{"id":12204,"date":"1977-10-01T21:00:00","date_gmt":"1977-10-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-neutronenbombe-sicherheitspolitik-als-sicherheitsrisiko\/"},"modified":"1977-10-01T12:00:00","modified_gmt":"1977-10-01T11:00:00","slug":"die-neutronenbombe-sicherheitspolitik-als-sicherheitsrisiko","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/die-neutronenbombe-sicherheitspolitik-als-sicherheitsrisiko\/","title":{"rendered":"Die Neutronenbombe: Sicherheitspolitik als Sicherheitsrisiko"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 3 &#8211; 5<\/p>\n<p>Die Entr\u00fcstung von Egon Bahr \u00fcber die Neutronenbombe als &#132;Symbol der Perversion des Denkens&#148; ist verst\u00e4ndlich, aber trifft seine Kritik den Kern der Sache? Wir meinen, nur zum Teil. Denn die Frage, ob die Menschheit verr\u00fcckt geworden sei, stellt sich angesichts von neuen, immer phantastischer anmutenden Waffensystemen seit vielen Jahren. Nicht nur der Friedensforschung. Lassen sich die Ausma\u00dfe der verf\u00fcgbaren Zerst\u00f6rungsmittel heute \u00fcberhaupt noch verst\u00e4ndlich machen?<br \/>Allein das amerikanische Nuklearpotential, \u00fcber das verl\u00e4\u00dfliche Informationen vorliegen, wird auf 8000 Megatonnen TNT (Trinitrotoluol = Ma\u00df f\u00fcr herk\u00f6mmlichen Sprengstoff) gesch\u00e4tzt. Das kommt einer Sprengkraft von etwa 600000 Hiroshima-Bomben gleich und entspricht etwa der 4000fachen Sprengkraft, welche die USA im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan einsetzten (damals 2 Megatonnen TNT). &#150; Wer vermag sich wirklich noch vorzustellen, was es hei\u00dft, da\u00df die auf beiden Seiten in Europa gelagerten taktischen Nuklearwaffen der geballten Sprengkraft von 50000 bis 70000 Hiroshima-Bomben gleichkommen? &#150; Worin liegt der Sinn des gewaltigen Nuklearpotentials, wenn z.B. die USA mit nur 2 bis 3 Prozent ihrer strategischen Nuklearsprengk\u00f6pfe die gro\u00dfen St\u00e4dte in der Sowjetunion auf einen Schlag atomar zerst\u00f6ren und verseuchen k\u00f6nnen? &#150; Oder wenn die ungef\u00e4hr 600 Mittelstreckenraketen der Sowjetunion &#150; auch nur ein Bruchteil des gesamten \u00f6stlichen Arsenals &#150; f\u00fcr die Vernichtung der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung in Westeuropa ausreichen?<br \/>Seit langem sind angesichts dieser Gr\u00f6\u00dfenordnungen die Milit\u00e4rplaner auf der Suche nach den Zielen f\u00fcr ihre \u00dcbert\u00f6tungskapazit\u00e4ten (overkill). Die \u00dcbers\u00e4ttigung an Zerst\u00f6rungsmitteln hat aber keineswegs zur Verlangsamung von R\u00fcstungsanstrengungen gef\u00fchrt, und die Entspannungspolitik und die R\u00fcstungskontrollverhandlungen in den vergangenen Jahren haben bisher nicht nachhaltig in die internationale R\u00fcstungsdynamik eingreifen k\u00f6nnen.<br \/>Die Neutronenbombe ist nur ein Beispiel f\u00fcr die charakteristischen Entwicklungstrends der Sicherheitspolitik und R\u00fcstungsanstrengungen der vergangenen zwanzig Jahre. Galt urspr\u00fcnglich im Anschlu\u00df an die leidvollen Erfahrungen der Atombomben-Explosion \u00fcber Hiroshima und Nagasaki das atomare Potential im Falle eines gro\u00dfen Krieges als Gef\u00e4hrdung der menschlichen Zivilisation, so haben sich Milit\u00e4rstrategen und R\u00fcstungstechnologen seit langem darum bem\u00fcht, milit\u00e4rische, auch nukleare Machtmittel wieder praktisch verf\u00fcgbar, d.h. im Falle von Krisen und Kriegshandlungen zu einem Instrument der Politik zu machen. Schon seit den fr\u00fchen sechziger Jahren wird dar\u00fcber ernsthaft diskutiert, wie f\u00fcr den Fall eines Versagens der Abschreckung der Krieg auf allen Ebenen, einschlie\u00dflich der taktisch-nuklearen und der taktisch-strategischen, wie ehedem ein konventioneller Krieg zu f\u00fchren sei. Seit langem ist die Milit\u00e4rstrategie auf der Suche nach flexiblen politischen Optionen f\u00fcr den Einsatz aller, also auch der nuklearen Waffenpotentiale. An die Stelle der Vorstellung von einem explosionsartigen Atomkrieg, der in einem gro\u00dfen Schlagabtausch der Gegner best\u00fcnde, traten verschiedenartige Doktrinen \u00fcber den abgestuften Gebrauch der Gewalt. Auch die Doktrin flexibler Antwort (flexible response) ist ihnen zuzurechnen. Diese grundlegende Revision der Milit\u00e4rstrategie wurde durch die Modernisierung bestehender und die Erfindung neuartiger Waffentechnologien erm\u00f6glicht. Auf der nuklear-strategischen und taktisch-nuklearen Ebene, aber auch im konventionellen Bereich lassen sich heute gleichartige Trends technologischer Entwicklung beobachten. Angestrebt werden eine gr\u00f6\u00dfere Treffsicherheit von Waffensystemen, Sprengk\u00f6pfe mit unterschiedlicher Zerst\u00f6rungskraft und Wirkungshinweise, eine hohe Lenkpr\u00e4zision der Tr\u00e4gersysteme, eine hohe logistische Mobilit\u00e4t der Waffensysteme &#150; technologische Eigenschaften, die Kriegsbilder erm\u00f6glichen sollen, in denen nach Art und Zerst\u00f6rungswirkung breit aufgef\u00e4cherte Waffensysteme nach<br \/>Ma\u00dfgabe politischer Entscheidungen selektiv und gezielt einsetzbar sein sollen. Die in j\u00fcngster Zeit diskutierten cruise missiles (Marschk\u00f6rper), miniaturisierte taktische Nuklearwaffen (mininukes), eine neue Generation von pr\u00e4zisionsgelenkten konventionellen Waffensystemen, neue Errungenschaften im sogenannten elektronischen Schlachtfeld und nicht zuletzt die jetzt diskutierte Neutronenbombe sind, neben vielen anderen aktuellen Planungen und Beschaffungsprogrammen, Ausdruck dieses durchg\u00e4ngigen sicherheitspolitischen und milit\u00e4rtechnologischen Trends. Letztlich dokumentieren sie alle den krampfhaften Versuch, die Logik des konventionellen Krieges vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte, nunmehr unter dem Vorzeichen von wechselseitiger Abschreckungspolitik, in die heutige politische Wirklichkeit zu \u00fcbernehmen. Anders ist insbesondere die &#132;Konventionalisierung&#148; nuklearer Kriegsbilder (z.B. Schlesinger-Doktrin) nicht zu begreifen.<\/p>\n<p>Die Neutronenbombe mu\u00df in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie ist nicht menschlicher oder unmenschlicher als alle \u00fcbrigen Produkte der R\u00fcstungsanstrengungen der vergangenen Jahrzehnte. Da\u00df mit ihrer Hilfe Menschen zu Schaden kommen, w\u00e4hrend Sachwerte m\u00f6glichst unversehrt &#132;\u00fcberleben&#148; sollen, ist nur eine zynische Variante der zahlreichen bestehenden oder in Planung befindlichen Kombinationen von m\u00f6glichen Zerst\u00f6rungswirkungen durch jeweils unterschiedliche Ausma\u00dfe an Druckwellen, Hitze und radioaktiver Strahlung.<br \/>Am Beispiel der Neutronenbombe kommt auch nochmals die Widerspr\u00fcchlichkeit der \u00fcberkommenen Sicherheitspolitik zum Ausdruck. Sicherheit soll garantiert werden durch glaubhafte Abschreckung. Der in der \u00f6ffentlichen Diskussion wieder aufgekommene Streit dar\u00fcber, ob selektiv einsetzbares Kriegsmaterial insbesondere im taktisch-nuklearen Bereich die Glaubw\u00fcrdigkeit von Abschreckung erh\u00f6he oder ob solches Ger\u00e4t gerade die Abschreckungswirkung untergrabe, indem n\u00e4mlich der Einsatz derartiger Waffen in politisch und milit\u00e4risch zugespitzten Krisen wahrscheinlicher wird, ist unentscheidbar. Wie ernsthafte Studien seit vielen Jahren belegt haben, bewegt sich die Sicherheitspolitik des Westens gerade hier in Zentraleuropa in diesem aus der Doktrin flexibler Antwort resultierenden grundlegenden Dilemma. Die Neutronenbombe akzentuiert heute nur noch einmal die innerhalb der \u00fcberkommenen Abschreckungsstrategie f\u00fcr unser Land nicht aufl\u00f6sbare Widerspr\u00fcchlichkeit.<br \/>Sind in dieser Hinsicht die Argumente der Bef\u00fcrworter und Kritiker der Neutronenbombe (wie der taktischen Nuklearwaffen insgesamt) nicht zwingend &#151; auch weil solche Argumente notwendigerweise spekulativ bleiben m\u00fcssen &#151;, so kann doch davon ausgegangen werden, da\u00df die mit der Neutronenbombe verbundenen Vorstellungen \u00fcber eine rational handhabbare Eskalation milit\u00e4rischer Auseinandersetzung in Zentraleuropa im Ansatz irreal sind. Die westlicherseits entwickelte Doktrin flexibler Antwort hat im Osten kein Pendant, und die in dieser Doktrin ausgedachten Spielregeln rationaler Kriegf\u00fchrung werden, wenn man sicherheitspolitischen Dokumenten des Warschauer Paktes und der Anlage seiner Man\u00f6ver folgt, dort nicht akzeptiert. Doch selbst wenn diese Doktrin auch im Osten akzeptiert w\u00e4re und eine Symmetrie der Kriegsbilder unterstellt werden k\u00f6nnte, w\u00e4ren erhebliche Zweifel an der Praktikabilit\u00e4t des unterstellten Kriegsverlaufes anzumelden. Die vorherrschende Milit\u00e4rdoktrin flexibler Antwort, innerhalb derer auch die Neutronenbombe ihren Platz f\u00e4nde, mi\u00dfachtet in m\u00f6glicherweise selbstm\u00f6rderischer Weise die elementarsten Einsichten von Psychologie und Entscheidungsforschung \u00fcber das Verhalten von Individuen, Entscheidungsgremien und Kollektiven unter den Bedingungen von Bedrohtheitsvorstellungen, zeitlichem Druck, Unsicherheit, \u00e4u\u00dferster Gefahr und Todesangst. In dieser Doktrin wird die F\u00e4higkeit zu abw\u00e4gendem Urteil und n\u00fcchterner Interessenkalkulation unter Bedingungen unterstellt, in denen nach allen historischen Erfahrungen dieses Jahrhunderts und einschl\u00e4gigen fachwissenschaftlichen Erkenntnissen die Neigung zu Fehlwahrnehmungen und Fehlkalkulationen drastisch ansteigt. Die Neutronenbombe ist nicht weniger und nicht mehr als andere Waffensysteme Ausdruck eines fragw\u00fcrdigen R\u00fcstungsprozesses, der jahrelang kritiklos hingenommen wurde. Das Kriegsbild flexibler Antwort ist, wie auch die Simulation von Kriegsverl\u00e4ufen und Kriegsfolgen in Zentraleuropa dokumentiert, nicht weniger fragw\u00fcrdig: Im Eventualfall wird zerst\u00f6rt, was eigentlich bewahrt werden soll; und eine Garantie, da\u00df Abschreckung trotz aller angedrohten Vergeltung nicht fehlschl\u00e4gt, gibt es nicht.<\/p>\n<p>Es gibt keine milit\u00e4rtechnologische Alternative zur sicherlich m\u00fchseligen politischen L\u00f6sung der zentraleurop\u00e4ischen Sicherheitsprobleme. R\u00fcstungen zu entsch\u00e4rfen, wenn sie schon nicht abzuschaffen sind, ist eine Herausforderung an die praktische Politik, insbesondere an Entspannungs-<br \/>politik. Das Sicherheitsproblem l\u00e4\u00dft sich im Nuklearzeitalter nicht mehr durch die traditionelle nationalstaatlich gelenkte Aufr\u00fcstungspolitik l\u00f6sen. Die Einf\u00fchrung neuer Waffentechnologien stellt einen st\u00e4ndigen Unsicherheitsfaktor dar. Eine solche Sicherheitspolitik wird dabei selbst zum Sicherheitsrisiko. Die Eind\u00e4mmung internationaler R\u00fcstungsanstrengungen setzt Entspannungspolitik voraus, deren Fortgang und Entwicklung nur durch eine kooperative R\u00fcstungssteuerung gew\u00e4hrleistet werden kann. Eine R\u00fcstungssteuerung aber, so zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre, die sich auf die Ebene offizieller diplomatischer Verhandlungen beschr\u00e4nkt, wird st\u00e4ndig durch nationalstaatliche R\u00fcstungspolitik und das Feilschen um das &#132;milit\u00e4rische Gleichgewicht&#148; unterlaufen. Die kollektive B\u00e4ndigung<br \/>der internationalen R\u00fcstungsdynamik ist ohne einen nationalen Verzicht auf neue R\u00fcstungstechnologien kaum vorstellbar.<br \/>Wie in fast allen zivilen und milit\u00e4rischen Bereichen ist der Westen &#151; an erster Stelle die USA &#151; Vorreiter technologischer Entwicklungen. Dies gilt offensichtlich auch f\u00fcr die Neutronenbombe. Auf ihre endg\u00fcltige Produktion zu verzichten, ist ein unerl\u00e4\u00dflicher Beitrag des Westens zur Entspannungspolitik. Ebenso unerl\u00e4\u00dflich ist eine bindende und \u00fcberpr\u00fcfbare Erkl\u00e4rung der Sowjetunion, ebenfalls auf diese Waffe, die sie in absehbarer Zeit sicherlich zu produzieren imstande w\u00e4re, zu verzichten. Ohne eine derartige Erkl\u00e4rung bliebe die gewisserma\u00dfen routinem\u00e4\u00dfige Kritik des Ostens an den j\u00fcngsten R\u00fcstungsplanungen der USA vordergr\u00fcndig und heuchlerisch.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2392,2391],"publikationen":[1308],"class_list":["post-12204","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-senghaas","autoren-gert-krell","publikationen-29-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Neutronenbombe: Sicherheitspolitik als Sicherheitsrisiko - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/die-neutronenbombe-sicherheitspolitik-als-sicherheitsrisiko\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Neutronenbombe: Sicherheitspolitik als Sicherheitsrisiko - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 3 &#8211; 5 Die Entr\u00fcstung von Egon Bahr \u00fcber die Neutronenbombe als &#132;Symbol der Perversion des Denkens&#148; ist verst\u00e4ndlich, aber trifft seine Kritik den Kern der Sache? 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