{"id":12075,"date":"1996-12-01T20:00:00","date_gmt":"1996-12-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/dankesrede-von-klaus-vack-anlaesslich-der-preisverleihung-1996\/"},"modified":"1996-12-01T12:00:00","modified_gmt":"1996-12-01T11:00:00","slug":"dankesrede-von-klaus-vack-anlaesslich-der-preisverleihung-1996","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/dankesrede-von-klaus-vack-anlaesslich-der-preisverleihung-1996\/","title":{"rendered":"Dankesrede von Klaus Vack anl\u00e4sslich der Preisverleihung 1996"},"content":{"rendered":"<p>Aus. vorg\u00e4nge Nr. 136( Heft 4\/ 1996), S. 116- 120<\/p>\n<p>Liebe Freundinnen, liebe Freunde!<br \/>Vorab ein Dankesch\u00f6n f\u00fcr euer Hier sein, ein Dankesch\u00f6n an die Humanistische Union f\u00fcr den Fritz-Bauer-Preis an Hanne und mich und ein Dankesch\u00f6n f\u00fcr Lob und Anerkennung.<br \/>Ich erlaube mir zu sagen, das alles tut gut.<br \/>Zur Zeit schwirren meine Gedanken allerdings noch in anderen Sph\u00e4ren. Hanne und ich sind erst vor drei Tagen zur\u00fcckgekommen. Zur\u00fcck von Orten unseres haupts\u00e4chlichen Wirkens in den letzten mehr als 4 Jahren. Zur\u00fcck aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit knappen Unterbrechungen haben wir diesmal 7 Wochen an den Str\u00e4nden der Inseln Hvar und Korcula sowie an der dalmatinischen und der montenegrinischen K\u00fcste verbracht.<br \/>Es ging nicht um privaten Urlaub. Vielmehr war die Spendenbereitschaft aus unserem humanistischen, friedenspolitischen und menschenrechtlichen Umfeld so gro\u00df, dass wir in die Lage versetzt wurden, etwa 3 000 Kriegs- und Fl\u00fcchtlingskindern in 13 Freizeiten je 14 Tage Urlaub zu erm\u00f6glichen.<br \/>Gewiss, lediglich ein winziger helfender Beitrag im Vergleich zu Zerst\u00f6rung, Not, Hunger, Heimatlosigkeit und den unermesslichen seelischen Verletzungen.<br \/>Jedoch auch: Sonne, Meer, Freiheit, gutes Essen, Zuneigung, Sport, Singen, Tanzen, Basteln und Spielen. Das alles f\u00fcr Kinder, deren Erfahrungen mit zivilem Leben oft Jahre zur\u00fcckliegen. Und nun: Ein ge\u00f6ffneter Vorhang. Ein fernes Erinnern an fr\u00fchere bessere Zeiten. Ein Blick in eine erhoffte bessere Zukunft.<br \/>Und f\u00fcr uns. Arbeit noch und noch. Viel \u00c4rger mit den neuen B\u00fcrokraten. Die selbst gestellte Frage, ob die Hilfe auch ausreichend Gutes bewirkt und anh\u00e4lt. Deshalb auch Angst vor der selbst \u00fcbernommenen Verantwortung. Besorgnis, ob wir unser Bestes tun k\u00f6nnen.<br \/>Zugleich wieder sch\u00f6ne Bilder. Offene, fr\u00f6hliche Gesichter. Freundschaften zwischen Kindern verschiedener Volksgruppen, die man &#150; wie es hei\u00dft &#150; ethnisch getrennt hat und die sich nun pl\u00f6tzlich, zumindest zum Teil, begegnen und Freundschaften schlie\u00dfen. Freundschaften aber auch mit uns. Und letztlich immer erneut: Tr\u00e4nen reiche Abschiede.<br \/>Wenn ich das so daher erz\u00e4hle, will ich nicht etwa einen gro\u00dfen goldenen und alles \u00fcberstrahlenden Stern an den Himmel malen, der uns den von Menschen verursachten Schmutz auf der Erde vergessen l\u00e4sst.<br \/>Selbst bei diesen erlebnisreich und friedlich angelegten Freizeiten mussten wir feststellen, wie tief die allzu menschlichen, durch den Krieg extrem gesteigerten inneren \u00c4ngste und Abneigungen sind und von Erwachsenen, im Falle der Freizeiten zum Teil von Betreuerinnen und Betreuern, auch auf die Kinder \u00fcbertragen werden.<br \/>Aber d\u00fcrfen wir, nur weil unsere M\u00f6glichkeiten nicht ausreichen, resignieren? Geht es menschenrechtlich gesehen mitten in der un\u00fcbersehbaren Masse der Verhetzten, der seelisch Verletzten, der in Not und Elend Geworfenen nicht auch um jeden einzelnen Menschen? Und um wie viel mehr gilt dies f\u00fcr Kinder, die ebenso unschuldigen wie verletzbarsten Opfer dieses Krieges? Ich wei\u00df um den emotionalen Zugriff solcher Erfahrung auf meine eigene Befindlichkeit. Und ich sp\u00fcre, dass ich heute, kurz nach unserer R\u00fcckkehr, in Gedanken noch weit entfernt bin, bei den 300 Kindern einer Freizeit in Ulcinj (das ist ein Badeort in Montenegro, nur knapp 10 Kilometer von Albanien entfernt).<br \/>Deshalb stehe ich heute irgendwie schwankend auf diesem Boden und hinter diesem Podium, von dem am 30. August 1983 Heinrich Albertz uns Entschlossene zus\u00e4tzlich ermutigt und Unentschlossene ermuntert hat zum Mitmachen bei der am 1. September beginnenden Grossblokkade des US -Airfield Mutlangen, einem der drei geplanten Stationierungsorte f\u00fcr die Pershing-2-Atomraketen.<br \/>An dieser Stelle muss ich die Bef\u00fcrchtung aussprechen, dass ich m\u00f6glicherweise diejenigen, die nicht nur wegen der Preisverleihung hierher gekommen sind, sondern auch oder eventuell vor allem wegen des vom Preisgeber und \u00fcbrigens v\u00f6llig im Sinne von Hanne und mir ausgew\u00e4hlten Veranstaltungsortes, entt\u00e4uschen werde, denn ich m\u00f6chte in meinen Dankesworten zu Mutlangen und Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd nur wenig sagen.<br \/>Dies, obwohl die gewaltfreien Sitzblockaden gegen die Pershing-2-Mittelstreckenraketen ebenso wie die N\u00f6tigungsprozesse gerade aus einem solchen Anlass einer W\u00fcrdigung wert w\u00e4ren. Immerhin war Mutlangen von August 1983 bis Ende 1987, also mehr als 4 Jahre, auch f\u00fcr uns beide der absolute Schwerpunkt unseres politischen Handelns. Nach einer Ausrechnung, die ich in unserem umfangreichen Mutlangen-Archiv gefunden habe, war ich in jener Zeit, aus meinem Heimatdorf im hessischen Odenwald kommend, 271 mal nach Mutlangen beziehungsweise Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd gereist und habe dort 479 Tage verbracht. Ich habe an 61 Sitzblockaden teilgenommen, wurde 16 mal festgenommen und erhielt insgesamt 13 Strafbefehle mit zusammen 340 Tagess\u00e4tzen, die ich jedoch trotz mehrfacher Verurteilungen aufgrund der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung nicht bezahlen musste oder zur\u00fcckerstattet bekommen habe.<br \/>Es gibt also in der Tat noch viel aufzuarbeiten an den damals neuen Erfahrungen und sozialen Lernprozessen, denn nach Mutlangen kamen zehntausende Menschen. Ein nicht abrei\u00dfender Strom einzelner und kleiner Gruppen, von denen sich die meisten \u00fcberwunden und an Sitzdemonstrationen teilgenommen haben, was zu etwa 3000 Strafverfolgungen unter Bezug auf den unseligen N\u00f6tigungsparagraphen des Strafgesetzbuches f\u00fchrte. Nicht zu vergessen auch die Dauerpr\u00e4senz in der Presseh\u00fctte, die Kampagne &#132;Ziviler Ungehorsam bis zur Abr\u00fcstung&#148;, die vielen Aktivit\u00e4ten des Vereins &#132;Friedens- und Begegnungsst\u00e4tte Mutlangen&#148; und ebenso nicht zu vergessen das strikt eingehaltene Prinzip des gewaltfreien Widerstands.<br \/>Wie ich schon angedeutet habe, agieren Hanne und ich heute in einer Art &#132;anderen Welt&#148;. Unser Tun im ehemaligen Jugoslawien. Dabei geht es uns so wie allen Menschen, die sich einsetzen, n\u00e4mlich dass durch das, was man gerade mit viel Leidenschaft tut, das Vorangegangene in den Hintergrund ger\u00e4t. Dieses Vorangegangene ist damit nicht vergessen oder gar verdr\u00e4ngt. Aber solange politisches Handeln, zumindest nach unserem Verst\u00e4ndnis, auch immer Erfahrung durch Lernen bedeutet, gr\u00fcndet die neue, noch unsichere Erfahrung auf dem gesicherten Vorangegangenen. Ich m\u00f6chte dies als &#132;Linie-Halten&#148; bezeichnen. Unser bisheriger Lebensweg, und ich f\u00fcge hinzu, &#132;nein, ich bereue nichts&#148;, also das, was wir getan haben, war nur m\u00f6glich, weil wir neben dem politischen Denken uns auch die Tr\u00e4ume bewahrten, weil wir trotz der weit verbreiteten politischen K\u00e4lte, die auf unserer Gesellschaft lastet, uns tausenden Freundinnen und Freunden durch eine Art W\u00e4rmestrom verbunden f\u00fchlen, weil wir nie Bosheit oder gar Hass mit gleicher M\u00fcnze heimgezahlt haben, weil wir schlussendlich trotz der tristen allgemeinen und gro\u00dfen Hoffnungslosigkeit unsere kleine Hoffnung auf die Ver\u00e4nderbarkeit zum Besseren nicht aufgeben wollen.<br \/>Es geht uns nicht darum, &#132;die Starken&#148;, &#132;die Besseren&#148; sein zu wollen. Ich f\u00fchle mich jedenfalls nicht stark und gestehe frank und frei, dass ich in meinem politischen Leben viele \u00c4ngste zu \u00fcberwinden hatte. Ich konnte mich auch nie angst frei vor Milit\u00e4rfahrzeuge, Pershing-2- und Cruise -Missiles-Transporte oder vor Bombenz\u00fcge, die f\u00fcr den Golfkrieg rollten, setzen. F\u00fcr mich galt stets: Zukunft schaffen die, die Angst haben und dennoch handeln.<br \/>Heute, 13 Jahre nach der ersten gro\u00dfen Sitzblockade vor dem Mutlangen-Depot, wei\u00df ich, wie schwer es ist, unsere damalige Parole zu verwirklichen, die wir auf ein Tuch gedruckt hatten: &#132;Das weiche Wasser bricht den Stein&#148;. Denn der Stein ist hart, und er ist hei\u00df.<br \/>Das, was wir heute tun, ich meine konkret unser Handeln im ehemaligen Jugoslawien, ist ebenfalls eher ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein. Schlimmer noch: Der harte, hei\u00dfe Stein w\u00e4chst weltweit.<br \/>So sind wir wieder bei Hoffnungen und Tr\u00e4umen. Ich glaube, es geht in dieser Situation der Kriege und einer bereits mit allzu viel \u00f6kologischer Zerst\u00f6rung \u00fcberzogenen Erde um so mehr darum, nicht nur diese schlimmen Sachen anzuprangern, sondern ganz praktisch an unverk\u00fcrzten Menschenrechten, das hei\u00dft an demokratisch-pazifistischer Politik festzuhalten.<br \/>Hannes und mein Lernen, unsere vielf\u00e4ltigen Erfahrungen haben f\u00fcr uns dazu gef\u00fchrt, auf die Chancen eines anscheinhaften Einflusses zu verzichten.<br \/>Zu verzichten auf viele m\u00e4chtig motivierende Illusionen des Einflusses. Wir denken, dass gerade machtpolitische Enthaltsamkeit uns frei macht wenigstens das zu tun, was trotz alledem nottut.<br \/>Aber wie soll das gehen, wenn alles radikal-demokratische Handeln nur der erw\u00e4hnte Tropfen auf den hei\u00dfen Stein ist? Ich denke: Die politische Philosophie und Strategie des Tropfens umschlie\u00dft im Kern das Wissen, dass solche Tropfen \u00fcber die Jahrzehnte, ja die Jahrhunderte hinweg eine Art menschenrechtlich-pazifistische Zeichensprache bilden. Und diese spricht immer wieder zu neuen Menschen, die sich darum scharen.<br \/>In diesem Sinne lebt diese politische Philosophie des Tropfens von der Gewissheit, dass Frieden nur dann m\u00f6glich wird, wenn man ihn praktiziert. Oder, um Gandhi zu zitieren: &#132;Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.&#148; Also kann sich im Tropfen eine konkrete Utopie verdichten.<br \/>Der Tropfen wird zum Meer, das die schlechte kriegerische Politik aufhebt. Das ist mit Sicherheit nicht die herrschende politische Realit\u00e4t, aber eine Hoffnung, die ermutigt und f\u00fcr die es lohnt, weiterzumachen.<br \/>Der allzu selbstverst\u00e4ndliche Einwand: Sind wir im Auf und Ab der basispolitischen Bewegungen seit der gro\u00dfen Friedensbewegung der 80er Jahre nicht sichtbar weniger geworden? Eine Antwort vielleicht: Viele sind noch da. Neue kommen hinzu. Denken wir zum Beispiel an die zahllosen kleinen Gruppen, die sich im Umweltschutz engagieren, oder an die Gruppen, die durch direkte Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende de facto-Abschaffung des Menschenrechts auf Asyl praktisch widersprechen.<br \/>Denken wir zum Beispiel an den lokalen und zugleich bundesweiten Widerstand in Gorleben oder anderswo. Denken wir an die immer erneuten mutigen Aktionen gegen Atombombentests, die sicher mit dazu beigetragen haben, dass der Internationale Gerichtshof k\u00fcrzlich den Einsatz von Atomwaffen als Versto\u00df gegen das V\u00f6lkerrecht verurteilt hat, was letztlich die Forderung nach Abschaffung aller Atomwaffen bedeutet.<br \/>Aber auch &#8211; und ich wei\u00df nicht, ob dies von allen gen\u00fcgend beachtet wird: Beginnend mit einigen wenigen ersten totalen Kriegsdienstverweigerern verbreitert sich seit einigen Jahren bei einem erheblichen Teil der jungen Leute ein radikaler gewaltfreier Antimilitarismus, der selbst den Herren auf der Hardth\u00f6he bereits Sorgen macht. Ende der 50er bis weit in die 60er Jahre waren die wenigen tausend Kriegsdienstverweigerer als Dr\u00fcckeberger diffamiert. Heute stelle ich mir oft die Frage &#8211; allerdings ohne jemanden diffamieren zu wollen: Sind nicht vielmehr jene Dr\u00fcckeberger, die dem Einberufungsbefehl zur Bundeswehr willenlos folgen? Sicher erf\u00fcllt sich die Forderung nach einer Bundesrepublik Deutschland ohne Armee nicht durch eine Vernunftsentscheidung auf der Ebene der hohen Politik. Aber wie wenig wert ist eine Armee, der die Jugend davon l\u00e4uft und der eine Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger den Respekt versagt?<br \/>Wenn ich diese von mir so beobachtete Rekonstruktion von graswurzlerischem Handeln hierzulande mit meinen Erfahrungen bei bislang 68 humanit\u00e4ren und politischen Reisen ins ehemalige Jugoslawien vergleiche, so kann ich auch dort feststellen, dass vor allem aus der westeurop\u00e4ischen Friedens- und Menschenrechtsbewegung Tausende junger Leute aus freien St\u00fccken und ohne jede Verg\u00fctung in den Fl\u00fcchtlingslagern gearbeitet haben. Noch mehr Hilfsaktionen von kleinen Gruppen hat es gegeben und oft kamen sie von friedensbewegten Menschen. Aber auch, dass mitten im Krieg in den <br \/>ex jugoslawischen Nachfolgerepubliken zahlreiche Antikriegs-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen entstanden sind, ist meines Wissens in der weltweiten Friedensbewegung ein Novum. Diese Arbeit ist nicht chancenlos.<br \/>Es wird zwar sehr, sehr lange dauern, bis der anfangs von den Oberen gepredigte Hass, der dann durch den m\u00f6rderischen Krieg seine &#132;Best\u00e4tigung&#148; erfahren sollte, abgebaut ist. Aber es begegnen uns immer mehr Menschen, die nur eines w\u00fcnschen: Frieden und letztlich auch Verst\u00e4ndigung. Ein kleines Beispiel: Bei einer Freizeit an der K\u00fcste bei Makarska in Kroatien mit 200 muslimischen Fl\u00fcchtlingskindern aus Tuzla war der etwa 25j\u00e4hrige Discjockey \u00fcber die Tanzerei und Freude der Kinder so ger\u00fchrt, dass er uns sagte, ihm sei nun endg\u00fcltig klar geworden, welcher Irrsinn es war, dass er auf koratischer Seite gegen die V\u00e4ter dieser muslimischen Kinder gek\u00e4mpft h\u00e4tte, und er habe davon endg\u00fcltig die Schnauze voll, wie die meisten seiner Freunde.<br \/>Wie gesagt, seit 1991 habe ich Hilfsreisen ins ehemalige Jugoslawien unternommen. Die \u00fcberbrachte Hilfe, die sowohl humanit\u00e4ren Zwecken als auch Friedens- und Menschenrechtsgruppen zugute kommt, bel\u00e4uft sich inzwischen auf 11,6 Millionen D-Mark. Alleine f\u00fcr die Kinderfreizeiten in diesem Sommer wurden rund 900 000 D-Mark eingesetzt.<br \/>Das gesamte Geld kommt von Spenden vorwiegend von einzelnen und Gruppen der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der Bundesrepublik. Einerseits spricht diese Hilfe f\u00fcr sich. Andererseits hat sie vielen Gruppen geholfen, die praktische Friedensarbeit gegen die offizielle Hasspropaganda durchzuhalten.<br \/>Es sollte nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass die diesj\u00e4hrigen 13 Freizeiten f\u00fcr 2992 Kriegskinder die gr\u00f6\u00dfte derartige Aktion im gesamten ehemaligen Jugoslawien war. Dabei geht es nicht in erster Linie um Quantit\u00e4t.<br \/>Die Kinder kamen aus allen drei gro\u00dfen Volksgruppen, also muslimische Kinder, kroatische Kinder und serbische Kinder. Es haben ebenso Kinder ungarischer, slowenischer, slowakischer Herkunft sowie einige j\u00fcdische und Roma-Kinder teilgenommen. In dieser Kinderferien-Aktion sind viele Aspekte miteinander verwoben.<br \/>So trifft allem anderen voran grunds\u00e4tzlich zu, dass das zukunftsorientierte friedenspolitische Engagement mit den Kindern demjenigen entgegensteht, was von den jeweiligen Regierungen und herrschenden Gruppen mit Kindern gemacht wird. Wenn man sie nicht achtlos neben liegen l\u00e4sst oder gar um brachte, werden sie vom jeweiligen Feind der oberfl\u00e4chlich moralisierenden \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber zu Propagandazwecken eingesetzt.<br \/>Wir dagegen meinen, dass diese Kinder nur dann eine neue und m\u00f6glichst friedensreiche Zukunft mit schaffen k\u00f6nnen, wenn sie in der Lage sind und dazu instand gesetzt werden, das l\u00e4hmend-schockierende Geh\u00e4use vergangener Erfahrungen, denen sie w\u00e4hrend des Krieges ausgesetzt gewesen sind, zu verlassen und sich im besten Sinne des Wortes von diesen schrecklichen Erlebnissen teilweise zu emanzipieren.<br \/>Das wird nur dann m\u00f6glich sein, wenn sie jetzt und in Zukunft unter Bedingungen aufwachsen, die einen solchen langsamen Heilungs und Emanzipationsprozess erm\u00f6glichen, wenn sie au\u00dferdem \u00fcber Bilder &#8211; und sei es nur schlaglichtartig &#8211; und \u00fcber Erfahrungen verf\u00fcgen, die ihnen eine Welt ohne Krieg, eine Welt spassvollen Zusammenseins er\u00f6ffnen. Nur dann wird ein Weg ins Freie m\u00f6glich sein.<br \/>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen 14 Tage Kinderfreizeit eine solche zureichende Erfahrung nicht bieten. Doch meine Hoffnung besteht darin, und sie hat sich auch in diesem Jahr wieder weitgehend best\u00e4tigt, dass solche Kinderfreizeiten ein St\u00fcck anderen Raum jenseits allen Kriegsget\u00fcmmels und aller zerst\u00f6rten Landschaft erzeugen, also wie ein Sonnenstrahl im lange abgedunkelten Keller, wie ein Lichtfleck, wie eine Oase in der W\u00fcste wirken, sind es auch nur 14 Tage f\u00fcr das einzelne Kind, so bringen diese doch Erlebnisse, an die sich die Kinder ein Leben lang erinnern m\u00f6gen, die sie selbst vielleicht zu einem humanen Verhalten, sp\u00e4ter als Erwachsene, orientieren.<br \/>Also kommt, zugespitzt gesagt, in diesen Kinderfreizeiten das Beste all unserer friedenspolitischen Aktivit\u00e4ten wie in einem Kristall zum Ausdruck. Zwar k\u00f6nnen diese Kinderfreizeiten nicht die allgemeine schreckliche Situation \u00e4ndern. Sie verm\u00f6gen den getretenen, beleidigten, verletzten Kindern, denen f\u00fcrs erste ihre Zukunft frontal verstellt worden ist, nicht wie auf einer Drehb\u00fchne vom Krieg zum Frieden zu verhelfen. Auch sie, diese Kinderfreizeiten, sind gemessen am gesamten Elend, viel zu wenig an Hilfe. Und doch meine ich, lohnt sich menschenrechtlich und demokratisch alles, um dieser Sonnenstrahlen und der m\u00f6glichen Wirkungen willen, die aus der Ahnung friedlicher Normalit\u00e4t sich entwickeln m\u00f6gen.<br \/>Ich wei\u00df, Hanne und ich haben den Fritz-Bauer-Preis nicht in erster Linie f\u00fcr das erhalten, wor\u00fcber ich am l\u00e4ngsten gesprochen habe. Dieser Preis gilt einem gemeinsamen politischen Lebenswerk und ist insbesondere unserem Wirken, beim Eintreten f\u00fcr unverk\u00fcrzte B\u00fcrgerrechte gewidmet. Da von den politisch Herrschenden auf diesem Gebiet zur Zeit mehr Schritte r\u00fcckw\u00e4rts gemacht werden als vorw\u00e4rts, kommt sowohl im Umgang mit Asylsuchenden und Fl\u00fcchtlingen als auch in der nicht abrei\u00dfenden Kette immer neuer so genannter Sicherheitsgesetze zum Ausdruck, die man korrekterweise Gesetze zur Vernebelung und zur Knebelung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bezeichnen sollte.<br \/>Es hat Hanne und mich allerdings sehr gefreut, dass die Humanistische Union mit der Vergabe des Fritz-Bauer-Preises an uns dazu aufgerufen hat, Patenschaften f\u00fcr die diesj\u00e4hrigen Kinderfreizeiten zu \u00fcbernehmen. Wir bedanken uns bei der Humanistischen Union f\u00fcr diesen Preis und f\u00fcr den besonderen Aufruf, der, soweit wir es feststellen konnten, erfolgreich war.<br \/>Obwohl auch ich ein gewisses ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu Auszeichnungen habe, also eine Preisverleihung f\u00fcr etwas, was ich eigentlich ganz selbstverst\u00e4ndlich tue, nicht erwarte, will ich nicht verhehlen, dass mir der Fritz-Bauer-Preis f\u00fcr uns beide, also f\u00fcr Hanne und mich, Freude bereitet. Nicht zuletzt deshalb, weil der Preis uns beiden gewidmet wurde, denn damit wird die besondere Qualit\u00e4t unserer Partnerschaft und Zusammenarbeit gew\u00fcrdigt.<br \/>Ein letztes. F\u00fcr mich war Fritz Bauer, wenngleich nur f\u00fcr die Zeit von etwa 5 Jahren, und zwar von 1963 bis zu seinem Tod 1968, ein v\u00e4terlicher und vor bildhafter Weggef\u00e4hrte.<br \/>In dieser Zeit war ich neben manchen anderen Aktivit\u00e4ten Landesjugendleiter der hessischen Naturfreunde.<br \/>Fritz Bauer war mehrfach Referent auf unseren Landesseminaren. Damals habe ich von ihm gelernt, dass das geltende Recht und die herrschende Rechtspflege weitgehend wirklichkeitsfremd sind.<br \/>Fritz Bauer behauptete ebenso ironisch wie provokativ, das Strafrecht stehe der Bek\u00e4mpfung der Seuchen und der Regelung des Gas- und Wasserwesens n\u00e4her als dem, was gemeinhin als Ethik und Moral bezeichnet wird. Auch das hat meinen weiteren politischen Weg gepr\u00e4gt und mein demokratisches Rechtsempfinden erheblich sensibilisiert. Ich m\u00f6chte noch darauf hinweisen, dass auf dem ausgelegten Plakat &#132;Deutsche Asylanten&#148; eine Fotografie Fritz Bauers das erste Bild oben im Plakat ziert. Er musste wegen anti-nationalsozialistischer Bet\u00e4tigung 1936 aus Deutschland fl\u00fcchten.<br \/>In diesem Sinne m\u00f6chte ich meine Ausf\u00fchrungen mit zwei Zitaten von Fritz Bauer schlie\u00dfen: Erstes Zitat &#8211; Fritz Bauer sagte dies \u00f6ffentlich, als er bereits hessischer Generalstaatsanwalt war: &#132;Der Staat sch\u00fctzt bestimmte Interessen. Mit Moral hat dies nichts zu tun. Die Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung lehren uns, wie wandelbar diese Interessen sind. Niemand kann in Abrede stellen, dass zweifelhafte Interessen gesch\u00fctzt wurden und werden. So wissen wir, dass viele Interessen klassenbedingt waren und sind. Es bedarf heute nur eines Hinweises auf den weiten Bereich dessen, was man gemeinhin &#132;Wei\u00dfe-Westen-Kriminalit\u00e4t&#148; nennt. Darunter verstehen wir beispielsweise die Steuerdelikte und Monopolvergehen, durch die &#8211; in aller Regel ungeahndet &#8211; Sch\u00e4den von Millionen und Milliarden entstehen, denen gegen\u00fcber so gut wie alle Diebst\u00e4hle Harmlosigkeiten sind.&#148;<br \/>Zweites und kurzes Zitat: &#132;Wir k\u00f6nnen aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur H\u00f6lle wird.&#148;<br \/>Nochmals vielen Dank f\u00fcr eure Geduld. Vielen Dank f\u00fcrs Zuh\u00f6ren.<br \/>Der Nachteil, wenn man einen Preis erh\u00e4lt, kann sein, dass man auch eine Rede halten muss und nicht unbedingt so recht wei\u00df wie. Da ist es zweifellos ein Vorteil, dass man so ziemlich alles sagen darf, was man will.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[850,667],"autoren":[2352],"publikationen":[1226],"class_list":["post-12075","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-vack","publikationen-136-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dankesrede von Klaus Vack anl\u00e4sslich der Preisverleihung 1996 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/dankesrede-von-klaus-vack-anlaesslich-der-preisverleihung-1996\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Dankesrede von Klaus Vack anl\u00e4sslich der Preisverleihung 1996 - 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