{"id":12062,"date":"1977-01-28T15:32:00","date_gmt":"1977-01-28T14:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/boecke-als-gaertner\/"},"modified":"1977-01-28T12:00:00","modified_gmt":"1977-01-28T11:00:00","slug":"boecke-als-gaertner","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/boecke-als-gaertner\/","title":{"rendered":"B\u00f6cke als G\u00e4rtner"},"content":{"rendered":"<p>Zu einem &#132;Wei\u00dfbuch zur Rettung der Sprache&#148;.<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S.16-19<\/p>\n<p>Man mu\u00df Sprache nicht schon zum Fetisch oder Sakralgegenstand erheben, um ihre Gef\u00e4hrdung, ihren m\u00f6glichen Verfall als Ungl\u00fcck aller Ungl\u00fccke zu f\u00fcrchten. Gerade wer in ihr das Selbstverst\u00e4ndliche sieht, in dem Menschen sich und ihre Wirklichkeit artikulieren und so erst eigentlich konstituieren, hat allen Anla\u00df, sich um sie und ihren unbesch\u00e4digten Bestand zu sorgen. Kein Zweifel auch, da\u00df heute solche Sorge, aus vielerlei Gr\u00fcnden, besondere Berechtigung hat. So darf ein publizistisches Unternehmen, das nichts weniger als die &#132;Rettung der Sprache&#148; zu seinem Ziel erkl\u00e4rt, zweifellos gespannter Aufmerksamkeit sicher sein. Dies umso mehr, wenn sich als Mentoren Deutscher Autorenrat und Freier Deutscher Autorenverband dazu bekennen und mit dem ambiti\u00f6sen Titel &#132;Wei\u00dfbuch&#148; der respektgebietende Anspruch dokumentarischer G\u00fcltigkeit erhoben wird. [Wei\u00dfbuch zur Rettung der Sprache. Herausgegeben im Auftrag des Deutschen Autorenrates und des Freien Deutschen Autorenverbandes. Langen M\u00fcller Verlag, M\u00fcnchen\/Wien 1976, 221 Seiten, DM 19,80]<br \/>&#132;Rettung&#148; &#8211; das setzt unmittelbar bevorstehenden Untergang voraus, der vielleicht gerade noch abzuwenden ist. Woran ist er zu erkennen, welches sind seine Zeichen? &#132;Mi\u00dfbrauch und Verbildung der Sprache in Schule, Medien und Politik&#148; nennt summarisch der R\u00fcckseitentext &#150; konkret f\u00fchren die elf Beitr\u00e4ge des Bandes die folgenden &#132;Symptome&#148; an: &#132;\u00dcberfremdung&#148;, d.h. allzu reichliche Verwendung von Fremdw\u00f6rtern &#8211; Sprach-verderbnis durch die Werbung &#150; Kult mit &#132;Modew\u00f6rtern&#148; &#8211; &#132;Umfunktionierungen&#148; im Wortschatz, &#132;Aush\u00f6hlung der Begriffe&#148; &#8211; &#132;k\u00fcnstliche Kultivierung&#148; von Fach- und Spezialsprachen -&#132;Abkehr von der gewachsenen Sprache&#147; zugunsten experimenteller Artistik bei vielen zeitgen\u00f6ssischen Autoren, die Neigung anderer zum &#132;Jargon der Stra\u00dfe&#148;, zur &#132;niedrigsten Umgangssprache&#132; &#8211; last not least: die neue Lesebuchgestaltung seit Mitte der sechziger Jahre.<br \/>Ein seltsames Gemisch von &#132;Befunden&#148;, das skeptisch stimmt. Sehen wir zu. Da\u00df mit Fremdw\u00f6rtern gegenw\u00e4rtig besonders viel Unfug, smart oder nicht, getrieben wird, wer wollte es bestreiten? Da wird &#132;gejettet&#148;, &#132;gepusht&#148; und &#132;gecheckt&#148;, da\u00df es (k)eine Art hat. Sicher sind auch &#132;Feeling&#148;, &#132;Out&#148;- oder &#132;In&#147;-Sein durchaus entbehrlich. Doch: &#132;Job&#148;, &#132;Prestige&#148;, &#132;Law and Order&#148; (vom &#132;Wei\u00dfbuch&#148; bem\u00e4ngelt) &#8211; da stock ich schon. &#132;Beruf&#148;, &#132;Ehre&#148;, &#132;Recht und Ordnung&#148; &#8211; das hat nicht nur anderen Klang, das meint auch anderes. Viele, m\u00f6glicherweise die meisten, zumal unserer neuen Fremdw\u00f6rter d\u00fcrfen nicht fehlen, da uns mit ihnen auch die je besondere Sache abginge, f\u00fcr die ein genau angemessenes deutsches Wort &#8211; bislang &#8211; nicht zur Verf\u00fcgung steht. Das kann nur rabiaten Puristen als revolution\u00e4re Erkenntnis gelten. Blindlings &#132;\u00dcberfremdung&#148; f\u00fcrchtet ohne dies nur, wer nicht wei\u00df, da\u00df die lebendigsten, produktivsten Sprachen weniger in ber\u00fchrungs\u00e4ngstlicher Reinhaltung als kr\u00e4ftiger Vermischung erzielt wurden. Dennoch &#8211; der Fremdwort-Hinweis verdient Beachtung, auch wenn hier gewi\u00df kein totaler Sprachuntergang abzuwenden ist.\u00a0 Gleicherma\u00dfen ernstzunehmen sind ohne Zweifel die betr\u00e4chtlichen Sch\u00e4digungen durch das &#132;Werbedeutsch&#148;, dem Hansj\u00f6rg Maus einen weithin solide analysierenden Beitrag widmet (den wohl besten, weil sachkundigsten des Bandes). Wom\u00f6glich w\u00e4re angesichts der in diesem Jargon schlechte Gewohnheit gewordenen Simplifizierungen, Inf antilisierungen, Brutalisierungen am ehesten von akutem Sprachverfall zu reden, den &#132;sch\u00f6pferische Neupr\u00e4gungen&#132; a la &#132;frischw\u00e4rts&#148;, &#132;Bahnland&#148; und &#132;Kurlaub&#148; in der Tat nur noch beschleunigen k\u00f6nnen. Die den &#132;Wei\u00dfbuch&#147;-Autoren n\u00e4chststehende Branche, die der Verlage, blieb merkw\u00fcrdigerweise ausgespart. Ihr w\u00e4ren nicht minder eindrucksvolle Exempel zu entnehmen gewesen &#8211; sind doch seit Jahren alle neu- und wiedererscheinenden Romane ausnahmslos &#132;gro\u00df&#148;, wird uns vom jeweiligen Autor ausschlie\u00dflich &#132;Bestes&#148; und &#132;Sch\u00f6nstes&#148; sowie unerm\u00fcdlich &#132;Liebensw\u00fcrdiges&#148; zum pausenlosen &#132;Lesevergn\u00fcgen&#148; angeboten, von den Jahrhundertwerken &#132;wie ein Faustschlag&#148;, &#132;wie ein Stein&#148;, &#132;ein Orkan&#148;, &#132;eine Blume&#148; und dergleichen zu schweigen. Maus pl\u00e4diert &#8211; sehr ehrenwert &#8211; f\u00fcr einen &#132;vern\u00fcnftigen Umfang&#148; der Werbung, daf\u00fcr, da\u00df sie \u00fcber ihr &#132;Verh\u00e4ltnis zur Sprache&#148; nachdenkt -, er \u00fcbersieht den prinzipiell &#132;unvern\u00fcnftigen&#148; Charakter der Werbung unter heutigen Bedingungen: Nicht oder jedenfalls nicht allein mit den Mitteln rational \u00fcberzeugender Argumentation, sondern nur durch eine Worte und Werte zynisch nivellierend in bedenkenloser Beliebigkeit einsetzende Reiz- und Suggestivpropaganda lassen sich dem Markt maximale Anteile entrei\u00dfen.<br \/>&#132;Wei\u00dfbuch&#147; &#8211; Klagepunkt Nummer drei verdient wiederum grunds\u00e4tzlichen Beifall: &#132;Modew\u00f6rter&#148;, wer stimmte nicht zu, sind eine Plage und jedem Sprachempfindlichen ein Graus. Auch hier allerdings ist sehr die Frage, ob das ewige &#132;ehrlich&#148;, &#132;echt&#148; und &#132;schick&#148;, ob auch &#132;frustrieren&#148; und &#132;verunsichern&#148; unvermeidlich bereits den allf\u00e4lligen Untergang &#132;der Muttersprache&#148; anzeigen. Schlie\u00dflich gab es zu allen Zeiten &#132;Mode-w\u00f6rter&#148;, darunter sehr gehaltvolle von erlauchter Herkunft und epochalem Klang &#8211; man denke an Rousseaus &#132;Natur&#148;, Byrons &#132;Weltschmerz&#148;, Nietzsches und seiner Nachfahren &#132;Leben&#148; samt Komposita. Wenn das nicht &#132;in Mode&#148; war (und bis heute &#8211; immer mal wieder &#8211; ist) ! Es kommt auf die Substanz, die geschichtlich wirksame und regenerierbare Kraft eines &#132;Modewortes&#148; an. Was sagt es gegen &#132;Entfremdung&#148;, &#132;Emanzipation&#148;, &#132;Demokratisierung&#148;, wenn Seminaristen und Versammlungsredner sie verschlei\u00dfen, solange diese W\u00f6rter &#8211; besser als andere &#8211; Fakten und Forderungen bezeichnen, deren realer Sinn unverk\u00fcmmert blieb? Das gilt in gleicher Weise durchaus f\u00fcr sehr andersartige einstige &#132;Modew\u00f6rter&#148;, wie &#132;Volk&#148;, &#132;Nation&#148; oder Herders und Hegels ehrw\u00fcrdigen, dem &#132;Wei\u00dfbuch&#148; unverd\u00e4chtigen &#132;Volksgeist&#148;, der auch einmal sehr gefragt war. Es mag sogar f\u00fcr etliche Schl\u00fcsselbegriffe des unseligen &#132;Jargons der Eigentlichkeit&#148; gelten, an dessen Sp\u00e4tfolgen wir heute noch laborieren.<br \/>\u00dcbrigens: Weder dieses f\u00fcr das Adenauer-Jahrzehnt so charakteristische Gew\u00e4chs noch die gegegenw\u00e4rtig heftigst strapazierte &#132;Tendenzwenden&#147;-Phraseologie finden im &#132;Wei\u00dfbuch&#148; die verdiente kritische Erw\u00e4hnung. Selbst die gute, alte, immer noch nicht totgerittene &#132;Nostalgie&#148; &#8211; nun wirklich das Modewort der Modew\u00f6rter! &#8211; kommt nicht vor. Sollte sie den &#132;Wei\u00dfbuch&#147; &#8211; Autoren weniger bedenklich erschienen sein als die &#132;Emanzipation&#148; oder der &#8211; zugegeben etwas ramponierte &#8211; &#132;Fortschritt&#132;? Sp\u00e4testens hier, an derart willk\u00fcrlicher Selektion, erkennt auch der ahnungslose Leser parteiische Einseitigkeit, die nicht Zufall ist. Absichtlichkeit wird vollends deutlich, wo es um die sogenannten &#132;Umfunktionierungen&#148; des Wortschatzes geht, stillschweigendes Unter-schieben sinnverkehrender oder auch nur -modifizierender Bedeutung. Auch hier m\u00f6chte man spontan zustimmen: Wer k\u00f6nnte das gef\u00e4hrliche Ausma\u00df der Sprachmanipulation und ihre verheerenden Folgen ignorieren &#8211; einer Manipulation, die vorzugsweise das nichtssagend-verharmlosende oder besch\u00f6nigende Wort f\u00fcr eine \u00fcble, mindestens frag-w\u00fcrdige Sache setzt oder umgekehrt eine andere, vielleicht diskutable von vornherein durch wohlkalkuliertes Negativ-Vokabular &#132;erledigt&#148;? So erwartete man im Interesse eines Pluralismus, der allein \u00fcberzeugende &#132;Objektivit\u00e4t&#148; verb\u00fcrgt, Hinweise auf die Zu-mutungen einer technokratischen Verwaltungssprache, die absichtsvoll ein &#132;Neuwort&#148; von so teuflischer Allgemeinheit wie &#132;Entsorgung&#148; erfand, wo t\u00f6dliche Strahlungsgefahren ein rundes Jahrtausend hindurch zu &#132;besorgen&#148; sind; die im Medienbereich euphemistisch &#132;Ausgewogenheit&#148; fordert, wo die politischen Macht-Gewichte im Gegenteil nachdr\u00fccklich zu eigenen Gunsten verschoben werden sollen &#8211; auch auf eine gewisse Publizistik, die verfassungsrechtlich garantierte Demonstrationen p r i n z i p i e l l &#132;Krawalle&#148; nennt, die angesichts einer Million Erwerbsloser von &#132;freigesetzten Arbeitskr\u00e4ften&#148; und &#132;Entspannungen auf dem Arbeitsmarkt&#148; redet. Geben unsere Sprach-&#132;Retter&#8220; auch solche Hinweise? Sie geben sie nicht, sie finden &#132;Tatsachenvernebelung&#148; und verbale Stimmungsmache allein bei &#132;linken&#148; Demagogen. Was f\u00fcr eine &#132;Ausgewogenheit&#148; dieses &#132;Wei\u00dfbuchs&#148;, das ganz offensichtlich ein hochwichtiges &#132;berechtigtes Anliegen&#148; &#8211; Bewahrung einer intakten, mit sich selbst identischen Sprache &#8211; zu eindeutig polemischen Zwecken mi\u00dfbraucht! Das &#132;Rettet die Sprache!&#148; erweist sich als b\u00f6ses T\u00e4uschungsman\u00f6ver: Nicht so sehr um &#132;die Sprache&#148; ist es den zur &#132;Rettung&#148; Angetretenen zu tun &#8211; mit sorgsam ausw\u00e4hlender, gezielter &#132;Sprachkritik&#148; soll vielmehr die S a c h e jener &#132;ganzen Richtung&#148; getroffen werden, die einem &#132;nicht pa\u00dft&#148;. Der Trick: Man denunziert den Gegner als Sprachfeind schlechthin, erkl\u00e4rt ihn ideologischer Zersetzungsarbeit f\u00fcr schuldig, steht aber mitnichten auf einer h\u00f6heren Warte als der einer eigenen (Gegen-)Ideologie.<br \/>Wie sehr die vorgebliche Mission dieses Unternehmens Sprachrettung anderen, weiter-gesteckten Zielen dient, daran l\u00e4\u00dft selbst der eher gem\u00e4\u00dfigte Alt-Konservative Hubertus Prinz zu L\u00f6wenstein keinen Zweifel, wenn er die &#132;Verflochtenheit&#132; von &#132;Niedergang des Gemeinwesens&#148; und &#132;Verfall der Sprache&#148; betont: &#132;So setzt&#148;, f\u00e4hrt er fort, &#132;die staatliche, die politische Wiederbelebung eine solche der Sprache voraus, und diese wiederum ist nur m\u00f6glich in einer staatlichen Ordnung, die zumindest den Willen hat, den sittlichen, geschichtlichen und politischen Niedergang zu \u00fcberwinden&#148; (S 15). Was hei\u00dft hier &#132;Niedergang&#148;, was ist das f\u00fcr eine &#132;Wiederbelebung&#148;, was f\u00fcr eine &#132;staatliche Ordnung&#148; ist gemeint?<br \/>Richard W. Eicherl &#8211; bekannt vor allem als nimmerm\u00fcder Streiter wider eine nach wie vor &#132;entartete&#148; Kunst &#8211; zitiert gar Nietzsches Wort, wonach &#132;in Zukunft der Kampf um die Macht&#132; (!) &#132;in erster Linie ein Kampf um die Macht\u00fcbernahme im Reiche der Sprache sein&#148; werde. Das mag stimmen &#8211; es stimmte auch 1933 -, aber wir sollten sehen, da\u00df diese Sprach-Macht &#8211; die nicht das Ergebnis von Vergewaltigung sein kann &#8211; in H\u00e4nden der Demokraten bleibt. Wer Sprache im \u00fcbrigen per se nur als Mittel zur Erringung von Macht sieht, erweckt den Eindruck, es gehe ihm vordringlich um diese, nicht um Sprache. Keineswegs um Sprache allein jedenfalls geht es Karl G\u00f6tz (&#132;Tr\u00e4ger des volksdeutschen Volkstumspreises&#148;) und Hans-J\u00fcrgen Schmelzer in ihren Auslassungen zum deutschen Lesebuch und zum Deutschunterricht, einer w\u00fctenden General-Invektive gegen die Reformbestrebungen des letzten Jahrzehnts, die kurzerhand mit einigen ungl\u00fccklichen \u00dcbertreibungen in ihrer Experimentierphase identifiziert werden. Da wandert pauschal alles, was \u00fcber den Stand von 1960 hinausf\u00fchrte, in den Eintopf radikaler Gesellschaftsver\u00e4nderung. Schon wer in den Leseb\u00fcchern, wom\u00f6glich Billinger, Ina Seidel und Waggerl sch\u00e4digend, die Akzente zugunsten der &#132;von gewissen progressiven Literatur-diktatoren hochgelobten&#148; (65) Thomas Mann, Kafka, Brecht, D\u00f6blin, Heinrich Mann, Camus, Sartre oder Hemingway (!!!) oder gar B\u00f6ll und Enzensberger verlagerte; wer der Versuchung nicht widerstand, Alltags- und Umgangssprache (,&#130;die Stra\u00dfe&#148;) gelegentlich ungeschminkt einzubeziehen; wer Dada und &#132;konkrete Lyrik&#148; f\u00fcr diskussionsf\u00e4hig hielt und das Verst\u00e4ndnis der sch\u00e4ndlich \u00fcbersch\u00e4tzten Handke, Krolow, Grass und Piontek zu intensiv zu f\u00f6rdern suchte -, ist linker W\u00fchlarbeit dringend verd\u00e4chtig.<br \/>Wer wissen will, wie weit bornierte Reaktion in Fragen des Faches Deutsch Anno 1977 wieder gehen kann oder m\u00f6chte, nehme diese w\u00fcste Diffamierorgie sehr genau zur Kenntnis. Begreiflich, da\u00df man nicht mag, wozu einem humorvoller, spielerischer Sinn oder Gesp\u00fcr f\u00fcr neue Sprachm\u00f6glichkeiten fehlen &#8211; l\u00e4\u00dft man sich aber schon deshalb dazu hinrei\u00dfen, kaum verh\u00fcllt nach S\u00e4uberung und (Selbst-)Zensur zu rufen? Wie glaubhaft ist, so mu\u00df man fragen, unter solchen Umst\u00e4nden die eingangs vom Herausgeber beteuerte Selbstverpflichtung auf &#132;Geistesfreiheit&#148; und Toleranz&#8220;, die ja schlie\u00dflich auch der Name des beauftragenden Verbandes nahelegt?<br \/>Die Abneigung gegen alles, was seit einem halben Jahrhundert an rechtens so zu nennender moderner Literatur geschrieben wurde, treibt in diesem &#132;Wei\u00dfbuch&#148; die sonder-barsten, gleichwohl mickrigsten Bl\u00fcten: Herr Georg Schwarz aus N\u00fcrtingen, laut Herausgeber &#132;ein Mann vom Schlage eines M\u00f6ricke (sic!),,, beklagt die &#132;Einebnung der Lyrik&#148;, ist gegen das Pseudo-, das &#132;Skelettgedicht&#148; und f\u00fcr das &#132;echte&#148;, das &#132;Beschw\u00f6rung&#148; und &#132;archaischen Ursprungs&#148; sei. Eine beigef\u00fcgte Arbeitsprobe l\u00e4\u00dft eher auf f\u00fcnffach ver-d\u00fcnnten Weinheberschen Ursprung schlie\u00dfen. G\u00f6tz zuvor suchte den in Schwaben relativ wenig bekannten (!) Bobrowski, Lorca, Prevert, &#132;Stanislaus Jerzy&#148; (= Stanislaw Jerzy Lec) und &#132;Rozwics&#148; die wackeren Klein-Talente Ehrler und Watzlik, Griese und D\u00f6rfler entgegenzustellen. &#132;Rotwelsche&#148;, &#132;Polit-Chinesen&#148;, &#132;New-Cowboys&#148; und &#132;Neo-Kosaken&#148;, kurz &#132;Landfremde&#148; k\u00f6nnen diese freilich nicht genannt werden.<br \/>Wieweit man sich ferner auch au\u00dferliterarisch den simpelsten Vorurteilen \u00fcberl\u00e4\u00dft, zeigen die plumpen Anw\u00fcrfe gegen Spezialsprachen mi\u00dfliebiger Wissenschaften, etwa von Psychologie, Soziologie, Politologie, die allesamt als &#132;professorale Geheimsprachen&#148; heruntergeputzt werden. Nun gibt es ohne Zweifel wirklich so etwas wie maniriert-snobistischen Mi\u00dfbrauch von Fachterminologien&#130; zum Zwecke pers\u00f6nlicher Aufwertung, was jedoch prinzipiell nichts \u00fcber die Notwendigkeit solcher Terminologie sagt. Deren zunehmende Unanschaulichkeit und damit erschwertes Verst\u00e4ndnis aber sind nun einmal Kennzeichen einer all-gemein unvermeidlichen modernen Entwicklung. Hier zur\u00fcckschalten zu wollen, hie\u00dfe auf wichtige Erkenntnisfortschritte und ihre Anwendung wider bessere Einsicht verzichten. Eben das scheint das Ziel der &#132;Geheimsprachen&#147;-Kritiker zu sein: die heile Welt einer l\u00e4ngst verlorenen schlichten Unmittelbarkeit soll gewaltsam rekonstruiert werden. Hinter allen &#8211; auch berechtigten &#8211; Vorbehalten der Verwissenschaft-lichung der Sprache gegen\u00fcber macht sich indessen primitives Ressentiment gegen das &#132;Intellektuelle&#148; \u00fcberhaupt bemerkbar &#150; das &#132;Akademische&#148;, Ingeni\u00f6se, dem braven Gem\u00fct nicht Zug\u00e4ngliche ist es, auf das untergr\u00fcndiger Ha\u00df sich richtet. &#132;Je gelehrter, desto verkehrter&#148;, wird der Volksmund mit Genu\u00df zitiert. Seltsam bedr\u00fcckend, Karl Steinbuch in dieser nicht sowohl &#132;hinterweltlerischen&#148; als &#132;hinterw\u00e4ldlerischen&#148; Gesellschaft zu erblicken!<br \/>Zum schlimmen Ende mu\u00df es gestattet sein, Leute, die auszogen, die Sprache zu &#132;retten&#148;, beim Wort, bei ihrem eigenen, zu nehmen: Was ist das f\u00fcr eine Sprache, die sie selber sprechen, wie sie ja wohl das Muster des zu &#132;Rettenden&#148; darstellen soll? Da finden sich Wendungen und Floskeln wie die folgenden: &#132;im Hausg\u00e4rtlein der Worte und Begriffe&#148;, &#132;unverlierbare Menschheitswerte&#148;, &#132;das Sein schlechthin&#148;, &#132;das Innerste des Menschseins&#148;, &#132;Stunden des Schweigens, der Einkehr&#148;, &#132;in wahrhaft menschlicher Verantwortung, aus der Tiefe ihrer Seele&#148;, &#132;die hohen Sph\u00e4ren des Menschlichen und G\u00f6ttlichen&#148;, &#132;Treibsand der Geschichte&#148;, &#132;der Sprache w\u00fcrdig begegnen&#148;, also klapperndes, vernutztes Klischee von gestern bis vorgestern, wie es deprimierender nicht zu denken ist. (Bezeichnend genug, da\u00df das Problem der hocht\u00f6nenden g\u00e4ngigen Phrase, des \u00fcberlieferten, doch entleerten Schlag&#132;wortgutes&#148; den &#132;Wei\u00dfbuch&#8220;-Schreibern nie in den Blick geriet!) Und weiterhin &#132;will es mich d\u00fcnken&#148;, da &#132;wei\u00df&#148; man &#132;um&#148;, geht es um &#132;Be-lange&#148; (oh seliger Grimm, dein Modewort!), &#132;waltet der Geist der Jahrtausende&#148;, gibt es aber auch &#132;unerschrockene K\u00e4mpfer&#148; und &#132;Vork\u00e4mpfer&#148;.<br \/>Den Vogel schie\u00dft Herausgeber Zierer pers\u00f6nlich ab, wenn er in seiner Durchlauf-Kolumne klassische S\u00e4tze wie diese erzeugt: &#132;Der Kristall unseres Themas hat sich mit all seinen verschiedenen Facetten an uns vor\u00fcbergedreht, und jeder einzelne Sektor &#8230;, jeder der vielen Aspekte des Verfalls und der inneren Aufl\u00f6sung hat seine Fixierung erfahren.&#148; (245) &#132;Das deutsche Volk &#8211; angesiedelt im Zentrum des historischen Zyklons und aus den H\u00f6llenzonen des Hitler-Reiches herauf-steigend &#8230;&#148; (135) Chef-&#132;Retter&#148; Zierer warnt aber auch &#150; und da h\u00f6rt der schadenfrohe Spa\u00df auf &#150; vor einer &#132;Generation blutarmer, intellek-tueller (!) Geistespygm\u00e4en&#148; (140), hier sprachlich selbst in die &#132;H\u00f6llenzonen des Hitler-Reiches&#148; eher wieder hinabsteigend!<br \/>H\u00e4tte &#150; so in solchen F\u00e4llen die \u00fcbliche Frage &#150; nicht &#132;wenigstens&#148; ein verantwortungs-voller Lektor, Schlimmstes zu verh\u00fcten, mit beherztem Eingriff die &#132;Retter&#148; vor sich selber retten k\u00f6nnen? Zumal sich auch sachlich, d h literarisch, manches Fehlerhafte findet: M\u00f6rike hei\u00dft nicht &#132;M\u00f6ricke&#148;, Timmermans nicht &#132;Timmermanns&#148;, Robert Prutz, wenn auch aufm\u00fcpfiger 48er, nicht &#132;Putz&#148;. Gerhard Mauz vom Spiegel ist mit Maunz, Theodor, ehemaliger Kultusminister, nicht zu verwechseln, und Gert &#132;Dalow&#148; wird im K\u00fcrschner nicht gef\u00fchrt. Keineswegs auch &#132;qu\u00e4lt sich&#148; &#132;in unserer Zeit&#148; Hugo Ball kulturbolschewistisches Dada-&#132;Gestammel&#8220; &#132;ab&#148;, schwerlich darf Stefan George, da\u00a0 44 Jahre tot, als gro\u00dfer Sprachsch\u00f6pfer &#132;unserer Tage&#148; ger\u00fchmt werden. Aber was soll&#8217;s &#8211; auch beharrlichste lektorale Kleinarbeit h\u00e4tte hier das Ganze kaum zu &#132;retten&#148; vermocht. Scheint sich das pomp\u00f6se Rettungswerk dem Leser doch immer mehr auf den ver-st\u00e4ndlichen, aber vergeblichen Versuch reduzieren zu wollen, durch schrilles allgemeines Katastrophengeschmetter den eigenen d\u00fcrftigen Sprach-Klang \u00fcberh\u00f6ren zu machen. 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