{"id":12148,"date":"1976-12-31T22:00:00","date_gmt":"1976-12-31T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/deutscher-kulturstaat\/"},"modified":"1976-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1976-12-31T11:00:00","slug":"deutscher-kulturstaat","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/deutscher-kulturstaat\/","title":{"rendered":"Deutscher Kulturstaat?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S. 9-11<\/p>\n<p>Das Thema ist als Frage gestellt, und tats\u00e4chlich ist es in all seinen Bestandteilen- trotz (oder wegen?) unendlicher Diskussion-eine Frage geblieben, Vielleicht deshalb, weil es an handlungsf\u00e4higen Adressaten mangelt, die b\u00fcndige Antworten umzusetzen verm\u00f6chten? Darauf also, was denn &#132;deutsch&#148; an dem erfragten Kulturstaat zu sein habe? Hitler wu\u00dfte es, freilich wu\u00dfte er es schlecht. Und wir heute? Kulturell nachhaltig gesch\u00e4digt durch das, was die Hitlerdeutschen uns als deutsche Kultur auferlegten, m\u00f6gen wir jedenfalls nationale Anspr\u00fcche nicht als eine Art Besatzungsmacht zust\u00e4ndig f\u00fcrs kulturell Deutsche machen, das nationale Grenzen nie hatte und nun auch noch in gegenl\u00e4ufige imperiale Verbindlichkeiten geraten ist.<br \/>Nun zielt meine Fragestellung weniger auf so heikle Verwobenheiten als vielmehr auf das Selbstverst\u00e4ndnis der Bundesrepublik Deutschland eben als- deutscher- Kulturstaat. Der Adressat ist damit wenigstens klar: diejenigen, die als Politiker staatliche, \u00f6ffentliche Kulturpolitik verantworten und f\u00fcr den erhobenen Anspruch Kulturstaat Leistungen vorweisen m\u00fcssen. Deutscher Kulturstaat als Frage zielt also ab auf notabene demokratische Leistungen des Staates f\u00fcr die Kultur in seiner beanspruchten Eigenschaft, ein Kulturstaat zu sein. Solche Leistungen setzen einen politischen Begriff von Kultur voraus, der normativ und instrumental die Staatst\u00e4tigkeit bestimmt.<\/p>\n<p>Es ist den Staaten und den Staatsm\u00e4nnern, den Politikern schlechthin immer leicht gefallen, Kultur selber als politisches Mittel zu sehen, das ihnen n\u00fctzlich oder sch\u00e4dlich ist. Kultur wird alsbald staatsrepr\u00e4sentativ oder nestbeschmutzend, sie gilt als gesund oder als zersetzend, sie leistet der so oder so bestimmten ideologischen Gemeinschaft ihren Dienst, so etwas wie einen &#132;konstruktiven Beitrag&#148;, oder wiederum das Gegenteil, sie ist elit\u00e4r unzug\u00e4nglich, gar AntiKultur, sch\u00e4dlich wie das drogengef\u00e4hrdete Flower-power-Milieu, oder sie ist konterrevolution\u00e4r, was immer das zum jeweiligen Zeitpunkt sein mag. Der Staat wei\u00df jedenfalls, was er kulturpolitisch will, n\u00e4mlich Kultur als Mittel seiner verschiedenen eigenen Zwecke, nicht als Ziel in sich selbst- wie nach heute g\u00e4ngiger Meinung Frieden ein Ziel in sich selbst ist und in anbetracht der Verh\u00e4ltnisse wohl auch sein mu\u00df. Die- wie sie uns\u00e4glich hei\u00dfen- Kulturschaffenden mischen bei diesen Argumentationsreihen flei\u00dfig mit, wollen selber leben, sind also trotz ihrer augenscheinlichen Legitimation nicht die besten Zeugen.<br \/>Jetzt gewinnt angesichts solcher Verlegenheiten und wegen wirklicher und \u00fcberaus wirksamer sozialer Abstufungen, wegen Grenzen beim gesellschaftlichen Zugang zur Kultur die Losung von der Partizipation, von der Teilhabe an Kultur normativen Charakter, und zwar so sehr und so dringlich, da\u00df die Herstellung solcher Partizipation als universale Forderung gar in die Vertr\u00e4ge der KSZE, der &#132;Konferenz f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa&#148;, eingegangen und damit hochoffiziell geworden ist. Staatliche Kulturpolitik wird darauf verpflichtet, die V\u00f6lker, die Menschen an der Kultur, an den K\u00fcnsten besonders teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>Es stellen sich im ja schon uralten Vermittlergesch\u00e4ft neue Berufsnamen heraus, von denen der des &#132;Animateurs&#148; der wohl aufschlu\u00dfreichste ist: der des &#132;Anregers&#148;, der Kultur in die weiten Bereiche der Diaspora, des kulturellen Niemandslandes hineintragen soll, als Veranstalter, P\u00e4dagoge, als Dirigent der Partizipation. Die exklusiven, \u00fcberdies kostspieligen Tempel der Kultur sollen ge\u00f6ffnet werden, die Theater, die Happening-K\u00fcnstler gehen in Werkhallen, auf die Stra\u00dfen, die Mitwirkung des Publikums wird veranla\u00dft, und der Animateur holt Farben, T\u00f6ne, Texte herbei. Es ist ja schon eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen-Kultur entstanden, mit ihren bunt gestrichenen Fassaden, ein veritables Ensemble von allseitiger Partizipation.<br \/>Nun ist nicht alle Kultur auf diesen erfreulichen Nenner zu bringen. Obwohl, bei entsprechendem Bewu\u00dftsein, f\u00fcr das auch gewi\u00df nicht Aufkl\u00e4rung zu leisten ist, sehr viel mehr ganz unbewu\u00dft an staatlicher Kulturpolitik geleistet wird, als der Staat und seine Politiker selber einsehen. So brachten die Fremdarbeiterwanderung, die \u00d6ffnung des europ\u00e4ischen Marktes, die gewaltige Reiselust zumindest die Chance f\u00fcr eigentlich jedermann, an einer unvergleichlichen kulinarischen Kultur teilzuhaben, und mit den Essensfreuden und ihrem durchweg gesellschaftlich-geselligen Ablauf ist eine ganz fundamentale Kulturvoraussetzung gegeben. Es mu\u00df nicht gleich klassisch Beethoven, mu\u00df nicht zeitgen\u00f6ssisch mindestens Stockhausen sein.<br \/>Womit eine der Schwierigkeiten von Partizipationsbem\u00fchungen oder des Berufs eines Animateurs unter den Bedingungen von Demokratie angesprochen ist. Und hier gibt es nun keine Rettung im Objektiven, hier gibt es nur eigenes Urteil und f\u00fcr staatliches Wirken also nur gro\u00dfe Verwirrung. Kunst als Hervorbringung ist selten eine demokratische Veranstaltung und kann nie dem Urteil von Mehrheiten unterworfen werden. Es gibt aber auch nicht etwa zuverl\u00e4ssige Minderheiten, die Bescheid wissen. Es gibt K\u00fcnstler und von ihrer Kunst Betroffene, das zieht im Gl\u00fccksfall seine Kreise, erreicht eine kleine, immer doch beschr\u00e4nkte kulturelle \u00d6ffentlichkeit. Oder es stirbt ab, wird wiederentdeckt, wird niemals entdeckt, hat seine Gezeiten, T\u00e4uschungen, Vergessenheiten, seine Moden und Trends, verf\u00e4llt dem Zeitgeschmack, der es r\u00fchmt oder schm\u00e4ht. Gerade insofern aber ist Kunst Gegenstand, Objekt von Kultur und nicht schon die Kultur selber. Kunst bedarf der Kultur als eines launischen, jeweils letztinstanzlichen und keineswegs wahrheitsliebenden oder vorurteilsfreien Mediums. Kunst im Kunstwerk stellt sich selbst nachpr\u00fcfbar unter Beweis. Kultur tut das keineswegs, und staatliche Kulturpolitik mu\u00df das wissen. Es geh\u00f6rt zur Intelligenz des Kulturstaates, da\u00df er seinen eigenen Kulturbegriff durchschaut.<br \/>Verweigert er sich dieser Intelligenz, so wird er erst recht das Opfer seiner eigenen Borniertheit. Der \u00f6ffentliche Mi\u00dfbrauch von Kunst zu PR-2Wecken steckt ja in der Zwangsjacke des jeweils modisch Gefragten oder totalit\u00e4r Gewollten und vertreibt immer nur abgestandenes Wasser. Es bed\u00fcrfte aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden keiner besonderen Freiheitsgarantie f\u00fcr die K\u00fcnste, w\u00e4re nicht aufnahmebereite Kultur als Medium zur Hand, und diese wiederum l\u00e4\u00dft sich anders als der einzelne K\u00fcnstler keineswegs unterdr\u00fccken, sie bleibt und w\u00e4chst im Untergrund. Sie ist zumal als Volksgruppenkultur unausrottbar. So \u00fcberstanden die Juden.<\/p>\n<p>Staatliche Kulturpolitik ist darum nicht wirkungslos. Sie kann \u00d6ffentlichkeit schaffen, ist jedem M\u00e4zen \u00fcberlegen, sie verf\u00fcgt \u00fcber Geld; und niemals ist Kultur billig. Es w\u00e4re aufschlu\u00dfreich, die Relationen \u00f6ffentlicher Aufwendungen f\u00fcr Kultur \u00fcber die Zeiten und Herrschaftsformen hin einmal vergleichend darzustellen. Der deutsche Kulturstaat, nach dem wir hier fragen, k\u00e4me schlecht weg bei solchem Vergleich.<br \/>Dabei ist die Herausforderung umfassend. Sie betrifft einmal die demokratische Partizipation, ihre Normen und Instrumente. Sie sieht sich konfrontiert einem unaussch\u00f6pfbaren Material eigener deutscher Traditionen, zugleich dem Angebot von Weltkultur, historischem und zeitgen\u00f6ssischem Bestand, den kulturell zu verarbeiten, mit dem auszutauschen Aufgabe der eigenen Kultur ist, und das im Szenarium einer industriebestimmten, arbeitsteiligen, ideologisch zerqu\u00e4lten, konsumdirigierten Gesellschaft, deren existentielle Aufmerksamkeit von Kultur geradezu systematisch abgelenkt wird. Die Argumente dessen, was man sehr abf\u00e4llig und durchaus nicht unberechtigt als Kulturpessimismus verwarf, m\u00fcssen neu \u00fcberdacht werden. Die Politik eines deutschen Kulturstaates mu\u00df eine neue kulturelle \u00d6ffentlichkeit animieren und mu\u00df endlich begreifen, welch umfassendes und so bisher kaum begriffenes Instrumentarium gerade daf\u00fcr durch die Rundfunk- und Fernsehanstalten vorgegeben ist; bei \u00fcbrigens gleichzeitigem, fast vollst\u00e4ndigem Zusammenbruch der traditionellen Vermittlungen von Kultur und deren entweder radikaler Kommerzialisierung oder ebenso radikaler Subventionierung, nach Branchen geteilt. Es ist kennzeichnend f\u00fcr die folgenschwere Unkenntnis der politisch Verantwortlichen, da\u00df sie den Rundfunksendern die Geb\u00fchren f\u00fcr ein kulturf\u00e4higes Programm verweigern, aber andererseits Millionen in die Haushalte der Theater und Opern einbringen. Was von den Pl\u00e4nen einer neuen Nationalstiftung verlautet, zeigt eine \u00e4hnliche Tendenz.<\/p>\n<p>Kulturpolitik eines deutschen Kulturstaates hat zu diesem Zeitpunkt keine dringlichere Aufgabe, als von der kleinen Kommune bis hin zu den L\u00e4ndern und zum Bund mit den modernsten Mitteln kulturelle \u00d6ffentlichkeit zu schaffen. Der Staat d\u00fcrfte einmal eine PR-Aktion f\u00fcr Kultur und K\u00fcnste betreiben, statt umgekehrt. Wobei es hilfreich w\u00e4re, wenn die Politiker Zeit f\u00e4nden, ihre eigene Kultur ein wenig zu pflegen. Sie ist ihnen ja nicht durchaus abhandengekommen, sondern auf der Wertskala unserer politischen Wirklichkeit nur nicht sonderlich gefragt, versch\u00fcttet.<br \/>Es w\u00fcrde sich dann freilich herausstellen, da\u00df die menschliche Welt nicht nur aus Produktionszuwachs und wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten besteht, Kultur nicht ein Medium von baren Freizeitlustbarkeiten ist, sondern von Trauer, Schmerz, bitterem und gl\u00fccklichem Abenteuer, Liebe, Tod und Vergn\u00fcgungslust, von mannigfacher Geselligkeit, von Wildheit, Sanftmut, Einsamkeit, Farben, T\u00f6nen, L\u00fcge, Geiz, Marter, Ruhm und Erh\u00f6hung, eine menschliche Welt, der nichts Menschliches fremd ist und an der zu partizipieren letztlich ein unendliches, manifestes Selbstgespr\u00e4ch des Menschen mit sich selbst, dem Menschen bleibt.<br \/>Das, mit Hilfe politischer Mittel angebahnt, w\u00fcrde in der Tat den deutschen Kulturstaat aus seiner derzeitigen Unkenntlichkeit herausf\u00fchren und auf politisch notwendigerweise bescheidene, also schwierige Weise wahrscheinlicher machen.<br \/>So kurz nach den Bundestagswahlen mag man sich in diesem Kontext fragen, was denn diese, die Wahlen, etwa zur politischen Kultur in diesem Lande beigetragen haben. Das ist sicher keine Frage nach ihrem politischen Ergebnis, nicht einmal eine nach dem Anstand ihrer Mittel- vielmehr die nach einem \u00f6ffentlichen Kulturbewu\u00dftsein, das mit Witz auf Geschmack oder Geschmacklosigkeit reagieren w\u00fcrde, bei den Veranstaltern ebenso wie bei den angesprochenen B\u00fcrgern. Es ist (trotz etwa Staeck) leider noch immer eine ziemlich m\u00fc\u00dfige Frage.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2372],"publikationen":[1313],"class_list":["post-12148","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rolf-schroeers","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Deutscher Kulturstaat? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/deutscher-kulturstaat\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Deutscher Kulturstaat? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S. 9-11 Das Thema ist als Frage gestellt, und tats\u00e4chlich ist es in all seinen Bestandteilen- trotz (oder wegen?) unendlicher Diskussion-eine Frage geblieben, Vielleicht deshalb, weil es an handlungsf\u00e4higen Adressaten mangelt, die b\u00fcndige Antworten umzusetzen verm\u00f6chten? 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