{"id":12190,"date":"2004-03-02T14:00:00","date_gmt":"2004-03-02T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-immanente-utopie-der-gerechtigkeit\/"},"modified":"2004-03-02T12:00:00","modified_gmt":"2004-03-02T11:00:00","slug":"die-immanente-utopie-der-gerechtigkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-165\/publikation\/die-immanente-utopie-der-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Die immanente Utopie der Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Claus Offes bundesrepublikanischer Denkweg<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 165 ( Heft 1\/2004), S112-126<\/p>\n<p>Werk und Vita Claus Offes zu deuten, f\u00e4llt nicht leicht. Ein dicker Packen Fotokopien und einige alte zerlesene B\u00fccher halfen bei der Vorbereitung, doch es bleibt ein schwieriges Unterfangen. Was k\u00f6nnte eine angemessene Perspektive sein? Als &#150; wenn auch nicht im direkten akademischen Sinne &#150; Sch\u00fcler, Leser, Bewunderer, seltener Kritiker bin ich Angeh\u00f6riger einer anderen, j\u00fcngeren Bildungskohorte, der wesentliche fr\u00fche Erfahrungen mit Claus Offe nicht teilt. Er geh\u00f6rt ganz offenkundig zu den Pr\u00e4-68em und trat bereits 1961 &#150; also mit gerade 21 Jahren &#150; als Mitverfasser der legend\u00e4ren SDS-Denkschrift Hochschule in der Demokratie (Nitsch u.a. 1965) auf, von der ein Einflu\u00dfstrang zu den Kreuznacher Thesen der Bundesassistentenkonferenz und schlie\u00dflich dar\u00fcber hinaus bis zur Institutionalisierung der Gruppenuniversit\u00e4t durch das Hochschulrahmengesetz von 1976 f\u00fchrte. Ich dagegen kam mit meinem Abitur 1968 f\u00fcr die heroische Phase ein wenig zu sp\u00e4t &#150; und kaum in die Gefahr, im SDS mehr als ein Erstsemesterzaungast mit &#132;roten Ohren&#148; zu sein, im SDS, der sich bereits drei Monate nach meinem Eintritt auch in Bonn unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung von Hannes Heer aufspaltete. Damals konnte ich nicht verstehen, warum ich mich pl\u00f6tzlich an den revolution\u00e4ren Errungenschaften des Gro\u00dfen Vorsitzenden Mao orientieren sollte, wo es doch viel dringlicher erschien, den drohenden Einzug der NPD in den Bundestag durch ein Go-In in die zentrale Wahlkampfveranstaltung des Herrn von Thadden in Bonn-Godesberg zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Unsicherheit \u00fcber die angemessene Perspektive bleibt und mag manche Spr\u00fcnge, Inkoh\u00e4renzen und Auslassungen1 im Folgenden wenn schon nicht rechtfertigen, dann doch erkl\u00e4ren. Es sollte nicht zuletzt sichtbar werden, da\u00df ich \u00fcber Claus Offe auch im Rahmen einer fast drei\u00dfig Jahre w\u00e4hrenden freundschaftlichen Bekanntschaft spreche, die \u00fcber die Kinderfeste in ostwestf\u00e4lischen Sommer-G\u00e4rten mit Claus am Grill, \u00fcber einen langen zweisamen Tag auf der Documenta in Kassel Anfang der 1980er Jahre, \u00fcber das Erlebnis des etwas unter Atemnot leidenden Fl\u00f6tenspielers Claus Offe auf einem der Feste im Hause gemeinsamer Freunde in Marburg, \u00fcber einen sonnt\u00e4glich \u00fcber Gew\u00fcrze fachsimpelnden Gang durch Torontos China-Town bis hin zu der recht oberlehrerhaften Frage in seinem Doktorandenkreis in Berlin 2002, wie ich das mit der &#132;politischen Gesellschaft&#148; (Greven 1999) eigentlich ernst meinen k\u00f6nnte, f\u00fcr mich viele denkw\u00fcrdige Erinnerungen umfa\u00dft.<\/p>\n<p>Hier soll eine panoptischere, Pers\u00f6nliches mit Inhaltlichem und Objektivem, Wissenschaftliches mit Politischem mischende Perspektive gewagt werden. Nat\u00fcrlich sind da aber zuerst die Texte Claus Offes und deren Kontexte, deren erneute oder erstmalige Lekt\u00fcre mir eine so noch nie gefundene, nie gesuchte, konzentrierte Einsicht in vierzig Jahre politiksoziologischer Denk-und Publikationst\u00e4tigkeit vermittelten. Viel Wiedererkennen und Erinnern gab es dabei, aber auch Entdecken und das Erstaunen dar\u00fcber, wie falsch oder unvollst\u00e4ndig eigene Einnerungen sein k\u00f6nnen: Texte wie der eigenartiger Weise in der sonst so sorgf\u00e4ltig gef\u00fchrten Bibliographie nicht enthaltene, m,W. aber erste ver\u00f6ffentlichte Aufsatz von Claus Offe zur Sozial\u00f6konomie des Studiums in der Zeitschrift des SDS neue kritik vom Mai 1963, Texte wie die als erste Monographie zun\u00e4chst nur in Fachkreisen bereits Aufsehen erregende Dissertation Leistungsprinzip und industrielle Arbeit (1970), die vielen Aufs\u00e4tze und Rezensionen bis zu den in den letzten Jahren mit wachsender Ber\u00fchmtheit immer h\u00e4ufigeren Zeitungsartikeln und Interviews.<\/p>\n<p>L\u00e4\u00dft sich dabei ein roter Faden der Entwicklung erkennen, das geheime und stets durchgehaltene Motiv im Sinne des &#132;Weberschen Moments&#148;, oder auch nur das eigent\u00fcmliche Stilmittel oder die typische Methode? Ist es die Vier-Felder-Matrix oder der argumentationsstrukturierende Ordnungssinn, bei dem drei analytisch identifizierten Problemen immer und stets drei Strategien oder Handlungsoptionen zu entsprechen scheinen? Oder sucht und findet man gerade umgekehrt in den Texten nicht ihren Autor, gar den einen Autor mit seiner &#132;Entwicklung&#148;, den es trotz der vierzig Jahre immer schon gegeben haben soll und der es weiter bleiben wird, was immer ihm in Zukunft noch einf\u00e4llt? Soll man die Werkeinheit und ihren Autor dahinter konstruieren oder de-konstruieren? Und was ist dem jeweiligen Entstehungskontext, was dem Einflu\u00df akademischer Lehrer oder aktueller Lekt\u00fcre, was schlie\u00dflich politischen Entwicklungen geschuldet? Resultiert die Themenwahl aus deren Wahrnehmung und Analyse oder aus der wissenschaftlichen Anschlu\u00dff\u00e4higkeit akademischer Diskurse?<\/p>\n<h5><span id=\"sds-und-wissenschaft-die-anfaenge-einer-akademischen-karriere\">SDS und Wissen&shy;schaft: Die Anf&auml;nge einer akade&shy;mi&shy;schen Karriere<\/span><\/h5>\n<p>So viele Fragen &#150; und eine erste, im Nachhinein nicht mehr \u00fcberraschende Entdeckung: Obwohl ich Autor und Person so viele Jahre kenne, werde ich sehr viele nicht beantworten k\u00f6nnen. Die zug\u00e4nglichen Lebensl\u00e4ufe enthalten nur minimale Eckdaten, die langj\u00e4hrigen Hintergrundgespr\u00e4che und erst recht die Texte selbst machen von der eigenen Geschichte und Person wenig Aufhebens, der fehlende Hang zur Anekdote macht es dem Biographen trotz langer Bekanntschaft schwer: &#132;Geboren 1940&#148; &#150; schon der Ort Berlin wird nicht verraten; Eltern, Geschwister &#150; Fehlanzeige; Kindheit, Schulzeit und Abitur am altsprachlichen Gymnasium in Wuppertal-Elberfeld fehlen ganz; das &#132;Studium der Soziologie, Volkswirtschaft und Philosophie in K\u00f6ln und der FU Berlin&#148; wird 1965 mit einer Diplomarbeit zum Begriff der Technik bei A. Gehlen und H. Schelsky mit dem Diplom in Soziologie an der FU abgeschlossen. Von dieser Qualifikationsarbeit k\u00f6nnen offenkundig erste Aufs\u00e4tze zur damals lebhaft werden Technokratiediskussion in Zeitschriften wie der Stadtbauwelt zehren (1969), Herbert Marcuses eindimensionaler Mensch wird nachtr\u00e4glich in den Kontext ger\u00fcckt (1968). Bis zum Abschlu\u00df des Studiums im Lebenslauf kein Wort \u00fcber akademische Lehrer, Schulen, Interessen oder Einfl\u00fcsse. Umso auff\u00e4lliger dann und, gerade wenn man bedenkt, dass die pers\u00f6nliche Zuordnung der Assistenturen zu Lehrst\u00fchlen in der SDS-Denkschrift und dem kritischen Zeitgeist eher als Sakrileg betrachtet wurde, wohl nur als wichtiges Signal zu verstehen, die n\u00e4chste Angabe: &#132;1965-69 Assistent am Soziologischen Seminar (Institut f\u00fcr Sozialforschung), Universit\u00e4t Frankfurt (Lehrstuhl J. Habermas)&#148;. Kritische Theorie des IfS, mehr noch J\u00fcrgen Habermas, der schon als Autor des Vorwortes zur Buchpublikation der SDS-Denkschrift 1965 sich mit den Thesen der J\u00fcngeren identifizierend in Erscheinung trat, auf dem Hintergrund langj\u00e4hriger poltischer Theoriearbeit im SDS &#150; damit d\u00fcrfte die f\u00fcr die akademische Biographie zun\u00e4chst pr\u00e4gende Genealogie von Claus Offe selbst akzentuiert worden sein. Was bringt um 1960 herum einen Zwanzig-j\u00e4hrigen in den quantitativ sehr kleinen Kreis derjenigen, die sich im gerade aus der SPD ausgeschlossenen Sozialistischen Deutschen Studentenverbund in Theoriekreisen und selbstorganisiertem Studium nicht nur um eine gegen die Godesbergisierung der SPD gerichtete marxistische Gesellschafts- und Klassenanalyse bem\u00fchen, sondern auch quer zur Logik des Kalten Krieges, des allgemein perzipierten &#132;Wirtschaftswunders&#148; und der Erfolge der &#132;Sozialen Marktwirtschaft&#148; und unter dem frischen Eindruck des Mauerbaus n\u00fcchtern um eine sachliche Einsch\u00e4tzung der DDR-Entwicklung? Ich kenne die konkreten biographischen Umst\u00e4nde nicht, die Claus Offe f\u00fcr einige Jahre in diese Zusammenh\u00e4nge bringen und er hat sich m.W, dazu selbst bisher nicht ge\u00e4u\u00dfert. 1968, auf dem vermeintlichen H\u00f6hepunkt des Einflusses dieses Verbandes &#8211; der sich m.E, aber bereits seit sp\u00e4testens 1966, was immer sein Einflu\u00df auf die realpolitische Studentenbewegung gewesen sein mag, in seinen wissenschaftlichen Dokumenten und Beitr\u00e4gen fruchtlos in sektiererische Varianten der Retraditionalisierung theoretischer Kategorienund Analysen verstrickt &#150;, 1968 finden wir Claus Offe auf dem Frankfurter Soziologentag. Theodor W. Adorno war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie und ma\u00dfgeblich f\u00fcr Ort und den Titel Sp\u00e4tkapitalismus oder Industriegesellschaft? &#8211; eine Frage, die er in seinem Er\u00f6ffnungsvortrag recht eindeutig und marxorthodox kapitalismuskritisch beantwortete. Offe war Co-Autor eines damals viel mehr beachteten Beitrages von 5 Assistenten (neben ihm J.Bergmann,G. Brandt, K. Korber und E. Th. Mohl) mit dem Titel Herrschaft, Klassenverh\u00e4ltnisse und Schichtung (Bergmann u.a. 1969). Dieser Auftritt auf der ansonsten Ordinarien vorbehaltenen gro\u00dfen B\u00fchne der Zunft fand nicht nur erhebliche Medienbeachtung, sondern etablierte die Namen der Vortragenden in der Disziplin.<\/p>\n<h5><span id=\"politische-herrschaft-und-klassenstrukturen\">Politische Herrschaft und Klassen&shy;struk&shy;turen<\/span><\/h5>\n<p>\u00dcber Claus Offe kann man nicht sprechen, ohne dabei die Bedeutung seiner Texte und ihre ganz praktische Rolle f\u00fcr mich und andere meiner Bildungskohorte zu bedenken. Einer von ihnen sticht heraus, n\u00e4mlich jener zentrale, erstmals 1969 in der &#132;Frankfurter&#148; Einf\u00fchrung in die Politikwissenschaft erschienene Text Politische Herrschaft und Klassenstrukturen. Hier vermag ich \u00fcber die pers\u00f6nliche Anekdote hinaus etwas \u00fcber die gerade einsetzende Ausstrahlung Claus Offes in den Sozialwissenschaften zu berichten. Im Wintersemester 1968\/69 habe ich in Bonn &#8211; eher beil\u00e4ufig und ohne damit verbundenes Ziel, neben Philosophie, Psychologie und ein wenig Germanistik &#150; Politikwissenschaft zu studieren begonnen. Eine geregelte &#132;Einf\u00fchrung&#148; in das Fach als besondere Lehrveranstaltung gab es noch nicht. Als sie kurze Zeit sp\u00e4ter aus einem Kreis von Assistenten und studentischen Tutoren, zu denen ich geh\u00f6rte, heraus konzipiert und Ende der 1960er Jahre in Bonn erstmals durchgef\u00fchrt wurde, gab es auf dem Buchmarkt drei &#132;Einf\u00fchrungen&#148;: neben der bereits erw\u00e4hnten, 1969 von Gisela Kreis und Dieter Senghaas bei der EVA herausgegebenen &#132;Frankfurter&#148; als erste die aus dem T\u00fcbinger und Heidelberger Millieu stammende von Gerhard Lehmbruch (1967) und dann die &#132;Marburger&#148;, 1968 herausgegeben von Wolfgang Abendroth und Kurt Lenk bei UTB. Die Berliner vom OSI, f\u00fcr das Fach damals doch so wichtig, kamen mit Blanke\/J\u00fcrgens\/Kastendieks zweib\u00e4ndiger Kritik der politischen Wissenschaft (B.Blanke u.a. 1975) mit ihrer Ver\u00f6ffentlichung f\u00fcr uns um Jahre zu sp\u00e4t &#8211; vielleicht auch, weil sie sich auf dem Olymp des OSI \u00fcber die Notwendigkeit der Ausbildung von Politologen in der p\u00e4dagogischen Provinz erhaben f\u00fchlten. Die Orts- und Herkunftsbezeichnungen gewannen im Zuge der in diesen Semestern sich rapide politisch und wissenschaftlich ausdifferenzierenden Str\u00f6mungen der au\u00dferparlamentarischen Opposition und der darin nur einen, sich manchmal zu wichtig nehmenden Teil bildenden Studentenbewegung, schnell pro-grammatischen Charakter. Offes Text ist mit Sicherheit der Beitrag aus allen diesen Orientierungs- und Programmierungsversuchen der sich gerade zum Massenausbildungsfach aufbl\u00e4henden jungen Disziplin, der die gr\u00f6\u00dfte und nachhaltigste Wirkung erzielte &#8211; wohl auch f\u00fcr ihn selbst. Mit diesem Text setzte auch Claus Offes internationale Karriere ein, die sich in kurzer Zeit in zahlreichen \u00dcbersetzungen (italienisch und eng-lisch zun\u00e4chst, sp\u00e4ter dann auch japanisch) und Nachdrucken niederschlug. In diesem Beitrag wurde eine Synthese von unorthodoxem Marxismus und Systemanalyse, gebrochen durch die sp\u00e4ter f\u00fcr Offe so typische pers\u00f6nliche F\u00e4higkeit zur analytischen Ausdifferenzierung von Optionen und Alternativen, f\u00fcr die Grundfragen der politischen Herrschaftsanalyse fruchtbar gemacht. Sie fand von den Niederlanden \u00fcber Skandinavien, Gro\u00dfbritannien, Italien bis zu den USA und Kanada einen geradezu explodierenden und \u00fcberaus aufnahmef\u00e4higen akademischen Markt f\u00fcr den damaligen westdeutschen Exportschlager neo-marxistische Staats- und Klassentheorie vor. Der Text erschien 1969, im Jahr der sogenannten &#132;Septemberstreiks&#148; in Deutschland, einer Streikwelle, die branchen\u00fcbergreifend und international rund um den Globus, besonders aber in Italien die akademisch und in den politisierenden Sozialwissenschaften schlie\u00dflich Regale f\u00fcllende Ablagerung von &#132;Klassenanalysen&#148; und &#132;Staatsableitungen&#148; praktisch f\u00fcr kurze Zeit zu best\u00e4tigen schien: Nunmehr war offenbar der &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148; immer weniger in der Lage, seine marxistisch aus der Kapitalanalyse deduzierte &#132;Widerspruchslogik&#148; zu domestizieren. Viele gerade aus der Alters- und Bildungskohorte von Claus Offe, die mit ihm die Bildung und Politisierung durch den SDS der 1960er Jahre teilten (ehemals bekannte Namen darunter, wie Sebastian Herkommer, Frank Deppe, J\u00fcrgen Krysmanski, Bernd Rabehl) erlagen in dieser Situation der romantischen Identifikation mit dem theoretischen Mythos des &#132;an und f\u00fcr sich&#148; revolution\u00e4ren Proletariats und begaben sich auf den Weg in eine theoretisch-analytische Regression &#150; die unter den damaligen Umst\u00e4nden eine b\u00fcrgerlich wissenschaftliche Universit\u00e4tskarriere keineswegs ausschlo\u00df.<\/p>\n<p>Ganz anders dagegen wirkt der Text von Claus Offe. Was an ihm, heute wiedergelesen, besonders auff\u00e4llt, ist die doppelte Distanz: einerseits zu der eben blo\u00df angedeuteten, damals aber von vielen \u00fcber Jahre verfolgten theoretisch-politischen Sackgasse einer \u00fcberwiegend nur deduzierenden, empirisch blinden und politisch voluntaristischen Marx-Orthodoxie von sog. &#132;Staatsableitungen&#148; in ihren sp\u00e4terhin akademisch und auf einem sich eigens ausbildenden Publikations- und Zeitschriftenmarkt hei\u00dfumk\u00e4mpften revisionistischen und anti-revisionistischen Varianten. Andererseits ist aber auch eine Distanz erkennbar zum sich damals etablierenden, heutigen sozial- und vor allem politikwissenschaftlichen mainstream etatistisch orientierter policy-science. Bei diesem mainstream d\u00fcrfte schon damals &#150; und heute noch? &#150; der durchaus ernstgemeinte und die Fragestellung strukturierende Titel Politische Herrschaft und Klassenstrukturen. Zur Analyse sp\u00e4t-kapitalistischer Gesellschaftssysteme eingewisses Fremdeln evoziert haben. Tats\u00e4chlich geht es in erster Linie um &#132;Herrschaft&#148;, also &#132;Ausbeutung&#148; und &#132;Ungerechtigkeit&#148; unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen, gegen die die &#132;Steuerungsproblematik&#148; ausbalanciert, aber eben nicht bis zum Verschwinden der ersteren hin ausgespielt wird. &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148;, dieser erstmals von Werner Sombart verwendete Begriff, dient Offe zur Abgrenzung gegen damals eine Renaissance erlebende Basis-\u00dcberbau-Schematismen einerseits, inhaltlich aber vor allem zur Phaseneinteilung: \u00dcberholt sei die &#132;politische Verfassung liberal-kapitalistischer Gesellschaft&#148; mit ihrer von politischen Eingriffen ungeregelten Privatsph\u00e4re. &#132;Heute m\u00fcssen wir jedoch damit rechnen, da\u00df die Abwehrfunktion dieser Rechtsinstitute nirgends mehr ernsthaft den Aktionshorizont des politischen Systems einschr\u00e4nkt. Gesellschaftliche Prozesse vollziehen sich in dem politischen System sp\u00e4tkapitalistischer Gesellschaften nahezu ausnahmslos nicht jenseits der politischen Handlungssph\u00e4re, sondern sind durch politische Dauerintervention reguliert und getragen&#148; (1969b: 140f.; Hervorh. i. Orig.); selbst der &#132;gesellschaftliche Warentausch&#148; und der &#132;private Kapitalverwertungsprozess&#148; sei &#132;bis ins Detail&#148; politisiert bzw. &#132;politisch vermittelt&#148; (ebd.: 140, 156). Claus Offe spricht in diesem Sinne vom &#132;integralen politischen System&#148; &#132;einer geradezu verstaatlichten Gesellschaft&#148; (ebd.: 141).<\/p>\n<p>Deshalb also hei\u00dft bei ihm der Sp\u00e4tkapitalismus damals &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148; &#150; und erinnert mich in manchem, was man und vor allem Claus Offe mir verzeihen m\u00f6ge, an die &#132;politische Gesellschaft&#148; (Greven 1999): \u00e4hnlich die \u00fcberragende Bedeutung der Politik f\u00fcr Form und Entwicklung der Gesellschaft, anders die heute nicht mehr glaub-w\u00fcrdige Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Was die Herrschaftsaus\u00fcbung anbelangt, so entwirft der Aufsatz zu den &#132;Herrschaftsmechanismen im System der politischen Willensbildung&#148; ein ziemlich ern\u00fcchterndes Bild der Demokratie. Gest\u00fctzt u.a. auf Agnolis These vom Parteiensystem alsder &#132;pluralen Fassung einer Einheitspartei&#148; (1969b: 143), dagegen agenten- und einflu\u00dftheoretische Ans\u00e4tze von Miliband bis Stamokap mit strukturalistisch ansetzenden Argumenten zur\u00fcckweisend und kritisierend, entwickelt Claus Offe seine nachmals zur sozialwissenschaftlichen Halbbildung verkommende analytische Differenzierung unter-schiedlicher &#132;Organisations-&#148; und &#132;Konfliktf\u00e4higkeit&#148; (1969b: 145), die sich zu einem &#132;selektiven Filter&#148; von Institutionen und Mechanismen zusammenf\u00fcge (1969b: 151), des-sen wesentliche Funktion &#132;die zuverl\u00e4ssige Ausschaltung und Unterdr\u00fcckung systemgef\u00e4hrdender Bed\u00fcfnisartikulationen&#148; sei. Auf diesen beiden Grundargumenten aufbauend wird dann die Theorie beziehungsweise politische Erwartung eines kommenden Klassenkampfes mit folgenden S\u00e4tzen endg\u00fcltig begraben: &#132;Da sowohl zwischen Arbeit und Ein-kommen wie zwischen Einkomen und der konkreten Struktur der Lebenschancen politisch manipulierbare Variablen in gro\u00dfem Umfang intervenieren, lassen sich die neuen Formen der sozialen Ungleichheit nicht mehr unmittelbar auf \u00f6konomisch definierte Klassenverh\u00e4ltnisse abbilden und als deren Reflex erkl\u00e4ren. Statt dessen sind auf der Ebene des politischen Systems diejenigen Mechanismen aufzusuchen, die das ,vertikale` System der Ungleichheit von Klassenlagen einerseits durch ein ,horizontales` System der Disparit\u00e4t von Lebensbereichen abl\u00f6sen, andererseits durch Interventionsverzicht Fragmente unmittelbar \u00f6konomisch verursachter Ungleichheit konservieren [&#8230;] Wenn die Annahme realistisch ist, da\u00df unter Bedingungen des wohlfahrtsstaatlich regulierten Kapitalismus die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen (oder von einer Klasse \u00fcber andere) weit-hin abgel\u00f6st worden ist durch die Dominanz weniger gesellschaftlicher Funktionsbereiche gegen\u00fcber den anderen, dann k\u00f6nnen wir nicht erwarten, da\u00df sich auch dieses Verh\u00e4ltnis noch in der Konfrontation von Kollektiven darstellt, wie es in den Theorien des Klassenkampfes angenommen wurde&#148; (1969b: 154).<\/p>\n<p>Noch in den ersten Jahren nach meiner Berufung nach Marburg 1978 wurde diese Argumentation Claus Offes Semester f\u00fcr Semester in dem bis weit in die 1980er Jahre obligatorischen (marxistischen) &#132;Grundarbeitskreis&#148; zusammen mit Dahrendorfs \u00e4lterer Klassen- und Konflikttheorie von einigen Kollegen und &#132;Genossen&#148; als Beispiel des die Realit\u00e4ten des Kapitalismus ideologisch verschleiernden Revisionismus vor staunenden Erstsemestern stets aufs Neue entlarvt &#150; bevor sie dann endlich im &#132;Grundarbeitskreis [3]&#148; in die Geheimnisse des &#132;Kapitals&#148; eingeweiht wurden. Selbst wo er nur als Pappkamerad gebraucht wurde, kam man an der Prominenz Claus Offes also Ende der 1970er Jahre nicht mehr so leicht vorbei.<\/p>\n<p>Unzweifelhaft ist der Hintergrund und Ausgangspunkt wie auch noch der Tenor dieses Beitrages marxistisch, &#132;neo-marxistisch&#148;, wie man damals zu sagen pflegte &#150; obwohl das zu Zeiten nat\u00fcrlich auch schon auf Rosa Luxemburg, Karl Korsch, Georg Luk\u00e4cs und last not least die Frankfurter Ur-V\u00e4ter Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zugetroffen hatte. Das bedeutet u.a., dass &#132;die kritische Perspektive der Emanzipation von dieser [kapitalistischen &#150; M.G.] Unterdr\u00fcckung&#148;, mindestens aber die sich dann als vergeblich erweisende Frage nach der &#132;systemgef\u00e4hrdender Bed\u00fcrfnisartikulation&#148; und nat\u00fcrlich deren Befriedigung unauff\u00e4llig, aber auch un\u00fcbersehbar den politisch-normativen und theoretischen Horizont des ganzen Textes abgibt. Die &#132;Bedingungen rationaler Selbstaufkl\u00e4rung der Mitglieder [einer Organisation wie der Parteien &#150; M.G.] \u00fcber ihre eigenen kollektiven Interessen&#8220; werden sogar noch mit dem Hinweis auf Georg Luk\u00e4cs Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein angetippt (1969b: 151).<\/p>\n<p>Anders als mir meine Erinnerung vorgab, kommt die Entwicklung der analytischen Instrumentarien kollektiver Handlungsf\u00e4higkeit (Organisations-und Konfliktf\u00e4higkeit) ohne expliziten Bezug auf Mancur Olsons bereits damals ins Deutsche \u00fcbersetzten Logik kollektiven Handelns aus, l\u00e4\u00dft aber bereits in diesem Stadium in nuce die sp\u00e4ter f\u00fcr Claus Offe so typisch werdende Verbindung eines kritisch gewendeten und undogmatisch eingesetzten rational-choice-Ansatzes mit seiner kritischen Gesellschaftstheorie neomarxistischer Provenienz und einem milden systemfunktionalistischen Instrumentarium erkennen. Man kann das als einen \u00e4u\u00dferst produktiven, stets auf die konkrete Analyse von Problemen angewandten und nicht programmatisch gewendeten Ekklektizismus charakterisieren, der sich in damaliger Zeit sehr positiv von den affirmativ-bekenntnishaften Wissenschaftsprogrammen seiner Umgebung absetzte.<\/p>\n<p>Im Kontrast zu seinem soziologischen Diplom und der Akzentuierung seiner soziologischen Dissertation ist die inhaltliche Problematik wie theoretische Fundierung dieses Textes aus der Sache heraus schon damals genuin politikwissenschaftlich &#150; auch wenn die normativ an der Begr\u00fcndung und Rechtfertigung von Demokratie orientierte Perspektive erst in den 1990er Jahren klar hervortritt.<\/p>\n<h5><span id=\"frankfurt-berkeley-harvard-starnberg-bielefeld-krisen-des-krisenmanagements\">Frankfurt, Berkeley, Harvard, Starnberg, Bielefeld: Krisen des Krisen&shy;ma&shy;na&shy;ge&shy;ments<\/span><\/h5>\n<p>Zwischen dem Ende der Assistentenzeit 1969 in Frankfurt und der ersten Berufung auf den Lehrstuhl f\u00fcr Politikwissenschaft und Soziologie an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Soziologie in Bielefeld 1975 enth\u00e4lt der knappe Lebenslauf keine Angaben zur beruflichen Stellung, sondern nur den Hinweis auf die 1973 in Konstanz f\u00fcr Politikwissenschaft erfolgende Habilitation. Tats\u00e4chlich verbrachte er drei folgenreiche Jahre zun\u00e4chst bis 1971 in Berkeley und dann ein Jahr in Harvard. Seitdem, so hat man den Eindruck, ist Claus Offe an US-amerikanischen Universit\u00e4ten ebenso &#150; oder ebenso wenig? &#150; zuhause, wie an deutschen. Sp\u00e4ter werden l\u00e4ngere Aufenthalte in Stanford und Princeton, den Niederlanden und Australien sowie eine regelm\u00e4\u00dfige Lehrt\u00e4tigkeit an der New School in New York folgen. Die meiste Zeit vor der Bielefelder Berufung d\u00fcrfte er dann am Max-Planck-Institut in Starnberg zugebracht haben.<\/p>\n<p>Symptomatisch f\u00fcr die dortigen Diskussionen und Forschungsarbeiten, die u.a, den geistigen Hintergrund zu J\u00fcrgen Habermas&#8216; erstem Weltbestseller Legitimationsprobleme des Sp\u00e4tkapitalismus von 1973 bildeten, sind die folgenden programmatischen S\u00e4tze aus einem Artikel von Claus Offe mit dem Titel Krisen des Krisenmanagements: Elemente einer politischen Krisentheorie aus dem selben Jahr. &#132;Die Frage, warum die politische Steuerungskapazit\u00e4t sp\u00e4tkapitalistischer Gesellschaften so gering, ihre F\u00e4higkeit zum ,geplanten sozialen Wandel&#8216; so l\u00fcckenhaft ist, wird nicht gestellt [&#8230;] Wir werden deshalb die ,interventions-`, ,wohlfahrts-` oder ,sozialstaatlichen` Steuerungsstrategien entwickelterkapitalistischer Industiegesellschaften nicht [sic! &#150; M.G.] unter der Perspektive untersuchen, wie ihre Wirksamkeit gesteigert werden k\u00f6nnte, sondern warum ihre Wirksamkeit &#150; trotz aller Verbessserungsversuche &#150; so begrenzt ist [&#8230;] Ziel unserer Studie ist es, die Grenzen der ,policy-making-capacity` des kapitalistischen Staates theoretisch zu verstehen und exemplarisch nachzuweisen&#148; (1973: 197). Das verstand man damals als &#132;Systemkritik&#148; &#150; eine grunds\u00e4tzliche Entscheidung, auf die viel Wert gelegt wurde und die man sich wechselseitig jederzeit trefflich bestreiten konnte &#150; und das Ergebis stand also im Vorhinein fest, ergab sich immer noch aus den gesellschaftstheoretischen Pr\u00e4missen. So begleitete man in Starnberg gewisserma\u00dfen in kritischer Spiegelung die gerade von der sozialliberalen Regierung, insbesondere von Kanzleramtsminister Horst Ehnike massiv forcierte und wissenschaftlich unter der Leitung von Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf konstruktiv vorangetriebene Planungs- und policy-Orientierung einer reformorientierten, aber in den Augen ihrer Kritiker &#132;affirmativen&#148; und letztlich vergeblichen Politikwissenschaft durch die Arbeit an einer &#132;politischen&#148; &#150; im Unterschied zur genuin marxistisch polit\u00f6konomischen &#150; Krisentheorie des &#132;Sp\u00e4tkapitalimus&#148;. \u00dcbrigens sieht man noch im Nachhinein ebenfalls deutlich, dass zwischen der Betonung des sozialmoralischen Integrationsaspekts in J\u00fcrgen Habermas&#8216; Legitimationsproblemen (1973) und dem von Claus Offe in seiner ihn endg\u00fcltig ber\u00fchmt machenden, in Amerika geschriebenen Aufsatzsammlung Strukturprobleme des kapitalistischen Staates (1972) noch aufrechterhaltenem Unf\u00e4higkeitsaxiom einer widerspruchsfreien gerechten Politik unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen sich zeitweise eine nicht nur theoretische, sondern auch eine politische Kluft auftat. Sie d\u00fcrfte nicht zuletzt zu den internen Problemen am Starnberger Institut beigetragen haben. J\u00fcrgen Habermas hatte sich zu dieser Zeit, ablesbar an den Texten, bereits endg\u00fcltig von der Vorstellung verabschiedet, dass sich das &#132;sozialistische Projekt&#148; &#150; von dem seine Texte in kaum verklausulierter Sprache bis weit in die 1960er Jahre ihre politische Inspiration erhielten &#150; realpolitisch in \u00fcberschaubaren Zeitr\u00e4umen w\u00fcrde verwirklichen lassen.<\/p>\n<h5><span id=\"tendenzwende-in-den-1970er-jahren\">Tenden&shy;z&shy;wende in den 1970er Jahren<\/span><\/h5>\n<p>Titel und Fragestellung seiner 1975 bei Suhrkamp parallel zu seiner Bielefelder Berufung unter dem Titel Berufsbildungsreform erschienenen Fallstudie zur Reformpolitik ordnen sich jedenfalls schon eher in den damals sehr stark von dem neuen Konstanzer Studiengang f\u00fcr Politik- und Verwaltungswissenschaft gepr\u00e4gten politiknahen, beratungsorientierten Ansatz einer kritischen Regierungslehre ein. Dort stand f\u00fcr diesen Ansatz neben Fritz W. Scharpf und Frieder Naschold nun auch Thomas Ellwein ein &#150; d.h., die konzeptionelle Verbindung zum Neomarxismus war abgebrochen. Sp\u00e4testens zu dieser Zeit hatte jedenfalls Claus Offe den Ausweg aus der politischen wie theoretischen Sackgasse einer nur immer wieder die Pr\u00e4missen der prinzipiell die Reformunf\u00e4higkeit des Kapitalismus durch aktive Politik best\u00e4tigenden und sich darin als Kritik folgenlos ersch\u00f6pfenden neo-marxistischen Sozialwissenschaft gefunden.<\/p>\n<p>In den Hintergrund tritt damit die kritische gouvernementale, an Steuerung wie Planung orientierte Perspektive einer allgemeinen Krisentheorie. Im Kontext der Mitte der 1970er Jahre voll einsetzenden Korporatismusdebatte machte Claus Offe nunmehr fruchtbar und kritisch Gebrauch von seinen eingangs dargestellten analytischen Instrumentarien kollektiver Handlungsf\u00e4higkeit. Gegen manch allzu harmonistische Annahmen der Gleichgewichtigkeit der drei kollektiven Hauptakteure des korporatistischen tripartism bringt Claus Offe in mehrenen Aufs\u00e4tzen die strukturelle Unterlegenheit der &#132;Organisations- und Konfliktf\u00e4higkeit&#148; der Arbeitsseite gegen\u00fcber dem Kapital in Erinnerung &#150; und dies vor allem in dem Ma\u00dfe, in dem sich auf dem Arbeitsmarkt seit Mitte der 1970er Jahre die damals f\u00fcr Westdeutschland neuartige &#132;strukturelle Arbeitslosikgeit&#148; auszubreiten beginnt. Die dadurch unvermeidliche \u00dcberlastung und Krisenhaftigkeit der traditionellen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements einschlie\u00dflich des \u00fcblichen Geschlechter- wie Generationenvertrages sowie die durchaus soziologische Phantasie ins Feld f\u00fchrende Suche nach grunds\u00e4tzlichen Alternativen bildet f\u00fcr die sp\u00e4ten 1970er und die 1980er Jahre die zentrale Thematik Claus Offes.<\/p>\n<p>Mit der Semantik der Texte \u00e4ndert sich nunmehr auch der historisch politische Horizont. &#132;Grunds\u00e4tzliche Alternativen&#148; zu den historisch nicht weiter belastbaren Strukturen wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme in Zeiten abnehmenden Wachstums und niemals wieder erreichbarer Vollbesch\u00e4ftigung unter Bedingungen des traditonellen Vollerwerbsberufsmodells werden seit Mitte der 1970er Jahre semantisch und theoretisch nicht mehr in den Horizont des Sp\u00e4tkapitalismusbegriffs gestellt. Mit ihm verschwindet auch &#132;Herrschaft&#148; und &#132;System&#148; &#150; im Sinne des politischen Gegensatzes von &#132;immanent&#148; und &#132;systemtranszendierend&#148; &#150; aus dem Vokabular Offes; der Kapitalismus wird nunmehr zunehmend unter dem Gesichtspunkt seiner immanenten Optionalit\u00e4ten und Kontingenzen als &#132;Moderne&#148; analysiert. Mag &#132;Gerechtigkeit&#148; schon immer, auch im marxistischen Denken von Marx selbst, ein leitendes Motiv von Kapitalismuskritik und Klassenanalyse gewesen sein &#150; eine &#132;Gerechtigkeit&#148; freilich, die dabei &#132;systemimmanent&#148; um keinen Preis zu haben gewesen w\u00e4re &#150;: In den neuen Texten von Claus Offe zur Krise der Arbeitsgesellschaft der 1980er Jahre wird &#132;Gerechtigkeit&#148; manifest und normativ an den systemeigenen Anspruch sozial- und wohlfahrtsstaatlicher Institutionen und den lebensweltlichen Normen der Zivilgesellschaft angedockt, die darin nicht mehr in erster Linie als bourgeoise Klassengesellschaft erscheint. Damit wird &#132;Gerechtigkeit&#148; vom urspr\u00fcnglichen Systemproblem zum Optimierungsprogramm rationaler Politik gewisserma\u00dfen s\u00e4kularisiert. Dabei wird die kapitalismuskritische Analyse bei Claus Offe auch sp\u00e4ter niemals zur Affirmation des Privateigentums und der Marktvergesellschaftung als solcher ideologisiert. Gerade die Vorbehalte letzterer gegen\u00fcber bleiben ein Leitmotiv. Soviel residual sich wohl immer noch aus dem Marxismus speisende Grundsatzkritik bleibt bei ihm stets gegenw\u00e4rtig, da\u00df \u00fcber die funktionale Notwendigkeit von Eigentum und Markt hinaus deren Spannungsverh\u00e4ltnis zu gemeinschaftlichen Gerechtigkeitsnormen und Politiken zu deren Gestaltung stets das Hauptthema Offes bleibt.<\/p>\n<h5><span id=\"eine-neue-theorie-der-gerechtigkeit\">Eine neue Theorie der Gerech&shy;tig&shy;keit?<\/span><\/h5>\n<p>Das Gerechtigkeitsoptimierungsprogramm m\u00fcndet praxeologisch orientiert in einer seit den fr\u00fchen 1980er Jahren best\u00e4ndig und nachdr\u00fccklich wiederholten Pl\u00e4doyer zu relativen Entkopplung von Erwerbsstatus und Arbeitsmarktbeteiligung von materielle Grundsicherung. W\u00e4hrend der Aufbau der Systeme sozialer Sicherheit in der Traditio. der Bismarckschen Sozialpolitik letztlich &#150; inzwischen allerdings bereis stark aus Steuei mitteln subventionierte &#150; blo\u00df Versichertengemeinschaften gegen gemeinsame Risike unter Erwerbst\u00e4tigen geschaffen habe, argumentiert Claus Offe &#150; \u00e4hnlich wie bereil Thomas Marshall Ende der 1940er Jahre &#150; nunmehr m\u00fcsse der Gedanke der Solidaritl unmittelbar an den B\u00fcrgerstatus gekoppelt und von der Bedingung eigener Erwerbst\u00e4tig keit ebenso abgekoppelt werden wie von dem als entw\u00fcrdigend empfundenen Nachwei der Bed\u00fcrftigkeit, wie er im Ende der 1950er Jahre geschaffenen Grundsicherungsprc gramm der &#132;Sozialhilfe&#148; nach dem BSHG konstituierend sei. Seit dem Ende der 1970f Jahre ist Offe nach meiner Beobachtung einer der ersten etablierten Sozialwissenschaftle: die von der unrevidierbaren Pr\u00e4misse ausgehen, dass die &#132;Arbeitsgesellschaft&#148; nie wiedf im klassischen Sinne Vollerwerbsgesellschaft sein k\u00f6nne. Ihr ginge also im Sinne des\u00a0 Mottos des Bamberger Soziologentages Anfang der 1980er Jahre endg\u00fcltig ,die Arbe aus&#8216; &#150; was neben den unaufhaltsamen Rationalisierungs- und Produktivit\u00e4tssteigerunge der \u00d6konomie nicht zuletzt auch mit dem ver\u00e4nderten Erwerbsverhalten von Frauen zusammenh\u00e4nge. Die dabei auftretenden organisatorischen und gerechtigkeitsbezogene Probleme sind eminent, weil eine sich in der Entwicklung der Moderne als &#132;Arbeitsgesel schaft&#148; selbst entwerfende Gesellschaft von Art und Beschaffenheit der jeweiligen Arbe ja nicht nur Einkommen und soziale Sicherheit, sondern auch gesellschaftliche Anerkei nung, Selbstbild und Selbstwertgef\u00fchl der Individuen abh\u00e4ngig mache. Die daraus resu tierenden Dilemmata zeigten sich fr\u00fch und intensiv in der Skepsis, mit der urspr\u00fcnglic und in weiten Teilen wohl auch noch heute die Gewerkschaften als traditionelle Intere senvertreter der zumeist m\u00e4nnlichen Vollerwerbst\u00e4tigen auf Modelle der Flexibilisierun; Arbeitszeitverk\u00fcrzung und -umverteilung jedenfalls immer dann reagierten, wenn dam auch eine Umverteilung von Einkommen verbunden sein sollte. Claus Offes \u00dcberlegw gen gehen aber \u00fcber die Umverteilung auf traditionellen Arbeitsm\u00e4rkten oder \u00fcber df wiederholt gemachten Vorschlag von Lebensarbeitszeitkonten mit garantierten &#132;Sabba Jahren&#148; weit hinaus und sind bereits viel fr\u00fcher in seiner systemkritischen Phase entwi] kelt. Bereits in seiner 1967 abgeschlossenen Dissertation hatte er, lange vor der sp\u00e4ter einsetzenden Debatte um eine arbeitsunabh\u00e4ngige Grundsicherung, vor dem Hintergrund d Annahme, &#132;da\u00df Vollbesch\u00e4ftigung der gesamtgesellschaftlichen Arbeitskraft nicht mel realisierbar sei&#148; (1970: 16), postuliert: Der &#132;Widerspruch zwischen der Fiktion techr scher Einkommensermittlung [auf der Basis des &#132;ideologischen Leistungsprinzips&#148; M.G.] und der Tatsache normativer Einkommensermittlung f\u00e4nde seine L\u00f6sung in eine Modell der Distribution, das normative Geltungshierarchien auf politischer Ebene zur Disposition stellt und damit die Verteilung von Einkommen und sozialen Lebenschancen dem Proze\u00df einer \u00f6ffentlichen Willensbildung angleicht&#8220; (1970: 171). 25 Jahre nach diesen S\u00e4tzen untersucht er zusammen mit Rolf G. Heinze Modelle &#132;organisierter Eigenarbeit&#148; in &#132;Kooperationsringen&#148; (Heinze\/Offe 1990) und interessiert sich f\u00fcr die Frage, wie Formen gesellschaftlich n\u00fctzlichen Engagements mit Gratifikationslogiken und dem Modell der gesellschaftlichen Grundsicherung zusammengebracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn seit dem Ende der 1970er Jahre bei Claus Offe ein grunds\u00e4tzliches Denken in Systemalternativen semantisch und tats\u00e4chlich nicht mehr festzustellen ist, so sei hier zu diesen \u00dcberlegungen der kritische Kommentar erg\u00e4nzt, mit dem ich mich selbst schon vor Jahren an der Debatte \u00fcber ein leistungs- und bed\u00fcrftigkeitsentkoppeltes &#132;B\u00fcrgergehalt&#148; beteiligt habe: Es hie\u00dfe ausgerechnet dieser kapitalistischen Gesellschaft gerade in Zeiten sich steigernder internationaler Wirtschaftsverflechtungen mit den damit ein-hergehenden Konkurrenzzw\u00e4ngen immanent jenes Mehr an Solidarit\u00e4t zuzutrauen, des-sen sie funktional wie im Falle der &#132;Sozialhilfe&#148; zu ihrer Stabilisierung und Integration gar nicht mehr bed\u00fcrfte, also ein Mehr, das einmal mit der Utopie eines freiheitlichen Sozialismus verbunden gewesen war. Diese Idee vermochte sich bisher freilich nur um den Preis der Freiheit und des Verzichts auf die international wettbewerbsf\u00e4hige Aussch\u00f6pfung ihrer eigenen Leistungs- und Produktivit\u00e4tspotentiale eine Zeit lang zu stabilisieren. Unterstellte man, dass die daf\u00fcr notwendigen Solidarit\u00e4tspotentiale in Form von Umverteilungsbereitschaft bei den Leistungsf\u00e4higen sich entgegen den bisherigen und aktuellen Erfahrungen irgendwie doch noch in Freiheit bewerkstelligen lie\u00dfen, so f\u00fcrchte ich doch, dass die Realisierung solcher Modelle am internationalen Wettbewerb scheitern m\u00fc\u00dfte. Die daraus resultierende pessimistische Prognose geh\u00f6rt nicht mehr hierher &#150; oder vielleicht doch insoweit, als ich nicht umhin kann, Claus Offes Impertinenz zu bewundern, mit der er in zahlreichen Zeitschriftenartikeln und eher politischen Interviews gegen die Macht dieser objektiven Entwicklungen, die auch ihm nicht verborgen bleiben d\u00fcrften, mit seinen Vorschl\u00e4gen, Entw\u00fcrfen und Modellen andenkt. Vielleicht verdient es das etwas paradoxe Pr\u00e4dikat immanent utopisch, nachdem die systemtranszendierende Utopie explizit nicht mehr in Erscheinung tritt.<\/p>\n<h5><span id=\"demokratie-als-intellektuelle-aufgabe\">Demokratie als intel&shy;lek&shy;tu&shy;elle Aufgabe<\/span><\/h5>\n<p>Schlie\u00dflich hat Claus Offe seit den 1980er Jahren zunehmend praktischen Problemen der Demokratie und normativen wie theoretischen Problemen ihrer Rechtfertigung seine Aufmerksamkeit geschenkt. Auch hier galt es \u00fcber die vierzig Jahre seit der SDSDenkschrift einen langen Weg zur\u00fcckzulegen. Den Ausgangspunkt kann man am einfachsten unter Hinweis auf einen f\u00fcr eine ganze Generation wohl paradigmatischen und gleichzeitig pr\u00e4genden Text von J\u00fcrgen Habermas setzen. In seiner Einleitung zu Student und Politik entfaltete dieser unter der \u00dcberschrift \u00dcber den Begriff der politischen Beteiligung den doppelten Gedanken, dass politische Beteiligung in einer privatkapitalistisch strukturierten Gesellschaft bei der Verwirklichung von Gemeinwohlzielen vern\u00fcnftiger Politik stets und notwendig an eine Grenze sto\u00dfen m\u00fcsse: &#132;demokratisch wird das Potential dieser Beteiligung in dem Ma\u00df sein, in dem es f\u00fcr eine Entwicklung der [bestehenden &#150; M.G.] formellen zur materialen, der liberalen zur sozialen Demokratie politisch wirksam werden, also die politische Entscheidung im Sinne der Verwirklichung einer freien Gesellschaft beeinflussen kann&#148; (Habermas 1961: 55) &#150; die es auf dem Boden des Bestehenden mit demokratischen, vor allem auch au\u00dferparlamentarischen Mitteln zu bef\u00f6rdern und vorzubereiten gelte. Aus dieser Perspektive entwickelte sich in der Folge einerseits eine in Hinsicht auf das emanzipatorische Potenzial &#150; wie man es damals nannte &#150; h\u00f6chst skeptische Analyse des parlamentarischen Systems, f\u00fcr das Johannes Agnolis Transformation der Demokratie (1967) den zugleich esoterischen wie popul\u00e4ren Bestseller abgab. Auch Claus Offe nahm, wie bereits erw\u00e4hnt, in seinem Beitrag zur Einf\u00fchrung in die Politikwissenschaft zustimmend darauf Bezug, rezipiert ihn aber damals bereits zusammen mit Niklas Luhmann. W\u00e4hrend letzterer die &#132;Folgenlosigkeit&#148; der &#132;Partizipation&#148; in Wahlen als systemfunktional k\u00fchl konstatierte und damit in der damaligen Sprache Adornos &#132;affirmierte&#148;, analysierte Claus Offe damals mit Agnoli den Parlamentarismus vor allem unter dem Gesichtspunkt der Eliminierung von systemgef\u00e4hrdenden Klassenkonflikten. Diente der Parlamentarismus also der Integration, so waren es vor allem die spontanen und au\u00dferparlamentarischen Formen in-formeller Politik, von den fr\u00fchen B\u00fcrgerinitiativen bis zu den Neuen Sozialen Bewegungen, mit denen Claus Offe seitdem und bis heute die allerdings unemphatische Hoffnung verbindet, in ihnen k\u00e4men gerade jene vom selektiven Filter organisierter Interessen oder dem Parteiensystem dauerhaft vernachl\u00e4ssigten Bed\u00fcrfnisse und Anliegen auf die politische Agenda (1985) &#150; wenn sie der integrationistischen &#132;Selbsttransformation&#148; zu widerstehen verst\u00fcnden (1990). Dabei dachte er bereits Ende der 1960er Jahre und anders als jene Teile der damaligen au\u00dferparlamentarischen Opposition, die sich &#132;gewerkschaftlich&#148; &#150; freilich gegen die integristischen Gewerkschaften und f\u00fcr das sich in &#132;wilden Streiks&#148; in Erinnerung bringende Proletariat &#150; organisierten, vor dem Hintergrund seiner &#132;Disparit\u00e4tentheorie&#148; nicht mehr an die stets als bevorstehend und sich in jeder kleinen Aktion ank\u00fcndigende Emanation von Klassenbewu\u00dftsein. Sondern Offe bezog die jeweils in au\u00dferparlamentatischem Protest sich \u00e4u\u00dfernden Bed\u00fcrfnisse und Anliegen einerseits normativ auf die Frage der Gerechtigkeitsoptimierung und andererseits auf die Rationalit\u00e4tsprobleme vern\u00fcnftiger Politik und der zur Verf\u00fcgung stehen-den Institutionen und Entscheidungsverfahren. Ber\u00fchmt und zum Gemeinplatz geworden ist seine kritische Diskussion der Rationalit\u00e4ts- und damit einhergehenden Legitmit\u00e4tsprobleme des demokratischen Mehrheitsprinzips, das ohne Revidierbarkeit keine Legitimit\u00e4t beanspruchen k\u00f6nne (1984). Anla\u00df und Art seiner ldee geh\u00f6rt deswegen in diesen gedanklichen Kontext, weil sie typisches offenbart: Claus Offes durchaus von erkennbarer Sympathie getragenes Reagieren auf die Inhalte und Anliegen au\u00dferparlamentarischen Protests erweist sich f\u00fcr ihn wie f\u00fcr die Sozialwissenschaft fruchtbarer in der theoretischen Reflexion als in der vordergr\u00fcndigen Unterst\u00fctzung und Partizipation durch seine eigene Person. Vielleicht ist dies letztlich sogar f\u00fcr die Protestbewegungen selbst nutzbringender, sofern sie aus dem theoretischen Argument wieder ein politisches zu machen verstehen. &#150; Dass in solch reflektierender Begleitung wie in aller echten Wissenschaft auch immer ein Moment der bewu\u00dften und methodisch-gedanklichen Distanzierung mitschwingt, die sogar kritische Gedanken bei aller grundlegenden Sympathie nicht ausschlie\u00dft, haben ihm einige seiner sich dem Typus des enrage permanent ann\u00e4hernden fr\u00fcheren Freunde und Kollegen \u00fcbelgenommen. Auch eine in den letzten Jahren sich verb\u00fcrokratisierende und gelegentlich gerechtigkeitsinverse Effekte produzierende Frauengleichstellungspolitik hat dies in einigen kritischen Fu\u00dfnoten zu sp\u00fcren bekommen (z.B. 1998: 126, Anm. 29).<\/p>\n<h5><span id=\"abgeklaerte-apologie-oder-freiheit-als-wert-an-sich\">Abgekl&auml;rte Apologie oder Freiheit als Wert an sich?<\/span><\/h5>\n<p>Aber es war ein weiter Weg, ein Weg im \u00dcbrigen, den viele wie Claus Offe oder sogar mit ihm zur\u00fcckgelegt haben. Er reichte vom anf\u00e4nglich systemkritischen Bezug auf die parlamentarische Demokratie als Integrationsinstitution der Herrschaft und selektivem Filter gegen berechtigte Masseninteressen bis zur Offes heutigen, vielleicht nicht resignierten, aber abgekl\u00e4rten Apologie der &#132;liberalen Demokratie&#148;. Sie offenbart sich im Inhalt wie Tonfall von S\u00e4tzen wie diesen: &#132;Die liberale Demokratie ist heute in einem spezifischen Sinne alternativlos [&#8230;] [sie] hat sich gewandelt von einer Tugend, der man folgen soll, zu einer Tatsache, mit der man umgehen mu\u00df&#148; (1992: 126f.). Diese Alternativlosigkeit, die im diametralen Gegensatz zu der bereits zitierten fr\u00fcheren Einsch\u00e4tzung der liberalen Demokratie als einer f\u00fcr \u00fcberwunden geglaubten Phase steht, grundiert auch seine skeptisch bis negative Einsch\u00e4tzung der M\u00f6glichkeiten von Demokratie auf trans- und supranationaler Ebene. Denn weder sieht Offe hier die Chancen vergleichbarer sozialpolitischer Transfers und damit der Herstellung sozialer Gerechtigkeit wie im nationalen Wohlfahrtsstaat gegeben (2000), noch findet sich hier bereits jenes Ma\u00df an &#132;homogenious citizenship status [&#8230;] which is [&#8230;] an essential precondition for democratic stability&#148; (1998: 137). Mit diesem klassisch liberalen Argument wendet sich Claus Offe auch prononciert gegen alle Varianten eines normativen Multikulturalismus \u00e4 la Kymlicka (1995) oder des Feminismus (Young 1989). In diesen und \u00e4hnlichen Beitr\u00e4gen der letzten Jahren schimmert eine im Lichte seiner fr\u00fchen Ausgangspositionen doch etwas \u00fcberraschende Eindeutigkeit der Zustimung zur rein repr\u00e4sentativen Parteiendemokratie durch. Sie \u00e4u\u00dfert sich auch in seinen seit einigen Jahren skeptischen bis schroff ablehnenden Stellungnahmen gegen eine plebiszit\u00e4re Erg\u00e4nzung der repr\u00e4sentativen Willensbildungsstrukturen, denen im Vergleich zu den immer nur auf vorgegebene Fragen &#132;antwortenden&#148; plebiszit\u00e4ren Voten nunmehr ein h\u00f6heres Potential dis-kursiv zustandegebrachter Problemangemessenheit und damit Rationalit\u00e4t zugetraut wird. Nicht mal zum Veto gegen die vermachteten b\u00fcrokratisch-korporatistischen und\/oder von Parteieliten dominierten parlamentarischen Willensbildungsprozesse im Sinne Heidrun Abromeits (2002) soll also am Ende die direkte politische \u00c4u\u00dferung des Mehrheitswillens mehr taugen. Die &#132;Volkssouver\u00e4nit\u00e4t&#148; verkommt nach Offe zur blo\u00dfen Legitimit\u00e4tsfiktion. Er setzt demgegen\u00fcber, wie so viele, vor allem auf die output-Legitimit\u00e4t der &#132;sozial\u00f6konomischen Melioration&#148;: &#132;Eine der wichtigsten Beweislasten,die der demokratischen Politik aufgeb\u00fcrdet sind, ist deshalb ihre F\u00e4higkeit, mit wirtschafts-und sozialpolitischen Mitteln eine als gerecht beschreibbare Ordnung von materiellen Lebenschancen auch noch unter den Bedingungen der Globalisierung aufrechtzuerhalten&#148; (1998: 367). Was aber, wenn genau das die nationalstaatliche Politik in Zukunft in angeblich legitimit\u00e4tsstiftender, in Wirklichkeit wohl nur momentane Akzeptanz aktueller Politik produzierender Weise nicht mehr ausreichend zu leisten vermag und wenn, woran ja auch Claus Offe zweifelt, auch trans- und supranationale governance wie im Falle der EU dies kaum im Ma\u00dfe bisheriger wohlfahrts- und sozial-staatlicher Politik der westlichen OECD-Welt zu kompensieren vermag? Wer die Begr\u00fcndung und Legitimit\u00e4t der freiheitlichen Republik wesentlich auf ihre wirtschaftsund sozialpolitische Leistungsf\u00e4higkeit st\u00fctzen will, der fundiert sie auf einem m\u00f6glicherweise bereits in der Gegenwart recht schwachen Ger\u00fcst, unter dem sich schon f\u00fcr viele der Abgrund materiell dauerhaft sinkender Lebensqualit\u00e4t auftut. K\u00e4me es nicht gerade angesichts dieser Aussichten darauf an, wenigstens die politische Freiheit und Demokratie zu erhalten und abzusichern &#150; als einen Wert an sich?<br \/>1 Aus pragmatischen Gr\u00fcnden lasse ich Claus Offes wichtige Beitr\u00e4ge zur Transitionsforschung seit 1989 hier ganz au\u00dfer Acht &#150; auch, weil ich dabei mehr Raum f\u00fcr kritische Auseinandersetzung beanspruchen w\u00fcrde, als hier zur Verf\u00fcgung steht. Aus demselben Grund war es mir nicht m\u00f6glich, auf die &#132;Offe-Rezeption&#148; einzugehen.<\/p>\n<p><b>Literatur von Claus Offe<\/b><\/p>\n<p>(Alle Zitate von Claus Offe im Text nur mit Jahres- und Seitenzahl)<br \/>1963: Sozial\u00f6konomie des Studiums; in: neue kritik 16, S. 6-14<br \/>1968: Technik und Eindimensionalit\u00e4t &#150; Eine Version der Technokratie-These?; in: J\u00fcrgen Habermas (Hg.): Antworten auf Herbert Marcuse, Frankfurt\/Main, S. 73-85<br \/>1969: Sachzwang und Entscheidungsspielraum; in: Stadtbauwelt 60, 23, S. 187-191<br \/>1969b: Politische Herrschaft und Klassenstrukturen; in: Gisela Kress\/Dieter Senghaas (Hg.): Po-<br \/>litikwissenschaft, Frankfurt\/Main, S. 155-189 (zit. nach Taschenbuchausgabe 1974, S.<br \/>135-164)<br \/>1970: Leistungsprinzip und industrielle Arbeit, Frankfurt\/Main<br \/>1972: Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, Frankfurt\/Main<br \/>1973: &#132;Krisen des Krisenmanagements&#148;: Elemente einer politischen Krisentheorie; in: Martin J\u00e4nicke (Hg.): Herrschaft und Krise, Opladen, S. 197-223<br \/>1984: Politische Legitimation durch Mehrheitsentscheidung?; in: Bernd Guggenberger\/Claus<br \/>Offe (Hg.): An den Grenzen der Mehrheitsdemokratie, Opladen, S. 150-183<br \/>1985: New Social Movements: Challenging the Boundaries of Institutional Politics; in: Social<br \/>Research 52, 4, S. 817-868<br \/>1990: Reflections on the Institutional Self transformation of Movement Politics: A tentative Stage Model; in: Robert J. Daltin\/Martin K\u00fcchler (Eds.): Challenging the Political Order, Cambridge, S. 232-250<br \/>1990: mit Rolf. G. Heinze: Organisierte Eigenarbeit. Das Modell Kooperationsring, Frankfurt\/New York<br \/>1992: Wider scheinradikale Gesten; in: Gunter Hofmann\/Werner A. Perger (Hg.): Die Kontroverse, Frankfurt\/Main, S. 126-142<br \/>126\u00a0vorg\u00e4nge Heft 1\/2004, S. 112-126<br \/>1995: Bew\u00e4hrungsproben. \u00dcber einige Beweislasten bei der Verteidigung der liberalen Demo-<br \/>kratie; in: Richard Saage\/G\u00fcnter Berg (Hg.): Zwischen Triumph und Krise, Opladen 1998: &#132;Homogeneity&#148; and Constitutional Democracy: Coping with Identity Conflict through<br \/>Group Rights; in: The Journal of Political Philosophy 6, H. 2, S. 113-141<br \/>2000: The Democratic Welfare State in an Integrating Europe; in: Michael Th. Greven\/Lours W.Pauly (Eds.): Democracy Beyond the State?, Lanham, S. 63-89<br \/>Literatur anderer Autoren (* Claus Offe als Ko-Autor)<br \/>Abromeit, Heidrun 2002: Wozu braucht man Demokratie?, Opladen<br \/>Adorno, Theodor W. 1969: Einleitungsvortrag; in: Ders. (Hg.): Sp\u00e4tkapitalismus oder Industriegesellschaft? (Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologentages) Stuttgart, S. 12-26<br \/>Agnoli, Johannes\/Br\u00fcckner, Peter 1967: Die Transformation der Demokratie, Frankfurt\/Main *Bergmann, Joachim u.a. 1969: Herrschaft, Klassenverh\u00e4ltnisse und Schichtung; in: Theodor W. Ador-<br \/>no (Hg.), Sp\u00e4tkapitalismus oder Industriegesellschaft? (Verhandlungen des 16. Deutschen Soziolo-<br \/>gentages) Stuttgart, S. 67-87<br \/>Blanke, Bernhard u.a. 1975: Kritik der Politischen Wissenschaft, 2 Bde., Frankfurt\/Main Fleischer, Helmut 1970: Marxismus und Geschichte, Frankfurt\/Main<br \/>Greven, Michael Th. 1999: Die Politische Gesellschaft, Opladen<br \/>*Nitsch, Wolfgang. u.a.* 1965: Hochschule in der Demokratie. Kritische Beitr\u00e4ge zur Erbschaft und Reform der deutschen Universit\u00e4t, Berlin-Spandau\/ Neuwied am Rhein<br \/>Habermas, J\u00fcrgen 1961: \u00dcber den Begriff der politischen Beteiligung; in: J\u00fcrgen Habermas u.a.: Student und Politik, Berlin und Neuwied am Rhein, S. 11-55<br \/>Habermas, J\u00fcrgen 1973: Legitmiationsprobleme im Sp\u00e4kapitalismus, Frankfurt\/Main<br \/>Horkheimer, Max 1987: Autorit\u00e4rer Staat; in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt\/Main, S. 293-319<br \/>Kymlicka, William 1995: Multicultural Citizenship, Oxford<br \/>Young, Iris .M. 1989: Polity and Group Difference: A Critique of the Ideal of Universal Citizenship; in: Ethics 99, H. 2, S. 250-274<br \/>Ronge, Volker\/Schmieg, Gunther 1973: Restriktionen politischer Planung, Frankfurt\/Main<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[157],"publikationen":[1464],"class_list":["post-12190","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-th-greven","publikationen-vorg-165"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die immanente Utopie der Gerechtigkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-165\/publikation\/die-immanente-utopie-der-gerechtigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die immanente Utopie der Gerechtigkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Claus Offes bundesrepublikanischer Denkweg aus: Vorg\u00e4nge Nr. 165 ( Heft 1\/2004), S112-126 Werk und Vita Claus Offes zu deuten, f\u00e4llt nicht leicht. 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