{"id":12094,"date":"1985-11-30T18:00:00","date_gmt":"1985-11-30T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-pulverfass-arbeitslosigkeit\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"das-pulverfass-arbeitslosigkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/das-pulverfass-arbeitslosigkeit\/","title":{"rendered":"Das Pulverfa\u00df Arbeitslosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. S. 17-21<\/p>\n<p>Der Arbeitsmarkt d\u00fcmpelt vor sich hin. Mit diesem gem\u00e4chlichen Seebild wird oft in der\u00a0 Presse die Lage umschrieben. Eine andere Metapher aber liegt n\u00e4her: Der Arbeitsmarkt, die Arbeitslosigkeit als Pulverfa\u00df, das ohne Beachtung unter anderen \u00bbStaatssachen\u00ab gelagert ist.<\/p>\n<p><i>Nichts Neues vom Arbeitsmarkt?<\/i><\/p>\n<p>Doch! Es gibt etwas Neues: Seit Sommerbeginn r\u00e4umt auch die Regierung ein, da\u00df selbst eine f\u00fcr dieses Jahr zu erwartende Produktionssteigerung von etwa 3% kaum zur Verminderung der Massenarbeitslosigkeit f\u00fchren werde. Noch zur Jahreswende las man es anders. Der Bundeswirtschaftsminister prognostizierte f\u00fcr 1985 gegen\u00fcber 1984 eine Abnahme der Arbeitslosigkeit um 200.000 Personen. Kleinlaut mu\u00dfte er eine erhebliche Steigerung im strengen Winter feststellen und selbst bei wieder milderen Temperaturen lagen die Zahlen jeden Monat um einige Zehntausende \u00fcber denen von 1984.<\/p>\n<p>Nichts Neues ist dies aber f\u00fcr jene, die sich nicht an den Prognosen von Regierung und Wirtschaftsinstituten, sondern an denen der\u00a0 Gesellschaftswissenschaftler orientiert haben. Hiernach kann mit Recht von der bestprognostizierten Krise seit einem halben Jahrhundert gesprochen werden. Schon vor einem Jahrzehnt wurde f\u00fcr die Zeit zwischen 1980 und 1990 Massenarbeitslosigkeit vorausgesagt, allerdings auch nur in H\u00f6he von gut anderthalb Millionen (1); sie liegt aber tats\u00e4chlich um 50% h\u00f6her. Im Oktober 1982, als die neue Kohl-Regierung in ihrer Wendefreude eine alsbaldige R\u00fcckkehr zur Vollbesch\u00e4ftigung versprach,prophezeite warnend der Deutsche Soziologentag des \u00bbEnde der Arbeitsgesellschaft\u00ab.<\/p>\n<p><i>Kein Aussitzen der Arbeitslosigkeit!\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Gleichwohl glauben Sachverst\u00e4ndigenrat und die meisten Wirtschaftsinstitute, es sei mit dem \u00bbbew\u00e4hrten\u00ab kapitalistischen Rezept einer Senkung der Arbeitskosten, also der L\u00f6hne, zu schaffen. Dagegen stehen aber folgende Daten: In der gro\u00dfen Wirtschaftskrise 1930 &#8211; 1933 nahm die Zahl der Besch\u00e4ftigten wie auch der Wirtschaftsproduktion &#8211; diese um 40% (2) &#8211; gewisserma\u00dfen im Gleichschritt ab. Es war also zu erwarten &#8211; und ist auch so geschehen &#151;, da\u00df eine Wiederankurbelung der Wirtschaft zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit f\u00fchren werde. Nach 1980 haben sich dagegen die Faktoren vertauscht: Die Produktion steigt, mit ihr aber auch die Arbeitslosigkeit. Die Unternehmergewinne stiegen um 30%, L\u00f6hne und Geh\u00e4lter dagegen nur um 6,4% &#151; bei Anrechnung der Geldentwertung ein Realverlust von etwa 5% (3). Letzteres f\u00fchrt dann auf dem Konsumsektor, au\u00dfer bei der Touristik, zu realen Verlusten.<\/p>\n<p>Es mag zwar sein, da\u00df Unternehmer bei geringeren Arbeitskosten Rationalisierungsinvestitionen zur\u00fcckstellen. Aber das ist ein Teufelsgeschenk. Wegen der internationalen Konkurrenz kommen wir schwerlich daran vorbei &#151; und dies haben ja auch die Gewerkschaften eingesehen &#151;, auf der Rationalisierungswelle mitzuschwimmen, sonst wird das Aufschieben von Investitionen in wenigen Jahren erst recht die Arbeitslosigkeit vermehren. Bezeichnend ist, da\u00df selbst die Unternehmer Ratschl\u00e4ge und Prognosen der Institute eher skeptisch aufnehmen und sich nach dem Schl\u00fcsselerlebnis des gro\u00dfen Streiks im vergangenen Sommer in der Beurteilung des Arbeitsmarkts den Gewerkschaften ann\u00e4hern. Um so lieber h\u00f6rt ja die Bundesregierung auf die Wirtschaftsinstitute, wenn ihr auch, wie ausgef\u00fchrt, klar geworden ist, da\u00df die g\u00fcnstigenfalls zu erwartende Produktionssteigerungen nicht zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit f\u00fchren werden. Aber sie denkt nicht daran, so noch Kohl nach dem Spitzengespr\u00e4ch mit den Gewerkschaftern Ende Juli, in den Arbeitsmarkt einzugreifen. Hier seien die Tarifparteien gefordert, er werde ihre Zusammenarbeit unterst\u00fctzen, d.h. er verl\u00e4\u00dft sich einmal mehr auf das Rezept des Aussitzens. Offensichtlich n\u00e4hrt man sich jetzt aus der Hoffnung, der Geburtenr\u00fcckgang seit Anfang der siebziger Jahre werde die Arbeitslosigkeit von allein beseitigen. Sicher wird er die Lehr-stellennot bis sp\u00e4testens 1990 beheben. Aber damit ist nat\u00fcrlich die Arbeitslosigkeit nicht vom Tisch. Selbst im Jahre 2000 wird nur ein Viertel der Erwerbst\u00e4tigen aus den geburtenschwachen Jahrg\u00e4ngen bestehen, da von einer Lebensarbeitszeit von 40 Jahren auszugehen ist.<\/p>\n<p><i>Was ist also zu tun?<\/i><\/p>\n<p>Wie eine Litanei werden hier folgende Vorschl\u00e4ge heruntergebetet:<\/p>\n<p>&#8211; Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit,<\/p>\n<p>&#8211; fr\u00fcherer Beginn des Ruhestands,<\/p>\n<p>&#8211; individuelle Arbeitszeitverk\u00fcrzungen, von\u00a0der\u00a0Teilzeitarbeit\u00a0\u00fcber Jobsharing bis zum\u00a0 Sabbatjahr<\/p>\n<p>&#8211; Abbau von \u00dcberstunden.<\/p>\n<p>Meine saloppe Anf\u00fchrung soll keineswegs die Vorschl\u00e4ge abwerten, sondern darauf hinweisen, da\u00df dieser Katalog immer wiederkehrt, schon Allgemeingut geworden ist. Und das ist gut so; denn nur das kann zur Realisierung f\u00fchren. Nur soll man sich nicht der Illusion hingeben, da\u00df hiermit kurzfristig die Zahl der Arbeitslosen erheblich gemindert werden kann. Die Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit in der Metallindustrie hat nur &#151; oder immerhin &#151; zu einem Plus von 30.000 Arbeitspl\u00e4tzen nach Angaben der Unternehmer oder 100.000 nach denen der Gewerkschaften gef\u00fchrt. Ob steuerrechtliche Erschwerungen von \u00dcberstunden nach den Vorschl\u00e4gen des NRW-Arbeits- und Sozialministers Heinemann mehr bringen. werden, steht noch dahin. Oft geht es ja nicht ohne \u00dcberstunden, wenn ein eiliger Auftrag zu erledigen ist oder bei Spezialarbeiten, f\u00fcr die es ohnehin nicht genug Arbeitskr\u00e4fte gibt.<\/p>\n<p>Es ist daher realistisch, davon auszugehen, da\u00df der obige Katalog von Vorschl\u00e4gen kurz- und mittelfristig nur den Abbau weiterer Arbeitspl\u00e4tze verhindern kann. Dabei ist vor allem darauf zu verweisen, da\u00df die Automation im B\u00fcro und anderen Dienstleistungen erst am Anfang steht.<\/p>\n<p>Die Verantwortung f\u00fcr den Arbeitsmarkt kann also nicht allein auf die Tarifpartner abgew\u00e4lzt werden, die \u00f6ffentliche Hand, der Staat, ist auch gefordert. Zu verweisen ist hier auf den Beschlu\u00df der nieders\u00e4chsischen Landesregierung (offensichtlich auf die Angst vor den baldigen Landtagswahlen zur\u00fcckzuf\u00fchren), dem auch jetzt Hamburg teilweise folgen will, die Anfangsstellen im \u00f6ffentlichen Dienst nur als Dreiviertel-Stellen auszuweisen. Danach kann die Einstellungsquote somit um 25% erh\u00f6ht werden. Hiermit k\u00f6nnte der \u00f6ffentliche Dienst auch eine Pilotfunktion f\u00fcr die Privatwirtschaft gewinnen. Aber ebenso m\u00fcssen Mittel f\u00fcr \u00f6ffentliche Investitionen bereitgestellt werden. Die Regierungsparteien wehren sich dagegen unter dem Hinweis, Milliardenbetr\u00e4ge der Schmidt-Regierung zur Beseitigung der Ar beitslosigkeit seien wirkungslos geblieben. Das stimmt einmal nicht, denn es war gelungen, die Arbeitslosigkeit von 1975 bis 1979 um fast 20% abzubauen. Zum anderen zwang damals. die FDP die Regierung, die Betr\u00e4ge nicht unmittelbar, sondern \u00fcber Steuersenkung f\u00fcr Unternehmer einzusetzen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen derartige Investitionen \u00fcber AB-Ma\u00dfnahmen hinausgehen, wenngleich diese noch erweitert werden sollten. Auch verhei\u00dft der Weg mancher Gemeinden keinen gro\u00dfen Erfolg, Sozialhilfeempf\u00e4nger in ihrem Bereich f\u00fcr ein Jahr zu besch\u00e4ftigen und ihnen damit Arbeitslosenunterst\u00fctzung zu verschaffen, eine Mittelverlagerung also zugunsten der Gemeindefinanzen. Doch wird hier anschaulich, wo die eigentlichen Probleme liegen. Wenn nach wissenschaftlichen Untersuchungen ein Arbeitsloser 97% der Aufwendungen f\u00fcr einen Besch\u00e4ftigten verursacht, so wird klar, da\u00df garnicht so sehr mit Geldmitteln, als vielmehr mit Organisation investiert werden mu\u00df, \u00fcber Zusammenwirken privater und \u00f6ffentlicher Stellen.<\/p>\n<p>Aber planende Eingriffe in den Markt passen der Bundesregierung nicht, zumal das Laissez faire, laissez aller dem Naturell des Bundeskanzlers entspricht.<\/p>\n<p>Es geht nat\u00fcrlich nicht so, da\u00df von heute auf morgen einige Tausend Sch\u00fcppkolonnen eingesetzt werden, wie sich dies in den drei\u00dfiger Jahren beim zun\u00e4chst freiwilligen Arbeitsdienst anbot. Es kommt auf eine Integrierung mit dem ersten und &#151; soweit er schon besteht (Hamburg) &#151; dem zweiten Arbeitsmarkt an. Da sind Unternehmen als Gesellschaften des B\u00fcrgerlichen Rechts zu gr\u00fcnden, bei denen die \u00f6ffentliche Hand zumindest eine Mehrheitsbe teiligung hat. Das ist ja keineswegs neu; es entspricht der staatlichen Bet\u00e4tigung in der Wirtschaft seit mehr als einem halben Jahrhundert. Aber das zu organisieren, erfordert nat\u00fcrlich Zeit. Selbst wenn heute damit begonnen wird, kann sich das auf die Arbeitslosenzahl sp\u00fcrbar erst in 5 Jahren auswirken.<\/p>\n<p>Arbeit selbst gibt es ja genug: Sorge um Wald und Gew\u00e4sser, Einsparung von Energie, Ausbau von Sozialen Diensten. Hiernach k\u00f6nnte einigen Hunderttausenden Arbeit verschafft werden. So kommen wir auch zu einem neuen Wertbewu\u00dftsein in der Volkswirtschaft:\u00a0Qualitatives Wachstum. Was zur Zeit noch unter Bruttosozialprodukt zusammengefa\u00dft, als Produktionssteigerung bejubelt wird, bezeichnet der f\u00fcrwahr nicht linke Wirtschaftsjournalist der \u00bbZeit\u00ab, Michael Jungbluth, als \u00bbTonnenideologie\u00ab unter Assoziation zur Leistungsbemessung in der sowjetischen Wirtschaft, wonach die Warenproduktion nach Tonnen gez\u00e4hlt wird, was zur Verschwendung von Rohstoffen f\u00fchren mu\u00df. Bei uns steigert ja sowohl ein Verkehrsunfall &#151; \u00fcber die Leistung des Kfz-Gewerbes &#151; wie auch eine extensive Erzeugung des nach Weltmarktpreisen unverk\u00e4uflichen Getreides mit Chemikalisierung und Vergiftung des Bodens das Bruttosozialprodukt!<\/p>\n<p><i>Der Arbeitslose ist nicht allein betroffen<\/i><\/p>\n<p>Im Kommentar der FAZ vom 8.7.1985 zur Arbeitslosigkeit war zu lesen: \u00bbDa\u00df dieses \u00dcbel f\u00fcr das Sozialklima eine wichtige Rolle spielt, ist nicht zu bestreiten. Aber f\u00fcr 92\u00b0% der Besch\u00e4ftigten, die in Lohn und Brot stehen, ist das mehr eine Frage des schlechten Gewissens als der politischen Entscheidung\u00ab. Sind 92% der Besch\u00e4ftigten tats\u00e4chlich nur in ihrem Gewissen angesprochen, wie sehr auch dies von dem Hunger in der Dritten Welt beunruhigt sein mag? Nein, es geht dar\u00fcber hinaus! Fast die H\u00e4lfte derjenigen, die noch Arbeit haben, ist auch mehr oder weniger von der Arbeitslosigkeit betroffen. Dazu geh\u00f6ren zun\u00e4chst einmal die Besch\u00e4ftigten in einem Krisenbetrieb. Gerade \u00fcber F\u00fcnfzigj\u00e4hrige gehen jeden Morgen mit einem flauen Gef\u00fchl durch das Werktor. Bei einer Entlassung infolge Betriebs schlie\u00dfung haben sie damit zu rechnen, niemals mehr einen Arbeitsplatz zu bekommen. Betroffen sind auch Besch\u00e4ftigte, deren Angeh\u00f6rige: Gatte, Eltern, Kinder, Geschwister, arbeitslos sind. Wie mancher Rentner gr\u00e4mt sich um den arbeitslosen Enkel!<\/p>\n<p>Nicht nur die Schicht der Arbeiter ist hier betroffen, sondern auch die meinungsbildende obere Mittelschicht. Ja, zum Ausgleich f\u00fcr ihre sonstige Privilegierung trifft es sie, wie ich aus eigener Erfahrung wei\u00df, dreifach. Ihre Kinder haben nach Abschlu\u00df des Studiums weder Anspruch auf Arbeitslosengeld noch auf Sozialhilfe. Die Eltern m\u00fcssen weiterhin f\u00fcr ihre \u00fcber 30j\u00e4hrigen Kinder aufkommen, zugleich Einbu\u00dfen in ihrer Lebensf\u00fchrung hinnehmen; auch f\u00fchrt die finanzielle Bindung zu Spannungen zwischen den Generationen. Einer Bekannten, eine fast 50j\u00e4hrige arbeitslose Soziologin, wurde ein Teil der Arbeitslosenhilfe gestrichen, weil ja insoweit ihr 77j\u00e4hriger Vater, ein pensionierter Regierungsdirektor, leistungsf\u00e4hig sei.<\/p>\n<p>Man kann davon ausgehen, da\u00df mit jedem Arbeitslosen 5 bis 8 Angeh\u00f6rige betroffen sind.\u00a0 Wenn man ausrechnet, wieviele Menschen dies insgesamt sind, so mu\u00df man noch eine Dunkelziffer von fast einer Million Arbeitslosen einbeziehen: Ehefrauen und \u00e4ltere Menschen, die es aufgegeben haben, nach Arbeit zu fragen. Das bedeutet also, da\u00df letztlich von der Arbeitslosigkeit 20 bis 30 Millionen B\u00fcrger betroffen sind. Sie werden nat\u00fcrlich entgegen dem FAZ-Kommentar in ihrer politischen Entscheidung beeinflu\u00dft. Bei einer Wahl werden sie nicht so sehr danach fragen, welche Kompetenz eine Partei f\u00fcr Produktions- und Exportsteigerung, f\u00fcr Haushaltssanierung und Inflationsabbau besitzt, sondern wie sie sich f\u00fcr die Beseitigung der Arbeitslosigkeit einsetzt.<\/p>\n<p><i>Noch ist Ruhe im Land<\/i><\/p>\n<p>Erstaunlich, nahezu unheimlich, ist die Ruhe im Land nach nunmehr 5 Jahren Massenarbeitslosigkeit. In Weimar gab es schon 1931 nach nur 2 Jahren Arbeitslosigkeit Massendemonstrationen von Arbeitslosen mit Unruhen. Aber damals kumulierte die Besch\u00e4ftigungskrise auch mit einer politischen Krise, w\u00e4hrend heute trotz Beunruhigung wegen korruptiver Beziehungen f\u00fchrender Politiker zu Gro\u00dfunternehmen die politischen Strukturen stabil sind. Aber bei einem Vergleich mit Weimar ist auch zu beachten, da\u00df damals viele Arbeitslose wegen der geringeren Unterst\u00fctzung echte Not litten, es wurde gehungert und gefroren. In einer reichen Gesellschaft wie der unseren sind die materiellen Lebensbedingungen auch f\u00fcr einen Arbeitslosen besser. So relativ gering auch die Arbeitslosen- oder Sozialhilfes\u00e4tze sind, so braucht doch niemand zu hungern und zu frieren (6).<\/p>\n<p>Es gibt auch viele, auch unter meinen arbeitslosen Bekannten, die dann und wann &#151; gesetzlich zul\u00e4ssig &#151; durch Jobben ein paar hundert Mark hinzuverdienen. Arbeitslose m\u00fcssen sich aber verh\u00f6hnt f\u00fchlen, wenn einem gro\u00dfen Teil von ihnen in Leserbriefen konservativer Zeitungen unterstellt wird, sie seien gar nicht an einer Arbeitsstelle interessiert, sie verdienten schwarz viel mehr und n\u00e4hmen Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe als Zubrot mit.<\/p>\n<p>Nun, diese Leserbriefschreiber m\u00f6gen wohl zu\u00a0 den von der FAZ angesprochenen Leuten geh\u00f6ren, die mit solchen Vorstellungen ihr Gewissen beruhigen. Tats\u00e4chlich sind nach einer Untersuchung der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit lediglich 3,5% der Arbeitslosen nicht ernsthaft an einer Arbeitsstelle interessiert (FAZ 30.7.1985). Ein Mehrfaches wird die Zahl von Steuer- und Subventionsbetr\u00fcgern in den Kreisen der Wirtschaft ausmachen, zumal diese auch zumeist intelligenter und gerissener als arbeitslose Arbeiter sind und sich auch intelligente und gerissene Ratgeber leisten k\u00f6nnen. &#151; Noch ist also Ruhe im Land. Wie aber wird es sein, wenn es auch nur zu einem \u00bbnormalen\u00ab Wirtschaftsr\u00fcckgang kommt wie in den letzten zwei Jahrzehnten mindestens alle 5 Jahre, wenn also das Wirtschaftswachstum nur um etwa 4% von +3 auf -1% zur\u00fcckgeht? Wenn dann, so auch die Meinung konservativer Sachverst\u00e4ndiger, die Arbeitslosigkeit noch um mehrere Hunderttausende zu-nehmen wird, die 3 Millionengrenze und bei Ber\u00fccksichtigung der Dunkelziffer die 5 Millionengrenze erreichen wird? Wird auch dann noch Ruhe im Land herrschen?<\/p>\n<p>Alles spricht daf\u00fcr, da\u00df dann die neuen sozia len Bewegungen mit den radikalen Kr\u00e4ften, die sich hier oft anh\u00e4ngen, die Arbeitslosigkeit vor oder gleichberechtigt mit Raketenr\u00fcstung und Kernkraft als Thema entdecken. Dann wird ihnen auch erst recht bewu\u00dft, da\u00df die Bundesregierung in Hunderten von Gesetzen und Verordnungen zum Nachteil und zur Senkung des Realeinkommens von Arbeitnehmern, Rentnern und Kranken gehandelt und andererseits gef\u00f6rdert hat, da\u00df die Einkommen der Unternehmer um mehr als 30% gestiegen sind. Dann kann es \u00fcber Nacht zu einem \u00bbhei\u00dfen Winter\u00ab kommen &#151; der Jahreszeit, in der witterungsbedingt die Arbeitslosigkeit am h\u00f6chsten ist &#151; mit der Erst\u00fcrmung und Besetzung von Arbeits- und Sozial\u00e4mtern und Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei, denen gegen\u00fcber die \u00bbH\u00e4userk\u00e4mpfe\u00ab in der Vergangenheit nur Scharm\u00fctzel waren. Gefordert sind nicht die Nerven, das Abbrennen der Lunte neben oder auf dem Pulverfass sitzend ruhig abzuwarten, sondern Aktivit\u00e4t und Energie, die Lunte auszutreten und das Pulverfa\u00df zu entleeren.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 So K.J. Bieback in dem unter meiner Mitwirkung her-ausgegebenen Band von Udo Achten u.a.: Recht und Arbeit &#151; eine Herausforderung, Neuwied 1978, S. 110. <br \/>2 Statistisches Bundesamt 1872 &#8211; 1972, Stuttgart 1972. <br \/>3 Vgl. die Zahlen bei G. B\u00e4cker: Ausgrenzung und Verarmung im Licht neokonservativer Politik und Ideologie, Theorie und Praxis sozialer Arbeit (TuP) 1985, 246 sowie Statistisches Jahrbuch 1984, S. 518.<br \/>4 Vgl. auch den Katalog in: Zur Sozialpolitik der 80er Jahre, Denkschrift der Arbeiterwohlfahrt, 1984, S. 29. <br \/>5 Statistisches Jahrbuch 1984, S. 110.<br \/>6 Eine ganz andere Frage ist\u00a0 es &#151; und darauf kann hier nicht eingegangen werden &#151; ob die Psychischen Probleme eines Arbeitslosen in unserer vom Konsum gepr\u00e4gten \u00bbfr\u00f6hlichen Mitmacher\u00ab-Gesellschaft nicht gr\u00f6\u00dfer als fr\u00fcher sind. Vgl. hierzu T. Kieselbach: Die gesellschaftliche Verarbeitung von Massenarbeitslosigkeit, TuP 1985, 122.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[820,667],"autoren":[434],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12094","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-arbeitslosigkeit","tag-vorgaenge-artikel","autoren-theo-rasehorn","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Pulverfa\u00df Arbeitslosigkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/das-pulverfass-arbeitslosigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das Pulverfa\u00df Arbeitslosigkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. 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