{"id":12036,"date":"2003-06-01T15:54:00","date_gmt":"2003-06-01T13:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/massenmedien-und-soziale-bewegungen\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"massenmedien-und-soziale-bewegungen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/massenmedien-und-soziale-bewegungen\/","title":{"rendered":"Massenmedien und soziale Bewegungen"},"content":{"rendered":"<p>Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac 2000<\/p>\n<p>bis 2002<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 65ff<\/p>\n<p>Der Aufgabe, die Entstehung und den Verlauf sozialer Bewegungen zu erkl\u00e4ren, hat sich die Bewegungsforschung bisher am intensivsten gewidmet. Dabei wurde die Rolle von Massenmedien bisher nur unzureichend und zudem meist unsystematisch in die zentralen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze integriert (vgl. Rucht 1994). Dieser Mangel \u00fcberrascht, denn sp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung von Todd Gitlins wegweisender Studie \u00fcber<br \/>das making and unmaking des amerikanischen SDS ist die zentrale Rolle der Massen-<br \/>medien f\u00fcr die Entwicklung sozialer Bewegungen bekannt (1980). Da die globalisierungskritische Organisation Attac, wie Albrecht von Lucke provozierend formulierte, vor allem ein Produkt f\u00fcr und durch die Massenmedien ist (2002), kann ihr schneller Aufstieg als Folie f\u00fcr die Ergr\u00fcndung dieses vernachl\u00e4ssigten Verh\u00e4ltnisses dienen. An anderer Stelle wurde bereits ausf\u00fchrlich dokumentiert, dass Attac Deutschland seinen \u00f6ffentlichen Durchbruch im Sommer 2001 der pl\u00f6tzlich einsetzenden Medienberichterstattung zu verdanken hatte (Kolb 2003a). Im Folgenden soll die Analyse der Bewegungsmobilisierung durch Massenmedien vertieft werden; daher stehen Entwicklung und Inhalt der Medienstrategie von Attac im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Medienstrategien sozialer Bewegungen: das Beispiel Attac<\/p>\n<p>Bei jedem Versuch, die Medienstrategie einer Bewegungsorganisation in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen, werden die Schwierigkeiten, die aus dem fehlenden systematischen Wissen \u00fcber die Interaktion von Massenmedien und sozialen Bewegungen resultieren, durch das ebenso l\u00fcckenhafte Wissen \u00fcber die Rolle von Strategie in Bewegungen versch\u00e4rft. Dieter Rucht hat einen wichtigen Beitrag zur Schlie\u00dfung dieser doppelten L\u00fccke geleistet, indem er eine grundlegende Typologie der Medienstrategien sozialer Bewegungen vorgestellt hat (Rucht i.E.). Er unterscheidet dabei zwischen Apathie, Angriff, Anpassung und Alternativen.<br \/>Apathie ist die Reaktion auf das Desinteresse, dass die Massenmedien manchen sozialen Bewegungen entgegenbringen und f\u00fchrt zur Beschr\u00e4nkung auf nach innen gerichtete Kommunikation.<br \/>Angriff meint die explizite Kritik der Massenmedien, die als Teil der herrschenden Verh\u00e4ltnisse begriffen und deshalb im Extremfall auch mit gewaltt\u00e4tigen Aktionen angegangen werden.<br \/>Anpassung bedeutet den Versuch, durch das aktive Eingehen auf die Spielregeln der Massenmedien die Berichterstattung derselben zu beeinflussen und zu nutzen. Alternativen meint den Versuch sozialer Bewegungen, ihre Abh\u00e4ngigkeit von den Massenmedien durch den Aufbau eigener Medien zu reduzieren.<br \/>Attac Deutschland l\u00e4sst sich, wie noch ausf\u00fchrlich dargestellt werden wird, eindeutig als Bewegungsorganisation charakterisieren, die auf anf\u00e4ngliche Misserfolge in der Medienresonanz nicht mit Apathie, Angriff oder Alternativen, sondern mit Anpassung reagiert hat. Warum und wie kam es zu dieser Reaktion? Welche Bestandteile hatte die Anpassungsstrategie von Attac? Warum war die Strategie so erfolgreich? Wie hat sich die Medienstrategie \u00fcber die Zeit hinweg ver\u00e4ndert? Um Fragen wie diese zu beantworten, wird im Folgenden die Entwicklung und Ver\u00e4nderungen der Medienstrategie von Attac Deutschland in vier Phasen unterteilt.&#8216;<\/p>\n<p>Phase I: Medienarbeit ohne Strategie (1\/2000-1\/2001)<\/p>\n<p>Im Januar 2000 wurde Attac Deutschland auf Initiative verschiedener entwicklungspolitischer Organisationen unter dem Namen Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzm\u00e4rkte in Frankfurt am Main gegr\u00fcndet; erst im November 2000 erfolgte die offizielle Umbenennung in Attac. Die Gr\u00fcndungsversammlung richtete per Akklamation einen bundesweiten Koordinierungskreis als Arbeits- und Leitungsgremium ein, und beauftragte ihn mit der Erarbeitung einer inhaltlichen Plattform f\u00fcr die zu-k\u00fcnftige Arbeit des Netzwerkes. Am 3 1. Mai stellte das Netzwerk die Erkl\u00e4rung zur Kontrolle der internationalen Finanzm\u00e4rkte auf einer Pressekonferenz in Berlin der \u00d6ffentlichkeit vor. Bis dahin war diese von ca. 50 kleineren Organisationen und Einzelpersonen unterzeichnet worden. Das Medienecho war entt\u00e4uschend &#150; selbst die taz handelte das Ereignis mit 72 Worten ab. Wie in Tabelle 1 dargestellt, blieb mit nur neun Artikeln in der taz das Presseecho auf die Aktivit\u00e4ten von Attac w\u00e4hrend des gesamten Jahres 2000 minimal.<\/p>\n<p>Tab. 1. Berichterstattung \u00fcber Attac in der taz, 2000-2002 2<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a02000\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 2001\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a02002\u00a0<br \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0Anzahl\u00a0Prozent\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Anzahl\u00a0Prozent\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Anzahl\u00a0Prozent<br \/>1.Quartal\u00a02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 0,9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a01,9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 36\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a016,9<br \/>2.Quartal\u00a04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 1,9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3,3\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 37\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 17,4<br \/>3.Quartal\u00a01\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 0,5\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a016,9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 28\u00a0\u00a0\u00a0 13,1<br \/>4.Quartal\u00a02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a00,9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a031\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 14,6\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a025\u00a0\u00a0\u00a0 11,7<br \/>Summe:\u00a0 9\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4,2\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a078\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a036,7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 126\u00a0\u00a0\u00a059,1<\/p>\n<p>Diese bescheidene Berichterstattung \u00fcber Attac im ersten Halbjahr 2000 ist durch den Mangel an mediengerechten Ereignissen zu erkl\u00e4ren. Die ersten kampagnenartigen und somit medientauglichen Aktivit\u00e4ten entwickelte das Netzwerk erst in der zweiten Jahresh\u00e4lfte im Zusammenhang mit der damals aktuellen Debatte um die Teilprivatisierung der Altersversorgung &#150; der sogenannten Riester-Rente. Aber weder die inhaltlich fundierten Presseinformationen noch die anderen Aktivit\u00e4ten fanden ein Medienecho, von drei kurzen Erw\u00e4hnungen in der taz einmal abgesehen. \u00c4hnlich schleppend und frustrierend verlief die Suche nach weiteren Unterzeichnern der Erkl\u00e4rung &#150; Ende des Jahres belief sich deren Zahl auf nur 250. Mit mindestens drei Faktoren l\u00e4sst sich das verschwindend geringe Medieninteresse im Jahr 2000 erkl\u00e4ren (vgl. Ryan 1991). Erstens: Die An-zahl der medientauglichen Aktivit\u00e4ten von Attac war sehr gering. Zweitens: Attac wurde weder von Journalisten noch von Politikern eine inhaltliche Kompetenz zugestanden. Drittens: Der Mangel an einer bewussten Medienstrategie machte sich bemerkbar. Das Fehlen eines Pressesprechers und unzureichendes Wissen \u00fcber die Arbeitsweise von Journalisten f\u00fchrte dazu, dass insgesamt sehr wenig zielgerichtete Medienarbeit durch-gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Phase II: Anf\u00e4nge einer Medienstrategie (1\/2001-5\/2001)<\/p>\n<p>Die zunehmende Frustration \u00fcber die ausbleibende \u00f6ffentliche Resonanz und die ebenso schleppende Mitgliederentwicklung f\u00fchrten im Januar 2001 schlie\u00dflich zu \u00c4nderungen, die die Entwicklung einer Medienstrategie m\u00f6glich machten und einleiteten. Der Koordinierungskreis nahm das Angebot der sechs Mitarbeiter von Share, einer der Gr\u00fcndungsorganisationen, an, sich zuk\u00fcnftig in ihrer Arbeitszeit ausschlie\u00dflich dem Aufbau von Attac zu widmen. Innerhalb des so entstandenen B\u00fcro-Teams wurde ein Pressesprecher bestimmt; zudem wurden zwei Mitglieder des Koordinierungskreises als st\u00e4ndige Ansprechpartner benannt. Ihre T\u00e4tigkeit bestand in der Unterst\u00fctzung der Arbeit des Sprechers und in der Autorisierung von Pressemeldungen. Die Grundz\u00fcge einer Medienstrategie wurden auf einem Treffen mit einem sympathisierenden Journalisten entwickelt. So sollten zuk\u00fcnftig journalistische Standards wie die L\u00e4nge und das Format von Presseinformationen eingehalten sowie der Rhythmus der Nachrichtenproduktion ber\u00fccksichtigt werden. Auch der Aufbau eines umfassenden Presseverteilers wurde beschlossen. Au\u00dferdem sollte durch die bewusste Inszenierung von Protestaktionen das Interesse der Medien an Attac geweckt werden, um hiermit eine Grundlage f\u00fcr die zu-k\u00fcnftige Ber\u00fccksichtigung der inhaltlichen Positionen von Attac zu schaffen. Diese Ma\u00dfnahmen wurden in den folgenden Wochen und Monaten umgesetzt. Im April pro-testierten Attac-Aktivisten beispielsweise in der Bundespressekonferenz gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung und im Mai er\u00f6ffnete Attac Hamburgs erste Steueroase auf der Alster. Diese und weitere Aktionen erzeugten trotz guter Vorbereitung und intensiver Pressearbeit kaum \u00f6ffentliche Resonanz (vgl. Tab. 1). Das (vorl\u00e4ufige) Scheitern der Medienstrategie l\u00e4sst sich damit erkl\u00e4ren, dass die Ber\u00fccksichtigung des Nachrichtenrhythmus und die Inszenierung von medientauglichen Ereignissen nicht ausreicht, um das Interesse der Medien zu wecken. Ebenso zentral f\u00fcr die Auswahl von Nachrichten ist der sogenannte Medienaufmerksamkeitszyklus, der beeinflusst, welche Themen und Akteure gerade als aktuell und berichtenswert eingestuft werden (Oliver und Maney 2000). Dazu z\u00e4hlte damals die Globalisierungskritik trotz der Proteste in Seattle im Dezember 1999 nicht.<\/p>\n<p>Phase IIL&#149; Die mediale Aneignung von transnationalen Protesten (6\/2001-8\/2001)<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen nach den oben skizzierten erfolglosen Versuchen, journalistisches Interesse zu wecken, \u00e4nderte sich der Medienaufmerksamkeitszyklus. Ereignisse au\u00dfer-halb Deutschlands katapultierten die globalisierungskritische Bewegung in das Bewusstsein der deutschen Massenmedien. Im Juni 2001 fand in G\u00f6teborg ein EU-Gipfel statt, der wie schon zuvor in Nizza von Protesten der globalisierungskritischen Bewegung begleitet wurde. W\u00e4hrend die Proteste \u00fcberwiegend friedlich verliefen, kam es zu einzelnen Ausschreitungen, in deren Rahmen die hoffnungslos \u00fcberforderte schwedische Polizei scharfe Munition einsetzte und mehrere Demonstranten verletzte. Zahlreiche Festnahmen und der \u00dcberfall auf ein Schlafquartier der Protestler folgten. Die Schockwellen dieser Ereignisse erreichten Deutschland, weil sich unter den Festgenommenen auch viele Deutsche befanden. Pl\u00f6tzlich sahen sich Journalisten mit der Aufgabe konfrontiert, ihrem Publikum erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, um wen es sich bei diesen Globalisierungskritikern eigentlich handelt. Und als sie sich in ihrer Suche auf Antworten an Attac wandten und bereitwillig Auskunft erhielten, begann sich die Medienarbeit der vergangenen Monate doch noch auszuzahlen.3<br \/>Bereits im Fr\u00fchjahr 2001 hatte Attac entschieden, sich am sogenannten Kasseler B\u00fcndnis zu beteiligen, das die Mobilisierung zu den Protesten gegen den Weltwirtschaftsgipfel koordinierte, der im Juli 2001 in Genua stattfinden sollte (vgl. Andretta et al. 2003). Durch die Ereignisse und Erfahrungen von G\u00f6teborg nahm die Strategie, durch die geplanten Proteste in Genua die Aufmerksamkeit der Medien auf Attac zu lenken und hierdurch eine breitere \u00d6ffentlichkeit zu erreichen, Gestalt an. Das vom B\u00fcro erarbeitete Pressekonzept hatte folgenden Kern:<br \/>Journalisten wurde angeboten, in den von Attac organisierten Bussen mit nach Genua zu fahren und ca. 15 Journalisten machten von dieser M\u00f6glichkeit Gebrauch. Attac richtete einen speziellen Email-Verteiler und einen SMS-Verteiler ein, um Journalisten zeitnah \u00fcber alle Entwicklungen in Genua informieren zu k\u00f6nnen. Vom Bundesb\u00fcro in Verden aus vermittelte Attac w\u00e4hrend der Proteste kontinuierlich mediengerechte Interviewpartner f\u00fcr Rundfunk, Presse und Fernsehen.<br \/>Die friedlichen Massenproteste von Hunderttausenden, Ausschreitungen kleiner Gruppen von Demonstranten und das extrem gewaltt\u00e4tige Verhalten der Polizei, das in der Erschie\u00dfung eines Demonstranten gipfelte, machten Genua in ganz Europa zum politischen Gro\u00dfereignis des Sommers 2001. Damit erreichte die Existenz der globalisierungskritischen Bewegung \u00fcber den Umweg Italien&#149; auch endlich die bundesdeutsche \u00d6ffentlichkeit. Die Strategie von Attac ging in einem Ma\u00dfe auf, wie es sich selbst die Aktivisten nicht h\u00e4tten tr\u00e4umen lassen. Wie in Tabelle 1 zu sehen, schnellte der Umfang<br \/>der Berichterstattung \u00fcber Attac im 3. Quartal 2001 in die H\u00f6he. Dies war ausschlie\u00dflich eine Folgeerscheinung der Proteste in Genua und der sich daran anschlie\u00dfenden Debatte \u00fcber die globalisierungskritische Bewegung, die f\u00e4lschlicherweise bald mit Attac gleichgesetzt wurde. Doch nicht nur die taz berichtete &#150; auch in anderen Zeitungen und mit etwas Verz\u00f6gerung im Rundfunk erlangte Attac gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Diese enorme Medienpr\u00e4senz lie\u00df Mitgliederzahlen und lokale Gruppengr\u00fcndungen in die H\u00f6he schnellen (Kolb 2003a).4 Die sich daraus ergebenden Aktivit\u00e4ten, die vor wenigen Wochen und Monaten keine Zeile wert gewesen w\u00e4ren, konnten sich jetzt journalistischer Aufmerksamkeit sicher sein.<\/p>\n<p>Phase IV.&#149; Erfolgreiche und gescheiterte Adaptionen der Medienstrategie (9\/2001-12\/2002)<\/p>\n<p>Die Ereignisse des 11. September 2001 durchbrachen j\u00e4h die oben skizzierte Entwicklung und von mancher Seite wurde vorschnell das Ende der globalisierungskritischen Bewegung verk\u00fcndet. Attac lie\u00df sich jedoch nicht in die Defensive dr\u00e4ngen, sondern verstand es, das Ende globaler \u00f6konomischer Ungerechtigkeiten als wichtigen Bestandteil jeder wirkungsvollen Strategie der Terrorismusbek\u00e4mpfung in den \u00f6ffentlichen Diskurs zu integrieren (Kolb 2003b). Zudem beteiligte sich Attac aktiv an der Friedensbewegung und geh\u00f6rte zu den profilierten Gegnern des Afghanistan-Krieges. Dass diese inhaltliche Anpassung erfolgreich war, l\u00e4sst sich u.a. daran erkennen, dass die Berichterstattung \u00fcber Attac im 4. Quartal nur geringf\u00fcgig abgenommen hat (vgl. Tabelle 1).<br \/>W\u00e4hrend Attac und die gesamte globalisierungskritische Bewegung durch den 11. September ein weiteres Thema bedienen mussten, bestand im Koordinierungskreis von Attac der Konsens, die alten Themen dabei nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu vernachl\u00e4ssigen. Attac Deutschland versuchte deshalb systematisch, das Genua-Erfolgsmodell bei weiteren internationalen Gipfeltreffen zu wiederholen, darunter die EU-Ministerpr\u00e4sidententreffen in Br\u00fcssel im Dezember 2001 und der EU-Gipfel in Sevilla im Juni 2002. W\u00e4hrend an den entsprechenden Demonstrationen jeweils weit \u00fcber 100.000 Menschen teil-nahmen, war die \u00f6ffentliche Resonanz jedoch entt\u00e4uschend gering. Hierf\u00fcr lassen sich einige Gr\u00fcnde anf\u00fchren. Attac verf\u00fcgte zu den Themen beider Gipfel \u00fcber keine origin\u00e4ren inhaltlichen Positionen. Hinzu kam das eigentlich erfreuliche Faktum, dass die Proteste, sowohl von Seiten der Demonstranten als auch von Seiten der Polizei, bis auf kleinste Zwischenf\u00e4lle friedlich verliefen. Au\u00dferdem wurde die M\u00f6glichkeit, Gipfel-Treffen zu \u00f6ffentlichkeitswirksamen Protesten zu nutzen, von den Regierungen der Industriel\u00e4nder aktiv unter minimiert. Das 3. WTO-Ministertreffen fand in Quatar und damit buchst\u00e4blich in der W\u00fcste statt, und der Weltwirtschaftsgipfel fl\u00fcchtete sich 2002 in die kanadischen Rocky Mountains. Attac war zu diesem Zeitpunkt (vgl. Tabelle 2) jedoch schon nicht mehr auf transnationale Proteste angewiesen, um Medienaufmerksamkeit zu erregen. Das Konzept, auf dem dieser Erfolg beruhte, l\u00e4sst sich in den Worten der taz-Redakteurin Katharina Koufen zusammenfassen, also einer Adressatin der Attac-Medienstrategie:<br \/>&#132;Die Presseleute von Attac wissen, wie man Pressemitteilungen verschickt und wie man sich in Szene setzt. Sie wissen, dass Pressemitteilungen nie am Nachmittag ver-<br \/>schickt werden d\u00fcrfen, dass sie nie zu lang und vor allem nie zu klein gedruckt sein d\u00fcrfen, sonst liest sie niemand. [&#8230;] Gute PR-Leute wissen, dass man Geh\u00f6r findet, wenn man seine Forderungen passend zu solchen Anl\u00e4ssen lanciert, die Medienmenschen wichtig finden. [&#8230;] Die Medien m\u00f6gen Attac, weil sie hinter kritischen 0-T\u00f6nen ihre eigene Meinung verstecken k\u00f6nnen. Weil Attac so kurz und griffig klingt und au\u00dferdem wie ,Attacke!`. Und weil Attac greifbare Forderungen stellt.&#8220; (taz vom 28. September 2002)<br \/>Doch auch die Einhaltung dieser Prinzipien garantieren keinen Erfolg, wie Attac im Fr\u00fchsommer 2002 mit seiner Kampagne zur Reform der Gesundheitsversicherung fest-stellen musste. Egal, ob die Kampagne Gesundheit ist keine Ware es mit Positionspapieren, Aktionskonferenzen, Anzeigenaktionen oder einem bundesweiten Aktionstag versuchte, das Medienecho war mit Ausnahme der taz (was allein der zust\u00e4ndigen Redakteurin zu verdanken war) vernichtend gering. In Zeitungen wie der Zeit, der Frankfurter Rundschau oder der S\u00fcddeutschen Zeitung, in der \u00fcber die Positionen und Aktivit\u00e4ten von Attac zu Finanzm\u00e4rkten, Steueroasen und Welthandel ausf\u00fchrlich berichtet wurde, fand sich kaum ein Wort hinsichtlich der Aktionen und Positionen von Attac in Sachen Gesundheitspolitik. Die Ursache f\u00fcr dieses Schweigen im Bl\u00e4tterwald beruht auf verschiedenen Faktoren. Die gewohnten Ansprechpartner f\u00fcr Attac in den Medien sind f\u00fcr Gesundheitspolitik nicht zust\u00e4ndig und waren deshalb f\u00fcr die Kampagne weitgehend nutzlos. Der Versuch, relativ kurzfristig entsprechende Kontakte zu den Gesundheitsjournalisten aufzubauen, scheiterte weitgehend, weil Attac in diesem etablierten Politikfeld nicht als legitimer und kompetenter Akteur anerkannt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass Attac es vers\u00e4umte, das B\u00fcndel seiner Reformvorschl\u00e4ge mit einem eing\u00e4ngigen Label zu versehen, obwohl die Forderungen im Kern einer &#132;B\u00fcrgerversicherung&#148; entsprachen. Die gewohnten Ansprechpartner dagegen kommentierten den Schwenk von Attac zur Innenpolitik teilweise sp\u00f6ttisch: Ihnen war die Verbindung zur Globalisierung nicht plausibel; sie erschien weit hergeholt. Und sogar innerhalb von Attac gelang es der Kampagne nicht, viel Begeisterung und Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Thema Gesundheitspolitik zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Tab. 2: Anl\u00e4sse der Berichterstattung \u00fcber Attac in der taz in Prozent; in Klammern die Artikelanzahl<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1\/2000\u00a0\u00a0 2\/2000\u00a0 1\/2001\u00a0 2\/2001\u00a0\u00a0 1\/2002\u00a0\u00a0 2\/2002<br \/>Attac-Aktivit\u00e4ten\u00a050,0 (3)\u00a066,7 (2)\u00a027,3 (3)\u00a020,9 (14)\u00a038,4 (28)\u00a024,5 (13)<br \/>Politisches Zeitgeschehen\u00a050,0 (3)\u00a033,3 (1)\u00a036,4 (4)\u00a044,8 (30)\u00a034,2 (25)\u00a049,1 (26) 36,4 (4)\u00a023,9 (16)\u00a017,8 (13)\u00a015,1 (8) Transnationaler Protest\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nationaler Protest\u00a0\u00a0\u00a0\u00a010,4(7)\u00a09,6(7)\u00a011,3(6) Summe:\u00a0100, 0(6)\u00a0100,0 (3)\u00a0100, 0(11)\u00a0100, 0(67)\u00a0100, 0(73)\u00a0100, 0(53) Quo vadis Attac?<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac kann als exemplarisch f\u00fcr das ambivalente Verh\u00e4ltnis von sozialen Bewegungen und Massenmedien gelten. Zwar kann es Bewegungsorganisationen durch eine professionelle und flexible Pressearbeit gelingen, die Massenmedien f\u00fcr ihre Ziele zu nutzen, indem sie ihnen das Material f\u00fcr spannende<br \/>Nachrichten liefern. Aber das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zwischen sozialen Bewegungen und Massenmedien ist trotzdem asymmetrisch: Letztere k\u00f6nnen soziale Bewegungen ohne nennenswerte Kosten ignorieren, w\u00e4hrend Bewegungen, die politische Ver\u00e4nderung wollen, auf \u00d6ffentlichkeit angewiesen sind (Gamson und Wolfsfeld 1993).<br \/>In j\u00fcngster Zeit lassen sich drei Trends in der Berichterstattung \u00fcber Attac erkennen. Erstens hat sich die H\u00e4ufigkeit und der Umfang der Berichterstattung insgesamt reduziert, verblieb aber, verglichen mit anderen Bewegungsorganisationen, weiter auf ho-hem Niveau. Da Attac mittlerweile seinen Neuigkeitswert weitgehend verloren hat, handelt es sich dabei gewisserma\u00dfen um eine Normalisierung der Berichterstattung. Zweitens gibt es eine relevante Anzahl von Berichten, die sich kritisch mit Attac auseinandersetzen. Exemplarisch daf\u00fcr ist das Interesse, mit dem die in Attac gef\u00fchrte Antisemitismus-Debatte begleitet wurde.b Da Journalismus aber von Negativnachrichten lebt und zudem das Innenverh\u00e4ltnis von Organisationen grunds\u00e4tzlich auch einen Nachrichtenwert hat, ist dies ein weiterer Beleg f\u00fcr die Normalisierung der Berichterstattung und zugleich f\u00fcr die politische Bedeutung, der Attac beigemessen wird. Drittens scheint es Attac in einem erneuten Anlauf geschafft zu haben, mit einem innenpolitischen Thema als Akteur wahr- und ernst genommen zu werden: Im Herbst 2003 startete Attac eine Kampagne gegen die Agenda 2010. W\u00e4hrend die ersten Aktionen weitgehend unbeachtet blieben, wurde \u00fcber den Ratschlag zum Thema Sozialabbau und \u00fcber einen bundesweiten Aktionstag am 20. Oktober gegen die Umsetzung der Agenda 2010 in Presse und Fernsehen berichtet. Allerdings ist es noch zu fr\u00fch, um zu beurteilen, ob es sich da-bei um einen &#132;Ausrutscher&#148; handelte, oder um einen wirklichen Durchbruch f\u00fcr Attac.<br \/>* Dieser Text basiert auf einem Forschungsprojekt, das ich w\u00e4hrend eines Aufenthaltes am Institute for European Studies der Cornell University, Ithaca, NY durchgef\u00fchrt habe. F\u00fcr hilfreiche Kommentare zu fr\u00fcheren Versionen des Textes m\u00f6chte ich mich bei Corinna Blanck, Marianne Koch, Malte Kreutzfeldt und J\u00f6rg Rohwedder bedanken.<br \/>1 Meine Analyse basiert auf internen Dokumenten, einer quantitativen Analyse der Berichterstattung in der taz und auf meinem Hintergrundwissen als Gr\u00fcndungsmitglied und Pressesprecher (1\/2001-7\/2002) von Attac Deutschland.<br \/>2 Anzahl bezeichnet alle im Untersuchungszeitraum in der taz erschienenen Texte, die die Geschichte, die Positionen oder die Aktivit\u00e4ten von Attac behandeln oder in denen Attac als politischer Akteur Erw\u00e4hnung findet. Prozent verweist auf den Anteil der im jeweiligen Quartal erschienenen Attac-Artikel an allen 213 im Untersuchungszeitraum erschienen Artikeln.<br \/>3 Eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr den Erfolg der Medienstrategie, auf die ich hier nicht n\u00e4her ein-gehen kann, war die Positionierung von Attac in der durch G\u00f6teborg ausgel\u00f6sten Gewaltdebatte. Attac gelang es, in der \u00d6ffentlichkeit glaubhaft seinen gewaltfreien Charakter zu kommunizieren, ohne sich direkt von anderen Gruppen zu distanzieren.<br \/>4 Auch andere Gruppen der globalisierungskritischen Bewegung bekamen durch die von den Protesten hervorgerufene \u00d6ffentlichkeit neuen Zulauf. Aber obwohl viele zum Zeitpunkt der Proteste wesentlich gr\u00f6\u00dfer waren, konnten weder die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) noch Peoples&#8216; Global Action (PGA) im gleichen Masse von dem Boom in Genua profitieren, weil sie in der Medienberichterstattung wenn \u00fcberhaupt, dann nur am Rande erw\u00e4hnt wurden.<br \/>5 Die Rubrik Attac-Aktivit\u00e4ten bezeichnet Artikel, die ausschlie\u00dflich \u00fcber Attac und seine Aktivit\u00e4ten berichten. Politisches Zeitgeschehen bezeichnet Artikel, die \u00fcber internationale Institutionen, politische Parteien, Regierungen etc. berichten und in denen die Positionen und Forderungen von Attac zitiert werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2331],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12036","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-felix-kolb","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Massenmedien und soziale Bewegungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/massenmedien-und-soziale-bewegungen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Massenmedien und soziale Bewegungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac 2000 bis 2002 In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 65ff Der Aufgabe, die Entstehung und den Verlauf sozialer Bewegungen zu erkl\u00e4ren, hat sich die Bewegungsforschung bisher am intensivsten gewidmet. 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