{"id":12210,"date":"1997-06-30T05:30:00","date_gmt":"1997-06-30T03:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-positive-tradition-des-widerstands-gegen-den-nationalsozialismus-bewahren\/"},"modified":"1997-06-30T12:00:00","modified_gmt":"1997-06-30T10:00:00","slug":"die-positive-tradition-des-widerstands-gegen-den-nationalsozialismus-bewahren","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/die-positive-tradition-des-widerstands-gegen-den-nationalsozialismus-bewahren\/","title":{"rendered":"Die positive Tradition des Widerstands gegen den Nationalsozialismus bewahren"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 107-108<\/p>\n<p>&#8222;In jeder Epoche mu\u00df versucht werden, die \u00dcberlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff ist, sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen&#8220;, schrieb Walter Benjamin kurz vor seinem Tode. Dieser von Joachim Perels in einem Aufsatz von 1995 zitierte Satz gibt ziemlich genau das wieder, was der Autor mit seinem Sammelb\u00e4ndchen, in dem ein Dutzend Aufs\u00e4tze, zum Teil in zeitlichem Zusammenhang mit dem &#8222;Historikerstreit&#8220;, zum \u00fcberwiegenden Teil aber in den letzten zwei Jahren entstanden, zusammengefa\u00dft sind. n dem Buch von<\/p>\n<p><i>Joachim Perels<\/i>: Wider die &#8222;Normalisierung&#8220; des Nationalsozialismus. Interventionen gegen die Verdr\u00e4ngung, Hannover 1996 (Offizin Verlag)<\/p>\n<p>geht es nach Bekundung des Autors darum, Versuche abzuwehren, die Analyse der Nazi-Diktatur aus einem kritischen Bezugsrahmen zu l\u00f6sen. Perels selbst sieht sich den weiterhin g\u00fcltigen Erkenntnissen der Emigration und des Widerstands verpflichtet, wobei f\u00fcr ihn besonders die Arbeiten Franz Neumanns, Theodor Adornos und Wolfgang Abendroths \u00fcber die NS-Herrschaft von bleibendem Wert sind. Allerdings werden von Perels alle Kr\u00e4fte, die sich seinerzeit im Widerstand zusammenfanden, in diesen positiven Traditionszusammenhang einbezogen.<\/p>\n<p>Zwar sind durch den Sammelbandcharakter des 120 Seiten umfassenden B\u00fcchleins gewisse Redundanzen vorprogrammiert, doch unterstreicht dies vielleicht gerade das Appellartige von Perels&#8216; Anliegen: Wer die Erinnerung nicht unverf\u00e4lscht wachh\u00e4lt, der liefert eine offene Flanke gegen die Demokratie. Der einleitende, exklusiv f\u00fcr das B\u00e4ndchen geschriebene Beitrag spannt dabei den Bogen \u00fcber die Themen, denen sich die anderen, meist kleineren Artikel widmen. Perels sieht verschiedene Phasen im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Die Periode unmittelbar nach dem Krieg war von Verdr\u00e4ngung charakterisiert, gefolgt von einer Phase, in der viel \u00fcber die Funktionsweise des NS-Regimes zutage gef\u00f6rdert wurde, in der aber auch die alten Funktionseliten wieder in die Machtpositionen zur\u00fcckgelangten. Gleichzeitig wurde die NS-Diktatur zunehmend wie ein normal funktionierender Staat zu deuten versucht, und Justiz und Wehrmacht wurden beispielsweise als neutral handelnde Institutionen hingestellt. Erst Ende der sechziger Jahre wurde mit dieser &#8222;Normalisierung&#8220; des Nationalsozialismus durch die Studentenbewegung aufger\u00e4umt. Der Mitte der 80er Jahre unternommene Versuch, diesen Effekt durch eine Relativierung des Holocaust umzukehren, m\u00fcndeten in den &#8222;Historikerstreit&#8220;, durch den er zum Teil wieder gestoppt wurde. Der Autor unterscheidet aktuell eine konservative und eine rechtskonservative Variante der Geschichtsrevision. Erstere (u.a. Joachim Fest, Tilmann Moser, aber auch Stefan Breuer und Martin Walser), die ihr Organ vor allem in der FAZ haben, bem\u00fchen sich, das NS-Regime als einen normalen repressiven Staat zu deuten und die Verantwortung f\u00fcr sein Funktionieren zu relativieren. Die rechtskonservative Variante (u.a. Ernst Nolte, Karlheinz Wei\u00dfmann, Hannsjoachim Koch, Franz W. Seidler) versuche, das NS-System in einen &#8222;legitimationsnahen Verstehenszusammenhang&#8220; zu bringen.<\/p>\n<p>Perels sieht einen Zusammenhang zwischen der &#8222;Zunahme distanzarmer Interpretationen des Nationalsozialismus&#8220; und der neuen Lage nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Ostblocks. Warum allerdings die &#8222;Normalisierung&#8220; des Nationalsozialismus leichter fallen soll nach dem Verschwinden eines zentralen Systemgegners, scheint nicht klar ersichtlich. W\u00fcrde man nicht eher denken, da\u00df das Vorhandensein eines Systems wie der Sowjetunion mit ihrer eigenen Unterdr\u00fcckungsgeschichte die Relativierung erleichterte?<\/p>\n<p>Der Autor konstatiert aber auch, da\u00df die geschichtlichen Revisionsversuche nur das Werk einer &#8222;publizistisch wohlorganisierten&#8220; Minderheit darstellten, die es bisher nicht vermocht habe, der Gegenaufkl\u00e4rung zum Durchbruch zu verhelfen. Weitgehend beizupflichten ist Perels&#8216; Beurteilung der &#8222;Goldhagen-Debatte&#8220;. Zwar sei Goldhagens These vom eliminatorischen Antisemitismus als Generalursache des Holocaust nicht zu halten, weil sie andere wichtige Faktoren ausblende. Andererseits mache seine sehr gut belegte Studie der Polizeibataillone deutlich, wie stark die Identifikation mit den Verbrechen des Regimes gewesen sei. Die Abwehrreaktion gegen Goldhagen sei vor allem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, da\u00df er &#8222;an den Nerv eines juristisch gesicherten Gro\u00dftabus der Nachkriegsgesellschaft&#8220; r\u00fchre.<\/p>\n<p>In den folgenden Beitr\u00e4gen tritt der Autor vor allem der Relativierung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus entgegen. Zum Teil werde versucht, die Mitglieder des Widerstands als blo\u00dfe Gesinnungsethiker abzutun und sie den Handlungsethikern gegen\u00fcberzustellen, die die Ostfront verteidigten. F\u00fcr Perels ist der Widerstand das weiterhin g\u00fcltige Beispiel f\u00fcr demokratisches Verst\u00e4ndnis; er r\u00e4umt jedoch gleichzeitig mit dem gern gehegten Bild auf, da\u00df die Bundesrepublik sich diesem Verm\u00e4chtnis ernsthaft verpflichtet f\u00fchle. Eine Identifikation mit dem Widerstand habe es in der Nachkriegszeit kaum gegeben, und die Justiz habe die Mitglieder des Widerstands bis vor kurzem noch als Verbrecher qualifiziert.<\/p>\n<p>Den meisten Attacken Perels gegen den konservativen Geschichtsrevisionismus kann man uneingeschr\u00e4nkt zustimmen, obwohl seine Argumentation bisweilen mit recht grobem Pinselstrich gezeichnet erscheint. So ist sein Pl\u00e4doyer, den 8. Mai als Befreiungstag zu betrachten, w\u00e4hrend die konservative Kritik ihn zumindest als ambivalenten Tag sehen will, zwar ganz berechtigt, denn wer die Befreiung nicht als das entscheidende Ereignis ansieht, mu\u00df zwangsl\u00e4ufig das NS-System in der einen oder anderen Form legitimieren. Auch wenn damit einhergeht, da\u00df die Vertreibung nicht am 8. Mai 1945, sondern gewisserma\u00dfen bereits am 30. Januar 1933 begann, sollte doch Vorsicht geboten sein, das Vertreibungsunrecht durch das gr\u00f6\u00dfere Unrecht des mit dem Aggressionskrieg gen Osten verbundenen Leidens konsumiert zu sehen, wie dies bei Perels durchklingt. Solche Aufrechnung von Unrecht mit Unrecht ist es ja gerade, die Perels den konservativen Geschichtsrevisionisten vorh\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2348],"publikationen":[1045],"class_list":["post-12210","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-manfred-h-wiegandt","publikationen-vorg-138"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die positive Tradition des Widerstands gegen den Nationalsozialismus bewahren - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/die-positive-tradition-des-widerstands-gegen-den-nationalsozialismus-bewahren\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die positive Tradition des Widerstands gegen den Nationalsozialismus bewahren - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 107-108 &#8222;In jeder Epoche mu\u00df versucht werden, die \u00dcberlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff ist, sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen&#8220;, schrieb Walter Benjamin kurz vor seinem Tode. 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