{"id":12200,"date":"1977-01-28T14:25:00","date_gmt":"1977-01-28T13:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-literaten-und-die-muenchner-raeterepublik\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:06","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:06","slug":"die-literaten-und-die-muenchner-raeterepublik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/die-literaten-und-die-muenchner-raeterepublik\/","title":{"rendered":"Die Literaten und die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (2\/1977), S. 79-89<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"von-der-literatur-zur-politik\">Von der Literatur zur Politik<\/span><\/h2>\n<p>Die Literaten der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik sind nicht durch den Zusammenbruch des Hohenzollernreiches zur Literatur erweckt worden. Es ist zu ihrer Beurteilung wichtig zu wissen; da\u00df sie nicht erst aus Reaktion auf den politischen Umsturz zu schreiben begonnen haben, in dem Sinne etwa, wie Sergej Eisenstein von sich bekannt hat, durch das Revolutionsjahr 1917 zur Kunst gekommen zu sein. Sie haben vorher geschrieben und dabei Ungleiches hervorgebracht. Carl Einstein, Alfred Wolfenstein, Oskar Maria Graf waren Schriftsteller, ehe sie Politiker wurden, und einige von ihnen suchten, wie Kurt Eisner, Erich M\u00fchsam, Gustav Landauer, Silvio Gesell, Ernst Niekisch, Ret Marut (vermutlich der sp\u00e4tere B. Traven), Eugen Levine, ihre schriftstellerische Produktion mit sozialer Theoriebildung zu verbinden. Sie waren politische Publizisten. Ernst Toller hat bekannt, erst durch den Krieg zur Politik gekommen zu sein. Der Krieg, das organisierte legale Massenmorden, hat ihn politisiert; aber er war ein junger Dichter vorher, wie viele.<br \/>Der Gegensatz der friedlichen T\u00e4tigkeit des Schreibens zu der Fortsetzung der Politik mit Mordinstrumenten ist offensichtlich; aber das hei\u00dft nicht, da\u00df alle Schreibenden Kriegsgegner waren und w\u00e4ren. Die politische Pr\u00e4sentation des Vorkriegseuropa hatte etwas Gespenstisches, wie der damals 21 j\u00e4hrige Carl Jakob Burckhardt beim Begr\u00e4bnis des Prinzregenten Luitpold in M\u00fcnchen wohl merkte. Er sah das Aufgebot der F\u00fcrsten vorbeischreiten und schrieb: &#8222;Sie verschwanden vor unseren hohen Fenstern langsam und unheimlich wie die K\u00f6nige vor Macbeth. Es war verwunderlich, da\u00df der Letzte im Zug nicht einen Spiegel in der Hand hielt und da\u00df man die drei Hexen nicht wispern h\u00f6rte.&#8221;<br \/>So kam der Krieg f\u00fcr viele wie eine L\u00f6sung. Hermann Hesse mu\u00dfte die Kollegen ermahnen: &#8222;Freunde, nicht diese T\u00f6ne! &#8222;. Sie schweigten nach langen Friedensjahrzehnten in der &#8222;gro\u00dfen Zeit&#8221;, die Karl Kraus, auch er ein Abseitiger in dieser Sache, im November 1914 die &#8222;kleine Zeit&#8221; zu nennen wagte, als noch unentschieden war, wer den Krieg gewinnen w\u00fcrde. Man sollte sich h\u00fcten, die jeweiligen Projektionen der subjektiven Betroffenheit mit der Elle des Besserwissens zu messen, die den Unbeteiligten die sp\u00e4tere Lekt\u00fcre zuspielt.<br \/>Die Bekenntnisse f\u00fcr und wider den Krieg waren ihrer Herkunft nach \u00c4u\u00dferungen der Betroffenheit von einem au\u00dferliterarischen Vorgang; aber sie blieben Literatur und waren noch nicht Politik. Der \u00dcbertritt in die Politik erfolgt erst mit dem Eintreten in deren Bezugssystem. Das politische System verlangt in aller Regel, nicht mit schriftstellerischer Produktion auf die Herausforderungen zu antworten, sondern mit Handlungen. Man schreibt nicht, sondern begibt sich in die Zentren politischer Kommunikation.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ernst-tollers-weg-als-beispiel\">Ernst Tollers Weg als Beispiel<\/span><\/h2>\n<p>Ernst Tollers Protokoll zur Person vor dem 1. Staatsanwalt Lieberich am 4. Juni 1919 gibt die Abfolge exemplarisch wieder: &#8222;Herbst 1917 kulturpolitischer Kongre\u00df Burg Lauenstein, in Heidelberg Mitbegr\u00fcnder des kulturpolitischen Bundes der deutschen Jugend. Lekt\u00fcre der Brosch\u00fcre des fr\u00fcheren Londoner Botschafters, des F\u00fcrsten Lichnowsky, f\u00fcr einen Verst\u00e4ndigungsfrieden. Anfang 1918 Mitglied der Deputation zur Befreiung des im Generalstreik inhaftierten Kurt Eisner, Versammlungsredner, deshalb verhaftet und im Strafverfahren gegen Eisner zu drei Monaten verurteilt und wieder zum Milit\u00e4r eingezogen. Im Oktober in Berlin Auftritt in einer SPD-Versammlung gegen das geplante letzte Aufgebot. Nach der Novemberrevolution Zweiter Vorsitzen-der des von dem allgemeinen Kongre\u00df der bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenr\u00e4te gebildeten Vollzugsrates.&#8221;<br \/>Tollers Weg in die politischen Aktivit\u00e4ten w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges ist hier als Beispiel herangezogen, weil er deutlich macht, wie mit dem \u00dcbertritt in politisch gerichtete Kommunikationsprozesse die schreibende Reaktion allm\u00e4hlich verdr\u00e4ngt wird durch Handlungen, die n\u00f6tig werden, um aus dem Bezug nicht herauszufallen. Sie nehmen mehr und mehr Zeit in Anspruch. Sie besetzen die Psyche, bestimmen die seelische Lage. Das Mitteilungsbed\u00fcrfnis und. der politische Zugzwang konkurrieren. Die Verlautbarungen Tollers, als er die bewaffnete Macht der R\u00e4te zu befehligen hatte, sprechen eine deutliche Sprache. Toller hat dann in seiner Eigenschaft als Abschnittskommandant der Truppen der R\u00e4terepublik im Kampf um Dachau sich gegen diesen Zugzwang emp\u00f6rt und in Botschaften und Erkl\u00e4rungen seiner eigenen Beurteilung Geltung zu verschaffen versucht. Er reagiert auf das politisch-milit\u00e4rische Ordnungssystem wie ein Schriftsteller, schreibend und argumentierend, nicht wie ein Befehlsempf\u00e4nger, und legt sein Kommando am 26. nieder, als er sich nicht durchsetzen kann. Er reitet auf einem Schimmel durch die Stadt und predigt Frieden. Diese scheinbare Inkonsequenz bezeichnet tats\u00e4chlich eine konsequente Haltung der Schriftsteller in der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik von 1918\/19.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schlusspunkt-nicht-anfang\">Schlu&szlig;punkt, nicht Anfang<\/span><\/h2>\n<p>Die \u00e4ltesten der M\u00fcnchner Revolutionsteilnehmer, Eisner und Landauer, waren um 1870, die j\u00fcngsten in den 1890er Jahren geboren. Letztere waren in ihren Zwanzigern und durch den Krieg auch subjektiv gealtert. Von den Biographien her betrachtet, erscheint der Auftritt der Schriftsteller in Revolution und R\u00e4terepublik wie ein Schlu\u00dfpunkt unter das, was unter den Bedingungen des Hohenzollernstaates schriftstellerisch verarbeitet werden konnte, nicht wie ein Anfang. Eisner stand in jungen Jahren unter dem Eindruck von Hermann Cohens politischer Philosophie, wie sein Zeitgenosse Lenin. Landauer gelangte im Kontakt mit dem Sprachwissenschafter Fritz Mauthner zum Meister Eckart, dem in seiner revolution\u00e4ren Sprengkraft auch heute noch nicht gen\u00fcgend erkannten deutschen Mystiker. Gleichzeitig erschien in M\u00fcnchen die Zeitschrift Jugend, die der Epoche ihren Namen gab, und im Simplizissimus schrieb u.a. Georg Simmel, der Begr\u00fcnder der formalen Soziologie in Deutschland.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"muenchen-alternative-zu-berlin\">M&uuml;nchen &ndash; Alternative zu Berlin<\/span><\/h2>\n<p>M\u00fcnchen entwickelte sich mehrundmehr gegen die Vorherrschaft Preu\u00dfens im Reich als Alternative zu Berlin. Es war mit den literarischen und k\u00fcnstlerischen Kreisen, Cliquen, Schulen in Wien, Prag, Dresden, Leipzig, Berlin ebenso verkn\u00fcpft wie mit denen in Z\u00fcrich, Basel, Heidelberg, Darmstadt, D\u00fcsseldorf und Bremen. Als Universit\u00e4tsstadt strahlte die Kunststadt M\u00fcnchen durch die st\u00e4ndig fluktuierende Studentenschaft weit nach Osteuropa aus, und dieses nach M\u00fcnchen herein. Das Zentrum dieser vielf\u00e4ltigen Beziehungen war der Stadtteil Schwabing, in dem sie fast alle zusammenkamen, die im gestalterischen Ausdruck, in dichterischer Produktion oder in wissenschaftlicher Exegese zu reagieren gewohnt waren. Ein &#8222;Capua der Geister&#8221; nannte es Erich M\u00fchsam.<br \/>Der Auswertung von Polizeiberichten aus den Jahren 1894, 1899 und 1911, die der Historiker Ludwig Schneider 1969 vorgelegt hat, ist zu entnehmen, da\u00df die osteurop\u00e4ischen Oppositionellen sich dort versammelten. Die Propaganda gegen die Unterdr\u00fcckung in Ru\u00dfland und Polen wirkte weit \u00fcber Schwabing hinaus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"feindbilder-wider-menschenrechte\">Feindbilder wider Menschen&shy;rechte<\/span><\/h2>\n<p>Der Aufruf g e g e n brachiale Gewalt, der die ganze Periode durchzieht, begleitet den allm\u00e4hlichen Fortschritt der menschenrechtlichen Postulate von West nach Ost. Nicht nur einzelne Publizisten, wie Ludwig Quidde und Friedrich Wilhelm Foerster, die Breitenarbeit der Sozialdemokraten und Gewerkschafter haben entscheidenden Anteil an diesem weltgeschichtlichen Vorgang. Seine Bedeutung scheint mir einsichtig: Die Menschenrechte sind die einzige Hoffnung, zu gemeinsamen ethischen Grundbegriffen zu kommen. In einer Welt, die sich zunehmend verfeindet, weil immer neue Herrschaftsinteressen miteinander in Konflikt geraten m\u00fcssen, wird das Minimum an ethischer Norm, das die. Menschenrechte postulieren, zur \u00dcberlebensfrage f\u00fcr alle.<br \/>Es war schon in den Diskussionen vor dem Ersten Weltkrieg klar, da\u00df dies nicht die Sache einer Handvoll Intellektueller sein kann. Nicht nur die Oberklassen halten an \u00fcberkommenen Werten fest, auch die anderen. Nicht nur die B\u00fcrger nannten M\u00fchsam, Landauer, Niekisch, Eisner &#8222;Spinner&#8221;, auch die Arbeiter nannten sie so. Das kann nicht anders sein, denn die neue Norm, die da gepredigt wurde, war weder als Klassen-, noch als Standes-, noch als Nationalrecht denkbar. Logisch zwingend ist Menschenrecht immer das Recht des anderen Menschen. Bringe das jemand einer Gruppierung bei, die sich gegen einen tats\u00e4chlichen oder abstrakten Feind geeinigt hat, und mehr durch das Feindbild als die Interessen der Gattung bestimmt wird! Da ist ja immer der andere schuld, und wenn er es nicht w\u00e4re, verl\u00f6re er seine Richtigkeit als &#8222;Feind&#8221;.<br \/>Aber nicht nur in der r\u00e4umlichen Ausbreitung, auch in der zeitlichen \u00dcberlieferung st\u00f6\u00dft die menschenrechtliche Propaganda auf Schwierigkeiten, die sich mit jedem Neukommer vermehren. Sowenig eine neue Klasse die Achtung vor der Menschenw\u00fcrde garantiert, so wenig garantiert sie eine j u n g e G e n e r a t i o n. Der Bericht von Oskar Maria Graf \u00fcber seinen Weg in die Revolution macht dies deutlich. &#8222;Bommi&#8221; Baumanns 1975 erschienenes und bald darauf verbotenes Buch Wie alles anfing best\u00e4tigt die Erfordernis, unentwegt zu lernen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"oskar-maria-graf-und-bommi-baumann-parallelen\">Oskar Maria Graf und Bommi Baumann: Parallelen<\/span><\/h2>\n<p>Es gibt gewisse Parallelen zwischen der Beschreibung seiner Adoleszenz, die Oskar Maria Graf unter dem Titel Fr\u00fchzeit 1922 im Malik Verlag ver\u00f6ffentlicht hat, und den Aufzeichnungen von Bommi Baumann. In beiden Berichten setzen sich die anarchischen Tendenzen der Kindheit gegen die berufliche Unterordnung als B\u00e4cker- bzw. Betonmischerlehrling durch. Graf wollte Tierarzt werden, durfte aber nicht. Die Bem\u00e4chtigung der Umwelt wird in der Literaturrezeption gesucht, zur Jahrhundertwende in Bongs Klassikerausgaben, um 1970 bei Kerouac und anderer zeitgen\u00f6ssischer Beat-Literatur und -Musik; aber die Rezeption vertieft den Widerspruch zur Umwelt, indem sie deren Tugendmythos als falsch erweist. Ausbr\u00fcche brachialer Gewalt erfolgen zun\u00e4chst als Kraftmeierei, dann aus dem Bed\u00fcrfnis, irgendwo Schlu\u00df zu machen, um neu beginnen zu k\u00f6nnen. Bald nach den Konventionen brechen sie die Gesetze, und damit ist der Zeitpunkt gekommen, wo das eigene Handeln nach Rechtfertigung verlangt. Sie wird im Umgang mit Gleichaltrigen gesucht, die in \u00e4hnlicher psychischer Grundlage sich befinden; und wieder hilft die Literatur. In M\u00fcnchen um 1910 vorz\u00fcglich die russische. Basarow in Turgenjews &#8222;V\u00e4ter und S\u00f6hne&#8221;, Dostojewskij, Tolstojs &#8222;Sklaverei dieser Zeit&#8221;, Kropotkins &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8221;.<br \/>M\u00e4hlich verdr\u00e4ngt sozialtheoretische Literatur die belletristische. Auch sie entstammt schriftstellerischer Betroffenheit; aber sie erz\u00e4hlt nicht nur, wie Menschen mit den Konflikten ferig werden, die der Schriftsteller f\u00fcr sie zum Ausdruck gebracht hat, um eine &#8222;hinreichende Anzahl abfuhrbed\u00fcrftiger Vorstellungen&#8221; loszuwerden.<br \/>Oskar Maria Graf schreibt, wie seine langen Haare und sein unkonventionelles Aussehen ihm die Arbeitskollegen und die Leute auf der Stra\u00dfe zum Feind gemacht haben, und Baumann wiederholt die Erfahrung sechzig Jahre sp\u00e4ter. Die als revolution\u00e4r gewollte Ver\u00e4nderung der K\u00f6rpersymbolik f\u00fchrt nicht zur Bew\u00e4ltigung der Umweltverh\u00e4ltnisse, sondern zur Privation, weil das Identifikationsangebot, das im gleichen Aussehen gegeben ist, zur\u00fcckgezogen wird durch das ungleiche \u00c4u\u00dfere und somit Befremdliche. Der Unterschied zwischen 1910 und 1970 ist freilich unverkennbar. Dazumal blieben die Leute mit affektiertem \u00c4u\u00dferen als &#8222;Bohemiens&#8221; oder, wie der M\u00fcnchner Ausdruck war, &#8222;Schlawiner&#8221; &#8211; was beides auf die benachbarten Slawen zielte &#8211; unter sich. 1970 hat der inzwischen konsumorientierte Kapitalismus die Ver\u00e4nderungen aufgegriffen und vermarktet, worauf der &#8222;Rebellen-Look&#8221; in die B\u00fcros und Fabriken einzog, sogar bei den uniformierten Berufen. Solange das nicht erfolgt war, mu\u00dfte die aus der sozialtheoretischen Literatur \u00fcbernommene T e r m i n o l o g i e den verlorenen Halt kompensieren helfen. Oskar Maria Graf konnte sich in kurzer Zeit in der Sprache des Sozialistischen Bundes ausdr\u00fccken, nachdem er Gustav Landauers Aufruf zum Sozialismus gelesen und mit der M\u00fcnchner Gruppe Tat diskutiert hatte. Auch Baumann findet sich im Seminardeutsch seiner studentischen Genossen zurecht.<br \/>Bei beiden Autoren f\u00fchrt diese verbale Bem\u00e4chtigungshandlung nicht dorthin, wohin die Theoretiker zielen, zur Weiterarbeit an einem humanen Entwurf, denn nicht dieser Entwurf ist das Problem der Rezipienten, sondern die Entlastung von akuter Bedr\u00e4ngnis. Wie kommt man aus ihr heraus? Wie f\u00fchrt man die eigenen abfuhrbed\u00fcrftigen Vorstellungen ab, wenn die Identifikation mit der Literatur sie nicht abf\u00fchrt, sei sie k\u00fcnstlerischer oder wissenschaftlicher Machart, oder zwischen Kunst und Wissenschaft, wie die gro\u00dfen sozialtheoretischen Konzeptionen des 19. Jahrhuriderts, die im 20. Jahrhundert als Klassiker gelten?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ausbruch-in-die-gewalt-das-ende-des-diskurses\">Ausbruch in die Gewalt &ndash; das Ende des Diskurses<\/span><\/h2>\n<p>Beim Oskar Maria Graf hei\u00dft die L\u00f6sung &#8222;kurzen Proze\u00df machen!&#8220;, bei Baumann, der allerdings darauf hinweist, da\u00df er den Slogan nicht erfunden habe: &#8222;Macht kaputt, was Euch kaputt macht!&#8221;<br \/>Aufruf zur Gewalt ist der gemeinsame Nenner aller Sozialrebellen. Die Verk\u00fcrzung auf den Slogan verweist auf das vorhandene Theoriedefizit. Die Schl\u00e4gereien bei Graf, die bewaffneten \u00dcberf\u00e4lle bei Baumann ergeben sich nicht notwendig aus der Theorie, vielmehr soll die Theorie nun die Praxis rechtfertigen, die sich aus den schiefgegangenen Versuchen ergeben hat, sich der Umwelt zu bem\u00e4chtigen. Franz Jung, der Jugendfreund Oskar Maria Grafs, hat diese Konsequenz in seiner Autobiographie Der Weg nach unten, verdeutlicht. Brachiale Gewaltanwendung fordert nicht nur mitmenschlichen Protest heraus, sondern zugleich das staatliche Gewaltmonopol. Wenn dessen Inhaber nun wiederum brachial gegen vermutete und bekennende Anh\u00e4nger gewisser Theorien reagieren, ist die Verwirrung vollst\u00e4ndig, weil die sozialen Theorien, die nun von beiden Seiten in diese Auseinandersetzung hineingezogen werden, nur literarisch und nicht brachial zug\u00e4nglich sind. Der Diskurs ist mit Pistolen nicht zu treffen.<br \/>Der Kreis schlie\u00dft sich: Die zur Bem\u00e4chtigung der Umwelt herangezogene Literatur hat zwar den Bem\u00e4chtigungseffekt nicht gehabt, sondern die Isolation ihrer Rezipienten verst\u00e4rkt; aber sie wird nun als Gesamtheit zum Symbol von Verfolgten. So nimmt B e k e n n t n i s charakter an, was zur Erkenntnis geschrieben worden ist. Der wissenschaftliche Ansatz verk\u00fcmmert, der Diskurs er-stirbt, die Fahnen werden aufgezogen &#8230;<br \/>1905 wurden in St. Petersburg 1500 Demonstranten niedergemacht, weil sie dem Zaren von Ru\u00dfland eine Petition \u00fcberbringen wollten. 1967 wurde bei der berliner Demonstration gegen den Schah von Persien der arglose Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen. Bei bei den Demonstrationen hat die legale Gewalt versagt. Die vielen Morde, die nachfolgten, sind ohne solches Versagen der legalen Gewalt nicht zu verstehen. Es wiegt schwerer als ein Verbrechen, denn es belastet die Legalit\u00e4t mit dem Gewicht archaischer Schuld. Wenn jugendliche Rebellen und die Inhaber der Staatsgewalt nicht begreifen, da\u00df wir im 20. Jahrhundert nicht zum Ritual der Vorzeit zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen, m\u00fcssen die Schriftsteller gegen das Menschenopfer protestieren und die Fraglichkeit erhalten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"bayern-gegen-das-berliner-system\">Bayern gegen das &bdquo;Berliner&rdquo; System<\/span><\/h2>\n<p>Als in den letzten Oktobertagen 1918 \u00d6sterreich-Ungarn zusammengebrochen war, richtete sich die ganze Erbitterung der Bayern gegen &#8222;Berlin&#8221;. Die M\u00fcnchner bef\u00fcrchteten Luftangriffe, und die \u00fcberwiegend l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung hoffte, nun dem Druck der Kriegsverwaltungswirtschaft zu entkommen. Die Massen sahen in dem Hause Wittelsbach und den bayerischen Ministern nur die ohnm\u00e4chtigen Werkzeuge des verha\u00dften &#8222;Berliner&#8221; Systems; sie hatten das Vertrauen verloren, da\u00df die Wittelsbacher ihnen aus ihrer Not helfen k\u00f6nnten. So kam es nicht zu einer dynastisch-partikularistischen Aktion, schreibt der Historiker Arthur Rosenberg, sondern die \u00e4lteste deutsche Dynastie wurde gegen den Willen der Veranstalter einer Friedenskundgebung am 7. November 1918 als erste gest\u00fcrzt. Nunmehr stellte sich die Frage nach der \u00dcbergabe der politischen Macht, die im Interessenausgleich der Exponenten von Beamtentum, Gro\u00dfkapital und Gro\u00dfgrundbesitz, Adel, Gro\u00dfb\u00fcrgertum und hohem Klerus aufgehoben war, w\u00e4hrend ein Egalisierungs- und Demokratisierungsproze\u00df in der Unter- und Mittelschicht durch gro\u00dfz\u00fcgige Gesetzgebung soviel Raum hatte, da\u00df dort, wie der Historiker Karl M\u00f6ckl 1965 formuliert &#8222;die Bewu\u00dftseinsschwelle des Verlangens nach Aus\u00fcbung staatlicher Gewalt bis zum Weltkrieg nicht erreicht wurde&#8221;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eisner-demokratie-durch-raete\">Eisner: Demokratie durch R&auml;te<\/span><\/h2>\n<p>Der erste Ministerpr\u00e4sident der neuen Republik, der Berliner Schriftsteller Kurt Eisner (USPD), sah in der republikanischen Reichsregierung Politiker am Werk, die er als Vorw\u00e4rts-Redakteur schon vor dem Weltkrieg als unf\u00e4hig bezeichnet hatte. Seine eigene Absicht war, in Bayern die wirtschaftlichen Interessen durch ein System von R\u00e4ten zu politisieren und damit die Demokratie zu verwirklichen: Der Anteil der Arbeit jedes Berufs an der Gesamtheit solle die demokratische Grundlage der Gesellschaft bilden, sagte er im Provisorischen Nationalrat, der Gewerkschaften und andere Berufsverb\u00e4nde versammelte. Er sollte k\u00fcnftig Best\u00e4tigungsrechte und Kontrollbefugnisse gegen\u00fcber dem Parlament haben, das die Grundlage der neuen Republik war. Eisner, dem die Manipulation der russischen R\u00e4te durch Lenin im Jahr 1917 noch gew\u00e4rtig war, lehnte die Strategie der Kaderpartei entschieden ab. Vor M\u00fcnchner Soldatenr\u00e4ten erkl\u00e4rte er: &#8222;Das russische Beispiel lockt uns nicht, auch nicht die Methode. Ich bin der Meinung, da\u00df wir genug Blutvergie\u00dfen gehabt haben.&#8220; Eisner f\u00fchrte somit seine Politik gegen die tradierten Machtkonstellationen, wie gegen die Berliner Sozialdemokratie, die Kommunisten im Spartakusbund und sp\u00e4ter in der KPD sowie gegen die Indifferenz der Basis. Die SPD wollte die R\u00e4te entpolitisieren, die KPD wollte sie zum Instrument ihrer Diktatur machen, und die alten Anh\u00e4nger des Systems wollten sie eliminieren. Dies gelang im vorl\u00e4ufigen Staatsgrundgesetz, das die Regierung am 4. Januar 1919 erlie\u00df. Eisners R\u00e4te waren nicht einmal erw\u00e4hnt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"max-webers-kritik-dilettantismus\">Max Webers Kritik; Dilet&shy;tan&shy;tismus<\/span><\/h2>\n<p>Das Meinungsklima verschlechterte sich rasch, als die neue Regierung die materielle Lage nicht verbessern und im Widerstreit zwischen Parlamentarismus und revolution\u00e4ren R\u00e4ten kein Monopol der Gewalt demonstrieren konnte.<br \/>Max Weber, um Deutschlands k\u00fcnftige Verfassung besorgt, sagte am 1. Dezember 1918 nach einem Bericht der Frankfurter Zeitung:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Die bisher ja wesentlich negativen Errungenschaften der Revolution wollen wir ohne jeglichen Vorbehalt und Zweideutigkeit befestigen und in der Richtung planm\u00e4\u00dfiger Sozialisierung ausbauen helfen. Da\u00df sie freilich erst durch eine Revolution gewonnen werden mu\u00dften, war ein schweres Ungl\u00fcck. Es hat uns wehrlos gemacht, damit der Fremdherrschaft \u00fcberliefert und au\u00dferstande gesetzt, die Grunds\u00e4tze r\u00fcckhaltlos friedlicher und freier Selbstbestimmung der V\u00f6lker bei der Neugestaltung der Welt zur Geltung gegen die in allen L\u00e4ndern m\u00e4chtigen Imperialismen zu bringen. Die feindlichen Regierungen sind rein b\u00fcrgerlich. Die Wirkung der deutschen Revolution aber h\u00e4ngt von diesen Feinden ab, die im Lande stehen. Revolutionen nehmen aber einen aus der Geschichte bekannten verh\u00e4ngnisvollen Kreislauf, der oft leicht zu den alten Gewalten zur\u00fcckf\u00fchrt. Und die bisherige Entwicklung liegt leider in dieser Linie. Der Redner bezeugte der Wirksamkeit der \u00f6rtlichen Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und dem Idealismus der F\u00fchrer, ohne Unterschied, ob Unabh\u00e4ngige oder Mehrheitssozialisten, alle Anerkennung, betonte aber umso mehr das bisherige v\u00f6llige Versagen der Berliner und M\u00fcnchner Leitung allen gro\u00dfen Aufgaben gegen\u00fcber, trotz zweifellos hingebendster Arbeit.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Vorwurf des Dilettantismus ging an Kurt Eisner, aber auch an dessen Finanzminister, Webers Freund, Edgar Jaffe. Eisners journalistischer Erzfeind, Josef Hofmiller, pr\u00e4gte das Schimpfwort von der &#8222;Strizzikratie&#8221;. Als Eisner am 21. Februar 1919 ermordet wurde, vermerkte Hofmiller in seinem Revolutionstagebuch 1918\/19, da\u00df Sch\u00fcler &#8222;Hurra&#8221; schrien und R\u00f6ntgen seine Vorlesung in der TH wegen der studentischen Begeisterung \u00fcber die Mordnachricht abbrechen mu\u00dfte. 100 000 folgten dem Leichenzug. Gustav Landauer hielt die Totenrede. Der rasche Umschlag der Zustimmung f\u00fcr den Friedenspolitiker in die Ablehnung des &#8222;Bolschewisten&#8221; ist wahrscheinlich die Konsequenz der politischen Konstellation, aber wohl auch des Glaubens von Eisner, &#8222;sich mit den Methoden des Vertrauens und der Verst\u00e4ndigung \u00fcber Machtfragen hinwegsetzen zu k\u00f6nnen.&#8221; So der Historiker Falk Wiesemann 1965.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-literaten-als-suendenboecke\">Die Literaten als S&uuml;ndenb&ouml;cke<\/span><\/h2>\n<p>Im Winter 1918\/19 war eine deutliche Tendenz zu beobachten, &#8222;die Literaten&#8221; zu den S\u00fcndenb\u00f6cken der Revolution zu stempeln. Sie wollten heraus aus dem alten M\u00e4chtespiel, sie sprachen von Schuld:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Wir haben in Deutschland zwei Monate hinter uns, deren vollendete Erb\u00e4rmlichkeit im Verhalten nach au\u00dfen alles \u00fcberbietet, was die deutsche Geschichte aufzuweisen hat. Das Ohr der Welt gewannen allerhand Literaten, die das Bed\u00fcrfnis ihrer durch die Furchtsamkeit des Krieges zerbrochenen oder der Anlage nach ekstatischen Seele im Durchw\u00fchlen des Gef\u00fchls einer Kriegsschuld befriedigten. Eine solche Niederlage mu\u00dfte ja die Folge einer ,Schuld` sein &#8211; dann nur entsprach sie jener ,Weltordnung`, welche alle solche schwachen, dem Antlitz der Wirklichkeit nicht gewachsenen Naturen allein ertragen. Die Welt ist nun aber anders eingerichtet, als sie sich glauben machen m\u00f6chten &#8230;<br \/>Allein das politisch f\u00fcr die Zukunft der Beziehungen unserer Nation zu allen anderen V\u00f6lkern Gef\u00e4hrliche liegt in dem grundfalschen Anschein, der in der Welt \u00fcber die Meinungen desjenigen s c h w e i g e n d e n\u00a0 D e u t s c h l a n d erregt wird, welches, einerlei wie bald, jedenfalls irgendwann wieder zu seinem Recht gelangt, wenn das Treiben des jetzigen dilettantischen Regimes ein Ende gefunden haben wird. Im Namen der Ehrlichkeit mu\u00df der Welt schon jetzt zugerufen werden, weithin \u00fcber die L\u00e4nder und Meere: Es ist nicht wahr, dies Literatenvolk ist nicht Deutschland und sein Gebaren entspricht nicht der wirklichen inneren Stellung der Deutschen zu ihrem Kriegsschicksal.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>So Max Weber am 17. Januar 1919 in der Frankfurter Zeitung. Er mag dabei an Kurt Eisner, aber auch an seine Heidelberger Sch\u00fcler, Ernst Toller und Eugen Levine gedacht haben.<\/p>\n<p><b>Nach Eisners Ermordung:<br \/>Von der &#8222;Zweiten&#8221; zur &#8222;Dritten Revolution&#8221;<\/b><\/p>\n<p>Mit Eisners Tod war der Dualismus zwischen den R\u00e4ten und dem Landtag nicht aufgehoben. Eisner wollte zur lange hinausgeschobenen Er\u00f6ffnung eilen, als der Graf Arco ihn ermordete. Die R\u00e4te waren nicht im Gesetz; aber sie waren vorhanden, wenn auch weit \u00fcber das Land verstreut, nicht sehr \u00fcberzeugt und weit entfernt von revolution\u00e4rem Enthusiasmus.<br \/>Dieser war bei den Schriftstellern, vor allem Erich M\u00fchsam. Ihnen war Eisner nicht entschieden genug zur Basis vorgesto\u00dfen und hatte zu wenig f\u00fcr das Modell der R\u00e4te als sich selbst regulierender Einheiten der humanen Bed\u00fcrfnisse getan. Sie waren mit ihren Anh\u00e4ngern eine verschwindende Minderheit in der Bev\u00f6lkerung. Schon Eisner hatte keine Mehrheit gehabt. Als M\u00fchsam am 28. Februar 1919 die Ausrufung der R\u00e4terepublik im R\u00e4tekongre\u00df beantragte, fiel er mit 70 gegen 234 Stimmen durch.<br \/>Die Unabh\u00e4ngigen schwankten. Ihr Sprecher, Ernst Toller, und der neue F\u00fchrer der Kommunisten, Eugen Levine k\u00e4mpften um eine gemeinsame Linie. Levine, aus reichem j\u00fcdischen Haus, russischer Sozialrevolution\u00e4r, in Heidelberg zum Doktor der National\u00f6konomie promoviert, hatte den witzigen, aber eher zur\u00fcckhaltenden Parteivorsitzenden Max Levien in den Schatten gestellt. Levine orientierte sich an leninistischen Taktiken: &#8222;Wir k\u00f6nnen uns nur an einer R\u00e4terepublik beteiligen, die von R\u00e4ten proklamiert wird. Und auch dann nur in dem Fall, wenn die Mehrheit der R\u00e4te-Vertreter Kommunisten sind. Denn wir k\u00f6nnten nur an einer Regierung teilnehmen, die kommunistische Politik macht, und das k\u00f6nnen nur die Kommunisten&#8221;, erkl\u00e4rte er den Unabh\u00e4ngigen. Seinen Vertrauensleuten sagte er im selben Zusammenhang: &#8222;Wir wollen die schwankende, zarte Braut &#8230; in unsere starken kommunistischen Arme schlie\u00dfen und daf\u00fcr sorgen, da\u00df aus dieser Ehe eine machtvolle kommunistische Partei hervorgeht.&#8221;<\/p>\n<p>Die Ehe kam nicht zustande. Nach einem Vorsto\u00df Augsburger R\u00e4te wurde die R\u00e4terepublik am 6.17. April 1919 ausgerufen. Ein 30j\u00e4hriger Lehrer, Ernst Niekisch, war ihr erster Vorsitzender, Ernst Toller der n\u00e4chste. Die Finanzen \u00fcbernahm der Anarchist Silvio Gesell, dessen Freigeldtheorie ein originelles Denkmodell ist, aber nat\u00fcrlich zu erfolgreicher Praxis einen langen Weg ben\u00f6tigt h\u00e4tte. Die ersten revolution\u00e4ren Ma\u00dfnahmen der R\u00e4teregierung, wie Einsetzung von Revolutionstribunalen, Wohnungsbeschlagnahmen, Einschr\u00e4nkung der Bankgesch\u00e4fte, Schlie\u00dfung der Universit\u00e4t, Pressezensur, konnten die Basis der R\u00e4te nicht verbreitern. Der Belagerungszustand wurde ausgerufen, nach ungarischem Muster der Tag selber zum Nationalfeiertag erkl\u00e4rt und mit Glockengel\u00e4ut und roten Fahnen verk\u00fcndet.<br \/>So war auf den H\u00f6hepunkt gelangt, was Ulrich Linse in seiner Dokumentation, Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918\/19 (Berlin 1974) die &#8222;zweite Revolution&#8221; genannt hat. Die Unentschiedenheit der Fraktionen und K\u00f6pfe \u00fcber den &#8222;richtigen&#8221; Zeitpunkt blieb bestehen. &#8222;Die Dritte Revolution vom 7. April bis 1. Mai 1919&#8221; best\u00e4tigte die Vermutung des konservativen Beobachters Hofmiller in den S\u00fcddeutschen Monatsheften, da\u00df die Tendenzen, die sie selber f\u00f6rdern, die Literaten an die Wand dr\u00fccken oder stellen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gustav-landauer-schluesselfigur-der-bayerischen-raeterevolution\">Gustav Landauer&nbsp; &ndash; Schl&uuml;s&shy;sel&shy;figur der bayerischen R&auml;tere&shy;vo&shy;lu&shy;tion<\/span><\/h2>\n<p>In diesem Sinne ist Gustav Landauer in seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der Politik die Schl\u00fcsselfigur der bayerischen R\u00e4terevolution von 1919. Landauer ging davon aus, da\u00df Bewu\u00dftseinsver\u00e4nderung, nicht Macht\u00fcbernahme die Gesellschaft erneuert. Die Tr\u00e4gheit und der Gehorsam der Massen m\u00fcssen aufh\u00f6ren, ehe Institutionen ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen. Das stellte ihn gegen die besonders von Engels bestimmte Sozialismus-Interpretation und auf die Seite der &#8222;hier und heute&#8221; zu realisierenden Organisationsversuche, wie sie in der Gartenstadtbewegung, in l\u00e4ndlichen Siedlungen und anderen Absetzbewegungen unternommen wurden, am nachhaltigsten wohl in den stark an Landauer orientierten pal\u00e4stinensischen Kibbuzim. Sein Lebensgang ist gekennzeichnet durch Perioden der Absonderung von allem Politischen und h\u00f6chste Aktivit\u00e4t.<br \/>&#8222;Die Revolution &#8211; ein Bad des Geistes&#8221; lautete eine von Landauers Metaphern. Die Frage war demnach: Wie handelt man im Bade? Was ist richtiges Handeln im Moment, da alles im Flu\u00df sich befindet? Gustav Landauer war ein Gegner aller Gewaltanwendung; aber in der Diskussion \u00fcber die Revolutionierung des Landes schrieb er am 29. M\u00e4rz 1919: <br \/>&#8222;&#8230; ich sei also ein Hasardeur wie Ludendorff. Ich erwidere darauf, da\u00df jetzt die Stunde der Entscheidung ist, wo nicht mehr nach formaler \u00c4hnlichkeit gefragt wird, sondern nach dem inhaltlichen Gegensatz. Nur die, die selber kein Ziel haben, werfen den anderen die Gewagtheit ihrer Mittel vor. Ludendorff hat die schauderhaftesten Mittel f\u00fcr etwas ben\u00fctzt, was uns weniger als nichts, was uns Verrottung und Verderben ist. Wir wollen im Guten nach dem Guten trachten, wollen uns nicht selbst schlechter Mittel bedienen, sehen nur vor Augen, da\u00df die Gefahr der Verirrung und des Mi\u00dfbrauchs besteht; wir sagen es uns, um uns davor zu bewahren.&#8221;<br \/>So lag die Konsequenz nahe, Gewaltanwendung zur Verteidigung der Revolution zuzulassen. &#8222;Unter R\u00e4terepublik ist nichts anderes zu verstehen&#8221;, erkl\u00e4rte Landauer am 12. April den Beamten seines Ministeriums, &#8222;als da\u00df das, was im Geiste lebt und nach Verwirklichung dr\u00e4ngt, nach irgendwelcher Verwirklichung dr\u00e4ngt, nach irgendwelcher M\u00f6glichkeit durchgef\u00fchrt wird. Wenn man uns in unserer Arbeit nicht st\u00f6rt, so bedeutet das keine Gewaltt\u00e4tigkeit; nur die Gewalt des Geistes wird aus Hirn und Herzen in die Hand und aus den H\u00e4nden in die Einrichtungen der Au\u00dfenwelt hineingehen.&#8221; Der Volksbeauftragte wandte sich an jeden einzelnen Beamten, eine Gesamterkl\u00e4rung wollte er nicht annehmen, und er sagte eindeutig, da\u00df die v\u00f6llige Dezentralisation das anzustrebende Ziel sei.<br \/>Im historischen Kontext steht Landauer hier mit Proudhon und dessen Sch\u00fclern, die als f\u00f6deralistische Republikaner 1868&#8211;1874 die spanische Republik von den Gemeinden her organisieren wollten. Sie scheiterten, wie der libert\u00e4re F\u00f6deralismus \u00fcberall dort scheitern mu\u00dfte, wo die Wirtschaft nationalstaatlich organisiert war und der freien F\u00f6deration die Einheit von Politik und \u00d6konomie entgegensetzte. Landauer sah diese Barriere sehr genau und stimmte auch hierin mit Proudhon \u00fcberein, da\u00df die ungl\u00fcckseligste Kombination die Verbindung des Sozialismus mit dem Absolutismus sei, welcher die Bestrebungen des Volkes nach \u00f6konomischer Befreiung und materiellem Wohlstand mit der Diktatur und der Konzentration aller politischen und sozialen Gewalten im Staat erstrebe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"reformversuche-ohne-breite-basis\">Reform&shy;ver&shy;suche ohne breite Basis<\/span><\/h2>\n<p>&#8222;Wenn man uns Zeit l\u00e4\u00dft&#8221;, schrieb Landauer, Volksbeauftragter f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung, am 7. April 1919 an den Freund Fritz Mauthner, k\u00f6nne man hoffen, etwas zu leisten. Aber wer keine breite Basis in der Politik hat, hat auch keine Zeit. Die st\u00e4dtischen &#8222;Massen&#8221;, die das M\u00fcnchner Geschehen beeinflu\u00dften, glichen, an der schweigenden Mehrheit der Bayern gemessen, doch eher dem Chor auf einer B\u00fchne. Da die legale Nachfolgeregierung Eisners unter dem Sozialdemokraten Johannes Hoffmann zwar aus M\u00fcnchen vertrieben aber nicht abgesetzt war, versch\u00e4rfte jede Aktion der R\u00e4terepublik den Dualismus. Eine F\u00fclle von Plakaten und Erkl\u00e4rungen der R\u00e4te \u00fcberschwemmte die Stadt.<br \/>Landauer begann, die Universit\u00e4t zu reformieren. Ret Marut wollte die Presse den St\u00e4dten \u00fcbereignen, ohne ihnen Einflu\u00df auf die redaktionelle Gestaltung zu geben. Sein Plan stimmte mit dem Sozialisierungsplan von Ferdinand Lassalle \u00fcberein, aber auch weitgehend mit dem des Leipziger National\u00f6konomen Karl B\u00fccher, der als Begr\u00fcnder der Zeitungswissenschaft an den deutschen Universit\u00e4ten gilt. Marut forderte: &#8222;Das Recht auf Meinungsfreiheit soll niemand` genommen werden. Das B\u00fcrgertum und die Kapitalisten haben die Mittel zur Verf\u00fcgung, eigene Bl\u00e4tter herausgegeben, falls sie dies f\u00fcr notwendig erachten. Aber das Inseratengesch\u00e4ft soll ihnen nicht mehr zugestanden werden. Das Proletariat hat Jahrzehnte hindurch m\u00fchselig die Mittel aufbringen m\u00fcssen, um sich eine Presse schaffen zu k\u00f6nnen. Es hat diese gro\u00dfe Tat vollbracht aus reinem Idealismus und aus unersch\u00fctterlichem Glauben an seine Mission. Wenn das B\u00fcrgertum wirklich etwas Wertvolles zu sagen hat und glaubt, da\u00df seine Mitarbeit f\u00fcr den Neuaufbau der zusammengebrochenen Kultur notwendig sei, so wird es wohl in der Lage sein k\u00f6nnen, seine Meinung auszusprechen, ohne dadurch ein Gesch\u00e4ft machen zu wollen, wie es bisher mit Hilfe des Inseratenblattes geschah. Die gesamte Inseratenbewirtschaftung wird von heute an dem Verwaltungsrat des Ortes \u00fcbertragen, in dem die Zeitung oder die Zeitschrift herausgegeben wird. Alle Einnahmen f\u00fcr Inserate, die in Tagesbl\u00e4ttern oder in Zeitschriften erscheinen, m\u00fcssen an den Verwaltungsrat abgeliefert werden. Zeitschriften bleiben vorl\u00e4ufig im Besitz des bisherigen Verlegers; sie k\u00f6nnen enteignet werden, wenn der Verwaltungsrat dies f\u00fcr gut befindet. Den Zeitschriften-Verlegern wird f\u00fcr die Inserate nur der Betrag verg\u00fctet, den der Druck der Inserate und das Papier, auf dem die Inserate ver\u00f6ffentlicht werden, wirklich kosten. Zeitschriften, die ohne die Inseraten-Einnahmen nicht mehr weiter bestehen k\u00f6nnen, haben keine Daseinsberechtigung: sie sollen eingehen.&#8220;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eugen-levine-der-realpolitiker-und-der-opfer-kommunismus\">Eugen Levine: Der &bdquo;Real&shy;po&shy;li&shy;tiker&rdquo; und der Opfer-&shy;Kom&shy;mu&shy;nismus<\/span><\/h2>\n<p>Levine sprach von einer &#8222;Scheinr\u00e4terepublik&#8221;. Er sah darin, da\u00df kein Proletarier bewaffnet und kein Bourgeois entwaffnet sei, das Verh\u00e4ngnis heraufziehen. Seine &#8222;realpolitische&#8221; Lagebeurteilung nach den Gewaltverh\u00e4ltnissen unterschied ihn von den anderen Schriftstellern. Eugen Levine war wahrscheinlich der einzige realpolitische Kopf im herk\u00f6mmlichen Sinne, und es scheint auch nach dem Gedenkbuch, das seine Witwe ihm zugeeignet hat, nicht ausgeschlossen, da\u00df er sich als Lenin der bayerischen Revolution und Eisner als deren Kerenski sah. Bei seiner richtigen Einsch\u00e4tzung der fehlenden Massenbasis und der milit\u00e4rischen Hilflosigkeit der R\u00e4terepublik ist sein Entschlu\u00df, dann doch in sie einzutreten und die &#8222;kommunistische R\u00e4terepublik&#8221; durchzusetzen, allerseits auf Erstaunen gesto\u00dfen. Die revolution\u00e4re Phraseologie, so argumentierte er, habe zur Illusion gef\u00fchrt, da\u00df die Arbeiter eine Macht bes\u00e4\u00dfen. Bis jetzt sei die milit\u00e4rische Konfrontation nicht erfolgt: Die Kommunisten &#8222;k\u00f6nnen die Katastrophe nicht abwenden, doch eine revolution\u00e4re F\u00fchrerschaft ist f\u00fcr den Zustand verantwortlich, in dem die Arbeiter aus ihr hervorgehen: als ein niedergeschlagener Haufen oder als hochgemute, zu neuem Kampf bereite Revolution\u00e4re. Wir werden ihnen die Wahrheit sagen: ein ehrenvoller Tod und Lehren f\u00fcr die Zukunft ist alles, was wir aus der gegenw\u00e4rtigen Lage retten k\u00f6nnen.&#8221;<br \/>Mit anderen Worten: der blutige Preis m\u00fcsse bezahlt werden, denn eine friedliche L\u00f6sung k\u00f6nne es nicht geben. Spricht so der Realpolitiker? Das sind wortw\u00f6rtlich die Parolen, mit denen seit Jahrtausenden immer wieder junge Leute in den Tod gehetzt wurden, zuletzt 1914, und man begreift Toller, da\u00df er sich dieser Poesie des Menschenopfers widersetzte.<br \/>In Carlo Mierendorffs Zeitschrift Das Tribunal &#8211; Hessische radikale Bl\u00e4tter vom Dezember 1919 rekapitulierte der Student Egon Wertheimer die Fragw\u00fcrdigkeit des Kriegsopfers f\u00fcr den Ausbruch der Revolution: &#8222;Als Soldat beinahe ohne Unterbrechung Frontdienst leistend &#8230; die Frage nach dem Sinn der Opferung wurde fordernder. Das entg\u00f6tterte Bild des Staates zertr\u00fcmmert &#8230; Das Ende des Jahres 1917 bedeutete Bewu\u00dftwerden dieser Antinomie: Bluthaftes Ehrgef\u00fchl und abstraktes Pflichtgef\u00fchl (Kriegsopferung, die von ihrem \u00fcberindividuellen Sinn nichts abgeben wollte). Andererseits: wachsende Einsicht in die Notwendigkeit des Zusammenbruchs eines Systems, das aus seiner Struktur heraus des Volkes Vertrauen grenzenlos mi\u00dfbrauchte.&#8221;<br \/>Opferung ohne Vertrauen war auch Levines letzte Weisheit f\u00fcr die R\u00e4terepublik. Sie war die Ursache, aus der heraus die mehrheitlich gewerkschaftlich orientierten R\u00e4te den parteikommunistischen Vollzugsrat abw\u00e4hlten. Und \u00fcberall, wo Wahlen frei waren, ist der Opferkommunismus seitdem abgew\u00e4hlt worden.\u00a0.<br \/>Auch der andere Vorsto\u00df gegen libert\u00e4re Prinzipien, die Pressezensur, f\u00fchrte nicht zu den Zielen, die sie haben sollte. Hofmiller bezeichnete sie als schlimmer als die Kriegszensur. Levine bejahte sie als &#8222;Terror&#8221;. In Wahrheit hat das Ausbleiben der gewohnten Berichterstattung die Unsicherheit der Bev\u00f6lkerung gesteigert und sie dem Ger\u00fccht ausgeliefert.<\/p>\n<p><b>Die Liquidierung der R\u00e4terepublik &#8211;<br \/>Menschenopfer f\u00fcr die Wiederherstellung der &#8222;Ordnung&#8221;<\/b><\/p>\n<p>An Ostern 1919 l\u00e4\u00dft die Regierung Hoffmann Flugbl\u00e4tter \u00fcber der Stadt abwerfen, die &#8222;Befreiung&#8221; in wenigen Tagen in Aussicht stellen. Die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenr\u00e4te als Grundstock der neuen Demokratie funktionieren nicht im Sinne der Zentrale, was ja auch nicht der Sinn von R\u00e4ten ist. R\u00e4te sind selbstgen\u00fcgsame Gebilde. Mitglieder einer rechtsradikalen Thule-Gesellschaft werden verhaftet, zu ihr geh\u00f6ren sp\u00e4tere Nationalsozialisten wie Alfred Rosenberg und Rudolf Hess. Aus ungekl\u00e4rten Gr\u00fcnden werden sieben &#8222;Geiseln&#8221; erschossen. Der Zentralrat und der Oberkommandierende verurteilen das Verbrechen. Es zeigt, da\u00df sie die Truppen nicht mehr in der Hand haben. Am 27. April spricht die gewerkschaftlich orientierte Versammlung der R\u00e4te dem Vollzugsrat das Mi\u00dftrauen aus. Er tritt zur\u00fcck, doch h\u00e4lt der Druck der anr\u00fcckenden Reichswehr und Freikorps die R\u00e4terepublik noch einmal f\u00fcr ein paar Tage zusammen. Das Ende nimmt das der &#8222;Republik von Kronstadt&#8221; 1921 vorweg.<br \/>Als am 1. Mai 1919 die &#8222;Wei\u00dfen&#8221; in die Stadt einmarschieren, werden sie mit Zigaretten und Blumen begr\u00fc\u00dft; aber bald verst\u00f6rt ihr Terror die M\u00fcnchner aufs neue. Hofmiller, der sich in seinem<br \/>Tagebuch nicht genug mokieren konnte \u00fcber die Phrasen der Roten und der Anarchisten, notiert jetzt willk\u00fcrliche Erschie\u00dfungen und Standrecht bis in den Juli hinein. 5000 kommen vor Gericht. Gustav Landauer wird als Gefangener bestialisch ermordet, Levine zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die sozialdemokratische Regierung lehnt ab, den politischen Gegner zu begnadigen. Der Oberbefehlshaber, Generalmajor M\u00f6hl, und der kommandierende General v. Oven fordern Levines Opferung, indem sie die heidnische Blutschuld beschw\u00f6ren: &#8222;Es ist Pflicht, nachdr\u00fccklichst darauf hinzuweisen, da\u00df eine Begnadigung dieses Mannes, der durch seine Hetzt\u00e4tigkeit in erster Linie an den blutigen Vorg\u00e4ngen in M\u00fcnchen Schuld tr\u00e4gt, auf die Stimmung der Truppen von bedrohlichem Einflu\u00df w\u00e4re. Die betr\u00e4chtlichen Verluste der Regierungstruppen bei den K\u00e4mpfen in M\u00fcnchen w\u00fcrden eine Milde gegen Levine-Niessen unverst\u00e4ndlich erscheinen lassen. Der Truppe m\u00fc\u00dfte sich die \u00dcberzeugung aufdr\u00e4ngen, da\u00df das Leben eines fremdbl\u00fctigen, nicht-bayerischen Abenteurers h\u00f6her gewertet wird als das Blut zahlreicher Deutscher. Es wird dringend gebeten, da\u00df die Manneszucht der Truppe und die Selbstbeherrschung des Einzelnen nicht auf diese gef\u00e4hrliche und harte Probe gestellt wird. Es steht sonst zu bef\u00fcrchten, da\u00df bei etwaigen erneuten Unruhen die Truppe entweder ihre Befugnisse \u00fcberschreitet und sich zu Ober-griffen hinrei\u00dfen l\u00e4\u00dft oder da\u00df sie versagt, weil sie nicht die \u00dcberzeugung hat, da\u00df die Regierung unter allen Umst\u00e4nden Ordnung schafft.&#8221;<br \/>So der Oberbefehlshaber. Der kommandierende General v. Oven fordert noch deutlicher das Menschenopfer: &#8222;Die Truppe, die M\u00fcnchen befreit hat und eine ganze Reihe von Todesopfern hierbei zu beklagen hatte, w\u00fcrde kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, da\u00df derjenige, der nach dem einstimmigen, freien Urteil des standrechtlichen Gerichts im Namen des Freistaates Bayern wegen Hochverrats zum Tode verurteilt worden ist und der damit an dem Blut, das in M\u00fcnchen geflossen ist, in erster Linie schuldig befunden ist, diesem Urteil entzogen wird. Gerade der bayerische Teil dieser Truppe w\u00fcrde das nicht verstehen, und es w\u00fcrde die gro\u00dfe Gefahr heraufbeschworen, da\u00df bayerische Soldaten eines Tages ihrem Temperament erliegen und zur Selbstjustiz gegen den gewissenlosen russischen Verf\u00fchrer des bayerischen Volkes schreiten k\u00f6nnten.&#8221;<br \/>Aber Landauer und Levine sind nur zwei von tau-send Menschenleben, die im Namen der wiederhergestellten Ordnung geopfert wurden. Einer der milit\u00e4rischen &#8222;Befreier&#8221;, der General Ritter v, Epp, sollte von 1933 bis 1945 Hitlers Reichsstatthalter in Bayern werden. Hofmillers Witwe ver\u00f6ffentlichte sein Tagebuch 1938 mit einer Huldigung an Gro\u00dfdeutschland.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geisteskranke-psychopathen-juden\">&bdquo;Geis&shy;tes&shy;kranke, Psycho&shy;pa&shy;then, Juden &hellip;&rdquo;<\/span><\/h2>\n<p>Die Revolution zersplittert das Gewaltmonopol, die Reaktion massiert es. Und wo das Gewaltmonopol massiert wird, ist schon Reaktion, egal welche Phraseologie sie hat; das ist eine Lehre aus der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik. Die Akte &#8222;Die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik im April 1919 und ihre Gewalttaten&#8221;, dargestellt von der Polizeidirektion M\u00fcnchen, kommt freilich zu anderen Ergebnissen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Die ganze Frage, wie weit Geisteskranke und Psychopathen in der revolution\u00e4ren Bewegung seit November 1918 und besonders in der R\u00e4terepublik eine f\u00fchrende Rolle spielte, w\u00fcrde eingehende Sachverst\u00e4ndigenuntersuchung lohnen. Der Umstand, da\u00df sie sich in so hervorragenden Rollen als Volksbegl\u00fccker \u00fcberhaupt halten konnten, gibt aber sehr zu denken. Der sonst so gesunde Sinn des Volkes, der solche M\u00e4ngel merken und beanstanden m\u00fc\u00dfte, versagte bei weiten Kreisen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und bei gewissen Schichten der Intellektuellen, die in ihnen Heilande und Erl\u00f6ser erkennen wollten, nur weil sie gewissen- oder gedankenlos unter Verk\u00fcndung blendender und t\u00e4uschender Lehren den Massen bessere Zeiten versprachen. Inwieweit das werkt\u00e4tige Volk, durch die Erfahrungen der Aprilr\u00e4tezeit und ihre Sch\u00e4den klug geworden, in Zukunft F\u00fchrer mit derartigen Qualit\u00e4ten ablehnen oder willig wieder anerkennen wird, mu\u00df die Zukunft lehren. Die Wahl, die es in dieser Frage wie in der Frage der Gefolgschaft zu moralisch nicht einwandfreien Pers\u00f6nlichkeiten trifft, bildet den besten Gradmesser f\u00fcr den Fortschritt des Gesundungsprozesses, den die durch Kriegs- und Nahrungsnot und Revolutionseinwirkung erkrankte Volkspsyche durchzumachen hat, wie f\u00fcr die geistige Reife unseres Volkes gegen\u00fcber dem in siegreichem Fortschreiten begriffenen Sozialisierungsproblem \u00fcberhaupt.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Polizeibericht \u00fcber die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik 1919 wird noch deutlicher:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Ein weiteres Moment, das vom volks- und rassenpsychologischen Standpunkt aus bei objektiver W\u00fcrdigung aller Begleiterscheinungen nicht \u00fcbersehen werden darf, ist die Tatsache, da\u00df die gro\u00dfe Mehrzahl der leitenden K\u00f6pfe &#8211; und gerade der radikaleren und<br \/>radikalsten Richtung &#8211; wie schon seit dem 7. November 1918 (Eisner, K\u00e4mpfer, Fechenbach, Jaffe), so erst recht w\u00e4hrend der beiden R\u00e4teregierungen (Toller, M\u00fchsam, Landauer, Wadler, Levien, Levine, Axelrod, Frau Friedjung) j\u00fcdische und darunter vorherrschend norddeutsch- und ostj\u00fcdische A b s t a m m u n g aufweist. Breite Massen des bayerischen Volkes, dessen Abneigung gegen alles norddeutsche Wesen fast sprichw\u00f6rtlich ist, sch\u00f6pften aus dieser, auch in der Presse schon wiederholt hervorgehobenen Erscheinung, Mi\u00dftrauen. Der Ha\u00df, den ein Teil dieser F\u00fchrer predigte, liegt dem bayerischen Volkscharakter nicht; so entstand der Verdacht, da\u00df bei einzelnen dieser volksfremden M\u00e4nner nicht nur reinste N\u00e4chsten- und Menschenliebe, sondern auch pers\u00f6nliche Motive oder &#8211; bewu\u00dft und unbewu\u00dft &#8211; ein Abrechnungsbed\u00fcrfnis mit der bestehenden Weltordnung die Triebfeder ihres Handelns bilden k\u00f6nnten. Solche gerade in den unteren Schichten der Bev\u00f6lkerung vielfach auftretende Bedenken spielten zweifellos auch eine Rolle beim Mi\u00dflingen der Bewegung.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-blut-und-opferkult-der-nationalsozialisten\">Der Blut- und Opferkult der Natio&shy;nal&shy;so&shy;zi&shy;a&shy;listen<\/span><\/h2>\n<p>Das Nachspiel ist wieder literarisch. Die \u00fcberlebenden Schriftsteller kehren an ihre Schreibtische zur\u00fcck. Ret Marut, der Herausgeber des Ziegelbrenner, verschwindet im Geheimnis hinter dem Autoren-Pseudonym B. Traven. Erich M\u00fchsam fa\u00dft im April 1929 r\u00fcckblickend in seiner Zeitschrift Fanal zusammen: &#8222;Wer geschichtliche Vorg\u00e4nge miterlebt, an ihnen mitgewirkt, ihren Verlauf beeinflu\u00dft hat, mu\u00df sich zur Kritik stellen und sich, ist das von ihm verantwortete Unternehmen mi\u00dflungen, in die Rolle dessen f\u00fcgen, der sich zu verteidigen hat. Leider ist diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit in unserer Gegenwart mit vielen anderen moralischen Verpflichtungen, die fr\u00fcher niemals zweifelhaft gewesen sind, stark au\u00dfer Geltung geraten.&#8221;<br \/>M\u00fchsams noble Haltung rettete ihn nicht vor dem Blut- und Opferkult, den Hitler 1933 durchsetzte. M\u00fchsam wurde im KZ ermordet. Andere Schriftsteller wurden vertrieben, &#8222;die Literaten&#8221; als &#8222;Asphaltliteraten&#8221; stigmatisiert. Hitler hatte in Mein Kampf verbreitet: &#8222;Indem Kurt Eisner der revolution\u00e4ren Erhebung in Bayern eine ganz bewu\u00dfte Spitze gegen das \u00fcbrige Reich gab, handelte er nicht im geringsten aus bayerischen Gesichtspunkten, sondern nur als Beauftragter des Judentums. Er ben\u00fctzte die vorhandenen Instinkte und Abneigungen des bayerischen Volkes, um mittels ihrer Deutschland leichter zerschlagen zu k\u00f6nnen. Das zertr\u00fcmmerte Reich aber w\u00e4re spielend eine Beute des Bolschewismus geworden.&#8221; Dieses Feindbild: &#8222;Jude&#8221;, &#8222;Bolschewist&#8221;, &#8222;Reichsverderber&#8221;, ging in die Schulb\u00fccher ein. Die Nationalsozialisten hatten nichts vergessen und nichts dazugelernt.<br \/>Ernst Niekisch erinnerte sich, als auch das &#8222;Dritte Reich&#8221; vor\u00fcber war, Berge von geopferten Menschen hinterlassend: &#8222;Anfang Februar 1933 rief mich Toller eines Tages an. Er fragte mich, was er tun solle. ,Lieber`, riet ich ihm, ,verlasse schleunigst Deutschland. Nie werden die Nationalsozialisten das Wort vergessen, das du im Berliner Tageblatt gepr\u00e4gt hast, das Wort n\u00e4mlich: &gt;Das Heldenideal ist das d\u00fcmmste aller ldeale<\/p>\n<hr class=\"clearer-white\">\n<p>\t\t<!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kommunistische-diffamierung-tollers\">Kommu&shy;nis&shy;ti&shy;sche Diffa&shy;mie&shy;rung Tollers<\/span><\/h2>\n<p>Schon als Toller nach der Niederwerfung der R\u00e4terepublik in Haft sa\u00df, hatte Paul Werner (eigentlich: Fr\u00f6lich) namens der KPD den Schriftsteller symbolisch hingerichtet. (Ganz \u00e4hnlich war Karl Marx mit Michael Bakunin verfahren, als jener nach der Revolution 1849 in der Petersburger Peter-Paul-Festung lag. Toller wehrte sich schriftlich in Moskau, als Werners Verdikt in der Prawda vom 20. M\u00e4rz 1926 auftauchte. Neben &#8222;kleinb\u00fcrgerlichem Pazifismus&#8221; warf Werner Toller vor, er habe am 30. April 1919 den R\u00fcckzug von Dachau befohlen und damit den Zusammenbruch herbeigef\u00fchrt. In Wahrheit hatte Toller am 26. April das Kommando niedergelegt. Werner in der Prawda: &#8222;Als Fantast, Demagoge und Verr\u00e4ter gleichzeitig trug er zum Verderben der Sowjetrepublik bei &#8230; Toller &#8230; erkl\u00e4rte sich prinzipiell zum Gegner jeglichen Blutvergie\u00dfens (,&#8218;roter General!&#8220;). Im Bunde mit ihm \u00e4hnlichen Kleingeistern appellierte er so an die niedrigsten Instinkte der feinen Bourgeoisie, die sich im Sowjet festsetzte und die wir bis dahin noch nicht ausschlie\u00dfen konnten.&#8220; Dieses Feindbild ging in andere Schulb\u00fccher ein.<br \/>Ein Skript Ernst Tollers (Collection Harold Hurwitz) mit seiner Darstellung \u00fcber den Leserbrief hinaus, den die Prawda am 26. M\u00e4rz 1926 auf Seite 5 brachte, ist meines Wissens ungedruckt geblieben. Emil J. Gumbels Bilanz der Menschenopfer von 1921, Zwei Jahre Mord, bleibt bis heute unbeachtet.<br \/>Aber der Versuch, die Schriftsteller der Revolution mit Hilfe der Psychiatrie allesamt als Verr\u00fcckte zu bezeichnen, fand ein breites Echo. Er ist inzwischen zu einem weitverbreiteten Mittel sozialer Aussto\u00dfung geworden: Sensibilit\u00e4t gegen Unrecht stigmatisiert, und die Emp\u00f6rung gegen das magische Opfer wird zur Unvernunft erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><b>Magie des Menschenopfers und literarische Potenz:<br \/><\/b><b>Unvers\u00f6hnliche menschliche Ausdrucksm\u00f6glichkeiten<\/b><\/p>\n<p>Der Vorwurf Werners und anderer Kommunisten richtet sich in der Hauptsache gegen Tollers skrupul\u00f6sen Umgang mit der Gewalt; und mit der &#8222;feinen Bourgeoisie&#8221;, die noch nicht ausgeschlossen werden konnte, werden die anderen Literaten gemeint sein: M\u00fchsam, Landauer, Wolfenstein, Niekisch, Marut.. .<br \/>Werner sieht da ganz richtig einen Widerspruch; aber er l\u00e4\u00dft sich in das Klassenschema nicht hineinzw\u00e4ngen. Er reicht weit \u00fcber alle soziologischen Abstraktionen hinaus: Die Magie des Menschenopfers steht auf der Skala der menschlichen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten auf der einen Seite und die literarische Potenz auf der entgegengesetzten. Zwischen beiden gibt es eine Vielzahl anderer M\u00f6glichkeiten; aber die Pole bleiben, wo sie sind &#8211; und was sie sind: unvers\u00f6hnlich.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2343],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12200","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-harry-pross","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Literaten und die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/die-literaten-und-die-muenchner-raeterepublik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Literaten und die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (2\/1977), S. 79-89 Von der Literatur zur Politik Die Literaten der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik sind nicht durch den Zusammenbruch des Hohenzollernreiches zur Literatur erweckt worden. 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