{"id":12030,"date":"2003-06-01T15:59:00","date_gmt":"2003-06-01T13:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bewegungsforschung-quo-vadis\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"bewegungsforschung-quo-vadis","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/bewegungsforschung-quo-vadis\/","title":{"rendered":"Bewegungsforschung: Quo vadis?"},"content":{"rendered":"<p>Ein \u00dcberblick zu Entstehung, Auspr\u00e4gung und<\/p>\n<p>Forschungsstand<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 12ff<\/p>\n<p>Der folgende \u00dcberblick zur Bewegungsforschung geht in drei Schritten vor. Zun\u00e4chst gilt es fachwissenschaftliche Erfolge zu konstatieren: Die Bewegungsforschung hat Konzepte und Instrumente hervorgebracht, die mittlerweile zum festen Repertoire der politischen Soziologie geh\u00f6ren (1.). In einem zweiten Schritt sind neue Herausforderungen zu analysieren: Gesellschaftliche und politische Entwicklungen konfrontieren die Bewegungsforschung mit neuen Fragestellungen und Aufgaben und machen k\u00fcnftig eine st\u00e4rkere Kooperation mit anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, aber auch mit Kultur- und Geisteswissenschaften erforderlich (2.). Der dritte Schritt besteht in einer unvermeidbaren Problemanzeige: Der geringe Institutionalisierungsgrad der Bewegungsforschung in der deutschen Forschungslandschaft gibt Anlass zur Skepsis, ob die skizzierten Herausforderungen hierzulande bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen (3.).<\/p>\n<p>1. Entstehung und Entwicklung der Bewegungsforschung<\/p>\n<p>Die Voraussetzung f\u00fcr soziale Bewegungen liegt begrifflich zun\u00e4chst in der mit der Aufkl\u00e4rung verbundenen Vorstellung, dass die Menschen die Gesellschaft und ihre sozialen Bedingungen selber gestalten k\u00f6nnen und sollen. Pr\u00e4gend f\u00fcr das politische Denken im 19. Jahrhundert ist die doppelte Erfahrung zum einen der Franz\u00f6sischen Revolution, zum anderen der von England ausgehenden Industrialisierung: An die Stelle einer berufsst\u00e4ndisch oder durch ererbte Privilegien vorgegebenen Hierarchie tritt ein durch Besitz, Stellung im Produktionsprozess und Bildungsniveau definiertes, prinzipiell durchl\u00e4ssiges soziales Gef\u00fcge. An die Stelle \u00fcberkommener korporativer Bindungen tritt der Individualismus als ma\u00dfgebendes Prinzip sozialer Beziehungen. Die charakteristische Organisationsform der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist der freie Zusammenschluss in Vereinen, Assoziationen und Gesellschaften. Mit der Dekorporierung sind f\u00fcr die Individuen neue, durchg\u00e4ngige Orientierungen erforderlich. Sie finden sich in gesamtgesellschaftlich auf-tretenden politischen und sozialen Bewegungen mit ihren Ideen und Ideologien (G\u00f6hler\/Klein 1991: 261).<br \/>Das politische Leben des 19. Jahrhunderts wird in einem bis dahin unbekannten Ma\u00dfe von politischen und sozialen Bewegungen bestimmt, die aus ihrer Interessenlage heraus gesamtgesellschaftliche Ordnungsvorstellungen durchzusetzen suchen. Die Reflexion der Erfahrung des Wandels von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft macht es \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich, die Mobilisierung von kollektiven Akteuren mit dem Ziel eines sozialen Wandels (oder seiner Verhinderung) mit dem Begriff der sozialen Bewegung zu verbinden. Vor diesem Hintergrund kommt der Bewegungsbegriff in den Schriften von Henri de Saint-Simon, Charles Fourier oder August Comte auf. \u00dcber deren Rezeption bei Lorenz von Stein und schlie\u00dflich &#150; in besonders einflussreicher Weise &#150; bei Karl Marx findet er dann Eingang auch in die deutschsprachige Diskussion. Jenseits seiner geschichtsphilosophische Deutung sozialer Klassenk\u00e4mpfe hat Marx f\u00fcr die europ\u00e4ische Bewegungsforschung folgenreich auf die Bedeutung gesellschaftlicher Zentralkonflikte f\u00fcr das Entstehen sozialer Bewegungen, auf soziostrukturelle Hintergr\u00fcnde sozialer Bewegungen und auf Probleme der Formierung kollektiver Akteure hingewiesen.<br \/>Antidemokratische und totalit\u00e4re Konsequenzen sozialer Bewegungen haben die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts gepr\u00e4gt. Die Voraussetzungen der Bewegungsforschung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg waren denn auch durch diese Hypothek bestimmt. Mit dem Begriff der sozialen Bewegungen verband sich vor allem die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es dominierten hier negative Begriffskonnotationen &#150; etwa die der Verf\u00fchrbarkeit irrationaler Massen (Le Bon 1973 [1895]; Kornhauser 1959) und einer durch sie erfolgenden Gef\u00e4hrdung der Demokratie. In der DDR wurde die Arbeiterbewegung als Bestandteil&#149; der Staatsideologie ebenso instrumentalisiert wie etwa die so genannten antiimperialistischen nationalen Bewegungen im Rahmen der Blockkonfrontation: Die ideologische Funktion des Bewegungsbegriffs entzog ihn dort einer selbst\u00e4ndigen wissenschaftlichen Diskussion. So waren es in den Wissenschaften zun\u00e4chst vor allem Geschichtswissenschaft, Totalitarismustheorie (Hannah Arendt) und die Forschungen zu Nationalismus und Nationalsozialismus, die sich des Bewegungsbegriffs bedienten.<br \/>Erst mit einer Abgrenzung &#132;alter&#148; von den so genannten &#132;neuen&#148; sozialen Bewegungen, die als &#132;Produktivkr\u00e4fte der Demokratie&#148; (Rucht 1997) verstanden werden konnten, vermochte sich die Bewegungsforschung von den Hypotheken zu l\u00f6sen, die den Bewegungsbegriff bis in die 1960er Jahre belasteten. Zu einer weitergehenden Verwendung des Bewegungsbegriffs und einer Entwicklung der damit verbundenen Forschungskonzepte in der politischen Soziologie kam es in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern seit den 1970er Jahren, in der Bundesrepublik versp\u00e4tet seit den 1980er Jahren. Politisch angesto\u00dfen wurde diese Entwicklung durch die Studentenbewegung der sp\u00e4ten 1960er Jahre und die anschlie\u00dfende Entstehung der neuen sozialen Bewegungen seit den 1970er Jahren. US-amerikanische und europ\u00e4ische Forschungen zu sozialen Bewegungen wurden nach getrennten Anf\u00e4ngen seit den 1990er Jahren zunehmend aufeinander bezogen und werden seitdem im internationalen Austausch fortentwickelt (vgl. Rucht 1991). In den letzten Jahren r\u00fccken zunehmend Fragestellungen zur grenz\u00fcberschreitenden, transnationalen Protestmobilisierung in den Vordergrund (vgl. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen (NSB) 2002; Smith 2001; Smith\/Pagnucco\/Lopez 1998; Smith\/Chatfield\/Pagnucco 1997).<br \/>An dieser Stelle muss ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber die Forschungsans\u00e4tze der neueren Bewegungsforschung gen\u00fcgen. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung der Bewegungsforschung als ein &#132;kollektiver Lernprozess&#148; verstanden werden kann, in dem erweiterte Fragestellungen auf bestehende M\u00e4ngel \u00e4lterer Forschungsans\u00e4tze reagierten (ausf\u00fchrlicher dazu Hellmann\/Koopmans 1998: 12ff.). Der europ\u00e4ische Strang der Bewegungsforschung mit seinen Forschungen zu den &#132;neuen sozialen Bewegungen&#148; war in den 1980er Jahren stark von der Analyse gesellschaftlicher Strukturentwicklungen (structural strains) gepr\u00e4gt. Sozialer Wandel, Modernisierungssch\u00fcbe und darauf reagierende Verunsicherungen oder Verlusterfahrungen als Ausgangspunkt von Protestmobilisierung stehen hier im Zentrum. Entsprechend spielen der gesellschaftliche Wertewandel (vgl. die Arbeiten von Inglehart und Klages) und das Entstehen neuer Mittelschichten mit postmaterialistischer Orientierung (Kriesi 1987; Brand\/B\u00fcsser\/Rucht 1986) eine zentrale Rolle bei der Analyse sozialer Bewegungen. Schlie\u00dflich haben insbesondere die Studien von Alberto Melucci (1988; 1996) deutlich gemacht, dass soziale Bewegungen einer kollektiven Identit\u00e4t bed\u00fcrfen und die Prozesse der Identit\u00e4tsbildung bis hin zu deren sozialen Milieubez\u00fcgen rekonstruiert.<br \/>In der US-amerikanischen Diskussion bestimmte bis in die 1960er Jahre der Collective Behavior-Ansatz (Turner\/Killian 1957; Smelser 1962) das Verst\u00e4ndnis sozialer Bewegungen &#150; kollektiver Protest war aus dieser Sicht ein zumeist irrationales Verhalten. Konzepte der relativen Deprivation (Gurr 1970; Morrison 1973; Muller 1980) machten seit den 1970er Jahren jedoch bereits auf rationale Protestmotive aufmerksam. Sie speisen sich aus der Unzufriedenheit angesichts der bestehenden Kluft zwischen gesellschaftlichen Werteerwartungen und einer davon abweichenden Realit\u00e4t. 1977 r\u00fcckte das Konzept der Ressourcen-Mobilisierung (McCarthy\/Zald 1977) das rationale Handeln von Bewegungsorganisationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Protestaktivit\u00e4ten sind demzufolge politische, strategische und zweckrational begr\u00fcndete Unternehmungen von Bewegungsorganisationen, die f\u00fcr ihre Mobilisierungsanstrengungen auf Ressourcen angewiesen sind (Geld, Zeit, Personal) und diese systematisch beschaffen m\u00fcssen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Protest und sozialen Bewegungen wurden jedoch in diesem Ansatz ausgeblendet.<br \/>Fragen nach diesen Kontextbedingungen stehen dagegen im Mittelpunkt des Konzepts der politischen Gelegenheitsstrukturen (Political Opportunitiy Structures), das seit Mitte der 1980er Jahre nicht nur in den USA, sondern auch in Europa entwickelt wird (Eisinger 1973; Brand 1985; Kitschelt 1986; Tarrow 1988 und 1991; Kriesi 1991; Koopmans 1995). Dieser Ansatz macht darauf aufmerksam, dass die Rahmenbedingungen des politischen Systems (etwa die Offenheit oder Verschlossenheit seines Zentrums f\u00fcr Protestanliegen oder die Kooperationsbereitschaft von Teilen der politischen Elite mit Bewegungsakteuren) den Erfolg von sozialen Bewegungen ma\u00dfgeblich bestimmen. Schlie\u00dflich ist auf den Framing-Ansatz (Snow\/Benford 1988 u. 1992) hinzuweisen. Hier wird deutlich, dass die Rahmung eines Problems durch einen so genannten &#132;master-frame&#148;,<br \/>der die zur Debatte stehende Frage mit anderen Problemdeutungsmustern verkn\u00fcpft sowie L\u00f6sungs- und Anschlussm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein Problem aufzeigt, eine wesentliche Rolle f\u00fcr das Zustandekommen sowie f\u00fcr die Dynamik und die Erfolgschancen sozialer Bewegungen spielt. Framing-Konzepte analysieren den Au\u00dfenbezug sozialer Bewegungen, w\u00e4hrend Konzepte kollektiver Identit\u00e4t ihren Innenbezug und ihre Abgrenzungsbem\u00fchungen in den Vordergrund r\u00fccken. Die skizzierten Paradigmen der Bewegungsforschung leuchten ihren Gegenstandsbereich aus verschiedenen Perspektiven empirisch aus und k\u00f6nnen sich oftmals auch sinnvoll erg\u00e4nzen. Seit den 1990er Jahren bewegen sich die Diskussionen der Bewegungsforschung in einem internationalen Rahmen, werden die dargestellten Forschungsans\u00e4tze geteilt und in gemeinsamen Diskussionen konzeptionell fortentwickelt.<\/p>\n<p>2. Zur Weiterentwicklung der Bewegungsforschung<\/p>\n<p>Die Bewegungsforschung ist mittlerweile zu einem integralen Bestandteil der politischen Soziologie geworden (vgl. Rucht 1994). Sie untersucht politische Prozesse und ihre Akteure, aber auch die sozialen Voraussetzungen sowie die organisatorische Verfasstheit und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Handelns politischer Akteure. Perspektivverschiebungen in den Untersuchungsfeldern der politischen Soziologie (also Parteien, Verb\u00e4nde, Vereine, politische Eliten, W\u00e4hler und Wahlverhalten, aber eben auch soziale Bewegungen) tragen jedoch dazu bei, dass die Abgrenzungen etwa der Organisationsformen von Parteien, Verb\u00e4nden und Bewegungen unscharf werden und neue Handlungszusammenh\u00e4nge (etwa NGOs, public interest groups) an Bedeutung gewinnen. Die Querverbindungen, \u00dcbergangsformen und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Formen politischen Handelns, aber auch ihre durch den Vergleich deutlich werdenden St\u00e4rken und Schw\u00e4chen erlangen daher eine gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit in der Forschung. Die Bewegungsforschung ist zudem &#150; vor allem angesichts der steigenden Bedeutung transnationaler Vernetzungen und Protestmobilisierungen &#150; darauf angewiesen, die Kooperation mit Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften zu vertiefen und ihre Arbeit in einem multidisziplin\u00e4ren Forschungsfeld fortzuentwickeln.<br \/>Zu den neueren Herausforderungen der Bewegungsforschung, die an dieser Stelle nur angerissen werden k\u00f6nnen, geh\u00f6ren u.a. die folgenden Entwicklungen, Problem-kreise und emergierenden Forschungsfelder:<br \/>Die neuen sozialen Bewegungen haben seit den 1980er Jahren einen Institutionalisierungsprozess durchlaufen (vgl. Roth 1994; Rucht\/Blattert\/Rink 1997; Klein\/Legrand\/Leif 1999). Die Organisationen des Bewegungssektors entfalten ihre spezifische St\u00e4rke jedoch nach wie vor in der \u00f6ffentlichen Problemartikulation, passen ihr Handlungsrepertoire den Anforderungen der Mediendemokratie an und greifen bei Bedarf auch auf die Ressource der Protestmobilisierung zur\u00fcck. Der Bewegungssektor verf\u00fcgt zwar auch \u00fcber institutionalisierte Organisationen, doch geht er nicht in ihnen auf. Jr bietet so weiterhin attraktive Bet\u00e4tigungsfelder f\u00fcr ein politisches Engagement, das sich nicht organisatorisch vereinnahmen lassen m\u00f6chte. Die Bewegungsforschung kann vor diesem Hintergrund von den Forschungen zu Verb\u00e4nden und public interest groups sowie der NG\u00ae-Forschung (s.u.) profitieren.<br \/>Das Handlungsinstrumentarium sozialer Bewegungen wandelt sich. Absehbar ist der Bedeutungsr\u00fcckgang der Mobilisierung gr\u00f6\u00dferer Versammlungs\u00f6ffentlichkeiten. Statt dessen werden professionelle Kampagnen und Aktionsformen an Gewicht gewinnen, die durch Inszenierung auf die Wahrnehmungsfilter der Medien ausgerichtet sind (vgl. Hasse 2000). Die Bewegungsforschung muss daher verst\u00e4rkt mit der Kommunikationswissenschaft kooperieren.<br \/>Die Institutionalisierung der neuen sozialen Bewegungen und der Wandel ihres Handlungsinstrumentarium legt es nahe, die Bewegungsforschung systematisch im Diskussionskontext der Forschungen zu b\u00fcrgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft zu verankern (Enquete-Kommission 2002; Klein 2001). Protest tritt dann in ein Kontinuum von Handlungsformen, zu dem auch die ehrenamtliche oder berufliche \u00dcbernahme von Funktionen in Bewegungsorganisationen, die Spendenakquise und die professionelle Durchf\u00fchrung einer Kampagne geh\u00f6ren k\u00f6nnen.<br \/>Die so genannte Dritte-Sektor-Forschung (vgl. Priller\/Zimmer 2001) untersucht den Bereich der Nonprofit-Organisationen; der institutionalisierte Bewegungssektor mit seinen Organisations- und Rechtsformen ist Teil dieses Forschungsgebiets. Die Entwicklung einer Anzahl von Verb\u00e4nden (gut untersucht ist dies etwa f\u00fcr die Umweltverb\u00e4nde: vgl. Roose\/Rucht 2002) wird von Bewegungen stark beeinflusst; Verb\u00e4nde k\u00f6nnen durchaus auch die Funktion von Bewegungsorganisationen \u00fcber-nehmen und Protestmobilisierungen koordinieren. Verb\u00e4nde und Bewegungsforschung m\u00fcssen enger zusammenarbeiten.<br \/>Zwar sind Versuche der neuen sozialen Bewegungen, mit B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen ei-ne eigene &#132;Bewegungspartei&#148; auszubilden, aufgrund der Anforderungen des Parteiensystems gescheitert, doch bleiben soziale Bewegungen durchaus ernst zu nehmende Herausforderer der politischen Parteien &#150; ihre besonderen Vorteile bei der \u00f6ffentlichen Problemartikulation schlagen derzeit insbesondere auf der Ebene grenz\u00fcberschreitender Protestmobilisierung zu Buche (Leggewie 2003). Das Verh\u00e4ltnis von sozialen Bewegungen und Parteien d\u00fcrfte daher keineswegs ein Thema der Vergangenheit sein.<br \/>Die nach 1989 intensivierten Bem\u00fchungen der Transformationsforschung haben deutlich gemacht, dass soziale Bewegungen und Zivilgesellschaften in \u00dcbergangsphasen von Gesellschaften zur Demokratie eine bedeutende positive Rolle spielen k\u00f6nnen (vgl. Forschungsjournal NSB 1997). Nachdem sich die Euphorie in den 1990er Jahren gelegt hat, treten Probleme &#132;defekter&#148; und gef\u00e4hrdeter Demokratien, aber auch die Einfl\u00fcsse transnationaler Normen und der sie st\u00fctzenden Akteursnetzwerke auf die Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten (Risse\/Jetschke\/ Schmit 2002) wieder in den Vordergrund. Im Rahmen vergleichender Politikwissenschaft und insbesondere der Transformationsforschung d\u00fcrfte die Bewegungsforschung auch k\u00fcnftig eine wichtige Rolle spielen.<br \/>Soziale Bewegungen sind &#150; wie auch Zivilgesellschaften (vgl. Roth 2003) &#150; keineswegs per se normativ &#132;gute&#148; politische Akteure. Rechte oder fundamentalistische,<br \/>populistische oder religi\u00f6se Bewegungen d\u00fcrften k\u00fcnftig einen zentralen Gegen-stand der Bewegungsforschung darstellen.<br \/>Bewegungsorganisationen mit grenz\u00fcberschreitendem Handlungsradius haben ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, dass sich unter dem K\u00fcrzel &#132;NGO&#148; mittlerweile ein eigenes Feld der politischen Soziologie ausgebildet hat (vgl. Anheier\/Glasius\/Kaldor 2001; Brunnengr\u00e4ber\/Klein\/Walk 2001), das die verst\u00e4rkte Kooperation von Bewegungsforschung, Verb\u00e4ndeforschung (vgl. Frantz\/Zimmer 2002), aber auch die Rezeption der Theorien internationaler Beziehungen erfordert. Die von der Verb\u00e4ndeforschung adressierten Problemkreise der &#132;schwachen&#148; oder auch der &#132;moralischen&#148; Interessen (vgl. Willems 2002), der public interest groups und des Lobbyismus (vgl. Forschungsjournal NSB 2003) sind l\u00e4ngst auch zu Themen im Rahmen der Bewegungsforschung geworden.<br \/>Die Untersuchung transnationaler Protestmobilisierungen erfordert komplexere Forschungsdesigns als jene von Protestmobilisierungen im nationalstaatlichen Rahmen &#150; vor allem in Hinblick auf den Deutungsrahmen, die Identit\u00e4tsbildung der Tr\u00e4ger-schichten und der politischen Gelegenheitsstrukturen. Die Bewegungsforschung bedarf hier des engen Austauschs und der verst\u00e4rkten Kooperation mit den Forschungen zu internationalen Beziehungen, aber auch zur Demokratietheorie, in der die einschl\u00e4gigen Diskussionen in der Reichweite von Konzepten der &#132;kosmopolitischen Demokratie&#148; (vgl. Archibugi\/Held 1995) bis hin zu &#132;governance&#148; (vgI. Brand \/Brunnengr\u00e4be\/Schrader\/Stock\/Wahl 2000) gef\u00fchrt werden. Von der Medienforschung sind konzeptionelle wie empirische Hinweise \u00fcber Voraussetzungen und Effekte \u00f6ffentlichkeitswirksamer Kampagnen transnationaler Bewegungsnetze zu er-warten (vgl. Baringhorst 1998).<br \/>Transnationale Netzwerke sozialer Bewegungen stellen nicht nur besondere organisatorische Herausforderungen f\u00fcr die Akteure dar, sondern sind auch Schaupl\u00e4tze des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Werthorizonte (vgl. Bohmann 1997). Menschenrechtliche Rahmungen von Problemstellungen und die Debatte \u00fcber universelle versus partikulare Wertvorstellungen erfordern die enge Kooperation der Bewegungsforschung mit Kulturwissenschaften und Philosophie.<br \/>Soziale Bewegungen und Protest verlieren keineswegs an gesellschaftlicher Bedeutung und sind beileibe nicht zu einem blo\u00df historischen Thema abgesunken (damit soll nicht bestritten werden, dass die historische Bewegungsforschung beeindruckende Resultate erzielt). Vielmehr scheinen sich die ausdifferenzierten Formen politischen Handelns den Aktionsformen sozialer Bewegungen insgesamt st\u00e4rker anzun\u00e4hern &#150; mit durchaus ambivalenten Folgen f\u00fcr die Stabilit\u00e4t von Demokratie. Die Bewegungsforschung hat mit ihren Fragestellungen und Paradigmen, mit ihren Untersuchungsergebnissen zu einzelnen Bewegungen, Bewegungsfamilien und -sektoren, die mittlerweile qualitativ wie quantitativ mehr als bemerkenswert sind, wichtige Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Sozialwissenschaften geleistet. Transnationale Protestnetzwerke und das Verh\u00e4ltnis von Bewegungen und NGOs stellen die Forschung in den n\u00e4chsten Jahren ebenso vor gro\u00dfe Aufgaben wie die<br \/>zunehmende Mobilisierung religi\u00f6ser, fundamentalistischer oder populistischer Bewegungen. Doch die Entwicklung von Demokratie, Menschenrechten und Zivilgesellschaft auf nationaler wie internationaler Ebene erfordert k\u00fcnftig eine st\u00e4rkere \u00d6ffnung der Bewegungsforschung f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Kooperationen. Hier liegt die Zukunft der Bewegungsforschung. Zu fragen ist allerdings, ob sie diesen Anforderungen \u00fcberhaupt gewachsen ist?<\/p>\n<p>3. Die deutsche Bewegungsforschung krankt an mangelnder Institutionalisierung<\/p>\n<p>Anders als der Frauenforschung ist es der Bewegungsforschung in Deutschland nicht gelungen, sich \u00fcber eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Lehrst\u00fchlen an Universit\u00e4ten und Fachhoch-schulen zu etablieren. Damit unterscheidet sich der Institutionalisierungsgrad der deutschen Bewegungsforschung erheblich von dem in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern, aber auch in Italien oder Frankreich. In europ\u00e4ischen und internationalen Netzwerken mit eigenen Publikationsorganen, Buchreihen und Kongresszusammenh\u00e4ngen sind zwar auch Ko1legInnen aus der Bundesrepublik vertreten, doch sie k\u00f6nnen sich nicht auf entsprechende nationale Infrastrukturen in Forschung und Lehre st\u00fctzen.<br \/>Einzelne Forscher haben das Gesicht der Bewegungsforschung in Deutschland stark gepr\u00e4gt: Zu ihnen geh\u00f6ren sicherlich Ute Gerhard, Helena Flam, Joachim Raschke, Karl Werner Brand, Herbert Kitschelt, Klaus Eder, Dieter Rucht, Roland Roth und Klaus-Dieter Opp. Institutionell einflussreich ist vor allem die von Friedhelm Neidhardt, Dieter Rucht und anderen am Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung (WZB) in den 1990er Jahren etablierte Bewegungsforschung geworden. Diese Richtung hat je-doch in j\u00fcngster Zeit an Gewicht verloren und droht k\u00fcnftig am WZB ironischerweise zu einer Marginalie in den aus guten Gr\u00fcnden erweiterten Forschungen zu Zivilgesellschaft und Demokratie zu werden.<br \/>Seit 1988 gibt es mit dem Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen ein Publikationsorgan der deutschen Bewegungsforschung. Die Zeitschrift ist jedoch seit ihrer Gr\u00fcndung ein rein ehrenamtliches Projekt &#151; auch dies ist durchaus ein Ausdruck der bestehenden Institutionalisierungsschw\u00e4che der Bewegungsforschung in Deutschland. Das Forschungsjournal versucht die in diesem Beitrag skizzierten wissenschaftlichen Herausforderungen der Bewegungsforschung publizistisch aufzunehmen. Die Zeitschrift beschr\u00e4nkt sich daher nicht auf Analysen der Bewegungsforschung im engeren Sinne, sondern bezieht Fragestellungen von Zivilgesellschaft, Demokratie, Parteien-, Verb\u00e4nde- und NGO-Forschung, Medienforschung und Dritte-Sektor-Forschung ebenso ein wie Forschungen zur ganzen Breite des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements.<br \/>Ber\u00fccksichtigt man die in den obigen Beispielen skizzierten fachlichen Bez\u00fcge der Bewegungsforschung zu anderen Bereichen der Sozialwissenschaften, so f\u00e4llt die Bilanz etwas positiver aus. In Forschungen zu Verb\u00e4nden und NGOs wird die Bewegungsforschung ebenso rezipiert wie in Frauenforschung, Dritte-Sektor-Forschung und den Untersuchungen zu b\u00fcrgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft. Der Arbeitskreis &#132;Soziale Bewegungen&#148; der Deutschen Vereinigung f\u00fcr Politische Wissenschaften (DVPW) bem\u00fcht sich seit einiger Zeit, die Kooperation der Bewegungsforschung mit anderen Bereichen der politischen Soziologie, allen voran der Verb\u00e4ndeforschung, zu intensivieren. K\u00fcnftig soll auch die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Soziologie st\u00e4rker einbezogen werden. In regelm\u00e4\u00dfigen Fachkongressen, insbesondere zu Fragen der transnationalen Vernetzung und Protestmobilisierung, werden vor allem die Interaktionen von Bewegungen, NGOs, Verb\u00e4nden und Gewerkschaften einerseits, die institutionellen und demokratietheoretischen Rahmenbedingungen der (verst\u00e4rkt transnationalen) Protestmobilisierung andererseits ausgeleuchtet. Trotz der deutlich werdenden, verst\u00e4rkten Integration der Bewegungsforschung in die Forschungspraxis der politischen Soziologie besteht jedoch angesichts einer unzureichenden eigenst\u00e4ndigen Institutionalisierung der Bewegungsforschung in Deutschland Anlass zur Bef\u00fcrchtung, dass diese den k\u00fcnftigen Herausforderungen nicht gewachsen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2325],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12030","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ansgar-klein","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bewegungsforschung: Quo vadis? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/bewegungsforschung-quo-vadis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bewegungsforschung: Quo vadis? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein \u00dcberblick zu Entstehung, Auspr\u00e4gung und Forschungsstand In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 12ff Der folgende \u00dcberblick zur Bewegungsforschung geht in drei Schritten vor. 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