re bek\u00e4mpfen. Dieses Handeln wurde aus den Modernisierungsund Stufentheorien abgeleitet, die den Weg zum Wirtschaftswachstum theoretisch begr\u00fcndeten. Soziale Faktoren bleiben in den Theoriegeb\u00e4uden der 1950er Jahre ausgeklammert. Es herrschte Optimismus in der entwicklungspolitischen Planung. Die wirtschaftswissenschaftliche Fachwelt glaubte damals an den perfekten Plan (Apthorpe 1971:63). Man nahm an, das Wirtschaftswunder Deutschlands in den Entwicklungsl\u00e4ndern nachahmen zu k\u00f6nnen: &#132;Erforderlich ist eine Art Marshallplan gr\u00f6\u00dferen Stils f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder&#148; (Fritz 1962: 11). Der \u00f6konomische Optimismus jener Jahre nahm die Industrialisierung des Westens als Vorbild, dem die Entwicklungsl\u00e4nder folgen sollten, obwohl eigentlich klar sein musste, dass eine Wiederholung des Marshallplans schwer m\u00f6glich w\u00e4re: Europa war schon entwickelt, als es die Unterst\u00fctzungen erhielt.<br \/>Kritisiert wurde von der Empf\u00e4nger-Seite die \u00dcberheblichkeit der Amerikaner und Westeurop\u00e4er in deren Gef\u00fchl technischer \u00dcberlegenheit. Ingrid Heidenmann versammelte in ihrem Buch Neokolonialismus oder Wirtschaftshilfe in Afrika vornehmlich afrikanische Stimmen, die eine &#132;Invasion der Technik&#148; beklagen. Die koloniale Vergangenheit bestehe in der Gegenwart weiter, denn &#132;Europa besitzt die Macht der Technik&#148; (Heidermann,1969:109). Und nicht nur das Wissen um die Konstruktion, auch die<br \/>Wartung der Maschinen schuf neue Abh\u00e4ngigkeiten. Ein weiteres Problem ergab sich durch die westliche \u00dcberheblichkeit. Gerne gaben sich bundesdeutsche Autoren der Vorstellung hin, &#132;der Deutsche&#148; sei in der Welt als praktischer, geschickter und sehr flei\u00dfiger Techniker bekannt (Fritz 1962: 218\/221). Der n\u00fcchterne Techniker, so Heidermann, provoziere durch &#132;schulmeisterhaftes Verhalten&#148; und Ignoranz lokaler Br\u00e4uche den &#132;Vorwurf einer neuen Herrenrasse der Techniker&#148; (Heidermann 1969: 192). Gro\u00dfe Industriekomplexe in Entwicklungsl\u00e4ndern erscheinen Heidermann wie ein Staat im Staate, der von ausl\u00e4ndischen Technikern kontrolliert werde (ebd.: 197). Die Selbstsicht als unpolitischer, n\u00fcchterner Techniker bei gleichzeitiger \u00dcberheblichkeit ist ein Schatten der Vergangenheit und verweist auf koloniale Kontinuit\u00e4ten, die auch von der neueren Forschung im Entwicklungsdiskurs nachgewiesen wurden (vgl. Zirai 2004).<\/p>\n<p>Zwar wurde Deutschland zum versp\u00e4teten Mitglied in der Runde der Entwicklungshilfe-Geberl\u00e4nder, doch ist dies durch die innenpolitische Konzentration auf Wiederaufbau und Fl\u00fcchtlingsintegration sowie die einstweilen geboten erscheinende Zur\u00fcckhaltung in internationalen Fragen bei alleiniger Konzentration auf die Westbindung zu erkl\u00e4ren. Eine direkte koloniale Kontinuit\u00e4t gab es nicht. Deutschland musste keinen Endkolonialisierungsbestrebungen ins Auge blicken. Wenn auch die Probleme der Entkolonialisierung generell in den Medien pr\u00e4sent waren, so gab es kaum sichtbare Verbindungen zu eigenen Kolonien. Im Gegenteil: Deutschland f\u00fchlte sich aufgrund seiner, so die herrschende zeitgen\u00f6ssische Meinung, &#132;kolonial freien&#148; Vergangenheit geradezu berufen, als Anwalt des Westens in den neuen Staaten der Dritten Welt aufzutreten. In diesem Sinne hielt man sich f\u00fcr glaubw\u00fcrdiger als die europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4nder. Politiker sowie Planer aus Ministerialb\u00fcrokratie und Wissenschaft betonten die &#132;nicht koloniale&#148; Vergangenheit der Bundesrepublik, die in besonderer Weise zum &#132;vorurteilsfreien&#148; Kontakt mit den Entwicklungsl\u00e4ndern bef\u00e4hige (Vogel 1982: 16). Das Diktum der kolonial losen Vergangenheit stimmte allerdings nur in einem Punkt: Deutschland hatte seine Kolonien so fr\u00fch verloren, dass es keine Entkolonialisierungskriege f\u00fchren musste. Hier war die Bundesrepublik in der Tat unbelastet. Dass aber die Bundesrepublik von weiterwirkenden kolonialen Erfahrungen nicht frei war, verdeutlicht Ute Zurm\u00fchl. Trotz mancher guten Absicht, so ihre These, sei der entwicklungspolitische Diskurs in der Bundesrepublik einem kolonial gepr\u00e4gten Weltbild verhaftet gewesen, denn der propagierte Weg der nachholenden Entwicklung habe einer eurozentristischen Weltsicht entsprochen (Zurm\u00fchl 1995: 8). Die \u00dcberheblichkeit von Monteuren und Technikern gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung des Entwicklungslandes zeugt von einer pejorativen Wahrnehmung von Andersartigkeit als Minderwertigkeit. Auch die Modernisierungstheoretiker der 1950er und 1960er Jahre betrachteten die neuen unabh\u00e4ngigen Staaten Afrikas und Asiens als &#132;unterentwickelt&#148;. Diese Sicht entspringt einem eurozentristischen Weltbild, das &#132;die Geschichte Europas zur Geschichte der Menschheit erkl\u00e4rte und die anderen in ein &#8218;Vorher&#8216; oder &#8218;Noch-Nicht&#8216; zw\u00e4ngt&#148; (Zurm\u00fchl 1995: 20). Der koloniale Blick zeigte sich hier im linearen Geschichtsbild einer Entwicklung von einer traditionellen Welt hin zur Moderne. Vergessen wurden beim Diktum der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der Entwicklungsl\u00e4nder die Sch\u00e4den, die \u00fcberhaupt erst der Imperialismus in den Kolonien hinterlassen hatte: eine durch Sklavenhandel, Monokultur-Plantagenwirtschaft und Verweigerung der Herrschaftsteilhabe deformierte Gesellschaft.<\/p>\n<h5><span id=\"antikommunismus-als-legitimationshilfe-der-entwicklungspolitik\">Antikom&shy;mu&shy;nismus als Legiti&shy;ma&shy;ti&shy;ons&shy;hilfe der Entwick&shy;lungs&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Die Idee der amerikanischen Entwicklungshilfe war ganz der antikommunistischen Eind\u00e4mmung (containment) verpflichtet, wie Pr\u00e4sident Truman am 20. Januar 1949 in seiner Inaugurationsrede betonte. Aus deren viertem Gliederungspunkt ging sp\u00e4ter das Punkt-IV-Programm hervor, jenes Urkonzept der amerikanischen Entwicklungshilfe, das einem technisch-wirtschaftlichen Hilfsprogramm f\u00fcr unterentwickelte L\u00e4nder zur St\u00e4rkung gegen\u00fcber dem Kommunismus entsprach. Entwicklungshilfe sollte dazu dienen, die aus der Kolonialherrschaft entlassenen neuen Staaten nicht in die H\u00e4nde des Kommunismus fallen zu lassen. Diese \u00c4ngste waren auch auf deutscher Seite vertreten und durchaus nicht unbegr\u00fcndet. Seitens des Westens musste nicht nur die bereits geleistete und \u00f6ffentlichkeitswirksam vermarktete Entwicklungshilfe der UdSSR und die schnelle Bereitstellung der Mittel durch die UdSSR als Gefahr erscheinen, sondern auch die Tatsache, dass die UdSSR sich als Vork\u00e4mpferin des Antikolonialismus und Verteidigerin der Unabh\u00e4ngigkeit dieser L\u00e4nder darstellte (Fritz 1962: 34). Zudem konnte sie sich aufgrund der eigenen Wiederaufbauleistung nach 1945 und der raschen, wenn-gleich unter gro\u00dfen Opfern vollzogenen Industrialisierung im eigenen Land in den 1930er Jahren als Beispiel f\u00fcr die Entwicklungsbestrebungen der Staaten der Dritten Welt darstellen.<\/p>\n<p>Hier bestand also Handlungsbedarf. Das Aufeinandertreffen von Bev\u00f6lkerungswachstum, Hunger, Armut und Kommunismus weckte auch in Deutschland \u00c4ngste: Deutschland m\u00fcsse sich in der Entwicklungshilfe engagieren, so Gerhard Fritz (CDU), der stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses f\u00fcr Entwicklungshilfe: &#132;Je-de Art Isolationismus in der Entwicklungspolitik w\u00e4re unrealistisch und gef\u00e4hrlich. Es darf nicht zu einem Klassenkampf der V\u00f6lker kommen, in dem wir in wenigen Jahrzehnten alle unterzugehen drohen. [&#8230;] In jenen D\u00f6rfern in Asien und Afrika entscheidet sich letzten Endes auch unser deutscher Schicksal, auch das Schicksal jener Menschen, die in der Ostzone noch nicht in Freiheit leben k\u00f6nnen.&#148; (Fritz 1962: 4) Die Dritte Welt werde zum Schicksalspendel in der &#132;weltpolitischen Auseinandersetzung&#148;; davon waren viele Autoren \u00fcberzeugt. Der Antikommunismus war jedoch in den USA ein viel st\u00e4rkeres Motiv f\u00fcr die Entwicklungshilfe als in Deutschland (Holbik\/Myers 1968: 37f.). Der Ost-West-Konflikt wurde in Deutschlands haupts\u00e4chlich in seiner Dimension der deutschen Spaltung wahrgenommen. Von einer Pflege guter Beziehungen zu den Entwicklungsl\u00e4ndern versprach man sich also das Wohlwollen in der Deutschlandfrage. Angesichts der zunehmenden Zahl unabh\u00e4ngiger Staat im Zuge der Entkolonialisierung war die Meinung verbreitet, dass eines Tages die Entwicklungsl\u00e4nder mit ihrer zunehmende Stimmenzahl in der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine m\u00f6gliche L\u00f6sung der deutschen Frage \u00fcber die UNO entscheidend beeinflussen w\u00fcrden (vgl. Fritz 1962: 8).<\/p>\n<h5><span id=\"die-verselbstaendigung-der-entwicklungspolitik-in-den-1960er-jahren\">Die Verselb&shy;st&auml;n&shy;di&shy;gung der Entwick&shy;lungs&shy;po&shy;litik in den 1960er Jahren<\/span><\/h5>\n<p>Auch unter dem Aspekt Ost-West-Konflikt kann Mitte der 1960er Jahre von einem Scheitern der Entwicklungshilfe gesprochen werden. Der Wettlauf um die Gunst der Entwicklungsl\u00e4nder f\u00fchrte dazu, dass diese versuchten, Ost und West gegeneinander auszuspielen. Falsche Hoffnungen auf Dankbarkeit f\u00fchrten genauso zu Entt\u00e4uschung in Deutschland wie die Einsicht, dass die politischen Einflussm\u00f6glichkeiten der Entwicklungsl\u00e4nder doch beschr\u00e4nkter waren, als urspr\u00fcnglich geglaubt; in der UNO jedenfalls w\u00fcrde es keine Abstimmung \u00fcber eine deutsche Wiedervereinigung geben. Ullrich Damm, der 1965 in seiner Dissertation ausl\u00e4ndische Presseartikel zur deutschen Entwicklungshilfe auswertete, sprach von einer &#132;sp\u00fcrbare[n) \u00dcbersch\u00e4tzung&#148; der politischen Einflussm\u00f6glichkeiten der Entwicklungsl\u00e4nder in der Bundesrepublik (Damm 1965: 146). Deutschland war eben nur ein Geberland. Auch andere Faktoren wirkten auf diese L\u00e4nder, nicht nur die deutsche Entwicklungshilfe. Die deutsche Spaltung war fern und auch nicht einmalig; man denke an Vietnam, Korea oder China. Sp\u00e4testens mit der Krise der deutschen Nahostpolitik 1965, als der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, in \u00c4gypten offiziell empfangen wurde, war die Unwirksamkeit der Halbsteindoktrin deutlich geworden (Jetzlsperger 2001). Die Entwicklungshilfe wurde als untaugliches Mittel der Deutschlandpolitik erkannt und konnte sich damit weiter zu einem freien, eigenst\u00e4ndigen Politikfeld entwickeln.<\/p>\n<p>Dieser Prozess verlief in seiner praktischen Umsetzung \u00fcber mehrere Jahre. Noch 1962\/1963 waren in 15 Bundesministerien 225 Referate zumindest am Rande mit Entwicklungsfragen besch\u00e4ftigt; schwerpunktm\u00e4\u00dfig arbeiteten davon &#150; neben dem BMZ &#150; allerdings nur 19 Referate auf dem Gebiet der Entwicklungspolitik (Dennert 1968: 44). Der Mitarbeiterstamm des BMZ wuchs daneben von Jahr zu Jahr.<\/p>\n<p>Jedoch erhielt das BMZ nur allm\u00e4hlich vollst\u00e4ndige Sachkompetenzen: 1964 bekam es die Verantwortung f\u00fcr technische Zusammenarbeit, erst 1972 f\u00fcr Kapitalhilfe. Die finanziellen Leistungen der Bundesrepublik waren Anfang der 1960er Jahre bereits betr\u00e4chtlich. Die Bundesrepublik erreichte damit das Niveau Frankreichs und Gro\u00dfbritanniens, ohne jedoch jemals die von den Vereinten Nationen geforderten 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts als Entwicklungshilfe einzusetzen (Schulz 1995: 95f.).<\/p>\n<p>In absoluten Zahlen flossen im Verlauf der 1950er und 1960er Jahre die h\u00f6chsten deutschen Leistungen nach Indien. Bis 1968 half die Bundesregierung dem Land mit bilateralen Kapitalhilfen in einer Gesamth\u00f6he von 2.874 Mrd. DM. Das ist dreimal soviel wie die Summe, die das n\u00e4chstgr\u00f6\u00dfte Empf\u00e4ngerland Pakistan in diesem Zeitraum erhielt (914 Mio. DM), zw\u00f6lfmal soviel, wie an \u00c4gypten, dem wichtigsten afrikanischen Empf\u00e4ngerland, ausgezahlt wurde (230 Mio. DM) (Kruse-Rodenacker\/Dumke 1970: 109). Allein 1962 betrug die deutsche Entwicklungshilfe f\u00fcr Indien 54,1 Mio. US-Dollar, also 15,6 Prozent der deutschen bilateralen, \u00f6ffentlichen Hilfe; 1963 44,2 Mio. US-Dollar, was einem Anteil von 11,1 Prozent entsprach (vgl. OECD 1965: 98). Die Bundesrepublik rangierte hinsichtlich der bis Ende 1961 tats\u00e4chlich ausgezahlten Leistungen an Indien unter den Geberl\u00e4ndern an zweiter Stelle, hinter den USA und noch vor der Sowjetunion und Gro\u00dfbritannien (vgl. Holbik\/Myers 1986: 115ff., bes. 116).<\/p>\n<p>Der Charakter der bundesdeutschen Entwicklungspolitik ver\u00e4nderte sich in den 1960er Jahren auch inhaltlich. Mit dem Ende der Halbstein-Doktrin wurde die &#132;Gie\u00dfkannenpolitik&#148;, die bisher die Entwicklungshilfevergabe pr\u00e4gte, zugunsten einer Schwerpunktbildung aufgegeben. Zudem r\u00fcckte die Entwicklungspolitik des BMZ als Konsequenz von gescheiterten Gro\u00dfprojekten und Entwicklungshilferuinen zunehmend den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Bem\u00fchungen. Es wurde versucht, zun\u00e4chst ein-mal die unmittelbaren Grundbed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung der \u00e4rmsten Staaten zu stillen.<\/p>\n<p>Hilfe zur Selbsthilfe durch Ausbildung und technische Hilfe zur Nahrungsversorgung sollten helfen, die sozialen Faktoren des Entwicklungsprozesses zu ber\u00fccksichtigen. Hier liegen die Wurzeln der sp\u00e4ter vom sozialdemokratischen Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler propagierten weltweiten Sozialpolitik.<\/p>\n<p>[1] Dieser wirtschaftsliberale Grundsatz sollte auch sp\u00e4ter in der westdeutschen Entwicklungshilfe gelten. Die Bundesregierung sah Entwicklungshilfe bis 1960 als privatwirtschaftliche Aufgabe an. Der Staat sollte den Au\u00dfenhandel nur durch F\u00f6rderungsma\u00dfnahmen unterst\u00fctzen.<br \/>[2] Die nach dem Staatssekret\u00e4r im Ausw\u00e4rtigen Amt und sp\u00e4teren EWG-Kommissionspr\u00e4sidenten Walter Hallstein benannte Doktrin drohte damit, dass die Bundesrepublik bei Anerkennung der v\u00f6lkerrechtlichen Souver\u00e4nit\u00e4t der DDR durch einen dritten Staat ihre diplomatischen Beziehungen zu diesem Staat abbrechen w\u00fcrde.<br \/>[3] Helga und Dieter Danckwortt zeigen, dass die publizistische Auseinandersetzung mit Fragen Entwicklungshilfe in den 1950er Jahren in Deutschland minimal war (vgl. Danckwortt 1960: 4). Der Bundestagsabgeordnete Deist (SPD) wies am 22. Juni 1960 im Plenum darauf hin, dass der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit das Thema Entwicklungshilfe nur unzureichend bekannt sei. Der Parlamentarier Kalbitzer (SPD) vermutete am 5. Mai 1961 ebenfalls im Bundestag, dass die \u00d6ffentlichkeit in ihrer Funktion als Steuerzahler nur an den finanziellen Konsequenzen der Entwicklungshilfe interessiert sei (vgl. Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit 1976: 8, 20)<br \/>[4] Gro\u00dfbritannien und Frankreich bezogen in die Zahlenangaben auch die Mittel f\u00fcr ihre Kolonien sowie f\u00fcr die franz\u00f6sischen \u00dcberseedepartements mit ein. Deshalb sind die franz\u00f6sischen Betr\u00e4ge in den Tabellen 2-4 so hoch.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Adelmann, Karin 1999: 40 Jahre DSE. Von der Entkolonialisierung zur Personellen Zusammenarbeit; in: E+Z &#150; Entwicklung und Zusammenarbeit, Nr. 7\/8, Juli\/August<br \/>Apthorpe, Raymond 1971: The new Generalism: Four Phases in development studies in the First U.N. Development Decade, in: Development and Change, Vol. III, Nr. 1, S. S. 62-73<br \/>Bodemer, Klaus 1974: Entwicklungshilfe &#150; Politik f\u00fcr wen? Ideologie und Vergabepraxis der deutschen Entwicklungshilfe in der ersten Dekade, M\u00fcnchen<br \/>Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit 1976: Entwicklungspolitik Materialen, Nr. 57, Bonn<br \/>Damm, Ulrich 1965: Die Bundesrepublik Deutschland und die Entwicklungsl\u00e4nder, Genf<br \/>Danckwortt, Helga und Dieter 1960: Entwicklungshilfe-Entwicklungsl\u00e4nder. Ein Verzeichnis von Publikationen in der Bundesrepublik Deutschland und Westberlin 1950-1959, K\u00f6ln<br \/>Danckwortt, Dieter 1962: Zur Psychologie der deutschen Entwicklungshilfe. Eine Analyse von Meinungen, Motiven und Gef\u00fchlen um die deutsche Entwicklungshilfe, hg. von der Carl Duisberg-Gesellschaft, Baden-Baden\/Bonn<br \/>Dennert, J\u00fcrgen 1968: Entwicklungshilfe, geplant oder verwaltet, Bielefeld<br \/>Fritz, Gerhard 1962: Entwicklungspolitik als Aufgabe. Grunds\u00e4tze &#150; Ma\u00dfnahmen &#150; Vorschl\u00e4ge, 3. Aufl., Bonn<br \/>Heidermann, Ingrid 1969: Neokolonialismus oder Wirtschaftshilfe in Afrika, Bonn<br \/>Hentschel, Volker 1996: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben, M\u00fcnchen<br \/>Holbik, KareUMyers, Henry Allan 1968: West German Foreign Aid 1956-1966, Boston<br \/>Jetzlsperger, Christian 2001: Die Emanzipation der Entwicklungspolitik von der Hallstein-Doktrin. Die<br \/>Krise der deutschen Nahostpolitik von 1965, die Entwicklungspolitik und der Ost-West-Konflikt;<br \/>in: Historisches Jahrbuch 121, S. 320-366<br \/>Koerfer, Daniel 1987: Kampf ums Kanzleramt. Erhard und Adenauer, Stuttgart<br \/>Kruse-Rodenacker, Albrecht\/Dumke, Horst 1970: Kapitalhilfe. Untersuchungen zur bilateralen Kapitalhilfe im Rahmen \u00f6ffentlicher Leistungen (Ver\u00f6ffentlichungen des Instituts f\u00fcr Empirische Wirtschaftsforschung, Bd. 5), Berlin<br \/>Organisation f\u00fcr Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD 1965: Finanzielle Leistungen an Entwicklungsl\u00e4nder 1956-1963. Deutsche \u00dcbersetzung ver\u00f6ffentlicht vom Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft, Bonn<br \/>Schmidt, Heide-Irene 2003: Pushed to the front: The foreign Assistance Policy of the Federal Republic of Germany,1958-1971; in: Contemporary European History 12, H. 4, S. 473-507<br \/>Schulz, Brigitte H. 1995: Development Policy in the Cold War Era. The two Germanies and Sub-Saharan Africa,1960-1985, (Die DDR und die Dritte Welt, Bd. 3), M\u00fcnster<br \/>Vogel, Rudolf 1982: Die Entstehung der Hilfe f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder und die Gr\u00fcndung der Deutschen Stiftung f\u00fcr Entwicklungshilfe 1959, Melle<br \/>Ziai, Aram 2004: Imperiale Repr\u00e4sentationen. Vom kolonialen zum Entwicklungsdiskurs; in: iz3w, Nr. 276 (April\/Mai), 5.15-18<br \/>Zurm\u00fchl, Ute 1995: Der &#132;koloniale Blick&#148; im entwicklungspolitischen Diskurs. Welt-Bilder und Bilder-Welten in der Entwicklungszusammenarbeit, Saarbr\u00fccken<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2315],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12015","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hendrik-grote","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungspolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungspolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Voraussetzungen, Strukturen und Mentalit\u00e4ten der bundesdeutschen Entwicklungshilfe 1949-1961 aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S 24-35 In den 1950er Jahren setzte in allen Industriel\u00e4ndern die intensive Besch\u00e4ftigung mit der wirtschaftlichen Entwicklung von rohstoffreichen, aber kapital armen L\u00e4ndern ein &#150; mit L\u00e4ndern, die h\u00e4ufig gerade aus der Kolonialherrschaft entlassenen worden waren oder zumindest kurz [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"22\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\\\/\",\"name\":\"Von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungspolitik - Humanistische Union\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\"},\"datePublished\":\"2004-06-16T19:00:00+00:00\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\\\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\\\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/von-der-entwicklungshilfe-zur-entwicklungspolitik\\\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Publikationen\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"vorg\u00e4nge\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":3,\"name\":\"vorg\u00e4nge Nr. 166: Nord-S\u00fcd-Konflikt oder Eine Welt? 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