{"id":12029,"date":"2003-06-01T16:00:00","date_gmt":"2003-06-01T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik\/","title":{"rendered":"Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik"},"content":{"rendered":"<p>Verbreiterung, Professionalisierung, Trivialisierung<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 4ff<\/p>\n<p>Sozialer und politischer Protest ist ebenso Bestandteil der Alltagskultur moderner Gesellschaften wie au\u00dfergew\u00f6hnlicher, geschichtstr\u00e4chtiger Momente. Unter einen breit gefassten Begriff kollektiver, \u00f6ffentlicher und nicht-staatlicher Proteste mit einem gesellschaftlichen oder politischen Anliegen f\u00e4llt vieles: der Offene Brief, mit dem eine B\u00fcrgerinitiative eine lokale Beh\u00f6rde attackiert, aber auch eine Serie imposanter Massenproteste, die.am Ende ein politisches Regime st\u00fcrzen. Proteste variieren enorm hinsichtlich ihrer Themen, Formen, Gr\u00f6\u00dfenordnung, sozialen Tr\u00e4ger, zeitlichen und r\u00e4umlichen Verteilung sowie weiterer struktureller Merkmale. Auch erleben Menschen Proteste in vielf\u00e4ltigen Rollen: als Konsumenten von Nachrichten, als Passanten, Teilnehmer, Sympathisanten oder Gegner, Nutznie\u00dfer oder m\u00f6glicherweise auch Opfer. Proteste dr\u00e4ngen vielfach zur Stellungnahme, aber sie werden selten zum Gegenstand eingehender Analysen.<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Protest erfolgt, sofern es sich nicht um historische Studien handelt, am Rande des akademischen Betriebs. In der Regel wird Protest erst dann zum Objekt intensiver wissenschaftlicher Reflexion, wenn er sich zum massiven Problem einer Gesellschaft ausw\u00e4chst, sei es in Gestalt von Gewalthandlungen bis hin zum Terrorismus, sei es in gro\u00dfen Streikwellen, die eine Volkswirtschaft empfindlich beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen, sei es in der H\u00e4ufung politischer Demonstrationen, die einen Legitimationsentzug gegen\u00fcber einer Regierung oder einem politischen System insgesamt sigsignalisieren. Die Breite und Vielfalt der zumeist kleinen und unspektakul\u00e4ren Proteste bleibt jedoch im Schatten der akademischen Aufmerksamkeit. Ist schon die wissenschaftliche Beschreibung von Protest unbefriedigend, so gilt dies erst recht f\u00fcr die Erforschung seiner Ursachen und Wirkungen.<\/p>\n<p>Der vorliegende Beitrag sieht von einzelnen, herausgehobenen Protesten ganz ab; er konzentriert sich vielmehr auf die groben Linien politischen Protests in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Dieser breite Blickwinkel hat seinen Preis. Er erfordert Distanz gegen\u00fcber allen Einzelheiten, erzwingt also eine Vogelperspektive. Um im Bild zu bleiben: Es werden nur die Konturen der darunter liegenden Landschaft<\/p>\n<p>in Gestalt auff\u00e4lliger Muster &#8211; von Bergz\u00fcgen, Ebenen, Flussl\u00e4ufen, gro\u00dfen Ansiedlungen &#151; sichtbar, nicht aber die einzelnen Pflanzen, Lebewesen und H\u00e4user.<\/p>\n<p>Soweit es jedoch um die Vermessung dieser Konturen geht, zeichnet das daf\u00fcr ein-gesetzte methodische Instrument, die Protestereignisanalyse, trotz der Distanz und Mitteilbarkeit ihres Beobachtens ein relativ scharfes und genaues Bild, beruht es doch auf der statistischen Aggregation von vielen und nach einem einheitlichen Kriterienkatalog er-fassten Einzelprotesten. Das unterscheidet diese systematische Methode von der hochgraddig selektiven Wahrnehmung nachdenklicher Zeitgenossen, die sich aufgrund disperser und h\u00f6chst subjektiver Wahrnehmungen und Erinnerungen ein Bild zu machen suchen.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird zun\u00e4chst eine grobe Skizze der quantitativen Entwicklung von Proteststrukturen in der Bundesrepublik gezeichnet. Im zweiten Teil stehen mit dem Wandel der Protestkultur eher qualitative Aspekte und damit auch st\u00e4rker interpretierrende \u00dcberlegungen im Mittelpunkt. Abschlie\u00dfend wird versucht, die wichtigsten Befunde auf einen knappen Nenner zu bringen.<\/p>\n<p>1. Quantitative Entwicklungen: Proteststrukturen<\/p>\n<p>Bei der Kartographie von Proteststrukturen bleibt eine wichtige Einschr\u00e4nkung vorweg zu betonen: Auch die systematisch und fl\u00e4chendeckend verfahrende Protestereignisanalyse ist selektiv, besteht doch keine realistische M\u00f6glichkeit, die Gesamtheit aller tagt\u00e4glich in einem Land stattfindenden Proteste \u00fcber Jahrzehnte hinweg vollst\u00e4ndig zu dokumentieren. Selbst die Ordnungs\u00e4mter, die im Falle Berlins j\u00e4hrlich weit \u00fcber zweitausend &#132;Versammlungen und Aufz\u00fcge&#148; registrieren (und von denen die meisten unter eine weit definierte sozialwissenschaftliche Rubrik von Protest fallen), erfassen Proteste unvollst\u00e4ndig, wie spezielle Analysen zeigen (vgl. Hocke 2002).<\/p>\n<p>Selektiv ist die vorliegende quantitative Analyse, die auf dem so genannten Probat-Projekt [1] beruht, in zweierlei Hinsicht. Erstens ber\u00fccksichtigt sie nur Protestereignisse, \u00fcber die in bundesweiten Qualit\u00e4tszeitungen (S\u00fcddeutsche Zeitung und\/oder Frankfurter Rundschau; ohne die jeweiligen Lokal- und Landesteile) berichtet wurde. Zweitens liegt der standardisierten Erfassung der Zeitungsberichte eine Stichprobe zugrunde, die alle Montagsausgaben und alle zus\u00e4tzlichen Werktage jeder vierten Woche und damit rund 46 Prozent aller vorausgehenden &#132;Ereignistage&#8220;2 umfasst. Auch ist zu ber\u00fccksichtigen, dass die auf Zeitungsberichten basierende Protestereignisanalyse kein verkleinertes Abbild der Protestwirklichkeit liefern kann. Die Medienberichterstattung orientiert sich vorrangig an Nachrichtenwerten (vgl. Galtung\/Ruge 1964); sie bevorzugt bestimmte Ereignisse aufgrund von deren Merkmalen und vernachl\u00e4ssigt dagegen andere. Zum Beispiel werden nahezu alle gro\u00dfen oder sehr gewalthaltigen Ereignisse berichtet, w\u00e4hrend viele kleine und unspektakul\u00e4re Proteste unter den Tisch fallen. Die Protestereignisanalyse macht allerdings jene Proteste sichtbar, welche von national f\u00fchrenden Zeitungen f\u00fcr berichtenswert erachtet werden. Diese sind somit einem breiten, politisch interessierten Publikum zug\u00e4nglich und werden auch von politischen Entscheidungstr\u00e4gern wahrgennommen. Insofern handelt es sich um einen relativ unverzerrten Ausschnitt jener Protes-<\/p>\n<p>te, die \u00fcberhaupt als (potenziell) bundespolitisch bedeutsam erscheinen. Nachfolgend werden quantitative Entwicklungen in ihren ungef\u00e4hren Gr\u00f6\u00dfenordnungen beschrieben, jedoch nicht im einzelnen durch Tabellen und Grafiken ausgewiesen (vgl. dazu NeidhardtlRucht 2001 und Rucht 2003).<\/p>\n<p>Die durchschnittliche Zahl der Proteste hat im Zeitraum von 1950 bis 1997 in der Bundesrepublik (West) von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zugenommen. Einige kurze Phasen, vor allem die Jahre 1968\/69, zeichnen sich als Perioden mit besonders hoher Protestfrequenz aus, w\u00e4hrend das Gegenteil auf die Phase von 1950 bis 1965 zutrifft. Deutlich anders verl\u00e4uft dagegen die Entwicklung der Teilnehmerzahlen. In dieser Hinsicht sind die Jahre 1968\/69, die Hochphase der studentisch gepr\u00e4gten au\u00dferparlamentarischen Opposition (ApO), keineswegs herausragend. Vielmehr zeichnen sich vor allem drei markante Mobilisierungswellen ab: 1955 mit Protesten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, von 1982 bis 1984 mit den Aktivit\u00e4ten gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen sowie 1993 mit zahlreichen &#132;Lichterketten&#148; gegen Ausl\u00e4nderfeindlichkeit. In der DDR bzw. den neuen Bundesl\u00e4ndern, f\u00fcr die Protestereignisdaten erst seit 1989 vor-liegen, bilden die Proteste in der Wendephase von 1989\/90 einen herausragenden H\u00f6hhepunkt der Massenmobilisierung.<\/p>\n<p>Die quantitativen Entwicklungslinien der Proteste und der Protestteilnehmer verlaufen somit keineswegs immer parallel. Zum Beispiel stehen relativ wenigen, aber in der Regel gro\u00dfen Protesten in den 1950er Jahren relativ viele, aber im Durchschnitt eher kleine Proteste in den sp\u00e4ten 1960er Jahren gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Auch die Themen der Proteste wandelten sich sehr stark im Zeitverlauf. Ungef\u00e4hr stabil, zumindest bezogen auf gesamte Jahrzehnte, blieb lediglich der Anteil von Protesten im Bereich der Arbeitswelt, die allerdings in den fr\u00fchen 1950er Jahren zumeist eng mit grunds\u00e4tzlichen Fragen nach der Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung verkoppelt waren. Die Friedensproteste traten nur in kurzen, dann aber mobilisierungsstarken Phasen in Erscheinung: um 1955 gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, 1957\/58 gegen die atomare. Bewaffnung derselben, 1982 bis 1984 gegen den NATO-Nachr\u00fcstungsbeschluss, 1991 gegen den Golfkrieg und, noch nicht im Datenbestand enthalten, im Februar\/M\u00e4rz 2003 gegen den Irakkrieg. Vor allem die fr\u00fchen 1950er Jahre waren noch stark von Themen gepr\u00e4gt, die mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatten. Ab Mitte der 1960er Jahre dominierte die Ap0 die Protestagenda. Nicht nur thematisch sondern auch in ihren Formen stellt die Ap0 eine Z\u00e4sur in der bundesrepublikanischen Protestgeschichte dar (vgl. Kraushaar 2000). Ab den fr\u00fchen 1970er Jahren \u00fcberwogen einzelne Mobilisierungswellen der neuen sozialen Bewegungen, darunter Umweltschutz einschlie\u00dflich der zivilen Nutzung der Atomkraft, die schon erw\u00e4hnten Friedensproteste sowie Frauenproteste. Zwischen 1979 und 1981 h\u00e4uften sich teilweise militante Proteste im Zusammenhang mit Hausbesetzungen, Rekrutenvereidigungen und der R\u00e4umung von Jugendzentren. Themen der neuen sozialen Bewegungen spielen bis in die Gegenwart eine anhaltend wichtige Rolle, jedoch r\u00fcckten in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung seit den fr\u00fchen 1990er Jahren die aggressiven rechtsradikalen und ausl\u00e4nderfeindlichen Aktivit\u00e4ten in den Vordergrund, welche eine<\/p>\n<p>zahlenm\u00e4\u00dfig weitaus st\u00e4rkere Gegenmobilisierung hervorriefen. Erst etwa ab 2000 gewannen globalisierungskritische Proteste, die sich in Einzelf\u00e4llen bis in die 1980er Jahre zur\u00fcckverfolgen lassen, in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung, obgleich sie quantitativ bislang kaum ins Gewicht fallen.<\/p>\n<p>In der DDR \u00fcberragten zun\u00e4chst die Wendeproteste das gesamte Geschehen. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung traten Proteste der Arbeitswelt st\u00e4rker in den Vordergrund, w\u00e4hrend die Themen der neuen sozialen Bewegungen zu keinem Zeitpunkt eine \u00e4hnlich wichtige Rolle wie in den alten Bundesl\u00e4ndern spielten (vgl. Burchardt 2001). Insgesamt kommt es im Verlauf der Zeit zu einer Vervielf\u00e4ltigung der Protestthemen, die sich immer weiter auff\u00e4chern und teilweise von sehr speziellen Tr\u00e4gergruppen lanciert werden.<\/p>\n<p>Auch das Repertoire der Protestformen erweiterte sich kontinuierlich. In den 1950er Jahren \u00fcberwogen relativ konventionelle Protestformen, darunter vor allem Streiks, Unterschriftensammlungen und Massenkundgebungen. Gelegentlich kam es auch zu St\u00f6rungen von Veranstaltungen und &#132;Stra\u00dfenkrawallen&#148;. Gewaltf\u00f6rmige Aktionen waren relativ selten. Vor allem mit den studentischen Protesten ab Mitte der 1960er Jahre r\u00fcckten bis dato nicht oder kaum genutzte Aktionsformen wie Polit-Happenings, Institutsbesetzungen, Sit-ins, Teach-ins und Stra\u00dfenblockaden in den Vordergrund. Mit den nachfolgenden neuen sozialen Bewegungen wurde dieses Spektrum um Platz- und Hausbesetzungen sowie Menschenketten, aber auch durch verfahrensf\u00f6rmige Einspr\u00fcche (v.a. im Atomrecht und Baurecht) und verwaltungsgerichtliche Klagen erweitert. W\u00e4hrend sich seit Mitte der 1960er Jahre der Anteil konfrontativer Aktionsformen am gesamten Protestgeschehen nicht gravierend ver\u00e4nderte (vgl. Rucht 2003: 47), ist der Anteil gewaltf\u00f6rmiger Aktions-formen seit den 1950er Jahren (1950 bis 1959: f\u00fcnf Prozent) von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen und hat in den Jahren von 1990 bis 1997 insbesondere aufgrund rechtsradikaler und\/oder ausl\u00e4nderfeindlicher Attacken einen Spitzenwert von mehr als 22 Prozent er-reicht. Hierbei gilt es allerdings zu ber\u00fccksichtigen, dass gewaltf\u00f6rmige Aktionen eine hohe Chance haben, in den Medien berichtet zu werden. Rechtsradikale und\/oder ausl\u00e4nderfeindliche Aktionen, die hinsichtlich ihrer H\u00e4ufigkeit durchaus bedeutend sind, blieben jedoch zumeist auf Kleingruppen beschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend, wie schon erw\u00e4hnt, die Gegenmobilisierung &#151; gemessen nach Teilnehmern, regelm\u00e4\u00dfig weit umfangreicher ausfiel.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hat sich auch die Zusammensetzung der Protestgruppen im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte deutlich gewandelt. Wichtigste organisatorische Tr\u00e4ger in den 1950er Jahren waren Gewerkschaften und Verb\u00e4nde von Kriegsheimkehrern, Vertriebenen und Kriegsgegnern. Die heftig diskutierten Halbstarkenkrawalle k\u00f6nnen als ein Aufbegehren gegen die b\u00fcrgerliche Vorstellung von Ordnung verstanden werden; jedoch wurden dabei keine explizit politischen Anliegen artikuliert. Studentische Proteste waren selten und zumeist wenig spektakul\u00e4r. Mit der au\u00dferparlamentarischen Opposition traten erstmals in gro\u00dfem Umfang informelle Gruppen als Tr\u00e4ger von Protest in Erscheinung &#151; ein Trend, der sich mit dem Aufkommen von B\u00fcrgerinitiativen und Gruppen der neuen sozialen Bewegungen fortsetzte und verst\u00e4rkte. Auch wurden Proteste in zunehmenden Ma\u00dfe von breiten Allianzen heterogener Gruppen getragen, so dass sich<\/p>\n<p>die durchschnittliche Zahl der Organisationen, die jeweils einen Protest durchf\u00fchrten, deutlich erh\u00f6hte. Mit der Vervielf\u00e4ltigung der Protestthemen erweiterte sich auch die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Protestierenden; sie schloss in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe auch bislang eher &#132;protestabstinente&#148; Gruppen ein. Inzwischen nutzen auch Polizisten, Lehrer und Zahn\u00e4rzte das Mittel des Stra\u00dfenprotests.<\/p>\n<p>2. Qualitative Entwicklungen: Protestkulturen<\/p>\n<p>Die geschilderten strukturellen und im Prinzip leicht quantifizierbaren Ver\u00e4nderungen des Protestgeschehens bilden nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite vollzogen sich auch bedeutsame qualitative Ver\u00e4nderungen, welche die expressive Seite des Protests, also insbesondere seine Vermittlungsformen, aber auch die gesellschaftliche Resonanz auf Proteste betreffen.<\/p>\n<p>Die ernste, disziplinierte &#132;Kundgebung&#148; verk\u00f6rperte den prototypischen Stra\u00dfenprotest der 1950er Jahre. Dabei trugen Redner &#151; in aller Regel Vorsitzende von Verb\u00e4nden, Vereinen oder Parteien &#151; Kritik und Forderungen den Versammelten vor, und diese machten durch Applaus, aber auch durch Schilder und Transparente, ihre Positionen deutlich.3 Heute dagegen f\u00e4llt es schwer, \u00fcberhaupt eine dominante Protestform zu identifizieren. Zudem ist in vielen F\u00e4llen die Grenze zwischen Organisatoren und Teilnehmern undeutlicher und das Erscheinungsbild der Protestierenden bunter geworden. Die in Stra\u00dfenprotesten sichtbare symbolische Formensprache des Protests hat sich erweitert und st\u00e4rker ausdifferenziert (vgl. Balistier 1996: 300). Anstelle von Marschbl\u00f6cken mit geordneten Reihen bestehen die Demonstrationsz\u00fcge aus lockeren Gruppen, in denen Kinder-w\u00e4gen und Fahrr\u00e4der mitgef\u00fchrt werden. Sambagruppen, phantasievolle Verkleidungen und bemalte Gesichter erinnern an Karnevalsumz\u00fcge. Protest und Unterhaltung gehen oft eine enge Verbindung ein, so dass man, in Analogie zum Medientrend des &#132;Infotainment&#148;, von einem Trend zum &#132;Protesttainment&#148; sprechen k\u00f6nnte. Selbst die traditionellen Kundgebungen der Gewerkschaften am 1. Mai sind von dieser Entwicklung erfasst. Und bei manchen Veranstaltungen, etwa den Schwulenparaden zum Christopher-Street-Day, ist fraglich geworden, ob sie \u00fcberhaupt noch ein Element des Protests enthalten.<\/p>\n<p>Viele Proteste der 1950er Jahren waren politisch-ideologisch eindeutig entlang der Links-Rechts-Skala lokalisierbar. Konkrete Protestanliegen waren oft mit Systemfragen gekoppelt. Regierungskritischen Protestgruppen dieser \u00c4ra wurde &#151; meist zu Unrecht &#151; unterstellt, sie seien von Moskau oder Ostberlin gesteuert. Ideologische Abgrenzungen spielten eine wichtige Rolle. Allein die Pr\u00e4sentation kommunistischer Symbole im Kontext von Arbeits- oder Friedensprotesten konnte bereits zu handfesten Auseinandersetzungen f\u00fchren. Dagegen besteht heute eine weitaus gr\u00f6\u00dfere wechselseitige Toleranz zwischen Gruppen unterschiedlicher ideologischer Richtung, sofern es sich nicht gerade um politisch antagonistische Str\u00f6mungen handelt.<\/p>\n<p>Hinsichtlich ihrer sozialstrukturellen Zusammensetzung waren die jeweiligen Protestteilnehmer in den Nachkriegsjahrzehnten relativ homogen. Es protestierten je nach Thema Arbeiter, Bauern, Vertriebene, Studenten usw. Solche politisch und sozialstruk-<\/p>\n<p>turell eindeutig klassifizierbaren Proteste sind nicht verschwunden, aber sie sind zugunsten von ideologisch und sozialstrukturell eher diffusen oder heterogenen Protesten in den Hintergrund ger\u00fcckt. Entsprechend ist auch das Engagement in Protesten kaum mehr durch eine Zugeh\u00f6rigkeit zu einem soziokulturellen Milieu oder eine organisatorische Mitgliedschaft gew\u00e4hrleistet, sondern muss erst von Fall zu Fall durch aufw\u00e4ndige \u00dcberzeugungs- und Mobilisierungsanstrengungen &#132;hergestellt&#148; werden.<\/p>\n<p>Weniger als in der Vergangenheit ist Protest unmittelbarer Ausdruck einer tiefen ideologischen \u00dcberzeugung Vielmehr erscheint er als ein disponibles und flexibel gehandhabttes Instrument, das prinzipiell allen Gruppen einschlie\u00dflich der etablierten Verb\u00e4nde und Parteien zur Verf\u00fcgung steht. Lediglich f\u00fcr einen kleinen Teil des politischen Spektrums, etwa die Autonomen und Antifas (antifaschistische Gruppen, die rechtsradikale Tendenzen bek\u00e4mpfen), ist der Protest selbst ein konstitutives Merkmal kollektiver Identit\u00e4t. Mit der allseitigen Verf\u00fcgbarkeit von Protest wird dieser auch immer weniger als &#132;Waffe der Schwachen&#148; (Scott 1985) wahrgenommen. Von Ausnahmen abgesehen, hat der Protest seine Dramatik und Au\u00dfenallt\u00e4glichkeit verloren. Meist geht es nicht mehr um das Projekt von Gesellschaft, also die gesellschaftliche Ordnung schlechthin, sondern vielmehr um einzelne Projekte innerhalb der Gesellschaft (vgl. Rucht 1999). Protest gilt zunehmend als ein Mittel der Interessenvertretung unter anderen; sein Einsatz und seine Ausgestaltung scheint immer st\u00e4rker taktischen Kalk\u00fclen und quasi-professionellen Regeln von Bewegungs- und Protestmanagern zu folgen, wobei dank der leichteren Verf\u00fcgbarkeit technischer Kommunikationsmittel selbst kleine Gruppen eine hohe Sichtbarkeit erlangen k\u00f6nnen. Proteste werden nicht nur, wie in der Vergangenheit, in einem technischen Sinne organisiert, sondern regelrecht ausgehandelt und &#150; vor allem mit Blick auf ihre Medienresonanz &#150; inszeniert. Greenpeace hat es darin zur Meisterschaft gebracht, erlebt aber zugleich die Grenzen dieser Inszenierungskunst, die sich nicht st\u00e4ndig \u00fcberbieten kann.<\/p>\n<p>Die Abl\u00f6sung des Protests von fest umrissenen Sozii-kulturellen Milieus ist lediglich Ausdruck einer umfassenderen Tendenz seiner Dekontextualisierung. In dem Ma\u00dfe wie Proteste als ein blo\u00dfes Werkzeug begriffen werden, k\u00f6nnen sie sich in ihren konkreten Formen und symbolischen Gestalten aus ihren urspr\u00fcnglichen Entstehungs- und Sinnzusammenh\u00e4ngen l\u00f6sen und &#132;modular&#148; verwendet werden. Nicht nur Gef\u00e4ngnisinsassen, sondern auch Parteif\u00fchrer der PDS greifen zum Mittel des Hungerstreiks. Nicht nur B\u00fcrgerrechtler, sondern auch Abtreibungsgegner organisieren Sitzblockaden und singen &#132;We shall overcome&#148;, also das Lied der Gegenseite. Nicht nur Linksradikale, sondern &#150; vereinzelt &#150; auch Rechtsradikale tragen das T-Shirt mit dem Portrait von Che Guevara. Nicht nur Au\u00dfenseitergruppen, sondern auch die nahezu komplette Bayerische Staatsregierung beteiligt sich am Stra\u00dfenprotest, wenn es darum geht, ein Gerichtsurteil &#150; in diesem Fall das so genannte &#132;Kruzifix-Urteil&#148; des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995 &#150; zu kritisieren. Schlie\u00dflich beweist die Mode- und Werbebranche, in welchem Ma\u00dfe Protestsymbole verf\u00fcgbar geworden sind: &#132;Action! &#150; protest, support and act&#148; verk\u00fcndet etwa die Bekleidungsfirma Diesel. Und der Autoverleiher Europcar wirbt in einer Presserkl\u00e4rung: &#132;Im Vergleich zu Che Guevaras gro\u00dfen Taten k\u00f6nnen die Kunden [&#8230;] mit der umfangreichen LKW-Flotte auch besonders gro\u00dfe Gegenst\u00e4nde<\/p>\n<p>bewegen.&#8220; (zit. n. Meier 2003) Das Publikum reagiert zumeist schmunzelnd. Nur selten, etwa wenn die Grenzen des &#132;guten Geschmacks&#148; definitiv \u00fcberschritten werden, wird die Kommerzialisierung v\u00f6n Protest selbst zur Zielscheibe des Protests.<\/p>\n<p>Der gelassenere Umgang mit Protest in der breiten \u00d6ffentlichkeit findet seine Entsprechung bei Polizei und Justiz. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Polizeibeh\u00f6rden den Veranstaltern rigide Auflagen erteilten, indem sie den Einsatz von Ordnern und das Zeigen von Laternen am Beginn und Ende des Demonstrationszuges einforderten oder, wie bei manchen Osterm\u00e4rschen der fr\u00fchen 1960er Jahre, lediglich Demonstrationsz\u00fcge durch relativ unbelebte Viertel erlaubten. Ad acta gelegt sind auch interne Anweisungen nach dem Motto: &#132;Je fr\u00fcher sich die Polizei einschaltet, um so besser hat sie die Masse in der Hand.&#148; (zit. n. Weinhauer 2003) W\u00e4hrend sich die Toleranz gegen\u00fcber regelverletzendem Protest vergr\u00f6\u00dfert hat, ist die Toleranz gegen\u00fcber repressiven Ma\u00dfnahmen der Polizei kleiner geworden. Der Tod eines jungen Demonstranten aus dem Umfeld der KPD in Essen im Jahr 1952 l\u00f6ste weitaus weniger heftige Reaktionen aus als der von Benno, Ohnesorg im Jahr 1967.<\/p>\n<p>Der Ablauf gr\u00f6\u00dferer Proteste wird heute zwischen Polizei und Veranstaltern routiniert ausgehandelt; kleinere Regelverletzungen werden von den Ordnungskr\u00e4ften teil-weise stillschweigend geduldet, um folgenreiche Konfrontationen zu vermeiden; die Polizei begreift sich weniger als Bollwerk zum Schutze des Staates denn als Garant eines m\u00f6glichst reibungsarmen Ablaufs von &#132;Veranstaltungen&#148; aller Art, zu denen eben auch Proteste z\u00e4hlen. Zuweilen erweist sich die Polizei sogar als engagierter Anwalt der Demonstrationsfreiheit. Ebenso gehen die Gerichte entspannter mit Protest um. Mehr als zuvor beziehen sie seine Motive und Begleitumst\u00e4nde ein, weniger als fr\u00fcher neigen sie zu einer extensiven Definition von N\u00f6tigung und Gewalt.<\/p>\n<p>3. Fazit<\/p>\n<p>Auf einen &#151; sicherlich etwas groben &#151; Nenner gebracht, kann man angesichts dieser Befunde und Eindr\u00fccke von einer Expansion, Professionalisierung und Trivialisierung des Protests sprechen. Diese Tendenz vollzog sich vor dem Hintergrund eines tief greifenden Wandels der politischen Kultur in der Bundesrepublik. Die Akzeptanz f\u00fcr Konflikt und Dissens ist gewachsen; das b\u00fcrgerschaftliche Selbstverst\u00e4ndnis hat sich ver\u00e4ndert. Aus den einstigen Untertanen sind unbequeme, fordernde und intervenierende B\u00fcrger geworden, die selbstbewusst ihre Rechte und Interessen wahrnehmen. Soziale Bewegungen und Protestgruppen sind nicht nur Indikator dieses breiteren Trends b\u00fcrgerschaftlicher Aktivierung; sie sind auch und vor allem deren Motor. Die Studentenbewegung, die sich angesichts von Anfeindungen der &#132;b\u00fcrgerlichen Presse&#148; ironisch als &#132;kleine radikale Minderheit&#148; titulierte, war so gesehen eine wichtige Zwischenstufe auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der die Summe aktivistischer Minderheiten allm\u00e4hlich zum Signum der Mehrheitsgesellschaft wird. Im R\u00fcckblick der letzten f\u00fcnfzig Jahre l\u00e4sst sich behaupten, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft auf ihrem steinigen Weg zu einer &#132;Demokratie von unten&#148; (Roth 1994; Koopmans 1995) ein St\u00fcck weit vorangekommen ist.<\/p>\n<p>[1] Das K\u00fcrzel Prodat steht f\u00fcr &#132;Dokumentation und Analyse von Protestereignissen in der Bundesre-publik Deutschland&#148;. Das Projekt wird, nach zweij\u00e4hrigen Vorarbeiten, seit 1993 am Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung durchgef\u00fchrt. Zu Einzelheiten des Projekts und ausgew\u00e4hlten Befunden vgl. Recht 2001.<\/p>\n<p>2 &#132;Ereignistage&#148; sind im Falle von Montagszeitungen der vorausgehende Samstag und Sonntag, bei den<\/p>\n<p>Ausgaben von Dienstag bis Samstag der jeweils vorausgehende Tag. Montagsausgaben wurden aus<\/p>\n<p>forschungs\u00f6konomischen Gr\u00fcnden st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt, da sie sich auf zwei Ereignistage beziehen.<\/p>\n<p>3 Ein detailliertes Bild des Geschehens von 1949 bis 1959 bietet Kraushaar 1996.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Balistier, Thomas 1996: Stra\u00dfenprotest. Formen oppositioneller Politik in der Bundesrepublik Deutschland, M\u00fcnster<\/p>\n<p>Burchardt, Susann 2001: Problemlagen, Unzufriedenheit und Mobilisierung. Proteststrukturen in Ost-und Westdeutschland 1990-1994, Marburg<\/p>\n<p>Galtung, Johan\/Ruge, Mari Holmboe: The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Foreign Newspapers; in: Journal ofPeace Research 2 (1964), S. 64-91<\/p>\n<p>Hocke, Peter 2002: Massenmedien und lokaler Protest. Eine empirische Fallstudie zur Medienselektivit\u00e4t in einer westdeutschen Bewegungshochburg, Opladen<\/p>\n<p>Koopmans, Ruud 1995: Democracy from Below. New Social Movements and the Political tem in West Germany, Boulder<\/p>\n<p>Kraushaar, Wolfgang 1996: Die Protestchronik 1949-1959.4 B\u00e4nde, Hamburg<\/p>\n<p>Kraushaar, Wolfgang 2000: 1968 als Mythos, Chiffre und Z\u00e4sur, Hamburg<\/p>\n<p>Meier, Rudi 2003: Revolution sells &#151;Protest im Spiegel der Werbeindustrie von 1967 bis heute; Vortragsmanuskript f\u00fcr die Tagung &#132;Protest im 20. Jahrhundert&#148;, Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung, 12.\/13. September<\/p>\n<p>Neidhardt, Friedhelm\/Ruckt, Dieter 2001: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994: Ereignisse, Themen, Akteure; in: Rucht, Dieter (Hg.): Protest in der Bundesrepublik; Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt\/M., S. 27-70<\/p>\n<p>Roth, Roland 1994: Demokratie von unten. Neue soziale Bewegungen auf dem Wege zur politischen Institution, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Rucht, Dieter 1999: Gesellschaft als Projekt &#151; Projekte in der Gesellschaft, in: Klein, Ansgar\/Legrand, Hans JoseflLeif, Thomas (Hg.): Neue soziale Bewegungen &#8211; Impulse, Bilanzen und Perspektiven, Opladen, S. 15-27<\/p>\n<p>Rucht, Dieter (Hg.) 2001: Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p>Rucht, Dieter 2003: B\u00fcrgerschaftliches Engagement in sozialen Bewegungen und politischen<\/p>\n<p>Kampagnen; in: Enquete-Kommission &#132;Zukunft des B\u00fcrgerschaftlichen Engagements&#8220;\/Deut\u00a0<\/p>\n<p>scher Bundestag (Hg.): B\u00fcrgerschaftliches Engagement in Parteien und Bewegungen, Schrif\u00a0<\/p>\n<p>tenreihe: Band 10, Opladen, S. 17-155<\/p>\n<p>Scott, James 1985: Weapons of the Weak: Everyday Forms of Resistance, New Haven<\/p>\n<p>Weinhauer, Klaus 2003: Staatsgewalt, Massen, M\u00e4nnlichkeit: Polizeieins\u00e4tze gegen Jugend- und<\/p>\n<p>Studentenproteste in der Bundesrepublik der 1950\/60er Jahre; Vortragsmanuskript f\u00fcr die<\/p>\n<p>Tagung &#132;Protest im 20. Jahrhundert&#148;, Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung,<\/p>\n<p>12.\/13. September<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2324],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12029","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rucht","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Verbreiterung, Professionalisierung, Trivialisierung In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 4ff Sozialer und politischer Protest ist ebenso Bestandteil der Alltagskultur moderner Gesellschaften wie au\u00dfergew\u00f6hnlicher, geschichtstr\u00e4chtiger Momente. 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