{"id":12016,"date":"2004-06-16T19:30:00","date_gmt":"2004-06-16T17:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zukunftstraeume-und-alltaegliche-not\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"zukunftstraeume-und-alltaegliche-not","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/zukunftstraeume-und-alltaegliche-not\/","title":{"rendered":"Zukunftstr\u00e4ume und allt\u00e4gliche Not"},"content":{"rendered":"<p>Live-In-Maids in Singapur und die Feminisierung der Arbeitsmigration<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004) , S.36-41<\/p>\n<p>Aufgrund des immensen Arm-Reich-Gef\u00e4lles zwischen Nord und S\u00fcd wird Arbeitsmigration zu einer L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr viele Menschen, um der Not in ihrem Land zu entfliehen und gleichzeitig f\u00fcr ihre zur\u00fcckgebliebenen Familienangeh\u00f6rigen zu sorgen. Die in die Heimat flie\u00dfenden Geldstr\u00f6me sorgen dabei nicht nur f\u00fcr eine Besserstellung des Migranten und seiner Familie, sondern auch die \u00d6konomien der Sender- und Empf\u00e4ngerl\u00e4nder profitieren davon.<\/p>\n<p>Insbesondere seit den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts stellen Frauen den Gro\u00dfteil der Arbeitsmigranten. Sie verlassen ihre Heimatl\u00e4nder, um in den Industrienationen dieser Welt die L\u00fccken im sogenannten reproduktiven Sektor zu schlie\u00dfen. \u00c4hnlich wie in Deutschland, wo sehr viele Frauen Probleme mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie haben und wo die Kinderbetreuungsm\u00f6glichkeiten h\u00e4ufig selbst organisiert werden m\u00fcssen, besteht auch in S\u00fcdostasien ein sehr gro\u00dfer Bedarf an Frauen, die bereit sind, gegen Bezahlung Hausarbeit zu leisten. Obwohl es je nach Region Unterschiede bez\u00fcglich der Art von weiblicher Arbeitsmigration gibt, sind die Beweggr\u00fcnde und Probleme der Frauen, die zum Arbeiten in ein fremdes Land gehen, \u00e4hnlich. Daher kann man die Situation von Hausangestellten in Singapur exemplarisch f\u00fcr die Situation dieser Gruppe in vielen anderen Regionen untersuchen. Singapur bietet als gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftsmacht der Region vielen Frauen in S\u00fcdostasien die M\u00f6glichkeit, Arbeit im reproduktiven Sektor zu finden: Jeder achte Haushalt dort hat mittlerweile eine Hausangestellte, da viele Bewohner Singapurs das als Notwendigkeit betrachten. Im Folgenden soll auf die Situation der Hausangestellten in Singapur eingegangen werden: Wie sch\u00e4tzen sie selbst ihre Situation ein? Warum sind sie in Singapur? Was sind ihre Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft?[1]<\/p>\n<h5><span id=\"gruende-fuer-die-arbeitsmigration\">Gr&uuml;nde f&uuml;r die Arbeits&shy;mi&shy;gra&shy;tion<\/span><\/h5>\n<p>Die Motivation, in einem fremden Land nach Arbeit zu suchen, speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Auf der einen Seite gibt es so genannte Push-Faktoren, zumeist die schlechte wirtschaftliche Lage im Heimatland; auf der anderen Seite stehen die Pull-Faktoren: die M\u00f6glichkeit, woanders Arbeit zu finden oder mehr Geld zu verdienen als im Heimatland und gleichzeitig dort den Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften zu befriedigen. So sind mehr als 90 Prozent der Hausangestellten in Singapur aus finanziellen Gr\u00fcnden dorthin gegangen. Oftmals h\u00e4ngen von dem Gehalt dieser Frauen deren Familienmitglieder ab. Sind es nicht die Kinder und der Ehemann, die sie zu unterst\u00fctzen versuchen, so erm\u00f6glichen sie ihrem Bruder oder der Schwester eine Ausbildung. In einigen L\u00e4ndern, beispielsweise auf den Philippinen, ist es mittlerweile vollkommen normal, dass die Frauen diejenigen sind, die im Ausland arbeiten und das Geld nach Hause schicken und nicht die M\u00e4nner. Hier ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch; viele Frauen sehen daher nur im Ausland die M\u00f6glichkeit, Arbeit zu finden oder ein ausreichendes Gehalt zu verdienen. Das trifft selbst gut ausgebildete Frauen: 42,6 Prozent der in Singapur lebenden Hausangestellten haben einen College oder Universit\u00e4tsabschluss &#8211; gemeinhin k\u00f6nnte man annehmen, dass derart qualifizierten Frauen in ihren Heimatl\u00e4ndern mehr T\u00fcren offen st\u00fcnden. Doch das ist kaum der Fall (vgl. Huang\/Yeoh 1999: 281).<\/p>\n<p>Da in den Heimatl\u00e4ndern mittlerweile ganze Branchen von den Geh\u00e4ltern der Frauen abh\u00e4ngen &#8211; beispielsweise Vermittlungsagenturen oder Banken, die sich dar-auf spezialisiert haben, die Gelder zwischen den Staaten zu transferieren &#151;, werden beispielsweise philippinische Frauen, die im Ausland als Hausangestellte arbeiten, als Nationalheldinnen betrachtet. Durch ihre Arbeit im Ausland sind diese Frauen in der Lage, ihre Rolle als verantwortungsvolle T\u00f6chter, die die Familie unterst\u00fctzen, zu er-f\u00fcllen und dadurch Anerkennung zu erhalten. Auch aufgrund dieser allgemeinen Anerkennung wird Arbeitsmigration f\u00fcr viele junge Frauen zu einer denkbaren Option. Die Senderl\u00e4nder sehen dabei im weiteren &#132;Export&#148; von Frauen eine gute M\u00f6glichkeit, die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Das f\u00fchrt jedoch zu einer anderen Art des brain drain: Weder dem Staat noch der Gesellschaft ist unter diesen Umst\u00e4nden sonderlich daran gelegen, junge M\u00e4dchen gut auszubilden, wenn sie sp\u00e4ter ohnehin nur als Hausangestellte arbeiten.<\/p>\n<p>Arbeitsmigration hat jedoch nicht nur finanzielle Ursachen. Der Fortgang aus dem Heimatland wird oft zur pers\u00f6nlichen Probleml\u00f6sung benutzt. F\u00fcr viele Frauen ist es die M\u00f6glichkeit, aus einer schlecht funktionierenden Beziehung oder vor einem gewaltt\u00e4tigen Ehemann zu fliehen. Nat\u00fcrlich bietet die T\u00e4tigkeit im Ausland aber auch die M\u00f6glichkeit, fremde Kulturen kennen zu lernen, pers\u00f6nliche Freiheit zu erleben: einen Hauch von Abenteuer und die Erf\u00fcllung bestimmter Tr\u00e4ume. So sagte eine der in Singapur arbeitenden Filipinas auf die Frage nach ihren Beweggr\u00fcnden: &#132;Ich kann etwas von der Welt sehen und ich wollte mal auf mich gestellt sein. Wenn ich genug Geld verdient habe, m\u00f6chte ich in Manila einen Computer-Shop aufmachen, mit Computern kenne ich mich gut aus.&#148; Es gibt also durchaus vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde f\u00fcr Migration.<\/p>\n<h5><span id=\"das-leben-der-maids-in-singapur\">Das Leben der Maids in Singapur<\/span><\/h5>\n<p>Der Gro\u00dfteil der nach Singapur kommenden Frauen wird von der Realit\u00e4t des Arbeitslebens eingeholt. Denn zus\u00e4tzlich zum Kulturschock und zur Trennung von der Familie kommen die Statusprobleme, die aus dem neuen Dasein als Hausangestellte oder aus dem Arbeitsverh\u00e4ltnis resultieren. Da die Hausangestellten &#8211; wie hierzulande die Au-pair-M\u00e4dchen &#151; in Singapur \u00fcblicherweise auch bei ihrem Arbeitgeber wohnen, haben sie selten ein Privatleben und \u00e4u\u00dferst wenig Freizeit. Das in Singapur f\u00fcr die Hausangestellten zust\u00e4ndige Ministerium (Ministry of Manpower) erachtet es nicht f\u00fcr notwendig, dass die Hausangestellte ein eigenes Zimmer bekommt, r\u00e4t jedoch von einer Unterbringung in einem Raum mit einem m\u00e4nnlichen Erwachsenen ab. Der Arbeitgeber sollte auch ein Bett mit Matratze bereitstellen, ebenso eine Decke, sowie Handt\u00fccher und Waschgelegenheiten. Gleichzeitig f\u00fchrt das Ministerium in seiner Brosch\u00fcre Beispiele unzul\u00e4nglicher Unterbringung an, wie die Bereitstellung einer Couch im Flur oder im Wohnzimmer als Schlafgelegenheit (vgl. Ministry of Manpower 2002: 3f.). Prinzipiell jedoch sind die Arbeitsbedingungen zwischen Hausangestellter und Arbeitgeber frei verhandelbar; der Staat schreibt keine einzuhaltenden Mindestbedingungen bez\u00fcglich Lohnh\u00f6he, Arbeitszeit, Freizeit etc. vor.<\/p>\n<p>So wundert es nicht, dass es trotz der Ratschl\u00e4ge des Ministeriums Maids gibt, die nur in diversen Ecken des Hauses eine Schlafm\u00f6glichkeit gefunden haben, sei es im Flur, Wohnzimmer, in der K\u00fcche, auf dem Balkon oder sogar im Badezimmer. Dies ist bei etwas \u00fcber 4 Prozent der Frauen der Fall (vgl. Constable 1997: 133). Die Mehrheit der Hausangestellten verf\u00fcgt zwar \u00fcber ein eigenes Zimmer, welches aber oft im Gegensatz zum Rest der Wohnung sehr klein ist und weder Fenster noch Klimaanlage besitzt.<\/p>\n<p>Auch sonst sind die Arbeitsbedingungen der Maids durch die r\u00e4umliche N\u00e4he zum Arbeitgeber diktiert. Da die Arbeitgeberfamilie f\u00fcr die Hausangestellte haftet und vor der Einstellung eine Sicherheitseinlage in H\u00f6he von 5.000 Singapur-Dollar hinterlegen muss, hat der Arbeitgeber ein gro\u00dfes Interesse daran, jeden Schritt seiner Angestellten auch in deren Freizeit zu kontrollieren: Schlie\u00dflich m\u00f6chte er sein Geld nicht verlieren und sich nicht strafbar machen. Somit bekommen die Hausangestellten eher selten die M\u00f6glichkeit, das Haus zu verlassen; ihre Arbeitszeit \u00fcbersteigt ihre Freizeit bei weitem. Die meisten Hausangestellten arbeiten zwischen 12 und 16 Stunden am Tag und haben einen Tag im Monat frei (31,5 Prozent). 28,4 Prozent haben niemals frei, 19,1 Prozent haben zwei arbeitsfreie Tage im Monat und nur 10,5 Prozent der Frauen haben einmal w\u00f6chentlich frei. Der Rest hat entweder sporadisch einen Tag frei, z.B. an Feiertagen (8,6 Prozent) oder kann \u00fcber mehr als einen arbeitsfreien Tag in der Woche verf\u00fcgen (1,9 Prozent) (vgl. Huang\/Yeoh 1998: 588ff.).<\/p>\n<p>Es liegt in der Natur ihrer T\u00e4tigkeit, dass die Arbeit der Hausangestellten als selbst-verst\u00e4ndlich und auch als &#132;Nicht-Arbeit&#148; angesehen wird. Das f\u00fchrt dazu, dass den meisten von ihnen ein immenses t\u00e4gliches Arbeitspensum aufgeb\u00fcrdet wird; dadurch wird die Arbeitszeit oft l\u00e4nger als urspr\u00fcnglich vereinbart. Art und\/oder H\u00e4ufigkeit der Auf-gaben lassen die T\u00e4tigkeiten zu einer Arbeit werden, die sich Arbeitgeberin und Arbeitgeber kaum selbst zumuten w\u00fcrden. So geh\u00f6rt es bei den meisten der Dienstm\u00e4dchen zu den t\u00e4glichen Aufgaben, das gesamte Haus oder die Wohnung zu putzen, das Essen zu bereiten, auf die Kinder aufzupassen, abzuwaschen, die W\u00e4sche zu waschen usw. Auch ist der mit der Hausarbeit verbundene Status sehr niedrig, so dass die Gesellschaft Singapurs auf die Hausm\u00e4dchen herabsieht. Zus\u00e4tzlich ist das Arbeitsverh\u00e4ltnis gleichzeitig ein Machtverh\u00e4ltnis, bei dem die Pole klar erkennbar sind. Dieser Doppelcharakter kann zu Problemen in der Arbeitsbeziehung f\u00fchren, erleichtert zudem Missbrauch bzw. hilft, diesen zu verschleiern. Obwohl die wenigsten Hausangestellten Singapurs selbst Opfer von Gewalttaten sind, wurden im Laufe der Jahre viele F\u00e4lle von Missbrauch in den Singapurer Tageszeitungen ver\u00f6ffentlicht. Hierbei reichen die F\u00e4lle von Schl\u00e4gen, Verbrennungen \u00fcber Vergewaltigung und massiver Folter bis hin zum Mord. Leider ist anzunehmen, dass diese Ver\u00f6ffentlichungen nur die Spitze des Eisberges darstellen: wenn man mit Hausangestellten in Singapur spricht, hat fast jede die Leidensgeschichte einer Freundin oder Bekannten zu erz\u00e4hlen. Viele der Opfer wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, oder haben Angst, ihren Job zu verlieren. Daher schweigen sie den Beh\u00f6rden gegen\u00fcber und suchen lieber Rat und Trost bei ihren Kolleginnen.<\/p>\n<p>Auch aufgrund dieser kursierenden Geschichten haben die meisten der Frauen, mit denen ich sprach, das Gef\u00fchl, sie w\u00fcrden als Gruppe insgesamt sehr schlecht behandelt und von den anderen Einwohner Singapurs diskriminiert: &#132;Manche Singapurer sehen auf uns herab, [&#8230;] sie halten uns f\u00fcr ungelernte Arbeiter, dabei haben wir auch einen Abschluss. [&#8230;]Manche behandeln uns nicht wie Menschen, sondern wie Tiere.&#148; (Sara, 25 Jahre, von den Philippinen)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es nicht jeder Frau, die in Singapur als Hausangestellte arbeitet, schlecht. So sagt z.B. Adriana, eine 26j\u00e4hrige Filipina: &#132;Es geht mir eigentlich ganz gut hier. Ich verstehe mich gut mit der Familie, f\u00fcr die ich arbeite. Nat\u00fcrlich gibt es ab und zu Probleme, aber die hat man in jeder Arbeitsbeziehung.&#148;<\/p>\n<p>Fragt man auf der anderen Seite, was die Arbeitgeber von den Maids halten, bekommt man viele Vorurteile zu h\u00f6ren: Die Maids seien schuld an h\u00f6heren HIV-Raten und verantwortlich f\u00fcr auseinander brechende Ehen, da sie versuchten, die M\u00e4nner zu verf\u00fchren, so lautet ein g\u00e4ngiger Topos. Eine deutsche Arbeitgeberin in Singapur, die eine 33j\u00e4hrige Filipina besch\u00e4ftigt, erz\u00e4hlte, dass viele Maids mit Dieben zusammenarbeiten w\u00fcrden und ihre letzte Angestellte ein &#132;wahres Fr\u00fcchtchen&#148; gewesen sei. So h\u00e4tte sie in ihrem Zimmer pornographische Videos gefunden und sie sei sich sicher, dass die Hausangestellte an ihren arbeitsfreien Tagen als Prostituierte gearbeitet h\u00e4tte, deshalb h\u00e4tte sie die Maid zur\u00fcckgeschickt. Dieses Ger\u00fccht begegnet einem sehr h\u00e4ufig. In Einzelf\u00e4llen mag es tats\u00e4chlich so sein, dass Maids wirklich nebenbei der Prostitution nachgehen &#8211; vermutlich haben aber die meisten von ihnen nicht einmal die Zeit dazu.<\/p>\n<h5><span id=\"der-traum-vom-leben-danach\">Der Traum vom Leben danach<\/span><\/h5>\n<p>Den Frauen, die in Singapur als Maids leben, ist ihre Situation bewusst. Sie sagen klar, dass sie gerne mehr Rechte h\u00e4tten, insbesondere Mindeststandards f\u00fcr ihre Arbeitsbedingungen. F\u00fcr viele ist die Zeit in Singapur ein Opfer, das sie bringen, um ihre Familie daheim zu unterst\u00fctzen. Dennoch haben sie Tr\u00e4ume, die sie nach Ablauf des Arbeitsvertrages verwirklichen m\u00f6chten. Normalerweise wollen die Frauen nur zwei Jahre in Singapur arbeiten, um danach einer anderen Besch\u00e4ftigung nachzugehen, eine Familie zu gr\u00fcnden oder in einem anderen Land zu arbeiten. Jedoch bleiben die meisten sehr viel l\u00e4nger, da sie nicht so viel wie erhofft verdient haben oder ihre Familie l\u00e4nger unterst\u00fctzt werden muss, als zuerst gedacht. Trotzdem wird die Zeit in Singapur nur als ein kurzer Lebensabschnitt gesehen, ein Schritt auf dem Weg zum Ziel &#8211; zweifellos eine psychologische Strategie, um mit ihrer komplizierten Situation fertig zu werden. Die Tr\u00e4ume, die sich die Frauen erf\u00fcllen m\u00f6chten, helfen \u00fcber die entbehrungsreiche Zeit in Singapur hinweg. Elma, 33j\u00e4hrige Philippinin und seit 5 Jahren in Singapur, wollte eigentlich auch nur zwei Jahre in Singapur bleiben. Doch ihre Mutter erkrankte zwischen-zeitlich an Krebs und die notwendige Operation musste bezahlt werden. Also blieb Elma l\u00e4nger in Singapur. Wenn ihre Zeit dort vorbei ist, w\u00fcrde sie gerne nach Kanada ziehen. &#132;Wenn es m\u00f6glich ist, werde ich nach Kanada gehen, wenn meine Zeit hier um ist. [&#8230;] Ich tr\u00e4ume von Kanada. Die beste Freundin meiner Mutter lebt dort. Ich tr\u00e4ume, dass ich verheiratet bin, einen Ehemann habe, einen guten Mann. Auch wenn er nicht reich ist, so lange er mich wie einen Menschen behandelt. Jemand mit dem man nicht nur streitet. Aber bis jetzt habe ich noch keinen gefunden. Ich m\u00f6chte nach Kanada, dort verdient man mehr. Und wenn man l\u00e4nger als zwei Jahre bleibt, kann man dort bleiben. Dann kann mein Vater nachkommen.&#148; Elmas Mutter ist zwischenzeitlich verstorben und sie m\u00f6chte nicht, dass ihr Vater einsam ist. Gleichzeitig sehnt sie sich da-nach, wieder integriert zu sein in eine Gesellschaft, in der sie lebt &#8211; denn das ist sie in Singapur nicht. Kanada scheint f\u00fcr viele der Maids das Land ihrer Tr\u00e4ume zu sein. Und sei es nur, weil sie schon immer Schnee sehen wollten.<\/p>\n<p>Andere dagegen m\u00f6chten zur\u00fcck in ihr Heimatland, wieder bei der Familie leben und sich vielleicht selbstst\u00e4ndig machen. Alle jedoch, mit denen ich sprach, malen sich ihre Zukunft in schillernden Farben aus.<\/p>\n<h5><span id=\"aufklaerung-als-erste-hilfe-fuer-die-frauen\">Aufkl&auml;rung als erste Hilfe f&uuml;r die Frauen<\/span><\/h5>\n<p>Die wenigsten Frauen, die nach Singapur kamen, um als Hausangestellte zu arbeiten, waren sich \u00fcber die Bedeutung dieses Schrittes im Klaren. Der Kulturschock, die Trennung von den Freunden und der Familie, das unbekannte Essen, eine andere Sprache, keine Privatsph\u00e4re und wenig Freizeit: diesen Problemen sehen sich wohl alle neu ein-getroffenen Hausangestellten gegen\u00fcber. Viele w\u00fcrden ihre Situation gerne verbessern, k\u00f6nnen aber kaum Einfluss darauf aus\u00fcben. Was ihre Unterbringung und die Arbeitsbedingungen angeht, so sind sie auf den Arbeitgeber angewiesen. Da es keine Mindeststandards gibt und das Angebot an arbeitswilligen Frauen gro\u00df ist, k\u00f6nnen die Arbeitgeber die Bedingungen diktieren. In Singapur d\u00fcrfen sich die Maids nicht gewerkschaftlich organisieren; sie haben keine Lobby, welche ihre Interessen vertreten k\u00f6nnte. Politisch aktive Gruppen werden in Singapur von der Regierung nicht nur kritisch beobachtet, sondern auch systematisch verfolgt und zerschlagen. Auch die katholische Kirche ist deshalb nicht in der Lage, sich politisch f\u00fcr die Rechte ihrer Gemeindemitglieder unter den Migrantinnen einzusetzen; den Frauen hilft sie daher vorwiegend durch Freizeitangebote, Bibelgruppen und im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Prinzipiell m\u00fcsste jeder Staat, der Arbeitsmigranten empf\u00e4ngt, die von der UNO 1999 vorgelegten &#132;Rechte f\u00fcr Migranten&#148; (Human Rights resolution 1999\/44 vom 27. April 1999) ratifizieren. Aber das bleibt Wunschdenken. Aufgrund der zunehmenden Missbrauchsf\u00e4lle in Singapur entsteht zwar bei der dortigen Regierung ein Problembewusstsein, sie ist aber immer noch nicht dazu bereit, die Rechte der Frauen gesetzlich zu verankern. Was bleiben somit f\u00fcr M\u00f6glichkeiten? Der einzige realistische Schutz f\u00fcr die Frauen ist die rechtzeitige Aufkl\u00e4rung. Sie m\u00fcssen vor ihrer Ankunft in Singapur wissen, worauf sie sich einlassen und welche Probleme auftreten k\u00f6nnten. Sie m\u00fcssen Ansprechpartner kennen, falls ihnen etwas zust\u00f6\u00dft. Ebenso wie in vielen anderen L\u00e4ndern befinden sich die Frauen in einem ungesch\u00fctzten Arbeitsverh\u00e4ltnis &#151; damit sich hieran einmal etwas \u00e4ndern kann, bedarf es zun\u00e4chst aller Anstrengungen, auf ihre Situation aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p>[1] Die hier pr\u00e4sentierten Ergebnisse basieren auf meiner Diplomarbeit Migration in Southeast Asia &#150; Perspectives an Domestic Workers in Singapore am Fachbereich Sozialwissenschaften an der Universit\u00e4t Hannover. Von September 2001 bis Januar 2002 hielt ich mich daf\u00fcr in Singapur auf, wo ich ca. 20 unstrukturierte, mehrst\u00fcndige Interviews mit haupts\u00e4chlich von den Philippinen stammenden Frauen f\u00fchrte, die in Singapur als Live-in-Maids lebten. Daneben f\u00fchrte ich diverse Gespr\u00e4che mit Arbeitgebern von Maids, Kirchenmitarbeitern, Dozenten an der National University Singapore und Mitarbeitern der Philippinischen Botschaft. Die in diesem Beitrag zitierten Aussagen stammen aus diesen Interviews; alle Zitate sind von mir aus dem Englischen \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Constable, Nicole 1997: Maid to Order in Hong Kong &#150; Stories of Filipina Workers, London<br \/>Huang, Shirlena\/Yeoh,Brenda 1998: Negotiating Public Space: Strategies and Styles of Migrant Fernale Domestic Workers in Singapore; in: Urban Studies 35, Nr. 3, S. 583-602<br \/>Huang, Shirlena\/Yeoh, Brenda 1999: Singapore Women and Foreign Domestic Workers &#150; Negotiating domestic work and motherhood; in: Henshell Momsen, Janet (Hg.): Gender, Migration and Domestic Service, New York, S. 277-300<br \/>Ministry of Marspower 2002: Employing Foreign Domestic Workers &#150; A Guide for Employers<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2316],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12016","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-nicole-weber","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zukunftstr\u00e4ume und allt\u00e4gliche Not - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/zukunftstraeume-und-alltaegliche-not\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zukunftstr\u00e4ume und allt\u00e4gliche Not - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Live-In-Maids in Singapur und die Feminisierung der Arbeitsmigration aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004) , S.36-41 Aufgrund des immensen Arm-Reich-Gef\u00e4lles zwischen Nord und S\u00fcd wird Arbeitsmigration zu einer L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr viele Menschen, um der Not in ihrem Land zu entfliehen und gleichzeitig f\u00fcr ihre zur\u00fcckgebliebenen Familienangeh\u00f6rigen zu sorgen. 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