{"id":12219,"date":"1976-12-31T19:00:00","date_gmt":"1976-12-31T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-rolle-der-kultur-in-der-bundesrepublik-deutschland\/"},"modified":"2021-08-28T23:34:18","modified_gmt":"2021-08-28T21:34:18","slug":"die-rolle-der-kultur-in-der-bundesrepublik-deutschland","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/die-rolle-der-kultur-in-der-bundesrepublik-deutschland\/","title":{"rendered":"Die Rolle der Kultur in der Bundesrepublik Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976) S. 39-55<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-unsere-welt-des-geistes\">I. Unsere Welt des Geistes<\/span><\/h2>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"einmal-im-jahr\">Einmal im Jahr&hellip;.<\/span><\/h2>\n<p>Einmal im Jahr spielt die Kultur in der Bundesrepublik Deutschland eine hervorragende \u00f6ffentliche Rolle. Dann r\u00fcckt sie auf die ersten Seiten der Tageszeitungen, und Rundfunk-Nachrichten sowie Fernseh-Tagesschau benennen und kommentieren dieses Kultur-ereignis von h\u00f6chster Bedeutung: die Er\u00f6ffnung der Frankfurter Buchmesse und die Verleihung des Friedenspreises des B\u00f6rsenvereins des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche zu Frankfurt am Main.<br \/>Dann geht so etwas &#8211; sensible Gem\u00fcter verm\u00f6gen das beinahe physisch zu versp\u00fcren &#8211; wie ein allgemeines Aufatmen durch das Volk der Dichter und Denker: Gottlob, es gibt sie noch, diese unsere Kultur! Nun kann man sich getr\u00f6stet f\u00fchlen: alles Kultur-Krisen-Gerede und auch die wirklichen \u00f6konomischen Krisen &#8211; und namentlich die ungeheuere Papierverteuerung &#8211; haben das Verfassen von Gedichten, Dramen, Romanen und Essays nicht beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen und selbst die Verleger nicht brotlos gemacht.<br \/>Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein! Die Literatur lebt weiter! Das internationale, nun auch kulturelle Renomee der Bundesrepublik Deutschland scheint sich erfreulich zu entwickeln:<br \/>Wirtschaftlich nie ein Zwerg gewesen, seit der Ubernahme der sozial-liberalen Regierungsverantwortung auch politisch keiner mehr &#8211; entspricht dem jetzt neuer kultureller Glanz: der Glanz des Guten, Wahren und Sch\u00f6nen. &#8222;Also, wenn Sie mich so fragen &#8211; ganz vornean, alles andere totschlagend, das war H\u00f6lderlin&#8221; <br \/>(CDU-Kanzlerkandidat Kohl, in: Zeitmagazin 35\/1976).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kultur-auf-oekonomisches-reduziert\">Kultur &ndash; auf &Ouml;kono&shy;mi&shy;sches reduziert<\/span><\/h2>\n<p>Welche Rolle spielen Schriftsteller und K\u00fcnstler in dieser Gesellschaft? Wo hat-au\u00dferhalb der einmaligen glanzvollen Repr\u00e4sentation &#8211; Kultur neben oder im Kontext von Wirtschaft und Politik im gesellschaftlichen Alltag ihren Ort? Welche Kulturpolitik und mit welchen Zielen wird in der Bundesrepublik gemacht? Woran orientiert sich diese Gesellschaft in der &#8222;Welt des Geistes&#8221;?<br \/>Wer ein wenig genauer hinsieht, wird bei der Medienberichterstattung selbst \u00fcber ein so origin\u00e4res Ereignis wie die Frankfurter Buchmesse dieses, jedenfalls auf den ersten Seiten der Zeitungen, weitgehend auf ein statistisch-\u00f6konomisches reduziert finden: Da wird von der Masse der neuerschienenen B\u00fccher berichtet, wird die Zahl der in Frankfurt vertretenen Verlage aufgef\u00fchrt und werden vielleicht noch ein paar allbekannteste Autorennamen genannt &#8211; zu Anfang der Messe. Und am Ende folgt noch einmal Faktenmaterial zum Bilanzieren: die Besucherzahl, die H\u00f6he der Ums\u00e4tze etc. Erst in den (immer weiter schrumpfenden) Feuilletons der Zeitungen und Dritten Rundfunk- und Fernsehprogrammen kann man dann N\u00e4heres \u00fcber das Frankfurter Metier Literatur und Kunst erfahren. Zu diesem Zwecke druckt die Presse f\u00fcr ihre Leser entsprechende Beilagen, die auch Sonder-Messe-Beilagen genannt werden, und senden die Rundfunk-Anstalten Messe-Sonderberichterstattungen f\u00fcr ihre H\u00f6rer. In beiden F\u00e4llen steht Rezensiertes, also meist Alltagsisoliertes, mehr oder minder deutlich im Mittelpunkt. Auch wenn man dank der vielf\u00e4ltigen audiovisuellen M\u00f6glichkeiten des Fernsehens mehr Atmosph\u00e4risches mitbekommt, steht doch auch hier die Buchwerbung, und diese vor allem f\u00fcr die sowieso-schon-Bestseller-Autoren, im Vordergrund. Dieses alles vollzieht sich nach inhaltlichen Kriterien, die keinem Leser und H\u00f6rer aufgeschl\u00fcsselt werden: Welche B\u00fccher werden ausgew\u00e4hlt, und aus welchem Blickwinkel werden sie dann rezensiert? Alles scheint einen Zweck sicher zu erf\u00fcllen: die Ware Buch sicher an den Mann zu bringen! Jedenfalls die Gebildeten in unserer b\u00fcrgerlich-kleinb\u00fcrgerlichen Gesellschaft werden dadurch wissen, welches Werk sie ihrem B\u00fccherbord einzuverleiben haben und was man sich f\u00fcr den nicht allzu fernen weihnachtlichen Gabentisch vornotieren mu\u00df. Sicherlich, Spiegel, Zeit oder auch die S\u00fcddeutsche Zeitung werden dem allen noch ein paar kritische gesellschaftspolitische Aspekte hinzuf\u00fcgen. Sie werden dem Bestseller-Rummel nicht fr\u00f6nen und stattdessen auf den einen oder anderen interessanten neuen Autor aufmerksam machen &#8211; aber letztlich kann man auch dar\u00fcber schnell zur Tagesordnung \u00fcbergehen: Literatur und Kunst sind dem Alltag fern genug, dem sie allerdings, wenn auch nur f\u00fcr K\u00fcrze, ihren hehren Schein zu verleihen haben. Den sogenannten kleinen Mann ber\u00fchrt die Sache sowieso nicht: welche Sprache m\u00fc\u00dfte er beherrschen, wenn er die intellektuell so klugen, die mit gl\u00e4nzendem philosophisch-literarischem Bildungsgut gew\u00fcrzten Artikel verstehen sollte? Womit der Zweck dieses und anderer- zB. auch einer Opernpremiere &#8211; Unternehmen sicherlich erf\u00fcllt sein d\u00fcrfte!<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unbequeme-preistraeger\">Unbequeme Preistr&auml;ger<\/span><\/h2>\n<p>Was nun die Verleihung des Friedenspreises des B\u00f6rsenvereins in der Frankfurter Paulskirche angeht, so m\u00fcssen Publizisten und Journalisten darauf in der Regel mehr Akkuratesse verwenden: das ist zur Darstellung dieses Sachverhaltes angebracht: Weder den diesj \u00e4hrigen Preistr\u00e4ger Max Frisch, noch den des vergangenen Jahres, Alfred Grosser, haben sie mit kulturvollen Phrasen belegen k\u00f6nnen. Das haben sie auch nicht getan. Daf\u00fcr haben beide friedenspreiserw\u00e4hlten Ausl\u00e4nder die ehrfurchtsvoll Versammelten zu sehr politisch erschreckt, um sie kulturell befriedigen zu k\u00f6nnen.<br \/>Diese Tatsache jedoch mu\u00dfte den Lesern und H\u00f6rern eingehender erl\u00e4utert werden: Was ein gro\u00dfartiger franz\u00f6sischer Politik-Wissenschaftler und Deutschlandkenner ist, oder wer uns als bedeutender deutschsprachiger Schriftsteller sehr lieb ist &#8211; was verstehen die von unserem bundesdeutschen politischen Metier? Zur Erhellung der deutschen gesellschaftlichen Situation, von Radikalen im \u00f6ffentlichen Dienst, unserer politischen Wahrheit konnten sie jedenfalls nichts oder doch nur &#8222;Einseitiges&#8221;, &#8222;Unausgewogenes&#8221; beitragen- das durfte man den meisten Kommentaren entnehmen. Was Alfred Grosser im vergangenen Jahr seinen deutschen Zeitgenossen zugemutet hat, n\u00e4mlich ihnen die Leviten \u00fcber einen stupiden Antikommunismus im Gewand des Radikalenerlasses zu lesen, und was Max Frisch- \u00fcbrigens in un\u00fcblicher Abwesenheit des Herrn Bundespr\u00e4sidenten &#8211; in der Wahlkampf-Situation dieses Jahres in &#8222;einseitiger&#8221; Parteinahme f\u00fcr den Sozialismus von sich gab, mu\u00dfte &#8222;entt\u00e4uschen&#8221;: Wo sich selbst gestandene Sozialdemokraten 1975 verletzt f\u00fchlen mu\u00dften, waren es in diesem Jahr jene, die auf den Sieg der Unionsparteien bauten. (Da erstarrte ein festlich gestimmter Rainer Candidus Barzel zu eisiger Miene und unterlie\u00df hinfort das Klatschen, da konnte ein ZDF-Gewaltiger nur noch murmeln: &#8222;Bedauerlich, da\u00df der Frisch politisch immer noch so ein Klipp-Sch\u00fcler ist!&#8220;). Was dann schlie\u00dflich in Kommentaren der Welt und sogar der kopfklugen FAZ zu lesen stand, unterstreicht die derzeit herrschende Kultur-Tendenz: was und wer literarisch durchaus bedeutsam genannt werden &#8211; mu\u00df, kann (ist) politisch sehr dumm sein! Auch das geh\u00f6rt zum &#8222;kulturellen&#8221; Alltag in der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"max-frisch-wider-die-eigentuemer-macht\">Max Frisch: Wider die Eigen&shy;t&uuml;&shy;mer-&shy;Macht<\/span><\/h2>\n<p>Max Frischs Paulskirchen-Rede war in der Tat keine &#8222;Poesie&#8221;, keine Literatur, wie man sie sich politisch lupenrein w\u00fcnscht, sondern massive parteiische Einmischung: ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr &#8222;Wahrheit&#8221;, ohne die es keinen Fortschritt geben kann und worin Kultur gesellschaftspolitische Relevanz gewinnt. In seiner Rede, betitelt: &#8222;Wir hoffen&#8221;, hat er als engagierter sozialer Demokrat aus gutem Grund die vornehme Zur\u00fcckhaltung des Gastes aufgegeben.<br \/>Max Frisch, ein gar nicht mehr so euphorischer Demokrat; befa\u00dfte sich eingehend mit den gesellschaftlichen Hemmnissen, eine &#8222;friedensf\u00e4hige Gesellschaft&#8221; zu verwirklichen. Was ist das? Eine &#8222;Gesellschaft, die ohne Feindbilder auskommt&#8221;. Ist sie gegen die Interessen der &#8222;Eigent\u00fcmer-Macht&#8221; durchzusetzen? Schwerlich, erl\u00e4utert er. <br \/>&#8222;Um aus der \u00f6ffentlichen Diskussion zu verbannen, was die Bevorzugten ungern h\u00f6ren, n\u00e4mlich Kritik an der veritablen Struktur unserer Gesellschaft und Zielvorstellungen, demokratische, gen\u00fcgt heute schon da und dort, die Etikette: links, wie es einmal gen\u00fcgt hat, vor langer Zeit, zu sagen: e n t a r t e t!&#8221; So kann man- seitens der &#8222;Demokratie-Praktiker&#8221; &#8211; die Utopie unschwer als &#8222;Hirngespinst&#8221; abqualifizieren. Dann kann &#8222;man&#8221; arrogant verk\u00fcndigen: &#8222;Sozialismus (den es noch gar nicht gibt) geh\u00f6re der Steinzeit an &#8211; um nicht einzugestehen, da\u00df sie zum Zustand der Welt, der f\u00fcr alle, inbegriffen die Eigent\u00fcmer, bedrohlich ist, ihrerseits keine Alternativen hat&#8221;. Frisch bezeichnete in Frankfurt seinen &#8222;Glauben an eine M\u00f6glichkeit des Friedens&#8221; als &#8222;revolution\u00e4r&#8221;. Das meint: &#8222;Freiheit nicht als Faustrecht f\u00fcr den Starken, Freiheit nicht durch Macht \u00fcber andere. Selbstverwirklichung; sagen wir: Wenn es m\u00f6glich ist, kreativ zu leben.&#8221; Und er fragt, abschlie\u00dfend- wie wir als Kernpunkt dieses kulturpolitischen Aufsatzes: &#8222;Wie viele Menschen haben in den vorhandenen Gesellschaften aber die M\u00f6glichkeit, kreativ zu leben?&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"diffamierung-der-utopie\">Diffa&shy;mie&shy;rung der Utopie<\/span><\/h2>\n<p>Verst\u00e4ndlicherweise war solche &#8222;utopische&#8221; Gesinnung drei Wochen vor der Bundestagswahl in der Bundesrepublik Deutschland den Eigentum-M\u00e4chtigen nicht gerade willkommen. Das haben sie die Zeitungsleser sp\u00fcren lassen: Von den groben Gesch\u00fctzen der Bild-Zeitung, \u00fcber Krempsche Kommentare in der Welt, bis hin zur feinsinnigeren Kritik der FAZ wurden immerhin so viele Feindbilder neu festgeschrieben, da\u00df die Provinzpresse einerseits und die Nachschreiber in den katholischen Kirchenbl\u00e4ttern andererseits davon noch bis \u00fcber den Wahltermin hinaus leben konnten: &#8222;Wer Kritik \u00fcbt am eigenen Land, steht im Sold des Feindes.&#8221; &#8211; Auch das hatte Max Frisch in Frankfurt gesagt.<br \/>Was den Tageszeitungen und gewissen Medien-Berichterstattungen noch nicht gelang, Frischs deutliche politisch-utopische Aussagen zu relativieren, sie zu eliminieren und zu diffamieren, setzen zahlreiche kleine Fach- und Verbandsbl\u00e4tter in so etwas wie einer End-Bewu\u00dftseinskampagne gezielt fort. So lese ich zB. in der j\u00fcngsten Ausgabe der Nieders\u00e4chsischen Wirtschaft (20\/1976) im &#8222;Brennpunkt&#8221;: &#8222;Max Frisch im Kreuzfeuer der Kritik!&#8221; Im Heft tr\u00e4gt ein Artikel den Titel: &#8222;Max Frisch f\u00fcr Utopie statt Wohlstand&#8221;. Nachdem der ungenannte Artikelschreiber den Schriftsteller Frisch zun\u00e4chst wegen dessen &#8222;Wortunget\u00fcme&#8221; und &#8222;kaum lesbarer Passagen&#8221; seiner Rede r\u00fcgt, unterstellt er ihm &#8222;Unsicherheit, manchmal sogar Unwissenheit hinsichtlich der eigentlichen Sachaussagen!&#8221; Diese &#8222;Sachaussagen&#8221; sind gemeint: &#8222;Frisch ging es in der Frankfurter Paulskirche um eine ,Abrechnung` mit den Besitzenden, um eine Philippika gegen das Eigentum, den Wohlstand schlechthin. Andererseits pl\u00e4dierte der Schweizer Intellektuelle &#8211; der angesichts seiner Eink\u00fcnfte aus vielen (sehr lesbaren) Romanen und Dramen sicher nicht zu den oft von Neidkomplexen geplagten Besitzlosen oder gar Ausgebeuteten zu rechnen ist- f\u00fcr die Utopie, und zwar f\u00fcr die utopischen Ideen der Linken&#8221;.<br \/>Frischs und anderer &#8222;Linker&#8221; Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Utopie einer radikalen Humanit\u00e4t, f\u00fcr eine &#8222;friedensf\u00e4hige Gesellschaft&#8221;, hat allerdings zur Voraussetzung die &#8222;Wiederherstellung der Politik&#8221;- zur Emanzipation des Einzelnen durch die &#8222;M\u00f6glichkeit, kreativ zu leben&#8221;. Diese sei- so Frisch ausdr\u00fccklich- &#8222;durch Wohlstand allein noch nicht gegeben&#8220;. Darauf reagiert die Nieders\u00e4chsische Wirtschaft, ob Frisch es eigentlich &#8222;n\u00f6tig&#8221; habe, &#8222;den Wohlstand so einseitig zu karikieren?&#8221;; und er wird belehrt, &#8222;da\u00df Besitz (auch und gerade in der Hand des kleinen Mannes) Unabh\u00e4ngigkeit und die F\u00e4higkeit wenigstens zu materieller Leistung an den Staat&#8230; verschafft&#8221;. Frisch habe in Frankfurt ideologische Gedanken &#8222;hochgejubelt&#8221;. Dabei habe er es an &#8222;Toleranz&#8221; fehlen lassen. &#8222;Deshalb ist es so schwer, ihn zu verstehen oder ihm gar zu folgen. Schade! &#8222;, meint der Kritiker abschlie\u00dfend.<br \/>Die Diffamierung jeglicher Utopie und die daraus entwickelten real-utopischen Entw\u00fcrfe als gef\u00e4hrliche intellektuelle Links-Ideologie hat selbstverst\u00e4ndlich System. Sie reicht von der veritablen Diskussionsrunde eines &#8222;Salzburger Humanismus-Gespr\u00e4ches&#8221; \u00fcber &#8222;Anspruch und Auftrag der Intellektuellen&#8221;, das offensichtlich keinen anderen Zweck verfolgte, als einen &#8222;Abschied von Utopia&#8221; durch Leute wie Schlamm, Schelsky und andere sanktionieren zu lassen, \u00fcber akademisch verbr\u00e4mte Darmst\u00e4dter Jugendstil-Schw\u00e4rmereien, wie sie Sternberger k\u00fcrzlich zur Er\u00f6ffnung einer Ausstellung auf der Mathildenh\u00f6he vortrug und, bei gleicher Gelegenheit, die Verurteilung jeglichen uto-pischen Denkens (weil das nur zur Praxis sowjetischer Straflager f\u00fchren k\u00f6nnte) durch den sozialdemokratischen Oberb\u00fcrgermeister Sabais, bis hin zu der er-w\u00e4hnten Frisch-Beschimpfung von Wirtschaftsverbands-Publizisten zur ideologischen Festigung der Industrie- und Handelskammern-Mitgliedschaft.<br \/>Auch wenn sich in letzter Zeit solche Kampagnen h\u00e4ufen, so sind sie doch nicht blo\u00dfe aktuelle Auswirkungen einer &#8222;Gegenreform&#8221;, k\u00f6nnen nicht nur als Ausflu\u00df einer soge-nannten Tendenzwende angesehen werden, sondern sind prinzipiell und latent in der tradierten Kultur dieser Gesellschaft angelegt und werden durch die herrschende Kulturpolitik gef\u00f6rdert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-konterrevolutionaere-kulturpolitik\">II. Konter&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;ti&shy;o&shy;n&auml;re Kultur&shy;po&shy;litik<\/span><\/h2>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-exemplarischer-ausschnitt\">Ein exempla&shy;ri&shy;scher Ausschnitt<\/span><\/h2>\n<p>Die Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft, anhand von Buchmessen- Einexemplarischer Rummel und Friedenspreis-Verleihung dargestellt, kann zwar nur einen Ausschnitt kleinen Ausschnitt des kulturellen Spektrums in der Bundesrepublik bieten, vermittelt aber einen durchaus exemplarischen.<br \/>Das alles sei nichts als das Spiegelbild eines Kulturbetriebes, mag man einwenden, und daher nicht die &#8222;eigentliche Kultur&#8221;. K\u00f6nnten nicht gerade &#8222;b\u00fcrgerliche&#8221; Kultur-Werte in der immer st\u00e4rker warenkonsumbestimmten Phase des Sp\u00e4tkapitalismus Anhaltspunkte zur Neudefinition von Kunst bieten? Sind nicht schon durch gewisse mediale Aktualisierungen und neue \u00c4sthetisierungsversuche erste Ans\u00e4tze einer &#8222;alter-nativen&#8221; Kultur erkennbar? Ich sehe darin nur anders definierte, definierbare und dargestellte Zusammenh\u00e4nge eines aktualisierten Kultursachverhaltes, aber keine Anzeichen einer neuen, etwa einer nach-b\u00fcrgerlichen &#8222;demokratischen&#8221; Kultur.<br \/>Ich sehe allerdings Anla\u00df, diesen Kultur-Sachverhalt nicht mehr als den typisch gro\u00dfb\u00fcrgerlichen \u00dcberbau zu qualifizieren. Der Ausspruch, da\u00df die jeweilige Kultur auch immer die Kultur der Herrschenden sei (damit die Ideologie stimme), ist insofern jedenfalls begrifflich korrekturbed\u00fcrftig als l\u00e4ngst die Gesamtsph\u00e4re des Massenkonsums durch das Kleinb\u00fcrgertum besetzt wird. Hans Magnus Enzensberger spricht davon- ich meine zurecht-, da\u00df das Kleinb\u00fcrgertum bereits \u00fcber die &#8222;kulturelle Hegemonie&#8221; verf\u00fcge: &#8222;(Es) ist die einzige Klasse, die Kunst und Mode, Philosophie und Architektur, Kritik und Design erzeugt&#8221; (Kursbuch 451 1976, S 6); er meint, da\u00df die &#8222;alte Lebensweise der Gro\u00dfbourgeoisie&#8221; durch sie &#8222;vollst\u00e4ndig liquidiert&#8221; und &#8222;auf das Format der Illustrierten&#8221; geschrumpft sei (S 7).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unsere-kultur-buergerkultur\">Unsere Kultur: B&uuml;rger&shy;kultur<\/span><\/h2>\n<p>Was also ist unsere Kultur? Sie ist, in dieser massenhaft kleinb\u00fcrgerlich bestimmten Gesellschaft, nichts als B\u00fcrgerkultur: Pr\u00e4sentation, Affirmation, \u00c4sthetisierung des Alltags &#8211; also stets, noch in ihrer Negation, so etwas wie Abglanz des idealistisch Guten, Wahren und Sch\u00f6nen (oder was man daf\u00fcr h\u00e4lt, halten m\u00f6chte). Selbst dort, wo sie von Schriftstellern und K\u00fcnstlern aus Arbeiterkreisen gemacht wird, ist sie bourgeois. Auch bei ausdr\u00fccklicher Ablehnung der &#8222;b\u00fcrgerlichen Kultur&#8221; liefert diese noch die Topoi, Denkraster, Artikulationsbasen, werden darin die Humanit\u00e4tsmuster der Klassik rezipiert, wenngleich kritisch gesellschaftlich. Das gilt prinzipiell f\u00fcr die Kunst-Werke der Gegenwart. Wo in dieser allerdings inhaltlich-politische Aussagen gemacht werden, die antib\u00fcrgerlich erscheinen, also vor allem utopische Denk-Ans\u00e4tze, und wo neue M\u00f6glichkeiten sozialer und politischer Emanzipation aufgetan werden, schr\u00e4nkt sie diese in ihrer Wirkung dadurch zumeist wieder ein, da\u00df sie, statt sie f\u00fcr die notwendigen breiten Kreativit\u00e4ts-Innovationsprozesse aufzubereiten, in b\u00fcrgerlich-tradierter Esoterik der Darstellung befangen bleibt.<br \/>Da\u00df ein Ausbruch aus diesen \u00fcberlieferten Kulturbahnen in Deutschland nicht gelang, hat nicht nur seine Ursachen in der prinzipiell autorit\u00e4ren Gesellschaftsstruktur, sondern ist begr\u00fcndet einerseits in dem kulturpolitischen Versagen einer traditionell kunstfeindlichen Intellektuellenschicht und andererseits, und darin vor allem, an den an Kulturprozessen als Emanzipationsmittel offenbar desinteressierten Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Beides hatte historisch und hat weiterhin fatale kulturpolitische Konsequenzen: Seit 1945 f\u00fcr die Bundesrepublik insbesondere aufgrund sozialdemokratischer kommunaler Kulturpolitik und in der DDR durch die &#8222;marxistisch-leninistische&#8221; der Kommunisten; beides hatte mehr oder minder die gleichen Ergebnisse: es herrscht in Deutschland keine andere Kultur als die von nicht-emanzipierten Kleinb\u00fcrgern!<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verdraengte-alternativen\">Verdr&auml;ngte Alter&shy;na&shy;tiven<\/span><\/h2>\n<p>Dabei hat es in der Geschichte der Arbeiterbewegung durchaus Alternativen, eigenst\u00e4ndige proletarische Kulturans\u00e4tze gegeben. Sie wurden partei-offiziell jedoch nie ernstlich zur Kenntnis genommen, bzw. ihr politischer Stellenwert wurde ideologisch gar nicht registriert. Von Partei Theoretikern nie als wirkliche Alternativen akzeptiert &#8211; vorgeblich wegen minderer Qualit\u00e4t (eher wohl aus Ignoranz dem kreativen Sektor gegen\u00fcber) -&#8218; hat sie f\u00fcr die Entwicklung und Strategie materialistischer Dialektik bestenfalls verbale Bedeutung gehabt. Wo die Produktivkr\u00e4fte und ihre Kontrolle durch die Arbeiterpartei sowie der politisch-rechtliche Bezugsrahmen so sehr im Interesse der Partei stand, konnte sie keine Rolle spielen und sich folglich nicht eigenst\u00e4ndig entwickeln.<br \/>Die Auswirkung dieser Ignoranz f\u00f6rderte nicht nur die gesellschaftliche Dominanz der b\u00fcrgerlichen Kultur, sondern bewirkte auch deren leitfossilartige Verengung zur massenhaften kleinb\u00fcrgerlichen Kultur. Die Bewu\u00dftseinsprozesse in der Geschichte der politischen Parteien, namentlich der Sozialdemokraten, aber auch von Sozialisten und Kommunisten, geben dar\u00fcber, jedenfalls in Deutschland, hinreichend Aufschlu\u00df. Um die gegenw\u00e4rtige kulturelle und kulturpolitische Situation historisch zu begreifen, scheint mir ein Blick in fr\u00fche ideologische Kulturbegriff-Diskussionen der SPD hilfreich zu sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-mehring-diskussion\">Die Mehring &ndash; Diskussion<\/span><\/h2>\n<p>In der Auseinandersetzung um die Bedeutung von Werk und Person Franz Mehrings (1840&#8212;1919) werden zugleich Chancen und Verh\u00e4ngnis des sozialdemokratischen Kulturbegriffs erkennbar und die sp\u00e4tere kommunistische (in der DDR) kulturelle Entwicklung bereits ablesbar: Ereignisse wie beispielsweise die &#8222;Ruhrfestspiele&#8221; des DGB oder die (Ost-)&#8222;Berliner Festwochen&#8220; sind eben doch Ausflu\u00df einer historischen Kontinuit\u00e4t. T1 heute von SPD-Politikern wegen nichtfortschreitender Bewu\u00dftseins-bildung der lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerung vorschnell einer sogenannten Tendenzwende oder den M\u00e4chten der Gegenreform zugeschrieben wird, ist auch Ergebnis ihrer eigenen &#8222;Kultur&#8220;-Geschichte: aufkl\u00e4rerische Vernunft hat sich f\u00fcr sie im Kulturproze\u00df nicht manifestiert. Es ist notwendig, das im Kontext zu begreifen. Daher wollen die folgenden Darlegungen nicht nur als historischer Exkurs verstanden werden.<br \/>Franz Mehrings kulturpolitisches Wirken liegt vor dem Ersten Weltkrieg und war vor der Spaltung der Sozialdemokratie, durch die er als einer der KPD-Mitbegr\u00fcnder (neben Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg) in die deutsche Parteiengeschichte einging, im wesentlichen abgeschlossen. Ohne den Zwang, sich mit der &#8222;sozialistisch-realistischen&#8221; Kultur-politik der DDR auseinanderzusetzen, w\u00e4re eine neue Mehring-Rezeption in Deutschland sicher nicht erfolgt (,zit. Franz Mehring: Werkauswahl 1&#8212;111, 1974f). W\u00e4ren wir f\u00fcr unsere heutigen \u00dcberlegungen zur gesellschaftspolitischen Relevanz von Literatur und Kunst dann \u00e4rmer dran? Eine solche Frage erscheint deshalb berechtigt, weil der Streit \u00fcber die Einsch\u00e4tzungen des politischen Stellenwerts von &#8222;Kultur&#8221; zwischen &#8222;rechten&#8221; und &#8222;linken&#8221; Sozialdemokraten noch nicht entschieden ist. Auch wenn Vorf\u00e4lle wie der Literaturstreit auf dem Gothaer Parteitag von 1896 heute &#8211; man denke etwa an den Mannheimer Parteitag der SPD vom November 1976 &#8211; \u00fcberhaupt nicht vorstellbar w\u00e4ren, so geh\u00f6ren sie doch zur Geistesgeschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mehring-keine-experimente\">Mehring: Keine Experimente<\/span><\/h2>\n<p>Mehring hat immerhin knapp zwei Dezennien lang jeweils aus aktuellem Anla\u00df die meisten und meistgelesenen Beitr\u00e4ge zur sozialdemokratischen Kulturpolitik verfa\u00dft. Auch wenn diese theoretisch nicht ganz auf einen Nenner gebracht werden k\u00f6nnen, so ist ihre politische Tendenz doch ziemlich einheitlich &#8211; und sie zieht sich bei der SPD bis in die Gegenwart hinein. Ist heute seine rhetorische Frage von 1896 etwa revidiert? &#8222;Will sie (die reine Kunst) auf einer h\u00f6heren Warte stehen als auf der Zinne der Partei, so mu\u00df sie nach rechts und links sehen, so mu\u00df sie nicht nur die alte, vergehende, sondern auch die neue entstehende Welt schildern&#8221;, und im gleichen Aufsatz &#8222;Kunst und Proletariat I&#8221; hei\u00dft es weiter: &#8222;Was wir verlangen, ist nur, da\u00df die starken Vorbehalte, welche die arbeitende Klasse gegen die moderne Kunst macht, nicht an falschem Orte gesucht werden&#8221; (III, S 20f). Und darauf l\u00e4uft es dann schlie\u00dflich hinaus, da\u00df man sich &#8222;davor h\u00fcten (soll), die Bedeutung der Kunst f\u00fcr den Emanzipationskampf des Proletariats zu \u00fcbersch\u00e4tzen&#8221; (III, S 22).<br \/>Heute k\u00f6nnen sich viele auf Franz Mehring berufen- insbesondere solche Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die die b\u00fcrgerliche Kultur mitsamt ihren tradierten Instituten wegen der Pflege &#8222;des klassischen Humanismus&#8221; perpetuieren wollen und wenig geneigt sind, Experimente, also kulturpolitische Alternativen, diese unter Aufnahme auch durchaus vorhandener &#8222;proletarischer Kulturprozesse&#8221;, zu wagen.<br \/>Was das kulturpolitische Parteienspektrum in Deutschland angeht, so hat Mehrings Beitrag zur &#8222;\u00c4sthetik der linken deutschen Sozialdemokratie&#8221;, der in theoretischen Ver\u00f6ffentlichungen der DDR immer wieder hervorgehoben wurde, politisch keineswegs konsequent zur Spartakus und KPD f\u00fchren m\u00fcssen &#8211; allerdings zu Johannes R. Becher, dem ersten DDR-Kulturrepr\u00e4sentanten und SED-Kulturfunktion\u00e4r. Dennoch wird Mehring auch in der DDR nur halbherzig rezipiert &#8211; so wird er etwa unter den Stichworten des &#8222;Kulturpolitischen W\u00f6rterbuches&#8221; (Berlin DDR 1970) nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mehring-ist-tot-aber\">Mehring ist tot, aber&hellip;<\/span><\/h2>\n<p>Schon in den zwanziger Jahren hat Mehring f\u00fcr Standpunkt-Diskussionen innerhalb der SPD nur noch eine sehr untergeordnete und danach praktisch \u00fcberhaupt keine Rolle mehr gespielt. Auch beim sozialdemokratischen Neubeginn 1945 hat er auf kulturelle Programm-Entw\u00fcrfe und auch auf den Kultur-Teil des sp\u00e4teren Godesberger Programms (1959) keinen erkennbaren Einflu\u00df gehabt. Auch der Neo-Marxismus der studentischen Intellektuellen der sp\u00e4ten sechziger Jahre hat, au\u00dfer der Erkenntnis, da\u00df er als so etwas wie ein Begr\u00fcnder der materialistischen Literaturgeschichtsschreibung anzusehen sei, politisch-\u00e4sthetisch von ihm nicht profitiert; au\u00dfer in kleinen moskau-kommunistischen Universit\u00e4ts-Gr\u00fcppchen, die sich seiner gegen Benjamin, Brecht, Bloch usw meinen ideologisch bedienen zu m\u00fcssen, hat er keine Rolle gespielt. Und nichts l\u00e4\u00dft k\u00fcnftig erwarten- nicht in der DDR, die immerhin mit einer 15b\u00e4ndigen Werksausgabe seiner Schriften beinahe alles vollst\u00e4ndig neu ediert vorgelegt hat, was dieser emsige Publizist schrieb, und schon gar nicht in der Bundesrepublik, deren progressives Kulturpotential sich anders orientiert hat-, da\u00df er seine Zeit noch vor sich hat.<br \/>Wer literarisch sensibilisierter ist, erkennt unschwer gewisse unmaterialistische &#8222;Zwischent\u00f6ne&#8221; selbst im &#8222;Lesen und Schreiben&#8221; (Christa Wolf) des gegenw\u00e4rtigen sozialistischen Realismus in der DDR, der nicht auf den Humanismus-Begriff eines Franz Mehring kulturpolitisch rekurriert. Da die Kultur-Diskussion innerhalb der etablierten deutschen Sozialdemokratie \u00fcberhaupt nicht stattfindet, wird von hierher Franz Mehrings Ansatz nicht wiederbelebt: Wer aber denkt, da\u00df damit sein kulturpolitischer Ansatz und seine \u00c4sthetik-Ideologie \u00fcberwunden seien, der irrt sich.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"begeisterung-fuer-die-klassiker\">&bdquo;Begeis&shy;te&shy;rung f&uuml;r die Klassiker&ldquo;<\/span><\/h2>\n<p>Wof\u00fcr steht Franz Mehring? Ich greife auf seinen, wie ich meine exemplarischen, Beitrag &#8222;Kunst und Proletariat&#8221; zur\u00fcck, mit dem er auf den Kunst-Streit des Gothaer Parteitages von 1896 in der Zeitschrift Die Neue Zeit unmittelbar reagiert hat. Der Reichtagsabgeordnete Frohme hatte sich, unterst\u00fctzt von Wilhelm Liebknecht, vehement und sehr scharf gegen Edgar Steiger, den Redakteur der Neuen Welt, gewandt, weil dieser- in der Konsequenz seiner Zeitung mit ihrer positiven Haltung gegen\u00fcber dem Naturalismus- zwei naturalistische Romane abgedruckt hatte. Steiger pries das Demokratie-Verst\u00e4ndnis des Naturalismus und hob die positive Schilderung der Arbeiter in dieser Literatur hervor, w\u00e4hrend August Bebel in seiner Parteitags-Intervention in die Ablehnung des Naturalismus, die er durch eine offensichtliche Mehrheit, deren R\u00fcckst\u00e4ndigkeit in Kunstfragen er kannte, sehr vorsichtig und differenziert einstimmte. Mehring, hingegen hat, nachdem er zun\u00e4chst den &#8222;tief pessimistischen Grundzug&#8221; der &#8222;modernen Kunst&#8221; eines Halbe oder Hauptmann konstatierte und ihn mit der &#8222;frohen Hoffnung in die Zukunft&#8221;, dem grunds\u00e4tzlichen &#8222;optimistischen Grundzug&#8221; des &#8222;modernen Proletariats&#8221; konfrontierte, mit gro\u00dfer Sch\u00e4rfe die &#8222;zweifelhafte \u00c4sthetik&#8221; der &#8222;Herren Brahm und Schlenther&#8221; als unrichtig abqualifiziert. Immer wieder steuert er auf die traditionelle idealistische \u00c4sthetik und ihre hervorragenden Exponate in der Literatur zu: auf die &#8222;Begeisterung f\u00fcr die Klassiker&#8221;, die er \u00fcberall in der Arbeiterklasse vorzufinden meint! Dabei sieht er die k\u00fcnstlerische Vorliebe des &#8222;modernen Arbeiters&#8221; keineswegs durch &#8222;Moralfexerei&#8221; bestimmt und &#8222;sollte den \u00e4sthetischen Anschauungen der modernen Arbeiterklasse wirklich noch ein kleines Moralz\u00f6pfchen hinten h\u00e4ngen, so braucht sie sich dessen gar nicht zu sch\u00e4men&#8221;. Damit kann sie sich schlie\u00dflich auf den &#8222;jungen Schiller&#8221; berufen, der die B\u00fchne auch eine &#8222;moralische Anstalt&#8221; genannt hat (III, S 20). Wenn er sich dann doch an einer Stelle, vage genug, gegen kleinb\u00fcrgerliches Denken innerhalb der Sozialdemokratie wendet, so geschieht das ebenso halbherzig wie heute in der Kunstpolitik der DDR.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anti-emanzipatorische-tendenz\">Anti-e&shy;man&shy;zi&shy;pa&shy;to&shy;ri&shy;sche Tendenz<\/span><\/h2>\n<p>Ist alle Kunst &#8222;b\u00fcrgerlichen Ursprungs&#8221;? Sie ist es f\u00fcr Mehring offensichtlich, was nat\u00fcrlich historisch nicht richtig ist. Von ihm wird sie stets gegen den ihm so unliebsamen Naturalismus positiv ins Feld gef\u00fchrt wie sp\u00e4ter Sozialdemokraten sich ihrer immer wieder gegen allzu progressive Intellektuelle bedienten. Das Diffamieren von utopischen Entw\u00fcrfen in Kunst und Literatur durch &#8222;rechte&#8221; Sozialdemokraten heute, liegt auf der gleichen Ebene und ist sicherlich noch nicht der Schlu\u00dfpunkt dieser anti-emanzipatorischen Entwicklung.<br \/>Entspricht &#8222;Denken und F\u00fchlen des Proletariats&#8221; der B\u00fcrgerlichkeit? Sind Proletarier das Spiegelbild kleinb\u00fcrgerlicher Kunst? (Da\u00df Karin Struck in ihrer &#8222;Klassenliebe&#8221; ihren literarischen Ansatz proletarisch sieht, dann aber beim Schreiben nur b\u00fcrgerliches Instrumentarium vorfindet, ist ein methodisches, nur am Rande auch ein inhaltliches Problem). Wer die Weichen f\u00fcr die Chancen einer alternativen Kultur politisch so sehr verstellt, dem scheint seine Warnung schon bewiesen zu sein, n\u00e4mlich, da\u00df &#8222;die Bedeutung der Kunst f\u00fcr den Emanzipationskampf des Proletariats (\u00fcbersch\u00e4tzt) wird&#8221; (III, S 22) ; Mehring f\u00fcgt dieser Einschr\u00e4nkung wenige Jahre sp\u00e4ter noch die Feststellung hinzu, da\u00df &#8222;sich der proletarische Emanzipationskampf .., von vornherein auf \u00f6konomischem und politischem Gebiet- und zwar nicht zu seinem Schaden- vollzieht&#8221; (III, S 24). Sein in diesem Zusammenhang alle sozialistischen Ans\u00e4tze einer neuen Kulturpolitik diffamierendes Wort hat Geschichte gemacht: &#8222;Unter den Waffen schweigen die Musen!&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schiller-und-kant-als-massstab\">Schiller und Kant als Ma&szlig;stab<\/span><\/h2>\n<p>Franz Mehring hat in der Abwehr des ihm Widerw\u00e4rtigen- namentlich des Naturalismus- keine Konzessionen gemacht; daf\u00fcr war er sogar bereit, die Existenz der Berliner Volksb\u00fchne aufs Spiel zu setzen. Wo ihm Inhalte Schillerscher Kategorien der &#8222;\u00e4sthetischen Erziehung&#8221; und Forderungen des Kantschen Imperativs nicht als h\u00f6chste Maxi-men gew\u00e4hrleistet waren, vermochte er keine dem Arbeiter n\u00fctzliche &#8222;Kultur&#8221; zu erkennen.<br \/>&#8222;Keiner&#8221;, stellt er relativ richtig fest, &#8222;er\u00f6ffnet zu seiner Zeit eine neue \u00c4ra der Kunst&#8221; (III, S 25). Er jedenfalls l\u00e4\u00dft ideologisch keine Bereitschaft erkennen, den Proze\u00df der Umsetzung von politischer Utopie in gesellschaftliche Realit\u00e4t durch Mittel der Kunst <br \/>und Literatur zu f\u00f6rdern. Das hat sich durchaus l\u00e4hmend auch auf den derzeitigen Kulturproze\u00df ausgewirkt, der in der Arbeiterschaft begonnen hatte. Denn neben der herrschenden B\u00fcrgerkultur hat es um die Jahrhundertwende selbstverst\u00e4ndlich wie sp\u00e4ter auch immer wieder deutliche Anzeichen von \u00e4sthetisch-politischen Alternativen gegeben: von den Ressourcen &#8222;proletarischer Lebensl\u00e4ufe&#8221; bis hin zu sozialkritischen Kulturans\u00e4tzen etwa eines Heinrich Vogeler in Worpswede, von den Arbeiter-Literatur-Zirkeln in den Arbeitersiedlungen des Ruhrgebietes bis hin zur &#8222;revolution\u00e4ren Literatur&#8221; in Frankreich oder den amerikanischen &#8222;Community-Centers&#8221; etc.<br \/>Mehring hat in einem sehr sp\u00e4ten kulturpolitischen Aufsatz, den er angesichts der sich abzeichnenden weltpolitischen Katastrophe, der Zerst\u00f6rung europ\u00e4ischer Herrschaftsstrukturen, verfa\u00dfte &#8211; er, der wie kaum ein anderer gegen das kriegsl\u00fcsterne Geschrei der deutschen Hurra-Patrioten geschrieben hatte &#8211; wiederum nichts als das &#8222;Erbe des klassi-schen Humanismus&#8221; f\u00fcr die Arbeiterklasse beschworen! In dem Artikel &#8222;Philosophie und Proletariat&#8221; (1914) setzt er sich &#8211; Fichte preisend &#8211; eingehend mit dem Verh\u00e4ltnis von Philosophie und Arbeiterklasse auseinander. Ist die Philosophie die &#8222;Retterin&#8221; des Prole-tariats, fragt er. Nat\u00fcrlich nicht, argumentiert er gegen Karl Marx (der sie bekanntlich f\u00fcr den &#8222;Kopf&#8221; und das Proletariat f\u00fcr das &#8222;Herz&#8221; im Emanzipations-Kampf hielt), denn f\u00fcr ihn hatte Immanuel Kant Priorit\u00e4t. So kann Philosophie sogar gef\u00e4hrlich sein &#8211; jedenfalls als &#8222;blo\u00dfe Wortberauschung&#8221; (1, 5 317) wie jedes &#8222;blo\u00dfe Schlagwort&#8221; &#8211; auch das von dem zu bewahrenden &#8222;Erbe b\u00fcrgerlicher Kultur . . . ohne die Vorbehalte&#8230; ihre(r) Klassen-interessen&#8221; (1, 5 318). Er argumentierte damit nicht gegen seine eigene Humanismus-Kulturtheorie. Nein, er setzt sich keine neuen \u00e4sthetisch-politischen Perspektiven, sondern nimmt die &#8222;klassische Philosophie&#8221; Fichtes (dessen 100. Geburtstag er f\u00fcr seine sozial-demokratischen Leser w\u00fcrdigt!) durch die Arbeiterklasse nur in Beschlag, um sie &#8222;vor den Entstellungen der Bourgeoisie zu sch\u00fctzen&#8221;.<br \/>Mehring hat den politischen Stellenwert der Kunst gering veranschlagt. Bis zu ihrer &#8222;Wiedergeburt&#8221;, meint er, m\u00fcsse mit dem durch die Arbeiterklasse gereinigten klassischen Erbe vorliebgenommen werden. Und mit der &#8222;Wiedergeburt&#8221; rechnet er erst bei &#8222;dem \u00f6konomisch-politischen Siege des Proletariats.&#8221; Und in diesen &#8222;Befreiungskampf vermag sie nicht tief einzugreifen&#8221; (III, 5 29).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mehring-praefiguration-sozialdemokratischen-kultur-missverstaendnisses\">Mehring-Pr&auml;&shy;fi&shy;gu&shy;ra&shy;tion sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;schen Kultur-(Mi&szlig;)verst&auml;nd&shy;nisses<\/span><\/h2>\n<p>Da\u00df sich in solcher Haltung prinzipiell auch in den Grundsatzdiskussionen der SPD und der Gewerkschaften bis heute nichts wesentlich ge\u00e4ndert hat, f\u00fchre ich allerdings nicht auf den Einflu\u00df von Person und Werk Mehrings zur\u00fcck. Er ist nicht mehr und nicht weniger als eine typische Pr\u00e4figuration sozialdemokratischen Kultur-(Mi\u00df)verst\u00e4ndnisses! Wie traditionell in der marxistischen Diskussion wurde Kultur auch nach 1945 nicht als poli-tisch konstitutiver Faktor begriffen. Die Produktivkr\u00e4fte werden nicht nur (zurecht) als die wesentlich wichtigeren politischen Faktoren, sondern (zuunrecht) als die einzig entscheidenden erachtet. Das gilt f\u00fcr die Theoretiker der Partei sowie f\u00fcr die Praktiker an der Basis- mit anderen Worten: f\u00fcr &#8222;Linke&#8221; und f\u00fcr &#8222;Rechte&#8221; gleicherma\u00dfen heute noch.<br \/>Auf den ber\u00fchmt gewordenen selbstkritischen Brief, den Friedrich Engels an Franz Mehring zur Kritik des Kulturbegriffes, also des marxistischen und sozialistischen Realit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses, geschrieben hat (und auf den Heinrich Vormweg im Band I von L 76: Demokratie und Sozialismus erneut aufmerksam macht), haben Sozialdemokraten und Sozialisten bis heute noch keine substantielle Antwort gefunden! Engels konkreter Anla\u00df war die Kritik an Mehrings Lessing-Legende; er setzt sich gr\u00fcndlich mit der Tendenz des Mehringschen Begriffes von kulturellem Erbe auseinander, dessen Auffassung er nicht teilt- formuliert aber selber auch nicht ansatzweise eine Alternative. Er gibt vielmehr unumwunden zu, da\u00df es ihm und Karl Marx in den theoretischen Arbeiten zun\u00e4chst hauptgewichtig um die &#8222;Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus dem \u00f6konomischen Grundtatsachen&#8221; ging. &#8222;Dabei haben wir dann die formelle Seite \u00fcber der inhaltlichen vernachl\u00e4ssigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen usw. zustande kommen&#8221;, schreibt er. Das hier formulierte inhaltliche Defizit hat in der weiteren Geschichte der deutschen Arbeiterparteien immer neue Entsprechungen gefunden: nach dem Weltkrieg II im Godesberger Programm (1959) bis hin zum &#8222;Orientierungsrahmen 85&#8221; (1975) innerhalb der SPD (Kultur im wesentlichen repr\u00e4sentativ verstanden) und in der DDR von ihren Anf\u00e4ngen 1949 bis hin zum &#8222;Bitterfelder Weg&#8221; (1959 und 1964) wo Kultur als Agitationsmittel begriffen wird.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"sozialdemokraten-und-kommunisten-pflegen-buergerliche-repraesentationskultur\">Sozial&shy;de&shy;mo&shy;kraten und Kommunisten pflegen b&uuml;rgerliche Repr&auml;&shy;sen&shy;ta&shy;ti&shy;ons&shy;kultur<\/span><\/h2>\n<p>Das sieht beispielsweise so aus: Die &#8222;Ruhrfestspiele&#8221; in Recklinghausen, wie sie DGB und sozialdemokratisch regierte Stadt in Inhalt und Form bestimmen, sind nichts als b\u00fcrgerliches Theater von deutlich kleinb\u00fcrgerlichem Zuschnitt. Ein analoges Exempel haben soeben \u00d6sterreichs Sozialdemokraten statuiert: als in diesem Sommer die Wiener Schlachthallen abgerissen werden sollten, engagierten sich Tausende von jungen Leuten-Arbeiter, Studenten, Sch\u00fcler, K\u00fcnstler, Schriftsteller, P\u00e4dagogen usw.- in einer spontanen Aktion f\u00fcr die Erhaltung der &#8222;Arena&#8221;, um hier, au\u00dferhalb Wiens und der herk\u00f6mmlichen Kulturinstitute, eine ihnen angemessene, eigenverantwortete Kommunikation, Partizipation und Sozialisation als &#8222;Kultur&#8221; zu praktizieren. Die verantwortliche Wiener Sozialistische Partei hat das Geb\u00e4ude gegen dieses un\u00fcbersehbare Masseninteresse abrei\u00dfen lassen- zugunsten der \u00f6konomischen Interessen eines Unternehmers. Hier emanzipa-torische Alternativ-Kultur-Versuche einer breiten Bev\u00f6lkerung mit kreativinnovatorischem Interesse, dort die Pflege b\u00fcrgerlicher Repr\u00e4sentationskultur!<br \/>Wer kulturelle Veranstaltungen in Ostblockl\u00e4ndern erlebt, wird best\u00e4tigt finden, da\u00df sich in der dortigen offiziellen Kulturpolitik seit Mehrings Zeiten Wesentliches nicht ver\u00e4ndert hat: marxistisch-leninistisch verbr\u00e4mt blieb uneingeschr\u00e4nkt das b\u00fcrgerliche Huma-nismus-Erbe! Insbesondere in der DDR stehen in traditionellen Kunsth\u00e4usern wie Oper, Theater und Orchesterhaus die Produkte der b\u00fcrgerlichen Vergangenheit im Mittelpunkt des kulturellen Lebens. &#8222;Dieser Marxismus&#8221; ist jedenfalls zwar nicht der &#8222;h\u00f6chste&#8221;, aber doch wohl &#8222;geistiger Ausdruck der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#8221;, wie Simone Weil ihn schon vor beinahe f\u00fcnfzig Jahren kritisierte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"neue-ansaetze\">Neue Ans&auml;tze<\/span><\/h2>\n<p>Dennoch gibt es hoffnungsvolle Ans\u00e4tze hier wie auch im Osten. Kultur- Neue Ans\u00e4tze innovierende Anst\u00f6\u00dfe, wie sie in Zeiten \u00f6stlicher Ent-Dogmatisierungen initiiert wurden, sind aus einigen Volksrepubliken bekannt. Wenn meine Beobachtungen richtig sind, vollzieht sich, weniger offiziell nat\u00fcrlich, selbst in der DDR, sichtbarer in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Polen, und nachdr\u00fccklich in kulturpolitischen Programmen der KPI und KPP (unter dem Stichwort &#8222;Dezentralisierung&#8221; als soziokulturelle Animation) ein Wandel der Mehringschen Kultur-Klassik-Ideologie zu einem gesellschaftsrelevant verbreiterten Kulturbegriff, der jedenfalls im Bereich von Literatur und Theater erste Ans\u00e4tze eines emanzipatorisch offenen Systems auch politisch konstitutiv impliziert. Dahinter mag die Erkenntnis stehen, da\u00df die von Marx geforderte ,;vollst\u00e4ndige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften&#8220; nicht ohne die Medien Literatur und Kunst durchgesetzt werden kann. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch innerhalb sozialdemokratischer Parteien (besonders stark im skandinavischen Raum) in der Auswirkung von Systemkritik, Kritik der Wachstumsideologie und unter den Kriterien von &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8221; Ans\u00e4tze einer umfassenden Neudefinition des Kulturbegriffs im Proze\u00df einer zu ver\u00e4ndernden, einer zielorientierten humanen Gesellschaft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-gegenentwuerfe-und-neue-perspektiven\">III. Gegenent&shy;w&uuml;rfe und neue Perspek&shy;tiven<\/span><\/h2>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"buergerliche-kultur-heute-schein-ohne-gesellschaftliche-wirklichkeit\">B&uuml;rgerliche Kultur heute: Schein ohne gesell&shy;schaft&shy;liche Wirklich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend unsere Feuilletons die sch\u00f6ne heile Welt unserer ,b\u00fcrgerlichen Kultur- noch in ihrer Kritik- weiterhin widerspiegeln (wozu sie durch Ereignisse unserer offizi\u00f6sen Kultur-St\u00e4tten: den Schauspielh\u00e4usern, Staatsopern, Balletten, Philharmonischen Orchestern, Landesmuseen, Nationalgalerien etc. auch hinreichend Anla\u00df haben), wei\u00df l\u00e4ngst jedermann: diese Kultur ist blo\u00dfer Schein ohne gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Welt des Adels und dann die des Hochb\u00fcrgertums, die diese Kultur hervorgebracht hat, existiert l\u00e4ngst nicht mehr. Die tradierte Kultur und das individuelle Bewu\u00dftsein stimmen nicht nur schon lange nicht mehr \u00fcberein, sondern klaffen immer weiter auseinander: unserem Erkenntnisstand, Sprachverm\u00f6gen und politischen Handlungs- und Erfahrungs-Spielraum entsprechen selbst aktualisierte Elemente jener Kultursph\u00e4ren nicht mehr. Sie ist in ihrer moralischen, intellektuellen und \u00e4sthetischen Gestalt f\u00fcr keine Gesellschaftsgruppe mehr relevant. Dar\u00fcber gibt es Demokratischer Sozialismus und gesellschaftsrelevante Kultur jedenfalls in Westeuropa keinen Zweifel mehr, w\u00e4hrend diese Kultur im Herrschaftsbereich des &#8222;entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems&#8221; als (scheinbar) entb\u00fcrgerlichtes Surrogat &#8222;humanistischen Erbes&#8221; neue marxistisch-leninistische gesellschaftliche Funktionen, ich meine: entpolitisierende \u00fcbernommen hat. Wer zieht politische Konsequenzen aus der Erkenntnis, da\u00df die in den st\u00e4dtischen Kunst-Institutionen festgeschriebene &#8222;Kultur&#8221; nicht gesellschaftsrelevant ist? Den Kultur-Produzierenden und -Reproduzierenden stellt sich diese Aufgabe kaum; aber die Kulturpolitiker h\u00e4tten schon darauf zu reagieren. Und, wenngleich der Mut zur gesellschaftspolitischen Konsequenz dazu fehlt (solcher Mut, der nicht selten aus Furcht der Sozialdemokraten vor den Repressionen b\u00fcrgerlicher Feuilletons unterbleibt und h\u00f6chstens als Mut des K\u00e4mmerers exekutiert wird), dr\u00e4ngen doch andererseits verst\u00e4rkt praktischpolitische Erkenntnisse, allerj\u00fcngst auch wieder beachtenswerte theoretische Entw\u00fcrfe und nicht zuletzt populare Sachzw\u00e4nge zur Ver\u00e4nderung, zu gesellschaftlicher Reaktion.<br \/>Anla\u00df genug, die herrschende Kulturpolitik radikal zu \u00e4ndern, ist nicht zuletzt die wachsende Bedeutung des Kulturbereichs f\u00fcr die Gesellschaftspolitik: immer weiter fortschreitende Technisierung, immens zunehmende frei verf\u00fcgbare Zeit immer gr\u00f6\u00dferer gesellschaftlicher Gruppen und die aus diesem Kontext bedingte k\u00fcnftige Auseinandersetzung im Verteilungskampf (wof\u00fcr notwendigerweise nicht nur strategisch politische, sondern auch kreative Energien, unter Aktivierung sozialer Phantasien, notwendig werden). Eine durchaus politisch resultierende alternative Kultur hat die der Bourgeois abzul\u00f6sen. Diese neue Kultur wird prim\u00e4r radikaldemokratisch qualifiziert sein m\u00fcssen. Dazu gibt es in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern Beispiele &#8211; die sich eng an die kommunikationstheoretischen Erkenntnisse sozialistisch-marxistischer Wissenschaftler anschlie\u00dfen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"demokratischer-sozialismus-und-gesellschaftsrelevante-kultur\">Demokra&shy;ti&shy;scher Sozialismus und gesell&shy;schafts&shy;re&shy;le&shy;vante Kultur<\/span><\/h2>\n<p>Seit Ende der sechziger Jahre gibt es auch bei uns eine linke kulturpolitische Debatte, die, wenngleich sie nicht gerade unter gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit gef\u00fchrt wurde, auch der Bundesrepublik neue Perspektiven setzte. Sie ist zwar l\u00e4ngst wieder- jedenfalls f\u00fcr die breite \u00d6ffentlichkeit- verstummt, doch wird sie von einigen Sozialdemokraten und Liberalen fortgef\u00fchrt, obgleich auch die allgemeine parteipolitische Resonanz nachgelassen hat (wer sie dennoch f\u00fchrt, nimmt inkauf, sich in seiner Partei als &#8222;Spinner&#8221; auf parlamentarische Hinterb\u00e4nke verziehen zu m\u00fcssen). Doch eines steht jedenfalls offenbar auch f\u00fcr Parteistrategen fest, jedenfalls soweit sie nicht ausschlie\u00dflich kleinb\u00fcrgerlich denken: im Zuge eines offensiver zu realisierenden demokratischen Sozialismus wird auch &#8222;Kultur&#8221; zu einem politischen Konstitutivum werden m\u00fcssen. Mit Namen wie Herbert Marcuse, Adorno und Habermas, \u00fcberhaupt den politisch-\u00e4sthetischen Beitr\u00e4gen aus dem Kreis der &#8222;Frankfurter Schule&#8221;, verbinden sich Konzepte einer gesellschaftsrelevanteren Kultur. War diese Debatte bislang weitgehend au\u00dferhalb des kulturpolitischen Aktionsfeldes angesiedelt, soda\u00df sie praktisch ohne Bedeutung blieb, so sind heute auch die Diskussionsbeitr\u00e4ge eines Marcuse (vgl. Konterrevolution und Revolte, 1973) und weitaus st\u00e4rker noch J\u00fcrgen Habermas&#8216; (allerj\u00fcngst: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, 1976) praxisorientierter. Hier liegen aus politisch-philosophischem Zusammenhang instrumentalisierbare Gedankenentw\u00fcrfe vor, die den soziokulturellen Bereich durchaus fruchtbar beeinflussen k\u00f6nnten.<br \/>Was beispielsweise Habermas mit Vorstellungen einer &#8222;sozialen Evolution&#8221; verbindet &#8211; bei ihm von der Kommunikationstheorie her problematisiert -&#8218; k\u00f6nnte durchaus f\u00fcr eine Herstellung von Kulturpolitik im \u00f6ffentlichen Raum hilfreich sein. Sein &#8222;Kultur&#8220;-Rekonstruktionsversuch k\u00f6nnte politischpraktische Folgen haben: &#8222;Kultur&#8221;, wie er sie versteht, ist nat\u00fcrlich nach wie vor &#8222;\u00dcberbauph\u00e4nomen, auch wenn sie beim \u00dcbergang zu neuen Entwicklungsniveaus eine Rolle zu spielen scheint, die prominenter ist als viele Marxisten bisher angenommen haben&#8221; (S 12). Diese bislang vernachl\u00e4ssigte &#8222;Prominenz&#8221; der Kultur sieht er aufgrund neuerer Erkenntnisse der Kommunikationstheorie anwachsen. Damit ist zweifellos ein wichtiger, k\u00fcnftig ma\u00dfgeblicher Theorie-Ansatz m\u00f6glich, durch den alter-native Kulturpolitik breiter tragbar w\u00e4re: &#8222;Kommunikation&#8221; als Basisbegriff zur Entwicklung eines &#8222;h\u00f6heren Niveaus&#8221; von Kunst! Das kann allerdings nur dann gelingen, wenn weitere gesellschaftliche Bedingungen gew\u00e4hrleistet sind:<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"bedingungen-fuer-eine-neue-gesellschaftliche-kultur\">Bedingungen f&uuml;r eine neue gesell&shy;schaft&shy;liche Kultur<\/span><\/h2>\n<p>e r s t e n s, wenn der Proze\u00df der Demokratisierung, den f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland das Grundgesetz verbindlich vorschreibt, und zwar in den Grundrecht-Artikeln, diese insbesondere in Verbindung mit Artikel 20 (der die herrschende b\u00fcrgerliche Kulturpolitik rechtlich nicht absichert), fortgef\u00fchrt wird;<br \/>z w e i t e n s&#8218; wenn praktische Chancen f\u00fcr Kreativit\u00e4ts-Innovationen f\u00fcr alle B\u00fcrger geboten werden, wie sie westeurop\u00e4ische Nachbarl\u00e4nder in der Korrektur des enggefa\u00dften b\u00fcrgerlichen Kulturbegriffes weitgehend schon entwickelt haben (vgl. die Europarats-Dokumentation von Finn Jor, &#8222;The De-Mystification of Culture&#8221;, Oslo 1976) und solche bei uns erst durch wenige, \u00f6ffentlich kaum gef\u00f6rderte Kommunikations- und Aktionszentren existieren;<br \/>d r i t t e n s, wenn eine angemessene, \u00f6ffentlich konstruktive Reaktion auf die empirischen Ergebnisse der &#8222;K\u00fcnstler-Enquete&#8221; der Bundesregierung (1975) erfolgt; hier war statistisch das &#8222;Kunst&#8220;-Interesse von 89% der B\u00fcrger nachgewiesen worden und diese Bed\u00fcrfnisse waren, j e differenziert, schwergewichtig im gesellschaftspolitischen Raum angesiedelt;<br \/>und schlie\u00dflich v i e r t e n s, wenn der Proze\u00df der Stadtsanierung unter Ber\u00fccksichtigung soziokultureller Gegebenheiten und topographisch-sozialer Bed\u00fcrfnisse energisch vorangetrieben wird; konkret unter dem \u00fcbergreifenden Lebensqualit\u00e4t-Kriterienkatalog so etwas wie &#8222;kollektive Identit\u00e4t&#8221; (Habermas) praktisch zu realisieren, wobei das Modell Bologna beispielhaft sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kommunikation-sozialisation-partizipation\">Kommunikation-Sozialisation-Partizipation<\/span><\/h2>\n<p>F\u00fcr den politsch-\u00e4sthetischen Emanzipationsproze\u00df w\u00e4ren daf\u00fcr Kommunikation, Sozialisation und Partizipation zu instrumentalisierende Voraussetzungen. Unter solchen sich jeweils bedingenden und politisch korrespondierenden Voraussetzungen w\u00e4ren &#8222;utopische&#8221; Vorstellungen keine &#8222;Hirngespinste&#8221; mehr, sondern real-utopisch durchaus praktizierbar. Ans\u00e4tze einer gesellschaftsrelevanten Kultur-Politik zu konkretisieren, w\u00fcrde durch folgende Ma\u00dfnahmen geschehen k\u00f6nnen:<br \/>&#8211;\u00a0Kommunikationsmodelle f\u00fcr vielf\u00e4ltige Interaktionsformen zu entwickeln, deren Strukturen durch alle Beteiligten in einem \u00f6ffentlichen Proze\u00df erprobt werden; diese w\u00e4ren weiterhin auf die Entwicklung einer Kommunikationskultur hin sukzessive zu qualifizieren und kritisch zu quantifizieren;<br \/>&#8211;\u00a0Partizipation als kommunale Aufgabe jeweils projektbezogen zu definieren, zu Selbst- und Kollektividentifikation zu disponieren und in konkrete Reflexions- und Aktions-Felder umzusetzen;<br \/>&#8211;\u00a0Sozialisationsm\u00f6glichkeiten milieubezogen anzubieten; insbesondere zum Abbau klassenspezifischer Sprachbarrieren und Abarbeitung urbaner Isolation.<br \/>Solche Kommunikation hat in den je spezifischen Topographien stattzufinden, um<br \/>&#8211;\u00a0Menschen zu helfen, ihre volle Mitbestimmung \u00fcber ihren Lebensraum durch eigene Aktivit\u00e4t zu gewinnen und<br \/>&#8211; Initiativen und Institutionen im Gemeinwesen zu schaffen, die die soziokulturelle Bildung f\u00f6rdern und auf die Umweltgestaltung konkreten Einflu\u00df haben.<br \/>Dazu bedarf es speziell, &#8211; also anders als f\u00fcr die \u00fcbliche Arbeit im kulturellen Feld, Ausgebildeter: weniger Selbstdarsteller und Individualisten als Animatoren, Moderatoren, Kulturdidaktiker. Derart Bef\u00e4higte m\u00fcssen Initiativen anregen und Aktivit\u00e4ten im sozio-kulturellen Bereich f\u00fcr andere durchf\u00fchren k\u00f6nnen und in der Lage sein, in Reflexion und Aktion sowohl die Bewu\u00dftseinsbildung zu f\u00f6rdern als auch die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungsprozesse wirksam voranzutreiben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kultur-als-politischeskonstitutivum\">Kultur als politisches&nbsp;Konsti&shy;tu&shy;tivum<\/span><\/h2>\n<p>Auch wenn sich der Proze\u00df der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung mit dem\u00a0 Ziel einer freien sozialistischen humanen Gesellschaft gegenw\u00e4rtig verlangsamt hat, bleibt sein Fortschritt umso dringlicher zu organisieren. Kultur als politisches Konstitutivum, in kulturpolitische konkrete Schritte umgesetzt, bietet daf\u00fcr Chancen; und diese sind ungemein viel gr\u00f6\u00dfer als angenommen wird, gerade weil sich gegenw\u00e4rtig kleinb\u00fcrgerliche Bed\u00fcrfnisse so sehr mit gegenreformerischen, tendenzwendlerischen Ma\u00dfnahmen zu verbinden scheinen.<br \/>Die Kultur neuer Lebenswelten entwickelt sich j a nicht aus dem hehren Idealismus reiner Ideen, sondern basiert auf realen sozialen Bed\u00fcrfnissen und greifbaren politischen Interessen. Das, was zumeist abwertend als Sub- oder Anti-Kultur bezeichnet wird, r\u00fcckt nicht ohne Grund immer deutlicher in den Vordergrund und die b\u00fcrgerliche Repr\u00e4sentationskultur entleert sich weiter. Das, was Margaret Mead &#8222;pr\u00e4figurativ&#8221; genannt hat, eine weniger individuell als durch kollektives Identifikationsbed\u00fcrfnis gepr\u00e4gte Kultur, hat wachsende politische Chancen. So hat sich trotz eines kaum zu \u00fcbertreffenden Zynismus seitens der journalistischen Vertreter einer &#8222;Welt des Geistes&#8221; die von ihnen diffamierte &#8222;proletische Kommunikation&#8221; (in Anspielung auf die Hamburg-Altonaische &#8222;Fabrik&#8221;) durchaus politisch weiter qualifizieren k\u00f6nnen, w\u00e4hrend dagegen Auff\u00fchrungen etwa in der hochfeinen Staatsoper immer mehr in den politisch unrelevanten Raum ger\u00fcckt sind.<br \/>&#8222;Ohne Utopie w\u00e4ren wir Lebewesen ohne Transzendenz&#8221;, hat Max Frisch in Frankfurt gesagt. Es gilt, Utopie in realutopische Strategien umzusetzen. Das wird ein langj\u00e4hrender politischer, kulturpolitischer Proze\u00df sein; mit dem Ziel: eines ferneren Tages \u00c4sthetik und Ethik als die zwei Seiten der gleichen Medaille &#8222;Kultur&#8221; f\u00fcr alle Menschen konkret erfahrbar zu machen.<br \/>Die Hoffnung auf eine solche Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft ist keine Illusion!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2397],"publikationen":[1313],"class_list":["post-12219","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-olaf-schwencke","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Rolle der Kultur in der Bundesrepublik Deutschland - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/die-rolle-der-kultur-in-der-bundesrepublik-deutschland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Rolle der Kultur in der Bundesrepublik Deutschland - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976) S. 39-55 I. 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