{"id":12132,"date":"1983-06-01T18:05:00","date_gmt":"1983-06-01T16:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-pazifist-emil-julius-gumbel-18911966\/"},"modified":"1983-06-01T12:00:00","modified_gmt":"1983-06-01T10:00:00","slug":"der-pazifist-emil-julius-gumbel-18911966","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/62-63\/publikation\/der-pazifist-emil-julius-gumbel-18911966\/","title":{"rendered":"Der Pazifist Emil Julius Gumbel (1891\u00971966)"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anla\u00df der Neuedition einiger seiner Schriften<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 62\/63 (Heft 2-3\/1983), S. 172-176<\/p>\n<p>Zu einem der vielen positiven Aspekte der aktuellen Friedensbewegung geh\u00f6rt der Umstand, da\u00df durch sie auch ihre lange in Vergessenheit geratenen historischen Vorl\u00e4ufer verst\u00e4rkt ins Blickfeld ger\u00fcckt werden. Als Gustav Heinemann vor \u00fcber zehn Jahren in seiner Ansprache bei der Gr\u00fcndungsfeier der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung Aufgaben und Bedeutung der Friedensforschung umri\u00df, stand er damit praktisch am Beginn einer Entwicklung, die sich unter der Bezeichnung \u00bbHistorische Friedensforschung\u00ab erst allm\u00e4hlich durchsetzen mu\u00dfte. In deren Rahmen wird seit kurzem auch einer der bedeutendsten pazifistischen Publizisten wiederentdeckt. Emil Julius Gumbel, 1891 geboren, Professor f\u00fcr mathematische Statistik in Heidelberg bis zum Verlust seiner venia legendi 1932 \/ 33, dann Emigrant in Frankreich und den USA, 1966 in New York gestorben, als Wissenschaftler au\u00dfer vielleicht in seinem Heimatlande Deutschland weltber\u00fchmt, dort aber im Grunde vergessen, ist in der Tat als politischer Schriftsteller bei uns immer noch zu entdecken. 1933 wurden seine B\u00fccher verboten, er selbst ausgeb\u00fcrgert. \u00bbIch empfinde es als gro\u00dfe Ehre, da\u00df ich wegen meiner Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die Schwarze Reichswehr und die politischen Morde bereits auf die erste Ausb\u00fcrgerungsliste kam\u00ab, schrieb er in seinem 1938 herausgegebenen \u00bbSammelbuch aus der deutschen Emigration\u00ab.<\/p>\n<p>Gumbel geh\u00f6rte bereits w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges zur pazifistischen Bewegung, die mit dem 1914 gegr\u00fcndeten \u00bbBund Neues Vaterland\u00ab verkn\u00fcpft ist. Dem Bund, der ab 1922 \u00bbDeutsche Liga f\u00fcr Menschenrechte\u00ab hie\u00df, geh\u00f6rten auch Otto Lehmann-Ru\u00dfb\u00fcldt, Professor Hans Delbr\u00fcck, Kurt Eisner, Eduard Bern-stein, Albert Einstein und Ernst Reuter an. Gumbel, SPD- , dann USPD-Mitglied, der die Schriften Bertrand Russells \u00fcbersetzte und in Deutschland bekannt machte, geh\u00f6rte w\u00e4hrend der Republik zu den wichtigsten Publizisten, welche &#151; wie auch Ludwig Quidde und Carl von Ossietzky &#151; der Formierung eines radikalen Pazifismus entscheidende Impulse gaben. Gumbel geh\u00f6rte schon lange vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik zu den negativen Symbolfiguren der Rechten und Ultrarechten und der konservativen und nationalistisch gesinnten Studenten- und Professorenschaft. Das kam nicht von ungef\u00e4hr, denn der nach einem Wort Ossietzkys \u00bbdreifach Gezeichnete\u00ab, der \u00bbRepublikaner, Sozialist, Friedensfreund\u00ab, enth\u00fcllte in seinen Ver\u00f6ffentlichungen den Terrorismus der rechten paramilit\u00e4rischen Geheimb\u00fcnde. Gumbels B\u00fccher zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimb\u00fcnde und zur Klassenjustiz hat ein kleiner Heidelberger Verlag jetzt nachgedruckt. Auch sie geh\u00f6ren im Grunde zu jener verlorenen und veruntreuten Bibliothek, die Walter Mehring nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner \u00bbAutobiographie einer Kultur\u00ab beschwor, und zu der bis heute ungeschriebenen Geschichte der Strafrechtspflege der Weimarer Zeit.<\/p>\n<p><i>Emil Julius Gumbel: Verschw\u00f6rer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimb\u00fcnde 1918&#151;1924. Mit. einem Vorwort zur Neuauflage von Karin Buselmeier und zwei Dokumenten zum Fall Gumbel. 2. Auflage der Originalausgabe Wien 1924. Heidelberg: Das Wunderhorn 1979, XXV, 224, 8 S.<\/i><\/p>\n<p><i>Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord und Denkschrift des Reichsjustizministers zu \u00bbVier Jahre politischer Mord\u00ab. Mit einem Vorwort von Hans Thill. Reprint der Originalausgaben \u00bbVier Jahre politischer Mord\u00ab, Berlin-Fichtenau 1922 und \u00bbDie Denkschrift des Reichsjustizministers \u00fcber &#8218;Vier Jahre politischer Mord&#8217;\u00ab, Berlin 1924. Heidelberg: Das Wunderhorn 1980. XVII, 149, 182 S.<\/i><\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, da\u00df es eines Au\u00dfenseiters, Nichthistorikers und Nichtjuristen bedurfte, um das Thema politische Justiz und Klassenjustiz mit soviel politischem Engagement und mit soviel Mut, aber auch mit solcher Exaktheit und Gr\u00fcndlichkeit als Zeitgenosse anzupacken und zu dokomentieren. Kein anderer Wissenschafter hat es damals gewagt, die politisch motivierte Gewaltkriminalit\u00e4t mitsamt ihrem Hintergrund in Reichswehr, Justiz und Polizei zu untersuchen und die Ergebnisse ohne Umschweife und Besch\u00f6nigung zu publizieren. Antirepublikanische Gewalttaten und die verbandsinternen Fememorde wurden auf diese Weise publik, wenn sie auch weder in der Justiz noch in der Polizei zu Konsequenzen f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Gumbel z\u00e4hlte zu denjenigen, die zeitlebens in Deutschland politisch unbequem und kontrovers gewesen sind. Er hat niemals in das jeweils herrschende politische Klima gepa\u00dft. Als er in den f\u00fcnfziger und zu Beginn der sechziger Jahre zeitweilig als Gast an der Freien Universit\u00e4t Berlin und in Hamburg lehrte, galt das Interesse bezeichnenderweise prim\u00e4r dem Statistiker und Mathematiker.<\/p>\n<p>Es war mehr oder weniger ein Zufall, da\u00df mir 1962 sein damals wenig beachtetes Buch \u00bbVom Fememord zur Reichskanzlei\u00ab\u00a0 (Heidelberg 1962, mit einem Vorwort von Walter Fabian) in die H\u00e4nde fiel und mir erstmals \u00fcber den Anteil der Weimarer Justiz an der Entwicklung und Funktion politischer Gewalt Klarheit verschaffte. Das in der damaligen Studentengeneration einsetzende Interesse f\u00fcr die Vorgeschichte des Faschismus, f\u00fcr die Haltung der Universit\u00e4ten in der Weimarer und in der NS-Zeit, f\u00fcr die Rolle der Juristen in dieser Zeit kam auch Gumbels Arbeiten wenigstens eine Zeitlang zugute. Ohne sie ist eine dokumentarische Darstellung \u00fcber die politische Justiz der Jahre 1918 bis 1933 nicht zu denken. Man mu\u00df es wohl auch als ein symptomatisches Politikum interpretieren, da\u00df sich nach dem Zweiten Weltkrieg kein einziger renommierter Verlag gefunden hat, der Gumbels auch als Quellen so wichtige Schriften wieder aufgelegt h\u00e4tte.<br \/>Seine zeitgen\u00f6ssische dokumentarische Zusammenstellung \u00fcber das \u00bbWesen, die Zusammensetzung und die Wirkung der Geheimorganisationen\u00ab der deutschen Rechten nahm nicht f\u00fcr sich in Anspruch, eine umfassende historische Untersuchung darzustellen. Es ging Gumbel um eine m\u00f6glichst vollst\u00e4ndige Aufkl\u00e4rung \u00fcber die politischen Umst\u00e4nde ihres Wirkens. \u00bbUnter dem Vorwand der Reichstreue des &#8217;nationalendes &#8218;v\u00f6lkischen&#8216; Gedankens erblicken weite Teile des deutschen Volkes ihre Aufgabe darin, den bittersten, durch keinerlei innerliche Skrupel eingeschr\u00e4nkten Kampf gegen die Weimarer Verfassung, den &#8218;Marxismusdie &#8218;Judenrepublik` und wie die Schlagworte alle lauten, zu f\u00fchren. Die Betonung &#8218;vaterl\u00e4ndischer` Gesinnung deckt dabei jede Niedertracht, jede Gemeinheit, jedes Verbrechen\u00ab (Verschw\u00f6rer, S. 7).<\/p>\n<p>Literarische, gesellschaftspolitische und sozialpsychologische Implikationen der deutschen nationalistischen Geheimb\u00fcnde nach 1918 hat Klaus Theweleit neuerdings aufgezeigt (\u00bbM\u00e4nnerphantasien\u00ab. Frankfurt: Stroemfeld\/Roter Stern 1977\/1978). Die Vor- und Fr\u00fchgeschichte des Faschismus, insbesondere im Bereich der Justiz, der Universit\u00e4ten und im B\u00fcrgertum \u00fcberhaupt, ist freilich noch nicht v\u00f6llig aufgearbeitet [1]. Umso wichtiger sind Gumbels Quellenmaterial und seine zeitgen\u00f6ssische Interpretation. Je n\u00fcchterner und unwiderleglicher der Statistiker die nationalistischen Zusammenschl\u00fcsse und Aktivit\u00e4ten auch dokumentierte, um so heftiger fiel die Reaktion seiner politischen Gegner aus.<\/p>\n<p>Karin Buselmeier hat im Vorwort nicht nur die politische und wissenschaftliche Bedeutung Gumbels gew\u00fcrdigt, sondern auch einen verdienstvollen Beitrag zur Biographie beigesteuert. Dazu geh\u00f6rt vor allem auch die Dokumentation der Vorg\u00e4nge um den Entzug der Lehrberechtigung, die wahrlich kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Heidelberger Universit\u00e4t darstellen. Bei der negativen Einstellung seiner Kollegen an der Universit\u00e4t und des Badischen Staatsministeriums gegen\u00fcber dem umstrittenen und exponierten Wissenschafter und Publizisten war der Ausgang des Disziplinarverfahrens fast programmiert. Auch der Einsatz seines Verteidigers Gustav Radbruch vermochte daran nichts zu \u00e4ndern. Selbst die Proteste von 200 republikanischen und sozialistischen Hochschullehrern gegen die Hetzkampagne der schon fr\u00fchzeit rechtsradikal eingestellten Deutschen Studentenschaft fruchteten nichts. Bei den vorangegangenen jahrelangen \u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen um Gumbel hat gewi\u00df die Tatsache eine wesentliche Rolle gespielt, da\u00df er schon fr\u00fch mit antimilitaristischen Ver\u00f6ffentlichungen hervorgetreten war. Seine pazifistischen Publikationen trugen ihm nicht nur den Makel als angeblicher Vaterlandsverr\u00e4ter sondern &#151; wie fast allen anderen prominenten Pazifisten &#151; Strafverfahren wegen angeblichen \u00bbpublizistischen Landesverrats\u00ab ein.<\/p>\n<p>Aus der Sicht des traditionellen Professorenstandes erschien Gumbel als zu parteilich, als zu provokativ. Man warf ihm vor, da\u00df er auf den \u00bbFrieden der Universit\u00e4t\u00ab keine R\u00fccksicht nehme, da\u00df er in seinem politisch motivierten Wahrheitsdrang immer wieder Tabus der Zunft verletzte und die gerade an den Universit\u00e4ten weitverbreitete \u00bbnationale Empfindung\u00ab zutiefst kr\u00e4nkte. 1924 hatte er bei einer \u00bbNie-wieder-Krieg\u00ab-Veranstaltung vom Schlachtfeld als einem \u00bbFeld der Unehre\u00ab gesprochen. Grund genug f\u00fcr ein Disziplinarverfahren, das nur durch die F\u00fcrsprachen von Arnold Zweig, Albert Einstein, Leonhard Nelson und Karl Jaspers im Sande verlief. Das im Anhang zu der Neuausgabe von \u00bbVerschw\u00f6rer\u00ab ver\u00f6ffentlichte Dokument, der Beschlu\u00df der philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Heidelberg aus dem Jahre 1925, ist ein charakteristisches Beispiel daf\u00fcr, wie ein so kompromi\u00dfloser Wissenschafter damals von seinen Standeskollegen beurteilt wurde. Die Aufdeckung der T\u00e4tigkeit nationaler Geheimb\u00fcnde, die vom Reichsjustizministerium best\u00e4tigten Rechtsbr\u00fcche in Gestalt der Nichtverfolgung von mehr als 300 politischen Morden erschien den Professorenkollegen als \u00bbpolitischer Fanatismus\u00ab, als \u00bbungew\u00f6hnliche Taktlosigkeit\u00ab und als \u00bbunbek\u00fcmmerte, unbesonnene R\u00fccksichtslosigkeit\u00ab. Gumbel gegen\u00fcber versagte die ansonsten so gut funktionierende \u00bbkorporative Solidarit\u00e4t\u00ab. Die Herausgeberin Karin Buselmeier hat allerdings nicht versucht, Gumbels zeitgeschichtlich-dokumentarischen Beitrag mit den Ergebnissen heutiger historischer Forschung zu konfrontieren. Es w\u00e4re n\u00fctzlich gewesen, f\u00fcr das Vorwort die inzwischen doch vergleichsweise umf\u00e4ngliche Literatur auszuwerten, die sich mit der Rolle der Justiz, mit dem Verh\u00e4ltnis der Universit\u00e4ten zur politischen Entwicklung und der Geschichte der Friedensbewegung befa\u00dft [2]. Gumbels Schicksal und sein \u00bbFall\u00ab, mittlerweile Gegenstand einer Untersuchung von Franz-Josef Lersch, stehen nicht allein. Vergleichbare Strukturen lassen sich m\u00fchelos an einer Reihe weiterer F\u00e4lle aufzeigen.<\/p>\n<p>Die mit einem Vorwort von Hans Thill erschienene Neuauflage enth\u00e4lt zwei Ver\u00f6ffentlichungen. 1921 hatte Gumbel in seiner Schrift \u00bbZwei Jahre Mord\u00ab die politischen Morde in Deutschland seit 1918 und die Reaktion von Ermittlungsbeh\u00f6rden und Justiz untersucht. Das Ergebnis war frappierend. Das Reichsjustizministerium best\u00e4tigte die Behauptungen Gumbels. Aber nicht ein einziger M\u00f6rder wurde bestraft. Die Neuauflage von 1922 trug den Titel \u00bbVier Jahre politischer Mord\u00ab. Gustav Radbruch veranla\u00dfte als Justizminister, da\u00df Gumbels erste Ver\u00f6ffentlichung zusammen mit den Darstellungen der Landesjustizverwaltungen dem Reichstag als Denkschrift vorgelegt wurde. Aber der Reichstag erhielt nur ein einziges Exemplar der Sammlung. Sie erschien auch nicht als Reichstagsdrucksache. Gumbel ver\u00f6ffentlichte sie daher mit einem Kommentar im Malik-Verlag Wieland Herzfeldes.<\/p>\n<p>\u00bbUm ihren Inhalt noch einmal zu rekapitulieren: Es ist amtlich best\u00e4tigt, da\u00df in Deutschland seit 1919 mindestens 400 politische Morde vorgekommen sind. Es ist amtlich best\u00e4tigt, da\u00df fast alle von rechtsradikaler Seite begangen wurden, und es ist amtlich best\u00e4tigt, da\u00df die \u00fcberw\u00e4ltigende Zahl dieser Morde unbestraft geblieben sind\u00ab (S. 182). Thill hat f\u00fcr sein Vorwort allerdings weitestgehend nur Karin Buselmeiers Vorwort aus der anderen Edition ausgewertet. Deshalb vermag auch diese Ausgabe wissenschaftlichen Anspr\u00fcchen nicht zu gen\u00fcgen. F\u00fcr die Rezeption des Gumbelschen Werkes und Ansatzes w\u00e4re es n\u00fctzlich gewesen, wenn man die Editionen zum Anla\u00df genommen h\u00e4tte, den Zusammenhang mit der damaligen und der heutigen, historischen Forschungslage herzustellen.<\/p>\n<p>Wenn auch die Herausgeber zurecht kritisieren, da\u00df ein politisch unbequemer Geist wie Gumbel in der Bundesrepublik nicht einmal eines Nachrufs oder einer seiner Bedeutung entsprechenden \u00f6ffentlichen Erw\u00e4hnung wert war, als er 1966 starb, so sind sie selbst mit den Editionen der Bedeutung dieses Mannes nicht ganz gerecht geworden. Der historischen und politischen Ehrenrettung eines bedeutenden Forschers, Publizisten und Vork\u00e4mpfers der Friedensbewegung h\u00e4tte es entsprochen, wenn die Neu-Editionen seiner Schriften mit jener sorgf\u00e4ltigen historisch-kritischen Kommentierung versehen worden w\u00e4ren, die Gumbels eigenem radikalen Anspruch auf wissenschaftliche Pr\u00e4zision, zeitgeschichtlich unangreifbare Dokumentation und politische Wirksamkeit gen\u00fcgt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Gumbel hat um die Wende der Jahre 1925\/26 die Sowjetunion bereist und seine Eindr\u00fccke 1927 ver\u00f6ffentlicht. Auch dieses Dokument liegt inzwischen, mit einer instruktiven Einleitung von Ossip K. Flechtheim, wieder vor.<\/p>\n<p><i>Emil Julius Gumbel.: Vom Ru\u00dfland der Gegenwart. Mit einem Vorwort zur Neuauflage von Professor Dr. Ossip K. Flechtheim. Reprint der Originalausgabe (Berlin 1927). Heidelberg: Wunderhorn 1982. X, 109 S.<\/i><\/p>\n<p>Gumbels unbestechlichem Blick ist nicht entgangen, in welcher widerspr\u00fcchlichen Situation sich die Sowjetunion damals befand. Er stellte sich zum Schlu\u00df die Frage, ob man dort den Weg finden werde, \u00bbder aus dem vorhandenen Staatskapitalismus mit seiner entsetzlichen B\u00fcrokratie zur wirtschaftlichen Demokratie, zum Sozialismus, zur Freiheit f\u00fchrt. Manchmal scheint es leichter, f\u00fcr den Sozialismus zu sterben, als f\u00fcr ihn zu leben. Der Aufbau einer sozialistischen Wirtschaft liegt auf einer ganz anderen Ebene als die Zerst\u00f6rung der bourgeoisen Macht. Auch das Gedeihen des Staatskapitalismus verb\u00fcrgt noch nicht das Kommen der erhofften Gesellschaft der Freien und Gleichen\u00ab (S. 109). Es w\u00e4re sicherlich ein-mal interessant, Gumbels Ru\u00dfland-Bild, das sich durch die gleiche Klarheit, Offenheit und Differenziertheit auszeichnet wie seine anderen Schriften, mit dem Bild anderer zeitgen\u00f6ssischer Besucher zu vergleichen. Gumbel hatte \u00fcbrigens seinen Moskau-Aufenthalt in erster Linie dazu benutzt, am Marx-Engels-Institut die von Marx und Engels hinterlassenen mathematischen Notizen f\u00fcr den Druck herzurichten.<\/p>\n<p>Walter Fabian, der Gumbel Anfang der Zwanziger Jahre bei seiner Arbeit half, hat seine politische Klarsicht, seine wissenschaftliche Exaktheit, seine konsequente Logik und seinen kompromi\u00dflosen Mut hervorgehoben. Als Gumbel mit seinen Publikationen und insbesondere 1961\/62 mit seinem Buch \u00abVom Fememord zur Reichskanzlei\u00ab aus der Erfahrung der Weimarer und der NS-Zeit in die Diskussion eingriff, stand dahinter anscheinend auch der Gedanke, vor der Gefahr eines neuen milit\u00e4rischen R\u00fcstungswettlaufs zu warnen [3]. Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik erschien ihm als ein grundlegender Fehler. Eine Biographie Gumbels, die vor allem seine politische Entwicklung und Grundhaltung nachzuzeichnen h\u00e4tte, steht noch aus. In \u00bbFreie Wissenschaft\u00ab schrieb er 1938: \u00bbDer Willensimpuls, der mich zu meinen wissenschaftlichen Arbeiten treibt, kn\u00fcpft bei mir an die Zuversicht an, da\u00df die mathematische Statistik in einer sozialistischen Planwirtschaft eine entscheidene Rolle spielen wird.\u00ab<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 Vgl. Michael H. Kater, Studentenschaft und Rechtsradikalismus in Deutschland 1918 &#8211; 1933. Eine sozialgeschichtliche Studie zur Bildungskrise in der Weimarer Republik. Hamburg 1975;<br \/>Albrecht G\u00f6tz von Olenhusen, Zur Entwicklung v\u00f6lkischen Rechtsdenkens. Fr\u00fche rechtsradikale Programmatik und b\u00fcrgliche Rechtswissenschaft. Irr: Hans Jochen Vogel, Helmut Simon, Adalbert Podlech (Hg.), Die Freiheiten des Anderen. Festschrift f\u00fcr Martin Hirsch. Baden-Baden 1981, S. 77 &#8211; 108.<br \/>2 Vgl. dazu jetzt Karl Holl\/Wolfram Wette (Hg.), Pazifismus in der Weimarer Republik. Paderdorn 1981, zu Gumbel insbesondere Franz Josef Lersch, ebd. S. 113 &#8211; 134 mit Nachweisen.<br \/>3 Vgl. etwa die Bibliographie bei E. J. Gumbel, Vom Fememord zur Reichskanzlei. Heidelberg 1962, S. 85 &#8211; 90; J. M. Diehl, Paramilitary Politics in Weimar Germany. Bloomington, London 1977; Lersch aa0.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2368],"publikationen":[1287],"class_list":["post-12132","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-albrecht-goetz-von-olenhusen","publikationen-62-63"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Pazifist Emil Julius Gumbel (1891\u00971966) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/62-63\/publikation\/der-pazifist-emil-julius-gumbel-18911966\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Pazifist Emil Julius Gumbel (1891\u00971966) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus Anla\u00df der Neuedition einiger seiner Schriften aus: vorg\u00e4nge Nr. 62\/63 (Heft 2-3\/1983), S. 172-176 Zu einem der vielen positiven Aspekte der aktuellen Friedensbewegung geh\u00f6rt der Umstand, da\u00df durch sie auch ihre lange in Vergessenheit geratenen historischen Vorl\u00e4ufer verst\u00e4rkt ins Blickfeld ger\u00fcckt werden. 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