{"id":12120,"date":"1977-10-01T20:30:00","date_gmt":"1977-10-01T19:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/"},"modified":"1977-10-01T12:00:00","modified_gmt":"1977-10-01T11:00:00","slug":"der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/","title":{"rendered":"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 11-14<\/p>\n<p>Die Verbringung Kapplers aus Rom in die Bundesrepublik ist m\u00f6glicherweise bereits halb vergessen, wenn dieser Aufsatz gelesen wird. Dennoch ist es wichtig, sich mit seinen grunds\u00e4tzlichen politischen Aspekten zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>1.<br \/>Die Forderung, Kappler auszuliefern, sollte abgelehnt werden, und zwar ohne Sorge, deswegen Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe ist barbarisch. Sie ist aus rechtlichen und medizinischen, aus psychologischen wie sozialen Gr\u00fcnden abzulehnen und sollte abgeschafft werden, genau, wie man auch die Todesstrafe aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden abgeschafft hat. Kappler wurde 1945 im Alter von 38 Jahren verhaftet, 1948 verurteilt und hat seitdem ununterbrochen im Gef\u00e4ngnis oder unter Bewachung im Krankenhaus gelebt. Er ist heute 70 Jahre alt. Ihn erneut rechtlich zu verfolgen oder ihn auszuliefern, mu\u00df aus grunds\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen ausgeschlossen sein. Dabei spielt das Mitleid mit einem schwerkranken Menschen nur zus\u00e4tzlich mit. Kappler hatte 1944 kein Mitleid gezeigt.<br \/>Wer aber grunds\u00e4tzlich gegen die lebenslange Einschlie\u00dfung ist, der mu\u00df diesen Standpunkt auch im Extremfall vertreten. Der Schutz vor Pers\u00f6nlichkeitszerst\u00f6rung durch Haft sollte jedem Menschen zukommen, ohne R\u00fccksicht auf politische Meinungen. Opportunistische Regungen, z.B. R\u00fccksicht auf emotionale Massenstimmungen, sind besonders energisch zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p>Die Befreiungsaktion zugunsten Kapplers kann jedoch nur verurteilt werden und sollte \u00f6ffentlich von der Bundesregierung verurteilt werden. Auch hierbei spielen Zweckm\u00e4\u00dfigkeitserw\u00e4gungen zun\u00e4chst keine Rolle, denn Gefangenenbefreiung ist sowohl in Italien wie in der Bundesrepublik strafbar. Die Entf\u00fchrer haben das Gesetz gebrochen und m\u00fcssen die Konsequenzen tragen. Es mu\u00df also zu Konsequenzen kommen. Das kann man nicht aus Mitleidsgr\u00fcnden ausschlie\u00dfen. Auch die Tatsache, da\u00df der Mensch Kappler m\u00f6glicherweise Begnadigung verdient, jedoch nicht erhalten hat, rechtfertigt nicht, das Gesetz zu verletzen. Gnade ist kein Rechtsanspruch &#150; daher ja unter anderem die Forderung, die lebenslange Freiheitsstrafe abzuschaffen &#150; und grunds\u00e4tzlich mu\u00df ein Verhalten, seine eigene Auffassung unter Bruch der Gesetze durchzusetzen, strafrechtliche Folgen haben. Das gilt besonders dann, wenn es sich bei den T\u00e4tern, wof\u00fcr hier vieles spricht, um eine verschworene Gruppe ehemaliger SS-Anh\u00e4nger handelt, die einen Kameraden aus den &#132;Klauen der Siegerjustiz&#148; befreien wollte. Wer das Recht in die eigene Hand nimmt, vertritt den Standpunkt, da\u00df der Zweck die Mittel heiligt. Das ist die Gesinnung aIler Verschw\u00f6rer, Attent\u00e4ter und Terroristen.<\/p>\n<p>Die Befreiungsaktion ist au\u00dferhalb der Bundesrepublik als ein Zeichen f\u00fcr die Revitalisierung neonazistischer Tendenzen aufgefa\u00dft worden. Ob mit Recht, mag dahingestellt bleiben. Verwunderlich ist es jedoch nicht. Bild am Sonntag vom 21.8. z.B. berichtete, da\u00df es sich bei den T\u00e4tern um ehemalige Mitglieder der SS handele. Einer von ihnen sei ein \u00d6sterreicher, der im Krieg in Rom als Mitglied des SS-Sicherheitsdienstes t\u00e4tig gewesen sei. Ein Herr Marloh, Gr\u00fcnder eines Komitees &#132;Freiheit f\u00fcr Kappler&#148;, gab einem italienischen Wochenblatt ein Interview, in dem er berichtete, das Komitee sei 1955, also schon sieben Jahre nach Kapplers Verurteilung gegr\u00fcndet worden. Man habe bereits 1973 Kappler aus der Festung Gaeta befreien wollen &#150; alles sei geplant gewesen, aber man habe dann den Plan fallen lassen. Das Komitee erfreue sich der Unterst\u00fctzung von Offizieren, Industriellen und Beh\u00f6rden. Auch habe das Komitee mit jedem deutschen Bundeskanzler gesprochen und Sympathie bei diesen gefunden. Dementiert wurde daraufhin lediglich, da\u00df Marloh pers\u00f6nlich mit Bundeskanzler Schmidt \u00fcber die Befreiung Kappiers gesprochen habe.<br \/>Mit Ausnahme einer d\u00fcrren Erkl\u00e4rung, Bundesbeh\u00f6rden w\u00e4ren an der Befreiungsaktion nicht beteiligt gewesen und h\u00e4tten vorher nichts gewu\u00dft, hat die Bundesregierung, hat auch der Bundeskanzler zu allem nur geschwiegen. Wer aber konsequent schweigt, wer sich zum Gesetzesbruch nicht \u00e4u\u00dfert, kann sich nicht beschweren, wenn man ihm Sympathie mit den Gesetzesbrechern zuschreibt. Da\u00df noch schlimmerer Verdacht aufgekommen ist, signalisiert dar\u00fcber hinaus ein latentes und dauerndes Mi\u00dftrauen inbezug auf die Immunit\u00e4t der Bundesrepublik gegen neonazistische Bazillen.<br \/>Dieses Mi\u00dftrauen wurzelt darin, da\u00df die Bundesrepublik seit ihrer Gr\u00fcndung, und zwar angeregt und ermutigt durch starke Kr\u00e4fte der Besatzungsm\u00e4chte, sich nicht von den Kr\u00e4ften des Nationalsozialismus gel\u00f6st hat. Die Ideologie und die Verbrechen der Hitlerzeit hat man allerdings wieder und wieder verdammt. Man war jedoch stets bestrebt, den Strich zwischen sich und dem Dritten Reich an der falschen Stelle zu ziehen: n\u00e4mlich zeitlich statt pers\u00f6nlich. Man erinnere, wie damals jeder Vorwurf gegen Personen des \u00f6ffentlichen Lebens wegen ihres Verhaltens im Dritten Reich als eine &#132;zweite Entnazifizierung&#148; bezeichnet wurde, die &#132;wir ablehnen&#148;. Man erinnere sich an den Kampf um die Verj\u00e4hrung von Naziverbrechen. Man denke an die immer wiederholte Forderung, doch &#132;endlich einen Strich zur Vergangenheit&#148; zu ziehen, und dies bereits am Anfang der f\u00fcnfziger Jahre! Man denke auch an die Erfindung des &#132;Rechts auf den politischen Irrtum&#148;, mit dem man alles rechtfertigen konnte, was man w\u00e4hrend der Herrschaft des Nationalsozialismus getan, mit-gemacht, verteidigt hatte.<br \/>Der Strich zur Vergangenheit, die tats\u00e4chliche Distanzierung vom Hitlertum konnte nicht so, sondern nur durch einen Strich zu den Personen deutlich gemacht werden, die mit dem Hitlerreich verbunden gewesen waren, und in dieser Beziehung geschah zu wenig. Man hat Adenauer den Kommentator der Rassengesetze als Staatssekret\u00e4r zugebilligt, man hat ihn widerstandslos in einer Atmosph\u00e4re belassen, in der er sogar einen Mann wie Oberl\u00e4nder zum Minister machte, den er allerdings bald entlassen mu\u00dfte. Wir haben einen Bundeskanzler Kiesinger erlebt, der sich zwar als im Dritten Reich ganz unbedeutend hinstellte, dessen T\u00e4tigkeit aber immerhin damals so bedeutend war, da\u00df man ihn nicht zum Kriegsdienst eingezogen hatte. Andere personelle Fehlleistungen, wie z.B. die Ernennung von Fr\u00e4nkel zum Generalbundesanwalt, zeigen nur, da\u00df man kein Distanzierungsbed\u00fcrfnis hatte. Wer das Pech des Nationalsozialismus angefa\u00dft hatte, war keineswegs besudelt, sondern galt durchaus als w\u00fcrdig, die Bundesrepublik zu vertreten, einerlei, ob als Politiker, als hoher Beamter oder als Richter. Dies alles ist die Wurzel des Mi\u00dftrauens &#150; nichts anderes!<\/p>\n<p>2.<br \/>Die Gefahren des Rechtsradikalismus zu bagatellisieren, ist sachlich und politisch verkehrt. Diesen Fehler macht auch jetzt die Bundesregierung. Falsch ist es einmal, weil die Gef\u00e4hrlichkeit einer politischen Gruppe nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfig bewertet werden kann. Hundert militante Extremisten sind etwas ganz anderes als hundert oder tausend beliebige Parteimitglieder. Gerade bei Kreisen, die sich nicht auf Mehrheiten berufen wollen, die ihre Ziele nicht auf parlamentarischem Wege zu erreichen suchen, ist deren Mitgliederzahl zweit- oder drittrangig.<br \/>Weiter kann man auch bezweifeln, ob die Beamten des Bundesinnenministeriums, die stets auf die zahlenm\u00e4\u00dfige Geringf\u00fcgigkeit des Rechtsradikalismus hinweisen, die richtigen Kriterien besitzen, um Rechtsradikale \u00fcberhaupt zu erkennen. Was ist denn eigentlich als rechtsextrem anzusehen? Es ist h\u00f6chst bezeichnend, da\u00df in all den Jahren nach dem sogenannten Ministerpr\u00e4sidenten-Erla\u00df nur ganz wenige &#132;Verfassungsfeinde&#148; von rechts entdeckt worden sind. Dabei gibt es genug Kreise, Gruppen und Vereine gerade junger Menschen von rechtsradikaler Pr\u00e4gung. Man denke nur an den wieder aufgekommenen Antisemitismus an manchen h\u00f6heren Schulen. Sollte wirklich kaum jemand aus diesen Gruppen beabsichtigt haben, in den \u00f6ffentlichen Dienst zu kommen?<br \/>Schlie\u00dflich stimmt es doch recht skeptisch, wenn es der Polizei fast nie gelingt, diejenigen zu fassen, die j\u00fcdische Friedh\u00f6fe demolieren, Hakenkreuze und antisemitische Schlagworte an W\u00e4nde schmieren. Das deutet doch darauf hin, da\u00df die Observation derartiger Kreise mangelhaft ist. Die g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung der Polizei, bei den Friedhofssch\u00e4ndungen handele es sich um die Taten von Kindern, ist ein zus\u00e4tzliches Zeichen f\u00fcr die verkehrte Einstellung. Wann hat denn die Polizei jemals einen Beweis f\u00fcr diese kindische Behauptung geliefert?<br \/>Es ist stets gef\u00e4hrlich, eine unbequeme Tendenz zu untersch\u00e4tzen. Die Nationalsozialisten schickten 1928 ein Dutzend Abgeordnete in den Reichstag, bei einer f\u00fcr die SPD siegreichen Wahl. Zwei Jahre sp\u00e4ter, 1930, waren daraus mehr als 100 Abgeordnete geworden. Und das war mehrere Jahre vor dem H\u00f6hepunkt der Wirtschaftskrise. Ein etwas besseres Ged\u00e4chtnis w\u00e4re offiziellen Stellen der Bundesrepublik zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>3.<br \/>Aufkl\u00e4rung ist kein Ersatz f\u00fcr Politik. Die Frankfurter Rundschau vom 29. August meldete unter Bezugnahme auf dpa:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#132;Die Reaktion auf die Kappler-Entf\u00fchrung soll nach Bonner Meinung nicht isoliert betrachtet werden. Sie sei Teil, Erg\u00e4nzung und vielleicht H\u00f6hepunkt einer bereits seit Jahren zu beobachtenden Manifestation antideutschen Unmuts in der ausl\u00e4ndischen linken und linksliberalen Presse, aber auch in durchaus konservativen Organen &#8230; Begr\u00fcndete Kritik aus dem Ausland nehmen wir ernst, hie\u00df es in Bonn. Unbegr\u00fcndete oder geh\u00e4ssige Polemik werden wir mit Gelassenheit ertragen. Die Bundesregierung versuche, durch geduldige und kontinuierliche Aufkl\u00e4rungsarbeit Vorurteile abzubauen.&#148;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dies ist ein Musterbeispiel unrichtigen Reagierens. Besorgnisse \u00fcber eine NS-Restauration, auch wenn sie mit harten und scharfen Vorw\u00fcrfen oder geh\u00e4ssiger Polemik ge\u00e4u\u00dfert werden, sind keine Bekundungen von Deutschfeindlichkeit oder &#132;antideutschen Unmuts&#148;, sondern beruhen auf antinazistischen Einstellungen und \u00c4ngsten. Warum zieht man sich diesen Schuh an? Die Bundesrepublik hat doch gleichfalls antinazistische Sorgen und Einstellungen. Es w\u00e4re besser, die Warnungen ernst zu nehmen. &#132;Begr\u00fcndete Kritik&#148; ist die Kritik, die uns nicht weh tut. &#132;Vorurteile&#148; sind Meinungen, die uns nicht passen. Dabei ist bekanntlich gerade die Medizin heilsam, die einem nicht schmeckt!<br \/>Und wor\u00fcber will Bonn aufkl\u00e4ren? Da\u00df die W\u00e4hler Extremparteien nicht unterst\u00fctzen, stimmt. Macht das kleine Gruppen ungef\u00e4hrlich? Wir geraten doch \u00fcber jede Untat terroristischer Verbrecher in Verzweiflung, verurteilen jede Bagatellisierung und erheben rasende Vorw\u00fcrfe \u00fcber mangelnde Distanzierung und einen &#132;Sumpf&#148; von Sympathisanten! Das zeigt doch wohl, da\u00df diese von einigen hundert Fanatikern ausgehende Gefahr ernstgenommen wird.<br \/>Bonn hat rechtsradikalen Gefahren gegen\u00fcber nichts Entsprechendes aufzuweisen. Wann immer man auch von nazistischen Taten in der Bundesrepublik geh\u00f6rt hat &#151; selten hat man etwas \u00fcber Konsequenzen vernommen. Der Mann, der Heinemann ermorden wollte, war &#132;irre&#148;. \u00c4hnliches wurde von anderen aggressiven T\u00e4tern behauptet. Als in Berlin ein Sowjetsoldat erschossen wurde, konnte man keine Verbindung zwischen dem T\u00e4ter und anderen feststellen. Aber der T\u00e4ter konnte entfliehen, wenngleich er sp\u00e4ter wieder gefa\u00dft wurde. Vor wenigen Wochen aber kam ans Licht, da\u00df er dennoch Mitwisser bei seiner Planung gehabt hatte. Was geschieht eigentlich gegen &#132;Gruppierungen von Neonazis&#148;, von denen ein Bonner Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 23. 6. 77 (also vor Kappler und vor Brandts Brief an Schmidt) berichtete, da\u00df diese &#132;im Besitz von Waffen und Sprengstoff Attentatspl\u00e4ne schmieden&#148;? Da hei\u00dft es unter anderem von vielen Gruppen, da\u00df ihnen &#132;allen gemeinsam ist, da\u00df sie auch die Anwendung von Gewalt bejahen, um das politische Ziel zu erreichen, das da, grob gesagt, lautet: Wiederaufrichtung des national-sozialistischen Staats in urspr\u00fcnglicher oder abgewandelter Form. Immer wieder werden bei Festnahmen Waffen gefunden, mehrfach auch Bomben&#148;.<br \/>Nur h\u00f6rt man hier nichts von ausgedehnten Ermittlungen, nichts von Verhaftungen, nichts von Verurteilungen zu jahrelangen Freiheitsstrafen. Warum nicht? Wie will Bonn angesichts solcher Ungereimtheiten &#132;aufkl\u00e4ren&#148;?<br \/>Dazu kommt die pers\u00f6nliche und wirtschaftliche Verfilzung zwischen Politikern der Opposition und ehemaligen Nazi-&#132;Gewinnlern&#8220;, die unwidersprochen in B\u00fcchern geschildert wird (z.B. &#132;Strau\u00df, Kohl und Co&#148;, Kiepenheuer &#038; Witsch, 1976). Bei einem derartigen Mangel an Distanz zwischen Politikern einerseits und Pers\u00f6nlichkeiten mit brauner Vergangenheit andererseits wird die &#132;geduldige Aufkl\u00e4rungsarbeit&#148; noch sehr lange &#132;kontinuierlich&#148; betrieben werden m\u00fcssen. Erfolge wird man nicht erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Letzte Frage: Wie will Bonn in seiner Aufkl\u00e4rungst\u00e4tigkeit die merkw\u00fcrdige Reaktion auf den Brief von Willy Brandt fort-erkl\u00e4ren? Die primitivste Intelligenz h\u00e4tte geboten, den Brief eines fr\u00fcheren Bundeskanzlers an den amtierenden Bundeskanzler ernstzunehmen. Willy Brandt ist kein x-beliebiger Politiker. Seine Gewohnheit, lange nachzudenken, bevor er sich entschlie\u00dft, ein Urteil auszusprechen, ist bekannt. Er hat einen Weltruf. Was er sagt, wird weltweit vernommen.<br \/>Der Regierungssprecher h\u00e4lt jedoch, ohne irgend etwas Sachliches daf\u00fcr anf\u00fchren zu k\u00f6nnen, &#132;den Vorwurf f\u00fcr nicht gerechtfertigt, die f\u00fcr die Verfolgung rechtsradikaler Aktivit\u00e4ten zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden w\u00fcrden daf\u00fcr nicht genug tun&#148; (Welt, 20. 8. 1977).<br \/>Damit ist der Fall amtlich erledigt. Allerdings nicht f\u00fcr die angeblichen &#132;Mittelparteien&#148; CDU\/CSU. Obwohl sie sich stets lauthals beschweren, wenn man ihnen Sympathie f\u00fcr Rechtsradikalismus zuschreibt, wird dort die Warnung vor eben diesem nicht ernst genommen. Warum verharmlosen gerade sie denn die kleinen sich zur Gewalt bekennenden rechtsradikalen Gruppen, die doch sonst anderen Bagatellisierung vorwerfen? Dar\u00fcberhinaus wird Brandts Brief zum Anla\u00df genommen, ihn erneut anzup\u00f6beln. Der CSU-Abgeordnete Hans Klein beschuldigt Brandt des &#132;leichtfertigen Opportunismus&#148;. Man vermutet eben bei seinen Gegnern leicht das, dessen man selber f\u00e4hig ist. Ein anderer CDU-Abgeordneter, Willi Weiskirch, nennt Brandts Darlegung \u00fcber den Rechtsradikalismus eine &#132;t\u00f6richte \u00c4u\u00dferung&#148;. In einer von der CDU verbreiteten Erkl\u00e4rung hei\u00dft es unter anderem, Brandt habe sich in einer sehr prek\u00e4ren Sache \u00fcberaus fahrl\u00e4ssig verhalten. Die CSU-Landesleitung warf Brandt vor, &#132;einer von der internationalen Linken neubelebten deutschfeindlichen Propaganda willkommene Munition geliefert&#148; zu haben. Auch wird sein Verhalten als Opportunismus gedeutet, denn er m\u00fcsse von der linksradikalen Gefahr ablenken und sich beim linken Fl\u00fcgel seiner Partei beliebt machen.<br \/>Es f\u00e4llt auf, da\u00df die Opposition Brandts Vorgehen als Sch\u00e4digung der Bundesrepublik darstellt. Die Sch\u00e4digung des deutschen Ansehens durch die Entf\u00fchrung Kapplers wird weder von dieser Seite noch von der Regierung vermerkt. Es ist ein alter Trick, sicherlich nicht von Goebbels erfunden, aber meisterhaft von ihm angewandt: nicht der Rechtsradikalismus, der ja selbst von der FAZ zur Kenntnis genommen wird, sch\u00e4digt die Bundesrepublik, sondern nur derjenige, der vor ihm warnt. Angegriffen als Nestbeschmutzer wird der, der darauf hinweist, da\u00df andere das Nest beschmutzt haben. Den ins Aufkl\u00e4rungsman\u00f6ver Ausr\u00fcckenden kann man da nur w\u00fcnschen: &#132;Dann siegt mal sch\u00f6n!&#148;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[353],"publikationen":[1308],"class_list":["post-12120","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hans-robinsohn","publikationen-29-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 11-14 Die Verbringung Kapplers aus Rom in die Bundesrepublik ist m\u00f6glicherweise bereits halb vergessen, wenn dieser Aufsatz gelesen wird. Dennoch ist es wichtig, sich mit seinen grunds\u00e4tzlichen politischen Aspekten zu besch\u00e4ftigen. 1.Die Forderung, Kappler auszuliefern, sollte abgelehnt werden, und zwar ohne Sorge, deswegen Beifall von der falschen Seite [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"11\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\\\/\",\"name\":\"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\"},\"datePublished\":\"1977-10-01T19:30:00+00:00\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\\\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\\\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\\\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Publikationen\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"vorg\u00e4nge\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":3,\"name\":\"vorg\u00e4nge 29\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/29-vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":4,\"name\":\"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"name\":\"Humanistische Union\",\"description\":\"\",\"publisher\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\"},\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":{\"@type\":\"PropertyValueSpecification\",\"valueRequired\":true,\"valueName\":\"search_term_string\"}}],\"inLanguage\":\"de\"},{\"@type\":\"Organization\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\",\"name\":\"Humanistische Union e.V.\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"logo\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"de\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"contentUrl\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"width\":1000,\"height\":536,\"caption\":\"Humanistische Union e.V.\"},\"image\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\"},\"sameAs\":[\"https:\\\/\\\/x.com\\\/humunion\",\"https:\\\/\\\/mastodon.social\\\/@humunion\",\"https:\\\/\\\/bsky.app\\\/profile\\\/humanistischeunion.bsky.social\"]}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/","og_locale":"de_DE","og_type":"article","og_title":"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union","og_description":"aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 11-14 Die Verbringung Kapplers aus Rom in die Bundesrepublik ist m\u00f6glicherweise bereits halb vergessen, wenn dieser Aufsatz gelesen wird. Dennoch ist es wichtig, sich mit seinen grunds\u00e4tzlichen politischen Aspekten zu besch\u00e4ftigen. 1.Die Forderung, Kappler auszuliefern, sollte abgelehnt werden, und zwar ohne Sorge, deswegen Beifall von der falschen Seite [weiterlesen]","og_url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/","og_site_name":"Humanistische Union","twitter_card":"summary_large_image","twitter_site":"@humunion","twitter_misc":{"Gesch\u00e4tzte Lesezeit":"11\u00a0Minuten"},"schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"WebPage","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/","name":"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus - Humanistische Union","isPartOf":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website"},"datePublished":"1977-10-01T19:30:00+00:00","breadcrumb":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de","potentialAction":[{"@type":"ReadAction","target":["https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/"]}]},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/der-fall-kappler-und-die-gefahr-des-rechtsradikalismus\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Publikationen","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"vorg\u00e4nge","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"vorg\u00e4nge 29","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/"},{"@type":"ListItem","position":4,"name":"Der Fall Kappler und die Gefahr des Rechtsradikalismus"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","name":"Humanistische Union","description":"","publisher":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization"},"potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Organization","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization","name":"Humanistische Union e.V.","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","logo":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","contentUrl":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","width":1000,"height":536,"caption":"Humanistische Union e.V."},"image":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/"},"sameAs":["https:\/\/x.com\/humunion","https:\/\/mastodon.social\/@humunion","https:\/\/bsky.app\/profile\/humanistischeunion.bsky.social"]}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/publikation\/12120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/publikation"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/types\/publikation"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/media?parent=12120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/categories?post=12120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/tags?post=12120"},{"taxonomy":"autoren","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/autoren?post=12120"},{"taxonomy":"publikationen","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/publikationen?post=12120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}