{"id":12018,"date":"2004-06-16T19:10:00","date_gmt":"2004-06-16T17:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/dritte-welten\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"dritte-welten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/dritte-welten\/","title":{"rendered":"Dritte Welten"},"content":{"rendered":"<p>Ein aktueller Literaturbericht<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), 49-55<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts schienen entwicklungspolitische Diskussionen zusehends an den Rand der \u00d6ffentlichkeit gedr\u00e4ngt. Zu gro\u00df waren offenbar die Umbr\u00fcche, die mit dem Untergang des Kommunismus, der deutschen Einheit und schlie\u00dflich der NATO- und EU-Osterweiterung einhergingen, als da noch Platz war f\u00fcr die N\u00f6te ferner Weltgegenden. Doch dieser oberfl\u00e4chliche Eindruck stimmt nur zum Teil: Unterhalb der medialen Reizschwelle gro\u00dfer nationaler Debatten entwickelte sich eine kaum zu \u00fcbersehende Forschungslandschaft, mit zahllosen Institutionen, Konferenzen, Publikationen. Auch die Aktionen der Globalisierungskritiker in den letzten Jahren haben diesen Prozess unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>So wie sich die Dritte Welt ausdifferenziert hat und sich als einender Begriff f\u00fcr die L\u00e4nder der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re im Grunde kaum mehr halten kann, so hat sich auch die Forschung auf viele Teilaspekte spezialisiert. Doch der Grundannahme, dass das Verhalten im Norden auf die Gesellschaften der Entwicklungsl\u00e4nder in der globalisierten Welt noch st\u00e4rkeren Einfluss als ehedem hat, folgen fast alle. In diesem Sinne kann also tats\u00e4chlich &#132;jeder Biss eine Revolution&#148; sein, wie es im diesj\u00e4hrigen Worldwatch-Bericht hei\u00dft:<\/p>\n<p><i>Worldwatch Institute (Hg.)<\/i> in Zusammenarbeit mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und Germanwatch: Zur Lage der Welt 2004. Die Welt des Konsums, Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot: M\u00fcnster 2004, 347 S., ISBN 3-89691-570-3; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Wer etwas \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge zwischen Konsumverhalten hierzulande und gerechterer Weltwirtschaftsordnung wissen m\u00f6chte, wird hier vielfach f\u00fcndig. Der lange totgesagte Postmaterialismus feiert in dem Band fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Eingeleitet durch ein Gru\u00dfwort von Renate K\u00fcnast, besch\u00e4ftigen sich die frei von Jargon gehaltenen Beitr\u00e4ge mit M\u00f6glichkeiten zum effizienteren Energieverbrauch, mit bewussterem Essen, mit dem Einfluss \u00f6ffentlicher Investoren auf eine \u00f6kologisch ausgerichtete Produktpalette und vielen anderen Beispielen, wie sich der gigantische Ressourcenverbrauch im Norden beschr\u00e4nken und umlenken l\u00e4sst. In Einsch\u00fcben wird anhand ausgew\u00e4hlter Produkte (z.B. Plastikt\u00fcten, Baumoll-T-Shirts und Mobiltelefone) \u00fcber deren Erzeugungsbedingungen berichtet &#151; und durch diese Hintergrundinformationen wei\u00df man dann auch, weshalb man im Interesse der Bauern in Ghana oder Brasilien Schokolade mit hohem Kakaoanteil kaufen sollte.<\/p>\n<p>Das Neue Jahrbuch Dritte Welt 2003 stellt die konkreten Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsl\u00e4nder in den Mittelpunkt:<\/p>\n<p>Joachim Betz\/Stefan Br\u00fcne (Hg.): Neues Jahrbuch Dritte Welt 2003. Globalisierung und Entwicklungsl\u00e4nder, Leske + Budrich: Opladen 2003, 164 S., ISBN 3-8100-3668-4; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Weniger kulturelle Identit\u00e4ten oder Probleme von Nationalstaaten interessieren die Autoren, sondern es geht vor allem um wirtschaftliche und soziale Auswirkungen in den Entwicklungsl\u00e4ndern. Die regionalen Unterschiede werden \u00fcberdeutlich: So wie in einzelnen Schwellenl\u00e4nder Konzerne und Unternehmer von der zusammenwachsenden Welt profitieren (Taiwan, China, Indien), so gibt es andere L\u00e4nder, vor allem in Afrika, die von den positiven Folgen der Globalisierung weitgehend abgeschnitten sind und in denen zudem vor allem die Eliten des jeweiligen Landes durch AIDS dezimiert werden. Keine Region wird in diesem Band ausgelassen: das macht ihn zu einer idealen \u00dcberblicklekt\u00fcre f\u00fcr alle, die sich \u00fcber den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre von Lateinamerika bis S\u00fcdostasien informieren wollen.<\/p>\n<p>In der diesj\u00e4hrigen Ausgabe besch\u00e4ftigt sich das Jahrbuch mit einem Thema, von dem man in eurozentristischer Manier annehmen k\u00f6nnte, es werde nur hierzulande heftig debattiert:<\/p>\n<p><i>Joachim Betz\/Wolfgang Hein (Hg.): <\/i>Neues Jahrbuch Dritte Welt 2004. Soziale Sicherung in Entwicklungsl\u00e4ndern, Leske + Budrich: Opladen 2004, 284 S., ISBN 3-8100-4002-9; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Wiederum sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen gro\u00df (die wichtigen L\u00e4ndergruppen bzw, einzelne Staaten werden in \u00dcberblicksartikeln fundiert portr\u00e4tiert); ebenso wie die zumeist politisch erk\u00e4mpften Fortschritte in vielen L\u00e4ndern seit den 1970er Jahren. Gegenw\u00e4rtige Probleme entstehen durch die rapide gestiegene Lebenserwartung, die die Alterssicherungssysteme belasten und auch zu anschwellenden Kosten f\u00fcr das Gesundheitssystem f\u00fchren. Hier entstehen schon jetzt Friktionen in L\u00e4ndern, die noch gar nicht \u00fcber eine Sozialstaatstradition verf\u00fcgen. Optimistisches l\u00e4sst sich gleichwohl entdecken: Lars Kohlmorgen diagnostiziert eine globale Sozialpolitik, die auf mehreren Ebenen langsam und allm\u00e4hlich auch international zu einer Verfestigung sozialer Standards f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Seit 24 Jahren spiegelt die Zeitschrift Peripherie die zentralen entwicklungspolitische Debatten kritisch wieder und stellt Verbindungslinien zu scheinbar randst\u00e4ndigen Fragen her:<\/p>\n<p>Peripherie. Zeitschrift f\u00fcr Politik und \u00d6konomie in der Dritten Welt, Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot: M\u00fcnster 1980ff., vier Ausgaben j\u00e4hrlich mit je ca. 140 S., ISSN 0173-184X; 9,10 Euro (Doppelheft 18,20 Euro)<\/p>\n<p>Im Themenheft &#132;Tourismus&#148; (Heft 89) erf\u00e4hrt man in einem sch\u00f6nen \u00dcberblicksartikel \u00fcber die Genese der Tourismuskritik etwas \u00fcber die &#132;Tourismus-Theorie&#148; des 29j\u00e4hrigen Hans Magnus Enzensberger, der in den reisenden Massen die &#132;Kraft einer blinden, unartikulierten Auflehnung&#148; zu sehen glaubte, eine Flucht, die wie jede Absetzbewegung das kritisiert, &#132;wovon sie sich abwendet&#148;. Aram Ziai analysiert in der &#132;Neoliberalismus&#8220;-Ausgabe (Heft 90\/91) den Entwicklungsdiskurs des Ministeriums von Heidemarie Wieczorek-Zeul und diagnostiziert einen &#132;weichen&#148; Neoliberalismus, der im Unterschied zum Marktradikalismus der fr\u00fchen 1990er Jahre immerhin die Notwendigkeit von Armutsbek\u00e4mpfung erkannt h\u00e4tte, aber Interessengegens\u00e4tze am liebsten in postulierten &#132;Synenergieeffekten&#148; aufl\u00f6sen w\u00fcrde. Das sehr zu empfehlende Heft 92 versucht das, was Michel Foucault nicht getan hat: es wendet seinen Begriff der &#132;Gouvemementalit\u00e4t&#148; auf die Dritte Welt und die Globalisierung an.<\/p>\n<p>Entwicklungspolitik und Menschenrechte standen von Anbeginn an in einem Spannungsverh\u00e4ltnis. Auch wenn die Menschenrechte in den letzten Jahren an Bedeutung im Entwicklungsdiskurs gewonnen haben (vgl. den Beitrag von Gerhart Baum in diesem Heft), bleiben sie Daueraufgabe, wie der Band Ulla Selchow\/Franz-Josef Hutter (Hg.): Menschenrechte und Entwicklungszusammenarbeit. Anspruch und politische Wirklichkeit, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 304 5., ISBN 3-8100-3737-0; 19,90 Eurobelegt.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig sind es Gro\u00dfprojekte in Entwicklungsl\u00e4ndern (Staud\u00e4mme, Erzabbau, \u00d6lbohrungen), bei denen internationale Konzerne und nationale Regierungen unheilige Allianzen eingehen, wie Mathias John es beschreibt: es kommt zu gewaltsamen Vertreibungen von Menschen aus ihren Siedlungsgebieten, bei den Protesten dann zu \u00dcber-griffen und Verhaftungen. Durch OECD-Richtlinien, den Global Compact der UNO seit 2000, Arbeitsgruppen der UN-Menschenrechtskommission u.a. wird zumindest in j\u00fcngster Zeit die Verantwortung der Unternehmen st\u00e4rker eingefordert. Henning Boekle kritisiert die Entwicklungspolitik der Bundesregierung, die zum Beispiel China regelm\u00e4\u00dfig umfangreiche Hilfe zukommen l\u00e4sst oder die indonesische Suharto-Diktatur trotz massivster Menschenrechtsverletzungen unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Wer sich rasch \u00fcber ldee und Geschichte der Menschenrechte informieren m\u00f6chte, kann das mit Hilfe der kleinen Einf\u00fchrung von<br \/>Brigitte Hamm: Menschenrechte. Ein Grundlagenbuch, Leske + Budrich: Opladen 2003, 177 5., ISBN 3-8100-2338-1$;12,90 Euro<br \/>tun. In elf Kapiteln stellt die Autorin die ideengeschichtliche Begr\u00fcndung und die verschiedene Definitionen von Menschenrechten vor. Sie verfolgt, wie die Vereinten Nationen sich zu deren Anwalt machten, wie die Frauen um Teilhabe weltweit k\u00e4mpften und k\u00e4mpfen, wie Wirtschaft, Staaten und Nichtregierungsorganisationen mit dem Thema umgehen und wie die deutsche Menschenrechtspolitik hierzulande zu bewerten ist. Ein n\u00fctzlicher Anhang mit Ausz\u00fcgen aus den einschl\u00e4gigen Dokumenten rundet dieses ebenso hilfreiche wie informative Buch ab.<\/p>\n<p>&#132;Ich hatte eine Farm in Afrika&#148;: von Tania Blixens kolonial romantischer Afrikaschw\u00e4rmerei ist nicht mehr viel \u00fcbriggeblieben. Der Kontinent ist in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung auf Geiselentf\u00fchrungen in der Sahara, Genozid und B\u00fcrgerkriegen in Somalia, Sudan oder Ruanda und grassierende AIDS-Epidemien im Osten und S\u00fcden reduziert. Immerhin drei Seiten zum Thema HIV\/AIDS bietet auch ein ausgezeichnetes Afrika-Lexikon:<\/p>\n<p><i>Rolf Hofineier\/Andreas Mehler (Hg.): <\/i>Kleines Afrika-Lexikon. Politik &#151; Wirtschaft &#151; Kultur, C.H.Beck: M\u00fcnchen 2004, 359 S., ISBN 3-406-51071-X; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Das auf das subsaharische Afrika beschr\u00e4nkte Nachschlagewerk wendet sich an den interessierten Nicht-Fachmann, die Eintr\u00e4ge wurden von renommierten Spezialisten verfasst und sind mit weiterf\u00fchrender Literatur versehen. Es gibt Einf\u00fchrungsartikel zu je-dem afrikanischen Staat; aber auch \u00fcbergreifende Fragen werden auf knappem Raum beantwortet, wie z.B. die nach den Familien- und Geschlechterverh\u00e4ltnissen. Hier er-f\u00e4hrt man, dass schon 1905 der erste Film in Afrika gezeigt wurde und dass ein Drittel aller menschlichen Sprachen in Afrika gesprochen wird.<\/p>\n<p>Eine Hamburger politikwissenschaftliche Dissertation untersucht am Beispiel Namibias und Botswanas die Rolle von Parteien in afrikanischen Gesellschaften:<\/p>\n<p>Christoph Emminghaus: Politische Parteien im Demokratisierungsprozess. Struktur und Funktion afrikanischer Parteiensysteme, Leske + Budrich: Opladen 2003, 294 S., ISBN 3-8100-3480-0; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Ein Drittel der Arbeit widmet sich der theoretisch-methodologischen Erarbeitung eines Analyserahmens, der dann auf den verbleibenden 150 Seiten empirisch fruchtbar gemacht wird. Lediglich vier parlamentarische Regierungssysteme existieren in Afrika (Botswana, Mauritius, \u00c4thiopien, Lesotho); die meisten anderen Staaten werden pr\u00e4sidentiell oder in Mischformen regiert. F\u00fcr Botswana und Namibia untersucht der Autor Programmatik der in den Parlamenten vertretenen Parteien, deren W\u00e4hlerschaften, die parteipolitische Praxis und die Personalauswahl. Parteipolitik bleibt in beiden L\u00e4ndern Angelegenheit einer kleinen hauptstadtnahen Elite; undemokratische Tendenzen in den Parteien bef\u00f6rdern autokratische F\u00fchrungsfiguren. Parteien sind jedoch in beiden L\u00e4ndern ein wichtiges strukturgebendes Element. Der Autor zeigt in seiner sehr gelehrten Studie, dass trotz aller funktionalen Unterschiede einzelne Modelle der europ\u00e4ischen Parteienforschung erstaunlicherweise offen f\u00fcr die \u00dcbertragung auf andere Kulturr\u00e4ume sind &#151; vielleicht wird es k\u00fcnftig noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Parteiensystemen hier und dort geben?<\/p>\n<p>Zehn Jahre ist es her, dass die Welt\u00f6ffentlichkeit mit Schaudern vom Genozid in Ruanda h\u00f6rte. Auf tausend Seiten hat die Historikerin Alison Des Forges, Senior Adviser in der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch, eines der gro\u00dfen Menschheitsverbrechen nachgezeichnet:<\/p>\n<p><i>Alison Des Forges:<\/i> Kein Zeuge darf \u00fcberleben. Der Genozid in Ruanda, Hamburger Edition: Hamburg 2003, 947 S., ISBN 3-930908-80-0; 40 Euro<\/p>\n<p>Nach der Vorgeschichte des Konflikts zwischen den Tutsi und Hutu-Volksgruppen schildert sie minuti\u00f6s den Ausbruch der Gewalt, benennt die Verantwortlichen, zeigt, wie die UN-Blauhelme zu schwach waren, sich durchzusetzen, wie vor Ort die Massaker durchgef\u00fchrt wurden, wie sich Fl\u00fcchtlinge an &#132;gute&#148; Stra\u00dfensperren erinnerten &#151; solche, an denen man nicht vergewaltigt oder erschossen wurde. &#132;Die \u00dcberlebenden tragen Narben, die besser als Worte zeigen, mit welcher Brutalit\u00e4t man gegen sie vorgegangen ist.&#148; Es ist ein Panorama das Grauens, das die Autorin ausbreitet und an jeder Stelle belegen kann, oft mit Hilfe von faksimilierten Dokumenten. Das Versagen der westlichen Staatengemeinschaft wird ebenfalls detailliert beschrieben: die Angst der Amerikaner vor einem zweiten Somalia, die Furcht Mitterands, sich in den Un\u00fcbersichtlichkeiten afrikanischer Konflikte zu verstricken, die Furcht vor dem Wort &#132;V\u00f6lkermord&#148;, das Verpflichtungen bedeutet h\u00e4tte, die man nicht eingehen wollte usw. Dieses Buch ist ein erdr\u00fcckendes Dokument westlichen Versagens.<\/p>\n<p>Wie sehen regionale Antworten in der Dritten Welt auf die Herausforderung der Globalisierung aus? Dieser Frage geht der <i>Sammelband Peter Birle u.a. (Hg.): <\/i>Globalisierung und Regionalismus. Bew\u00e4hrungsproben f\u00fcr Staat und Demokratie in Asien und Lateinamerika, Leske + Budrich: Opladen 2002, ISBN 3-8100-3134-8; 33 Euro<\/p>\n<p>nach, konzentriert auf Lateinamerika und Asien. Hans-J\u00fcrgen Puhle glaubt daran, dass europ\u00e4ische Muster und Werte durch Kolonialismus, Imperialismus, Migration und Bildungstransfer universelle G\u00fcltigkeit erlangt haben; Aurel Croissant untersucht die Demokratief\u00e4higkeit asiatischer Staaten und kommt zu optimistischen Prognosen. Verschiedene Beitr\u00e4ge besch\u00e4ftigen sich mit regionalen Kooperationen, Freihandelszonen und Staatengemeinschaften und deren Probleml\u00f6sungskompetenzen. Insgesamt bietet der Band ein facettenreiches Bild, dem jedoch ein besser erkennbarer roter Faden zu w\u00fcnschen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#132;Frauen, geht online!&#148; Diesen Rat und viele andere praktische Beispiele bekommt man im Band von <i>Christa Randzio-Plath (Hg.):<\/i> Frauen und Globalisierung. Zur Geschlechtergerechtigkeit in der Dritten Welt, Dietz: Bonn 2004, 258 S., ISBN 3-8012-0344-1;12,80 Euro<\/p>\n<p>In 56 Beitr\u00e4gen teils prominenter Autorinnen, so von Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bisch\u00f6fin Maria Jepsen, Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer, Monika Griefahn und von der Generalsekret\u00e4rin der deutschen amnesty-Sektion, Barbara Lochbihler, wird die Situation von Frauen in der Dritten Welt thematisiert. Von Teenagerm\u00fcttern in Jamaika und Tansania, Kaffeeb\u00e4uerinnen in Honduras u.v.m, wird in kurzen Texten erz\u00e4hlt, immer auf Anschaulichkeit setzend, ohne Anspruch auf allzu gro\u00dfe Wissenschaftlichkeit und oft unterhaltend. Der Feminismus in Nicaragua interessiert dabei ebenso wie frauenf\u00f6rdernde Kulturpolitik im Iran, allt\u00e4gliche Gewalt gegen Frauen. Es ist eine Bestandsaufnahme in Form eines mutmachenden Potpourris geworden.<\/p>\n<p>Mut hatten zweifellos auch die philippinische Frauen, die sich zu einer Ehe mit M\u00e4nnern aus einem anderen, westlichen Kulturkreis entschlossen. Andrea Lauser pr\u00e4sentiert sie in einer sehr sch\u00f6n lesbaren ethnographischen Arbeit:<\/p>\n<p>Andrea Lauser: &#132;Ein guter Mann ist harte Arbeit&#148;. Eine ethnographische Studie zu philippinischen Heiratsmigrantinnen, transcript Verlag: Bielefeld 2004, 340 S., ISBN 3-89942-218-X; 28,80 Euro<\/p>\n<p>\u00dcberzeugend gelingt ihr die Verkn\u00fcpfung von Makroperspektiven mit individuellen Personen und Erfahrungen. Heiratsmigration basiert immer auf der Hoffnung nach sozialem und \u00f6konomischem Aufstieg f\u00fcr die gesamte Herkunftsfamilie, die in Schritten nachgeholt worden sind. Sie ist h\u00e4ufig die letzte Stufe von gestaffelten Migrationsschritten, die mit Arbeitsmigration beginnt (vgl. den Beitrag von Nicole Weber in diesem Heft) &#8211; immer beschrieben als aktiv gestalteter Lebensschritt mit selbstbewussten Entscheidungen und Motiven. Die Autorin, lange Jahre in den Philippinen lebend und arbeitend, berichtet auch \u00fcber die dortigen Ehe- und Geschlechtervorstellungen und wendet sich gegen eine simplifizierende Deutung von Heiratsmigrantinnen als blo\u00dfe Opfer. Plastisch wird ihre Studie durch die F\u00fclle an Einzelschicksalen, mit denen die Autorin ihre Untersuchung anschaulich und farbig untermauern kann.<\/p>\n<p>Wie haben theoretische Gerechtigkeitsdiskussionen die entwicklungspolitischen Debatten der letzten Jahrzehnte gepr\u00e4gt? Thomas Kesselring entfaltet ein philosophisches Panorama mit John Rawls, Amartya Sen, Martha Nussbaum und vielen anderen:<\/p>\n<p>Thomas Kesselring: Ethik der Entwicklungspolitik. Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung, C.H.Beck: M\u00fcnchen 2003, 323 S., ISBN 3-406-50920-7; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor verliert jedoch \u00fcber dem intellektuellen H\u00f6henkamm die praktischen Konsequenzen des Denkens \u00fcber Entwicklungsgerechtigkeit nicht aus dem Blick. Als entscheidend f\u00fcr Fortschritte in den Entwicklungsl\u00e4ndern erachtet er die Internalisierung von Gemeinschaftsvorstellungen in diesen L\u00e4ndern, die eine allgemein akzeptierte Ordnung zur Folge hat, nach der sich dann die jeweilige Gesellschaft entwickeln kann. Da-bei spielen die internationalen Akteure und Institutionen eine wichtige Rolle: Denn wenn die Verteilungsregeln festgelegt werden sollen, m\u00fcssen auch globale Akteure wie WTO, IWF und Weltbank nicht zuletzt aus Gr\u00fcnden der Glaubw\u00fcrdigkeit demokratisiert werden &#8211; vielleicht das wichtigste ethische Problem, vor dem die globalisierte Welt im Moment steht. Auf diese Weise erf\u00fchre die demokratische Entwicklung vor Ort praktischen Anschauungsunterricht hinsichtlich Gleichberechtigung und Teilhabe auch der armen L\u00e4nder am internationalen System.<\/p>\n<p>Praktizierte Ethik verk\u00f6rperte in vielerlei Hinsicht das Leben von Willi Hoss, KPD-Mitglied, Gr\u00fcnen-Mitbegr\u00fcnder und Bundestagsabgeordneter, Daimler-Betriebsrat, engagierter Entwicklungshelfer in Brasilien und Vater der Schauspielerin Nina Hoss. Sein Leben hat der im Jahr 2003 Verstorbene im Gespr\u00e4ch mit dem Herausgeber dem Ton-band anvertraut, aus dem ein sch\u00f6nes Buch mit vielen originellen Fotos entstanden ist:<\/p>\n<p><i>Willi Hoss<\/i>: &#132;Komm ins Offene, Freund&#148;. Autobiographie, hg. v. Peter Kammerer, Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot: M\u00fcnster 2004, 254 S., ISBN 3-89691-552-2; 19,90 Euro<\/p>\n<p>1929 geboren, war Hoss in gewisser Weise ein Au\u00dfenseiter in der die alte Bundesrepublik so entscheidend pr\u00e4genden 1945er-Generation, als &#132;echter&#148; Arbeiter im linken Milieu der 1960er und 1970er Jahre. Der Vater war Mitbegr\u00fcnder der KPD nach 1945 im Rheinland, sechzehnj\u00e4hrig wird Hoss ebenfalls Mitglied der Partei, der er bis zu seinem Ausschluss 1970 angeh\u00f6rt. Seit 1959 arbeitete er als Schwei\u00dfer bei Daimler-Benz in Stuttgart, der 1968 sp\u00e4tabends die studentischen Flugbl\u00e4tter so umformulierte, dass die Arbeiter sie am n\u00e4chsten Morgen verstanden, wenn Hoss um 7 Uhr seine Schicht begann. Ein Leben mit vielen Br\u00fcchen und Wandlungen, jedoch ausgestattet mit dem Optimismus derer, &#132;die praktische Arbeit leisten und deren Fr\u00fcchte sehen und mit H\u00e4nden greifen&#148;, wie der Herausgeber \u00fcber Hoss&#8216; sp\u00e4tes Wirken in Brasilien schreibt. 1984 reiste er als Bundestagsabgeordneter das erste Mal in das Land. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament 1990 engagierte er sich verst\u00e4rkt vor Ort, brachte Daimler-Benz da-zu, Naturfasern aus brasilianischem Anba\u00fc in den Kopfst\u00fctzen von Autos zu verwenden, organisierte Trinkwasserprojekte in Amazonien und setzte sich f\u00fcr die Rechte der Indianer ein; der Ka&#8217;por-Stamm ernannte ihn gar zu seinem Ehrenh\u00e4uptling. Willi Hoss hat es vermocht, die Eine Welt zu einer beeindruckend konkreten Utopie werden zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12018","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dritte Welten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/dritte-welten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Dritte Welten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), 49-55 Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts schienen entwicklungspolitische Diskussionen zusehends an den Rand der \u00d6ffentlichkeit gedr\u00e4ngt. 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