{"id":12039,"date":"2003-06-01T15:19:00","date_gmt":"2003-06-01T13:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/revolte-revisited\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"revolte-revisited","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/revolte-revisited\/","title":{"rendered":"Revolte revisited"},"content":{"rendered":"<p>Ein aktueller Literaturbericht zur Protestforschung<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 92ff<\/p>\n<p>Gibt es eine Renaissance des politischen Protests in der Bundesrepublik? Lange Jahre sah es nicht danach aus. Doch manche Auguren meinen, dass seit dem Auftauchen von Attac auch hierzulande ein neuer Fr\u00fchling f\u00fcr soziale Bewegungen angebrochen sei. Protest in der Gegenwart tritt jedenfalls in vielf\u00e4ltigen Erscheinungsformen auf &#8211; und wird intensiv erforscht. Wer sich einen \u00dcberblick dar\u00fcber verschaffen will, sollte zu einem Buch greifen, das seit seinem Erscheinen zum Standardwerk f\u00fcr die deutsche Protestforschung avanciert ist:<\/p>\n<p>Dieter Rucht (Hg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Campus Verlag: Frankfurt\/Main 2001, 324 S., ISBN 3-593-36451-4; 34,90 Euro<\/p>\n<p>Der Sammelband, in dem neben Rucht u.a. Ruud Koopmans, Friedhelm Neidhardt, Anja C. Baukloh, Jochen Roose, Peter Hocke, Susann Burchardt und Christiane Eilders vertreten sind, verfolgt vor allem zwei Ziele: Zum einem soll hier das Ph\u00e4nomen Protest in der Bundesrepublik systematisch vermessen werden, zum anderen soll die Anwendbarkeit einer am Wissenschaftszentrum Berlin entstandenen Methode demonstriert werden: der Protestereignisanalyse. Auf die Auswertung von Tageszeitungen gest\u00fctzt, erm\u00f6glicht es diese Methode, Intensit\u00e4t und Auspr\u00e4gung von Protest f\u00fcr bestimmte Zeitr\u00e4ume systematisch zu erheben. In Fallbeispielen wird dies durchgespielt, u.a. am Bei-spiel rechtsextremistischer Mobilisierung oder der \u00d6kologiebewegung in den 1980er Jahren. Hilfreich ist auch der von Neidhardt und Rucht verfasste \u00dcberblicksbeitrag zur Protestgeschichte der Bundesrepublik von 1950 bis heute, der noch einmal gegen das verbreitete Vorurteil argumentiert, erst mit 1968 h\u00e4tte alles angefangen.<br \/>Aus der Protestforschungsproduktion des Wissenschaftszentrums stammt auch ein Sammelband zu den allj\u00e4hrlich wiederkehrenden Protestritualen beim Berliner 1. Mai, dem traditionellen Kreuzbergen Gro\u00dfkampftag:<\/p>\n<p>Dieter Rucht (Hg.): Berlin, I. Mai 2002. Politische Demonstrationsrituale, Leske + Budrich: Opladen 2003, 248 S., ISBN 3-8100-3792-3; 17,90 Euro<\/p>\n<p>Detailliert werden die diversen Veranstaltungen und Demonstrationen sowie deren Wahrnehmung durch Polizei, Justiz und Medien untersucht. Vor allem die Diskrepanz zwischen der von den Teilnehmern erlebten Realit\u00e4t und deren Darstellung in den Medien erstaunt. Auch die minuti\u00f6sen Beschreibungen der einzelnen Demonstrationen und des konkurrierenden Verh\u00e4ltnisses der Gruppen untereinander sind nicht frei von Skurrilit\u00e4ten, so wenn man erf\u00e4hrt, dass es 2002 drei verschiedene linksorientierte Demonstrationen gab, weil das Verhalten der Veranstalter zueinander &#132;zuweilen an den Kampf der Volksfront von Jud\u00e4a gegen die Jud\u00e4ische Volksfront im Spielfilm Das Leben des Brian von Monty Python erinnert&#148; (89). Trotzdem legen die Autoren Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den Protestveranstaltungen nicht ausschlie\u00dflich um sinnentleerte Krawallmache handelt, sondern auch der Kreuzberger 1. Mai als sozialer Protest ernst genommen werden sollte.<br \/>Weitgehend friedlich ging es dagegen in einer viel beachteten Enquete-Kommission des Bundestages zu, deren Ergebnisse nun nach und nach bei Leske+Budrich erscheinen:<\/p>\n<p>Enquete-Kommission Zukunft des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements des Deutschen Bundestages (Hg.): B\u00fcrgerschaftliches Engagement in Parteien und Bewegungen, Leske + Budrich: Opladen 2003, 198 S., ISBN 3-8100-3644-7; 19,80 Euro<\/p>\n<p>Der vorliegende zehnte Band befasst sich mit dem im engeren Sinne politischen Engagement der Zivilgesellschaft, das &#151; legt man den Freiwilligensurvey von 1999 zugrunde &#151; nicht gerade einen Kernbereich b\u00fcrgerschaftlicher Aktivit\u00e4ten ausmacht. Dieter Rucht untersucht in seinem f\u00fcr die Enquete-Kommission verfassten Gutachten Formen des Engagements au\u00dferhalb festgefasster Institutionen, vulgo Protestbewegungen und pl\u00e4diert daf\u00fcr, auch diese als einen integralen Bestandteil der Demokratie zu betrachten. Gerd Mielke befasst sich in seinem Beitrag mit den etablierten politischen Parteien und ihrer Offenheit f\u00fcr b\u00fcrgerschaftliche Partizipation, wobei die Frage im Zentrum steht, ob sich diese durch Organisationsreformen steigern lie\u00dfe. Bodo Zeuner untersucht die &#132;Besonderheiten des politischen Engagements in Ostdeutschland&#148;, w\u00e4hrend Gerd Langguth das Verh\u00e4ltnis von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen betrachtet. \u00c4hnlich der Fokus von Ingrid Reichart-Dreyer: sie untersucht Parteien und b\u00fcrgerschaftliches Engagement in ihren Wechselwirkungen. Von den Parteien fordert sie mehr argumentatives R\u00e4sonnement und mehr Programmarbeit, nur so lie\u00dfe sich dem Inhalts-Defizit des Parteibetriebes entgegenwirken und die Partizipation der B\u00fcrgergesellschaft steigern.<br \/>Nach den Zukunftsperspektiven nun der Blick in die Protestvergangenheit der Bundesrepublik. Die Beschreibung der Irrungen und Wirrungen des politischen Aufbegehrens in den sp\u00e4ten 1960er Jahren ist zum beliebten Gesellschaftsspiel geworden. Was man aus dem Stoff dennoch herausholen kann, demonstriert Gerd Koenen: Der Verfasser des Roten Jahrzehnts legt nach mit weiteren Innenansichten aus dem Tollhaus des deutschen Terrorismus:<\/p>\n<p>Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepen-heuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2003, 365 S., ISBN 3-462-03313-1; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt des Buches steht eine Dreiecksgeschichte: Gudrun Ensslin, ihr Liebhaber Bernward Vesper (der Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper) und ihre zweite gro\u00dfe Liebe Andreas Baader. Koenen hat zielsicher den Nachlass Vespers im Deutschen Literaturarchiv in Marbach geborgen, um anhand von Korrespondenzen und anderen Aufzeichnungen den langen Weg in den Wahn nachzuzeichnen: In den fr\u00fchen 1960er Jahren bem\u00fchen sich Vesper und Ensslin gemeinsam um eine Rehabilitation des Dichter-Vaters Vesper. Dabei schrecken sie nicht einmal davor zur\u00fcck, die neu aufgelegten Vesper-B\u00fccher an j\u00fcdische Rezensenten zu schicken. Ein paar Jahre sp\u00e4ter wird der \u00dcbervater Vesper dann aber zur Nazi-Figur, auf deren Demontage Bernward all seine Energie verwendet. In langen Drogenr\u00e4uschen fabuliert er \u00fcber sexuelle Befreiung und die Wiederkehr des Faschismus. Vor allem sein Manuskript gebliebener Roman Die Reise gilt als authentischstes literarisches Dokument des deutschen Linksextremismus. Ensslin hatte sich da schon lange mit Andreas Baader zusammengetan und gab mit ihm Bonny &#038; Clyde in deutscher Version. Alle Versuche Vespers, sie zur\u00fcckzuholen, schlugen fehl. Vesper endete 1971 im Selbstmord, Ensslin 1977 in Stuttgart Stamm-heim. Koenens Buch zeichnet nicht nur die individuelle Verwirrung zweier Linksaktivisten nach; das Buch l\u00e4sst sich ebenso als kollektives Portrait einer Generation lesen.<br \/>Und noch ein deutscher Revolution\u00e4r kommt postum ausf\u00fchrlich zu Wort:<\/p>\n<p>Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tageb\u00fccher 1963-1979; hrsg. von Gretchen Dutschke, Kiepenheuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2003, 430 S., ISBN 3-462-032224-0; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Aus den vielfach kryptischen Notizen (&#132;22. November 1967: Bu\u00dftag-Diskussion &#151; Politik vs. chr[istliche] Utopie. Ca. 400-500 Leute in einem \u00fcberf\u00fcllten Saal; scharfe Kritik der Kirche &#8230;&#8220;) erschlie\u00dft sich das rastlose Leben eines Berufsrevolution\u00e4rs, der kaum Zeit findet, \u00fcber seine Aktivit\u00e4ten und seine stetig wachsende Bedeutung zu reflektieren. So zumindest im ersten Teil der Tageb\u00fccher. Dann die Z\u00e4sur: Am 11. April 1968 schoss der Arbeiter Josef Bachmann Dutschke in den Kopf. Im ersten Tagebucheintrag danach, im Mai, notierte Dutschke: &#132;I. mal wieder die Namen der Freunde aufgeschrieben mit Hilfe von Gretchen im Krankenhaus Westend. Gaston, Christian Semler, Bernd Rabehl, Meschkat, Gollwitzer, Krippendorff, Wolfgang Neuss, Enzensberger&#8220;). So wird der Leser Zeuge jenes Kampfes, den Dutschke monatelang um sein elementares Sprech-<br \/>Schreib- und Denkverm\u00f6gen f\u00fchren musste. Danach werden die Eintr\u00e4ge l\u00e4nger und l\u00e4nger, wirken nicht mehr so gehetzt, wie in den Jahren vor dem Attentat. Hier geht es um &#132;Rekonvaleszenz, Exil und politischen Neuanfang&#148; (Wolfgang Kraushaar). Trotz un\u00fcbersehbarer editorischer M\u00e4ngel und einer alles andere als unkomplizierten Lekt\u00fcre, die dem Schreibstil Dutschkes geschuldet ist, wird die Tagebuch-Edition neben den drei<br \/>existierenden Biografien eine zentrale Quelle f\u00fcr die k\u00fcnftige Dutschke-Forschung und -Rezeption werden.<br \/>Der Journalist J\u00fcrgen Busche ist ein intellektueller Hans-Dampf in allen Gassen: Er versorgt die deutschen Feuilletons nunmehr seit vielen Jahren in nicht nachlassender Produktivit\u00e4t mit Texten zu allen m\u00f6glichen Themen: Philosophie und Althistorie, hier vorzugsweise Jacob Burckhardt, aber auch die gesellschaftliche Gegenwart sind vor seinen Deutungen niemals sicher. Nun hat er sich auch (s)einer Generation angenommen und einen Essay in Buchform vorgelegt:<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Busche: Die 68er. Biographie einer Generation, Berlin Verlag: Berlin 2003, 189 S., ISBN 3-8270-0507-8; 17,50 Euro<\/p>\n<p>Wenn Rot-Gr\u00fcn die Bundestagswahl 2002 verloren h\u00e4tte, w\u00e4re Busche mit diesem Buch sicher ein erstes Fazit zum Werdegang der 68er gelungen. So jedoch irrlichtert der Band hin und her: wohlfeile und oft geh\u00f6rte 68er-Kritik vermengt sich mit Generationensoziologie und aktueller Leitartikelprosa. Zu 1968 scheint einfach schon alles gesagt, obwohl es sich bei Busche oft gut liest. Nicht \u00fcberzeugend erscheint die Umstandslosigkeit, mit der der Autor Fischer und Schr\u00f6der zu den 68ern z\u00e4hlt; zu jung bzw. zu randst\u00e4ndig waren beide damals. \u00dcberhaupt verbl\u00fcfft das Buch durch die ungehemmte Lust, alle passenden und unpassenden, zumeist nicht neuen Geschichten, Namen, Fakten, Artikel aus der Bonner Republik seit 1949 hier unterzumengen &#151; der Erkenntnisgewinn des B\u00e4ndchens h\u00e4lt sich so in Grenzen.<br \/>&#132;Das B\u00fcrgertum [&#8230;] hat sich von dem Ansturm der linkssozialistischen Programmatik und der antiautorit\u00e4ren Ideen nie so recht erholt&#148;, in anderen L\u00e4ndern seien die konservativen Schichten &#132;resistenzf\u00e4higer&#148; gegen\u00fcber den &#132;moralisch-politischen Zumutungen&#148; der Linken gewesen: Derselbe J\u00fcrgen Busche schrieb das am 28. Juni 1985 in einem Leitartikel in der FAZ. Mit solchen Preziosen kann die CD-Rom aufwarten, auf der die gro\u00dfe dreib\u00e4ndige Dokumentation von Wolfgang Kraushaar von 1998 er-schienen ist &#151; eine Fundgrube f\u00fcr jeden Arch\u00e4ologen der Bundesrepublik:<\/p>\n<p>Wolfgang Kraushaar: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschen-post zum Molotowcocktail 1946 bis 1995, Hamburger Edition: Hamburg 2003; ISBN 3-930908-92-1; 38,- Euro [CD-Rom]<\/p>\n<p>Es war eine kluge Entscheidung, die Informationsmassen der Trilogie nun auch via CD-Rom zug\u00e4nglich zu machen: die Recherchem\u00f6glichkeiten sowie die zahllosen Verkn\u00fcpfungen und Verweise sprechen daf\u00fcr. Gegliedert ist die CD-Rom wie die Trilogie in ei-ne umfassende Chronik von 1946 bis 1995; in einen Aufsatzteil mit wichtigen zeitgen\u00f6ssischen Texten von Kraushaar, Claussen, Demirovic und vielen anderen, erg\u00e4nzt um ein Gespr\u00e4ch des Herausgebers mit Oskar Negt; in eine umfangreiche Dokumentation zeitgen\u00f6ssischer Artikel, Interviews und unver\u00f6ffentlichter Briefe. Das geistige Klima der Bundesrepublik wird am Computerbildschirm sichtbar, die Pr\u00e4gungen durch die Frankfurter Theoretiker und die Nachwirkungen in den linken Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre: Konferenzen und Konflikte, viele l\u00e4ngst vergessene Personen, die in<br \/>kurzen Portr\u00e4ts vorgestellt werden, wichtige und schwer zug\u00e4nglich Zeitschriftenartikel werden miteinander verbunden. Demonstrationen, Besetzungen, Stra\u00dfenschlachten &#151; alles kann man hier finden. Die erstaunlich plastische Rekonstruktion der Debattenlage vermag auch den Nachgeborenen anschaulich zu vermitteln, welche Rolle z.B. Marcuses letzter Besuch in Deutschland hatte, wer sich alles im Mikrokosmos Frankfurt tummelte oder weshalb die Zeit 1980 nach langen Querelen um Habermas Berufungen und Attacken rechtskonservativer CDU-Politiker titelte: &#132;Emigriert Habermas?&#148; Kurz: eine gelungene elektronische Historisierung der Bundesrepublik.<br \/>Noch ist der 68er Diskurs immer noch weitgehend m\u00e4nnlich dominiert; Helden, keine Heldinnen pr\u00e4gen sowohl die wissenschaftliche Wahrnehmung als auch die individuelle Erinnerung. Ein Buch des Feministischen Instituts der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung erm\u00f6glicht den Perspektivenwechsel; es ist zu einer gern gelesenen Mischung aus Erinnerung und Analyse geworden:<\/p>\n<p>Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung\/Feministisches Institut (Hg.): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion, Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung: Berlin 1999, 255 S., ISBN 3-927760-32-3; 7,50 Euro<\/p>\n<p>Gala und Reflexion zusammenzudenken, f\u00e4llt nicht gerade leicht. Dass es dennoch funktionieren kann, zeigen prominente Autorinnen, die hier die Folgen des feministischen Aufbruchs vor mehr als drei\u00dfig Jahren deuten: u.a. Christina von Braun, Viola Roggenkamp, die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, Ingrid Kurz-Scherf und Frigga Haug sowie die Regisseurin Heike Sander. Ihr Bild, an dem sie gemeinsam arbeiten, ist wahrlich unorthodox: die Rolle des Rock &#8217;n&#8216; Roll f\u00fcr die Entstehung der Frauenbewegung wird thematisiert, ebenso die Funktion von Frauenfesten als Initiationsritual oder welche Rolle der Feminismus in der DDR-Opposition der 1980er Jahre gespielt hat. Erg\u00e4nzt von pers\u00f6nlichen Reminiszenzen stellt sich die Frage, ob die Frauenbewegung im R\u00fcckblick nicht die zentralen politisch-gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen initiiert hat, die sich im Gefolge vom 1968 beobachten lassen &#151; von J\u00fcrgen Habermas auf die klassische Formel &#132;Rita S\u00fcssmuth&#148; gebracht, als er einst nach den wichtigsten Folgen dieser Zeit gefragt wurde.<br \/>Der vergleichende Blick vermag auch die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit der Frauenbewegung zu befruchten. Eine Dissertation analysiert den weiblichen Aufbruch in Frankreich und Deutschland nach 1968:<\/p>\n<p>Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976, Campus Verlag: Frankfurt\/ New York 2002, 273 S., ISBN 3-593-37110-3; 34,90 Euro<\/p>\n<p>Innerhalb nur weniger Jahre gewann damals Frauenprotest enorm an Bedeutung in Europa und war keineswegs mehr eine marginale Randerscheinung. Die Autorin zeigt, dass es kaum eine vergleichbar lang anhaltende demokratische Protestbewegung gab, wie die der Frauen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das gilt f\u00fcr beide L\u00e4nder, auch wenn es viele historisch bedingte Unterschiede gab; der Bogen wird im Buch auch<br \/>zu den Frauenbewegungen im 19. Jahrhundert geschlagen. Einige Protagonistinnen, wie z.B. Alice Schwarzer, werden in Kurzbiographien vorgestellt; der soziale Hintergrund der Proteste wird auf diese Weise klar gezeichnet. Der chronologische Aufbau in sechs Kapiteln vom amerikanischen Radikalfeminismus \u00fcber die Gr\u00fcndung von Frauen- und Weiberr\u00e4ten in der Bundesrepublik bis hin zur Zersplitterung und zum allm\u00e4hlichem Verfall der Bewegung erm\u00f6glicht einen umfassenden \u00dcberblick, inklusive der Erfolge beim Kampf gegen die Kriminalisierung von Abtreibung oder gegen geschlechtsspezifische Ungleichheit.<br \/>Die Frauenbewegungen im Europa der Gegenwart stehen im Mittelpunkt eines Bandes, der sich diesem stiefm\u00fctterlich behandelten Thema endlich unter vergleichendem Blickwinkel n\u00e4hert:<\/p>\n<p>Ingrid Miethe\/Silke Roth (Hg.): Europas T\u00f6chter. Traditionen, Erwartungen und Strate-<br \/>gien von Frauenbewegungen in Europa, Leske + Budrich: Opladen 2003, 291 S., ISBN 3-8100-3840-7; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Der Sammelband geht zur\u00fcck auf eine Tagung an der Berliner Evangelischen Akademie im Jahre 2002 und versammelt west- und osteurop\u00e4ische Perspektiven auf das, was Frauen in Europa bewegen und bewegen k\u00f6nnen. Ute Gerhard analysiert die Rolle, die die Institutionen der EU als &#132;Rechtsgemeinschaft und politische Gelegenheitsstruktur&#148; f\u00fcr feministische Politik spielt. Beatrice Durand macht auf wichtige Besonderheiten des franz\u00f6sischen Falles aufmerksam: jenseits des Rheins lehnt man die Quote als Mittel auch unter &#132;bewegten&#148; Frauen ab, was sie auf die lange republikanische Tradition des Kampfs um Gleichstellung zur\u00fcckf\u00fchrt, die st\u00e4rker sei als postmoderne, identit\u00e4re Konzepte des amerikanischen Feminismus. Ebenso wird auf den Patriarchatsbegriff sowohl in der wissenschaftlichen als auch politischen Debatte verzichtet. Larissa Lissjutkina stellt die negativen sowjetischen Pr\u00e4gungen ins Zentrum ihres Beitrags, um zu erkl\u00e4ren, warum von russischen Frauen in der Geschlechterdebatte ein stereotypes &#132;Aber eine Frau muss eine Frau bleiben!&#148; zu h\u00f6ren ist; hinzu kommen die unterschiedlichen religi\u00f6s-kulturellen Traditionen im Vielv\u00f6lkerreich, die eine st\u00e4rkere Akzeptanz feministischer ldeen verhindern. Eine B\u00fcndelung der Beitr\u00e4ge versucht am Ende Silke Roth: es zeigt sich, dass simple Gegens\u00e4tze wie &#132;Nord-S\u00fcd&#148; oder &#132;Ost-West&#148; auf den Zustand der modernen europ\u00e4ischen Frauenbewegungen nicht passen.<br \/>In der bundesrepublikanischen \u00d6ffentlichkeit der Gegenwart werden sie bislang weitgehend ignoriert: die Frauen und M\u00e4nner, die sich in der DDR der Diktatur wider-setzten. Ein Taschenbuch will da Abhilfe leisten:<\/p>\n<p>Karl Wilhelm Fricke\/Peter Steinbach\/Johannes Tuchel (Hg.): Opposition und Wider-<br \/>stand in der DDR. Politische Lebensbilder, C.H.Beck: M\u00fcnchen 2002, 374 S., ISBN 3-406-47619-8; 14,90 Euro<\/p>\n<p>56 Lebenswege, verfasst von prominenten Autoren wie Carola Stern, Hermann Weber und Falco Werkentin, aber auch von Nachwuchswissenschaftlern und DDR-Experten, stellen die Facetten widerst\u00e4ndigen Verhaltens anschaulich dar, ohne sich in methodi-<br \/>schen Diskussionen, worin sich denn Dissidenz, Opposition und Protest von Widerstand unterscheiden, zu verlieren. Ein besonderes Verdienst dieser Portr\u00e4tsammlung besteht darin, prominente Oppositionelle wie Robert Havemann oder Wolfgang Harich ebenso zu ber\u00fccksichtigen wie kaum bekannte Frauen und M\u00e4nner, die Zivilcourage und Mut mit Verfolgung bezahlen mussten. Die unterschiedlichen Phasen der Unterdr\u00fcckung in der DDR, von der Fr\u00fchzeit bis zu den 1980er Jahren, Iassen sich so noch einmal anschaulich nachvollziehen. Vielleicht w\u00e4re es sinnvoll gewesen, die Autoren der Beitr\u00e4ge von Seiten der Herausgeber zur st\u00e4rkeren Vereinheitlichung ihrer Portr\u00e4ts anzuhalten: Qualit\u00e4t und Erkenntnisgewinn unterscheiden sich von Text zu Text doch erheblich &#151; was die grunds\u00e4tzlichen Verdienste dieses Sammelbandes nicht schm\u00e4lert.<br \/>Schade, dass die Frau des DDR-Regimekritikers Robert Havemann ihre Erinnerungen an ihren Mann nicht selbst geschrieben hat; es h\u00e4tte ein sch\u00f6nes Buch werden k\u00f6nnen. So ist ein eigenartiger Zwitter entstanden: nicht aus der Ich-Perspektive, sondern mit versuchter Distanz, wobei Politisches und Privates immer eine interessante, aber in ihrer Unentschiedenheit auf Dauer irritierende Symbiose eingehen:<\/p>\n<p>Katja Havemann\/Joachzm Widmann: Robert Havemann oder Wie die DDR sich erledigte, Ullstein: M\u00fcnchen 2003, 427 S., ISBN 3-550-07570-7; 24,- Euro<\/p>\n<p>Dem Lebensweg des kommunistischen Antifaschisten, der das NS-Zuchthaus \u00fcberlebte, in der DDR linientreu war bis zu seiner Kehre nach Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag und den Havemann selbst in seiner Autobiographie Fragen Antworten Fragen beschrieben hatte, f\u00fcgt seine Frau eine sch\u00f6ne Facette hinzu: die Sp\u00e4tzeit aus den 1970er und 1980er Jahren. Viel Dissidentenklatsch erf\u00e4hrt man hier, aber eben auch, wie engagiert politische Grundsatzfragen diskutiert wurden, ob nun Eurokommunismus, Bahros Ideen oder die beginnende Friedensbewegung. Trotzdem gibt Katja Havemann zu wenig preis vom Leben an der Seite des wichtigsten DDR-Oppositionellen, obwohl das personelle Netzwerk, die Freundschaften und Verbindungen, auch \u00fcber die Mauer hinweg, sichtbar werden. Viele Privatphotos geben den Nachlebenden Einblick in den Alltag eines Regimekritikers, der den Hausarrest in Gr\u00fcnheide bei Berlin erlebt und auf die Ausb\u00fcrgerung seines engsten Freundes Wolf Biermann reagieren muss. Sowohl die gro\u00dfe Havemann-Biographie als auch Katja Havemanns pers\u00f6nliche Erinnerungen an ihn vermag man in dem Buch aber nicht zu entdecken; beide stehen (hoffentlich) noch aus.<br \/>Zum politischen Protest geh\u00f6ren Medien, derer er sich bedient &#151; auch in der DDR. Einer dicken Dokumentation f\u00e4llt nun das Verdienst zu, zum ersten Mal systematisch die Publikationsgeschichte des politischen Samisdat in der DDR in den 1980er Jahren aufzuarbeiten:<\/p>\n<p>Ilko-Sascha ICowalczuk (Hg.): Freiheit und \u00d6ffentlichkeit. Politischer Samisdat in der<br \/>DDR 1985-1989. Eine Dokumentation, Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.: Berlin 2002, 597 S., ISBN 3-9804920-6-0, (Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs, Bd. 7); 25,-Euro<\/p>\n<p>Ein verbl\u00fcffendes Werk ist in einer gro\u00dfen Flei\u00dfarbeit entstanden: Nach einer profunden einhundert Seiten umfassenden Einleitung des Herausgebers, die die wesentlichen Entwicklungen des Samisdat in der DDR vorstellt und strukturiert, l\u00e4sst er in Interviews die damals Aktiven zu Wort kommen, um am Ende auf ca. 400 Seiten wichtige Texte jener Zeit zu edieren. Das Themenspektrum ist dabei weit gefasst, viele (Wieder)entdeckungseffekte stellen sich ein: die Situationen in Osteuropa, theoretische Betrachtungen zu Ernst Bloch und Hannah Arendt, Manifeste, offene Briefe, Frieden, Abr\u00fcstung, \u00d6kologie, das Verh\u00e4ltnis von Kirche und oppositionellen Gruppen, der Ver\u00e4nderungswille von unten in der DDR, aber auch das Nachwirken der deutschen Frage geh\u00f6ren dazu. Prominente Autorinnen und Autoren der Texte aus jener Zeit sind dabei: Ulrike Poppe, J\u00fcrgen Fuchs, Wolfgang Ullmann, Rainer Eppelmann, Uwe Kolbe, Wolfgang Templin und B\u00e4rbel Bohley, aber auch viele mittlerweile unbekannte Namen lassen sich finden. Dieses Panorama der DDR-Opposition, unterst\u00fctzt durch Fotos, Faksimiles und ein umfangreiches und h\u00f6chst informatives Personenverzeichnis, zeugt von der Kreativit\u00e4t der Bewegung und der erstaunlichen Breite ihrer politisch-publizistischen Aktivit\u00e4ten. Das Buch d\u00fcrfte f\u00fcr geraume Zeit das Standardwerk zum Thema bleiben.<br \/>Gewaltloser Protest im 20. Jahrhundert ist in der historischen R\u00fcckschau mit dem Namen von Mahatma Gandhi verbunden. Vielen Menschen auch in der westlichen Welt galt er als Vorbild. Gleichzeitig geh\u00f6rt der von ihm inspirierte Kampf der Inder gegen den britischen Kolonialismus zu den gro\u00dfen Siegesgeschichten sozialen Protests. In der renommierten Taschenbuchreihe Wissen im M\u00fcnchner Verlag C.H. Beck ist j\u00fcngst eine einf\u00fchrende Darstellung von Leben und Wirken Gandhis erschienen:<\/p>\n<p>Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2003, 128 S., ISBN 3-406-48022-5; 7,90 Euro<\/p>\n<p>Der Verfasser, der lange Zeit in Heidelberg die Geschichte S\u00fcdasiens lehrte, zeichnet den Weg des 1869 geborenen Juristen nach. Seine Politisierung war nicht vorhersehbar: In S\u00fcdafrika, wo er als Anwalt t\u00e4tig war, begann er mit seinem Engagement f\u00fcr die indische Minderheit Mitte der 1890er Jahre, das ihn immer bekannter und zu einer politischen Gr\u00f6\u00dfe machte. Ein lebenslang durchgehaltenes Keuschheitsgel\u00fcbde ab 1906 und sein Manifest Indiens Freiheit aus dem Jahre 1909 kennzeichnen die neue Lebensphase: die Nichtzusammenarbeit mit der britischen Kolonialmacht wurde als bestes Mittel im Unabh\u00e4ngigkeitskampf Indiens beschrieben, in das er 1915 zur\u00fcckkehrte. Dort begann endg\u00fcltig Gandhis weltweiter Ruhm. Interessant an dem B\u00e4ndchen sind die Perspektivenwechsel: einerseits ist Gandhi ein Charismatiker, andererseits der geschickte, durch-aus machtbewusste Politiker, der mit allen Seiten verhandeln konnte. Am Ende stand, nach vielen Gef\u00e4ngnisaufenthalten, neuartigen gewaltlosen Protestformen der Verweigerung und symbolischen Aktionen, Indiens Unabh\u00e4ngigkeit, bevor er 1948 von einem Attent\u00e4ter erschossen wurde. Wie nur wenige regte er die sp\u00e4teren Protestbewegungen der westlichen Welt an &#151; leider kommt in diesem Band Gandhis Nachleben zu kurz.<br \/>Protest taucht in vielerlei Gestalt auf &#151; und dass Pop und Protest irgendwie zusammengeh\u00f6ren, ist schon beinahe eine Binsenweisheit. Die Zeitschrift Testcard tritt in ihrer j\u00fcngsten Ausgabe jedoch den Beweis an, dass diese Allianz weit loser und variantenreicher ist, als man denken k\u00f6nnte. Die Grundhypothese der modischen Cultural Studies, dass jedem popkulturellen Artefakt in der einen oder anderen Form Momente des Widerstands oder der Emanzipation eingraviert sind, wird hier in Bausch und Bogen verworfen:<\/p>\n<p>Testcard. Beitr\u00e4ge zur Popgeschichte #12: linke mythen, Juni 2003, Ventil Verlag:<br \/>Mainz, 302 S., ISBN 3-931555-11-9, 14,50 Euro<\/p>\n<p>Diskutiert werden etwa der Weg der Agitrockband Ton Steine Scherben vom &#132;Verfassungsfeind zum deutschen Aush\u00e4ngeschild&#148; (Martin B\u00fcsser), der &#132;linke Mythos RAF&#148; (Christian Hi\u00dfnauer) oder &#132;Bad Religion und die Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#148; (Oliver Uschmann). Die insgesamt 32 Beitr\u00e4ge sind beileibe nicht durchgehend lesenswert, viele auch in einem Au\u00dfenstehenden nur schwer verst\u00e4ndlichen Slang-Deutsch geschrieben, doch den Charme der Authentizit\u00e4t erkennt man sofort: Hier schreiben Kenner linker Popkultur \u00fcber ihren ureigenen Gegenstand.<br \/>Dass Musikstile Protestformen sein k\u00f6nnen, ist sp\u00e4testens seit der Punk-Bewegung deutlich. Nun macht sich eine Saarbr\u00fccker Habilitationsschrift aus dem Blickwinkel der Zeitgeschichte auf, die politische Wirksamkeit von Rap in Frankreich zu untersuchen:<\/p>\n<p>Dietmar H\u00fcser: RAPublikanische Synthese. Eine franz\u00f6sische Zeitgeschichte popul\u00e4rer Musik und politischer Kultur, B\u00f6hlau Verlag: K\u00f6ln u.a. 2003, 481 S., ISBN 3-412-03903-9; 49,90 Euro<\/p>\n<p>Originell ist nicht nur das Thema, sondern der Autor vermag es auch, soziokulturelle Ph\u00e4nomene der letzten zwanzig Jahre zu deuten, jenseits der ausgiebigen Vermittlung von Rap-Musik-Kenntnissen. Es wird klar, dass die Krisenwahrnehmung von Rap als Unterschichtenproblem der sozial gef\u00e4hrdeten megalomanen Vorst\u00e4dten nicht ausreicht: Rap erf\u00fcllt eine wichtige Integrationsfunktion zwischen Eigensinn und gesellschaftlicher Bindung. Damit widerspricht H\u00fcser weitverbreiteten Vorurteilen, die durch verzerrte mediale Skandalisierung der Rapkultur entstehen. Der Autor hat beim ausgiebigen Musikh\u00f6ren von 130 Platten (eine Diskografie am Ende hilft dem Fan) und bei Liedtextlekt\u00fcren feststellen k\u00f6nnen, wie wenig der franz\u00f6sische Rap von Spa\u00df, Fun und Party gepr\u00e4gt ist, wie wenig auch von Gewalt und sexueller Aggression. Der Anteil politisch-gesellschaftskritischer Themen ist erstaunlich hoch. Eine Kommerzialisierung l\u00e4sst sich aber nicht nur an der Plattenproduktion, sondern auch an den vielen Rap-Zeitschriften und Internetforen erkennen. H\u00fcser untersucht Rezeptionsverhalten, musikalische Traditionen, Lebensstil, Jugendkulturen und Protestcharakter, Rituale und Mechanismen dieser musikalischen (oft Immigrations-)Bewegungen, die sich h\u00e4ufig als interaktives Stra\u00dfentheater verstehen. Interviews mit Praktikern flie\u00dfen ebenfalls in seine spannende Darstellung ein, die einen Teil moderner kultureller Nationsbildung nachvollziehbar werden l\u00e4sst.<br \/>Jenseits nationaler Begrenzungen r\u00fccken heute mehr und mehr weltweite Protestaktivit\u00e4ten in den Mittelpunkt. 1999 traten sie in Seattle mit einem gro\u00dfen Paukenschlag<br \/>erstmals in das Bewusstsein der weiteren \u00d6ffentlichkeit: jene Gruppierungen und Zusammenschl\u00fcsse, die seither als Globalisierungsgegner oder -kritiker bezeichnet werden. Doch woher kommt der Widerstand, woraus speist er sich? Systematisch nachgegangen wird diesen Fragen in:<\/p>\n<p>Heike T&#8217;Valk\/IVele Boehme (Hg.): Globaler Widerstand. Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot: M\u00fcnster 2002, 221 S., ISBN 3-89691-515-0; 20,50 Euro<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge dieses Sammelbands durchleuchten das Spektrum der Globalisierungskritik in seiner ganzen Breite und Heterogenit\u00e4t. Neben theoretischen \u00dcberlegungen zur Herkunft und Zukunft der Bewegung (Elmar Altvater, Pierre Bourdieu, Ulrich Brand, Dieter Rucht) stehen Beitr\u00e4ge zu einzelnen Facetten der Kampagnenf\u00fchrung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit (Gottfried Oy, Albrecht von Lucke) und zu den der Globalisierungskritik inh\u00e4renten Nord-S\u00fcd-Widerspr\u00fcchen (Ronald K\u00f6pke). Zudem kommen die &#132;Praktiker&#148; der Bewegung zu Wort: Kaisa Eskola und Felix Kolb schreiben \u00fcber Attac, Friederike Habermann \u00fcber Peoples Global Action, Daniel Mittler \u00fcber Friends of the Earth und J\u00fcrgen Kaiser \u00fcber Erlassjahr.de. Gerade die Mischung aus akademischer Reflexion und Praxisbericht macht das Buch zu einem attraktiven Kompendium \u00fcber Verfasstheit und Ziele der Globalisierungskritik.<br \/>Inneneinsichten in das Entstehen und Wirken von Attac Frankreich finden sich in dem folgenden B\u00e4ndchen:<\/p>\n<p>Ruth Jung (mit Beitr\u00e4gen von Jos~ Saramago, Ignacio Ramonet und Bernard Cassen): Attac: Sand im Getriebe, Edition Nautilus: Hamburg 2002, 120 S., ISBN 3-89401-400-8, 9,90 Euro<\/p>\n<p>In einem reportagehaften Essay schildert die Autorin die Gr\u00fcndung und den Aufstieg Attacs und anderer globalisierungskritischer Gruppen vorwiegend in Frankreich. Sie zitiert ausgiebig die f\u00fchrenden Protagonisten der Bewegung, was ein lebendiges Bild von den Positionen und Intentionen der Akteure entstehen l\u00e4sst. Tiefenanalyse kommt bei dieser Konstruktion leider eindeutig zu kurz, historische Exkurse erscheinen nicht immer ganz sicher platziert. Attac f\u00fcr Anf\u00e4nger sozusagen. Von Distanz zum Gegenstand ist bei diesem Buch wenig zu sp\u00fcren. Im Anschluss an den nur 52 Seiten langen Hauptteil finden sich Reden und Dokumente aus dem Umfeld von Attac, so von Jos~ Saramago, Ignacio Ramonet und Bernard Cassen, die zum Teil schon in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik sowie in Le Monde Diplomatique ver\u00f6ffentlicht wurden.<br \/>Das folgende Buch muss man da als weitaus gelungener w\u00fcrdigen:<\/p>\n<p>Claus Leggewie: Die Globalisierung und ihre Gegner, C.H. Beck: M\u00fcnchen 2003, 206 S., ISBN 3-406-47627-9; 9,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor, nach eigenem Bekenntnis ein Sympathisant der Globalisierungskritiker, der jedoch zugleich auf seinem Recht zum unabh\u00e4ngigen Urteil beharren m\u00f6chte, unternimmt hier den Versuch, die Globalisierung und ihre Kritiker politikwissenschaftlich zu beschreiben und zu systematisieren. Zur Kennzeichnung der Globalisierung w\u00e4hlt er die Begriffe Entgrenzung (Abl\u00f6sung des Nationalstaats als Bezugseinheit durch gr\u00f6\u00dfere Entit\u00e4ten), Glokalisierung (das st\u00e4ndige Zusammenspiel globaler und lokaler Faktoren) sowie Hybridit\u00e4t (die Entstehung von kulturellen Mischgebilden, die teils lokal bzw. national und teils global gepr\u00e4gt sind). In einem zweiten Analyseschritt werden dann die Kritiker der Globalisierung unter die Lupe genommen. Leggewie unterscheidet zwischen Globalisierungskritik von rechts (etwa neo-nationalistischen Str\u00f6mungen), von links (&#132;Die Kritik der Stra\u00dfe&#8220;), aus den einschl\u00e4gigen Institutionen des globalen Kapitalismus heraus (etwa der B\u00f6rsenspekulant George Soros), durch linke Intellektuelle, die im Zuge dessen eine eindrucksvolle Renaissance erleben, und durch die katholische Kirche. Seziert werden dann all diese Gruppen im Hinblick auf ihre Organisations- und Protestformen, ihr Zukunftspotenzial und vor allem ihren m\u00f6glichen Beitrag f\u00fcr eine k\u00fcnftige Weltgesellschaft mit neuen demokratisch legitimierten Strukturen. Gerade durch den systematisierenden Anspruch ist dieses Buch eine hervorragende Einf\u00fchrung in die Welt des entfesselten \u00d6konomie und der durch sie hervorgebrachten Gegenbewegungen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2335,1653],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12039","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-katharina-albrecht","autoren-thymian-bussemer","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Revolte revisited - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/revolte-revisited\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Revolte revisited - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein aktueller Literaturbericht zur Protestforschung In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 92ff Gibt es eine Renaissance des politischen Protests in der Bundesrepublik? 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