{"id":12141,"date":"1977-01-28T13:41:00","date_gmt":"1977-01-28T12:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-vater-der-futurologie\/"},"modified":"1977-01-28T12:00:00","modified_gmt":"1977-01-28T11:00:00","slug":"der-vater-der-futurologie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/der-vater-der-futurologie\/","title":{"rendered":"Der Vater der Futurologie"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft2\/1977), S.113-114<\/p>\n<p>Blaise Pascal, der geniale religi\u00f6se Denker des 17. Jahrhunderts, der schon von den Vorboten der Aufkl\u00e4rung bewegt wurde, hat einmal gesagt: &#132;Die Vergangenheit und Gegenwart sind unsere Mittel. Die Zukunft allein ist unser Zweck.&#148; Das Wort k\u00f6nnte \u00fcber dem Lebenswerk Ossip K. Flechtheims stehen, einem sp\u00e4ten Sohn der Aufkl\u00e4rung, der 1974 sein 65. Lebensjahr vollendet und sich seither durch Emeritierung dem akademischen Tagesbetrieb entzogen hat. Sch\u00fcler, Freunde und Weggenossen haben ihm nun eine Festschrift gewidmet, die unter dem Titel <i>Systemwandel und Demokratisierung <\/i>in der <i>Europ\u00e4ischen Verlagsanstaltin Frankfurt (DM 19,80) <\/i>erschienen ist.<br \/>Festschriften sind hierzulande alter akademischer Brauch. Es gelingt daher nur wenigen das Durchschnittsma\u00df \u00fcberragenden Gelehrten, sich dieser besonderen, h\u00e4ufig aber auch besonders fragw\u00fcrdigen Form der Ehrung zu entziehen, sofern sie das daf\u00fcr vorgesehene Lebensalter erreichen. Wir wissen nicht, ob Flechtheim, der so garnicht der deutschen Normalvorstellung von einem akademischen Lehrer entspricht, sich eine Festschrift gew\u00fcnscht hat oder ob er nun, da sie vorliegt, Freude daran haben wird. Der nicht unmittelbar betroffene Leser begegnet diesem Opus von mehr als 450 Seiten mit etwas gemischten Gef\u00fchlen.<br \/>Er empfindet zwei Dinge als \u00c4rgernis, die den Herausgebern Christian Fenner und Bernhard Blanke und vielleicht auch dem Verlag anzulasten sind. Einmal w\u00e4re es, da keiner der Beitr\u00e4ge detaillierte Auskunft \u00fcber Flechtheims Lebensweg gibt, unbedingt n\u00f6tig gewesen, den Leser dar\u00fcber auf einer Zeittafel zu unterrichten. Zum andern sind die Herausgeber eines Sammelbandes, der ja nicht nur f\u00fcr den engsten Kreis der Fachkollegen bestimmt ist, dem Leser Auskunft \u00fcber die wichtigsten Personalien der 24 Autoren schuldig, die zu dieser Festschrift beigetragen haben.<br \/>Es ist nur nat\u00fcrlich, da\u00df bei einer solchen Vielzahl von Beitr\u00e4gen die Aufs\u00e4tze von unterschiedlicher Qualit\u00e4t und ungleichem Gewicht sind. Lesenswert sind sie jedoch durchweg, mag auch in einigen F\u00e4llen der wissenschaftliche Jargon manchem Leser das Verst\u00e4ndnis erschweren. Als Bei-tr\u00e4ge zum Verst\u00e4ndnis der politischen Situation in der Bundesrepublik erscheinen dem Rezensenten zwei Aufs\u00e4tze besonderes Gewicht zu haben. Einmal die Studie \u00fcber &#132;Die zivile Linke zwischen Konterreform und Stadtguerilla&#148; von Theodor Ebert; mit ihrem eindeutigen Bekenntnis zu gewaltloser Ver\u00e4nderung unserer gesellschaftlichen und politischen Verh\u00e4ltnisse erweist sich diese Arbeit als Geist vom Geiste Ossip Flechtheims, der zu den wenigen konsequenten Anh\u00e4ngern der Gewaltlosigkeit in Deutschland geh\u00f6rt und einmal gesagt hat: &#132;Die Rettung des homo humanus erfordert einen massiven Einsatz aller humanen Mittel &#8211; der politischen und \u00f6konomischen, der sozialen und kulturellen, der psychologischen und pers\u00f6nlichen.&#148; Nicht weniger bemerkenswert ist Iring Fetscliers Untersuchung der beiden Fragen &#132;Wie ist d e m o k r a t i s c h e r Sozialismus m\u00f6glich? Warum ist demokratischer S o z i a l i s m u s n\u00f6tig?&#148; Fetscher beantwortet beide Fragen ganz im Sinne Flechtheims und bekennt sich mit ihm zu der These, da\u00df nur auf dem Wege \u00fcber einen demokratischen Sozialismus die Zukunft gesichert werden kann. Und im Geiste Flechtheims schlie\u00dft Fetscher seine Untersuchung mit dem Satz: &#132;Aber es gibt in der Geschichte keine Garantie daf\u00fcr, da\u00df die rationalen und humanen L\u00f6sungen sich durchsetzen.&#148;<br \/>Das ist gleichsam die Summe von Flechtheims Lebenserfahrung. Der eingangs zitierte Satz von Pascal h\u00e4tte diesem Buch als Motto wohl angestanden. Ossip Flechtheim, wegen seiner Abstammung u n d seiner politischen Ansichten aus Deutschland vertrieben, h\u00e4tte, da er sich in Amerika eine akademische Stellung von Rang geschaffen hatte, wohl Grund gehabt, seinem Vaterland fernzubleiben. Das h\u00e4tte freilich seiner Art nicht entsprochen, sondern er sah seine Aufgabe nach dem Sturz der faschistischen Gewaltherrschaft in Deutschland gerade wieder in seiner geistigen Heimat Berlin. Hans Joachim Heydorn schreibt dazu in seiner die Festschrift einleitenden Laudatio: &#132;Menschlichkeit m\u00fcssen wir selber erzeugen &#8230; der Proze\u00df ihrer Hervorbringung ist der schwerste Proze\u00df ihres Werdens. Mehr als alles andere ist Flechtheim Moralist, ein heute diskreditiertes Wort, obgleich gerade auch die Linke Moralisten dieser Art dringend n\u00f6tig h\u00e4tte, die den Fortschritt messen am wirklichen Gl\u00fcck des Menschen und nicht an der Apparatur eines Begriffsystems.&#8220; Aus dieser Position des Moralisten heraus ist Ossip Flechtheim zum Vater der Futurologie geworden. Er hat den Namen dieser neuen Wissenschaft gepr\u00e4gt, die noch in ihren Anf\u00e4ngen steckt. Es geht ihm dabei nach seinen eigenen Worten &#132;um die Aufdeckung der menschlicheren Zukunft im Vorhandenen&#148;. Er verschlie\u00dft sich nicht den Schwierigkeiten, auf die jede radikale Utopie sto\u00dfen mu\u00df, und er wei\u00df: &#132;Wir haben nicht mehr allzuviel Zeit, um unser Haus &#150; d.h. den Planeten Erde &#8211; in Ordnung zu bringen.&#148; Er ist skeptisch, ob wir diese Zeit nutzen werden, aber er verzweifelt nicht.<br \/>Position, Rang und Verdienst Flechtheims kann man nicht besser umschreiben als mit den Worten des Lehrers, Freundes und Weggenossen Erich Fromm, der seinen eigenen Standort in einem kurzen, englisch geschriebenen Beitrag zu dieser Festschrift folgenderma\u00dfen darstellt:<br \/>&#132;Mein Standpunkt ist der eines rationalen Glaubens an die F\u00e4higkeit des Menschen, sich aus dem t\u00f6dlichen Netz der Umst\u00e4nde zu befreien, das er selbst geschaffen hat. Es ist der Standpunkt derer, die weder ,Optimisten` noch ,Pessimisten` sind, sondern Radikale, die den rationalen Glauben haben an die F\u00e4higkeit des Menschen, die \u00e4u\u00dferste Katastrophe zu vermeiden. Dieser humanistische Radikalismus geht an die Wurzeln und damit an die Ursachen; er versucht den Menschen aus den Ketten seiner Illusionen zu befreien; er fordert, da\u00df grundlegende \u00c4nderungen n\u00f6tig sind &#8211; nicht nur in unserer wirtschaftlichen und politischen Struktur, sondern auch in unsern Werten, in unsern Vorstellungen von den Zielen des Menschen und in unserm pers\u00f6nlichen Verhalten &#8230; Die Lage der Menschheit ist heute zu ernst, als da\u00df wir uns gestatten k\u00f6nnten, auf die Demagogen zu h\u00f6ren &#8211; schon garnicht auf die Demagogen, die von der Vernichtung angelockt werden; oder auch nur auf F\u00fchrer, welche allein ihren Verstand benutzen und deren Herzen verh\u00e4rtet sind. Kritisches und radikales Denken wird nur dann Fr\u00fcchte tragen, wenn es sich mit der kostbarsten Eigenschaft verbindet, die dem Menschen gegeben ist: mit der Liebe zum Leben.&#148;<br \/>Im Sinne dieser S\u00e4tze von Erich Fromm war der nunmehr Privatmann gewordene Ossip Flechtheim ein Radikaler im \u00f6ffentlichen Dienst. Es st\u00e4nde besser um unser Land, wenn es deren mehr g\u00e4be.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2370],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12141","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-helmut-lindemann","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Vater der Futurologie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/der-vater-der-futurologie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Vater der Futurologie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft2\/1977), S.113-114 Blaise Pascal, der geniale religi\u00f6se Denker des 17. 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