{"id":12025,"date":"2004-06-16T14:00:00","date_gmt":"2004-06-16T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\/","title":{"rendered":"Kritische Gesellschaftstheorie, einfach gewendet"},"content":{"rendered":"<p>Nancy Fraser und Axel Honneth streiten \u00fcber Umverteilung und Anerkennung<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 106-108<\/p>\n<p><i>Man sollte meinen, es gebe in Zeiten der Globalisierung, der neuen Konfliktformen und -formationen anhand kultureller, religi\u00f6ser, ethnischer oder sonstiger Bruchstellen, den Rezessionstendenzen in der Wirtschaft, dem prek\u00e4ren Sozialstaat und dem Auseinanderdriften von Reich und Arm in den westlichen Gesellschaften dringlicheres als eine Debatte dar\u00fcber, ob Anerkennung und Umverteilung zweidimensional oder monistisch zu verstehen sind. Schnell dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, hier werde eine Frage von der Relevanz scholastischer Dispute verhandelt. Dieser Eindruck jedoch t\u00e4uscht, denn tats\u00e4chlich werden zentrale Fragen von Gerechtigkeit einer tiefgehenden Er\u00f6rterung unterworfen. Doch was ist der Ertrag einer Debatte, wie sie Nancy Fraser, Professorin an der New School University in New York, und Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung, so publikumswirksam mit zwei ausf\u00fchrlichen Expositionen, einer Erwiderung und einer Entgegnung zelebrieren?<\/i><\/p>\n<p><i>Nancy FraserlAxel Honneth: <\/i>Umverteilung<br \/>oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003; 306 S., ISBN 3-518-29060-6; 13,- Euro<\/p>\n<p>Honneth und Fraser sehen sich beide der kritischen Gesellschaftstheorie verpflichtet. Diese hat durch die Arbeiten von Charles Taylor und Axel Honneth, die den Hegelschen Begriff der Anerkennung interpretiert haben, eine neue Dimension gewonnen; Honneth selbst spricht von einer &#132;anerkennungstheoretischen Wende&#148; (132) der Marx&#8217;schen Theorietradition. Doch worum geht es bei der Anerkennung? Schauen wir zun\u00e4chst auf die Auskunft, die wir von Nancy Fraser erhalten. Anders als die Forderung nach Umverteilung, die sich aus unterschiedlichen \u00f6konomischen Lagen ergibt, zielt der Begriff der Anerkennung ihr zufolge zun\u00e4chst auf die Beseitigung diskriminierender Statusdifferenzen die sich an Geschlecht, ethnischer Herkunft oder sexueller Pr\u00e4ferenz festmachen. Anerkennung bedeutet in ihrer allgemeinen Formulierung die Absage an eine Art von kultureller Dominanz jedweder Art und eine Bef\u00fcrwortung von Differenz, Andersheit, kultureller Pluralit\u00e4t. Anerkennung hei\u00dft dar\u00fcber hinaus, Menschen die M\u00f6glichkeit zu geben, ihre Identit\u00e4t auszubilden und zu leben: sei es in ihrer sexuellen Pr\u00e4ferenz, sei es in ihren kulturellen Gebr\u00e4uchen (sicherlich durchaus innerhalb vern\u00fcnftiger Grenzen), sei es in der Unterschiedlichkeit der Geschlechterrollen. Anders formuliert: die Tatsache, dass man eine bestimmte Hautfarbe, sexuelle Vorliebe, ein bestimmtes Geschlecht, eine bestimmte<br \/>kulturelle Pr\u00e4gung hat, darf nicht dazu f\u00fchren, ausgegrenzt, marginalisiert oder institutionell benachteiligt zu werden. Fraser fasst den Begriff der Anerkennung in dieser einfachen Form auf. Ihr geht es vor allem um identifizierbare gesellschaftliche Gruppen, die ihre Forderung nach Anerkennung politisch formulieren. Dem zur Seite stellt sie die traditionelle Forderung nach Umverteilung. Sie vertritt einen perspektivischen Dualismus, in dem beide Forderungen zusammenwirken, um dem normativen Leitbild partizipatorischer Parit\u00e4t n\u00e4herzukommen.<\/p>\n<p>Honneth hingegen fasst Umverteilung als einen Unterfall von Anerkennung auf. F\u00fcr ihn ist der Begriff der Anerkennung das angemessene Mittel, &#132;um soziale Unrechtserfahrungen im ganzen kategorial zu entschl\u00fcsseln&#148; (157). Er verlagert die Urspr\u00fcnge des Wunsches nach Anerkennung zur\u00fcck in die individuellen Erfahrungen sozialen Unrechts, die eben noch nicht in Form \u00f6ffentlich sich artikulierender Interessen auftreten. F\u00fcr Honneth ist die Anerkennungsbegrifflichkeit umfassend, vor politisch, an die F\u00e4higkeit der Individuen gebunden, normativ zu urteilen &#8211; sei es in der Erfahrung \u00f6konomischer Ungleichheit oder anderer Formen von Diskriminierung. Soziale Dem\u00fctigung, Missachtung, also soziale Unrechtserfahrungen im Alltag, all dies ist Ausfluss mangelnder Anerkennung, damit aber letztlich auch besch\u00e4digter Identit\u00e4t. Honneth verkn\u00fcpft seine \u00dcberlegungen mit einem Verst\u00e4ndnis von sozialer Gerechtigkeit, die an einen &#132;hypothetisch generalisierten Entwurf des guten Lebens&#148; (213) zur\u00fcck gebunden ist.<\/p>\n<p>Normativer Fluchtpunkt bei Fraser ist dagegen die Idee &#132;partizipatorischer Realit\u00e4t&#148;, wonach aus Gr\u00fcnden der Gerechtigkeit solche gesellschaftlichen Vorkehrungen gemeint sind, &#132;die allen (erwachsenen) Gesellschaftsmitgliedern erlauben, miteinander als Ebenb\u00fcrtige zu verkehren.&#148; (54f.) Beiden, Fraser wie Honneth, geht es um die Bedingungen der M\u00f6glichkeit erfolgreicher sozialer Integration. Fraser sieht diese gelungen, wenn die institutionellen Bedingungen partizipatorische Parit\u00e4t erm\u00f6glichen; Honneth dann, wenn eine unbesch\u00e4digte Identit\u00e4tsbildung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Honneth expliziert die Anerkennungsbegrifflichkeit weiter; sie ist f\u00fcr ihn keine historische Konstante, sondern an unterschiedliche historische Anerkennungsregime gebunden. In der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft haben sich drei Anerkennungssph\u00e4ren herausdifferenziert: Liebe als Prinzip wechselseitiger Zuneigung und F\u00fcrsorge, das Recht als Anerkennung der Gleichheit jedes Einzelnen unabh\u00e4ngig vom Status, schlie\u00dflich die Leistung als Begr\u00fcndung ungleichen sozialen Status (wenngleich auch sozialstaatlich eingehegt). Honneth setzt seine Hoffnung auf Ver\u00e4nderung in einen Geltungs\u00fcberhang der Anerkennungssph\u00e4ren, der dann gewisserma\u00dfen die Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen bringen soll, Fraser setzt auf eine &#132;nichtreformistische Reform&#148;, mit der affirmative Anerkennungs- und Umverteilungsformen letztlich auf den Bezugsrahmen (die kapitalistische Gesellschaft) durchschlagen und diese transformieren.<\/p>\n<p>Worin liegt nun die entscheidende Differenz der beiden Ans\u00e4tze? Bei aller Beteuerung, sich dem Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie, ja der Repristination kritischer Theorie unter postmodernen, postfordistischen Bedingungen zu verschreiben, werden doch unterschiedliche Politikerfahrungen deutlich. Europa (vor allem Deutschland) ist eben auch ein politischer Raum, in dem selbst die Sozialdemokratie nicht mehr das ist, was sei einstmals zu versprechen vorgab; und die USA ist eine Gesellschaft, in der ein sozialdemokratische Politik nie eine ernsthafte Chance auf Verwirklichung hatte. So spiegelt sich bei Fraser die Sehnsucht nach einem sozialdemokratischen Projekt, versetzt mit dem dernier cri multikulturalistischer und dekonstruktivistischer Diskurse, ein Vertrauen auf institutionelle Arrangements bei der Verfolgung von mehr Gerechtigkeit. Ihr politischer Ansatz ist gepr\u00e4gt von einer Ideologie der Machbarkeit und einer Abwehrhaltung gegen eine rein kulturalistische Betrachtung, in der selbst \u00f6konomische Unterschiede auf weiche, kulturelle Faktoren zur\u00fcckgef\u00fchrt werden (k\u00f6nnen). Honneths Ansatz ist schon durch die Desillusionierung sozial technologischer Arrangements gekennzeichnet; er gr\u00e4bt tiefer, verbindet Gesellschaftsanalyse und die Dynamik psychologischer Anerkennungserfordernisse, sodass es letztlich gar keines institutionellen Akteurs mehr bedarf, an den Gerechtigkeitsforderungen zu stellen w\u00e4ren: das \u00dcberbordende der Anerkennungssph\u00e4ren (die in ihrer spezifischen Ausdifferenzierung einen historischen Fortschritt darstellen) wird die Sache der historischen Vernunft schon expedieren.<\/p>\n<p>So wenig aber Honneth das Entstehen der Anerkennungssph\u00e4ren im Kapitalismus aus den anders gelagerten Anerkennungssph\u00e4ren des Feudalismus oder Absolutismus erkl\u00e4ren kann, so wenig \u00fcberzeugend f\u00e4llt auch die Hoffnung auf eine systemtranszendierende Kraft des Bedeutungs\u00fcberschusses jener Anerkennungssph\u00e4ren aus, die dem Kapitalismus eigent\u00fcmlich sind. V\u00f6llig ausgeblendet bleibt jene Dimension, die schon bei der fr\u00fchen kritischen Theorie wenig, bei den sp\u00e4teren Frankfurtern kaum, und nach der dialogischen Wen-de der kritischen Theorie bzw. der Anerkennungswende gar nicht mehr thematisiert ist: die der materiellen Basis, der &#151; in der Marxschen Terminologie &#8211; Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, oder, weniger anst\u00f6\u00dfig, der Frage, inwieweit Technologie gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen erzwingt, bedingt, formt und gestaltet. Honneth stellt mit Hegel Marx aufden Kopf. Was dabei entsteht, mag zwar gute Theorie sein, hat aber mit den Kr\u00e4ften, die gesellschaftlichen Wandel gestalten, kaum etwas zu tun: die Theorie steht mit beiden Beinen in den Wolken. Fraser l\u00e4sst zwar anklingen, dass ein Impetus ihrer \u00dcberlegungen sei, wie sich unter Bedingungen technologischen Wandels und der Globalisierung Gerechtigkeit formulieren lassen, verbleibt aber letztlich einer sozial technologischen Transformationsstrategie verhaftet, die die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben k\u00f6nnte. Was aber, wenn sich technologische Prozesse der Steuerung entziehen? Was, wenn die Hoffnung nur noch darin best\u00fcnde, zu bremsen, zu verlangsamen, umzuleiten? Woher kommt denn eigentlich der Optimismus sowohl bei Fraser als auch bei Honneth, dass gerade die technologischen Imperative so einfach mit den kategorialen Bestimmungen von Gerechtigkeit vereinbar w\u00e4ren? Vor solchen Fragestellungen wirkt die Debatte von Fraser und Honneth wie ein Idyll theoretischer Beschaulichkeit, ein sch\u00f6ner Gedanke, von dem man bef\u00fcrchtet, ihm werde alsbald von einer Bande brutaler Fakten der Garaus gemacht. Der v\u00f6llige Verzicht auf die Diskussion einer materiellen Basis, das Vertrauen in das Parktischwerden und die Entfaltung des Begriffs (Honneth) bzw. die faktische Kraft des Normativen (Fraser): ist es das, was einer kritischen Theorie noch bleibt? Wenn ja, dann w\u00fcrde sie vermutlich das Schicksal ihrer Vorg\u00e4nger teilen: intellektuell anregend, auf h\u00f6chstem Niveau, nur recht unbrauchbar f\u00fcr die Praxis.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1781],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12025","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-matthias-zimmer","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kritische Gesellschaftstheorie, einfach gewendet - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kritische Gesellschaftstheorie, einfach gewendet - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Nancy Fraser und Axel Honneth streiten \u00fcber Umverteilung und Anerkennung aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 106-108 Man sollte meinen, es gebe in Zeiten der Globalisierung, der neuen Konfliktformen und -formationen anhand kultureller, religi\u00f6ser, ethnischer oder sonstiger Bruchstellen, den Rezessionstendenzen in der Wirtschaft, dem prek\u00e4ren Sozialstaat und dem Auseinanderdriften von Reich und [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"7\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\\\/\",\"name\":\"Kritische Gesellschaftstheorie, einfach gewendet - Humanistische Union\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\"},\"datePublished\":\"2004-06-16T12:00:00+00:00\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\\\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\\\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/166-vorgaenge\\\/publikation\\\/kritische-gesellschaftstheorie-einfach-gewendet\\\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Publikationen\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"vorg\u00e4nge\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":3,\"name\":\"vorg\u00e4nge Nr. 166: Nord-S\u00fcd-Konflikt oder Eine Welt? 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