{"id":12053,"date":"1976-12-31T15:30:00","date_gmt":"1976-12-31T14:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bismarck-und-die-erotische-bewegung\/"},"modified":"1976-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1976-12-31T11:00:00","slug":"bismarck-und-die-erotische-bewegung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/bismarck-und-die-erotische-bewegung\/","title":{"rendered":"Bismarck und die erotische Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>Aus. vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S. 92-94<\/p>\n<p><i>Martin Green: Else und Frieda- die Richthofen-Schwestern. Aus dem Amerikanischen von Edwin Ortmann. Kindler- Verlag, M\u00fcnchen 1976. 346 Seiten, 36 DM.<\/i><\/p>\n<p>&#132;Schwabing, Heidelberg und Berlin sind die drei Brennpunkte unserer Untersuchung. Berlin stand f\u00fcr die (patriarchalische, systematische) Macht, Heidelberg f\u00fcr die (politische und kulturelle) Aufkl\u00e4rung und M\u00fcnchen f\u00fcr die (vor allem individuelle, aber auch politische) Revolution.&#148; Neben diesen Hauptschaupl\u00e4tzen f\u00fchrt der englische Kulturpsychologe Martin Green (49) die Intellektuellen-Kolonien von Ascona und Taos, New-Mexico, als Brennpunkte an, im Hintergrund, alles \u00fcberschattend, erscheint das Wien der Jahrhundertwende, die Metropole des untergehenden Europa. Die St\u00e4dte sind aber nicht in ihrer Entit\u00e4t gemeint, sondern als Namen f\u00fcr intellektuelle Zirkel, Str\u00f6mungen und Fronten, die sich dort versammeln.<br \/>Else und Frieda v. Richthofen sind Schl\u00fcsselfiguren in diesen Beziehungsnetzen, vergleichbar etwa Rahel Levin und Karoline Schlegel in der Berliner Romantik. Die beiden T\u00f6chter eines preu\u00dfischen Offiziers und einer Schwarzw\u00e4lderin bilden mit der dritten Schwester, Johanna, und der fr\u00f6hlichen, selbstbewu\u00dften Mutter eine matriarchalische Zelle in der Garnisonswelt, in der sie aufwachsen. Greens These ist, da\u00df sie dadurch die Distanz zur mehr oder weniger bornierten Herrenstruktur des Bismarck-Reiches gewinnen und diese aufbrechen. Damit das geschehen kann, mu\u00df freilich Kommunikation mit anderen M\u00e4nnern als dem Vater da sein. Frieda heiratet sehr jung einen englischen Philologen an der Universit\u00e4t Freiburg\/Br, Ernest Weekly, dem sie im kritischen Alter von 29 mit D. H. Lawrence durchbrennt. Das Weitere ist aus Lawrences B\u00fcchern und Umkreis bekannt. Aldous Huxley und John Middleton Murry, die Taos-Kolonie, eine Art Worpswede mit Indianern, bestimmen das Leben von Frieda Lawrence und werden von ihr bestimmt. Else heiratet viel sp\u00e4ter als die J\u00fcngere den National\u00f6konomen Edgar Jaffe und wird f\u00fcr \u00fcber sechs Jahrzehnte die grande dame der Universit\u00e4t Heidelberg.<br \/>Die biographischen Details, die psychoanalytischen Ergebnisse, die unz\u00e4hligen Briefe, die von den beiden Schwestern geschrieben und empfangen und mitunter aufbewahrt wurden, der Klatsch, der sie umspielte, die Anspielungen auf sie in zeitgen\u00f6ssischen B\u00fcchern sind f\u00fcr Green die F\u00e4den, an denen er sich durch das Labyrinth des elit\u00e4ren Denkens im Kaiserreich einen Weg sucht. Er klassifiziert nicht nach oben und unten, Schichten oder Klassen, sondern nach matriarchalischer und patriarchalischer Tendenz, Demeter und Apoll. Er bringt die Methoden der Familien- und Gruppenanalyse in die historische Dimension ein, wie es unl\u00e4ngst der Heidelberger Helm Stierlin in seiner Hitler-Analyse getan hat. Aber Green legt sich auf keine Methode fest, und so liest sich das Buch \u00fcber weite Passagen wie eine Paraphrase zu Paul Feyerabends anarchistischer Erkenntnistheorie; und der Autor wird das von der Kritik wohl zu h\u00f6ren kriegen, wenn sich alles zusammenzieht, was vor zwei Jahren beim Erscheinen der englischen Ausgabe in Gespr\u00e4chen sich drohend zusammenballte.<br \/>Die Schwestern stehen f\u00fcr zwei M\u00f6glichkeiten der &#132;erotischen Bewegung&#148; im noch feudalistisch aufgeputzten Industriestaat. Bismarck symbolisiert die systematische Macht. Else, die erste Studentin Max Webers (und er ihr Verehrer), wird nach der Promotion Gewerbeinspektorin in Baden. Green vergleicht ihr Wirken mit dem der Amerikanerin Florence Kelly und mit Beatrice Webb. Um sie sind Marie Baum, Marianne Weber, Gertrud Jaspers, in gewisser Weise Ricarda Huch, um die etwa Gleichaltrigen zu nennen; aber es gibt eine ganze Reihe heute t\u00e4tiger Sozialwissenschaftlerinnen, die aus dem Umkreis von Else Jaffe kommen.<br \/>Neben Frieda Lawrence hat man sich vor allem Fanny v. Reventlow zu denken, die Erich M\u00fchsam bewundert hat, Isodora Duncan, Alma Mahler-Werfel, Lou Andreas-Salome und ein weiter Kreis tempor\u00e4rer und verhinderter Schwabinger.<br \/>W\u00fcrde Greens Ansatz aufgegriffen, die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts an Frauengestalten statt an M\u00e4nnerfiguren zu orientieren, st\u00fcnde uns manche neue Einsieht zu Gebote, man denke nur an die Frauen um die zeitweiligen Schwabinger Lenin und Hitler. Aber nat\u00fcrlich waren Schwabing und Heidelberg nicht weit genug auseinander, um nichts voneinander zu wissen. Die Studenten fluktuierten, darunter eine gro\u00dfe Zahl Amerikaner, Russen, Polen und osteurop\u00e4ischer Juden, und die Professoren zogen um. Edgar Ja f f e, Elses Ehemann, der Max Weber das Archiv f\u00fcr Sozialwissenschaft und Sozialpolitik verschaffte, das aus der Entwicklung der Soziologie in Deutschland nicht wegzudenken ist, wurde 1918 Finanzminister Kurt Eisners in der ersten republikanischen Regierung. Max Weber beschimpfte sie als verantwortungslose Literaten; aber auch seine Heidelberger Studenten Ernst Toller und Dr. Eugen Levine werden revolution\u00e4re F\u00fchrer. W\u00e4h-rend der langj\u00e4hrige Freund Georg v. Lukacs &#150; mit Ernst Bloch, Emil Lask, Gustav Radbruch, Helmuth Plessner u.a. ein Heidelberger Hauptdiskutant- in Budapest kommunistischer Volkskommissar wird.<br \/>Martin Green f\u00fchrt mit Recht die Rezeption Webers durch Talcot Parsons in Amerika an; aber um die Heidelberger Ausstrahlung ganz zu fassen, mu\u00df man an Windelband und Rickert, an Troeltsch denken. Es war der erneuerte Kantsche Kritizismus, der die Revolution bis nach Ostasien vorbereitete, und die Universit\u00e4t zu einem liberalen Zentrum machte. Max Weber war eine Konsequenz davon, und, wie der Vergleich mit dem weniger disziplinierten Bruder, Alfred Weber, zeigt, eine sehr zur\u00fcckgenommene M\u00f6glichkeit dieses Denkens. Wie dem auch sei, Universit\u00e4ten leben als Kollegien, nicht als Schaupl\u00e4tze einzelner, und ich erinnere mich sehr gut an die Erz\u00e4hlung Alfred Webers \u00fcber den Niedergang der Fakult\u00e4t. Frau Ja f f e, eine bezaubernd nymphischschmale Sechzigerin, best\u00e4tigte ihn durch ihr Zuh\u00f6ren.<br \/>F\u00fcr Schwabing f\u00fchrt Martin Green Otto Gro\u00df als spiritus rector vor. Er stammte aus Graz und war das Problemkind des Begr\u00fcnders der Kriminalistik, Hanns Gro\u00df, Es erscheint glaubw\u00fcrdig, wenn Green die Entwicklung des Sohnes zum Psychiater und Psychopathen gleicherweise auf den Konflikt mit dem Vater zur\u00fcckf\u00fchrt. Der Alte insistierte auf Gesundheit derma\u00dfen, da\u00df er alle Degenerierten, weil Bestrafung sinnlos, nach S\u00fcdwestafrika deportieren wollte. Vielleicht w\u00e4re das, im Nachhinein betrachtet, f\u00fcr die Wei\u00dfen in Afrika gar nicht so schlecht gewesen; aber sicherlich war es die Art von Gesundheitspolitik, die sich mit der Behandlung von Dissidenten in den totalit\u00e4ren Staaten um 1930 durchsetzte. Der Sohn, in fr\u00fcher Beziehung mit Freud und Jung psychoanalytisch gebildet und dann von beiden verleugnet, b\u00e4umte sich gegen solch patriarchalische Arroganz auf, indem er bald die Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Sanktionen auf den Vergeltungstrieb zur\u00fcckf\u00fchrte. \u00dcbersensibilit\u00e4t, gef\u00fchlsbetonter Extremismus, gestillt durch Kokain und Frauen, so beschreibt Green die Verfassung von Otto Gro\u00df. Aber: er brachte die Psychoanalyse als eine Waffe zur sozialen Emanzipation in das Gewirr der Motivationen und Pr\u00e4sentationen, die Schwabing vor dem Ersten Weltkrieg ausmachten. In der &#132;Kosmischen Runde&#148; mit Ludwig Klages (,&#130;Der Geist als Widersacher der Seele&#8220;) und Karl Wolfskehl zusammen, Kandinskys Kunsttheorien vorgreifend, mit Erich M\u00fchsam und Gustav Landauer wohl vertraut, waren die Frauen die St\u00e4rke von Gro\u00df &#150; und eben auch die beiden Schwestern &#150;, w\u00e4hrend man von Max Weber und D. H. Lawrence eher sagen mu\u00df, da\u00df die Frauen ihre Schw\u00e4che waren. Gro\u00df predigte die Selbstbefreiung als ersten Schritt zur sozialen Befreiung, blieb nicht Arzt, wie Freud forderte, und traf damit auf die Vorstellungen des politischen Anarchismus der Kropotkin, Landauer, M\u00fchsam. Ist die Anarchie, die Ohn-Herrschaft, erst in den prim\u00e4ren Beziehungen gegenseitig hergestellt, wird die Gewaltordnung der wenigen \u00fcber die Vielen sich nicht halten k\u00f6nnen. Insofern war Gro\u00df ein echter Anarchist; aber realisiert hat er die Anarchie nicht in der f\u00fcr Ascona geplanten Universit\u00e4t, sondern in den Geschlechtsbeziehungen. Ist Libertinage schon Anarchie? War der in einer romantischen Liebe zu seiner Dichterin versponnene Gustav Landauer weniger Anarchist, weil er sexuell eher pr\u00fcde war? Gro\u00df wirft in der Darstellung von Green Fragen auf, die auch nach Wilhelm Reich, Herbert Marcuse und deren Sch\u00fclern nicht beantwortet sind. Die entbl\u00f6\u00dften M\u00e4dchen, die auf Theodor W. Adorno losgingen, oder mu\u00df es hei\u00dfen, die sich nicht entbl\u00f6deten, auf ihn los zu gehen? Hier an der Gewaltgrenze hebt sich auch die Gegen\u00fcberstellung von matriarchalischer und patriarchalischer Tendenz auf. Ist die erotische Bewegung weniger grausam als Bismarck? Die Engl\u00e4nder sagen, im Krieg und in der Liebe gelten keine Gesetze. Aber das ist nicht Anarchie, sondern Gewaltherrschaft.<br \/>Der Psychologe Ernst Kraepelin, zuerst bei Wundt, dann in Heidelberg und M\u00fcnchen, hat nach dem Scheitern der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik deren F\u00fchrer fast ausnahmslos als kaputte Typen denunziert. Er kannte sie aus seiner Praxis; aber f\u00fcr ihre Gegner, insbesondere Max Weber, galt Gleiches. Das landl\u00e4ufige Bild von Gesundheit erfa\u00dft die Intellektuellen nicht, auch nicht die, die sich \u00fcber ihre Kaste mokieren. Es z\u00e4hlt zu den Glanzst\u00fccken von Greens Buch, da\u00df er Max Webers gro\u00dfe Aufs\u00e4tze zum Thema mit der psychischen Verfassung des Autors konfrontiert. Hier stehen der Forschung, die tiefenpsych\u00f6logische, soziologische, politologische und historische Perspektiven b\u00fcndelt, noch weite Felder unbeackert.<br \/>Was die Gegen\u00fcberstellung Bismarck und Richthafen-Schwestern angeht, wird das Buch auch deshalb ein Unikum bleiben, weil der Konfrontation der matriarchalischen Bewegung heute sowohl ein Bismarck wie eine militante Reichshauptstadt fehlen, und in den vielen Zentren der systematischen Macht f\u00fchrt kein Weg an den Damen vorbei. Sie halten die Vorzimmer besetzt, was soll sich dahinter ohne sie abspielen. Die erotische Bewegung aber ersch\u00f6pft sich im Konsum. Sexueller Konsumzwang ist ungef\u00e4hr das Gegenteil dessen, wovon in Greens Buch die Rede sein kann. Wo sind die gro\u00dfen Frauen, die Individualschicksal und Zeitgeist zugleich pr\u00e4sentieren? Insofern erscheinen Else Jaffe und Frieda Lawrence auch als ein &#132;Abschied von der bisherigen Geschichte&#148;, wie Alfred Weber das Ende des Zweiten Weltkriegs diagnostiziert.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2343],"publikationen":[1313],"class_list":["post-12053","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-harry-pross","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bismarck und die erotische Bewegung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/bismarck-und-die-erotische-bewegung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bismarck und die erotische Bewegung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus. vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S. 92-94 Martin Green: Else und Frieda- die Richthofen-Schwestern. 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