{"id":12076,"date":"1977-01-28T14:04:00","date_gmt":"1977-01-28T13:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-braunschweiger-schulbuchinstitut-oder-das-vermaechtnis-des-professors-georg-eckert\/"},"modified":"1977-01-28T12:00:00","modified_gmt":"1977-01-28T11:00:00","slug":"das-braunschweiger-schulbuchinstitut-oder-das-vermaechtnis-des-professors-georg-eckert","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/das-braunschweiger-schulbuchinstitut-oder-das-vermaechtnis-des-professors-georg-eckert\/","title":{"rendered":"Das Braunschweiger Schulbuchinstitut"},"content":{"rendered":"<p>oder: Das Verm\u00e4chtnis des Professors Georg Eckert<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 98-101<\/p>\n<p>Vor kurzem hat das mainzer Kabinett unter Ministerpr\u00e4sident Bernhard Vogel beschlossen, dem Kuratorium des Georg-Eckert-Instituts Braunschweig beizutreten. Einen \u00e4hnlichen Schritt erwartete die nieders\u00e4chsische Regierung Anfang Februar vom Kabinett Filbinger; bekannt-geworden ist dar\u00fcber bisher nichts. Ferner lassen \u00c4u\u00dferungen aus D\u00fcsseldorf darauf schlie\u00dfen, da\u00df auch die nordrhein-westf\u00e4lische Regierung dem genannten Kuratorium beitreten will.<br \/>Wer oder was das Georg-Eckert-Institut ist, l\u00e4\u00dft sich am besten an dem Mann darstellen, dessen Namen diese Einrichtung tr\u00e4gt, Georg Eckert, geboren 1912, religi\u00f6ser Sozialist, 1974 einer Herzattacke erlegen, war Geschichtsprofessor an der P\u00e4dagogischen Hochschule Braunschweig. Als er 1946 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, verschrieb er sich als Mitglied der Lehrergewerkschaft der V\u00f6lkervers\u00f6hnung. In ihm bohrte, wie er sich einmal ausdr\u00fcckte, die &#132;Null-Stunde&#148;, die &#132;revolution\u00e4re Situation, da\u00df alle deutschen Schulb\u00fccher erneuert werden m\u00fc\u00dften&#148;. Unter diesem Zeichen stellte Eckert den Lehrplan f\u00fcr den Geschichtsunterricht an den Volksschulen des damaligen Landes Braunschweig auf; es war der erste Plan dieser Art in der &#132;Bizone&#148;. Das n\u00e4chste Projekt war die \u00dcberlegung, die neuen Geschichtsb\u00fccher zusammen mit gleichgesinnten Experten anderer Nationen auszuarbeiten, die Schulb\u00fccher von Nationalismen, eingefleischten Vorurteilen und b\u00f6swilligen Diffamierungen ohne Besch\u00f6nigung des Vergangenen freizuhalten und gegen\u00fcber dem Ausland dazutun; da\u00df es auch ein &#132;anderes Deutschland&#148; gegeben hatte.<br \/>Im Sommer 1949 schon organisierte Eckert die erste deutsch-englische Schulbuchtagung, 1950 fuhr er mit einem Handk\u00f6fferchen voller Geschichtsb\u00fccher nach Paris. Seither hat das Schulbuch-Institut der Braunschweiger PH, zuletzt freilich in einer formelleren Verfassung, rund zweihundert solcher Tagungen durchgef\u00fchrt. Das ging meist so vor sich, da\u00df man zun\u00e4chst bilateral die Schulb\u00fccher durchforschte, dar\u00fcber Gutachten anfertigte und diese einer Konferenz von Experten vorlegte, die daraus Empfehlungen f\u00fcr Schulbuchautoren und Verleger verfertigte. Au\u00dfer der Landesregierung unterst\u00fctzten den vers\u00f6hnungswilligen Professor der Europarat und die Unesco. Nicht von ungef\u00e4hr wurde er sp\u00e4ter Pr\u00e4sident der deutschen Unesco-Kommission. Diese Position, seine Bescheidenheit, Hingabe und Fachkenntnisse \u00f6ffneten ihm fast alle T\u00fcren, so da\u00df er anfangs der 60er Jahre feststellen konnte, da\u00df die Revision der westlichen Schulb\u00fccher im wesentlichen abgeschlossen sei.<br \/>Nach einigen Abstechern in die Dritte Welt pochte der &#132;Schulbuchentgifter&#148; an den Eisernen Vorhang, vor allem an die T\u00fcren der slawischen Welt. Ein verhei\u00dfungsvoller Auftakt mit Historikern der CSSR &#150; man war mit dem &#132;Aufr\u00e4umen&#148; der Geschichte bis zu den Hussiten vorgedrungen &#150; wurde durch die Ereignisse vom August 1968 unterbrochen und seither nicht wieder aufgenommen. 1972 &#150; nach Abschlu\u00df der Warschauer Vertr\u00e4ge &#150; begannen Beratungen mit polnischen Fachkollegen. Sie sind nach neun Konferenzen in Warschau und Braunschweig mit der Behandlung der Zeitgeschichte in die heikelste Phase eingetreten, weil zur Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit noch ideologische Hemmschuhe und die Einbindung in zwei Machtbl\u00f6cke kamen, und sie haben mit der Endreaktion von 26 Empfehlungen einen gewissen Abschlu\u00df erreicht, der durch Fachkonferenzen noch abgerundet werden soll. Eckert erlebte diese Phase nicht mehr, er starb im Januar 1974 nach der f\u00fcnften Konferenz.<\/p>\n<p>Der Tod des Professors Eckert zeigte, da\u00df alle bisherige Schulbuchrevision das Werk dieses Mannes war. Zwar trug sein Schulbuchinstitut l\u00e4ngst die Bezeichnung &#132;international&#148;, zwar hatte bereits 1967 der Europarat das Institut zum &#132;clearing house&#148; der Mitglieder f\u00fcr die Schulbuchrevision ernannt und die meisten Aktionen erfolgten im Namen der Unesco, aber was Eckert nicht mit diplomatischem Geschick in die Wege geleitet hatte, geschah nicht. Die L\u00fccke, die sein Tod gerissen hatte, konnte nur durch eine Institution gef\u00fcllt werden, und so wurde damals im Scho\u00df der Sozialliberalen Koalition Niedersachsens (der Braunschweiger Eckert war seit je mit dem aus Braunschweig stammenden Ministerpr\u00e4sidenten Kubel befreundet) die Idee eines Georg-Eckert-Instituts mit \u00f6ffentlich-rechtlichem Charakter geboren. Der Gesetzentwurf sah eine enge Bindung an das Land Niedersachsen durch entsprechende Besetzung des &#132;Kuratoriums&#148; vor, das den &#132;Direktor&#148; des Instituts in seiner Arbeit unterst\u00fctzen sollte.<br \/>Die damals oppositionelle CD U forderte dagegen, da\u00df das nieders\u00e4chsische Patronat an den Kreis der Kultusministerkonferenz abgetreten werde, mit anderen Worten: die CDU wollte mitreden. Diese Bestrebungen fanden Unterst\u00fctzung bei der Bundesregierung, weil in Bonn polnische Klagen vorlagen, da\u00df die oft hart erarbeiteten &#132;Empfehlungen&#148; der Konferenzen in manchen Bundesl\u00e4ndern an den Plafond der Kulturhoheit stie\u00dfen. Die Bundesregierung lie\u00df demnach wissen, da\u00df sie in Zukunft Geld nur beisteuern werde, wenn die KMK an die erarbeiteten Ergebnisse der Schulbuchrevision gebunden werde.<br \/>Die Niedersachsen passten sich an. Das vor-gesehene Kuratorium wurde im Gesetz von neun auf neunzehn Mitglieder dadurch erweitert, da\u00df jedes Bundesland darin durch einen Abgesandten des zust\u00e4ndigen Ministers vertreten ist. Mit dem Beitritt ist die Verpflichtung verbunden, nach dem K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel die fixen Kosten des Instituts mitzutragen, das sind j\u00e4hrlich rund 400000 DM (1976: 378000 DM). Die Projekt-kosten (f\u00fcr die Konferenzen) in H\u00f6he von ZO 000 bis 30 000 DM pro Veranstaltung besorgte Eckert (jetzt sein Nachfolger) jeweils beim &#132;Bund&#148;, bei VW-Stiftung und Deutscher Forschungsgemeinschaft usw. Dem so abge\u00e4nderten Gesetz stimmte auch die CD U zu, sie \u00fcbernahm es, \u00fcber den damaligen Mainzer Kultusminister Vogel die CDU-gef\u00fchrten L\u00e4nder zum Beitritt zu bewegen. Die SPD \u00fcbernahm diese Aufgabe f\u00fcr die von ihr regierten L\u00e4nder.<br \/>Das Gesetz trat am 1. Juli 1975 in Kraft. Nach Eckerts Tod hatte der Wissenschaftsminister einem &#132;Wissenschaftlichen Beratergremium&#148;, bestehend aus den Professoren Marien feld (Hannover), Mertineit (Flensburg), von Thadden (G\u00f6ttingen) und W\u00f6hlke (Berlin), die Verantwortung f\u00fcr die Fortsetzung der Institutsarbeit \u00fcbertragen. Sprecher des Gremiums ist Professor Bachmann, Rektor der P\u00e4dagogischen Hochschule Niedersachsen. Er \u00fcbernahm gleichzeitig bis zur Berufung eines Direktors, wie ihn das Gesetz vor-sieht, die Leitung des Instituts. Beirat und Interimsdirektor amtieren heute noch, denn au\u00dfer Ver\u00f6ffentlichung des Gesetzestextes hat sich am Institut seither nicht viel ver\u00e4ndert. Zum Teil ist das darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, da\u00df die im April 1976 von der deutsch-polnischen Kommission verabschiedeten &#132;Empfehlungen&#148; unter Beschu\u00df geraten waren, zum anderen Teil aber, weil Anfang 1976 in Hannover die CDU die Regierungsgesch\u00e4fte \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Der erste Schu\u00df gegen die deutsch-polnischen Empfehlungen kam aus den Reihen der Vertriebenenverb\u00e4nde. Es ging um die Zeitabschnitte nach 1945 und dabei um zwei Passagen. Einmal hie\u00df es in den Empfehlungen, die territorialen Ver\u00e4nderungen bei Kriegsende seien &#132;mit umfangreichen Bev\u00f6lkerungsverschiebungen verbunden&#148; gewesen. Zum anderen wurde von der starken Wirkung der &#132;deutschen Zweistaatlichkeit&#148; auf das deutsch-polnische Verh\u00e4ltnis gesprochen.<br \/>Ein nieders\u00e4chsischer CDU -Abgeordneter nahm die Beanstandungen auf und heischte von der neugebackenen Minderheitsregierung Albrecht Antwort, ob sie dies decke und ob sie diese Darstellung der deutsch-polnischen Beziehungen f\u00fcr ausgewogen halte.<br \/>Die Regierung Albrecht lie\u00df sich Zeit, denn inzwischen hatte der Ministerpr\u00e4sident durch sein Ein-treten f\u00fcr die deutsch-polnischen Vertr\u00e4ge im Bundesrat der Bundes-CDU eine M\u00f6glichkeit gezeigt, in der Ostpolitik bessere Wege zu beschreiten. Au\u00dferdem lag eine Warschauer Einladung an Albrecht zu einem Besuch in Polen vor. Die Antwort, vier Monate nach der Anfrage des CDU-Abgeordneten, fiel entsprechend &#132;diplomatisch&#148; aus. Zum Komplex &#132;V\u00f6lkerverschiebung&#148; (statt &#132;Massenvertreibung&#148;) wurde darauf verwiesen, da\u00df die Empfehlung im n\u00e4chsten Absatz auch die Vokabeln &#132;fl\u00fcchten&#148;, &#132;ausweisen&#148; und &#132;zwangsaussiedeln&#148; enthalte. Zum zweiten Komplex bedauerte die Regierung, &#132;da\u00df durch die undifferenzierte Verwendung der Begriffe ,zwei deutsche Staaten` und ,deutsche Zweistaatlichkeit` der Eindruck entstehen kann, die Empfehlung verkenne die Besonderheit der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR als Teile eines immer noch existierenden umfassenden Staates Gesamtdeutschland mit einem einheitlichen Staatsvolk&#147;. Schlie\u00dflich ging die Regierung davon aus, da\u00df die Empfehlungen die bestehenden kontroversen Standpunkte nicht aufzuheben, h\u00f6chstens einander anzun\u00e4hern verm\u00f6gen und da\u00df sich daher eine &#132;m\u00f6glichst befriedigende Ausgewogenheit&#148; nicht erzielen lasse.<\/p>\n<p>Die letztere Feststellung trifft den Kern der Sache und sie zeigt zugleich eine kompromi\u00dfbereite CD U-Regierung. Die Antwort entspricht dem, was Eckert 1972 gesagt hatte, als die deutsch-polnischen Beratungen begannen: &#132;Es kann dabei weder Sieger noch Besiegte geben.&#148; Vor kurzem hat Professor Gotthold Rohde, Mainz, Mitautor der Empfehlungen, in der FAZ die Teilnehmer der deutschen Verhandlungskommission vor dem Vorwurf in Schutz genommen, sie h\u00e4tten vor den Polen kapituliert. An Beispielen wies Rohde nach, da\u00df um die meisten Formulierungen, die die Zeit nach 1945 betreffen, hart gerungen wurde, wobei beide Seiten nachgeben mu\u00dften. So sei bei der Erw\u00e4hnung des Verzichts auf Reparationen vom 1. Januar 1954 von polnischer Seite der Wunsch auf Einschaltung des Satzes erhoben worden: &#132; . . . ohne da\u00df damit auf polnische zivilrechtliche Anspr\u00fcche verzichtet wurde&#148;. Diesem Wunsch sei mit dem Argument pariert worden, da\u00df dann auch die zivilrechtlichen Anspr\u00fcche der deutschen Vertriebenen ausf\u00fchrlich behandelt werden m\u00fc\u00dften. Solche Kompromisse kamen zustande,\u00a0&#8220;\u00a0in geradezu dramatischen, immer wieder verl\u00e4ngerten und zeitweilig von Abbruch bedrohten Verhandlungen&#148;. Kritikern der Empfehlungen sei schlie\u00dflich ins Ged\u00e4chtnis gerufen, da\u00df in Polen bisher Begriffe wie &#132;Heimatvertriebene&#148; und in Zusammenhang damit Vokabeln wie &#132;Zwang&#148; und &#132;gro\u00dfe Verluste&#148; verp\u00f6nt waren. Das wird durch die Empfehlungen anders.<\/p>\n<p>Neben dem Vertriebenenverband rieb sich auch Bayern an den Empfehlungen. Es lehnte offiziell einen Beitritt zum Kuratorium mit der Begr\u00fcndung ab, da\u00df die Empfehlungen &#132;im Widerspruch zu den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bez\u00fcglich der Rechtslage Deutschlands&#148; (,&#130;Zweistaatlichkeit&#8220;) st\u00fcnden und da\u00df historische Fakten verschwiegen w\u00fcrden. Gemeint ist das Ribbentrop-Molotow-Abkommen.<br \/>Gegen letzteren Einwand wird von Konferenzteilnehmern vordergr\u00fcndig die Bilateralit\u00e4t der Vereinbarungen ins Treffen gef\u00fchrt: hier sei es um deutsch-russische, nicht um deutsch-polnisch-russische Beziehungen gegangen, das Molotow-Ribbentrop-Abkommen m\u00fcsse in einem gr\u00f6\u00dferen internationalen Rahmen abgehandelt werden. Zweifellos steckt in diesen Formulierungen R\u00fccksichtnahme auf Polens Stellung im Ostblock.<br \/>Alle Kritik aber rennt weitgehend ins Leere, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, was die Empfehlungen sein sollen. Sie sind keineswegs die Geschichtsschreibung selbst; das verbietet allein schon ihr Umfang. Sie sind Orientierungshilfen f\u00fcr die Beschreibung von kritischen Situationen in tausend Jahren Beziehungen zwischen dem deutschen und beispielsweise dem polnischen Volk. Manchmal waren die Situationen so kritisch, da\u00df auch die vers\u00f6hnungswilligen Experten nicht auf einen Nenner kamen. Dann steht Meinung neben Meinung, und so sollte es auch in den Geschichtsb\u00fcchern stehen, soweit angesichts des schrumpfenden Geschichtsunterrichts das betreffende geschichtliche Ereignis \u00fcberhaupt Erw\u00e4hnung findet.<\/p>\n<p>Ob es die Ablehnung Bayerns war oder der Regierungswechsel in Hannover &#8211; Tatsache ist, da\u00df die Verwirklichung des Gesetzes zum Georg-Eckert-Institut immer noch auf der Stelle tritt, Au\u00dfer Bayern hat auch das Saarland abgelehnt; nicht aus politischen, sondern aus finanziellen Gr\u00fcnden: Da es im Saarland keine einzige Einrichtung gem\u00e4\u00df K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel gebe, beteilige sich die saarl\u00e4ndische Regierung an keiner solchen Institution. Ohne Beteiligung der L\u00e4nder gibt es kein Kuratorium, ohne Kuratorium keinen neuen Direktor. Die nieders\u00e4chsische Regierung hat &#8211; bisher vergeblich &#8211; einen finanziellen K\u00f6der ausgelegt: Laut Gesetz m\u00fcssen die L\u00e4nder, die bisher beigetreten sind, den Anteil der noch nicht beigetretenen L\u00e4nder gemeinsam tragen; Hannover hat sich nun bereit erkl\u00e4rt, diese finanzielle B\u00fcrde allein zu tragen, bis das Kuratorium komplett ist. Ferner hat der Staatssekret\u00e4r im Wissenschaftsministerium, Axel von Campenhausen, eine politische Erleichterung in den Vordergrund geschoben: die Kultusminister seien ja garnicht verpflichtet, sich an die Empfehlungen zu halten. Das ist . formal richtig, in dieser unverbl\u00fcmten Form aber ein Versto\u00df gegen den Geist, der bei der Umformung des urspr\u00fcnglichen Gesetzentwurfes obwaltete. Wie erw\u00e4hnt, folgten die nieders\u00e4chsischen Gesetzesmacher damals dem Wunsch der Bundesregierung, die atmosph\u00e4risch wertvolle, staatsrechtlich aber mehr oder weniger unverbindliche Arbeit Eckerts an die Kultusministerkonferenz zu binden, soweit dies der bundesdeutsche Kulturf\u00f6deralismus zul\u00e4\u00dft. Der Wunsch der Bundesregierung ergibt sich aus der Tatsache, da\u00df sie seit drei Jahren bei internationalen Kulturabkommen die Schulbuchrevision in die Vertr\u00e4ge aufnimmt.<br \/>Unverst\u00e4ndlich ist aber auch, warum die SPD-gef\u00fchrten L\u00e4nder das Erbe Eckerts nicht mitverantworten wollen, zumal der fr\u00fchere Ministerpr\u00e4sident Kubel seinen ehemaligen Kollegen K\u00fchn, Sch\u00fctz und Koschnik wiederholt ins Gewissen geredet hat. Freilich leuchtet auch das Z\u00f6gern der CDU-gef\u00fchrten L\u00e4nder nicht ein, denn Konstruktion und Befugnisse des Kuratoriums sind geeignet, eine wie immer geartete Majorisierung zu verhindern.<\/p>\n<p>Gekl\u00e4rt werden m\u00fcssen \u00fcberdies noch die Absichten der nieders\u00e4chsischen Regierung. Ministerpr\u00e4sident Ernst Albrecht hat auf seiner Goodwill-Reise nach Polen in der ersten Dezemberh\u00e4lfte 1976 im Er\u00f6ffnungsgespr\u00e4ch mit dem neuen Au\u00dfenminister Wojtaszek gesagt, er und sein (anwesender) Kultusminister Remmers w\u00fcrden, weil mit der Grundtendenz der Empfehlungen einverstanden, bei der Zulassung neuer Schulb\u00fccher darauf achten, da\u00df diese der Verst\u00e4ndigung dienen und ein Bild der Geschichte vermitteln, das auch dem polnischen Volk Rechnung trage. Bereits am n\u00e4chsten Tag, gegen\u00fcber dem polnischen Minister f\u00fcr Erziehung und Wissenschaft, sprach Albrecht davon, da\u00df die Empfehlungen &#132;vage formuliert und dadurch in ihrem Inhalt etwas bla\u00df&#148; seien. Zu diesem Zeitpunkt waren CDU und CSU durch Kreuth noch entzweit. Als Albrecht nach hause kam, stand die Wiedervereinigung der beiden Parteien bevor, und der Ministerpr\u00e4sident lie\u00df jetzt \u00fcber dpa verbreiten, seine Regierung k\u00f6nne den Empfehlungen nicht vorbehaltlos zustimmen, es d\u00fcrften weder die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit, noch bestehende Probleme der Gegenwart im Normalisierungsproze\u00df beider L\u00e4nder bagatellisiert werden. Sehr viel Goodwill ist da nicht mehr herauszulesen. Die SPD-Landtagsfraktion hat nun einen Entschlie\u00dfungsantrag eingebracht, dessen Behandlung &#8211; durch Abstimmung &#8211; nicht nur Klarheit \u00fcber die Absichten Albrechts, sondern auch \u00fcber die Haltung seines neuen Koalitionspartners FDP bringen d\u00fcrfte. Der linke Teil der FDP-Fraktion hatte sich vor anderthalb Jahren sehr tatkr\u00e4ftig f\u00fcr das Institut eingesetzt<\/p>\n<p>Schulbuchrevision ist, es l\u00e4\u00dft sich nicht leugnen, immer ein St\u00fcck Politik und Diplomatie. Das d\u00fcrfte nicht zuletzt Interimsdirektor Bachmann wissen. In den Schr\u00e4nken des Instituts liegen seit Jahresfrist sowjetische Schulb\u00fccher, die auf eine. Revision im Sinne Eckerts untersucht werden sollen. Die Ereignisse um die deutsch-polnischen Empfehlungen lassen ahnen, um wieviel delikater Schulbuch-Beratungen mit der kommunistischen Supermacht sein werden. Sie d\u00fcrften ohne die im Gesetz vorgesehene R\u00fcckendeckung &#8211; im Kuratorium werden auch der Bundesregierung zwei Pl\u00e4tze zugestanden &#8211; nicht m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p>Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die anderen V\u00f6lker getan haben. Deutschland war ihr theoretisches Gewissen. Die Abstraktion und \u00dcberhebung seines Denkens hielt immer gleichen Schritt mit der Einseitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirklichkeit &#8230;<br \/>Es fragt sich: kann Deutschland zu einer Praxis \u00e4 la hauteur des principes gelangen, d.h. zu einer Revolution, die es nicht nur auf das offizielle Niveau der modernen V\u00f6lker erhebt, sondern auf die menschliche H\u00f6he, welche die n\u00e4chste Zukunft dieser V\u00f6lker sein wird.<br \/>Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt mu\u00df gest\u00fcrzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist f\u00e4hig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel f\u00fcr den Menschen ist aber der Mensch selbst! Der evidente Beweis f\u00fcr den Radikalismus der deutschen Theorie, also f\u00fcr ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, da\u00df der Mensch das h\u00f6chste Wesen f\u00fcr den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist, Verh\u00e4ltnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!<\/p>\n<p><i>Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung (1843).<\/i><\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2353],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12076","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-josef-schmidt","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Braunschweiger Schulbuchinstitut - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/das-braunschweiger-schulbuchinstitut-oder-das-vermaechtnis-des-professors-georg-eckert\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das Braunschweiger Schulbuchinstitut - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"oder: Das Verm\u00e4chtnis des Professors Georg Eckert aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 98-101 Vor kurzem hat das mainzer Kabinett unter Ministerpr\u00e4sident Bernhard Vogel beschlossen, dem Kuratorium des Georg-Eckert-Instituts Braunschweig beizutreten. 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