{"id":12034,"date":"2003-06-01T15:56:00","date_gmt":"2003-06-01T13:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/umweltprotest-und-verhalt-westfile\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"umweltprotest-und-verhalt-westfile","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/umweltprotest-und-verhalt-westfile\/","title":{"rendered":"Umweltprotest und Verhaltensstile"},"content":{"rendered":"<p>Bausteine zu einer vergleichenden Untersuchung von<\/p>\n<p>Protestbewegungen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 50ff<\/p>\n<p>Ist von Protest in der Geschichte der Bundesrepublik die Rede, geh\u00f6rt nach dem mythisch \u00fcberh\u00f6hten &#132;1968&#148; der Umwelt- und Antiatomkraftprotest der 1970er Jahre zu den meist zitierten Beispielen. F\u00fcr diese Prominenz gibt es viele Gr\u00fcnde. Die sozial-und politikwissenschaftliche Forschung mit ihrem ausgepr\u00e4gten Interesse f\u00fcr die &#132;Neuen sozialen Bewegungen&#148; trug dazu ebenso bei wie der gute Leumund der Umweltaktivisten, die sich bis auf wenige F\u00e4lle gewaltfrei verhielten und deren politisches Erbe die mittlerweile bis zur Regierungspartei aufgestiegenen Gr\u00fcnen angetreten haben.<br \/>Unbestritten ist, dass die Umweltaktivisten \u00e4hnlich wie die Protagonisten der Studentenproteste politische Aktionsformen w\u00e4hlten, die in den vorangegangenen Jahrzehnten noch weitgehend unbekannt waren. Der Siegeszug dieser Protestformen ging einher mit der politischen Sozialisation einer neuen Generation. Er bewirkte, dass Proteste mit der Zeit als legitime, ja allt\u00e4gliche Formen der politischen Auseinandersetzung Anerkennung erlangten. Zeitgleich verloren hierarchieorientierte Modelle des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens deutlich an Akzeptanz (Barnes 1979, insbes. 31, 135; Rucht 2001; Herbert 2002).<br \/>W\u00e4hrend diese allgemeinen Interpretationen weitgehend unstrittig sind, steckt der forschungspraktische Teufel wie so oft im Detail. Zum einen ist die Zahl der Untersuchungen von Historikern zur j\u00fcngsten Protestgeschichte nach wie vor begrenzt. Zum anderen besteht Bedarf nach Kategorien, in denen Protestph\u00e4nomene vergleichend untersucht werden k\u00f6nnen.<br \/>Das Ziel dieses Beitrags ist es, ein Instrumentarium zu skizzieren, das dabei hilft, einzelne Elemente politischen Verhaltens zu identifizieren und vergleichend zu beschreiben. Insbesondere die Bedeutung der Handlungsroutinen und der unausgesprochenen Botschaften soll dabei ber\u00fccksichtigt werden &#8211; jene Aspekte politischen Verhaltens, die auf den ersten Blick schwer greifbar erscheinen, aber dennoch einen gro\u00dfen Anteil an der Formung und Wirkung von Protest besitzen. Hierf\u00fcr verwende ich den Begriff politischer Verhaltensstil.<br \/>Das Ausgangsmaterial f\u00fcr diese \u00dcberlegungen stellt der Umwelt- und Naturschutzprotest zwischen 1950 und den 1970er Jahren dar. Dies hat den Vorteil zeitlich \u00fcber-greifender Vergleichbarkeit, denn entgegen g\u00e4ngigen Annahmen waren Umweltkontoversen mit protestf\u00f6rmigen Auseinandersetzungen auch vor der &#132;\u00f6kologischen Wende&#148; keine Seltenheit (Bergmeier 2002; Simon 2003; Chaney 1996; Dominick 1992). Der Ansatz ist jedoch offen genug, auch auf andere Ph\u00e4nomene bewegungsf\u00f6rmigen Protests oder verbandlich organisierten politischen Handelns angewandt zu werden.<\/p>\n<p>Politischer Verhaltensstil &#151; eine Begriffskl\u00e4rung<\/p>\n<p>Der Begriff politischer Verhaltensstil lehnt sich an ein Konzept von Martin Dinges an, das Handlungsroutinen in fr\u00fchneuzeitlichen Gesellschaften beschreibt. &#132;Verhaltensstil&#148; meint bei Dinges stabile, aber nicht vollkommen fixierte Verhaltensweisen angesichts eines eingrenzbaren Problems (Dinges 1997). Wie bei Dinges basiert der Begriff auf den sozialwissenschaftlichen Forschungen zum Habitus sowie zum Lebensstil. Diese beiden Forschungsrichtungen, h\u00e4ufig verbunden mit den Namen Pierre Bourdieu und Gerhard Schulze, sehen Handlungsroutinen und \u00e4sthetische (Selbst-)Stilisierung als wichtige Faktoren gesellschaftlicher Abgrenzung und sozialer Identit\u00e4t an. Kontrovers bleibt die Frage, ob eher voluntaristische Selbststilisierung (Schulze 1992) oder eine Art Gefangenschaft in einem starren, durch die Klassenlage festgelegten Habitus dominieren (Bourdieu 1992: 91-115; Willems 1997: 94).<br \/>Besch\u00e4ftigt man sich nicht mit allt\u00e4glichen Handlungen, sondern mit dem (in der Regel) au\u00dfergew\u00f6hnlichen politischen Protest, sollte die Frage pr\u00e4zisiert werden: Welche Anteile am politischen Handeln eines Akteurs oder einer Protestgruppe resultieren aus habitualisierten, unhinterfragten Routinen und welche sind als Ergebnis kreativer und eher situativer Prozesse zu betrachten? In der Praxis wird man wohl h\u00e4ufig Mischungen antreffen, zumal menschliche Routinen bekannterma\u00dfen selten mit der Stetigkeit eines Uhrwerks ablaufen (n\u00e4her dazu L\u00fcdtke 1993, insbes. l lf., 380)<br \/>Andererseits ist zu beachten, dass sich auch innerhalb einer Bewegung, so kurzlebig sie auch sei, Handlungsweisen verfestigen k\u00f6nnen. Protestformen, aber auch weiter angelegte Strategien k\u00f6nnen, wenn sie Erfolg gezeitigt haben, den Status routinierter, fast automatisierter Antworten auf bestimmte Herausforderungen durch den politischen Gegner erhalten. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die sich ab Mitte der 1970er Jahre h\u00e4ufenden Bauplatzbesetzungen bei geplanten Kernkraftanlagen und der Startbahn West, auf denen sich fast identische Soziabilit\u00e4tsformen rund um H\u00fcttend\u00f6rfer ausbildeten. Fast seriellen Charakter haben Aktionen gegen Castor-Transporte, die mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit Bilder von an Bahngleise geketteten Kernkraftgegnern via Fernsehen liefern, wo-bei das Reaktionsschema in diesem Fall der Serialit\u00e4t des Anlasses (Bahntransporte von Brennst\u00e4ben) entspricht und in fester Beziehung zu anscheinend unverr\u00fcckbaren infrastrukturellen Rahmenbedingungen (Beschaffenheit der Eisenbahntechnik) steht.<br \/>Ein weiterer, wichtiger Aspekt der Lebensstilforschung betrifft den unausgesprochenen Bedeutungsgehalt von Handlungsweisen. Neben den Inhalten politischer Forderungen geh\u00f6rt auch die Art und Weise ihrer Artikulation zu den Bedeutungen des Protests. Stilistische Kontextualisierungen ver\u00e4ndern eine politische Aussage: Es macht einen Unterschied, ob lodengewandete J\u00e4ger oder langhaarige Parkatr\u00e4ger den Schutz der Brandgans fordern. Auftreten und Handlungsrepertoire der Protestierenden beschw\u00f6ren Assoziationsketten herauf, die von den Rezipienten oft nicht bedacht werden. Sie strukturieren nicht nur das Verhalten, sondern auch die Normen und Gef\u00fchle der Handelnden. Aus dem Ensemble der Handlungsweisen politischer Akteure l\u00e4sst sich ablesen, welche Vorstellungen von der Welt, insbesondere von Politik, ihnen zugrunde liegen (Willems 1997; Rohe 1990: 333f.). Geben sich Protestierende als Mitglieder eines Stilmilieus zu erkennen, verkn\u00fcpfen sie ihr Anliegen zudem mit der \u00c4sthetik und Gef\u00fchlswelt ihres lebensweltlichen Universums.<br \/>Aus historischer Sicht ergeben sich daraus zwei Erkenntnism\u00f6glichkeiten. Zum Einen lassen sich Aussagen \u00fcber sich wandelnde \u00e4sthetische und normative Hintergr\u00fcnde und Motivationen f\u00fcr politischen Protest treffen. Zum Anderen wird deutlich, dass die Reaktionen der Zeitgenossen auf eine bestimmte Form politischen Protests nicht allein, vielleicht sogar nur zum geringen Teil mit dem sachlichen Kern des Konfliktanlasses zu tun haben. Vielmehr sind es immer auch Reaktionen auf die unausgesprochene Formulierung von (politischen) Weltbildern, Verhaltensregeln und Lebensmodellen seitens der Protestierenden. So sind auch die aus den 1960er und 1970er Jahren hinl\u00e4nglich bekannten Einw\u00e4nde gegen protestierende Studenten zu verstehen, diese sollten erst ein-mal richtig arbeiten, bevor sie auf die Stra\u00dfe gingen.<br \/>Der Bedeutungstransfer zwischen Lebenswelt und politischem Raum im engeren Sinne funktioniert aber auch umgekehrt in dem Sinn, dass ein stilisiertes Alltagsverhalten auf bestimmte politische Weltbilder verweist. Als die post-68er Jugend- und Popkultur in vielfacher Weise Implikationen der Emanzipationsbewegung zitierte, erlaubte sie es vielen Menschen, sich zu deren Werten und Forderungen zu bekennen, auch ohne davon mehr als nur eine vage Ahnung zu haben (Herbert 2002: 43).<br \/>Der politische Verhaltensstil verdichtet \u00c4sthetik, Emotionen, Normen. Dabei sendet er gleichsam beil\u00e4ufig Informationen \u00fcber das Weltbild der Akteure aus. Er oszilliert zwischen eingefahrenen Routinen und zielgerichteter Stilisierung.<\/p>\n<p>Betrachtungsebenen und Elemente des Verhaltensstils<\/p>\n<p>Tr\u00e4ger des Verhaltensstils sind Einzelpersonen oder Gruppen. Dabei kommen formal verfasste Organisationen wie Vereine und B\u00fcrgerinitiativen ebenso in Frage wie informelle Zusammenschl\u00fcsse und in Einzelf\u00e4llen ganze &#132;Bewegungen&#148;. Es ist sinnvoll, drei analytische Ebenen zu unterscheiden, die in der Praxis allerdings ineinander \u00fcbergehen. Sie dienen daher vor allem als forschungspragmatische Orientierungshilfen.<\/p>\n<p>1. Ziele und Interessen<\/p>\n<p>Politische Akteure verfolgen in der Regel mehr oder weniger klare Ziele, die meist bestimmten Interessen entsprechen (Rohe 1990). Im Fall von Protestbewegungen sind die<br \/>Ziele scheinbar vergleichsweise leicht zu bestimmen. Doch bei genauem Hinsehen verschwimmen auch hier die vermeintlich klaren Abwehrziele oft; zudem ver\u00e4ndern sie sich meist im Lauf einer Auseinandersetzung. Im Streit um die Nutzung von Uranvorkommen im s\u00fcdbadischen Menzenschwand zwischen 1960 und 1990 kann man gar mehrere 180-Grad-Wendungen der lokalen Eliten feststellen: von radikaler Ablehnung eines Abbaus \u00fcber die Bereitschaft zu einer tourismusvertr\u00e4glichen Nutzung des Gesteins wieder hin zum Kampf gegen alle Uranprojekte (Simon 2003).<br \/>Meist findet sich ein Konglomerat von Zielen und Interessen, die sich h\u00e4ufig sogar widersprechen (Mergel 2002: 604f.). Trotz dieser Vorbehalte lohnt es, nach m\u00f6glichen Interessen in politischen Auseinandersetzungen zu fragen. Insbesondere beim Vergleich von Umweltkonflikten lassen sich Muster erkennen, in denen \u00f6konomische Erw\u00e4gungen der Betroffenen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen, als man zun\u00e4chst annehmen w\u00fcrde (Bergmeier 2002; Engels 2004). Zwischen den Zielen und Interessen sowie dem Verhaltensstil besteht ein wechselseitiges Verh\u00e4ltnis. Interessen bilden nicht einfach die Basis politischen Verhaltens. Vielmehr l\u00e4sst sich h\u00e4ufig beobachten, wie die Elemente eines eingefahrenen Verhaltensstils erheblichen Einfluss auf die Ziele einer Gruppierung nehmen.<br \/>Ein Beispiel: In den \u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen um die Einrichtung des ersten Nationalparks der Bundesrepublik im Bayerischen Wald zwischen etwa 1965 und 1970 spaltete sich das Lager der Naturschutzverb\u00e4nde in Bef\u00fcrworter und Gegner (Sperber 2001; Chaney 1996). Dies \u00fcberrascht angesichts der oft sehr alten Nationalparkpl\u00e4ne aller beteiligten Verb\u00e4nde. Zudem glichen sich die Schutzkonzepte beider Lager: Alle setzten darauf, den Naturschutz als Zugpferd f\u00fcr den lokalen Tourismus zu &#132;verkaufen&#148;. In dieser Hoffnung unterst\u00fctzten auch die betroffenen Kreise und Kommunen das Projekt. Kritiker eines Nationalparks gab es kurioserweise fast nur in der Forstverwaltung und bei einem Teil des Naturschutzes. Wichtigster Gegner war der Verein Naturschutzpark, der ein eigenes Schutzkonzept entwickelt hatte. Man f\u00fcrchtete offenbar die Konkurrenz eines Nationalparks. Dies kann aber nicht der einzige Grund f\u00fcr die naturschutzinterne Konfrontation gewesen sein, denn der Verein unterst\u00fctzte durchaus andere Nationalparkvorhaben. Wichtiger war die stilistische Entfremdung zu den Nationalparkbef\u00fcrwortern um Bernhard Grzimek. Setzte der Verein Naturschutzpark in seinen politischen Aktionen auf lautlose Verhandlungen mit staatlichen Stellen, oftmals auf der Grundlage pers\u00f6nlicher Verflechtung im Geist der Einvernehmlichkeit und Diskretion, starteten die Nationalparkadepten eine aggressive Medienkampagne, die Politiker und Gegner mit Beschuldigungen, aber auch Meinungsumfragen und Kundgebungen massiv unter Druck setzte. Solches Verhalten war in den Augen des Vereins Naturschutzpark und anderer Verb\u00e4nde untragbar; 1968 zwangen sie Grzimek zum R\u00fccktritt vom Amt als Pr\u00e4sident des Deutschen Naturschutzrings. Hier erwies sich der Verhaltensstil mitsamt seinen kulturellen Signalen als entscheidender Grund daf\u00fcr, dass ein Teil der Naturschutzverb\u00e4nde sich gewisserma\u00dfen dysfunktional verhielt (Bourdieu 1992; Willems 1997: 94). Nach 1970 h\u00e4uften sich \u00e4hnliche interne Konflikte an vielen anderen Stellen (Reichelt 1992). Dabei ging es stets um konkurrierende Vorstellungen nicht nur von Taktik, sondern ganzer politischer Weltbilder.<\/p>\n<p>2. Handlungspraxis<\/p>\n<p>Den Schwerpunkt bei der Untersuchung von politischen Verhaltensstilen bilden die Handlungsweisen der Akteure. Man k\u00f6nnte auch von einer charakteristischen Handlungspraxis sprechen, die h\u00e4ufig auch einer bestimmten \u00c4sthetik entspricht. Hier sind verschiedene Elemente zu beachten, von denen ich die wichtigsten stichwortartig aufliste. Alle politischen Aktionen mit dem Ziel, das (politische) Anliegen zu Geh\u00f6r zu bringen, bilden die Handlungspraxis.<br \/>Dabei interessiert besonders die Strategie, die den Aktionen zugrunde liegt. Beim Nationalparkkonflikt wurde bereits auf den Unterschied zwischen \u00f6ffentlichkeitsorientierten Modellen und Lobbying hinter verschlossenen T\u00fcren verwiesen.<br \/>Nicht nur die Handlungsweisen &#132;nach au\u00dfen&#148;, sondern auch die innere Verfasstheit von Gruppierungen sind Teil des Verhaltensstils. Im Wesentlichen ist dabei an die Entscheidungsabl\u00e4ufe innerhalb einer Gruppierung zu denken sowie an die identit\u00e4tsstiftenden Geselligkeitsformen. Eine Kundgebung hat die Dimension der Au\u00dfenwirkung, aber wirkt auch gemeinschaftsbildend &#132;nach innen&#148;. Es ist ein Unterschied, ob sich diese Gemeinschaftsbildung in Form gef\u00fchrter Wanderungen in einem bedrohten Naturschutzgebiet vollzieht oder ob die emotional \u00fcberkochende Stimmung auf einer Demonstration sich anschlie\u00dfend in einer spontanen Bauplatzbesetzung entl\u00e4dt (vgl. Linse 1988).<br \/>Wichtige Bedeutungstr\u00e4ger sind auch die Rhetorik bzw. die Sprache der Handeln-den. So besteht ein deutlicher Kontrast nicht nur im Inhalt, sondern auch hinsichtlich der pathetischen F\u00e4rbung kulturkonservativ argumentierender Heimatsch\u00fctzer der 1950er Jahre sowie dem Pathos von Antikernkraftinitiativen der 1970er, die vor dem drohenden quasi faschistischen Atomstaat warnten.<br \/>Insbesondere Protestbewegungen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, eine politische Ikonographie zu entwickeln. Kennzeichnend f\u00fcr Protestgruppen der 1950er Jahre ist offenbar das Mitf\u00fchren von Totenkopfsymbolen, um auf die m\u00f6glichen Folgen durch Eingriffe in die Umwelt hinzuweisen. Jedenfalls finden sie sich bei zwei der Aufsehen erregendsten Umweltproteste jener Zeit, n\u00e4mlich im Widerstand gegen die Nutzung des sogenannten Knechtsands im Wattenmeer n\u00f6rdlich von Bremerhaven als Bomben\u00fcbungsgel\u00e4nde durch die Britische Luftwaffe sowie in den Protesten gegen Rauch und Ru\u00dfsch\u00e4den im saarl\u00e4ndischen Kleinblittersdorf. Zum Untersuchungsgebiet Ikonographie geh\u00f6rt grunds\u00e4tzlich das gesamte sichtbare Formenvokabular politischer Aktionen bis hin zur Choreographie eines Protestzuges.<br \/>Jenseits der politischen Aktionen im landl\u00e4ufigen Sinne geh\u00f6rt zum politischen Verhaltensstil die gesamte lebensweltliche Stilisierung und Rollenverhaltung der Protestierenden, etwa in Kleidung, Sprache, Konsumverhalten, Sozialverhalten, zumindest so weit sie im Rahmen des Protests sichtbar wird. Diese selbst k\u00f6nnen wiederum vom Protest beeinflusst werden. In den 1970er Jahren stellt man bei l\u00e4ndlich verorteten Pro-testen h\u00e4ufig fest, dass &#132;Protesttouristen&#148; aus den urbanen Zentren versuchen, sich den lokalen Lebensstilen zumindest symbolisch anzupassen, um an deren Protestlegitimation gleichsam teilzuhaben &#151; etwa bei den Konflikten um die Startbahn West und die gro\u00dfen Kernkraftvorhaben.<\/p>\n<p>3. Bedeutungsgehalt<\/p>\n<p>Auf einer dritten, res\u00fcmierenden Ebene sollte man den \u00fcber den Einzelfall hinaus weisenden impliziten, oft nicht bewussten Bedeutungsgehalt des Verhaltensstils bestimmen. Dabei kann man zum einen versuchen, das politische Weltbild der Akteure zu rekonstruieren, also in erster Linie das von ihnen favorisierte Modell legitimer politischer Auseinandersetzung &#150; das sich nat\u00fcrlich auch im Lauf der Auseinandersetzung \u00e4ndern kann. Auf einer h\u00f6heren Abstraktionsebene scheinen dabei auch allgemeinere Normen f\u00fcr das gesellschaftliche Zusammenleben, Moralvorstellungen etc. auf. Diese lassen sich nicht auf eine kognitive Ebene beschr\u00e4nken, sondern haben meist eine emotionale Dimension, in die der Gef\u00fchlshaushalt der Akteure mit einflie\u00dft, soweit er in der Handlungspraxis zum Ausdruck kommt. So schwierig es im Einzelnen auch sein mag, politisch relevante Gef\u00fchle zu beschreiben ohne in Klischees zu verfallen, so wichtig ist es aber, deren Bedeutung als wirksame politische Gr\u00f6\u00dfe ernst zu nehmen.<br \/>Zum anderen sollte auf dieser Ebene die soziale Selbstverortung der Akteure unter-sucht werden. Inwieweit \u00f6ffnet oder schlie\u00dft sich eine Protestgruppe gegen\u00fcber bestimmten stilistischen Milieus? Mundartlich vorgetragene Protestlieder schlie\u00dfen tendenziell alle &#132;Zugezogenen&#148; aus, studentisches &#132;R\u00e4uberzivil&#148; schlie\u00dft jene aus, die zum Establishment geh\u00f6ren. Andererseits sind Protestveranstaltungen mit lokaler politischer Prominenz dazu angetan, zumindest regional integrierend zu wirken; von professionellen Graphikern gestaltete Plakate sprechen tendenziell gr\u00f6\u00dfere Gruppen an als eng betippte, hektografierte Flugbl\u00e4tter. Gerade unter dieser Fragestellung spielen schwer artikulierbare Bindungen und Abwehrreaktionen eine gewichtige Rolle.<\/p>\n<p>Profilbildungen als Vergleichsmethode<\/p>\n<p>Strebt man einen Vergleich verschiedener Gruppierungen an, ist es sinnvoll, die Einzelelemente ihres jeweiligen Verhaltensstils zu einem Profil zu verdichten. Zwar besteht die Gefahr, mit der schlagwortartigen Benennung eines Verhaltensstilprofils die Komplexit\u00e4t einer Gruppierung nur ungen\u00fcgend zu ber\u00fccksichtigen. Doch ergeben sich auf der anderen Seite Beschreibungsm\u00f6glichkeiten, die flexibler sind als starre Kategorien, wie sie etwa gelegentlich fiir die Einordnung von Protestformen vorgeschlagen werden, etwa als &#132;konventionell&#148; versus &#132;unkonventionell&#148; (Barnes 1979: 35-39). Grunds\u00e4tzlich ist zu beachten, dass derartige Profile von der Fragestellung abh\u00e4ngig sind, und sich bei ver\u00e4ndertem Erkenntnisinteresse auch andere Charakterisierungen ergeben k\u00f6nnen.<br \/>Besonders hilfreich ist es, wenn man f\u00fcr einzelne Elemente oder Ebenen polare Bewertungsschemata entwickelt. Bei Kleidungsstil und Sozialverhalten etwa ist eine Bewertung zwischen &#132;formell&#148; und &#132;informell&#148; denkbar, wobei die formelle Kleidung im traditionellen Naturschutz uniform- oder trachten\u00e4hnliche Elemente aufweisen kann oder sogar Ankl\u00e4nge an die VJandervogelkluft enth\u00e4lt. Auch die scheinbar informelle Kleidung j\u00fcngerer Protestakteure seit den 1970er Jahren richtete sich nach bestimmten Codes und schloss bestimmte Kleidungsst\u00fccke aus oder verlangte nach anderen &#150; Differenzierungen sind also unerl\u00e4sslich. Politische Strategien k\u00f6nnen mit Blick auf die Bedeutung der \u00d6ffentlichkeit zwischen &#132;diskret&#148; und &#132;\u00f6ffentlich&#148; skaliert werden, wobei in der Regel Mischungsverh\u00e4ltnisse vorliegen und nur die Tendenz zu bestimmen ist. Die Bewertung der \u00d6ffnung bzw. Schlie\u00dfung w\u00e4re zwischen den Polen &#132;Exklusivit\u00e4t&#148; und &#132;Offenheit&#148; angesiedelt. Dabei kann sich im \u00dcbrigen die vermeintliche Offenheit mancher B\u00fcrgerinitiative als Illusion erweisen, die ab der zweiten H\u00e4lfte der 1970er Jahre stilistisch zunehmend exklusiv auf die junge, gut ausgebildete und &#132;antietablierte&#148; Generation zielte. Je nach Fragestellung k\u00f6nnen auch die Vorstellungen von politischer Auseinandersetzung auf einer Skala zwischen &#132;Harmonie&#148;- und &#132;Konkurrenz&#8220;-Modellen angeordnet werden.<br \/>W\u00e4hlt man eine zusammenfassende Betrachtungsebene von Umweltprotest zwischen etwa 1950 und 1980, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Protestformen der wichtigsten Akteure vor der \u00f6kologischen und gesellschaftlichen Wende um 1970 tendenziell darauf setzten, sich m\u00f6glichst unauff\u00e4llig, &#132;vertr\u00e4glich&#148; und nahe am stilistischen Mainstream des konservativen Gravitationszentrums der Republik zu orientieren. Seit 1970 verlagerte sich die stilistische Verortung in Richtung junger, sich progressiv und antietabliert gebender Eliten, deren Umgangsformen eher konflikthaft waren und auf Ver\u00e4nderungspathos setzten. Zugleich wandelte sich auch die soziale Zusammensetzung der Akteursgruppen, wozu auch ein deutlicher Verj\u00fcngungsprozess geh\u00f6rte. Auf diese Weise verlor der Naturschutz zumindest teilweise sein &#132;konservatives&#148; Image und wurde in Gestalt des erweiterten Umweltschutzes zunehmend als genuin &#132;progressives&#148; An-liegen kontextualisiert &#150; obwohl der Ideengehalt sich deutlich weniger ver\u00e4nderte als die Stilformen.<\/p>\n<p>Genbrationenfolge und Stilwandel<\/p>\n<p>Die Untersuchungsebenen und ihre Elemente bilden kein ersch\u00f6pfendes Untersuchungsraster. Vielmehr verstehen sie sich gewisserma\u00dfen als Denkanst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Entwicklung von Forschungsstrategien. Diese k\u00f6nnten etwa einen Beitrag zur Untersuchung des &#132;Generationenwandels&#148; liefern. Ein wichtiger Baustein in unserem Verst\u00e4ndnis von politischen Generationen ist sicherlich ihr stilistisches Profil. Eine detaillierte Untersuchung des Stilwandels k\u00f6nnte nach den einzelnen Elementen wie Strategie, Sprache, Kleidung etc., differenzieren. Dabei k\u00f6nnte untersucht werden, wie der Stil einer neuen Generation sich historisch formiert &#150; auf welchem Wege sich eine neue Generation also bildet oder &#132;erfindet&#148;. Dies mag auch unterschiedliche Geschwindigkeiten und Ungleichzeitigkeiten hinsichtlich der biologischen Zusammensetzung der Kategorie Generation zutage f\u00f6rdern: Mit Blick auf ausgew\u00e4hlte Elemente seines politischen Verhaltensstils etwa lag Bernhard Grzimek, Jahrgang 1909, sehr nah an der &#132;Protestgeneration&#148;, deren Mitglieder nach g\u00e4ngigen Darstellungen in der Regel etwa zwischen 1940 und 1950 geboren wurden (vgl. dazu, wenn auch ohne expliziten Hinweis auf das Generationenproblem, Engels 2003).<br \/>Im Rahmen der Protestforschung scheint mir eine zweite Perspektive interessant. Mit Hilfe der Verhaltensstilanalyse k\u00f6nnte man kl\u00e4ren, in wie weit die Stabilit\u00e4t einer (Protest-) Bewegung von einem gemeinsamen Stil und einem gemeinsamen Gefiihlshaushalt abh\u00e4ngig ist, oder ob Stilpluralismus die Langlebigkeit einer Bewegung vergr\u00f6\u00dfert oder verkleinert. M\u00f6glicherweise hat die stilistische Gemeinschaftsbildung in Protestbewegungen eine analoge Bedeutung wie die hinl\u00e4nglich bekannte Neigung zur Selbsterhaltung und Kompetenzerweiterung bei (staatlichen) Institutionen. Die Folgen des &#132;Alterns&#148; eines stark habitualisierten Verhaltensstils im Vergleich zu einer im Wandel befindlichen Gesellschaft habe ich bereits am Beispiel des Wandels um 1970 angedeutet. Es gibt gerade im Umweltprotest der 1970er Jahre auch Beispiele daf\u00fcr, wie einzelnen Verb\u00e4nden eine Stilmodernisierung gelang, ein Verhaltensstil also den anderen ersetzte und die Bewegung dadurch &#132;aktualisierte&#148;. Ein interessantes und erfolgreiches Beispiel ist in diesem Zusammenhang der B.U.N.D., der 1975 gegr\u00fcndet wurde. Zu den wichtigsten Impulsgebern und sp\u00e4teren Landesverb\u00e4nden geh\u00f6rte der Bund Naturschutz in Bayern, eine klassische traditionelle Naturschutzorganisation, deren Wurzeln am Beginn des 20. Jahrhunderts liegen. Unter seinem jungen Vorsitzenden Hubert Weinzierl hatte der Bund Naturschutz schon seit Ende der 1960er Jahre neue Wege beschritten und sich beispielsweise um eine professionalisierte, aggressive \u00d6ffentlichkeitsarbeit bem\u00fcht. Der B.U.N.D. sollte eine neue umweltpolitische Kraft auf Bundesebene werden und der traditionellen Spitzenorganisation, dem Deutschen Naturschutzring, das Wasser ab-graben. Auf der Suche nach Verb\u00fcndeten in anderen Bundesl\u00e4ndern ging der Bund Naturschutz Koalitionen mit deutlich &#132;alternativ&#148; gepr\u00e4gten Kr\u00e4ften ein. Stilistische, aber auch ideologisch-inhaltliche Unterschiede traten zwar zu Tage; wurden aber letztlich erfolgreich ausgeglichen. Es gelang dem B.U.N.D., sowohl f\u00fcr das traditionell bayerische Naturschutzmilieu als auch f\u00fcr junge, &#132;alternativ&#148; und urban gepr\u00e4gte Umweltsch\u00fctzer eine attraktive Anlaufstelle zu werden (vgl. Stiftung Naturschutzgeschichte 2003).<br \/>Generell d\u00fcrften Untersuchungen zum stilistischen \u00dcberaltern des modernen Umweltschutzmilieus sp\u00e4testens dann auf der Tagesordnung stehen, wenn seine Tr\u00e4ger das Rentenalter erreichen &#150; folglich eher morgen als \u00fcbermorgen.<br \/>Herzlich danken m\u00f6chte ich Franz-Josef Br\u00fcggemeier, Martin Dinges, Ulrich Eith, Ulrike Krampl, Alf L\u00fcdtke, Lutz Sauerteig und Hillard v. Thiessen, die mir auf der Grundlage eines anderen Textes wichtige Hinweise zum &#132;Verhaltensstil&#148; gegeben haben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2329],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12034","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jens-ivo-engels","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Umweltprotest und Verhaltensstile - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/umweltprotest-und-verhalt-westfile\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Umweltprotest und Verhaltensstile - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Bausteine zu einer vergleichenden Untersuchung von Protestbewegungen In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 50ff Ist von Protest in der Geschichte der Bundesrepublik die Rede, geh\u00f6rt nach dem mythisch \u00fcberh\u00f6hten &#132;1968&#148; der Umwelt- und Antiatomkraftprotest der 1970er Jahre zu den meist zitierten Beispielen. 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