{"id":12110,"date":"1976-12-31T15:00:00","date_gmt":"1976-12-31T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-anfang-der-nachbuergerlichen-vernunft\/"},"modified":"1976-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1976-12-31T11:00:00","slug":"der-anfang-der-nachbuergerlichen-vernunft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/der-anfang-der-nachbuergerlichen-vernunft\/","title":{"rendered":"Der Anfang der nachb\u00fcrgerlichen Vernunft"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 24\/1976), S. 94-94<\/p>\n<p><i>Jost Herbig, Das Ende der b\u00fcrgerlichen Vernunft &#151; Wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Zukunft, Carl Hanser Verlag M\u00fcnchen, 279 Seiten.<\/i><\/p>\n<p>Herbigs Buch handelt mehr von Vergangenheit und Gegenwart als von Zukunft. Er beschreibt den Weg der Technik von den Anf\u00e4ngen bis zu ihrer heutigen \u00dcbergewichtigkeit und bem\u00fcht sich, die treibenden Kr\u00e4fte aufzuzeigen. Selbst Naturwissenschaftlern weist Herbig nach, da\u00df die Technik sich nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Wirtschaft entwickelte. In der Hand des sich befreienden B\u00fcrgertums wurde sie zur Waffe gegen die feudale Ordnung, in der nur Besitz an Grund und Boden Herrschaft begr\u00fcnden konnte. Die Technik schuf ebenb\u00fcrtige Werte, Besitzer von Kapital und Produktionsmitteln kletterten die soziale Stufenleiter empor und beteiligten sich an der Herrschaft. Diese Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft ist es, die Herbig als b\u00fcrgerliche Vernunft bezeichnet.<br \/>Weil sie unter falschen Voraussetzungen angetreten ist, ist diese Vernunft heute am Ende. Sie glaubte an die Gerechtigkeit des freien Marktes und an die Unersch\u00f6pflichkeit der Erde. Aber der freie Markt nutzte den wirtschaftlich Starken mehr als der Mehrheit, und die (ietrabigkeit des aus der Technik entstandenen Industriesystems beginnt die Erde auszuleeren. Die Produktionsapparate erzeugen \u00fcber die Formung der \u00f6ffentlichen und privaten Meinung den Bedarf mit- allerdings ohne R\u00fccksicht auf Bed\u00fcrfnisse. Die Produktion w\u00e4chst nach dem ihr innewohnenden Zwang, sie hat sich verselbst\u00e4ndigt und st\u00f6\u00dft an ihre Grenzen. Wachstumszwang und Grenzen lassen sich nicht vereinen. Die bekannten Erscheinungen: teilweiser \u00dcberflu\u00df und Mangel, Umweltzerst\u00f6rung, Zivilisationskrankheiten und Elend in den Entwicklungsl\u00e4ndern sind die Folge. Eine Heerschar haupt- und nebenamtlicher Rechtfertiger ist emsig dabei, die Folgen zu entschuldigen, zu verniedlichen oder gar zu leugnen.<br \/>Herbig glaubt, da\u00df die Wissenschaft, weil sie ein Kind der b\u00fcrgerlichen Vernunft sei, aus dieser Sackgasse keinen Ausweg zeigen k\u00f6nne. Das kann aber nur gelten, soweit sie tats\u00e4chlich im System befangen bleibt. Das mag in der Praxis bei besoldeten Natur- und Technikwissenschaftern der Fall sein, viele andere Wissenschaften aber haben andere Bezugsrahmen als die gewordenen Verh\u00e4ltnisse. Wichtig ist jedoch Herbigs Hinweis darauf, da\u00df freies und sch\u00f6pferisches Denken nicht auf den wissenschaftlichen Weg angewiesen ist. Vorwissenschaftliche V\u00f6lker erkl\u00e4rten sich die Erscheinungen des Lebens und der Natur auf mythische Weise, indem sie den Erscheinungen f\u00fchlende und wollende Wesen unterlegten. Die Gemeinsamkeiten mythischer und wissenschaftlicher Welterkl\u00e4rung sind gr\u00f6\u00dfer, als es die Wissenschaft heute wahrhaben m\u00f6chte, weil sie Vernunft und kein Mythos sein will- was nicht ausschlie\u00dft, da\u00df namhafte Wissenschafter wie zum Beispiel Albert Einstein wiederum den lieben Gott nicht fallen lassen wollten.<br \/>Jost Herbig lehnt es fast leidenschaftlich ab, f\u00fcr die Zukunft eine Utopie zu entwerfen. Eine Utopie w\u00fcrde Text bleiben; den die Industriegesellschaft zur Handelsware machte. Dennoch stellt er die Forderung, da\u00df in der Zukunft alle Menschen in allen L\u00e4ndern gleichen Anspruch auf die G\u00fcter der Erde und den durch sie m\u00f6glichen Wohlstand haben und da\u00df innerhalb dieses Rahmens die nationalen und internationalen Entscheidungen demokratisiert werden m\u00fcssen. In der zuk\u00fcnftigen Lebensform, die nach Herbig eine nachindustrielle nicht sein kann, sieht er das Ende des Autos, die Abl\u00f6sung des Marktes, die Entspezialisierung der Arbeit, die gemeinsame statt private Nutzung von G\u00fctern und die Bildung kleiner Lebenseinheiten auch in gro\u00dfen St\u00e4dten. So soll die entpolisierende Vereinsamung des Menschen im privaten Konsum durchbrochen und die echte Mitwirkung des B\u00fcrgers an der Demokratie erm\u00f6glicht werden. Die b\u00fcrgerliche Vernunft ist tot, es lebe die menschliche Vernunft!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2361],"publikationen":[1313],"class_list":["post-12110","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-helmut-ostermeyer","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Anfang der nachb\u00fcrgerlichen Vernunft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/der-anfang-der-nachbuergerlichen-vernunft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Anfang der nachb\u00fcrgerlichen Vernunft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 24\/1976), S. 94-94 Jost Herbig, Das Ende der b\u00fcrgerlichen Vernunft &#151; Wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Zukunft, Carl Hanser Verlag M\u00fcnchen, 279 Seiten. 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