{"id":12033,"date":"2003-06-01T15:57:00","date_gmt":"2003-06-01T13:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/provokation-as-emanzipation\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"provokation-as-emanzipation","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/provokation-as-emanzipation\/","title":{"rendered":"Provokation als Emanzipation"},"content":{"rendered":"<p>1968 und die Emotionen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 41ff<\/p>\n<p>Neuere Studien \u00fcber die &#132;Neue Linke&#148; in den 1960er Jahren sowie \u00fcber die nachfolgen-den Bewegungen beurteilen, anders als viele fr\u00fchere Arbeiten, deren Originalit\u00e4t zu-meist kritisch-distanziert, gerade was die Formen des Protests angeht (vgl. Koenen 2001; Wesel 2002; Gester\/Hajek 2000; Busche 2003). Diese Distanz in den Sozialwissenschaften wird von ehemaligen Protagonisten der Bewegung vielfach geteilt. Gegen diese Sichtweise wendet sich der vorliegende Beitrag. Im Folgenden sollen jene Merk-male, vor allem des &#132;Provo&#8220;-Aktivismus, im Mittelpunkt stehen, die eine positivere Bewertung dieser Protestform zulassen. Es soll gezeigt werden, wie wichtig diese Formen des Aktivismus damals waren, um alte, \u00fcberholte Grenzen der \u00d6ffentlichkeit zu verschieben, die Politik f\u00fcr eine nachhaltige Demokratisierung der Bundesrepublik zu \u00f6ffnen und am Ende sogar eine Transformation des hergebrachten Verst\u00e4ndnisses von Politik und Demokratie zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Fr\u00fchformen des Provo-Aktivismus<\/p>\n<p>Die Entstehungsgeschichte des &#132;Provo&#8220;-Aktivismus wurde schon mehrfach untersucht (Langguth 1976; Albrecht 1994; Mosler 1977; B\u00f6ckelmann 2002; Miermeister\/Staadt 1980). Meist setzt die Geschichtsschreibung, bezogen auf die Bundesrepublik, bei der M\u00fcnchner Spur-Gruppe an, die in der ersten H\u00e4lfte der 1960er Jahre zuerst die Idee der Provokation in die Praxis umsetzte. Die Spur-Mitglieder beriefen sich ihrerseits auf die Dadaisten und Surrealisten, auf die franz\u00f6sischen Situationisten und Existentialisten, auf holl\u00e4ndische und italienische &#132;Provo&#8220;-Aktivisten, auf den provokativen Humor des Kabaretts und \u00e4hnliche Formen der Performance-Politik. In der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre inspirierten dann auch amerikanische Yippies (Anh\u00e4nger der 1968 entstandenen Youth International Party, die Politik und &#132;pers\u00f6nliche Befreiung&#148; verbinden wollten) oder Guerilleros aus Lateinamerika die deutschen Aktivisten. Gegen Mitte des Jahrzehnts schloss sich Spur-Mitglied Dieter Kunzelmann der Gruppe Subversive Aktian (sp\u00e4ter Gruppe Viva Maria), der u.a. Dagmar Seehuber, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl angeh\u00f6rten, an. Diese Gruppe \u00fcbte ihrerseits auf den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an der Freien Universit\u00e4t in Berlin einen starken Einfluss aus. In Frankfurt \u00fcbernahmen die SDS-F\u00fchrer Hans-J\u00fcrgen Krahl und K.D. Wolff &#132;Provo&#8220;-Formen in ihr Protest-Repertoire, sp\u00e4ter begleitet von Daniel Cohn-Bendit. Viele Frankfurter Aktivisten sahen in &#132;Provo&#8220;-Aktionen den besten Weg, die anti-autorit\u00e4ren und befreienden Ziele zu verwirklichen, die von den Theoretikern der Frankfurter Schule diskutiert worden waren. Vor allem die Kommune 1 in Berlin und sp\u00e4ter die Gruppe Revolution\u00e4rer Kampf in Frankfurt wurden mit &#132;Provo&#8220;-Politik assoziiert, auch wenn es sehr viel mehr Gruppierungen dieser Art gab. Es geh\u00f6rte nicht viel dazu, um als Anh\u00e4nger eines &#132;provokativen&#148; Protestmilieus wahrgenommen zu werden: So gen\u00fcgte bei M\u00e4nnern schon das Tragen langer Haare oder Gitarrenspiel im \u00f6ffentlichem Raum, um der St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Ordnung bezichtigt zu werden (Reinders\/Fritsch 1995; K\u00e4tzel 2002; Cohn-Bendit 1975).<br \/>Die Aktivisten entwickelten w\u00e4hrend der 1960er und 1970er Jahren eine bemerkenswerte Formenvielfalt. Zu nennen ist zun\u00e4chst die &#132;literarische&#148; Produktion: Die kaum zu \u00fcberblickende F\u00fclle an Zeitungen (beispielsweise Extra-Blatt, Oberbaumblatt und Agit 883, Pflasterstrand und discus, Frauen auf die Barrikaden, UKZ, S036 und Autonomie) geh\u00f6rten dazu, aber auch die allgegenw\u00e4rtigen Flugbl\u00e4tter und Transparente, Graffitis, Buttons und Aufkleber. Daneben spielte auch das gesprochene Wort eine zentrale Rolle: bei Happenings und in der Vielzahl politischer Theater. Kombiniert wurde dies mit anderen Protestformen. F\u00fcr diese standen Begriffe wie direkte Aktion und demonstrative Aktion (Koopmans 1995; Balistier 1996; Pross 1992). K\u00f6rper, die an Orten sa\u00dfen oder standen, wo sie normalerweise nicht h\u00e4tten sein sollen, waren Provokation; umgesetzt in unz\u00e4hligen Sit-ins, Go-ins, Teach-ins &#8211; und Love-ins, Smoke-ins, Die-ins und ein Verwechslung-Go-Out. Kunsthappenings waren ebenfalls eine bedeutende Form der Provokation, von scheinbar simplen Karikaturen bis zu hochkomplexen Fotomontagen; man denke beispielsweise an die Werke von Wolf Vostell, Klaus Staeck, Dieter Kunzelmann, Elke Begehr und Sarah Haffner. Filmemacherinnen wie Rosa von Praunheim, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder und auch Holger Meins verwendeten &#132;Provo&#8220;-Techniken.<\/p>\n<p>Kritik und Erfolg von Provokationen<\/p>\n<p>Die &#132;Provo&#8220;-Politik wird in neueren Studien vor allem aufgrund ihrer Verkn\u00fcpfung mit gewaltt\u00e4tigem Aktivismus kritisiert, der f\u00fcr die Verengung von an sich produktiven politischen Diskussionen in der Bundesrepublik zumindest mitverantwortlich gemacht werden kann (vgl. Fels 1998). Tats\u00e4chlich betont ein ehemaliger SDS-Aktivist an der FU-Berlin, provokative Aktionen w\u00e4ren nicht mit der Absicht erfolgt, das westdeutsche Publikum aufzukl\u00e4ren: &#132;Denn es ging auch nicht darum, die zu \u00fcberzeugen, sondern es ging einfach darum, die zu \u00e4rgern.&#148; (Interview Nr. 9, 7\/02).&#8216; Ein anderer ehemaliger prominenter SDSIer und &#132;Provo&#8220;-An%ihrer in Frankfurt\/Main meint im R\u00fcckblick, solche &#132;IVadelstichaktionen&#148; h\u00e4tten notwendigerweise zum Terrorismus der RAF gefiihrt. Die Aktionen seien demnach gewiss kein Weg zur Demokratisierung und zu einer offeneren Kommunikation gewesen (Interview Nr. 1, 7\/02). Trotzdem kann man argumentieren, dass diese Aktionen ohne Wirkung geblieben w\u00e4ren, h\u00e4tten sie sich nicht auch darum bem\u00fcht, die Kommunikation zu \u00f6ffnen, zu den Grenzen der vorgegebenen \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re vorzudringen und dabei neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr demokratische Willensbekundungen innerhalb der bestehenden politischen Grenzen zu erschlie\u00dfen. In der Konsequenz ergab sich so eine eigent\u00fcmliche Dialektik: Die Protestaktionen f\u00fchrten zu positiven Effekten, auch wenn diese Aktionen oft nicht ihrem Inhalt oder den formulierten Absichten der Beteiligten entsprachen. Daniel Cohn-Bendit schrieb schon 1988 \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, die f\u00fcr die Aktivisten im provokativen Protest steckten: &#132;Zum einen brachte er ihnen die langersehnte Aufmerksamkeit und \u00d6ffentlichkeit, wenn auch \u00fcberwiegend negativ [&#8230;]; zum anderen entdeckten sie selbst neue M\u00f6glichkeiten [&#8230;] (Cohn-Bendit\/Mohr 1988: 36). Rudi Dutschke meinte, &#132;eine Ebene von aufkl\u00e4renden Gegensignalen durch sinnlich manifeste Aktionen produzieren k\u00f6nnen&#148;, um den &#132;langen Marsch&#148; fortzuf\u00fchren &#150; in Kontrast zu traditionellen Formen der politischen Auseinandersetzung. Dabei f\u00e4nde die Aktion zwar innerhalb der gegebenen Kan\u00e4le statt, aber die existierenden Grenzen sollten zuk\u00fcnftig durch Provokation \u00fcberwunden wer-den (Dutschke 1980). Und die Herausgeber von Agil 883 sahen ihre Arbeit als einen &#132;praktischen Beitrag zu einer Gegen\u00f6ffentlichkeit&#148; (13. M\u00e4rz 1969).<br \/>Die Erfolge der &#132;Provo&#8220;-Aktionen beruhten auf zwei Grundlagen: erstens auf der F\u00e4higkeit einer kleinen Anzahl fr\u00fcher Machtloser, eine spezielle Botschaft machtvoll durch-zusetzen, und zweitens darauf, gerade durch die Reichweite der Kommunikation \u00fcber die spezifischen Ziele der Aktion hinaus wirksam zu werden. F\u00fcr Peter Handke bestand die Wirkung solcher Aktionen darin, in der Brecht&#8217;schen Tradition auf neue Weise zu denken, &#132;bis auch die Wirklichkeit ein einziger Spielraum geworden ist.&#148; (zit. n. Protest 2000: 197) Peter Br\u00fcckner hat schon 1966 die &#132;Nutzbarkeit provokativer Aufkl\u00e4rung&#148; beschrieben (Br\u00fcckner 1973). Als die Kommune I in einer der bekanntesten &#132;Provo&#8220;-Aktionen ein Flugblatt verteilte, das mit dem Ausruf Burn, warehouse, burn! endete, beklagten einige Aktivisten, dass viele Leute, die das Flugblatt und vor allem die Berichterstattung der Bild-Zeitung dar\u00fcber lesen w\u00fcrden, meinen k\u00f6nnten, es wolle die Westdeutschen dazu aufrufen, die Kaufh\u00e4user wirklich in Brand zu stecken. Gleichwohl lie\u00dfe sich mit guten Gr\u00fcnden argumentieren, dass dieses &#150; durchaus vorhandene &#150; Risiko lohnte, um die Deutschen aus ihrem selbstgef\u00e4lligen Konsumdunst aufzur\u00fctteln und sie auf die Gewalt in Vietnam aufmerksam zu machen. Die Leser wurden gerade durch die emotionale Sprache und die dazugeh\u00f6rige Ironie stark angesprochen. Das Flugblatt war deshalb so schwer zu ignorieren &#151; und wurde deshalb so ber\u00fchmt. Auch wenn der Text bei den Westdeutschen nicht unmittelbar eine breite Aufmerksamkeit und Empathie mit dem Los der nordvietnamesischen Bauern erweckte, erzeugte diese Art der Emotionalisierung bei vielen Westdeutschen eine Betroffenheit, die mit konventionellen Mitteln kaum ausgel\u00f6st worden w\u00e4re.<br \/>Trotz der offiziellen Kommentare und der schreienden Schlagzeilen der Springer-Presse, die ein tiefes Zerw\u00fcrfnis einer &#132;kleiner Minderheit&#148; mit dem Rest der westdeutschen Gesellschaft zu belegen schienen: Die Protestaktionen wurden oftmals auch von Unbeteiligten positiv aufgenommen. Annette Schwarzenau berichtete zuletzt in Ute<br \/>K\u00e4tzels Buch Die 68erinnen vom legend\u00e4ren &#132;Kinderkackeattentat&#148;: Zornige Mitglieder des Zentralrats des Berliner Kinderl\u00e4den st\u00fcrmten 1969 aus Protest gegen den Bericht \u00fcber Kinderl\u00e4den in der Illustrierten Stern das Berliner Pressehaus. Sie schmierten die Kackwindeln der Kinder auf die W\u00e4nde. Damit sollte sowohl Wut demonstriert als auch die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs erregt werden. In diesem Fall &#150; wie in vielen anderen, weniger spektakul\u00e4ren &#150; war die Aktion relativ erfolgreich. Es hinderte den Stern zwar nicht daran, weiterhin Sensationsberichte \u00fcber die &#132;Neue Linke&#148; zu ver\u00f6ffentlichen. Letztlich erwies es sich jedoch als ein wichtiger Kommunikationsakt &#150; was in der Absicht der Aktivisten gelegen hatte. Eine ganz \u00e4hnliche mediale Wirkung hatten die zahlreichen Hausbesetzungen der 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahre: Die \u00d6ffentlichkeit wurde auf die Wohnungsnot in Frankfurt, Berlin, Hannover und anderen St\u00e4dten aufmerksam gemacht; die vielfach erweckte Sympathie f\u00fchrte anschlie\u00dfend oft zu den erw\u00fcnschten gesetzlichen Ma\u00dfnahmen (Rucht 2001; Koopmans 1995; Karapin 1993). &#132;Es gab da immer sehr viel Unterst\u00fctzung, gerade f\u00fcr die Hausbesetzer-Bewegung, so von allen&#148;, stellte eine ehemalige Hausbesetzerin in Berlin-Sch\u00f6neberg r\u00fcckblickend fest (Interview Nr. 8, 7\/2002). Den Aktivisten gelang es trotz der \u00fcblichen vereinfachten medialen Gegen\u00fcberstellung von &#132;Studenten&#148; und &#132;Arbeitern&#148;, &#132;Kleinb\u00fcrgern&#148;, &#132;alten Leuten&#148; usw., gr\u00f6\u00dfere Kreise der Bev\u00f6lkerung von der Richtigkeit ihrer Anliegen zu \u00fcberzeugen &#150; oder zumindest von ihrem Anspruch, im \u00f6ffentlichen Raum geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p>Befreiung durch Aktion und schlechtes Benehmen<\/p>\n<p>Die neuen Protestformen waren f\u00fcr die Aktivisten nicht nur wegen ihrer gr\u00f6\u00dferen Wirkung wichtig. Sie waren f\u00fcr die Protestpraktiker der westlichen Welt auch pers\u00f6nlich und politisch befriedigend. Westdeutschland war da keine Ausnahme. Die &#132;Provo&#8220;-Aktionen linderten das weitverbreitete Gef\u00fchl, nicht geh\u00f6rt zu werden: Bilder von jungen Leuten mit zugen\u00e4hten oder mit Rei\u00dfverschluss versehenen Lippen (vorzugsweise von Frauen) schrien dieses Gef\u00fchl paradoxerweise lauthals hinaus. Mehr noch: Die endlosen Theoriedebatten gaben vielen \u00fcberdr\u00fcssigen Aktivisten das Gef\u00fchl, in ein langwieriges oder nutzloses Spiel verwickelt zu sein. Diese Aktivisten verlangten da-nach, etwas zu tun, &#132;[&#8230;] nicht diese theoretischen Dinger, sondern etwas Praktisches unternehmen&#148;, wie eine Aktivistin bekannte (zit. n.<\/p>\n<p>K\u00e4tzel 2002: 42). Wiederum war die Form mindestens so wichtig wie der Inhalt. Dieses Erlebnis der Erm\u00e4chtigung durch die Aktion, das Gef\u00fchl, sich mit ihrer Hilfe ebenso Geh\u00f6r zu verschaffen wie die politische Elite, geh\u00f6rt zu den politischen Errungenschaften dieser Zeit &#150; wichtiger als viele der damals postulierten theoretischen Ziele des Protests. Solcherart befreiende Macht erfuhren die Aktivisten auch beim &#132;Sich schlecht benehmen&#148;: Das war eine Form des zivilen Ungehorsams, verstanden als eine legitime Interpretation der gegebenen politischen Rechte. Beispielhaft daf\u00fcr stehen die bekannten Handzettel von 1967 mit der \u00dcberschrift &#132;Organisieren wir den Ungehorsam gegen die Nazi-Generation&#148; (Miermeister\/<br \/>Staadt 1980: 54) oder Peter Schneiders &#132;Wir haben Fehler gemacht&#8220;-Rede im Mai 1967 vor der Vollversammlung der Fakult\u00e4ten der FU Berlin: &#132;[&#8230;] wir legen ein volles Gest\u00e4ndnis ab: Wir sind nachgiebig gewesen, wir sind anpassungsf\u00e4hig gewesen, wir sind nicht radikal gewesen&#148;, meinte Schneider (Schneider 1970: 7). Solche Aktionen gaben den Aktivisten das Gef\u00fchl, \u00fcberhaupt irgendeine \u00c4nderungen herbeizuf\u00fchren (Br\u00fcckner 1983; Baier 1988; Sch\u00fctte 1980). Dieses Gef\u00fchl allein &#150; damals oft als &#132;voluntaristisch&#148; abgelehnt oder sogar als &#132;faschistischer&#148; Versuch angeprangert, anderen etwas aufzuzwingen &#150; w\u00e4re tats\u00e4chlich ohne seinen emanzipatorischen Ideenhaushalt negativ zu bewerten. Es entstand ein dialektisches Paradoxon: Solche Aktionen bewirkten \u00c4nderungen innerhalb des Systems, obwohl sie dessen revolution\u00e4re Transformation an-strebten. Es waren radikale Formen, die gleichzeitig an das existierende System angepasst waren. Sie erm\u00e4chtigten jene, die sich selbst als entm\u00fcndigt wahrnahmen. Dies waren durchaus befreiende Konsequenzen f\u00fcr viele Tausende in dieser Generation (Br\u00fcckner 1983; Baier 1984; Davis 2003).<br \/>Der neue Zugang zur politischen Sph\u00e4re durch provokative Strategien bedeutete weiterhin, dass die Politik aufh\u00f6rte, ein exklusives Privileg nicht nur der &#132;Politiker&#148;, sondern auch der APO-Anf\u00fchrer zu sein: Jeder konnte solche Taktiken \u00fcbernehmen, was sich dann auch in heftigen internen K\u00e4mpfen bemerkbar machte.<br \/>Die &#132;Provo&#8220;-Politik verlangte keine gro\u00dfen Teilnehmerzahlen und erm\u00f6glichte so-gar den Dissens von wenigen und\/oder der weniger M\u00e4chtigen. Provokative Aktionen gaben auch innerhalb der Neuen Linken Minderheiten eine Stimme: An fr\u00fche Aktionen der Kommune I gegen SDS und AStA an der FU erinnert etwa die Brosch\u00fcre Studenten, Lahm\u00e4rsche! (Miermeister\/Staadt 1980: 11) und die Aktion der neuen Kommune-Gruppe, die, mit Mao-Plakaten und &#132;Fachidioten&#8220;-Flugbl\u00e4ttern in der Hand, eine Diskussion des FU-AStA mit Rektor Lieber \u00fcber Studienreformen gest\u00f6rt hatte (ebd.: 19-20). Man denke auch an den spontanen Tomatenwurf von Sigrid R\u00fcger auf Hans-J\u00fcrgen Krahl bei der SDS-Bundeskonferenz 1968 in Frankfurt\/Main und an den &#132;Rechenschaftsbericht&#148; der SDS-Frauen Schwanz ab!, in der Mitgliederinnen ironisch forderten, die &#132;sozialistischen Eminenzen&#148; von ihren &#132;b\u00fcrgerlichen Schw\u00e4nzen&#148; zu befreien. Auch die satirischen Anklagen und Gegenanklagen von Gruppen und Personen im Pflasterstrand, Agit 883, Autonomie, Linkeck, usw. z\u00e4hlen dazu. Solche Aktionen hinderten Vertreter mancher Organisationen daran, einen dogmatischen Kurs zu verfolgen bzw. einer verkn\u00f6cherten Institutionalisierung zu verfallen. Sie trugen ebenfalls dazu bei, den Kult um manche Anf\u00fchrer der Bewegung zu relativieren; erinnert sei an das verwelkte Abendmahlsbild mit den &#132;Aposteln&#148; Dutschke, Gaston Salvatore, Christian Semler, Hans-J\u00fcrgen Krahl und anderen Revoluzzern, versammelt um einen Jesus gleichenden Che. Zwar erzeugten die Star-Qualit\u00e4ten f\u00fchrender Aktivisten bei manchen eine emotionale Bindung, durch die sie in die Politik hineingezogen wurden. Andererseits wurde durch ironische Kommentierung des Personenkults der anti-autorit\u00e4re Charakter der Bewegung gest\u00e4rkt.<br \/>Diese Beispiele belegen recht gut, dass Absichten und vor allem Wirkungen der Protestpraktiker eher als &#132;kommunikativ&#148; und weniger als destruktiv oder respektlos gekennzeichnet werden m\u00fcssen. Provokative Aktionen konnten zwar Diskussionen auch<br \/>fr\u00fchzeitig und abrupt beenden, trotzdem trugen sie, so meine These angesichts der breiten Skala solcher Aktionen, sehr viel h\u00e4ufiger dazu bei, Debatten zu \u00f6ffnen oder gar erst zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Protesterfolge &#8211; Kommunikationserfolge<\/p>\n<p>Die &#132;Provo&#8220;-Politikformen waren verbl\u00fcffend effektiv, wenn es darum ging, die westdeutsche \u00d6ffentlichkeit auf die Vielfalt der Positionen innerhalb der APO aufmerksam zu machen. Zudem regten sie innerhalb nur weniger Jahre Hunderttausende B\u00fcrger auf unterschiedlichen Ebenen dazu an, politisch aktiv zu werden. Damit bewirkten sie einen gewaltigen Aufbruch aus einer bis dato passiven politischen Kultur. Gerd Koenen hat auf die kleine Anzahl der APO-Aktivisten vor 1968 verwiesen und sie der gro\u00dfen Zahl der Aktivisten seit den 1970er Jahren gegen\u00fcbergestellt; die wenigen Protestler von 1968 h\u00e4tten, nicht ganz gerechtfertigt, den ganzen Ruhm geerntet. Gerade das spricht jedoch f\u00fcr den Erfolg der politischen Strategien der fr\u00fchen Aktivisten und f\u00fcr ihre neuen politischen Ausdrucksformen: Sie waren erstens in der Lage, gro\u00dfe Aufmerksamkeit auf wenige Aktivisten und deren Botschaften zu lenken. Zweitens wurden ihre Anliegen so stark rezipiert, dass in sp\u00e4teren Jahren viele ihrem Beispiel folgten. Viele der neu hinzusto\u00dfenden Aktivisten haben die Bedeutung von Emotionen und des Spielerischen als Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre Hinwendung zum politischen Aktivismus betont, was nicht unbedingt einer herk\u00f6mmlichen, eher vernunftzentrierten Auffassung von Politik entspricht. Hunderte von Briefen an Mitglieder von Kommune 1 und 2, an Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und andere offenbaren zwar oftmals falsche Vorstellungen vom neuen, selbstbestimmten Leben als politische Aktivisten, doch zugleich zeigen sie trotz bemerkenswerter Unterschiede hinsichtlich Alter, Wohnort und sozialer Herkunft der Schreibenden, wie stark fast alle in ihren Aktionen von den &#132;gro\u00dfen Vorbildern&#148; inspiriert worden seien (vgl. entsprechende Akten beim Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung).<br \/>Mehrere 68erinnen berichten, dass sie in die Politik durch die aufregenden und faszinierenden Vorbilder von Sigrid Fronius, Hannah Kr\u00f6ger, Sigrid R\u00fcger und andere kamen: Sie waren beeindruckt von deren wirkungsvollen provokativen Aktionen (K\u00e4tzel 2002; Wie weit 1999). So versammelten sich Tausende zur Unterst\u00fctzung der Hausbesetzer in Frankfurt und Berlin; als virtuelle &#132;Pilgerschaften&#148; beschrieb es eine Hausbesetzerin im 1970er-Jahre-Frankfurt (Interview Nr. 5, 7\/02; vgl. Interview Nr. 9, 7\/02; Kraushaar 2001). Die Wirkung, die von bestimmten Personen ausging, ist in manchen F\u00e4llen geradezu alarmierend. Einige der damaligen Aktivisten beschuldigten die Medien, &#132;Stars&#148; zu kreieren, und das trotz scheinbar daf\u00fcr nicht gerade kompatibler Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale: Frank B\u00f6ckelmann wunderte sich z.B., wie eine so langatmig, abstrakt und pedantisch sprechende Figur wie Rudi Dutschke zum Promi werden konnte (Cohn-Bendit\/Mohr 1988: 44). Die Anziehungskraft, die von einigen prominenten Aktivisten ausging, basierte zum gro\u00dfen Teil auf ihrer Rolle als &#132;Lebensk\u00fcnstler&#148;: Sie schienen allen gesellschaftlichen Hemmnissen zum Trotz sich zu dem zu machen, was sie sein wollten; sie verk\u00f6rperten ein scheinbar authentisches, g\u00e4nzlich unangepasstes Leben, das vielen als Ziel vor Augen schwebte. Sie gestalteten ihr eigenes Dasein neu als Teil eines politischen Projekts &#150; das machte sie attraktiv und zu Vorbildern (vgl. Protest 2000; Interview Nr. 8, 7\/2002).<\/p>\n<p>Die Emotionalisierung des Protests<\/p>\n<p>Diese Romantisierung neuer politisch-privater Existenzformen verweist auf einen anderen Faktor, der erst allm\u00e4hlich von der Forschung erkannt wird: die Bedeutung von Fantasie, Imagination, Lust und anderen starken Emotionen, auf die sich die Aktivisten einlie\u00dfen. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung waren die 68er eine au\u00dferordentlich heterogene Gruppe. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten von vielen war allerdings ihre Herkunft: Zumeist stammten sie nicht aus wohlhabenden Familien, sondern waren eher Leute mit einem nicht ganz einfachen sozialen, recht &#132;unromantischen&#148; Hintergrund. Die &#132;Provo&#8220;-Politik &#150; samt Rock-Musik, sexueller Revolution, Filmen wie Viva Maria, das Szene-Leben im Allgemeinen, ein Gef\u00fchl, mit der ganzen Welt verbunden zu sein &#150; bewirkte ei-ne Ausstrahlung, die diesen Aktivisten Wirkung und Stimme verlieh. Das machte es &#132;wundersch\u00f6n&#148;, auf das Berliner Amerika-Haus Eier zu schmei\u00dfen (Susanne Schunter-Kleemann, zit. n. K\u00e4tze12002: 108). Eine 1985 von Daniel Cohn-Bendit produzierte franz\u00f6sische Fernseh-Dokumentation machte die St\u00e4rke dieser Emotion in den unterschiedlichen nationalen Bewegungen zum Titel: Wir haben sie so geliebt &#150; die Revolution (Cohn-Bendit 1987). Die Zeitschrift Autonomie zitierte die Bemerkung Jerry Rubins, Mitgr\u00fcnder der Yuppies, es h\u00e4tte mehr &#132;Spa\u00df&#148; gemacht, die Revolution zu praktizieren als zuzuschauen (Autonomie 4\/1977). Die Kulturprodukte jener Zeit sind durchzogen von einer emotionalen Sprache und zugleich mit der Diskussion \u00fcber diese Emotionen besch\u00e4ftigt: &#132;Lustigkeit&#148;, &#132;Gaudi&#148;, Aufregung, das Gef\u00fchl, an etwas beteiligt zu sein sowie ein immer wiederkehrendes tiefes Kommunikationsbed\u00fcrfnis, das Verlangen geh\u00f6rt, verstanden und an-erkannt zu werden &#150; auf all das st\u00f6\u00dft man immer wieder. &#132;Provo&#8220;-Aktionen trugen dazu bei, diese Bed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen; sie als politisch irrelevant oder vorwiegend gef\u00e4hrlich zu kennzeichnen, w\u00e4re eine unzul\u00e4ssige Verengung.<br \/>Dies soll gleichwohl keine &#132;Siegergeschichte&#148; sein, so als ob heute die Ziele von damals erreicht worden seien. Zudem sollen die negativen Neben- und Begleiteffekte der &#132;Provo&#8220;-Politik durch bestimmte Praktiken, wie z.B. offensiver physischer Gewalt, destruktiver Provokation als Selbstzweck, nicht kleingeredet werden. &#132;Positive Provo-Politik&#148; und physische Gewalt sind manchmal schwer voneinander zu trennen. Viele interviewte Zeitzeugen haben z.B. damals nicht zwischen der &#132;Gewalt gegen Sachen&#148; und der &#132;Gewalt gegen Menschen&#148; unterscheiden wollen, denn eine Stimme k\u00f6nne in Verbindung mit dem geworfenen Stein &#132;lauter&#148; werden. Andere wiederum entwickelten durchaus ein Sensorium f\u00fcr die Risiken dieser Politikformen. &#132;Provo&#8220;-Politik kann je-doch letztlich nicht ausschlie\u00dflich aufgrund ihres Missbrauchs bewertet werden, wie auch immer wir diesen definieren wollen; ebenso wenig aufgrund ihrer spezifischen In-halte. In diesem Beitrag standen funktionale Aspekte im Vordergrund: Die demokratisierenden Potenziale dieser Politikform sollten betont werden.<br \/>Sibylla Fl\u00fcgge und andere haben die Grenzen des Wandels, den die Politik der 68er bewirkt hat, beschrieben (vgl. Fl\u00fcgge 2002). Die volle Bedeutung dieser \u00d6ffnung der politischen Formen f\u00fcr die deutsche Gesellschaft ist jedoch vielleicht am besten von au\u00dfen zu erkennen. In den Vereinigten Staaten gilt Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein schmutziges Wort, konnotiert mit vielerlei Machenschaften von Politikern. F\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Amerikaner ist die demokratische Aktion auf die Wahl beschr\u00e4nkt &#150; oder auch auf die Entscheidung, nicht zu w\u00e4hlen. \u00c4hnliches kann man zwar auch in Deutschland beobachten. Gleichwohl gilt: Wenn amerikanische Aktivisten fr\u00fcher f\u00fcr die westdeutsche APO eine wichtige Quelle der Inspiration waren, k\u00f6nnte nun-mehr umgekehrt die deutsche Protestkultur in ihrer gegenw\u00e4rtig vergleichsweise aktiven Form als Modell f\u00fcr andere L\u00e4nder gelten. Und auch wenn sie damals nur eine winzige Fraktion innerhalb der Linken ausmachten (vgl. Langguth 1976): Innerhalb Deutschlands lebt am st\u00e4rksten das Erbe dieser undogmatischen Aktivisten aus den 1970er Jahren weiter &#150; aktivierbar immer dann, wenn es um eine Politik au\u00dferhalb des Mainstream geht.<\/p>\n<p>0 \u00dcbersetzt von Christophe Kotanyi. Ich danke Wilfried Mausbach fiir seinen hilfreichen Kommentar.<\/p>\n<p>1 Die in diesem Beitrag zitierten Interviews sind Bestandteil meiner laufenden Forschung und wurden im Juli 2002 gef\u00fchrt. Die Interviewten sind zum einen ehemalige SDS-F\u00fchrer sowie andere F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der Bewegung; zum anderen geh\u00f6ren vor allem typische, &#132;normale&#148; Aktivisten aus der Zeit zwischen Mitte der 1960er Jahre und den fr\u00fchen 1980er Jahren dazu.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2328],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12033","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-belinda-davs","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Provokation als Emanzipation - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/provokation-as-emanzipation\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Provokation als Emanzipation - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"1968 und die Emotionen In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 41ff Neuere Studien \u00fcber die &#132;Neue Linke&#148; in den 1960er Jahren sowie \u00fcber die nachfolgen-den Bewegungen beurteilen, anders als viele fr\u00fchere Arbeiten, deren Originalit\u00e4t zu-meist kritisch-distanziert, gerade was die Formen des Protests angeht (vgl. 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