{"id":12041,"date":"2003-06-01T15:14:00","date_gmt":"2003-06-01T13:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/es-gibt-kein-plaz-mehr-fir-uns-nur-auf-dem-fridhof\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:56","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:56","slug":"es-gibt-kein-plaz-mehr-fir-uns-nur-auf-dem-fridhof","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/es-gibt-kein-plaz-mehr-fir-uns-nur-auf-dem-fridhof\/","title":{"rendered":"\u201ees gibt kein plaz mehr fir uns, nur auf dem fridhof&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der 28. Oktober 1938 &mdash; ein &uuml;bersehener Jahrestag<\/p>\n<p>In: vorg&auml;nge 164 (Heft 4\/2003), S. 121ff<\/p>\n<p>&bdquo;Es war noch dunkel, als es an meiner T&uuml;r l&auml;utete. Ich wachte auf und sah, da&szlig; es erst f&uuml;nf Uhr war. Ich wu&szlig;te sofort, da&szlig; etwas Furchtbares auf mich zukam. Es gibt ein altes Ger&uuml;cht, nach dem man um diese Zeit ,abgeholt` wird. [&#8230;] Ich erwartete Schl&auml;ge, Fu&szlig;tritte, Schreie. [&#8230;] Vor der Wohnungst&uuml;r im menschenleeren Treppenhaus stand aber nur der gem&uuml;tliche Wachtmeister vom Revier. Wir waren alte Bekannte, so-zusagen, und bis gestern hatten wir uns gegr&uuml;&szlig;t, wenn wir einander auf der Stra&szlig;e begegneten. Seine Stimme klang leise und mitleidig, als er sagte: ,Ich mu&szlig; Sie verhaften, Herr Littner!&rdquo; (Koeppen 1994: 11 f.)<br \/>Diese auch im ungek&uuml;rzten Original noch sehr knappe literarische Schilderung2 war lange Zeit eines der wenigen &ouml;ffentlich beachteten Zeugnisse jenes Vorgangs, der im NS-Jargon &bdquo;Polen-Aktion&rdquo; hie&szlig; und vor f&uuml;nfundsechzig Jahren, Ende Oktober 1938, die brutale Deportation Tausender in Deutschland lebender polnischen Juden bedeutete. Die Geschichtsschreibung der Ausgrenzung und Entrechtung von Juden im nazistischen Deutschland er-w&auml;hnt dieses Ereignis zwar &ouml;fters en passant, fast immer aber ohne genauer nach Umfang, Verlauf und Bedeutung zu fragen. In den Erinnerungskulturen der westlichen, der &ouml;stlichen und der vereinigten Republik, die ja seit den1980er Jahren (und meist anl&auml;sslich von &bdquo;Jahrestagen&rdquo;) eine bemerkenswerte Ausdifferenzierung erfuhren, war angesichts der nachfolgenden Exzesse kein Platz f&uuml;r dieses Exempel des NS-Rassismus. Der 28. Oktober 1938 markiert also nicht einen vergessenen &bdquo;Jahrestag&rdquo;, sondern einen g&auml;nzlich &uuml;bersehenen.<br \/>Dies beginnt sich langsam zu &auml;ndern &mdash; durch grundlegende Untersuchungen (vgl. Tomaszewski 2002) wie auch durch eine Reihe von Lokalstudien. Sie zeigen, dass die Oktoberdeportation nicht nur f&uuml;r die gro&szlig;e Zahl der Betroffenen eine erste traumatisierende Erfahrung mit der terroristischen Seite des NS-Antisemitismus darstellte und f&uuml;r die meisten von ihnen ein &bdquo;Pr&auml;ludium der Vernichtung&rdquo; (Tomaszewski) war, sondern dass dieses Ereignis f&uuml;r die handelnden deutschen Stellen auch (nachtr&auml;glich betrachtet) eine &bdquo;Generalprobe&rdquo; war &ndash; einerseits f&uuml;r die technisch-administrative Zusammenarbeit, andererseits f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Umgang mit der kollektiven Ausgrenzung und Deportation.<br \/>Eine halbe Stunde Zeit zum Packen &#8230;<br \/>Was also geschah am 28.10.1938? In einer reichsweit koordinierten Aktion wurden auf Befehl Reinhard Heydrichs und mit Erm&auml;chtigung Heinrich Himmlers ungef&auml;hr 17.000<br \/>Menschen &ndash; Juden polnischer Herkunft sowie vielfach auch ihre Familien &ndash; in den fr&uuml;hen Morgenstunden verhaftet, in Sammelstellen verbracht und im Laufe des Abends mit Sonderz&uuml;gen an die polnische Grenze geschickt. Die Gesamtzahl der Deportierten verweist bereits darauf, dass es hier nicht um vereinzelte Repressionen ging. Die gro&szlig; angelegte Verhaftungswelle erstreckte sich auf fast alle St&auml;dte des Reiches. Einige Beispiele: In Kiel wurden 130 Personen verhaftet, in Hamburg 1.000, 600 in Hannover, genauso viele in Dortmund, 420 in Essen, 70 in Gelsenkirchen, 55 in Bottrop, 361 in D&uuml;sseldorf, mehr als 2.000 in Berlin, ebenfalls 2.000 in Frankfurt am Main, 1.000 in Stuttgart, 493 in Chemnitz und Umgebung, 1.660 in Leipzig, fast 3.000 in Breslau.<br \/>Die Durchf&uuml;hrung verlief nicht ganz systematisch: Die &ouml;rtliche Polizei war teilweise erst in der Nacht &uuml;ber die bevorstehende Aktion in-formiert worden. Viele M&auml;nner wurden am Arbeitsplatz verhaftet, wodurch sie von ihren ebenfalls deportierten Familien getrennt wurden. Eine halbe Stunde r&auml;umte man den meisten Menschen zum Packen des Notwendigsten ein. Mancherorts wurden die Familienangeh&ouml;rigen der erwachsenen M&auml;nner auch ganz verschont oder durften noch bis zum Mittag Besorgungen machen &ndash; so in Berlin, wo Marcel Reich-Ranicki zu den Betroffenen geh&ouml;rte. Anderswo achteten die Beh&ouml;rden sorgsam auf die Erfassung der (oft nichtj&uuml;dischen) Ehefrauen und der Kinder. Die verhafteten Familien wurden meist bis zum Abend an festgelegten Sammelpunkten &ndash; Gef&auml;ngnissen, Feuerwehrh&auml;usern, Turnhallen, Rath&auml;usern etc. &ndash; festgehalten. In den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten gelang es den J&uuml;dischen Gemeinden noch, rasch notd&uuml;rftige Hilfen bereitzustellen &ndash; trotz aller Distanz zu den &bdquo;Ostjuden&rdquo; erkannten auch die stark &bdquo;assimilierten&rdquo; Gemeindemitglieder offensichtlich die Bedeutung der Aktion.<br \/>Die oft auch aus Vorst&auml;dten und D&ouml;rfern zusammengetriebenen Juden brachte man mit Lastwagen oder in Marschkolonnen zum n&auml;chstgr&ouml;&szlig;eren Bahnhof. Auch bettl&auml;gerige Kranke und demente alte Klinikpatienten wurden, auf Bahren oder St&uuml;hle geschnallt, zum Zug transportiert. Diese &bdquo;Arbeit&rdquo; verrichteten vor allem Kriminal- und Schutzpolizei, im &uuml;brigen SA und SS. &Uuml;ber die Frage, wie weit die lokale &Ouml;ffentlichkeit von diesen Vorg&auml;ngen Kenntnis genommen hat, gehen die Zeitzeugenberichte, selbst wenn sie aus der gleichen Stadt stammen, auseinander. Manche Opfer berichten, durch &bdquo;Hintergassen&rdquo; zum Essener Bahnhof gef&uuml;hrt worden zu sein, doch ein anderer Betroffener schildert: &bdquo;Auf dem Weg zum Bahnhof, ja, standen die Essener, zu beiden Seiten, haben sich das angeschaut, ja standen Spalier. Und die Reaktion war verschieden: Einige haben geweint, andere haben gespuckt, ja, jeder nach seiner Auffassung. Die meisten waren gleichg&uuml;ltig.&#8220;3<br \/>In den Abendstunden setzten sich die Z&uuml;ge Richtung Polen in Bewegung. In den Waggons wurden die Verhafteten noch einmal von Polizisten daraufhin kontrolliert, dass sie nicht mehr als zehn Reichsmark bei sich hatten. Die Mehrzahl der Betroffenen wusste oder ahnte, dass die Z&uuml;ge nach Polen fuhren, aber welche Endg&uuml;ltigkeit dieser Akt habe w&uuml;rde, konnten sie nicht &uuml;berblicken. Viele von ihnen waren noch nie in Polen gewesen, die meisten der in Deutschland geborenen Kinder konnten gar kein Polnisch.<br \/>Diskriminierung und Deportation als deutsch-polnisches Zusammenspiel?<br \/>Die so genannten &bdquo;Ostjuden&rdquo; stellten im Deutschen Reich traditionell eine Gruppe &bdquo;unerw&uuml;nschter&rdquo; Ausl&auml;nder dar; pr&auml;ventive Abschiebungen wegen vermuteter illegaler Gesch&auml;fte oder politisch nicht genehmer Bet&auml;tigung waren schon im Kaiserreich und der Weimarer Republik an der Tagesordnung. Seit der Jahrhundert-wende, vor allem seit dem Ersten Weltkrieg lebten einige Zehntausend osteurop&auml;ische Juden, in erster Linie aus Polen und Russland, in Deutschland: Armutsfl&uuml;chtlinge, &bdquo;h&auml;ngengebliebene&rdquo; Durchwanderer, Zwangs- und Vertragsarbeiter der Kriegsjahre, Intellektuelle im politischen Exil usw. Viele der polnischen Staatsangeh&ouml;rigen unter ihnen waren &bdquo;nur theoretisch&rdquo; B&uuml;rger Polens: Die galizischen Juden etwa, eingewandert oder geflohen aus einer &ouml;sterreichisch-ungarischen Provinz, fanden sich nach 1919 als &bdquo;Polen&rdquo; in Deutschland wieder, mit der Staatenlosigkeit als einziger Alternative.<br \/>Ab 1933 steigerten sich die beh&ouml;rdlichen Schikanen drastisch: Aufenthaltserlaubnisse wurden willk&uuml;rlich beendet oder verk&uuml;rzt, es gab keine Einreisevisa mehr, selbst bereits rechtswirksame Einb&uuml;rgerungen wurden r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht. Die polnische Regierung &ndash; ein autorit&auml;res Regime unter dem st&auml;ndigen Druck antisemitischer Oppositionsgruppen &ndash; beobachtete die Lage der in Deutschland lebenden polnischen Staatsangeh&ouml;rigen seit der NS-Macht&uuml;bernahme besonders besorgt, allerdings nicht unbedingt aus humanit&auml;ren Gr&uuml;nden. Die Aussicht auf eine massenhafte R&uuml;ckkehr arbeits- und verm&ouml;gensloser Juden brachte das polnische Au&szlig;enministerium 1936 dazu, konkrete Gegenma&szlig;nahmen zu planen. Der amtliche Verdacht eines anzunehmenden &bdquo;Verlusts jeder Verbindung mit dem polnischen Staat&rdquo; sollte es erm&ouml;glichen, den in Deutschland lebenden Ostjuden die Staatsangeh&ouml;rigkeit abzuerkennen. Im M&auml;rz 1938 stimmte der Sejm dem entsprechenden Gesetz zu. Der Passentzug war damit gegen&uuml;ber all denen m&ouml;glich, die l&auml;nger als f&uuml;nf Jahre au&szlig;erhalb Polens lebten, gegen den polnischen Staat agitiert hatten oder ein &ouml;ffentliches Amt eines anderen Landes bekleideten. Um das Gesetz durchzusetzen, scheuten sich seine Bef&uuml;rworter nicht, alle Register der Denunziation und Hetze zu ziehen: Die potenziellen R&uuml;ckkehrer seien Polen mehrheitlich feindlich gesonnen, arbeiteten als M&auml;dchenh&auml;ndler f&uuml;r die Bordelle S&uuml;damerikas und h&auml;tten im Spanischen B&uuml;rgerkrieg gelernt, &bdquo;wie man Kirchen anz&uuml;ndet&rdquo; und &bdquo;Pfarrer ermordet&rdquo;.<br \/>Die Sorge vor einer Fl&uuml;chtlingswelle wuchs auf polnischer Seite mit weiteren antij&uuml;dischen Ma&szlig;nahmen in Deutschland, dem &bdquo;Anschluss&rdquo; &Ouml;sterreichs sowie dem Scheitern der Evian-Konferenz im Sommer 1938. Am 6. Oktober verf&uuml;gte der polnische Innenminister daher, die P&auml;sse aller im Ausland lebenden Polen bis zum 30. Oktober zu kontrollieren und danach nur noch die bei dieser Gelegenheit verl&auml;ngerten Dokumente f&uuml;r eine Einreise gelten zu lassen. Das kam einem Einreiseverbot gleich, denn die Konsulate in Deutschland weigerten sich in den meisten F&auml;llen, die entsprechende Abstempelung vorzunehmen.<br \/>Die deutsche Reichsregierung, welche das polnische Taktieren aufmerksam beobachtet hatte, bef&uuml;rchtete nach diesen Ma&szlig;nahmen eine rapide Zunahme der Zahl staatenloser Juden in Deutschland, doch ihre Protestnoten, in denen die R&uuml;ckreiseerlaubnis auch ohne die Passverl&auml;ngerung gefordert wurde, blieben ergebnislos. Daraufhin wies die SS am 26. Oktober die zust&auml;ndigen polizeilichen Stellen an, vor Ablauf der von den Polen gesetzten Frist m&ouml;glichst alle in Frage kommenden Personen aus Deutschland auszuweisen und &bdquo;vor Ablauf des 29. Okt. 1938&rdquo; nach Polen abzuschieben. Die Deportationen wurden nach zwei Tagen eingestellt, weil Polen im Gegenzug begonnen hatte, Deutsche auszuweisen; soweit einzelne Transporte noch nicht die Grenze erreicht hatten, durften die Zuginsassen (auf eigene Kosten) zur&uuml;ckkehren.<\/p>\n<p>Zbaszyn &ndash; Chaos und Solidarit&auml;t<\/p>\n<p>Es gab mehrere Zielorte f&uuml;r die Abschiebungen &ndash; der bedeutendste und bekannteste von ihnen ist die polnische Grenzstation Zbaszyn (Bentsehen) in der Provinz Posen, ein Ort mit damals etwa 4.500 Einwohnern. Die v&ouml;llig &uuml;berraschten polnischen Grenzbeh&ouml;rden in Zbaszyn versuchten zun&auml;chst, den Z&uuml;gen die Einreise zu verweigern. Daraufhin wurden die Insassen vom deutschen Begleitpersonal und der in der Grenzregion mobilisierten Gestapo zu Fu&szlig; sieben Kilometer weit &uuml;ber die gr&uuml;ne Grenze getrieben. M&auml;nner, Frauen, Greise, von ihren Familien getrennte Kinder und Jugendliche irrten unter Verlust ihres Gep&auml;cks durch Felder und Niemandsland, wurden durch Warnsch&uuml;sse zur&uuml;ckgejagt, schlie&szlig;lich in Zbaszyn notd&uuml;rftig aufgenommen und versorgt.<br \/>Rund dreitausend Menschen gelang es in den ersten Tagen nach der Deportation, von Zbaszyn aus in das Landesinnere Polens weiter zu reisen &mdash; dann unterband die polnische Regierung dies und der Ort wurde ein Lager zwangsweisen Aufenthalts. Recht schnell kristallisierte sich eine Struktur der Hilfe und Selbsthilfe heraus: J&uuml;dische und christliche Gruppen aus ganz Polen bildeten unter der Mitwirkung von Emanuel Ringelblum, der sp&auml;ter das ber&uuml;hmt gewordene Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto leitete, ein nationales Hilfskomitee aus Freiwilligen, das US-amerikanische &bdquo;Joint Distribution Committee&rdquo; und andere ausl&auml;ndische Organisationen sammelten Spenden f&uuml;r die Gestrandeten. Die Aufnahme der Menschen durch die einheimische Bev&ouml;lkerung war &uuml;berraschend positiv &ndash; die Deportierten entsprachen mit ihrer urbanen Herkunft nicht den in Polen verbreiteten antisemitischen Klischees des Ostjuden und waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor f&uuml;r den kleinen Ort. F&uuml;r viele Juden &ndash; insbesondere solche, die Geld eingeschmuggelt hatten oder &uuml;ber polnische Verwandte welches bekamen &ndash; entspannte sich die Unterbringungssituation im Lauf der ersten Wochen allm&auml;hlich: Etwa 1.500 Menschen konnten in Privatzimmern wohnen; die Mehr-zahl der Festgehaltenen &mdash; die Zahlenangaben schwanken f&uuml;r Zbaszyn zwischen 5.000 und 10.000 &ndash; musste jedoch weiterhin in Milit&auml;r-Pferdest&auml;llen und den f&uuml;nf Etagen einer ehemaligen M&uuml;hle hausen.<br \/>Zeitgen&ouml;ssische Berichte betonen aber neben den erstaunlichen Hilfsleistungen durch die nichtj&uuml;dischen Einwohner Zbaszyns und ganz Polens ebenso die gro&szlig;e Bereitschaft vieler Betroffener zur Selbstorganisation. Emanuel Ringelblum berichtete einem Freund: &bdquo;W&auml;hrend dieser f&uuml;nf Wochen bauten wir eine ganze Stadt mit einem Vorratslager, einer Krankenstation, Tischlerei, Schneiderei, Friseur- und Schumacherl&auml;den, einem juristischenund einem Emigrationsb&uuml;ro, einer Post mit 53 Angestellten, einem Sozialamt, einer Beschwerde- und Schlichtungsstelle und einem Putz und Sanit&auml;tsdienst. Zus&auml;tzlich zu den 10-15 Leuten aus Polen waren mindestens 500 Fl&uuml;chtlinge aus Deutschland in diesen Abteilungen besch&auml;ftigt.&rdquo; (zit. n. Milton 1990: 200f.) Sprachkurse, Leser&auml;ume, Konzerte und eine halbwegs geregelte Verpflegung erzeugten einen Anschein von &bdquo;Normalit&auml;t&rdquo;, obwohl die Wohnsituation katastrophal blieb.<br \/>Besser als die &auml;lteren konnten sich viele der j&uuml;ngeren Deportationsopfer mit der Lage arrangieren; f&uuml;r manche von ihnen war die dramatische Ver&auml;nderung auch das Ende schrecklichen Abwartens, sie hatten sich in so genannten Hachschara-Lagern zur Exil-Vorbereitung bereits mit dem Aufbruch in andere und un&uuml;bersichtliche Situationen vertraut gemacht, das Lager bot eine Gelegenheit zu jugendlich-solidarischer Aktivit&auml;t und dem Ausweichen vor elterlicher Autorit&auml;t. &bdquo;Wir waren die Jungen, die Chaluzim, wir haben daf&uuml;r gesorgt, dass Ordnung in die Bude kommt, wir haben gekocht [&#8230;]&rdquo;, berichtete eine &Uuml;berlebende aus Essen. Greta Schiffmann aus Dortmund, sechzehn Jahre alt, schrieb im Juni 1939 an ihren Bruder, der in ein zionistisches Pionierlager in Polen hatte weiterreisen k&ouml;nnen: &bdquo;Ich habe schon viel gelernt beim Backkurs. Freitag haben wir Stachelbeer- und Rhabarbertorten gebacken. Die Obsttorten bekommen die Kinder im Stadion. Es sind jetzt &uuml;berhaupt die ganzen Kinder von Zbaszyn im Stadion. Die spielen und turnen da den ganzen Tag [&#8230;).&rdquo; (zit, n. Pickhan 2000: 197). Eine solche Beinahe-Idylle d&uuml;rfte allerdings nicht f&uuml;r alle Kinder von Zbaszyn gegolten haben: mehr als hundert sind namentlich bekannt, die ohne ihre Eltern deportiert wurden.<br \/>Das Netzwerk der Hilfsorganisationen wandte f&uuml;r die Unterbringung und Versorgung der unfreiwilligen Fl&uuml;chtlinge riesige Summen auf &mdash; zun&auml;chst t&auml;glich ungef&auml;hr 10.000 Zlotys (2.500 US-Dollar). Nach der anf&auml;nglichen Solidarit&auml;tswelle wurde es im Fr&uuml;hjahr 1939 &ndash; noch immer wurden etwa dreitausend Mensehen in Zbaszyn festgehalten &ndash; schwierig, diese Summen aufzubringen.<br \/>Viele der Deportierten durften im Laufe des Jahres 1939 zu Verwandten in Polen weiterreisen. Ende Januar 1939 kam es schlie&szlig;lich auf diplomatischen Kan&auml;len zu einem Agreement zwischen deutscher und polnischer Regierung &uuml;ber eine kurzfristige R&uuml;ckkehr-Erlaubnis f&uuml;r tausend Deportierte. Diese sollten zu Hause Gelegenheit erhalten, Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse abzuwickeln, Wohnungen aufzul&ouml;sen u.&auml;. Zudem wurden auf Grund der internationalen Emp&ouml;rung einer erheblichen Zahl von Jugendlichen und Kindern Ausreisem&ouml;glichkeiten nach England und Pal&auml;stina geboten; Jerzy Tomaszewski sch&auml;tzt deren Zahl auf tausend bis tausendf&uuml;nfhundert. Der &uuml;ber-wiegende Teil der zwangsweise nach Zbaszyn und in andere Grenzorte Verbrachten verblieb jedoch in Polen. Im Juli 1939 befanden sich noch 1.421 Ausgewiesene in Zbaszyn. Nachdem das j&uuml;dische Hilfskomitee in immer st&auml;rkere finanzielle Turbulenzen geraten war, wurde am 30. August das Lager aufgel&ouml;st. Am 1. September &uuml;berfiel die deutsche Armee Polen &ndash; die Mehrzahl der im Oktober 1938 Vertriebenen geriet in den n&auml;chsten Jahren in die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten.<br \/>Nur eine Episode auf dem Weg zur Endl&ouml;sung?<br \/>Dass die Oktober-Aktion von 1938 &uuml;ber Jahr-zehnte von Forschung und &Ouml;ffentlichkeit so wenig beachtet wurde, h&auml;ngt vor allem mit den wenige Tage sp&auml;ter von der Nazi-F&uuml;hrung inszenierten Pogromen des 9. und 10. November zusammen &ndash; diese haben sich inzwischen als zentrale Metapher f&uuml;r die Ausgrenzung, als jener Tag, an dem &bdquo;Nachbarn zu Juden wurden&rdquo;, ins &ouml;ffentliche Bewusstsein eingegraben. Tats&auml;chlich aber sind beide Vorg&auml;nge unmittelbar und eng miteinander verkn&uuml;pft: Zu den Deportierten geh&ouml;rte n&auml;mlich auch die Hannoveraner Familie Grynszpan; ihre Postkarte mit der Abschiebungsnachricht erreichte den in Paris lebenden Sohn Herschel am 3. November 1938 und mo-<br \/>tivierte ihn &ndash; mit gleichzeitigen Presseberichten &ndash; zum Pariser Attentat auf den Botschaftsbeamten von Rath, das den Nazis zum Anlass und Vorwand der &bdquo;Kristallnacht&rdquo; wurde.<br \/>Der 28. Oktober muss kein Tag von Gedenkroutinen werden. Nachdem aber Generationen von Antifaschisten den Satz von Martin Niem&ouml;ller &bdquo;Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen &#8230;.&rdquo; strapaziert haben, um sich an die Empirie und die allm&auml;hliche Eskalation des Terrors heranzutasten, ist es an der Zeit, andere Spezifika der Entrechtung und Verfolgung in den 1930er Jahren als die altbekannten ins Ged&auml;chtnis zu heben. Der 28. Oktober 1938 markiert den Stellenwert von Staatsb&uuml;rgerschaft respektive Staatenlosigkeit in Migrations- und Ausgrenzungsprozessen, er legt ein Instrumentarium offen, dessen sich die Nationalsozialisten sp&auml;ter extensiv bedienten. Es ist an der Zeit, auch diesen Teil der Ereigniskette von NS-Verbrechen in Lokalgeschichte und biografische Forschungen, historisch-politische Bildung und unser Bewusstsein der vollzogenen Zivilisationsbr&uuml;che einzubeziehen.<br \/>Zudem macht dieses Datum deutlich: Die mit der Judenvernichtung zerbrochene deutsch-j&uuml;dische Geschichte war nicht nur eine der oft beschworenen Mendelssohns und Heines, Liebermanns und Einsteins. Mit der Shoah wurden (was auch j&uuml;disches Gedenken nach 1945 weitgehend aussparte) auch ungez&auml;hlte &bdquo;kleine Leute&rdquo; und Einwanderer zun&auml;chst vertrieben, sp&auml;ter vernichtet und aus der deutschen Geschichte gestrichen. Zu ihnen geh&ouml;ren der W&auml;schevertreter David Zytnicki aus Essen und der Schneider Sendel Grynszpan aus Hannover, der Schuhh&auml;ndler Schmerler aus Bochum und die Hausfrau C&auml;cilie Buchholz aus Mannheim, der Eierh&auml;ndler Markus Schiffmann aus Dortmund, der angehende G&auml;rtner Chaim Yechieli aus Schleswig, Rosa Friedfertig aus Hamburg, Otylia Steppel und Bernhard Langsam aus D&uuml;sseldorf und viele andere, an deren T&uuml;r es am Morgen des 28. Oktober 1938 fr&uuml;h und anhaltend l&auml;utete.<\/p>\n<p>1 Josef Schauder\/Essen in einem Brief aus Zbaszyn am 8.7.1939 (Archiv der &bdquo;Alten Synagoge&rdquo; Essen)<br \/>2 Die neuerdings diskutierte Frage, inwieweit Koeppens &bdquo;Roman&rdquo; ein Fall anma&szlig;end-verf&auml;lschenden Ghostwritings oder gar von Plagiat ist, wird hier beiseite gelassen, vgl. die Sammelrezension von Marcel Atze im Newsletter des Fritz-Bauer-Instituts Nr. 24, <a href=\"http:\/\/www.fritzbauer-institut.de\/rezensionen\/n124\/atze\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.fritzbauer-institut.de\/rezensionen\/n124\/atze<\/a>. htm (15.9.2003)<br \/>3 Interview mit Max Schanzer, 1980er Jahre (Archiv der &bdquo;Alten Synagoge&rdquo; Essen)<br \/>Literatur<br \/>Koeppen, Wolfgang 1994 (1948): Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Frankfurt\/M.<br \/>Milton, Sibyl 1990: Menschen zwischen Grenzen. Die Polenausweisung 1938; in: Menora. Jahrbuch f&uuml;r deutsch j&uuml;dische Geschichte, M&uuml;nchen, S.184-206<br \/>Pickhan, Gertrud 2000: &bdquo;Niemandsland&rdquo;. Die Briefe der Greta Schiffmann und das Schicksal einer j&uuml;dischen Familie, ausgewiesen aus Dortmund im Oktober 1938; in: Beitr&auml;ge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Bd. 91, Essen, S.169-201<br \/>Schmerler, Susi 1997 (1939): Bericht &uuml;ber die Deportation der Ostjuden im Oktober 1938 und das Lager Zbaszyn in Polen; in: Sachor. Zeitschrift f&uuml;r Antisemitisniusforschung und j&uuml;dische Geschichte und Gegenwart, Bd. 7, S. 63-66<br \/>Tomaszewski, Jerzy 2002: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, Osnabr&uuml;ck<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[396],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12041","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-norbert-reichling","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201ees gibt kein plaz mehr fir uns, nur auf dem fridhof&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/es-gibt-kein-plaz-mehr-fir-uns-nur-auf-dem-fridhof\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201ees gibt kein plaz mehr fir uns, nur auf dem fridhof&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der 28. 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