{"id":12023,"date":"2004-06-16T15:00:00","date_gmt":"2004-06-16T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kommunale-selbstverwaltung-in-der-bundesrepublik-eine-kritische-bilanz\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:57","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:57","slug":"kommunale-selbstverwaltung-in-der-bundesrepublik-eine-kritische-bilanz","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/kommunale-selbstverwaltung-in-der-bundesrepublik-eine-kritische-bilanz\/","title":{"rendered":"Kommunale Selbstverwaltung in der Bundesrepublik \u0097 eine kritische Bilanz"},"content":{"rendered":"<p>Der institutionelle Wandel eines Vorzeigemodells unter dem Druck der Globalisierung<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S.91-99<\/p>\n<p><i>Das Modell der kommunalen Selbstverwaltung, wie in Art. 28 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert, ist zum Exportschlager geworden (vgl. z. B. Europ&auml;ische Charta der Kommunalen Selbstverwaltung 1985; Weltcharta kommunale Selbstverwaltung Stand: 2000). Weltweit, aber vor allem im wachsenden Europa existiert damit eine institutionelle Perspektive zur Dynamisierung und Effektivierung politisch-administrativen Entscheidens &ndash; eine vielversprechende Vision f&uuml;r postsozialistische oder postdiktatorische Transformationsl&auml;nder genauso wie f&uuml;r Staaten mit zentralstaatlicher Verwaltungstradition.<\/i><\/p>\n<p>Der Erfolg einer Dezentralisierung von Aufgaben, Ressourcen und politischen Entscheidungsbefugnissen im Verh&auml;ltnis zum Gesamtstaat h&auml;ngt aber nicht allein von der Institutionalisierung des Vorzeigemodells ab. Damit eine b&uuml;rgernahe, sozial gerechte, &ouml;kologisch und wirtschaftlich tragf&auml;hige Politik auf kommunaler Ebene gelingen kann, bedarf es geeigneter Rahmenbedingungen: Im innerstaatlichen, politisch-administrativen Mehrebenensystem m&uuml;ssen faktisch ausreichende rechtliche und finanzielle Handlungsspielr&auml;ume verbleiben. Defizite der Problemverarbeitung des Staates wie beispielsweise Europ&auml;isierung, Politikverflechtung und Verrechtlichung deuten hier bereits auf schwindende kommunale Gestaltungsspielr&auml;ume hin (vgl. dazu: Pamme 2004: 67ff.).<\/p>\n<p>Der Fokus der folgenden &Uuml;berlegungen liegt jedoch woanders. Nicht die rechtlichen und allgemein-politischen Rahmenbedingungen kommunaler Selbstverwaltung stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern der wirtschaftspolitische Kontext lokaler Politik. Zun&auml;chst soll der Frage nachgegangen werden, wie sich verschiedene Kr&auml;fteverschiebungen, die ich als &Ouml;konomisierungstendenzen kennzeichne, auf die Probleml&ouml;sungsf&auml;higkeit und das b&uuml;rgerschaftlich-demokratische Engagement in bundesdeutschen St&auml;dten auswirken. Gleichzeitig ist aber auch Bewegung in das institutionelle Gef&uuml;ge der deutschen Kommunen gekommen. Auch wenn dieser institutionelle Wandel nicht als Reaktion auf die &Ouml;konomisierungstendenzen verstanden werden kann, bleibt fraglich, ob mit diesen Anpassungen die Effektivit&auml;t und Legitimit&auml;t politisch-administrativen und b&uuml;rgerschaftlichen Entscheidens auf kommunaler Ebene erhalten bleiben k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Meine Einsch&auml;tzung f&auml;llt kritisch aus: Das Modell bundesdeutscher kommunaler Selbstverwaltung wird seinem Vorzeigestatus nicht<br \/>mehr gerecht. Trotz einer beachtlichen institutionellen Transformation verbleiben lokale Politiken innerhalb des neo-liberalen Rahmens, den Wirtschaft und Politik auf innerstaatlicher, europ&auml;ischer und globaler Ebene setzen. Dies gilt insbesondere f&uuml;r emanzipatorische Gegenstrategien, die politisches Handeln &bdquo;von unten&rdquo; revolutionieren wollen.<\/p>\n<h5>Kommunale Selbst&shy;ver&shy;wal&shy;tung unter &Ouml;kono&shy;mi&shy;sie&shy;rungs&shy;druck<\/h5>\n<p>Die ver&auml;nderten Bedingungen, unter denen die Kommunen aktuell zu agieren haben, lassen sich zusammenfassend als &Ouml;konomisierungstendenzen charakterisieren. Der Anpassungsdruck, der von diesen &Ouml;konomisierungstendenzen ausgeht, wirkt auf mehreren Handlungsebenen. Lokales politisch-administratives Entscheiden &ouml;konomisiert sich durch<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>eine sich wandelnde Priorit&auml;tensetzung innerhalb der kommunalen Aufgabenerf&uuml;llung im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung, <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>eine Privatisierungs- und Liberalisierungswelle der kommunalen Daseinsvorsorge durch internationale und europ&auml;ische Abkommen, <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>die dramatische Finanznot der Kommunen, die jegliche Probleml&ouml;sung unter den Sachzwang der Haushaltskonsolidierung und Einsparung stellt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Aspekte sollen im Folgenden kurz veranschaulicht werden.<\/p>\n<p>Durch die wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse werden Formen der lokalen und regionalen Wirtschaftsorganisation neu definiert. (Gro&szlig;-)st&auml;dtische &Ouml;konomien in der Bundesrepublik sind immer mehr in die internationale Arbeitsteilung eingebettet. Sie sehen sich internationalen wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen ausgesetzt und stehen unter Europa bzw. weltweiter Standortkonkurrenz. Gerade diese Standortkonkurrenz wird jedoch gleichzeitig auf regionaler bzw. lokaler Ebene f&uuml;r beeinflussbar gehalten, beispielsweise durch institutionelle Ressourcen, neue Produktionsmodelle und unternehmerische Organisationsformen. In der Folge dieser &bdquo;Globalisierung&rdquo; nehmen Ausdifferenzierung und Unterschiede zwischen Gro&szlig;-, Mittel- und Kleinst&auml;dten in wirtschaftlichen Agglomerationen und l&auml;ndlichen Gebieten zu.<\/p>\n<p>Die Kommunalpolitik reagiert auf diese &Ouml;konomisierungstendenzen, indem sie sich an den Kriterien der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit orientiert und sich aktiv an der Schaffung konkurrenzf&auml;higer Standortvorteile beteiligt (Mayer 1998). Im politisch-administrativen Mehrebenensystemkornmt der lokalen Ebene dadurch eine wachsende Relevanz zu, die gleichzeitig daf&uuml;r sorgt, dass sich die Gewichtung zwischen verschiedenen lokalen Politikfeldern verschiebt. Die Bedeutung der lokalen Wirtschaftsf&ouml;rderung, der Stadtentwicklungspolitik und des Stadtmarketings w&auml;chst, da mit ihrer Hilfe die komplexen Bedingungen f&uuml;r einen wirtschaftlich erfolgreichen Standort organisiert werden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Diesem Primat werden lokale Politiken, die auf einen sozialen Ausgleich oder auf den Vorrang &ouml;kologischer Tragf&auml;higkeit setzen, untergeordnet. Dies geschieht, obwohl der Umbau sozialstaatlicher Rechte und Dienstleistungen von welfare zu workfare (Mayer 1998:430f.) auf der nationalen Ebene zusammen mit der gleichbleibend hohen Arbeitslosigkeit die lokale Ebene mit neuen sozialen Problemen und Polarisierungen konfrontiert. Augenf&auml;llig wird diese Verschiebung und Polarisierung an folgendem Beispiel: Obdachlose, Hausbesetzer oder Drogens&uuml;chtige gelten unter den Vorzeichen globaler Standortkonkurrenz nicht mehr als Symptome sozialer Ungleichheit, sondern vielmehr als Probleme der &ouml;ffentlichen Sicherheit und Ordnung. Im Sinne der Standort-pflege sind sie aus dem Stadtbild zu entfernen. Politiken, die auf eine &ouml;kologische Tragf&auml;higkeit gerichtet sind, wie beispielsweise ein nachhaltiger Fl&auml;chenverbrauch durch kompakte Siedlungsstrukturen mit einer Nutzungsmischung von Wohnen, Arbeiten, Versorgen und Erholung fallen in dieser neuen Priorit&auml;tensetzung dem Aus- und Umbau der Innenst&auml;dte zu produktionsorientierten Dienstleistungszentren oder dem Bau von Einkaufs- und Erlebniszentren auf der &bdquo;gr&uuml;nen Wiese&rdquo; zum Opfer.<\/p>\n<p>Diese Beschneidung der Durchsetzung &ouml;kologischer Belange wird durch die Privatisierungs- und Liberalisierungswelle in der kommunalen Daseinsvorsorge weiter verst&auml;rkt. Privatisierungen und Liberalisierungen betreffen bereits jetzt oder aber in Zukunft die Energie- und Wasserversorgung, die Abfallversorgung sowie den &Ouml;ffentlichen Personen-Nahverkehr (Bogumil(Holtkamp 2002). Sie wer-den angesto&szlig;en durch<\/p>\n<p>&mdash;&nbsp;den Gats-Vertrag, mit dem die fortschreitende Liberalisierung des Dienstleistungssektors als wesentliches Ziel des internationalen Handels festgeschrieben wurde,<br \/>&mdash;&nbsp;europ&auml;ische Vorschriften wie z. B. das europ&auml;ische Vergaberecht, mit denen die grenz&uuml;berschreitende Waren- und Dienstleistungsfreiheit im europ&auml;ischen Binnenmarkt verwirklicht werden soll.<br \/>Auch wenn der aktuelle Stand der Liberalisierung und Privatisierung in den einzelnen Bereichen unterschiedlich ist, steht jetzt schon fest, dass die kommunale Aufgabenerf&uuml;llung und Probleml&ouml;sungskompetenz dadurch vor einem tiefgreifenden Umbruch steht. Dies betrifft vor allem die mit der kommunalen Daseinsversorgung verbundenen umweltpolitischen Aspekte wie Klimaschutz, Abfallvermeidung oder die Qualit&auml;t der Wasser ver- und -entsorgung. Unabh&auml;ngig von der Form der Privatisierung und der Reichweite der Liberalisierung in den spezifischen Aufgabenbereichen lassen sich f&uuml;r die Effektivit&auml;t der Probleml&ouml;sung folgende Einschr&auml;nkungen absch&auml;tzen:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>&nbsp;Die Privatisierung ehemals &ouml;ffentlicher G&uuml;ter f&uuml;hrt zu einer Verschiebung der Entscheidungspr&auml;missen. Sozial-&ouml;kologische Problemformulierungen geraten unter den Druck von Gewinnmaximierungsbestrebungen. Ein Beispiel: W&auml;hrend sich Strategien ressourcensparender Stoffstr&ouml;me und Produktionsweisen langsam durchsetzen, droht im Zeichen der Privatisierung ein versch&auml;rfter Wettbewerb, der zusehends den Handel mit Abf&auml;llen betriebswirtschaftlich lukrativ macht. Wer jedoch an Abf&auml;llen verdient, wird sie kaum abschaffen wollen. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Ganze Verm&ouml;gensprivatisierungen (&bdquo;Verkauf des Tafelsilbers&#8220;) bergen einen gro&szlig;en Steuerungsverlust f&uuml;r die Kommunalpolitik. Es besteht zwar die M&ouml;glichkeit, bei der &Uuml;bertragung des Eigentums spezifische sozial-&ouml;kologische Zielsetzungen in den Vertr&auml;gen zu verankern. Ob sich diese dann in den oligopolistischen bzw. gar monopolistischen M&auml;rkten im Bereich der Energie-und Abfallversorgung durchsetzen lassen, scheint aber &uuml;beraus fraglich.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Werden ehemals kommunale Wirtschaftsbetriebe in privater Rechtsform unter Beteiligung der Kommune fortgef&uuml;hrt, bleiben die Steuerungsverluste zwar geringer, k&ouml;nnen aber nicht ausgeschlossen werden. Die nun allein privat-wirtschaftlichen Unternehmen sind aus Wirtschaftlichkeitsgr&uuml;nden auf eine eigenst&auml;ndige Unternehmenspolitik angewiesen, bei der unsicher ist, inwiefern dabei politische Priorit&auml;tensetzungen der Kommune ber&uuml;cksichtigt werden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf das b&uuml;rgerschaftliche Engagement l&auml;sst sich absch&auml;tzen, dass immer mehr Funktionen der Daseinsvorsorge ihre lokalen Anbindungen und damit ihre Bedeutung als lokales Identifikationssymbol verlieren. Gleichzeitig verringert sich die &bdquo;Entscheidungsmasse&rdquo;, &uuml;ber die in formellen oder informellen Beteiligungsstrukturen entschieden werden kann.<\/p>\n<p>Der Gestaltungsspielraum der Kommunen wird schlie&szlig;lich durch die &bdquo;bisher gr&ouml;&szlig;te Finanzkrise der Kommunen&#8220; (Gemeindefinanzbericht 2003: 6) massiv eingeschr&auml;nkt. Die Folgen f&uuml;r die kommunale Ebene sind desolat: Das Defizit der Gemeindefinanzen wird f&uuml;r 2003 auf eine Rekordh&ouml;he von &uuml;ber zehn Milliarden Euro gesch&auml;tzt. Die H&ouml;he der kommunalen Investitionen sinkt seit 1992 kontinuierlich. In den Kommunen kann aber nicht nur nicht mehr in eine neue und moderne wirtschaftliche, soziale und kulturelle Infrastruktur investiert werden; die kommunalen Gebietsk&ouml;rperschaften laufen dar&uuml;ber hinaus Gefahr, ihre dauernde finanzielle Leistungsf&auml;higkeit und damit ihre allgemeine Handlungsf&auml;higkeit zu verlieren. Damit bedrohen die Einsparerfordernisse nicht mehr wie in fr&uuml;heren Zeiten die freiwilligen Aufgaben kommunaler Selbstverwaltung, sondern bundes- und landesgesetzlich festgeschriebene Leistungen, f&uuml;r deren Vollzug die Kommunen verantwortlich sind. Alle kommunalpolitischen Entscheidungen stehen also unter Sparzwang und den Anspr&uuml;chen der Hauthalskonsolidierung. Erholung hat man sich in den vergangenen Jahren von Verm&ouml;gens-, Verfahrens- oder funktionellen Privatisierungen versprochen (s.o.) und damit den damit einhergehenden Steuerungsverlust in Kauf genommen, in Kauf nehmen m&uuml;ssen. Die Einmalgewinne der Outsourcing-Strategien konnte die Haushalte zwar kurzfristig entlasten, inzwischen sind die gr&ouml;&szlig;ten Steckpolster aber aufgebraucht. Die massiven Proteste der St&auml;dte gegen die geplante Gemeindefinanzreform (Gemeindefinanzierungsbericht 2003: 4f.) zeigen, dass mittelfristig wahrscheinlich keine befriedigende Entlastung durch eine Umverteilung der f&ouml;deralen Finanzmasse zu erwarten ist &mdash; kein Wunder angesichts der insgesamt leeren, &ouml;ffentlichen Kassen. Unter diesem dramatischen Druck stehen damit alle Fragen inhaltlicher Politikgestaltung. Gehen beispielsweise Aspekte &ouml;kologischer Tragf&auml;higkeit mit &ouml;konomischen Einsparpotenzialen einher, finden sie auf kommunaler Ebene gro&szlig;e Resonanz. Dies gilt u.a. f&uuml;r Umweltmanagement und -controllingsysteme, deren Potenzial zur Senkung des Heiz- und Stromverbrauches und damit zu finanziellen Einsparungen relativ hoch ist (vgl. ausf&uuml;hrlich: Pamme 2004: 212ff.). Umweltpolitisch notwendige Umstrukturierungen, die kurz- oder mittelfristig Kosten verursachen, rangieren aufgrund der sozialpolitischen Herausforderungen in der Bundesrepublik immer mehr unter ferner liefen. B&uuml;rgerschaftliches Engagement kann sich inhaltlich nur innerhalb dieser Schranken bewegen und wird gleichzeitig durch diesen Anpassungsdruck hervorgerufen.<\/p>\n<h5>Insti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;neller Wandel des Vorzei&shy;ge&shy;mo&shy;dells<\/h5>\n<p>Die innere Ordnung der kommunalen Selbstverwaltung hat sich in den letzten 10-15 Jahren ver&auml;ndert durch (vgl. Bogumi12001)<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>die Reform der Kommunalverfassungen <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>durch die &Ouml;ffnung formaler Politikmuster<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;f&uuml;r die breite Beteiligung der Zivilgesellschaft sowie<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;3.&nbsp; durch die Strategien der Verwaltungsmodernisierung.<\/p>\n<p><i>1. Die Reform der Kommunalverfassungen<\/i><\/p>\n<p>Mit der Reform der Kommunalverfassungen sind die Direktwahl des B&uuml;rgermeisters sowie B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheid fl&auml;chendeckend in der Bundesrepublik eingef&uuml;hrt worden (zur &Uuml;bersicht: Bogumil 2001: 174ff.).<\/p>\n<p>Mit den Entscheidungen aller 16 Bundesl&auml;nder zwischen 1991 und 1996, den B&uuml;rgermeister direkt w&auml;hlen zu lassen und Entscheidungskompetenzen bei ihm zu b&uuml;ndeln, hat man sich auf lokaler Ebene f&uuml;r eine F&uuml;hrungsorganisation entschieden, die als Inbegriff einer direktdemokratisch legitimierten, effektiven Form kommunaler Selbstverwaltung gilt und bis zur Reformwelle nur in Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg zur Anwendung gekommen ist. In direkter Konkurrenz stand diese sog. S&uuml;ddeutsche Ratsverfassung insbesondere mit der Norddeutschen Ratsverfassung, in der die repr&auml;sentativ-demokratisch legitimierten<br \/>Entscheidungsbefugnisse sich eher beim Gemeinderat konzentrierten. Die f&uuml;hrungsorganisatorische Struktur der Norddeutschen Ratsverfassung geriet jedoch insbesondere hinsichtlich ihrer &bdquo;Doppelspitze&rdquo; aus B&uuml;rgermeister und Gemeindedirektor in den Ruf, einer leistungsf&auml;higen Politiksteuerung nicht mehr gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung, die auf den ersten Blick wie ein Siegeszug der S&uuml;ddeutschen Ratsverfassung anmutet, ist jedoch nicht so homogen, wie sie scheint. Die konkrete Ausgestaltung der Kompetenzverteilung zwischen Rat, Verwaltung und B&uuml;rgermeister bleibt unterschiedlich. Inwiefern mit den Reformen bzw. Neueinf&uuml;hrungen verschiedener Spielarten der S&uuml;ddeutschen Ratsverfassung also tats&auml;chlich eine Steigerung der Verwaltungseffektivit&auml;t erreicht werden konnte, muss erst empirisch untersucht werden. In Nordrhein-Westfalen ist beispielsweise gleichzeitig die exekutive Macht des B&uuml;rgermeisters und die Stellung der Gemeindevertretung gest&auml;rkt worden (Bogumil 2001: 192ff.). Diese St&auml;rkung vermag die Macht der Parteien aufgrund der gesteigerten Legitimit&auml;t des B&uuml;rgermeisters m&ouml;glicherweise zu verringern und die politische Steuerungsf&auml;higkeit zu erh&ouml;hen. In F&auml;llen, in denen der B&uuml;rgermeister seine Wiederwahl aber eher an den antizipierten Schwerpunktsetzungen der B&uuml;rger als an denen seiner Partei orientiert bzw. in denen er ein anderes Parteibuch als die Mehrheitsfraktion im Rat besitzt, entstehen neue Blockadem&ouml;glichkeiten, die einer effektiven Verwaltung zuwiderlaufen. Was dieses im Hinblick auf sozial-&ouml;kologische Transformationspolitiken bedeuten kann, kann nur vermutet werden. Mit dieser Reform der Kommunalverfassung ist die politisch-administrative Elite gest&auml;rkt worden. Der Vorrang wirtschaftspolitischer Erw&auml;gungen, der das lokale Entscheidungssystem und seine Entscheidungsprozesse kennzeichnet, wird sich in Zeiten erh&ouml;hten &Ouml;konomisierungsdrucks also wahrscheinlich eher verfestigen als verfl&uuml;ssigen.<\/p>\n<p>Parallel mit der fl&auml;chendeckenden Einf&uuml;hrung der Direktwahl des B&uuml;rgermeisters sind in allen Bundesl&auml;ndern direktdemokratische Elemente eingef&uuml;hrt worden (Bogumil 2001: 195ff.). Von der &Ouml;ffnung des lokalen politisch-administrativen Systems insbesondere durch B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheid haben sich die Landespolitiker der Republik eine gr&ouml;&szlig;ere inhaltliche Mitgestaltungsm&ouml;glichkeit von unorganisierten B&uuml;rgern in der Kommunalpolitik und damit eine gr&ouml;&szlig;ere direktdemokratische Legitimit&auml;t versprochen. Es sollten wirksame Gegenwichte institutionalisiert werden, um die herrschenden Willensbildungs- und Entscheidungsstrukturen zu ver&auml;ndern und um auf die Probleml&ouml;sungskompetenz der lokalen Ebene Einfluss zu nehmen.<\/p>\n<p>Empirische Untersuchungen zur Praxis von B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheid zeigen, dass die erwarteten Effekte hinsichtlich von Probleml&ouml;sungseffektivit&auml;t und Legitimit&auml;t hinter den Erwartungen zur&uuml;ck geblieben sind (z.B. Kost 1999, zur &Uuml;bersicht: Bogumi12001: 197ff.): Demnach hat die Einf&uuml;hrung direkt-demokratischer Elemente nicht zu einem R&uuml;ckgang der etablierten wahl-, parteien- und verbandf&ouml;rmigen Partizipation gef&uuml;hrt. Sie wurden vielmehr funktional erg&auml;nzt. Je nach Situation w&auml;hlen B&uuml;rger aus, durch welche Art der Einmischung politische Ziele am ehesten erreicht werden k&ouml;nnen. Von Bedeutung sind eher indirekte Wirkungen: Die &ouml;ffentlichkeitswirksame Darstellung der Themen, die im Rahmen von B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheiden zur Entscheidung stehen, f&uuml;hrt zu einer breiteren Information der lokalen &Ouml;ffentlichkeit. Kommunale Entscheidungsprozesse werden so teilweise &uuml;ber den Kreis lokaler Eliten hinaus ge&ouml;ffnet. B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheid k&ouml;nnen damit zwar nicht als institutionelle Gegengewichte, wohl aber als Instrumente, die die lokalen Willensbildungs und Entscheidungsprozesse dynamisieren, verstanden werden.<\/p>\n<p>Was die Effektivit&auml;t der Probleml&ouml;sung betrifft, gilt &auml;hnliches: Die B&uuml;rgerentscheide in NRW haben nicht dazu gef&uuml;hrt, dass B&uuml;rger in nennenswertem Ausma&szlig; weitreichende kommunalpolitische Beschl&uuml;sse anstelle der Kommunalvertretungen treffen. Die Zahl der erfolgreichen B&uuml;rgerentscheide zeigt, dass der Stadtrat nichts an politischer Macht eingeb&uuml;&szlig;t hat. Nicht unerheblich sind dagegen auch hier indirekte Wirkungen: Wie ein Damoklesschwert schwebt &uuml;ber dem lokalpolitischen Entscheidungsprozess die M&ouml;glichkeit, dass sich B&uuml;rger durch direktdemokratische Verfahren Mitgestaltung sichern. Von dieser M&ouml;glichkeit geht ein Kooperations- und Antizipationszwang auf Seiten des Rates aus.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die inhaltlichen Probleml&ouml;sungsanspr&uuml;che best&auml;tigt sich auch im Zuge der Reform der Kommunalverfassungen die alte These, dass direktdemokratische Politik &bdquo;konservativ&rdquo; ist und B&uuml;rger dazu neigen, innovative Ma&szlig;nahmen zu verwerfen (Kost 1999: 147ff.). In den 1980er Jahren mag diese Innovationsfeindlichkeit dazu gef&uuml;hrt haben, dass sich alternative Probleml&ouml;sungsstrategien der neuen sozialen Bewegungen auf kommunaler Ebene nicht durchsetzen konnten. Vor dem Hintergrund des oben geschilderten &Ouml;konomisierungsdrucks k&ouml;nnten die direktdemokratischen Formen das Potenzial bergen, Privatisierungs- und Liberalisierungsstrategien zu blockieren und &Ouml;konomisierungstendenzen abzufedern. Inwiefern damit aber gleichzeitig konstruktive Probleml&ouml;sungsvarianten einher-gehen, die in Zeiten der &Ouml;konomisierung Antworten auf finanzpolitische bzw. sozial-&ouml;kologische Fragestellungen bieten, muss offen bleiben.<\/p>\n<p><i>2. &Ouml;ffnung des politisch-administrativen Systems f&uuml;r Formen kooperativer Demokratie<\/i><\/p>\n<p>Neben dieser Erweiterung der formellen Beteiligungsformen hat auch auf Seiten der informellen Beteiligungspraxis ein Wandel statt-gefunden (zur &Uuml;bersicht: Bogumil 2001: 211ff.). Auf lokaler Ebene halten immer st&auml;rker kooperative Formen von Demokratie Einzug, bei denen B&uuml;rger und Verb&auml;nde im Rahmen gesetzlich nicht vorgeschriebener, dialogisch orientierter und auf kooperative Probleml&ouml;sung angelegter Verfahren bei der Politikformulierung und Politikumsetzung mitwirken. Neben den traditionellen Formen der Verb&auml;ndebeteiligung geh&ouml;ren hierzu vor allem neue Methoden informeller Beteiligung wie Mediationsverfahren, Zukunftswerkst&auml;tten, Runde Tische und Planungszellen, aufgaben-spezifische Koordinations- und Lenkungskreise wie Regionalkonferenzen im Rahmen der Strukturpolitik, Arbeitsmarkt-, Pflege- oder Stadtteilkonferenzen sowie neue Einflusskan&auml;le auf politisch-administratives Entscheiden durch B&uuml;rgerhaushalte und Lokale Agenda 21-Prozesse und schlie&szlig;lich alle Formen b&uuml;rgerschaftlichen Engagements im Sinne der Mitgestaltung an der Dienstleistungsproduktion. B&uuml;rger und Verb&auml;nde werden idealtypisch also als Koplaner bzw. Koproduzenten im Rahmen der &ouml;ffentlichen Aufgabenwahrnehmung t&auml;tig. Hintergrund f&uuml;r die breitere und ver&auml;nderte Beteiligungsstruktur von B&uuml;rgern und Verb&auml;nden sind einerseits ineffektive Resultate bei allein staatlich verordneten Probleml&ouml;sungen. Diesem sog. Defizit hierarchischer Steuerung wird im Rahmen eines allgemeinen Wandels von Staatlichkeit abgeholfen durch eine &Ouml;ffnung des politisch-administrativen Systems f&uuml;r das Steuerungswissen der Zivilgesellschaft. Andererseits sind alle Ebenen staatlichen Handelns durch die leeren &ouml;ffentlichen Kassen auf die Koproduktion ihrer B&uuml;rger zum Erhalt st&auml;dtischer Infrastruktur &ndash; Schwimmb&auml;der, Sportst&auml;tten, aber auch soziale Beratungsangebote &ndash; angewiesen. Insgesamt geben Kommunalpolitik und -verwaltung also in einzelnen, klar umrissenen Fragen legitimatorische Kompetenzen an die Gremien kooperativer Demokratie ab. Gleichzeitig &bdquo;ist dieser Machtverlust nicht zu hoch einzusch&auml;tzen, denn in der Regel wird nur ein kleiner Teil der Verantwortung auf die B&uuml;rger &uuml;bertragen. Alle grundlegenden Fragen der st&auml;dtischen Gesamtentwicklung unterliegen weiter der Verantwortlichkeit der Kommunalpolitik. Kooperative Demokratie findet immer nur im Schatten der Hierarchie bzw. des Mehrheitsprinzips statt. Die hier entstehenden Verhaltungszw&auml;nge sind nicht so weitreichend, wie der Aufbau von Vetopositionen durch direktdemokratische Elemente.&rdquo; (Bogumi12001: 238) Demgegen&uuml;ber kann die Effektivit&auml;t kommunaler Entscheidungen im Bereich der Koproduktion leicht verbessert werden, wenn es in ausreichendem Ma&szlig;e gelingt, die Selbststeuerungspotenziale der Zivilgesellschaft auszunutzen. Diese Effektivit&auml;tssteigerungen gehen jedoch nur selten mit Effizienzsteigerungen einher. Finanzielle Vorteile ergeben sich erst, wenn durch koproduktive Dienstleistungserbringung tats&auml;chlich st&auml;dtisches Personal eingespart werden kann, was aber nur geringf&uuml;gig der Fall ist. Mit Blick auf die Rolle der B&uuml;rger als Koplaner zeigt sich, dass dialogorientierte Verfahren durchaus in der Lage sind, Lernprozesse zwischen B&uuml;rger und Verwaltung anzusto&szlig;en. Der Konsens mit den Adressaten und Betroffenen vermag ehemalige Entscheidungsblockaden aufzul&ouml;sen, Widerst&auml;nde zu reduzieren und insgesamt zu einem verbesserten Vollzug lokaler Aufgaben f&uuml;hren (Bogumil 2001: 250f.).<\/p>\n<p>Mit Blick auf die spezifischen Anforderungen, die allerdings der &Ouml;konomisierungsdruck auf die St&auml;dte und Gemeinden aus&uuml;bt, sind dieser gestiegenen Effektivit&auml;t Grenzen gesetzt. Der historische Blick auf die gestiegenen Partizipationsm&ouml;glichkeiten im Rahmen der partizipativen Revolution der 1970er Jahre sowie eine umfassende Auswertung von Lokalen Agenda 21-Prozessen zeigen, dass eine Bewertung der Probleml&ouml;sungskompetenz formeller und in-formeller Beteiligungsverfahren immer auch vor dem Hintergrund der Gesamtentwicklung der lokalen Ebene zu betrachten ist (Pamme 2004: 86ff., 179ff.). Die Reichweite der erweiterten Partizipationschancen wurde damals insbesondere durch den sinkenden lokalen Gestaltungsspielraum aufgrund massiv ansteigender Verrechtlichungstendenzen im f&ouml;deralen Bundesstaat begrenzt. Heute sind die Grenzen durch das Wettbewerbs- und Standortprimat der Globalisierung und die dramatische Finanznot der &ouml;ffentlichen und insbesondere der kommunalen Kassen weit enger gesteckt. Sozial-&ouml;kologische Probleml&ouml;sungen auf der kommunalen Ebene sind nur innerhalb dieses Korridors bzw. in ausgesuchten Nischen zu erwarten.<\/p>\n<p><i>3. Verwaltungsmodernisierung auf kommunaler Ebene<\/i><\/p>\n<p>Unter dem Leitbild der B&uuml;rgerkommune haben Formen kooperativer Demokratie auch Ein-gang in die Diskussion um die Verwaltungsmodernisierung gefunden. Nach einer konzeptionellen Neuorientierung des Neuen Steuerungsmodells (NSM) entstanden, sollen die verfahrenen Ergebnisse einer breiten, aber kaum tiefgreifenden Modernisierungsbewegung eine neue Dynamik erhalten. Mit der Frage, inwiefern NSM und das Leitbild der B&uuml;rgerkommune die Effektivit&auml;t und Legitimit&auml;t kommunalen Handelns ver&auml;ndert haben, greife ich aus dem heterogenen B&uuml;ndel kommunaler Modernisierungsma&szlig;nahmen zwei prominente Konzepte heraus (umfassend: Blanke u.a. 2001).<\/p>\n<p>Konzeptionelle Kernelemente des NSM sind eine Neubestimmung des Verh&auml;ltnisses von Politik und Verwaltung durch eine auf Leistungs- und Wirkungsparameter gerichtete Arbeitsweise der Verwaltung. Die Verwaltung wird im NSM mittels Leitbildern, Zielvereinbarungen und Berichtswesen von der Politik gesteuert. Die Leistungsf&auml;higkeit und Wirtschaftlichkeit soll verwaltungsintern durch die Umstrukturierung der Verwaltung in ein konzern&auml;hnliches Dienstleistungsunternehmen er-reicht werden. Damit einhergehend wird das Verh&auml;ltnis zu den B&uuml;rgern (=Kunden) durch die Einf&uuml;hrung von Wettbewerb und Kundenbefragungen auf eine neue Basis gestellt.<\/p>\n<p>Diese Leitlinien des NSM haben seit Mitte der 1990er Jahre in den Mittel- und Gro&szlig;st&auml;dten der Bundesrepublik fl&auml;chendeckende Verbreitung gefunden (Bogumil 2001: 108ff., Pamme 2004: 74ff.) Auch wenn eine wissenschaftlich systematische Begleitforschung der kommunalen Reformprozesse fehlt, best&auml;tigen erste quantitative und qualitative Untersuchungen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des NSM: Sie zeigen, dass zwischen der Konzeption und der Umsetzung des NSM eine breite L&uuml;cke klafft. Verursacht ist diese Entwicklung nicht zuletzt durch eine Verengung der Konzeption auf eine reine Binnenmodernisierung ab Mitte der 1990er Jahre. Es &uuml;berwog die Einf&uuml;hrung betriebswirtschaftlicher Instrumente wie der Budgetierung, der Kosten-und Leistungsrechnung, der dezentralen Ressourcenverantwortung, des Controllings und der Produktbeschreibung, ohne dass gleichzeitig das Verh&auml;ltnis zwischen Politik und Verwaltung bzw. Verwaltung und B&uuml;rgern &mdash; bei-des zentrale Elemente in der Konzeption des NSM &mdash; in den praktischen Umsetzungsstrategien ber&uuml;cksichtigt worden sind. Diese Reduktion des Konzepts hat dazu gef&uuml;hrt, dass das NSM mit klassischen Strategien der Haushaltskonsolidierung verquickt wurde und von dem ver&auml;nderten Steuerungsanspruch nur Sparstrategien &uuml;brig geblieben sind. Damit wird die lokale Finanzkrise zum Motor und zum Hemmnis der Modernisierungsbem&uuml;hungen. Die Auswirkungen der Modernisierungsbem&uuml;hungen liegen daher im wesentlichen in einer St&auml;rkung der Effizienzorientierung der Kommunalverwaltung zu Lasten probleml&ouml;sungsspezifischer Aufgabenerledigung. Die Umsetzung des NSM als Aspekt des institutionellen Wandels kommunaler Selbstverwaltung kann daher insgesamt eher als Form der Kanalisierung des &Ouml;konomisierungsdrucks verstanden werden, keinesfalls aber als effektive Reform. Dabei zeigte sich, dass auch die mangelnde Legitimation der Umsetzungsma&szlig;nahmen bei den Verwaltungsmitarbeitern f&uuml;r das Versanden der Modernisierung verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Fraglich ist, ob das Leitbild der B&uuml;rgerkommune, das ja auch im Au&szlig;enverh&auml;ltnis f&uuml;r eine erweiterte Legitimation der Kommune sorgen sollte, Abhilfe schafft. Kerngedankender B&uuml;rgerkommune ist es, die B&uuml;rger bei der Produktion und Bereitstellung von kommunalen G&uuml;tern aktiv zu beteiligen und zwar als Koplaner oder Koproduzent (s.o.). Dieser Verweis zeigt auch, dass es sich bei der B&uuml;rgerkommune nicht unbedingt um einen Zukunftsentwurf handelt, sondern h&auml;ufig um bereits etablierte Alltagspraxis. Anlass f&uuml;r die so hervorgehobenen Beteiligungsm&ouml;glichkeiten sind dar&uuml;ber hinaus h&auml;ufig Wahlinteressen der Rats- und Parteipolitiker sowie &mdash; wieder ein-mal &mdash; die Zw&auml;nge der Haushaltskonsolidierung. Trotzdem scheint es so, dass es unter bestimmten Bedingungen auch zu einer Qualit&auml;tssteigerung von &ouml;ffentlichen Dienstleistungen und zu mehr Mitsprachem&ouml;glichkeiten f&uuml;r die B&uuml;rger kommt (Bogumi12001: 227f.). Mit Blick auf eine St&auml;rkung sozial-&ouml;kologischer Priorit&auml;ten in kommunalen Entscheidungsprozessen ist allerdings Vorsicht geboten. Die durchaus gelungene quantitative und qualitative Ausweitung von Beteiligungsm&ouml;glichkeit verbleibt innerhalb des herrschenden Entwicklungsweges. Die mangelnde Entscheidungs&uuml;bertragung und ihre politisch-administrative Beliebigkeit sind institutionell zu schwach, um dem &Ouml;konomisierungsdruck stand zu halten.<\/p>\n<p>Es zeigt sich, dass die kommunale Selbstverwaltung in der Bundesrepublik als &bdquo;Probleml&ouml;sung vor Ort&rdquo; und &bdquo;Schule der Demokratie&rdquo; neben den rechtlichen und allgemein politischen Rahmenbedingungen beachtlichen Restriktionen durch &Ouml;konomisierungstendenzen unterworfen ist. Der institutionelle Wandel, der sich in den letzten Jahren auf kommunaler Ebene abgespielt hat, f&uuml;hrte nicht dazu, dass dem &ouml;konomischen Anpassungsdruck wirklich Paroli geboten werden konnte. Effektivit&auml;t und&nbsp;&nbsp; Legitimit&auml;tserfordernisse sind in weiten Teilen lediglich an externe und interne &ouml;konomische Sachzw&auml;nge angepasst worden. Trotz der institutionellen Transformation erodiert der Gestaltungsspielraum des Vorzeigemodells weiter. Die Analyse verweist auf die Gefahr, dass der institutionelle Exportschlager kommunale Selbstverwaltung allein zum Placeboeffekt verkommen kann, wenn es von Staaten, die weitaus weniger stabil sind als die Bundesrepublik und die dem &ouml;konomischen Druck viel st&auml;rker ausgesetzt sind, kopiert wird. Das ist kein Pl&auml;doyer gegen die kommunale Selbstverwaltung, sondern vielmehr ein Aufruf, dass lokalpolitisches Handeln mit sozial-&ouml;kologischer Reformabsicht massiv durch die Politiken der anderen Ebenen unterst&uuml;tzt und nicht konterkariert werden muss. Es schlie&szlig;t sich der Kreis: Von den Kommunen ist nur dann eine Gegenmacht in Zeiten der Globalisierung zu erwarten, wenn rechtlich, politische und &ouml;konomische Rahmenbedingungen geschaffen werden &mdash; so paradox das heute klingen mag.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Blanke, Bernhard et al. (Hg.) 2001: Handbuch zur Verwaltungsreform, Opladen<br \/>Bogumil, J&ouml;rg 2001: Modernisierung lokaler Politik. Kommunale Entscheidungsprozesse im Spannungsfeld zwischen Parteienwettbewerb, Verhandlungszw&auml;ngen und &Ouml;konomisierung, Baden -Baden Bogumil, J&ouml;rg\/Holtkamp, Lars 2002: Liberalisierung und Privatisierung kommunaler Aufgaben &mdash; Auswirkungen auf das kommunale Entscheidungssystem; in: Libbe, Jens et al (Hg.) 2002: Liberalisierung und Privatisierung kommunaler Aufgabenerf&uuml;llung, (= Difu-Beitr&auml;ge zur Stadtforschung 37), Berlin, S 71-87 Europ&auml;ische Charta der Kommunalen Selbstverwaltung 1985: ver&ouml;ffentlicht unter http;h www.frisians.de\/ets122d.htm, Stand 9.12.2003 Gemeindefinanzbericht 2003: Kurzfassung; in: Der St&auml;dtetag H. 9, S. 4-9<br \/>Kost, Andreas 1999: B&uuml;rgerbegehren und B&uuml;rgerentscheid. Genese, Programm und Wirkungen am Beispiel Nordrhein-Westfalens, Schwalbach<br \/>Mayer, Margit 1998: Kritische Stadtforschung; in: G&ouml;rg, Christoph\/Roth, Roland (Hg.): Kein Staat zu machen &mdash; zur Kritik der Sozialwissenschaften, M&uuml;nster, S. 427-445<br \/>Pamme, Hildegard 2004: Organisation lokaler Nachhaltigkeit. Beharrung und Wandel auf kommunaler Ebene aus strukturationstheoretischer Sicht. Duisburg unter <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/http%3A\/www\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www<\/a>. ub.uni-duisburg.de\/ETD-dbltheses\/available\/ duett-03242004-110630\/<br \/>Weltcharta kommunale Selbstverwaltung 2000;<br \/>ver&ouml;ffentlicht unter <a href=\"http:\/\/www.rgre.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.rgre.de\/<\/a> pages\/ charta.PDF, Stand: 9.12.2003<br \/>Erosion des kommunalen Gestaltungsspielraums<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2321],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12023","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hildegard-pamme","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kommunale Selbstverwaltung in der Bundesrepublik \u0097 eine kritische Bilanz - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/kommunale-selbstverwaltung-in-der-bundesrepublik-eine-kritische-bilanz\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kommunale Selbstverwaltung in der Bundesrepublik \u0097 eine kritische Bilanz - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der institutionelle Wandel eines Vorzeigemodells unter dem Druck der Globalisierung aus: Vorg&auml;nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S.91-99 Das Modell der kommunalen Selbstverwaltung, wie in Art. 28 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert, ist zum Exportschlager geworden (vgl. z. 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