{"id":12032,"date":"2003-06-01T15:58:00","date_gmt":"2003-06-01T13:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"soziale-bewegung-oder-generationskonflikt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt\/","title":{"rendered":"Soziale Bewegung oder Generationskonflikt?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968`<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 32ff<\/p>\n<p>Kaum ein Ereignis der j\u00fcngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen \u00dcberf\u00fclle an Interpretationsans\u00e4tzen bedacht worden wie ,1968`. Liegt dies am gro\u00dfen<\/p>\n<p>Aufsehen, das die 68er-Protestaktionen erregten, oder an der Theorieverliebtheit jener Zeit und ihrer Akteure? Wie auch immer &#150; aus dem Get\u00fcmmel der 35 Jahre<\/p>\n<p>w\u00e4hrenden Deutungsk\u00e4mpfe ragen gleichwohl zwei Positionen heraus: jene der Sozialbewegungsforschung und die an Karl Mannheim orientierte Generationstheorie.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Beitrag sollen diese beiden Ans\u00e4tze zun\u00e4chst skizziert werden. Es folgen \u00dcberlegungen zur Position der &#132;68er&#148; im Generationsgef\u00fcge ihrer<\/p>\n<p>Zeit, bevor abschlie\u00dfend ein Synthesevorschlag er-l\u00e4utert wird, demzufolge die 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung begriffen werden kann.&#8216;<\/p>\n<p>Der 68er-Protest als soziale Bewegung<\/p>\n<p>Die Versuche, ,1968` mit der Methodik der Sozialbewegungsforschung zu erfassen, sind in der Geschichtswissenschaft erst in j\u00fcngerer Zeit auf Widerhall<\/p>\n<p>gesto\u00dfen.2 Eigentlich ist dieser Ansatz jedoch so alt wie der Untersuchungsgegenstand, denn schon in der Selbstbezeichnung der Protestierer als ,Bewegung`<\/p>\n<p>war ein solches konzeptionelles Verst\u00e4ndnis angelegt. Insofern \u00fcberrascht es nicht, dass bereits 1968 ein franz\u00f6sischer Soziologe hinsichtlich der Mai-<\/p>\n<p>Unruhen in seinem Land von der &#132;Geburt einer neuen sozialen Bewegung&#148; (Touraine 1968: 12) sprach und in diesem Sinne einen umfassen-den Deutungsvorschlag<\/p>\n<p>entwarf.<br \/>Was ist nun genauer unter einer Sozialbewegung zu verstehen? Nach Joachim Raschke handelt es sich um einen &#132;mobilisierenden kollektiven Akteur, der mit einer<\/p>\n<p>gewissen Kontinuit\u00e4t auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das<\/p>\n<p>Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuf\u00fchren, zu verhindern oder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.&#148; (Raschke 1988: 77) Der Knackpunkt liegt dabei in der<\/p>\n<p>Verkn\u00fcpfung des Protests mit ,sozialem Wandel&#8216;, der &#132;Ursache und Funktion sozialer Bewegung&#148; (ebd.: 18). Mit Blick auf die 68er-Bewegung ist gegen eine<\/p>\n<p>solche Zielzuschreibung angef\u00fchrt<br \/>worden, dass von damaligen f\u00fchrenden Akteuren keineswegs nur gesellschaftliche Re-formen, sondern eine Revolution erstrebt wurde (Kraushaar 2000: 266f.).<\/p>\n<p>Ferner k\u00f6nnte<br \/>man zu bedenken geben, dass typische Single-Purpose-Movements h\u00e4ufig ganz bewusst<br \/>keine grundlegenden Ziele formulieren, die \u00fcber ihr konkretes Anliegen hinausgehen. Raschke nimmt jedoch mit einem weit gefassten Verst\u00e4ndnis von ,sozialem<\/p>\n<p>Wandel&#8216; der Kritik gr\u00f6\u00dftenteils den Wind aus den Segeln. Ihm zufolge k\u00f6nnen Aspekte wie Wertewandel oder der &#132;Wandel der Lebenspraxis&#148; ebenso zum<\/p>\n<p>Sozialwandel gez\u00e4hlt werden wie staatlich angeregte Reformen, fernerhin Separation oder Revolution (Raschke 1988: 389).<br \/>Als Erweiterung des skizzierten Bewegungsbegriffs erscheint es im Rahmen einer historischen Anwendung sinnvoll, den Terminus ,soziale Bewegung&#8216; st\u00e4rker in<\/p>\n<p>das Begriffsfeld des ,kollektiven Handelns&#8216; einzubetten (Heinz\/Sch\u00f6ber 1973: 9). Statt ein statisches Bewegungsmodell zu konstruieren, l\u00e4sst sich so die<\/p>\n<p>Bandbreite des Protesthandelns wie auf einer Skala anordnen und damit ein dynamisches Konzept entwickeln, das gerade mit Blick auf die vielf\u00e4ltigen Vorg\u00e4nge<\/p>\n<p>in den 1960er Jahren hilfreich ist: An-gefangen bei unkoordinierten kollektiven Handlungen (etwa spontanen Demonstrationen) \u00fcber kollektive Episoden &#150; wozu<\/p>\n<p>auch noch die &#132;Schwabinger Krawalle&#148; von 1962 zu rechnen w\u00e4ren (Hemler 2003) &#150; finden sich Ans\u00e4tze zu sozialen Bewegungen in sich verstetigenden<\/p>\n<p>Protestformen (oft noch ohne weiterreichende Zielsetzungen, wie etwa bei den studentischen Aktionen f\u00fcr Bildungsreformen seit Mitte der 60er Jahre),<\/p>\n<p>schlie\u00dflich die voll ausgebildeten Sozialbewegungen als Reformunternehmungen sowie die Separations- oder Revolutionsbewegung.<br \/>Das Sozialbewegungskonzept vermag auf diese Weise als relativ breit angelegtes Modell der Vielfalt der historischen Wirklichkeit durchaus gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Allerdings bedarf es einer flexiblen Anwendung, um unn\u00f6tige Verengungen zu vermeiden, wie sie dem Bielefelder Kreis um Ingrid Gilcher-Holtey bei der<\/p>\n<p>\u00dcbertragung des Ansatzes auf die 68er-Bewegung z.T. unterlaufen sind. Wie Detlef Siegfried (2003: 20) bemerkt hat, ist hier ist zum einen eine \u00dcbersch\u00e4tzung<\/p>\n<p>der Pr\u00e4gekraft der &#132;kognitiven Konstitution&#148; (Gilcher-Holtey 1995: 44) festzustellen; zum anderen besteht die Gefahr einer zu starken Fixierung auf wenige,<\/p>\n<p>als zentral angesehene Tr\u00e4gerorganisationen der Bewegung (vgl. z.B. Richter 1998). F\u00fcr die Bundesrepublik droht die Thematik auf eine Art &#132;Ideengeschichte<\/p>\n<p>des SDS unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der ,Antiautorit\u00e4ren&#148; zusammenzuschrumpfen. Erkenntnisse, wie meinungsf\u00fchrende Gruppen vor der Aktionsphase der<\/p>\n<p>68er-Bewegung intern funktionierten, sind zwar durchaus von Interesse, aber die entscheidende Frage, warum sie nun, anders als zu fr\u00fcheren und sp\u00e4teren<\/p>\n<p>Zeiten, auf eine derartige Resonanz sto\u00dfen konnten, wird so schwerlich zu beantworten sein. Die 68er-Bewegung war eben keineswegs nur der SDS, und ,1968`<\/p>\n<p>ersch\u00f6pfte sich nicht allein in der 68er-Bewegung.<br \/>Trotz dieser Kritik bleibt es sinnvoll, bei der Untersuchung der 68er-Bewegung auf das Instrumentarium der Sozialbewegungsforschung zur\u00fcckzugreifen. In der<\/p>\n<p>historischen Darstellung k\u00f6nnen auf diese Weise ausgearbeitete Kategorien verwendet wer-den, und es lassen sich zahlreiche Aspekte der Bewegung, insbesondere<\/p>\n<p>das &#132;Funktionieren&#148; der Mobilisierung von Sympathisanten, besser verstehen. Allerdings scheint<br \/>dieser Ansatz nicht auszureichen, um ,1968` umfassend, einschlie\u00dflich seiner vielf\u00e4ltigen, \u00fcber die 68er-Bewegung hinaus verweisenden Wirkungsweisen, zu<\/p>\n<p>erkl\u00e4ren. Weiterhelfen kann hier eine Verkn\u00fcpfung mit der Generationstheorie.<\/p>\n<p>Karl Mannheims Generationsmodell<\/p>\n<p>Hinsichtlich des &#132;Problems der Generationen&#148; empfiehlt sich immer noch der R\u00fcckgriff auf die gleichnamige Konzeptskizze, die Karl Mannheim 1928 als Aufsatz<\/p>\n<p>publizierte (Mannheim 1964 [1928]). Von zentraler Bedeutung ist dort die Begriffsunterscheidung zwischen Generationslagerung, -zusammenhang und -einheit, aus<\/p>\n<p>der sich ein &#132;Stufenmodell unterschiedlicher Intensit\u00e4ten von Verbundenheit innerhalb einer Generation&#148; erschlie\u00dft (Lucke 1998: 7).<br \/>Die generationelle Lagerung ist in Analogie zur Klassenlage gedacht, als &#132;blo\u00dfe Pr\u00e4senz in einer bestimmten historisch-sozialen Einheit&#148; (Mannheim 1964:<\/p>\n<p>542). Damit ist mehr gemeint als die kohortenbezogene Zugeh\u00f6rigkeit zu einer biologischen Generation, denn es besteht bereits eine gemeinsame<\/p>\n<p>gesellschaftlich-politische Ausgangssituation. Zur Herausbildung der zweiten und dritten Stufe seines Modells schreibt Mann-heim (ebd.: 544): &#132;Dieselbe<\/p>\n<p>Jugend, die an derselben historisch-aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem ,Generationszusammenhang`, diejenigen Gruppen, die innerhalb<\/p>\n<p>desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene ,Generationseinheiten` im Rahmen<\/p>\n<p>desselben Generationszusammenhanges.&#148;<br \/>Bei der Frage nach dem Entstehungshintergrund einer Generation wird dem Tempo des sozialen Wandels ein erhebliches Gewicht zugemessen. Ein zweiter wichtiger<\/p>\n<p>Entstehungsfaktor ist die &#132;Ergebnisschichtung&#148;: F\u00fcr die Bewusstseinsformierung spielt eine entscheidende Rolle, &#132;welche Erlebnisse als ,erste Eindr\u00fccke&#8216;,<\/p>\n<p>,Jugenderlebnisse` sich niederschlagen, und welche als zweite, dritte Schicht usw. hinzukommen&#148; (ebd.: 536). Nicht unumstritten ist ferner die Annahme<\/p>\n<p>Mannheims, es komme hierbei vor allem auf die Ereigniswahrnehmung in der f\u00fcr das pers\u00f6nliche Weltbild pr\u00e4formierende Zeit zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr<\/p>\n<p>an (ebd.: 538f.) &#150; mit Blick auf die Vorverlagerung der Pubert\u00e4t und Verl\u00e4ngerung der Postadoleszenz ist eher von einer etwas gr\u00f6\u00dferen Zeitspanne auszugehen.<\/p>\n<p>Die &#132;68er&#148; im Generationsgef\u00fcge ihrer Zeit<\/p>\n<p>Angesichts der weitreichenden Wirkung der Protestbewegung der sp\u00e4ten 1960er Jahre sollte die hier nun zu er\u00f6rternde jahrgangsbezogene Ausdehnung der 68er-<\/p>\n<p>Generation relativ breit angesetzt werden. Zwar d\u00fcrfte die Zuordnung der Jahrg\u00e4nge 1940-50 f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Teilnehmer der Protestbewegung zutreffen<\/p>\n<p>(Leggewie 1995: 90), so dass im engeren Sinne die &#132;68er&#148; mit dieser Altersklassifizierung bezeichnet werden<br \/>k\u00f6nnen. Soll allerdings der Generationszusammenhang jahrgangsm\u00e4\u00dfig vollst\u00e4ndig er-fasst werden, sind dar\u00fcber hinaus auch die bis zu f\u00fcnf Jahre j\u00fcngeren und<\/p>\n<p>\u00e4lteren Kohorten noch zu ber\u00fccksichtigen. Aus der Gruppe der ca. 1935-40 Geborenen kamen zwar nur wenige Bewegungsaktivisten, aber doch Sympathisanten des<\/p>\n<p>au\u00dferstudentischen Bereichs, so z.B. Hochschulassistenten, j\u00fcngere Journalisten oder Lehrer. F\u00fcr den j\u00fcngsten Teil der Protestgeneration, die Jahrg\u00e4nge 1950<\/p>\n<p>-55, wurden dann die Ereignisse um 1968 selbst zu einer pr\u00e4genden Erfahrung, was sich zum einen in einer etwas zeitversetzt einsetzenden Sch\u00fclerbewegung<\/p>\n<p>niederschlug (Heider 1984) und zum anderen die Linksbewegung an den Hochschulen radikalisieren half.<br \/>Aufgrund der M\u00f6glichkeit, dass Generationen als &#132;komplizierte Gewebe gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit&#148; in Interaktion treten (Moses 2000: 263), erscheint es bei<\/p>\n<p>der Anwendung des Generationsansatzes sinnvoll, nicht nur isoliert die &#132;68er&#148;, sondern das gesamte Generationsgef\u00fcge ihrer Zeit in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der 1960er Jahre ist hierbei vor allem auf die globale Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten hin-zuweisen, die sich durch die<\/p>\n<p>Aufeinanderfolge der krisenreichen Zwischenkriegsjahre, der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und dem Nachkriegsboom ergaben. Zwar sollten die &#132;68er&#148;<\/p>\n<p>generationell &#8211; entgegen der Thesen von Heinz Bude3 &#8211; keineswegs als massenhaft traumatisierte &#132;Kriegskinder&#148; verstanden werden. Jedoch wurden die<\/p>\n<p>vorgelagerten Generationen durch ihre Krisen- und Kriegseindr\u00fccke in den 1930er und 1940er Jahren dauerhaft gepr\u00e4gt und alters\u00fcbergreifend miteinander<\/p>\n<p>verbunden.<br \/>Die 68er-Generation war nun die erste Altersgruppe, die in keinem f\u00fcr generationelle Pr\u00e4gungen relevanten Lebensabschnitt Kriegs- und Krisenzeiten noch<\/p>\n<p>miterleben musste. Die hieraus resultierende Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten zwischen &#132;68ern&#148; und den \u00c4lteren verst\u00e4rkte sich dann noch weiter durch<\/p>\n<p>den beschleunigten Modernisierungsprozess: W\u00e4hrend der wachsende Wohlstand das bisherige &#132;Streben nach Sicherheit&#148; (Braun 1978) in den \u00e4lteren Generationen<\/p>\n<p>nur allm\u00e4hlich zu neutralisieren vermochte, konnte des Nachkriegsbooms f\u00fcr die damalige Jugend zu einer quasi voraussetzungslosen Grunderfahrung werden, die<\/p>\n<p>zu weitreichenden neuen W\u00fcnschen zu berechtigen schien. Der von Eckert f\u00fcr Westdeutschland konstatierte, aber auch in anderen Industriel\u00e4ndern feststellbare<\/p>\n<p>&#132;Bed\u00fcrfniswandel&#148; (Eckert 1973: 27), der sich hierzulande messbar auch in einem Wertewandelsschub niederschlug (Klages 1992), betraf dabei in erh\u00f6htem Ma\u00df<\/p>\n<p>die j\u00fcngeren Altersgruppen. Erst vor diesem Hintergrund konnte es in den 1960er Jahren zu der &#132;enormen historischen Kluft&#148; (Hobsbawm 1995: 412) im<\/p>\n<p>Generationsgef\u00fcge kommen, die eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr die Entstehung der 68er-Protestgeneration darstellte.<br \/>In Deutschland trug zur Versch\u00e4rfung dieses geschichtlich bedingten Generationskonfliktes die NS-Belastung der Elterngenerationen bei. Konstituierend f\u00fcr die<\/p>\n<p>hiesigen &#132;68er&#148; &#8211; wie auch f\u00fcr ihre Altersgenossen anderer L\u00e4nder &#8211; war aber auch das konkurrierende Verh\u00e4ltnis zu den &#132;45ern&#148; (Moses 2000), Schelskys<\/p>\n<p>&#132;skeptischer Generation&#148;. Unter den ver\u00e4nderten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erschien der Konsensliberalismus, der die ideelle Basis<\/p>\n<p>f\u00fcr die Verwestlichungsbestrebungen der &#132;45er&#148; dargestellt hatte, den jungen Linksintellektuellen der 68er-Zeit nicht mehr modern, sondern wie ein Relikt des<\/p>\n<p>Kalten Krieges (Poiger 2001: 259-63). Die Ideologiebezogenheit kann.so auch als bewusste Abgrenzung zum Pragmatismus der skeptischen &#132;Gro\u00dfe-Br\u00fcder-<\/p>\n<p>Generation&#148; (Husche 2003: 46) verstanden werden.<br \/>Generationsgeschichtlich wurde bisher auf Faktoren abgehoben, die im Sinne Mannheims f\u00fcr die Entstehung einer Generationslagerung bedeutsam sind. Die<\/p>\n<p>Ausbildung eines Generationszusammenhangs ist dabei nach 1945 allein bei den &#132;68ern&#148; klar erkennbar, in den anderen F\u00e4llen &#150; einschlie\u00dflich der &#132;45er&#148; &#150;<\/p>\n<p>hingegen nur in schwachen, historisch weniger wirksamen Umrissen. Wie Helmut Fogt in seinen vertiefenden \u00dcberlegungen zu Mannheims Ideen festgestellt hat,<\/p>\n<p>entstehen Generationszusammenh\u00e4nge &#132;prim\u00e4r durch die kollektive Verarbeitung spezifischer Ereignisse&#148; (Fogt 1982: 104). Mit Blick auf den<\/p>\n<p>Generationszusammenhang der &#132;68er&#148; sind hier zeitgeschichtliche Fakten zu nennen, die auch im Rahmen von anderen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen als &#132;Ausl\u00f6ser&#148; diskutiert<\/p>\n<p>worden sind. Aufgrund seiner weltweiten Wirkung ist zuerst der Vietnamkrieg hervorzuheben, sodann im Bereich der Bundesrepublik besonders die Bildung der<\/p>\n<p>Gro\u00dfen Koalition 1966. Ferner fallen hierunter Ereignisse, die in direktem Zusammenhang mit der 68er-Bewegung selbst stehen, wobei nicht selten die<\/p>\n<p>fortschreitende generationelle Solidarisierung durch die staatlichen Reaktionsweisen angefacht wurde. Zu erw\u00e4hnen w\u00e4ren hier die Osterunruhen 1968 in der<\/p>\n<p>Bundesrepublik und nat\u00fcrlich besonders der Pariser &#132;Mai ,68&#148;, der weltweit die Hoffnungen der Protestierer befl\u00fcgelte.<\/p>\n<p>Die generationelle Sozialbewegung der 68er-Zeit: ein Synthesevorschlag<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte nun ein umfassender Erkl\u00e4rungsversuch f\u00fcr ,1968` konzipiert sein? Im Falle der altershomogenen, studentisch dominierten, global auftretenden<\/p>\n<p>68er-Bewegung er-scheint die Mannheimsche Generationstheorie hierf\u00fcr als Basis besonders geeignet (Fogt 1982: 135-160; Rabehl et al. 1986; Kimmel 1998: 127-<\/p>\n<p>131; Fietze 2000). Wie Lothar M\u00fcller festgestellt hat, zeigt der Mannheimsche Ansatz &#132;M\u00f6glichkeiten auf, zu einer ins-gesamt mikro- und makrostrukturelle<\/p>\n<p>Elemente zusammenf\u00fcgenden Theorie zur Erkl\u00e4rung des Studentenprotests zu gelangen.&#148; (M\u00fcller 1992: 173) Entsprechend einer solchen Zielsetzung werden<\/p>\n<p>abschlie\u00dfend Verkn\u00fcpfungen des Generationsmodells mit an-deren Ans\u00e4tzen zur Diskussion gestellt.<br \/>Besonders wichtig ist eine sinnvolle Verbindung mit der oben vorgestellten Theorie sozialer Bewegungen. Fogt und Kimmel schlugen hier vor, von einer<\/p>\n<p>Generationseinheit als Tr\u00e4ger der 68er-Bewegung auszugehen (Fogt 1982: 137; Kimmel 1998: 128). Durch eine solche Verkn\u00fcpfung gelingt es, den Protest in<\/p>\n<p>mehreren Punkten \u00fcberzeugender zu erkl\u00e4ren, als dies beim Sozialbewegungs- oder Generationsmodell f\u00fcr sich der Fall w\u00e4re: Die Verbindung zu den<\/p>\n<p>Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit ist nun besser fundiert, da ja in beiden Ans\u00e4tzen der soziale Wandel eine wichtige Bedeutung als Hintergrundursache<\/p>\n<p>spielt &#150; zum einen bei der Auspr\u00e4gung von Generationslagerungen, zum anderen bei der Entstehung sozialer Bewegungen. Eine sich schon seit den 1950er Jahren<\/p>\n<p>bildende Generationslagerung k\u00f6nnte sich folglich f\u00fcr die 68er-Bewegung bereits in deren Anfangsphase beg\u00fcnstigend ausgewirkt haben. Das Aufkommen eines<\/p>\n<p>Generationszusammenhangs in den mittleren 1960er Jahren erkl\u00e4rt die Dynamik der weiteren Bewegungsentwicklung, die eben durch den Generationsbildungsprozess<\/p>\n<p>mit-bedingt war. Umgekehrt st\u00e4rkte die sich konstituierende Sozialbewegung den Generationszusammenhang und lieferte die Plattform f\u00fcr die dominierende Generationseinheit. Die schrittweise Verschr\u00e4nkung von Bewegung und Generation erleichterte<\/p>\n<p>so ma\u00dfgeblich die Ausbildung kollektiver Identit\u00e4ten. Werden die Entstehung der 68er-Bewegung und die Generationsbildung in diesem Sinne als zun\u00e4chst<\/p>\n<p>weitgehend parallel verlaufende, in zunehmendem Ma\u00dfe sich aber dann gegenseitig beeinflussende Entwicklungen gesehen, f\u00e4llt es leichter, die Breitenwirkung<\/p>\n<p>von ,1968` zu erkl\u00e4ren: Sie kann &#150; \u00fcber die Tr\u00e4gerorganisationen des Protests hinausgreifend &#150; innerhalb des neu entstandenen Generationszusammenhangs<\/p>\n<p>verortet werden.<br \/>Als Akteur der 68er-Ereignisse kann folglich von einer generationellen Sozialbewegung gesprochen werden. Die Bezeichnung ,68er-Bewegung` ist somit in der<\/p>\n<p>Bedeutung als ,Bewegung der 68er&#8216; angemessen, wobei nicht die gesamte Generation, sondern nur die &#132;protestbewegte&#148; Generationseinheit als Tr\u00e4ger fungierte.<\/p>\n<p>Da sich aber nach Mannheims Stufenmodell auch &#132;mehrere, polar sich bek\u00e4mpfende Generationseinheiten&#148; innerhalb eines Generationszusammenhangs bilden k\u00f6nnen<\/p>\n<p>(Mannheim 1964: 547), stellen APO-Aktivisten keineswegs die 68er-Generation dar, sofern man darunter einen Generationszusammenhang versteht. Dieser ist viel<\/p>\n<p>weiter gespannt und umfasst neben SDS-Mitgliedern auch dem Protest bisweilen distanziert gegen\u00fcberstehende, aber dennoch durch die Ereignisse mitbeeinflusste<\/p>\n<p>junge Sozialliberale in der SPD oder FDP und sogar die konservative Gegenbewegung. Sie alle bilden einen Zusammenhang, der von denselben Rahmenereignissen<\/p>\n<p>gepr\u00e4gt worden ist; sie sind aber unterschiedliche Str\u00f6mungen &#150; oder in der Mannheimschen Terminologie: Einheiten &#150; derselben 68er-Generation.<br \/>Anhand der obigen \u00dcberlegungen wird deutlich, dass sich das Generationsmodell f\u00fcr synthetisierende Theorieverbindungen besonders eignet, weil seine Erkl\u00e4rung<\/p>\n<p>von Gruppenbildungsprozessen auf einer mittleren Ebene ansetzt und mit seiner relativen Offenheit genug Raum f\u00fcr die Integration anderer Erkl\u00e4rungsvorschl\u00e4ge<\/p>\n<p>l\u00e4sst. Da der Generations- und der Sozialbewegungsansatz von unterschiedlichen Richtungen an die 68er-Bewegung herangehen, bieten sie weniger konkurrierende<\/p>\n<p>als \u00fcberwiegend komplement\u00e4re Deutungen. Die von der Sozialbewegungstheorie erfassten konkreten Mobilisierungsvorg\u00e4nge k\u00f6nnen so als funktionale Erkl\u00e4rungen<\/p>\n<p>f\u00fcr die Entstehungsbedingungen der 68er-bewegten Generationseinheit begriffen werden. Auch andere Forschungsthesen zu Mobilisierungsprozessen, wie z.B.<\/p>\n<p>Annahme einer hervorgehobenen Rolle der ,antiautorit\u00e4ren` &#132;Provokationselite&#148; bei der Entstehung der 68er-Generation (Rabehl et al. 1986: 35f.) oder die<\/p>\n<p>Befunde zum liberalen Sozialisationshintergrund von Protestakteuren oder zur Totalit\u00e4t der studentischen Rolle (Allerbeck 1973: 221-232), sind als<\/p>\n<p>Erkl\u00e4rungsbausteine aufzufassen, die den Prozess der Verfestigung des 68er-Generationszusammenhangs und die Entstehung der Protest-Generationseinheit genauer<\/p>\n<p>verstehen lassen.<br \/>\u00dcberlegungen zur Modernisierung sowie zu anderen politisch-gesellschaftlichen Basistrends der Nachkriegszeit (Verwestlichung, wachsende Bedeutung von<\/p>\n<p>Jugendkulturen, Wertewandel) tragen zur Erkl\u00e4rung der Entstehungsumst\u00e4nde der 68er-Generationslagerung bei. Modernisierungssch\u00fcbe beg\u00fcnstigen als besondere<\/p>\n<p>Temposteigerungen des sozialen Wandels die Entstehung einer Generationslagerung. Dabei kann mit Hilfe<br \/>des Konzepts der reflexiven Modernisierung (Ulrich Beck) die spezifische Situation des Entstehungs- und Wirkungszeitraums der 68er-Bewegung mit seinen<\/p>\n<p>Ungleichzeitigkeiten im gesellschaftlichen Wandel charakterisiert werden. Die prek\u00e4re Umbruchsituation im spannungsreichen Modernisierungsgeschehen der<\/p>\n<p>1960er Jahre war der N\u00e4hrboden f\u00fcr die konfliktlose politisch-gesellschaftliche Ereigniskonstellation, die dann die Ausbildung des 68er-<\/p>\n<p>Generationszusammenhangs f\u00f6rderte.<br \/>Die zeitgeschichtlichen Diskussionen \u00fcber den Z\u00e4surcharakter verschiedener Einzelereignisse hat f\u00fcr die Mannheimsche Generationstheorie insofern einen<\/p>\n<p>besonderen Stellenwert, als den Ereignissen im Rahmen des Konzepts der Erlebnisschichtung eine wichtige Rolle f\u00fcr die Entstehung eines<\/p>\n<p>Generationszusammenhangs zukommt. Der Bezug auf den gesellschaftlich-politischen Rahmen und die Ereignisse der Zeit ist dabei subjektiv gewendet:<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr das Zustandekommen generationeller Pr\u00e4gungen sind weniger die &#132;objektiven&#148; Verh\u00e4ltnisse als deren Wahrnehmung durch die Altersgruppe einer<\/p>\n<p>Generationslagerung. Das Synchronisationsmodell von Pierre Bourdieu ist dabei geeignet, nicht nur die Krisendynamisierung und &#150; wie von Gilcher-Holtey<\/p>\n<p>hervorgehoben (Gilcher-Holtey 1995: 232f.) &#150; die bewegungsmobilisierende Wirkung zu erkl\u00e4ren, sondern es erm\u00f6glicht ebenso ein besseres Verst\u00e4ndnis der<\/p>\n<p>generationspr\u00e4genden Kraft von einschneidenden Ereignissen (Bourdieu 1998: 254-303).<br \/>Die Sicht der 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung in einer Zeit gesellschaftlich-politischer Umbr\u00fcche l\u00e4sst schlie\u00dflich auch verstehen, warum der<\/p>\n<p>Protest einerseits &#132;global und miteinander verbunden&#148; und andererseits doch &#132;disparat&#148; und auf engere Kontexte bezogen erscheint (Fink et al. 1998: 20):<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Makrobedingungen der Nachkriegszeit, welche die 68er-Generationslagerung hervorbrachten, weltweit \u00e4hnlich gerichtet (Fietze 2000: 23f.) und in<\/p>\n<p>der westlichen Hemisph\u00e4re sogar gleichartig waren, galt dies f\u00fcr die Umst\u00e4nde, die f\u00fcr die Bildung von Generationszusammenh\u00e4ngen und -einheiten ma\u00dfgeblich<\/p>\n<p>waren, nicht im gleichen Ma\u00dfe. Hier kam es, trotz international rezipierter Anst\u00f6\u00dfe, zu l\u00e4nderspezifischen Ereigniskonstellationen und demzufolge auch bei<\/p>\n<p>der 68er-Bewegung zu unterschiedlichen Entwicklungs- und Mobilisierungsverl\u00e4ufen. Aufgrund der starken Ausgangspr\u00e4gung der Generationslagerung sowie der<\/p>\n<p>wechselseitigen, medial beg\u00fcnstigten Beeinflussungen der Bewegungen drifteten die Entwicklungen jedoch nicht in v\u00f6llig verschiedene Richtungen, sondern<\/p>\n<p>behielten eine gewisse \u00c4hnlichkeit. Generationstheoretisch betrachtet kann daher ,1968` trotz seiner erstaunlichen lokalen, regionalen und nationalen<\/p>\n<p>Vielfalt durchaus als ein globales Ph\u00e4nomen angesehen werden.<\/p>\n<p>1\u00a0 Mit der ,sozialen Bewegung&#8216; war im 19. Jahrhundert zun\u00e4chst die Arbeiterbewegung gemeint. In der Nachkriegszeit entstand dann ein von der urspr\u00fcnglichen\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0Tr\u00e4gerschaft abstrahierender Sozialbewegungsbegriff, der im folgenden Abschnitt erl\u00e4utert wird. Synonym wird dabei von ,sozialen Bewegungen&#8216; oder\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>,Sozialbewegungen` gesprochen.<br \/>2\u00a0 Zu nennen ist hier vor allem die Bielefelder Arbeitsgruppe um Ingrid Gilcher-Holtey (vgl. Gilcher-Holtey 1995; Gilcher-Holtey 1998; Kurz 2001; Tolomelli\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a02001, Schmidtke 2003), auf deren Herangehensweise weiter unten noch eingegangen wird.<br \/>3\u00a0 Bude sieht die 68er-Generation zum einen besonders durch die Bombenn\u00e4chte in den allerersten Lebensjahren unbewusst gezeichnet, zum anderen greift er auf\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0 die &#132;Kontroll-Loch&#8220;-These zur\u00fcck<br \/>\u00a0\u00a0 (Preuss-Lausitz et al. 1983: 13 u. 21): In der unmittelbaren Nachkriegszeit seien viele Kinder, bedingt durch die Notsituation, fast ohne elterliche\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Kontrolle aufgewachsen. Die R\u00fcckkehr zur innerfamili\u00e4ren Normalit\u00e4t der 1950er Jahre h\u00e4tten sie als besonders schroffen Kontrast erfahren, was eine\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>rebellische Vorpr\u00e4gung erzeugt habe (Bude 1995: 34ff. u. 53ff.). Solche Deutungen sind je-doch nicht vereinbar mit der Tatsache, dass die\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Studentenbewegung kein deutsches Spezifikum darstellt: Ebenfalls aufbegehrende Altersgenossen aus den USA wurden in ihrer Kindheit weder von\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Bombennachts-Traumata noch von &#132;Kontroll-L\u00f6chern&#148; vorgepr\u00e4gt, und auch in Gro\u00dfbritannien oder Frankreich unterschieden sich die fr\u00fchkindlichen Kriegs- und\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Nachkriegserfahrungen deutlich von denen in Deutschland. Nat\u00fcrlich ist es unstrittig, dass Kindheitserfahrungen Einfluss auf die\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung nehmen, jedoch zeigt gerade das Beispiel der &#132;68er&#148;, dass derartige fr\u00fche Pr\u00e4gungen nur individuell und eben nicht kollektiv &#151;\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>und damit auch nicht f\u00fcr die Konstituierung einer Generation &#151; von Bedeutung sind.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2327],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12032","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-stefan-hemer","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Soziale Bewegung oder Generationskonflikt? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Soziale Bewegung oder Generationskonflikt? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968` In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 32ff Kaum ein Ereignis der j\u00fcngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen \u00dcberf\u00fclle an Interpretationsans\u00e4tzen bedacht worden wie ,1968`. 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