{"id":12017,"date":"2004-06-16T19:20:00","date_gmt":"2004-06-16T17:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zwischen-lokaler-agenda-und-global-village-eine-welt-arbeit-in-deutschland\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:57","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:57","slug":"zwischen-lokaler-agenda-und-global-village-eine-welt-arbeit-in-deutschland","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/zwischen-lokaler-agenda-und-global-village-eine-welt-arbeit-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Zwischen Lokaler Agenda und Global Village: Eine-Welt-Arbeit in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S.42-48<\/p>\n<p>&bdquo;Global denken &ndash; lokal handeln&rdquo; &ndash; so eing&auml;ngig dieser oft beanspruchte Leitspruch ist, so schwierig ist seine Umsetzung. Die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte ist, so die Experten im aktuellen Diskussionsprozess des Rates f&uuml;r Nachhaltige Entwicklung, auf dem &bdquo;internationalen Auge&rdquo; blind (IFOK 2004). Dabei war gerade die globale Gerechtigkeit ein zentrales Anliegen, aus dem die Idee der nachhaltigen Entwicklung in den 1980er Jahren hervorging. Gut zwanzig Jahre sp&auml;ter ist es dringender denn je: Einige L&auml;nder verlieren immer mehr den Anschluss an die Wirtschaftsentwicklung in der Welt, und die Kluft zwischen Arm und Reich w&auml;chst in vielen L&auml;nder. Eine zunehmende Herausforderung f&uuml;r eine nachhaltige globale Entwicklung stellt auch Krieg und internationaler Terrorismus dar: Die Kulturen der Welt r&uuml;cken in Wirtschaft und Alltag immer mehr zusammen, w&auml;hrend Verst&auml;ndigung und Akzeptanz deutlich hinterher hinken.<\/p>\n<p>Im lokalen Kontext versch&auml;rft sich die Tendenz, die globale Dimension der nachhaltigen Entwicklung aus dem Auge zu verlieren, auch wenn die Idee der nachhaltigen Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt deutlichen Aufwind in den Kommunen erfahren hat. Grundlage f&uuml;r die verst&auml;rkten Aktivit&auml;ten war die Agenda 21, das Aktionsprogramm der Konferenz f&uuml;r Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro vom Juni 1992. Kapitel 28 der Agenda 21 forderte die Kommunen auf, im Dialog mit B&uuml;rgern, &ouml;rtlichen Organisationen und der Privatwirtschaft ein Handlungsprogramm f&uuml;r die Zukunft zu beschlie&szlig;en und gab damit den Ansto&szlig; f&uuml;r ein neues Instrument in den St&auml;dten und Gemeinden: die Lokale Agenda 21. Seit Rio haben immer mehr Kommunen Lokale Agenda 21-Prozesse eingef&uuml;hrt und dabei gemeinsam mit den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern Handlungsprogramme oder Projekte entwickelt. In der Praxis musste dieses neue Instrument jedoch zun&auml;chst Gestalt annehmen: Es galt, die anspruchsvolle Idee einer nachhaltigen Entwicklung so zu konkretisieren, dass sie nicht nur f&uuml;r breite Kreise verst&auml;ndlich, sondern auch geeignet war, B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zur Mitarbeit und Mitgestaltung anzuregen. Beteiligung ist aber vor&nbsp; allem dort erreichbar, wo eigene Interesse unmittelbar betroffen sind &ndash; mit der Folge, dass viele Lokale Agenda 21-Aktivit&auml;ten sich h&auml;ufig auf die Verbesserung der eigenen Lebensqualit&auml;t beschr&auml;nken (Frings et al. 2004). Damit geraten jedoch Fragen der globalen Gerechtigkeit als eines der zentralen Anliegen der Agenda 21 nicht automatisch in das Blickfeld der in und f&uuml;r ihre Kommunen aktiven B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger.<\/p>\n<p>Eine-Welt-Arbeit ist dabei kein neues Thema f&uuml;r Kommunen. In Lokalen Agenda 21-Prozessen spielt sie aber bislang nur dann eine Rolle, wenn sich die &bdquo;&uuml;blichen Verd&auml;chtigen&rdquo; vor Ort des Themas annehmen. Auf der Tagesordnung stehen meist Aktivit&auml;ten wie fair gehandelter Kaffee oder Informationsveranstaltungen (InWent 2002). Dass eine breitere Verankerung selten gelingt, hat verschiedene Gr&uuml;nde: Globale Fragen liegen au&szlig;erhalb unserer direkten Wahrnehmung und motivieren kaum zu freiwilligem Engagement &mdash; denn Engagement ist auch in der Lokalen Agenda dort am gr&ouml;&szlig;ten, wo pers&ouml;nliche Interessen ber&uuml;hrt sind (Selle 1999). Au&szlig;erdem beeintr&auml;chtigt das Negativsyndrom (Wilmsen 2002) die Attraktivit&auml;t des Themas: Die Medien berichten meist im Katastrophenfall &uuml;ber Entwicklungsl&auml;nder und liefern vorwiegend Bilder der Chancenlosigkeit. Was bleibt, ist das Gef&uuml;hl der Machtlosigkeit, ein latent schlechtes Gewissen und schnelles Verdr&auml;ngen.<\/p>\n<p>Dabei hat Eine-Welt-Arbeit viel mehr direkte Bez&uuml;ge zu unserem Alltag als es zu-n&auml;chst scheint: &Uuml;ber Produkte, Wirtschaftsbeziehungen, Medien und Tourismus sind entfernte Lebensr&auml;ume im Global Village zusammenger&uuml;ckt, und in einer durch Zuwanderung gepr&auml;gten Gesellschaft begegnen sich t&auml;glich verschiedene Kulturen. Eine-Welt-Arbeit wird erst dann aus ihrer Nische herausfinden, wenn sie diese Alltagsbez&uuml;ge herstellt und den Dialog zwischen den Kulturen als Voraussetzung f&uuml;r eine lernende Gesellschaft (Renner 2002) und f&uuml;r eine humane und zukunftsf&auml;hige Gestaltung der Globalisierung versteht (Nitschke 2004). Hier kann die Lokale Agenda 21 ansetzen, in-dem sie Verst&auml;ndigung f&ouml;rdert und den Zuwachs an Kompetenzen und Chancen in den Mittelpunkt stellt. Um Eine-Welt-Themen auch bei denjenigen Akteuren zu verankern, bei denen sie bislang noch keine Rolle spielten, ist ein neuer Blick auf m&ouml;gliche Kooperationspartner notwendig.<\/p>\n<h5><span id=\"von-kindesbeinen-an-eine-welt-erziehung\">Von Kindes&shy;beinen an: Eine-Welt-Er&shy;zie&shy;hung<\/span><\/h5>\n<p>Kaum ausgesch&ouml;pft wurden bisher die Potenziale, die das Bildungssystem f&uuml;r die Umsetzung von Nachhaltigkeit bietet. Dabei gibt es genug Ans&auml;tze und Erfahrungen: So hat das Bund-L&auml;nder-Programm &bdquo;Bildung f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung&rdquo; (vgl. <a href=\"http:\/\/www.blk2l.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.blk2l.de<\/a>) gute Praxisbeispiele hervorgebracht. An dem 1999 gestarteten Projekt sind mit Ausnahme Sachsens alle Bundesl&auml;nder aktiv beteiligt. Rund 230 allgemeinbildende Schulen sind bundesweit im Programm engagiert, hinzu kommen mehr als 100 weitere assoziierte Schulen, die die Ergebnisse nutzen, jedoch selbst keine Entwicklungsarbeit leisten. Das Programm verfolgt drei Ziele: die Gestaltungskompetenz f&uuml;r nachhaltige Entwicklung soll gef&ouml;rdert, nachhaltige Entwicklung soll in die schulische Regelpraxis integriert sowie eine Popularisierung der Bildung f&uuml;r nachhaltige Entwicklung soll erreicht werden. In der Praxis gehen die beteiligten Schulen neue Wege durch f&auml;cher&uuml;bergreifende Projekte, neue methodische Ans&auml;tze in Form von Planspielen oder bei der Beteiligung der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler. In einer problem- und anwendungsorientierten Unterrichtsgestaltung ist das Verstehen von Zusammenh&auml;ngen gefordert, nehmen methodische Kompetenzen einen gr&ouml;&szlig;eren Raum ein und erh&ouml;ht sich durch die Anbindung des Wissens an die Lebenswelt der Lerneffekt. Wer sich hier an Forderungen erinnert f&uuml;hlt, wie sie seit der Ver&ouml;ffentlichung der PISA-Studien erhoben werden, liegt v&ouml;llig richtig. Das in den PISA-Studien vermisste verst&auml;ndnisorientierte und zukunftsorientierte Lernen sowie die Entwicklung von Gestaltungskompetenz sind bereits in den Konzepten zur &bdquo;Bildung f&uuml;r Nachhaltigkeit&rdquo; antizipiert. Auch anderen diagnostizierten Defiziten unseres Bildungssystems im Bereich der naturwissenschaftlichen Kompetenz oder dem Mangel an Kooperation und Vernetzung begegnet das Programm (de Haan 2002). In der aktuellen Diskussion um Bildungsreformen spielt Nachhaltigkeit jedoch kaum eine Rolle, so auch nicht bei den laufenden Reformen im Bereich der fr&uuml;hkindlichen Bildung (W&uuml;st 1998). Dabei w&auml;re der Kindergarten der beste Ansatzpunkt: Kinder aus verschiedenen Kulturen treffen hier erstmals aufeinander, und von allen Bildungseinrichtungen hat er die gr&ouml;&szlig;te N&auml;he zum Elternhaus. Zahlreiche Aktivit&auml;ten sind m&ouml;glich: Migranten k&ouml;nnen &uuml;ber ihre Kultur berichten und beim Aufbau von Partnerschaften Kontakte herstellen. Die Feste des Jahresverlaufs bieten zahlreiche Anl&auml;sse, die Traditionen und Rituale der verschiedenen Kulturen einzubeziehen. Die nat&uuml;rliche Neugier der Kinder f&uuml;hrt zu t&auml;glich neuen Fragen, denen gemeinsam nachgegangen werden kann: Was steckt alles in der Schokolade? Wer produziert unser Spiel-zeug? Oft bleiben die Fragen aber unbeantwortet, weil den p&auml;dagogischen Fachkr&auml;ften das Wissen fehlt. Gemeinsam mit Eltern, Unternehmen und lokalen Initiativen k&ouml;nnen solche Kompetenzen in die p&auml;dagogische Arbeit eingebunden werden. Unter dem Titel &bdquo;Die Zukunft lebt im Kindergarten&rdquo; haben sich die sechs Kinderg&auml;rten der baden-w&uuml;rttembergischen Gemeinde Meckenbeuren aktiv in den Lokalen Agenda 21-Prozess der Gemeinde eingebracht. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten sind Erzieherinnen, Kinder und Eltern dem Thema in ihren Einrichtungen nach gegangen. Die gesammelten Erfahrungen wurden zwischen den Einrichtungen ausgetauscht und durch regelm&auml;&szlig;ige Informationen sowie eine Aktionswoche und eine gro&szlig;e Ausstellung im Rathaus in die &Ouml;ffentlichkeit getragen. Die globale Dimension wurde dabei immer wieder aufgegriffen, etwa im Bereich der Ern&auml;hrung und der interkulturellen Begegnung, und durch gemeinsame Aktivit&auml;ten und Feste ausgestaltet. Die gro&szlig;e Herausforderung besteht zu-k&uuml;nftig in der Integration von Bildung und Nachhaltigkeit. Statt Einzelaktivit&auml;ten gilt es unterschiedliche Kompetenzen in vernetzten Prozessen zu f&ouml;rdern. Wenn Kinder per Internet Kontakt zu Kindern in einem anderen Land aufnehmen, werden mediale, soziale und interkulturelle Kompetenzen gef&ouml;rdert. Die Lokale Agenda 21 ist ein geeigneter Rahmen, um die von den Vereinten Nationen ausgerufene Dekade der &bdquo;Bildung f&uuml;r Nachhaltigkeit&rdquo; (2005&mdash;2014) aktiv auszugestalten. Gerade in der aufgezeigten N&auml;he zwischen den Konzepten f&uuml;r eine nachhaltige Bildung und der aktuellen Bildungsdiskussion liegt eine noch ungenutzte Chance. Die St&auml;rkung von bestehenden und der Aufbau von neuen Partnerschaften zwischen den Bildungssteinrichtungen in der Kommune wirkt den diagnostizierten Defiziten des Bildungssystems entgegen und f&ouml;rdert gleichzeitig die Verbreitung des Leitbilds einer nachhaltigen Entwicklung. Der Einstieg k&ouml;nnte ein p&auml;dagogischer Tag zum Thema Nachhaltigkeit sein, der die Bildungseinrichtungen vor Ort zusammenf&uuml;hrt und die Basis f&uuml;r konkrete Projekte liefert.<\/p>\n<h5><span id=\"das-engagement-von-vereinen\">Das Engagement von Vereinen<\/span><\/h5>\n<p>Eine-Welt-Themen haben f&uuml;r viele Vereine auf den ersten Blick wenig mit ihrer Arbeit zu tun. Dabei liegen die Bezugspunkte manchmal direkt vor den F&uuml;&szlig;en: Dass viele Fu&szlig;b&auml;lle das Produkt von Kinderarbeit waren, wurde bis zur Fair Play &mdash; Fair Pay-Kampagne der Clean Clothes Campaign kaum wahrgenommen. (<a href=\"http:\/\/www.saubere-kleidung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.saubere-kleidung.de<\/a>). Die deutsche Kampagne f&uuml;r Saubere Kleidung hat sich im Sommer 1996 gegr&uuml;ndet und besteht aus einem Tr&auml;gerInnenkreis von derzeit 18 Organisationen sowie Gruppen auf lokaler und regionaler Ebene. Die bundesweite Kampagne will am Beispiel der Textilindustrie die &ouml;konomischen, sozialen und &ouml;kologischen Probleme vor allem in den Entwicklungsl&auml;ndern bewusst machen, die sich aus den dortigen Produktionsbedingungen ergeben. Neben der Aufkl&auml;rung der VerbraucherInnen wird mit Aktionen auf den Handel sowie die Hersteller eingewirkt. Insbesondere sollen die in Deutschland t&auml;tigen und ans&auml;ssigen Einzelhandelsunternehmen zur Einhaltung von sozialen Mindeststandards bei der Herstellung aller ihrer Bekleidungsprodukte bewegt werden. Grundlage dieser Verpflichtung soll ein von der Kampagne entwickelter Verhaltenskodex sein.<\/p>\n<p>Auch der Einstieg in den &bdquo;privaten Emissionshandel&rdquo;, etwa bei Veranstaltungen und Festen, k&ouml;nnte das Bewusstsein f&uuml;r Nachhaltigkeitsthemen im Verein sch&auml;rfen: Dabei werden die Treibhausemissionen durch Verkehr, Catering oder Heizung mit einer Investition in ein Energiespar-Projekt in einem Entwicklungsland ausgeglichen (www. klimabalance.de). So k&ouml;nnten Sponsoren finanzielle Zusch&uuml;sse mit der Bedingung einer solchen Kompensationszahlung verbinden. In den noch n&auml;her zu beschreibenden St&auml;dtepartnerschaften spielen Vereine eine wichtige Rolle. Viele dieser Partnerschaften wurden durch Vereine angeregt. So stand am Beginn der St&auml;dtepartnerschaft zwischen Bremen und dem indischen Pune ein Projekt von terre des hommes (Hilliges 1999). W&auml;hrend in der Entwicklungspolitik engagierte Vereine in den Kommunen aktiv sind, muss f&uuml;r die Breite des Vereinswesen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung und damit verbunden die globale Gerechtigkeit noch erschlossen werden. Vereine haben au&szlig;erdem eine hohe Bedeutung f&uuml;r den interkulturellen Austausch am Ort: Die gezielte Einbindung von Migranten oder Kooperationen mit Vereinen von B&uuml;rgern ausl&auml;ndischer Herkunft sind weitere Ansatzpunkte, ben&ouml;tigen aber externe Anst&ouml;&szlig;e und Begleitung durch kompetente Partner mit Erfahrungen in der Integrationsarbeit.<\/p>\n<h5><span id=\"kooperationsmoeglichkeiten-von-unternehmen-und-wirtschaftsverbaenden\">Koope&shy;ra&shy;ti&shy;ons&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keiten von Unternehmen und Wirtschafts&shy;ver&shy;b&auml;nden<\/span><\/h5>\n<p>In den letzten Jahren haben sich vor allem Gro&szlig;unternehmen mit Corporate Social Responsibility und nachhaltiger Unternehmensf&uuml;hrung befasst. Kleine und mittlere Unter-nehmen (KMU), so die h&auml;ufige Meinung, k&ouml;nnen kaum auf globale Zusammenh&auml;nge einwirken. Dass Wirtschaftskooperationen auf lokaler Ebene aber m&ouml;glich sind, zeigte das Projekt Nachhaltiges Wirtschaften Heidelberg: An dem Projekt, ein Schulungs- und Beratungsprogramm zur Einf&uuml;hrung eines Nachhaltigkeitsmanagementsystems, beteiligten sich im Jahr 2002 in Heidelberg zw&ouml;lf kleine und mittlere Unternehmen, wie Schreiner, Kfz-Werkst&auml;tten, Altenheime oder metallverarbeitende Betriebe. Die Betriebe lernten dabei, Umweltschutz systematisch in den Betriebsabl&auml;ufen zu ber&uuml;cksichtigen und erhielten gleichzeitig Anregungen, wie sie im betrieblichen Alltag zu mehr globaler Gerechtigkeit beitragen k&ouml;nnen &mdash; zum Beispiel &uuml;ber faire Beschaffung, F&ouml;rderung von interkulturellem Austausch, Praktikums- und Ausbildungspl&auml;tze f&uuml;r Ausl&auml;nder oder Unterst&uuml;tzung von Lokalen-Agenda 21 oder Eine-Welt-Gruppen. Eine solche Kooperation zwischen einer lokalen Initiative mit langj&auml;hrigem Engagement in Ruanda und den Heidelberger Betrieben wurde auch im Rahmen des Projektes Nachhaltiges Wirtschaften angesto&szlig;en. Die Motivation der Unternehmen war erstaunlich hoch, die Partner in Ruanda beim Aufbau einer effizienten Holzwirtschaft zu unterst&uuml;tzen, etwa durch Materialien, Werkzeuge oder Know-how (Frings 2003) &mdash; sicher nicht zuletzt aufgrund der thematischen N&auml;he und des regionalen Bezuges der Initiative. Allerdings zeigte dieses Beispiel auch, dass diese Form der Kooperation Strukturen und Ressourcen braucht, da die Kommunikation und Vermittlung zwischen den Partnern auf ehrenamtlicher Basis kaum zu leisten ist. Langfristige Lokale Agenda-Prozesse k&ouml;nnen diese Aktivit&auml;ten anregen: Als Ideengeber, Koordinator und Mittler zwischen lokalen Betrieben k&ouml;nnen Verwaltungen ebenso wie Agenda-Gruppen auftreten. Erforderlich ist dar&uuml;ber hinaus eine kontinuierliche Begleitung durch hauptamtliche Mitarbeiter der Kommune oder von Initiativen.<\/p>\n<h5><span id=\"politik-und-verwaltung-im-erfahrungsaustausch\">Politik und Verwaltung im Erfah&shy;rungs&shy;aus&shy;tausch<\/span><\/h5>\n<p>Vielf&auml;ltige M&ouml;glichkeiten, Eine-Welt-Themen st&auml;rker in der Zivilgesellschaft zu verankern, bieten St&auml;dtepartnerschaften. Neben den verbreiteten Partnerschaften mit Kommunen aus den europ&auml;ischen Nachbarl&auml;ndern sind heute mehr als 60 Partnerschaften zu Kommunen in Entwicklungsl&auml;ndern dokumentiert. W&auml;hrend rund die H&auml;lfte dieser Partnerschaften zu Kommunen in Asien, Afrika und S&uuml;damerika aufgebaut wurde, entf&auml;llt der Rest auf St&auml;dte und Gemeinden in den osteurop&auml;ischen Transformationsstaaten sowie auf die VR China. Wie bei den klassischen St&auml;dtepartnerschaften liegt auch hier ein inhaltlicher Schwerpunkt im kulturellen Bereich. Weitere wichtige Themen sind Gesundheit sowie soziale Fragen, Wirtschaftsf&ouml;rderung, Verwaltungshilfe oder die Zusammenarbeit in Fragen der Aus- und Weiterbildung geh&ouml;ren ebenfalls dazu. Der Umweltbereich spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle: Nur bei einem F&uuml;nftel der Partnerschaften gibt es entsprechende Aktivit&auml;ten (Heinz\/LangeULeitermann 2004: 24) Der Austausch mit Entwicklungsl&auml;ndern erm&ouml;glicht ein Erlebnis jenseits moralischer Anspr&uuml;che und erreicht andere Zielgruppen als die klassische Eine-Welt-Arbeit. Gleichzeitig sind St&auml;dtepartnerschaften ein Rahmen, um die Kompetenzen der kommunalen Verwaltungen weiterzugeben, etwa durch Beratung bei Verwaltungsfragen oder durch Unterst&uuml;tzung bei partizipativer Problembearbeitung.<\/p>\n<h5><span id=\"die-anwendungsbereiche\">Die Anwen&shy;dungs&shy;be&shy;reiche<\/span><\/h5>\n<p>vor Ort sind vielf&auml;ltig: Aufbau von Verwaltungen oder sozialer Einrichtungen wie Gemeindebibliotheken, L&ouml;sung von Wasserkonflikten durch Dialog und Mediation, Finanzierung regenerativer Energiegewinnung durch Public Private Partnership (PPP). Dabei spielt die Vermittlung von Informationen zur Selbsthilfe eine wichtige Rolle: M&ouml;gliche Fragen betreffen Finanzierungsm&ouml;glichkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit oder die Sammlung guter Beispiele von B&uuml;rgerbeteiligung. Der Transfer von Wissen und Erfahrungen verl&auml;uft dabei nicht einseitig von Nord nach S&uuml;d, sondern auch umgekehrt. Ein Beispiel daf&uuml;r ist die Rezeption des Beteiligungshaushaltes der brasilianischen Stadt Porto Alegre. Dieses 1989 eingef&uuml;hrte Konzept der partizipativen Haushaltsplanung auf lokaler Ebene sieht vor, B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger dar&uuml;ber entscheiden zu lassen, wie ein Teil des lokalen Haushalts verwendet werden soll. F&uuml;r diese Erfahrungen interessieren sich zunehmend auch bundesdeutsche Kommunen (InWent 2003). InWEnt f&ouml;rdert den Nord-S&uuml;d-Wissensaustausch j&auml;hrlich mit dem Exposure-Programm (<a href=\"http:\/\/www.inwent.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.inwent.org<\/a>): Fach- und F&uuml;hrungskr&auml;fte aus Verwaltung und Unternehmen in Entwicklungsl&auml;ndern erhalten hier die M&ouml;glichkeit, sich mit ihren deutschen counterparts &uuml;ber regionale Wirtschaftsf&ouml;rderung auszutauschen. Dass sich Entwicklungszusammenarbeit in Kommunen auch institutionell st&auml;rker verankern l&auml;sst, zeigt die Stadt Bonn mit einem eigenen Ausschuss f&uuml;r internationale Beziehungen und Lokale Agenda, der unter anderem Projekte in Usbekistan, China, Bolivien und der Mongolei begleitet (Dieckmann\/Hohn-Berghorn 2004).<\/p>\n<h5><span id=\"die-chancen-lokaler-eine-welt-arbeit\">Die Chancen lokaler Eine-Welt-&shy;A&shy;r&shy;beit<\/span><\/h5>\n<p>&bdquo;Global denken &mdash; lokal handeln&rdquo; bleibt auch zw&ouml;lf Jahre nach der Weltkonferenz in Rio de Janeiro eine noch einzul&ouml;sende Herausforderung. Mit Blick auf die Dimension der globalen Gerechtigkeit besteht in Lokalen Agenda 21-Prozessen ein gro&szlig;er Entwicklungsbedarf. Das Thema stellt einen auf der lokalen Tagesordnung h&auml;ufig &uuml;bersehenen Punkt dar. Durch lokale Bez&uuml;ge wird Eine-Welt-Arbeit fassbar; damit birgt die Lokale Agenda 21 erhebliche Potenziale, den Wandel zu einer nachhaltigen Entwicklung von unten zu bef&ouml;rdern. Gute Beispiele sowie ausbauf&auml;hige Ans&auml;tze sind vorhanden. Dazu bedarf es aber auf mindestens zwei Ebenen eines Perspektivenwechsels: vom Engagement aus Schuldgef&uuml;hlen hin zu einem partnerschaftlichen Ansatz; von einer Lokalen Agenda 21 als partizipativer Breitenprozess hin zu einer Lokalen Agenda 21 der strategischen Allianzen. Notwendig sind dazu Promotoren in der Verwaltung, in Agenda-oder Eine-Welt-Initiativen, die die Bedeutung des Themas f&uuml;r eine globale nachhaltige Entwicklung erkennen und die zun&auml;chst neue, geeignete Kooperationspartner suchen: In Verwaltung oder Politik ebenso wie in Vereinen, Schulen, Verb&auml;nden der Wirtschaft oder gro&szlig;en Unternehmen braucht es Personen, die f&uuml;r das Thema begeistern k&ouml;nnen. Eine systematische Auswertung der lokalen Akteurslandschaft mit Blick auf thematische Ansatzpunkte und vorhandene Potenziale &uuml;ber die bisherigen Rollenverteilungen hinaus kann dabei den Anfang machen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>de Heran, Gerhard 2002: Schulprogramm BLK 21 &#8211; die Antwort auf PISA; in: punktum 2, S. 15 Dieckmann, B&auml;rbel\/Hohn-Berghorn, Maria 2004: Kommunale Zusammenarbeit in der Praxis. Bonn<br \/>und seine Projektpartnerstadt Ulan Bator; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 15-16, S. 28-32.<br \/>Frings, Ellen 2003: Nachhaltiges Wirtschaften Heidelberg; in: Alternative Kommunalpolitik, H. 2, S. 42<br \/>ff.<br \/>Frings, Ellen et al. 2002: Lokale Agenda 21 im Kontext der kommunalen Steuerungsinstrumente.<br \/>UBA-Texte 34\/02, Berlin<br \/>Heinz, Werner\/Lerngel, Nicole\/Leitermann, Walter 2004: Kooperationsbeziehungen zwischen deutschen St&auml;dten und Kommunen in Entwicklungsl&auml;ndern; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 15-16, S.<br \/>21-27.<br \/>Hilliges, Gunther 1999: Nachhaltige Partnerschaft, in: IFOK\/ZKE (Hg.): Was hei&szlig;t hier Agenda? Analysen &#8211; Erfahrungen &#8211; Beispiele, Dettelbach, S. 159-164<br \/>IFOK 2004: Momentaufnahme Nachhaltigkeit und Gesellschaft. Entwurfsfassung. Download: <a href=\"http:\/\/www.nachhaltigkeitsrat.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nachhaltigkeitsrat.de<\/a><br \/>InWent &mdash;Servicestelle Kommunen in der Einen Welt 2002: Globales Handeln lokal verankern. Dialog Global 3, Bonn<br \/>InWent &#8211; Servicestelle Kommunen in der Einen Welt 2003: Porto Alegres Beteiligungshaushalt &mdash; Ler-<br \/>nerfahrung f&uuml;r deutsche Kommunen. Dialog Global Nr. 5, Bonn<br \/>Renner, Andreas 2002: Nachhaltigkeit und Globalisierung, Partizipation, Demokratie &#8211; Identifizierung von Zusammenh&auml;ngen und Gestaltungsans&auml;tzen, Bensheim\/Berlin<br \/>Nitschke, Ulrich 2004: Chancen kommunaler Entwicklungszusammenarbeit. Lernen im Nord-S&uuml;d-<br \/>Dialog; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 15-16, S. 33-38<br \/>Poggemeier, Magret 1999: Internationalismusarbeit und lokale Friedenspolitik als Wurzel der Agenda 21 in Osnabr&uuml;ck; in: IFOK\/ZKE (Hg.): Was hei&szlig;t hier Agenda? Analysen &#8211; Erfahrungen &mdash; Bei-spiele, Dettelbach, S. 147-150.<br \/>Seile, Klaus 1999: Was? Wer? Wie? Warum? Voraussetzungen und M&ouml;glichkeiten einer nachhaltigen Kommunikation. Reihe. KiP &#8211; Kommunikation im Planungsprozess, Dortmund<br \/>Wilmsen, Christian 2002: Agenda 21 &#8211; Lokale Agenda &#8211; Nachhaltigkeit &#8211; Was ist denn das?; in: ZKE (Hg.): Lokale Agenda und &ouml;ffentliche Verwaltung. Nachhaltigkeit und Globalisierung als Element der Verwaltungsreform (Dokumentation eines Workshops), Bonn, S. 6-9<br \/>W&uuml;st, J&uuml;rgen 1998: Geht uns das Wasser niemals aus? Nachhaltige Entwicklung &#8211; Ein Thema f&uuml;r den<br \/>Kindergarten; in: kindergarten heute 4, S. 24-30<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2317,2318],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12017","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ellen-frings","autoren-juergen-wuest","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwischen Lokaler Agenda und Global Village: Eine-Welt-Arbeit in Deutschland - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/zwischen-lokaler-agenda-und-global-village-eine-welt-arbeit-in-deutschland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwischen Lokaler Agenda und Global Village: Eine-Welt-Arbeit in Deutschland - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg&auml;nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S.42-48 &bdquo;Global denken &ndash; lokal handeln&rdquo; &ndash; so eing&auml;ngig dieser oft beanspruchte Leitspruch ist, so schwierig ist seine Umsetzung. 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