{"id":12198,"date":"1985-02-24T05:00:00","date_gmt":"1985-02-24T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-lautlose-vereinzelung\/"},"modified":"1985-02-24T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-24T11:00:00","slug":"die-lautlose-vereinzelung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/die-lautlose-vereinzelung\/","title":{"rendered":"Die lautlose Vereinzelung"},"content":{"rendered":"<p>Wie Arbeitslosigkeit administrativ \u00bbkleingearbeitet\u00ab wird<\/p>\n<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 71-76<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt schwer, w\u00e4hrend eines Einkaufsbummels durch st\u00e4dtische Gesch\u00e4ftspassagen den Tagesschau-Berichten \u00fcber Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Glauben zu\u00a0 schenken. Gelegentlich steht oder liegt ein arbeitsloser Strafentlassener oder Behinderter vor gef\u00fcllten Kaufhausschaufenstern und bittet um Geld, aber wann gab es das nicht in der Geschichte der Bundesrepublik?<br \/>Selbst dort, wo hohe Arbeitslosenzahlen statistisch nachweisbar sind, ist von einer massenhaften Verelendung optisch wenig sp\u00fcrbar.<br \/>Sowohl in den St\u00e4dten wie \u00bbauf dem Land\u00ab ist Armut in den Dimensionen, wie wir sie von Fernsehbildern aus den USA und Gro\u00dfbritannien kennen, wenig pr\u00e4sent. Hin weise von Politikern auf den nach wie vor funktionierenden Sozialstaat in der Bundesrepublik empfinden Arbeitslose, Sozialhilfeempf\u00e4nger oder Mitarbeiter in Obdachlosenasylen zwar mit Recht als zynisch, aber doch wird den beruhigenden T\u00f6nen \u00fcber den Zustand dieser Republik von einem erstaunlich gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung immer noch Glauben geschenkt. Entsprechende Wahlergebnisse k\u00f6nnen als ein Indikator daf\u00fcr angegeben werden.<br \/>Die \u00f6ffentliche Verdr\u00e4ngung von Arbeitslosigkeit und \u00bbneuer Armut\u00ab (1) ist gar nicht einmal so unverst\u00e4ndlich, da der Verarmungsproze\u00df gr\u00f6\u00dferer Bev\u00f6lkerungsgruppen aufgrund lang anhaltender Arbeitslosigkeit in dem Sozialstaat westdeutscher Pr\u00e4gung sehr anonym und individuell verl\u00e4uft.<\/p>\n<p><i>Mechanismen der Individualisierung<\/i><\/p>\n<p>Da\u00df Arbeitslosigkeit, ein origin\u00e4r gesellschaftliches Problem, in einem so verbreiteten\u00a0 Ma\u00dfe als individuelles Ph\u00e4nomen wahrgenommen wird, ist nicht ausschlie\u00dflich auf entsprechende herrschende Interpretationen und Mediendarstellungen zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern wird durch die selektive institutionelle Verarbeitung des Problems auch politisch produziert. Entscheidend dabei ist, wie den Arbeitslosen selbst \u00fcber die Verwaltung ihrer materiell und psychisch zugespitzten Lebenssituation ein Bewu\u00dftsein von der Individualit\u00e4t der Arbeitslosigkeit vermittelt werden kann. Dieser Proze\u00df wird nicht von irgendwelchen b\u00f6sen B\u00fcrokraten gezielt produziert, sondern spielt sich ganz \u00bbnormal\u00ab im Rahmen des sozialstaatlichen Leistungssystems ab. Bei diesem Vorgang lassen sich drei Ebenen unterscheiden, denen gemein ist, da\u00df die Arbeitslosen \u00bbbeim Gang durch die Institutionen\u00ab immer als einzelne agieren m\u00fcssen, um ihre Forderungen geltend zu machen.<\/p>\n<p>1.\u00a0 Nach der auf den angenommenen Normalfall einer Vollbesch\u00e4ftigung sichernden\u00a0 Wachstumsrate zugeschnittenen Konstruktion der Systeme der sozialen Sicherung sollten die einzelnen Standardrisiken (Besch\u00e4ftigung, Qualifikation, Gesundheit, Alter (2)) mehr oder weniger exakt abgrenzbar sein, sowohl in bezug auf die Finanzierung als auch auf die Leistungen. Bei anhaltender massenhafter Unterbesch\u00e4ftigung ger\u00e4t nun nicht nur die Finanzierung in Gefahr, sondern auch die funktionale Abgrenzung. Da die Systeme der sozialen Sicherung (mit Ausnahme der Arbeitsverwaltung) und die &#151; vor allem kommunalen &#151; sozialen Dienste auf Risiken hin konstruiert sind, die Anl\u00e4sse der Intervention jenseits des Erwerbslebens darstellen, sind diese Risiken ohne Probleme in den Gesetzen, Verordnungen, den apparativ institutionalisierten Verfahren der Probleml\u00f6sung oder gar in den professionellen Verhaltensmaximen und -schulungen des Personals nicht manifest mit dem Risiko Arbeitslosigkeit verbunden. Wer krank ist, ist zwar vor\u00fcbergehend, m\u00f6glicherweise auch f\u00fcr immer, erwerbsunf\u00e4hig, aber niemand ist nach den Kategorien des Gesundheitswesens krank, weil er arbeitslos ist. Wer alt ist und in Rente geht, steht dem Arbeitsmarkt endg\u00fcltig nicht mehr zur Verf\u00fcgung, aber keiner ist \u00bbalt\u00ab, weil er arbeitslos ist. F\u00fcr die betroffenen Arbeitslosen bedeutet dies, da\u00df sie gegen\u00fcber diesen Institutionen, wenn sie deren spezifische Leistungen beanspruchen, als Personen auftreten m\u00fcssen, die ein \u00bbProblem\u00ab haben, f\u00fcr das die jeweiligen Institutionen zust\u00e4ndig sind. Die Arbeitslosigkeit als gesellschaftlich bedingte Ursache ger\u00e4t dabei tendenziell aus dem Blickfeld.<\/p>\n<p>2.\u00a0 Aufgrund mangelnder Kooperation von sozialstaatlichen Einrichtungen und fehlen- der Koordination ihrer Hilfeleistungen kann gerade das Gegenteil wirksamer Hilfe herauskommen und hat eine \u00bbDesorientierung\u00ab der Arbeitslosen bez\u00fcglich der institutionell Verantwortlichen quasi zwangsl\u00e4ufig zur Folge.<br \/>Zur Illustration sei auf einige Beispiele daf\u00fcr verwiesen; sie wurden uns in Interviews\u00a0 mit Arbeitslosen und Mitarbeitern des Arbeitsamtes und Sozialamtes als besonders markant dargestellt (3):<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">F\u00fcr den Bereich finanzieller Leistungen ist typisch, da\u00df Arbeitslose h\u00e4ufig wegen \u00bb\u00dcberbr\u00fcckungszahlungen\u00ab in der Zeit, in der Antr\u00e4ge auf Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bearbeitet werden, an das Sozialamt verwiesen werden. Nach Bewilli gung der Leistungen durch das Arbeitsamt flie\u00dft der von der Kommune vorgeschossene Betrag zwar wieder zur\u00fcck, der Arbeitsaufwand beim Sozialamt und Zeitaufwand der Arbeitslosen ist jedoch erheblich. Dabei k\u00f6nnte das Arbeitsamt selbst Abschl\u00e4ge auszahlen; das geschieht jedoch nicht, weil Barzahlungen der \u00f6rtlichen Leistungsabteilungen nicht in das Schema der zentral \u00fcber die Bundesanstalt in N\u00fcrnberg laufenden Auszahlungen von Arbeitslosengeld und -hilfe passen.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Das Arbeitsamt k\u00f6nnte auch Anspr\u00fcche von Arbeitslosenhilfeempf\u00e4ngern an Unterhaltspflichtige &#151; sofern die Arbeitslosen es wollen &#151; auf sich \u00fcberleiten und dem Arbeitslosen den Betrag auszahlen, auf den er rechnerisch nach dem AFG Anspruch h\u00e4tte. Da dies nicht geschieht, mu\u00df u.U. das Sozialamt zun\u00e4chst von der tats\u00e4chlich gezahlten Arbeitslosenhilfe plus der ausstehenden Unterhaltszahlung ausgehen und kann dann ggf. nach Ma\u00dfgabe des BSHG Unterhaltspflichtige heranziehen.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Das Arbeitsamt zweigt h\u00e4ufig von der Arbeitslosenunterst\u00fctzung Unterhaltszahlun gen der Arbeitslosen f\u00fcr Kinder und geschiedene Ehepartner in einer H\u00f6he ab, da\u00df f\u00fcr die betreffenden Arbeitslosen nur noch ein Betrag \u00fcbrigbleibt, der unter den ma\u00dfgeblichen S\u00e4tzen der laufenden \u00bbHilfe zum Lebensunterhalt\u00ab (Regels\u00e4tze und Unterkunftskosten) liegt. Kommen solche Arbeitslose dann zum Sozialamt, mu\u00df dem Arbeitsamt vom Sozialamt deutlich gemacht werden, da\u00df Unterhaltsverpflichtungen der Arbeitslosen nur bis zur jeweiligen H\u00f6he der laufenden \u00bbHilfe zum Lebensunterhalt\u00ab (HLU) abgezogen und an die Unterhaltsberechtigten weitergeleitet werden d\u00fcrfen &#151; was dazu f\u00fchren kann, da\u00df diese dann \u00bbSozialhilfef\u00e4lle\u00ab werden.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Innerhalb der kommunalen Sozial\u00e4mter kommt es h\u00e4ufig zu Kooperationsschwierigkeiten zwischen dem Innendienst (der HLU-Abteilung) und dem Au\u00dfendienst (All gemeine Soziale Dienste). Neben Problemen einer organisatorischen Abstimmung, die sich daraus ergeben, da\u00df der Innendienst die \u00bbKlienten\u00ab nach dem \u00bbBuchstabenprinzip\u00ab und der Au\u00dfendienst nach r\u00e4umlichen Einheiten betreut, werden dabei unterschiedliche Arbeitsorientierungen von Sachbearbeitern und Sozialarbeitern (verfahrensorientiert versus klientenorientiert) manifest, die die betroffenen Arbeitslosen \u00bbauszubaden\u00ab haben.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Als besonderes Problem ist die unterschiedliche und teilweise zu kurzfristige Zahlungsweise der verschiedenen Sozialleistungen hervorzuheben: Wie soll bei vierzehnt\u00e4giger Auszahlung der Arbeitslosenunterst\u00fctzung, monatlichen Wohngeldzahlungen und zweimonatigen Kindergeldzahlungen der Lebensunterhalt fortlaufend gesichert sein, wenn am Monatsanfang eine Miete zu zahlen ist, die den Teilbetrag der Arbeitslosenunterst\u00fctzung \u00fcbersteigt und das Bankkonto nicht \u00fcberzogen werden kann?<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Schlie\u00dflich soll mit den Worten eines Sozialarbeiters auf den \u00fcblichen \u00bbFormal krieg\u00ab hingewiesen werden: \u00bbDa wartet die eine Stelle auf den Bescheid der anderen, vorher kann sie keinen Bescheid erteilen: beim Wohnungsamt z.B.. Das sagt: Der ist ja nicht wirtschaftlich gesichert. Wohngeld kann er nur bekommen, wenn er Sozialhilfe bekommt. Und Sozialhilfe bekommt er nur, wenn er Wohngeld beantragt. Und bei irgendwelchen zeitlichen \u00dcberschneidungen oder Fehlern in den Akten kommt es dazu, da\u00df weder der eine noch der andere etwas tut, weil er noch auf den anderen wartet.\u00ab<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>3. Hat der Betroffene sich als Person unter eine Institution subsumieren (lassen) k\u00f6n nen, geht die Individualisierung des Problems Arbeitslosigkeit entsprechend der funktionalen Logik traditioneller sozialpolitischer Interventionen weiter: Unabh\u00e4ngig von seinen Intentionen ist das Handeln des Arztes darauf ausgerichtet, das Individuum zu heilen, um es wieder arbeitsf\u00e4hig zu machen; der Berufsberater oder Angestellte im Bildungswesen wird das Individuum neu oder \u00fcberhaupt erst zu qualifizieren suchen, damit es Arbeit bekommt; die Jugendhilfe wird das Problem des Jugendlichen zu l\u00f6sen versuchen, damit die Familie wieder ohne Sorgen arbeiten (oder Arbeit suchen) kann. Sind solche \u00bbDienstleistungen\u00ab von vornherein personenbezogen und wirken daher per se individualisierend, so ergibt sich eine Individualisierung bei finanziellen Leistungen aus den Prinzipien der Anspruchsberechtigung. So geht es f\u00fcr Arbeitslose z.B. um<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">individuell erworbene bzw. nicht erworbene Anwartschaften auf Leistungen des Arbeitsamtes, die mit der jeweiligen Erwerbsbiographie verbunden sind;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">das vorherige Lohn- und Gehaltseinkommen, aus dem sich die (beitragsorientierte) H\u00f6he des Arbeitslosengeldes ergibt;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">die individuelle wie famili\u00e4re Bed\u00fcrftigkeit beim Bezug von Arbeitslosenhilfe und\u00a0 Sozialhilfe, wobei Bed\u00fcrftigkeit gegen\u00fcber dem Arbeitsamt und Sozialamt nach Ma\u00dfgabe des Arbeitsf\u00f6rderungs- resp. Bundessozialhilfegesetzes nach differierenden Kriterien im einzelnen nachzuweisen ist;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">selbstverschuldete Sperrzeiten aufgrund von \u00bbEigenk\u00fcndigung\u00ab oder Ablehnung\u00a0 von (auf Verordnungsebene definierter) \u00bbzumutbarer\u00ab Arbeits- oder Weiterbildungs-\/ Umschulungsm\u00f6glichkeiten;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">\u00bbfehlende Verf\u00fcgbarkeit\u00ab, weil z.B. aus pers\u00f6nlichen und nicht \u00bbamtlich\u00ab anzuerkennenden Gr\u00fcnden nur eine Teilzeit- und keine Vollzeitbesch\u00e4ftigung gesucht wird.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr die betroffenen Arbeitslosen manifest werdende Funktionsdefizite bei finanziellen\u00a0Leistungen werden erst zum \u00bbpolitischen Thema\u00ab, wenn sie zu Verteilungskonflikten zwischen gesellschaftlichen Interessenorganisationen und\/oder staatlichen bzw. quasi-staatlichen Instanzen geworden sind: Daf\u00fcr stehen die Auseinandersetzungen um die Belastung der kommunalen Haushalte durch die infolge der Arbeitslosigkeit gestiegenen Sozialhilfeausgaben, aber auch der Kampf um die Verwendung der Milliarden\u00fcbersch\u00fcsse in der Arbeitslosengeldkasse der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit.<\/p>\n<p><i>Reaktionen der Betroffenen<\/i><\/p>\n<p>Die Reaktionen der betroffenen Arbeitslosen auf die absehbare Perspektive langanhaltender, allenfalls kurzfristig unterbrochener Arbeitslosigkeit, sind nicht eindeutig bestimmbar. Entgegen klassischen Annahmen und Untersuchungen sind sie aber keines- falls ausschlie\u00dflich resignativ, selbstaggressiv oder apathisch (4). Es existieren eine Reihe, durch neuere empirische Forschungsarbeiten erh\u00e4rtete Anhaltspunkte, die Reaktionen von Arbeitslosen auf vorenthaltener Lohnarbeit sehr differenziert zu beurteilen (5). Weder halten f\u00fcr die BRD Anfang der achtziger Jahre Thesen von den apathischen und resignierten Arbeitslosen noch von den durch Verelendung rebellisch gewordenen Arbeitslosen einer \u00dcberpr\u00fcfung in der Realit\u00e4t stand. Beide Verarbeitungsformen sind anzutreffen, aber nie ungebrochen und fast immer erg\u00e4nzt um eine gro\u00dfe Reihe von M\u00f6glichkeiten, sich \u00bbirgendwie\u00ab mit der Arbeitslosigkeit zu arrangieren.<\/p>\n<p>Wie auf das Faktum Arbeitslosigkeit jeweils reagiert wird, ist in starkem Ma\u00dfe abh\u00e4ngig z.B. von<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">der Dauer und der Qualit\u00e4t des vorherigen Arbeitsverh\u00e4ltnisses (Berufsorientierung),<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">dem vorherigen Einkommen,<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">den aktuell verf\u00fcgbaren materiellen Handlungsspielr\u00e4umen und\u00a0\u00a0 dabei besonders der H\u00f6he und der Stetigkeit der Sozialleistungen,<\/div>\n<\/li>\n<hr class=\"clearer-white\">\n<p>\t\t<!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/p>\n<\/ul>\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">dem Alter,<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">der Dauer der Arbeitslosigkeit,<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">den prim\u00e4ren sozialen Beziehungen (Familie, Bekanntenkreis usw.),<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">der Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen,<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">den individuellen Handlungsdispositionen und Einstellungsmustern (6).<\/div>\n<\/li>\n<p>In der von uns durch Interviews und Frageb\u00f6gen erfa\u00dften Gruppe von ca. 640 Arbeitslosen aus dem Umfeld des Arbeitslosenzentrums Hannover haben wir eine gro\u00dfe Zahl sehr unterschiedlicher \u00bbArbeitslosentypen\u00ab angetroffen, von denen sich als \u00bbHandlungstypen\u00ab unterscheiden lassen:<\/p>\n<ul>\n<p class=\"bodytext\">\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">der resignierte, vereinzelte und zur\u00fcckgezogen lebende Arbeitslose,<\/div>\n<\/li>\n<p class=\"bodytext\">\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">der in bezug auf die berufliche Zukunft z.T. resignierte, aber politisch sehr aktive Arbeitslose,<\/div>\n<\/li>\n<p class=\"bodytext\">\n<li>\n<p class=\"bodytext\">\n<div align=\"justify\">der kontaktfreudige \u00bb\u00dcberlebensk\u00fcnstler\u00ab im Netz der Sozialhilfe mit individuellen \u00bb\u00dcberlebensstrategien\u00ab.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Erfahrungen von Arbeitslosen mit dem sozialstaatlichen Institutionensystem m\u00fcssen ebenfalls sehr differenziert beurteilt werden. Das Spektrum der Einsch\u00e4tzungen reicht hier von extrem negativen Erfahrungen bis zu uneingeschr\u00e4nkt positiven.\u00a0 An seiner eigenen Biographie kann fast jeder der Befragten den Proze\u00df materieller Deklassierung und politisch-rechtlicher Ausgrenzung aus dem System sozialstaatlicher Sicherung nachzeichnen, ohne dabei jedoch immer auch ein Bewu\u00dftsein seiner Marginalisierung zu haben.<br \/>Dieser Proze\u00df wird vornehmlich als ein individueller erlebt und interpretiert, gegen den\u00a0 sich kollektiv-politisch zu wehren \u00fcberwiegend als nutzlos angesehen wird. Mit diesem Ph\u00e4nomen haben insbesondere diejenigen Initiativen zu k\u00e4mpfen, die sich in der BRD als Teile einer \u00bbArbeitslosenbewegung\u00ab verstehen und die ihre ingsgesamt geringe Resonanz unter der Masse der Arbeitslosen immer wieder selbstkritisch eingestehen m\u00fcssen (7).<br \/>\u00bbArbeitslos\u00ab ist aktuell kein Attribut, das massenhaft Personen als unver\u00e4nderliches anhaftet. F\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Mitglieder von Arbeitsloseninitiativen bedeutet dies eine \u00bbstrukturelle Rotation\u00ab &#151; ein Wechsel von (wenn auch nur kurzfristigen und oft prek\u00e4ren) Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und Arbeitslosigkeit, die dazu f\u00fchrt, da\u00df eine subjektive Identit\u00e4t, die ihrer gesellschaftlichen Lage entspricht, von den meisten Arbeitslosen nicht ausgebildet wird. Das hat eine extrem hohe Fluktuation in den Arbeitsloseninitiativen und mangelnde Verbindlichkeit des Engagements zur Folge. Langzeiarbeitslose, die sich \u00fcber ihre Lage im Klaren sind &#151; ohne in politischer Apathie zu versinken &#151;, scheiden in den meisten F\u00e4llen als \u00bborganisatorische Kerne\u00ab von Arbeitsloseninitiativen aus, weil die materiellen und psychosozialen Bedingungen ihrer Existenz dies erschweren. Deshalb ist von einer autonomen, organisierten Arbeitslosenbewegung, die das kontinuierliche Bestehen von Arbeitsloseninitiativen voraussetzen w\u00fcrde, nicht auszugehen. Es ist jedoch mit einer \u00bbBewegung\u00ab von Arbeitslosen zu rechnen, die sich naturw\u00fcchsig aus dem eruptiven Entstehen und mehr oder weniger schnellen Zerfall von Gruppen, wie auch einer hohen Fluktuation in den einzelnen Initiativen als dennoch dauerhaftes gesellschaftliches Faktum konstituiert.<\/p>\n<p><i>Ruhe ist keine Zustimmung<\/i><\/p>\n<p>Arbeitslosigkeit und damit verbundene Ph\u00e4nomene sozialer Ausgrenzung in die Verarmung sind ein in der Bundesrepublik aktuell stattfindender gesellschaftlicher Proze\u00df,\u00a0 in dessen Sog tendenziell Grundlagen des Sozialstaates wegzuschwimmen drohen. Dieser Proze\u00df kann relativ lautlos vonstatten gehen, weil er nicht als Politikum interpretiert, sondern in der \u00d6ffentlichkeit weitgehend noch als ein konjunkturell vor\u00fcbergehendes oder pers\u00f6nlich bedingtes Ph\u00e4nomen aufgefa\u00dft wird. Entsprechende Interpretationen von verantwortlichen Politikern sto\u00dfen lediglich bei einer Minderheit von Arbeitslosen auf einen \u00f6ffentlich vernehmbaren Protest. Doch man sollte sich von dieser Ruhe nicht t\u00e4uschen lassen.<br \/>\u00a0Die Ruhe unter den betroffenen Arbeitslosen ist kein Zeichen von Zustimmung und Loyalit\u00e4t, sondern Ergebnis eines sehr diffizilen Prozesses, bei dem Ausgrenzung aus den sozialstaatlichen Leistungsangeboten, die Eigenlogik des Systems der sozialen Sicherung, erzwungene Subsidiarit\u00e4t und individuelle Interpretation der Krise zusam menflie\u00dfen. Ob dieses Gleichgewicht sozialer Ruhe f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit und bei noch gr\u00f6\u00dferen sozialen Belastungen weiter funktioniert, ist mehr als fraglich.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen<\/b>:<\/p>\n<p>1 Balsen, W. u.a. \u00bbDie neue Armut\u00ab. Ausgrenzung von Arbeitslosen aus der Arbeitslosenunterst\u00fctzung. K\u00f6ln, 1984.<br \/>2\u00a0 vgl. B\u00e4cker, G. u.a. \u00bbSozialpolitik\u00ab. Eine problemorientierte Einf\u00fchrung. K\u00f6ln, 1980.<br \/>3\u00a0 Die Autoren arbeiten in einem DFG-Forschungsprojekt \u00fcber die institutionelle Verarbeitung von Arbeitslosigkeit auf der lokalen Ebene. vgl. Blanke, B. \/ Heinelt, H. \/ Macke, C. W. \u00bbArbeitslosigkeit und kommunale Sozialpolitik\u00ab in Bon\u00df, W. \/ Heinze, R. G. \u00bbArbeitslosigkeit in der Arbeitsgesellschaft\u00ab. Ffm. 1984, S. 299 ff.<br \/>4\u00a0 vgl. Jahoda, M. \/ Lazarsfeld, P. \/ Zeisel, H. \u00bbDie Arbeitslosen von Marienthal\u00ab. Ffm. 1975.<br \/>5 hierzu ausf\u00fchrlicher Wacker, A. \u00bbDifferentielle Formen von Arbeitslosigkeit\u00ab Anmerkungen zur aktuellen Diskussion in der Arbeitslosenforschung, in PROKLA 53<br \/>6 vgl. Bon\u00df, W. \/ Keupp, H. \/ Koenen, E. \u00bbDas Ende des Belastungsdiskurses?. Zur subjektiven und gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeitslosigkeit\u00ab. In Bon\u00df, W. \/ Heinze, R. G. a.a.O.<br \/>7\u00a0 vgl. Paasch, R. \u00bbArbeitsloseninitiative im umgebauten Sozialstaat. Zwischen Basisprotest und politischer Integration\u00ab. In: Vorg\u00e4nge Nr. 70. 1984.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[820,667],"autoren":[449,448],"publikationen":[1277],"class_list":["post-12198","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-arbeitslosigkeit","tag-vorgaenge-artikel","autoren-carl-wilhelm-macke","autoren-hubert-heinelt","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die lautlose Vereinzelung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/die-lautlose-vereinzelung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die lautlose Vereinzelung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wie Arbeitslosigkeit administrativ \u00bbkleingearbeitet\u00ab wird aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 71-76 Es f\u00e4llt schwer, w\u00e4hrend eines Einkaufsbummels durch st\u00e4dtische Gesch\u00e4ftspassagen den Tagesschau-Berichten \u00fcber Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Glauben zu\u00a0 schenken. 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