{"id":12222,"date":"1970-05-16T10:53:00","date_gmt":"1970-05-16T09:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-situation-der-frauen-in-der-bundesrepublik\/"},"modified":"1970-05-16T12:00:00","modified_gmt":"1970-05-16T11:00:00","slug":"die-situation-der-frauen-in-der-bundesrepublik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/05-1966\/publikation\/die-situation-der-frauen-in-der-bundesrepublik\/","title":{"rendered":"Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 05\/1966, S. 199-207<\/p>\n<p>Im vorigen Herbst erschien im List-Verlag M\u00fcnchen ein Buch, das zun\u00e4chst Neugier, dann Verbl\u00fcffung und nicht selten Spottlust weckte. Leserinnen, die es begr\u00fc\u00dft h\u00e4tten, eine geistvolle Utopistin unter der stattlichen Reihe international anerkannter Schrift-stellerinnen dieses Jahrhunderts zu wissen, legten es nach der Lekt\u00fcre ver\u00e4rgert beiseite. Zumindest k\u00f6nnen sie es nicht als ernstzunehmenden Beweis heranziehen, wenn sie sich gegen beliebte Klischees \u00fcber die weibliche Intelligenz verwahren wollen. Unter anderen gegen dieses: Die Verstandeskr\u00e4fte der Frauen w\u00fcrden nur durch N\u00e4chstliegendes in Bewegung gesetzt,&#8230; um k\u00fchne Gedankenb\u00f6gen ins M\u00f6gliche zu schlagen, seien sie zu erd- und objektbezogen. &#8230; Der Titel des vielversprechenden Werkchens lautet Aufstieg der Frau &#8211; Abstieg des Mannes? Die Verfasserin ist die j\u00fcngste Tochter Thomas Manns Elisabeth Mann Borgese. Wenn ihr Inhaltsverzeichnis auch die Kassandrarufe jener neu beleben kann, die bef\u00fcrchten, die industrielle Massengesellschaft und die Fraueneman-zipation f\u00f6rderten zwangsl\u00e4ufig das Matriarchat der Inhalt des Buches selbst wird das Erschrecken vor solchen Zwangsl\u00e4ufigkeiten d\u00e4mpfen. Und zwar durch die erstaunlich eingleisige Beweisf\u00fchrung der Autorin, die, gest\u00fctzt auf Tatbest\u00e4nde aus der Biologie (vom Protozoon \u00fcber Ringelwurm und Meerschnecke bis zum afrikanischen Springbock!) eine Affinit\u00e4t zwischen dem Kollektiven und dem Weiblichen aufzeigt, um aus dieser die &#132;nat\u00fcrliche&#8220; Entwicklung zur Frauenherrschaft in der Gesellschaft von Morgen abzuleiten. Wie sich Frau Borgese eine solche in ihrem &#132;eigenen Utopia&#8220;<\/p>\n<p>vorstellt, ist weniger originell als komisch.<\/p>\n<p>Zweifellos dr\u00e4ngt sich hier die Frage auf: Was hat ein offenbar nicht allzu geistreiches weibliches Utopia mit dem gesellschaftlichen Status der Frauen in der Bundesrepublik zu tun? Wetterleuchtet in jenem immerhin das bei uns heraufziehende Matriarchat? Kaum, aber der literarische &#132;Aufstieg der Frau&#8220; ist ein Symptom schlechthin. Nicht f\u00fcr zu<\/p>\n<p>Erwartendes, sondern f\u00fcr die hier und jetzt gelebte Umbruchssituation der emanzipierten Frau.<\/p>\n<p>Auf diese Umbruchs- oder \u00dcbergangssituation machen Soziologen, Psychologen, \u00c4rzte und Wirtschaftswissenschafter seit zwei Jahrzehnten immer h\u00e4ufiger aufmerksam. Von welchem geographischen, fachlichen oder geistigen Standort aus sie sie auch analysieren, da\u00df sie reich an inneren Konflikten&#8220; ist, dar\u00fcber sind sie sich einig. Alwa Myrdal und Viola Klein (Die Doppelrolle der Frau in Beruf und Familie, 1960) unterstreichen diese Feststellung mit folgenden S\u00e4tzen:<\/p>\n<p>&#132;&#8230;Die traditionellen Normen der Lebensf\u00fchrung existieren nicht mehr und sind noch nicht durch neue ersetzt worden. Die Frau kann heute nicht mehr sicher sein, was man von ihr erwartet. Es gibt nicht mehr eine anerkannte weibliche Rolle, nach der man leben kann, sondern eine Anzahl widersprechen-der Modelle, die schwer nebeneinander bestehen.&#8220; Die hier angedeutete Unsicherheit weiblichen Bewu\u00dftseins schl\u00e4gt sich &#8211; wie in anderen Konfliktsituationen auch &#8211; nicht selten in Emotionen nieder. Der katholische Autor Joachim Bodamer beklagt zum Beispiel die &#132;chronisch gewordene weibliche Skepsis gegen den Mann&#8220; in seiner ebenfalls 1960 erschienenen gesellschaftskritischen Studie Der Mann von heute. Auch Elisabeth Borgeses Utopia wurzelt in einer Emotion, richtiger: in einer Verwundung, die sie sich durch ein ihre Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit abwertendes Kindheitserlebnis zuzog.<\/p>\n<p>&#132;&#8230;Mit dem Gehirn wuchs auch die Wunde.. .&#8220;, bekennt sie und diese schlo\u00df sich erst,<\/p>\n<p>als sie ihr Buch \u00fcber die zuk\u00fcnftige Frauenherrschaft &#8211; f\u00fcr das sie zwanzig Jahre lang Material bearbeitete &#8211; vollendet hatte. Etwas zu sensationell, werden selbst Verst\u00e4ndnisvolle hier kopfsch\u00fcttelnd einwenden. Aber nicht das Peinliche der Selbsttherapie ist f\u00fcr ein Thema \u00fcber die Lage der Frauen in der Bundesrepublik von Belang, sondern das Peinigende oder doch qu\u00e4lend Beunruhigende, das jenes verursachte. Und dieses ist &#151; um es nochmals zu betonen &#8211; eine psychische und intellektuelle Auswirkung jener Umbruchssituation, die von einer nicht zu untersch\u00e4tzenden Zahl von Frauen in Amerika und Europa, aber auch in Asien und Afrika reflektierend, rebellierend oder passiv gelebt wird. Statistische Erhebungen und medizinische<\/p>\n<p>Untersuchungen, die in den letzten Jahren in Ostblockstaaten, vor allem in Polen, ver\u00f6ffentlicht wurden, lassen darauf schlie\u00dfen, da\u00df ihre gesellschaftspolitische wie ihre individuelle Problematik auch im kommunistischen Bereich nicht unbekannt blieb. Das ist insofern gewichtig, als in den kommunistisch regierten Staaten die weibliche Gleich-berechtigung weitaus entschlossener und gerechter verwirklicht wird (man denke nur an die gro\u00dfz\u00fcgigen Mutterschutzbestimmungen Jugoslawiens oder an den hohen Prozentsatz weiblicher Hochschullehrer in der UdSSR: 20-30 %) als in westlichen oder westlich orientierten Staaten, einschlie\u00dflich jener mit wohlhabenden Konsumgesellschaften.<\/p>\n<p>Eins der nicht zu besch\u00f6nigenden, wenn auch historisch erkl\u00e4rlichen Merkmale dieser \u00dcbergangssituation ist die Konfliktstoffe sammelnde Kluft zwischen den gesetzlich verb\u00fcrgten Rechten der Frauen und deren Verwirklichung, genauer: zwischen der in den Verfassungen fixierten Gleichberechtigung (es gibt auf dem Erdball nur noch neun Staaten, die das Frauenwahlrecht nicht einf\u00fchrten) und ihrer dem gesellschaftlichen Strukturwandel angemessenen Praktizierung. Da\u00df man es sich nicht l\u00e4nger leisten kann, sie mit betulichen Phrasen und \u00fcberholten Vor-urteilen zuzudecken, belegen drei einflu\u00dfnehmende internationale Kongresse aus dem vorigen Jahr: dem das &#132;Inter-nationalen Bundes freier Gewerkschaften\u00ab in Amsterdam, der &#132;Internationalen Arbeitskonferenz&#8220; in Genf und der &#132;Frauenrechtskommission der U1V&#8220; in Teheran. Die Diskussionen und Beschl\u00fcsse dieser sich durch einen n\u00fcchternen Realit\u00e4tssinn auszeichnenden Tagungen gingen von der Kalkulation aus, da\u00df der Lebensstandard aller nur gehoben werden kann, wenn auch die Frauen erwerbs- und berufst\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Die Freien Gewerkschaften verfa\u00dften zum erstenmal seit ihrem Bestehen eine &#132;Charta \u00fcber die Rechte der berufst\u00e4tigen Frau&#8220;. Sie hat unter Punkt 6 folgenden Wortlaut: &#132;Der Zugang zu den gehobenen Positionen mu\u00df auf allen Gebieten zu gleichen Bedingungen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen offenstehen. Der Mutterschutz darf die Frau nicht in ihren Rechten auf Aufstieg benachteiligen.&#8220; Diese S\u00e4tze beinhalten zwei weitere in der &#132;Charta&#8220; enthaltene Forderungen: die nach gleicher Schul- und Berufsausbildung von Jungen und M\u00e4dchen, die, wie wir aus den kritischen Stellungnahmen zum Bildungsnotstand in der Bundesrepublik wissen, selbst in &#132;entwickelten&#8220; Industriestaaten keineswegs eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind, und das Recht der Frau auf Arbeit auch in Krisenzeiten. Andere Punkte umrissen Empfehlungen zur &#132;Teilzeitarbeit f\u00fcr Frauen&#8220; und f\u00fcr deren &#132;Wieder-<\/p>\n<p>eingliederung in den Arbeitsproze\u00df&#8220;, wenn sie von ihren Familienpflichten nicht mehr voll beansprucht werden.<\/p>\n<p>Hinter dem zuletzt genannten Punkt stehen die besonders von Alwa Myrdal und Viola Klein ausgearbeiteten Vorschl\u00e4ge, das Leben der Frauen den ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnissen der Familie und der erh\u00f6hten Lebenserwartung beider Geschlechter entsprechend, in drei Phasen zu planen: Ausbildung und Berufsarbeit vor der Ehe; Ehe und Familie; Wiederaufnahme einer au\u00dferh\u00e4uslichen Berufst\u00e4tigkeit mit (ungef\u00e4hr) dem 45. Lebensjahr. (Zu den hier gemeinten ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnissen geh\u00f6rt die heutige Kleinfamilie mit der technisierten Haushaltsf\u00fchrung und vorfabrizierten Nahrungsmitteln anstelle der vorindustriellen, autarken Gro\u00dffamilie. W\u00e4hrend 1850 noch die H\u00e4lfte der Frauen unter 45 Jahren starb, erreichen sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts durchschnittlich das Lebens-alter von 72 Jahren.)<\/p>\n<p>Die sich \u00fcber drei Wochen erstreckenden Beratungen der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf, an der 60 Regierungsvertreter, 27 Vertreter der Arbeitgeber und 40 Arbeitnehmer teilnahmen, kreisten im wesentlichen um die gleichen Anspr\u00fcche wie die der Freien Gewerkschaften. Aus den Tagungsprotokollen des Kongresses von Amsterdam wie aus dem von Genf wird zweierlei ersichtlich: Da\u00df die mit der in allen Erdteilen zunehmenden bezahlten weiblichen Arbeit einhergehenden und Umdenken erzwing-enden gesellschaftspolitischen Aufgaben in den einzelnen Staaten zwar unterschiedliche L\u00f6sungen erfordern (in Ghana, Tunesien oder Bulgarien andere als in Schweden und in den USA usf.), da\u00df aber das Rechtsbewu\u00dftsein, aus dem diese L\u00f6sungen gefunden werden m\u00fcssen, von New York bis Tokio und Stockholm bis Lagos das-selbe zum Durchbruch dr\u00e4ngende ist. Der evangelische Theologe Hermann Ringeling umri\u00df es in seinem Buch Die Frau zwischen gestern und morgen (1962) unmi\u00dfverst\u00e4ndlich. Er schrieb: &#132;Es steht uns nicht zu, die Frau auf eine Rolle festzulegen. Wer sich von einem Menschen ein Bild macht und ihn danach behandelt und einreihen will, hat ihn auf eine Momentaufnahme fixiert, die in Wahrheit nie von geschichtlicher Dauer ist. Er verwehrt ihm die Zukunft. Und er tut Unrecht &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wie au\u00dfergew\u00f6hnlich eine solche Stellungnahme in der Bundesrepublik ist, wird in<\/p>\n<p>folgendem deutlich werden. Da\u00df die in ihr ausgesprochene Erkenntnis bei uns nur l\u00fcckenhaft verbreitet ist, bezeugen zahlreiche Indizien. Besch\u00e4mende, emp\u00f6rende und l\u00e4cherliche. Wie bundesdeutsch-selbstgerecht man diesen Tatbestand verdr\u00e4ngen kann, obwohl die Vertrautheit mit der Materie das eigentlich verbieten m\u00fc\u00dfte, vermag der Bericht der Leiterin des Frauenreferates im Innenministerium in Bonn, Dr. Dorothea Frandsens \u00fcber die vier Wochen dauernde Tagung der Frauenrechtskommission der<\/p>\n<p>UN in Teheran andeutungsweise zu illustrieren (erschienen in den &#132;Informationen f\u00fcr die Frau&#8220;, Bonn, Jahrgang 14, Heft 10). Beredt sind in ihm die Akzentsetzungen und regierungstreuen Aussparungen. Auf dieser Konferenz konzentrierten sich die Beratungen und Beschl\u00fcsse auf die allgemeine Rechtslage der Emanzipierten oder sich Emanzipierenden. Als Punkt 1 standen die &#132;Politischen Rechte der Frau&#8220; auf dem Tagungsprogramm. Frau Frandsen teilt mit, da\u00df die UdSSR zwar die st\u00e4rkste Vertretergruppe nach Persien entsandt hatte, die Diskussionen dort jedoch vor allem durch die \u00fcberraschend sachkundigen Beitr\u00e4ge der Delegierten aus Afrika und Asien belebt wurden. (Nach einem bestimmten Turnus nahmen 20 Mitgliederstaaten der UN an der Konferenz teil, unter ihnen Ghana, Guinea, Sierra Leone, China, Formosa, Nepal und die Phillipinen.). Als Verhandlungsleiterin zeichnete sich eine Rechtsanw\u00e4ltin von den Phillipinen aus. Der Bericht der deutschen Beobachterin (ebenso wie Japan kann auch die Bundesrepublik auf Tagungen einer Organisation der UN nur durch Beobachter pr\u00e4sent sein) l\u00e4\u00dft vermuten, da\u00df Frau Frandsen drei in Teheran gewonnene Eindr\u00fccke besonders bewegten: Die glanzvolle Unterst\u00fctzung, die den Delegierten vom Pfauenthron herab zuteil wurde (sich manifestierend in Gartenfesten und Soireen), das (wiederholt von ihr hervorgehobene) Wohlverhalten der Vertretergruppen aus dem Ostblock, die sich &#132;stets loyal in den Gang der Verhandlungen einf\u00fcgten&#8220;, und das Fehlen von &#132;Schrittmachern auf dem Gebiete der Frauenemanzipation&#8220; (aus Europa waren nur \u00d6sterreich, England und Frankreich vertreten). Beim Zuletzterw\u00e4hnten wird un\u00fcberh\u00f6rbar, da\u00df sie zu den abwesenden europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die in der Frauenbewegung &#132;\u00fcber Erfahrungen&#8220; verf\u00fcgen, &#132;die sich in einer Zeitspanne von mehr als hundert Jahren gebildet haben&#8220;, die Bundesrepublik z\u00e4hlt und da\u00df sie die verhinderte Weitergabe von deren Erfahrungen um ihrer anregenden Vorbildlichkeit willen bedauert. Die Ministerialr\u00e4tin aus Bonn, in deren Ressort die seit 1962 verschleppte Deutsche Frauen-Enquete f\u00e4llt, scheint die Lage der Frauen in der Bundesrepublik g\u00fcnstig zu beurteilen. Gemessen an internationalen Ma\u00dfst\u00e4ben oder an unseren wirtschaftlichen und zivilisatorischen Erfolgspegeln ist sie aber weder zeitgem\u00e4\u00df, geschweige denn beispielhaft.<\/p>\n<p>Die ideenreiche und beeinflussende Phase der &#132;Schrittmacher&#8220; starb in Deutschland schon in den fr\u00fchen zwanziger Jahren ab. Diese bis heute, jedenfalls in Westdeutschland nachwirkende historische Tatsache wurde nicht nur von einer Pionierin der deutschen Frauenbewegung, von Agnes von Zahn-Harnack 1928 (Die Frauenbewegung) nicht ohne Bitterkeit festgestellt, sondern auch von anderen &#132;unbeteiligteren&#8220; Autoren.<\/p>\n<p>Beispielsweise von Werner Th\u00f6nnessen in seiner 1959 ver\u00f6ffentlichten Brosch\u00fcre<\/p>\n<p>Die Frauenemanzipation in Politik und Literatur der Deutschen Sozialdemokratie<\/p>\n<p>(1865-1933). Die Nachwirkungen des verlorenen Krieges, Inflation, Arbeitslosigkeit und die innerpolitische Selbstzerfleischung in der Weimarer Republik lie\u00dfen die hoffnungs-vollen Ans\u00e4tze zur Gleichberechtigung fr\u00fchzeitig verdorren. Sie war :schon in den Jahren vor 1933 von Resignation und Apathie gezeichnet, obwohl die Politikerinnen, die seit 1920 im Reichstag sa\u00dfen (in der Nationalversammlung von 1919 waren sie mit 9%, im 1. Reichstag 1920 mit 8%, 1924 mit 6%, zwischen 1933 und 1945 in den Parlamenten gar nicht mehr vertreten), einige der seit zwanzig .Jahren von den verschiedenen Sezessionen der Frauenbewegung ausgearbeiteten Vorschl\u00e4ge verwirklichen konnten. Ihnen sind u. a. die &#132;Mutterschutzabkommen&#8220; seit 1919, das &#132; Jugendwohlfahrtsgesetz&#8220;, das &#132; Jugendgerichtsgesetz&#8220;, die &#132;Lex Behm&#8220; und das &#132;Gesetz zur Bek\u00e4mpfung der Geschlechtskrankheiten&#8220; (anstelle der alten Reglementsvorschriften) zu verdanken. Es gelang ihnen auch, gegen hartn\u00e4ckigen Widerstand durchzusetzen, da\u00df die seit 1908<\/p>\n<p>endlich an deutschen Hochschulen studieren d\u00fcrfenden P\u00e4dagoginnen, Medizinerinnen, Sozialwissenschafterinnen und Juristinnen zur Habilitation zugelassen wurden und<\/p>\n<p>da\u00df ab 1922 Frauen alle Rechtsberufe aus\u00fcben und Geschworene werden durften.<\/p>\n<p>Trotz dieser Erfolge war ihr Einflu\u00df, verglichen mit ihrem Einsatz und ihren berechtig-ten Hoffnungen, sp\u00e4rlich. Die Frauen stie\u00dfen &#8211; schreibt Agnes von Zahn-Harnack &#8211;<\/p>\n<p>in ihrer neuen Umwelt, das hei\u00dft in allen Institutionen, die man ihnen ge\u00f6ffnet hatte,<\/p>\n<p>auf die gleichen Vorurteile wie vor dem ersten Weltkrieg. Das Res\u00fcmee der sachlich berichten-den Frauenrechtlerin wird von einer deprimierenden Vielzahl von Beispielen bekr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>\u3000<\/p>\n<p>\u3000<\/p>\n<p>Um die Widerst\u00e4nde, gegen die sich die eben mit neuen Rechten und Pflichten Ausg-estatteten durchsetzen mu\u00dften, wenigstens anzudeuten, sei der 1921 gefa\u00dfte Beschlu\u00df<\/p>\n<p>des Richtertages von Leipzig, der die weibliche Zulassung zu allen Rechtsberufen vereiteln sollte, hier wiedergegeben. Er lautete: &#132;1. Die Frau ist zum Berufsrichter ungeeignet; 2. als Laienrichter in Strafsachen (Schwurgerichte und Sch\u00f6ffengerichte) ist die Frau ungeeignet. Sie ist daher auch in Strafsachen gegen jugendliche Angeklagte im Alter von 14-18 Jahren ungeeignet. Die Mitwirkung der Frau in diesen Strafsachen ist allerdings erw\u00fcnscht und ist durch Zuziehung der Frau als sachverst\u00e4ndige Beraterin mit besonderen weitgehenden prozessualen Rechten sicherzustellen. 3. Dagegen bestehen keine Bedenken, die Frau au\u00dfer-halb der Strafrechtspflege auf gewissen Gebieten (bei Arbeitsrecht, Milit\u00e4rhinterbliebenenversorgung) als Laienrichterin zuzuziehen, wo es<\/p>\n<p>sich um Verhandlungsgegenst\u00e4nde handelt, die f\u00fcr das Gef\u00fchlsleben mehr indifferent sind.&#8220;<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird der Leser hier einwenden: Zeugnisse f\u00fcr eine derart bornierte Ignoranz der geschlechtsneutralen Intelligenz des Menschen lie\u00dfen sich vierzig oder<\/p>\n<p>f\u00fcnfzig Jahre nach jenem fatalen Richter-Urteil nun denn doch so leicht nicht &#8211; jedenfalls nicht aus Akademikermund &#8211; mehr finden. Der einen solchen Einwand bef\u00fcrwortende Optimismus \u00fcber die Lebensdauer von Vorurteilen ist verfr\u00fcht. Ganz \u00e4hnliche Zeugnisse liegen seit 1960 sogar gesammelt vor und zwar in der dickleibigen Untersuchung Probleme der Deutschen Universit\u00e4ten von Hans Anger (Mohr-Siebeck, T\u00fcbingen).<\/p>\n<p>Sie l\u00f6sten bei den Frauen manche Heiterkeit aus was einmal beweist, da\u00df der &#132;chronisch gewordenen&#8220; weiblichen Skepsis gegen den Mann einige Prisen Humor beigemischt sind, und zum anderen, da\u00df das Selbstbewu\u00dftsein der Frauen seit der Jahrhundertwende doch Fortschritte gemacht hat. Die unerschrockenen K\u00e4mpferinnen f\u00fcr die Emanzipation wurden &#8211; gezwungenerma\u00dfen &#8211; noch zornig.<\/p>\n<p>Hans Anger interviewte Hochschullehrer an zwei deutschen Universit\u00e4ten \u00fcber ihre<\/p>\n<p>Beurteilung der Studentin und Dozentin. Anhand der Pr\u00fcfungsergebnisse stellte sich heraus, da\u00df &#132;die bei jeder psychologischen Testpr\u00fcfung eindeutig nachweisbare Streu-ung der individuellen Begabungsdifferenzen in jedem Falle erheblich gr\u00f6\u00dfer ist als die nach wie vor umstrittenen durchschnittlichen Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Mit Sicherheit l\u00e4\u00dft sich daher sagen, da\u00df das Geschlecht kein geeignetes Auswahlkriterium darstellt&#8220;, und da\u00df &#132;sich heute schon mit Bestimmtheit sagen&#8220; lie\u00dfe, &#132;da\u00df die traditionelle Annahme einer gleichsam naturbedingten geistigen Inferiorit\u00e4t<\/p>\n<p>der Frauen. . . jeder empirischen gesicherten Grundlage entbehrt&#8220;.<\/p>\n<p>Dieses sachlich begr\u00fcndete Resultat der Interviews steht\u00b4in einem befremdenden Widerspruch zu den Urteilen &#8211; richtiger: Meinungen &#8211; der befragten Professoren und Dozenten. \u00dcber die Motive ausgeforscht, aufgrund deren M\u00e4dchen und M\u00e4nner studieren, wurden Antworten dieser Qualit\u00e4t erteilt: &#132;Wenn sie (die Studentin) nicht h\u00fcbsch genug ist, um mit Sicherheit Heiratsaussichten zu haben, geht sie auf die Universit\u00e4t. Das zeigt sich daran, da\u00df wir nur sehr wenige h\u00fcbsche Studentinnen haben.&#8220; Oder: &#132;Weibliche Hochschullehrer sind immer h\u00e4\u00dflich, wenn sie h\u00fcbsch w\u00e4ren, w\u00e4ren sie geheiratet worden.&#8220; &#8211; Nach den Leistungen und F\u00e4higkeiten der Studentin um Auskunft gebeten, bekam Hans Anger zu h\u00f6ren: &#132;Die Studentin ist meist besonders<\/p>\n<p>flei\u00dfig, sie leistet darum in blo\u00dfen Ged\u00e4chtnisdingen mehr als der Student, aber wenn es auf das Wesentliche ankommt, kann sie nicht mehr mit.&#8220; Die Begabung f\u00fcr das Wesen-tliche vermi\u00dft hier ein Theologe.<\/p>\n<p>Einige Juristen gaben zu, da\u00df die Frauen bei ihnen &#132;an der Spitze&#8220; st\u00e4nden, doch das gehe auf eine &#132;hier vorherrschende Elite&#8220; zur\u00fcck. Ein Naturwissenschafter fa\u00dft indes seine Erfahrungen dahin zusammen: &#132;Bei den M\u00e4dchen ist es viel seltener zu beobach-ten, da\u00df sie deduktiv formalen Gedankeng\u00e4ngen gewachsen sind&#8220;, und die Philologen beklagen deren mangelhaften Sinn f\u00fcr Geschichte. Die Mediziner endlich fanden die Durchschnittsleistungen der Frauen &#132;infolge ihres Flei\u00dfes&#8220; h\u00f6her als die der M\u00e4nner, konnten sich jedoch bis auf eine Ausnahme nicht darauf besinnen, jemals Spitzen-leistungen in ihrem Fach erlebt zu haben. &#8211; Die Einstellung eines Lehrk\u00f6rpers zum Frauenstudium ergab folgende Prozentzahlen: 4 %: positiv &#8211; 15 %: bedingt positiv &#8211; 40 %: bedingt negativ &#8211; 24 %: grunds\u00e4tzlich ablehnend &#8211; 17 %: unklar. &#8211; Anger schreibt zu dem Ergebnis seiner Interviews u. a. &#132;Auff\u00e4llig ist nun, da\u00df Professoren, die nach eigener Aussage \u00fcber keinerlei Erfahrungen mit Studentinnen und Dozentinnen verf\u00fcgen, niemals eine positive oder bedingt positive Stellungnahme zum Frauenstudium oder zum Problem des weiblichen Hochschullehrers abgaben, und das Gleiche gilt f\u00fcr jene, die bei der Beantwortung unserer Fragen nur im Singular \u00fcber die Frau oder das Wesen des Weibes sprachen&#8230; Besonders zahlreich fanden sich positive Einstellungen unter jenen Befragten, die sich ausdr\u00fccklich auf eigene Erfahrungen mit Studentinnen (&#8230;) oder Dozentinnen (&#8230;) beriefen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Bundestagsdrucksache IV\/3023 von 1965 verzeichnet eine Kleine Anfrage der<\/p>\n<p>Abgeordneten Frau Dr. Diemer-Nikolaus, Frau Funke u. a. \u00fcber die Zahl der Frauen<\/p>\n<p>und ihre Funktionen an den wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik. Aus der Antwort des vorigen Bundesministers f\u00fcr wissenschaftliche Forschung erfuhr man (Bundesdrucksache IV\/3093), da\u00df es nach der amtlichen Statistik: 1960 im Gesamt-lehrk\u00f6rper mit 6407 Personen 147 Frauen gab (d. h. unter den ordentlichen, au\u00dfer-ordentlichen, planm\u00e4\u00dfigen Professoren und Dozenten). Von diesen 147 hatten 18 einen Lehrstuhl (0,76 %). 129 waren habilitierte Nichtordinarien (3,5 %). Nach nichtamtlich-<\/p>\n<p>en Statistiken (des Dt. Akademikerinnenbundes) ist die Zahl der weiblichen Lehrstuhl-inhaber allerdings von Ende 1960 bis 1964 auf 32 und die Zahl der Frauen im Gesamt-lehrk\u00f6rper auf 184 gestiegen. Trotz dieses erfreulichen Zuwachses liegen die Zahlen alarmierend unter jenen anderer westlicher L\u00e4nder und den USA (z. B. Italiens, \u00d6sterreichs, Englands), von dem schon genannten ungleich g\u00fcnstigeren Proporz in<\/p>\n<p>den Ostblockstaaten ganz zu schweigen. Wenn man auch ber\u00fccksichtigen mu\u00df, da\u00df<\/p>\n<p>die Akademikerinnen in der zweiten H\u00e4lfte dieses Jahrhunderts \u00f6fter heiraten als die<\/p>\n<p>der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre und die \u00e4lteren unter ihnen die eingeschlagene wissenschaftliche Laufbahn nicht weiterverfolgen konnten, weil sie nach 1945 als Witwen zur\u00fcckblieben, die f\u00fcr den Unterhalt ihrer Kinder sorgen mu\u00dften, so wird<\/p>\n<p>damit noch nicht hinreichend erkl\u00e4rt, warum es in anderen westlichen und \u00f6stlichen L\u00e4ndern mehr Hochschullehrerinnen gibt als bei uns.<\/p>\n<p>Nach den Ergebnissen der Interviews von Hans Anger sind die ausschlaggebenden<\/p>\n<p>Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Tatbestand nur von jenen zu \u00fcbersehen, die sie \u00fcbersehen wollen.<\/p>\n<p>Um diese Feststellung zu erh\u00e4rten, seien noch drei von Anger festgehaltene Begr\u00fcn-dungen f\u00fcr die Seltenheit deutscher Lehrstuhlinhaberinnen zitiert. Ein Ordinarius hielt folgende f\u00fcr ausreichend: &#132;Die akademische T\u00e4tigkeit ist eine vorwiegend abstrakte und liegt deshalb der Frau nicht so; auch die intellektuellen Beziehungsverkn\u00fcpfungen liegen ihr nicht. Die Notwendigkeit der Autorit\u00e4t mag der Frau auch Schwierigkeiten bereiten.<\/p>\n<p>Der Mann kann bis ins hohe Alter hinein eine intellektuelle Steigerung erfahren. Aber die Frau neigt bei wachsendem Alter zur Ruhe und Se\u00dfhaftigkeit&#8230; Aber auch physisch ist der Beruf zu anstrengend, deshalb haben wir kein Angebot von seiten der Frauen&#8220; (!!!). Ein anderer Ordinarius lehnte die Hochschullehrerin mit der unwirschen Bemer-<\/p>\n<p>kung ab: &#132;Die kluge Frau exponiert sich nicht &#8230;&#8220; Und ein dritter: &#132;Die Frau basiert zu sehr auf dem Gef\u00fchlsleben. Dies ist auf der Universit\u00e4t aber v\u00f6llig ausgemerzt. Deshalb gibt es dort keinen Platz f\u00fcr Frauen. ..&#8220; &#8211; Bei dieser Argumentation kann man sich der Anmerkung kaum enthalten: In den Audienzzimmern deutscher Universit\u00e4tsprofessoren scheint das Gef\u00fchlsleben nicht ausgemerzt zu sein. Zwischen ihren mit Fachliteratur, Sonder-drucken aus aller Welt und nicht selten mit hochempfindlichen Apparaturen<\/p>\n<p>versehenen vier W\u00e4nden geistert ein, &#132;von der Erfahrung fast unabh\u00e4ngiges und z. T. sogar durch kontr\u00e4re Erfahrungen nicht korrigiertes Bild&#8220; (Anger) von der Frau und deren negativer Beziehung zur Wissenschaft, ja zum Geistigen schlechthin, das man aus der Epoche der &#132;Puppenheime&#8220; konservierte.<\/p>\n<p>Als Helene Lange 1887 die ber\u00fchmt gewordenen &#132;Berliner Lehrkurse&#8220; einrichtete, um junge M\u00e4dchen zum Abitur und Studium im Ausland (Frauen wie Ricarda Huch, Elisabeth L\u00fcders u. a. promovierten in Z\u00fcrich) vorzubereiten, gaben einige Oberlehrer, die<\/p>\n<p>der weiblichen Jugend entr\u00fcstet den Besuch ihrer Schulen verweigerten, auf einer P\u00e4dagogentagung in Weimar ihrem Wohlwollen gegen-\u00fcber der zu erweiternden Frauenbildung in markigen S\u00e4tzen wie diesen Ausdruck: &#132;Es gilt, dem Weibe eine der Geistesbildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und der Interessen ebenb\u00fcrtige Bildung zu erm\u00f6glichen, damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsich-tigkeit und Engstirnigkeit seiner Frau am h\u00e4uslichen Herde gelangweilt und in seiner Hingabe an h\u00f6here Interessen gel\u00e4hmt werde &#8230; &#8211; Viel weiter scheint eine schwer zu sch\u00e4tzende, aber gewi\u00df nicht zu untersch\u00e4tzende Anzahl deutscher Professoren drei-viertel Jahrhundert sp\u00e4ter noch immer nicht gehen zu wollen. Zwar wird man nach zwei, die bildungsb\u00fcrgerlichen Wertmodelle untergrabenden Weltkriegen auf die technische und wissenschaftliche Assistentin kaum verzichten wollen, l\u00e4\u00dft wohl auch die Lekto-<\/p>\n<p>rin in den m\u00e4nnlichen Hochschulreservaten passieren, aber in den oberen R\u00e4ngen der bundesdeutschen Universit\u00e4tshierarchien (die Gastprofessoren von \u00dcbersee wie jene aus den Entwicklungsl\u00e4ndern museal anmuten) werden Frauen nach den zweifellos repr\u00e4sentativen &#132;Urteilen&#8220;, die Hans Anger aufzeichnete, nur ungern oder nur als<\/p>\n<p>geniale Ausnahmef\u00e4lle geduldet.<\/p>\n<p>Man mu\u00df sich nach der Kenntnis jener Dozentenaussagen allerdings fragen, ob<\/p>\n<p>\u00fcberragende weibliche Begabung an deutschen Hochschulen \u00fcberhaupt gedeihen kann und wenn, ob man sie wahrnehmen und ermutigen w\u00fcrde. Man braucht nicht gerade mi\u00dftrauisch veranlagt zu sein, um zu bef\u00fcrchten, da\u00df die Voreingenommenheit, die die Interviews zu Tage f\u00f6rderten, sich auch in Seminaren und Gutachter- und Berufungs-konferenzen beredt niederschl\u00e4gt. Oder sind vorz\u00fcglich die bundesdeutschen Frauen<\/p>\n<p>mit seelenvoller Beschr\u00e4nktheit geschlagen? Andernorts ist das weibliche Hirn &#132;deduktiv formalen Gedankeng\u00e4ngen gewachsen.&#8220; 1964 wurde die Oxforder Professorin Dorothy Crowfort Hodkins (3 Kinder, 3 Enkel!) vierte Nobelpreistr\u00e4gerin in den Naturwissenschaften (Chemie). Ein Jahr vorher erhielt die Amerikanerin Maria Goeppert-Mayer die gleiche Auszeichnung f\u00fcr Physik. 1965 wurde Professor Dr. Ing. Liselotte Herforth (Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Isotope) Rektorin der Technischen Hochschule in Dresden und Professor Rachel Shadons Vizepr\u00e4sidentin der TH in Haifa (Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Baustoffe). Die Direktorin des Strahlenbiologischen Institutes der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Professor Hedi Fritz-Niggli wurde k\u00fcrzlich zum Mitglied der ber\u00fchmten &#132;Leopoldina&#8220; gew\u00e4hlt. F\u00fcr das Amtsjahr 1966\/67 wurde Professor Dr. Margot Becke (Ordinarius f\u00fcr anorga-<\/p>\n<p>nische und analytische Chemie) Rektor der Universit\u00e4t Heidelberg.<\/p>\n<p>Ralf Dahrendorf schrieb 1964 im Merkur: &#132;Untersuchungen des Sozialprestiges weisen<\/p>\n<p>in Deutschland regelm\u00e4\u00dfig den Universit\u00e4tsprofessor als Spitzenreiter aus. Auch in<\/p>\n<p>Konkurrenz mit dem Generaldirektor, dem Minister, dem General, dem Bischof und<\/p>\n<p>dem Prinzen wird in der Meinung befragter Menschen (Emnid) dem Professor der Vorzug gegeben. . .&#8220; &#8211; Ob die H\u00f6chstgeachteten, die sich in den Anger-Interviews so peinlich \u00fcber ihre Studentinnen und Kolleginnen vernehmen lie\u00dfen, dies wu\u00dften?<\/p>\n<p>Ob sie sich \u00fcber die Auswirkungen ihrer Plaudereien \u00fcber ein in Washington und Moskau, in Peking und am Sambesi unter gegenwartsbewu\u00dfteren Perspektiven diskutiertes Thema klar waren? Geh\u00f6ren ihre einem \u00fcberlebten christlichabend-l\u00e4ndischen und neudeutsch-braunen Reservoir entnommenen Diskriminierungen<\/p>\n<p>nicht zu den landes\u00fcblichen &#132;unbegrenzten Zumutbarkeiten&#8220;, die Ulrich Sonnemann brandmarkte?<\/p>\n<p>Im Wintersemester 1963\/64 studierten 28 % Frauen an deutschen wissenschaftlichen Hochschulen. Nach der Volks-und Berufsz\u00e4hlung von 1961 ergab sich bei der &#132;Perso-nengruppe mit abgeschlossener Hochschulbildung&#8220; z. B. ein solches Zahlenverh\u00e4ltnis: von 100 M\u00e4nnern waren 89, von 100 Frauen 70 berufst\u00e4tig. Wo der Beruf vorwiegend selbst\u00e4ndig ausge\u00fcbt wurde (Medizin), waren 95 % der M\u00e4nner und 77 % der Frauen t\u00e4tig. Diese Zahlenangaben, auf deren Aufschl\u00fcsselungen hier verzichtet werden mu\u00df, lassen zumindest erkennen, da\u00df die Ausscheidungsquote der Akademikerinnen (durch Ehe- und Familienpflichten) keineswegs so hoch ist, da\u00df man Frauen von einer langen Ausbildungszeit abraten mu\u00df, weil sie ihren Beruf sp\u00e4ter nicht aus\u00fcben werden (die Angaben sind einem Artikel der Juninummer von Wirtschaft und Statistik, Jahrgang<\/p>\n<p>1965 entnommen).<\/p>\n<p>In der Bundesdrucksache IV\/2779 von 1965 ist eine Kleine Anfrage &#8211; wiederum von FDP-Abgeordneten &#8211; nachzulesen, die um Zahlenangaben \u00fcber die Besch\u00e4ftigung von Frauen im Bundesdienst bat. Die Auskunft wurde, wie folgt, erteilt: Bis Mitte 1965 arbeiteten 4\u00b0\/o Frauen als Sachbearbeiterinnen in den Bundesministerien. Es gab weder Ministerialdirektorinnen, noch Ministerialdirigentinnen, jedoch 9 (!) Ministerialr\u00e4tinnen und 29 nichtbeamtete Referentinnen im Verantwortungsbereich einer Ministerialr\u00e4tin.<\/p>\n<p>In den L\u00e4nder- und Kommunalverwaltungen liegen die Verh\u00e4ltnisse nicht besser. &#8211;<\/p>\n<p>Schon zwischen 1920 und 1933 beklagten sich die mit kritischem Verstand und im Ausland erworbenem Sachwissen versehenen Vork\u00e4mpferinnen der &#132;Gleichberech-tigung&#8220; bitter, da\u00df ihnen der Zugang zu den gehobenen Positionen selbst<\/p>\n<p>in den Schulbeh\u00f6rden, in den Staats- und Kommunalverwaltungen, sogar in den Sozial\u00e4mtern, f\u00fcr die sie Expertinnen ausgebildet hatten, versperrt blieben. In den Parteien erging es ihnen nicht anders. Die Sozialdemokratinnen emp\u00f6rten sich &#132;\u00fcber<\/p>\n<p>die Scherzhaftigkeit der Genossen&#8220;, wenn sie sachlich begr\u00fcndete Vorschl\u00e4ge auf den Partei-tagen unterbreiteten. Sie lie\u00dfen sich schlie\u00dflich resigniert zur &#132;Arbeiterwohlfahrt&#8220; und zum Kassieren von Parteibeitr\u00e4gen abschieben (Th\u00f6nnessen a. a. O.). Nach dem Erm\u00e4chtigungsgesetz von 1925 wurden die verheirateten Beamtinnen mit sechsw\u00f6chentlicher K\u00fcndigung abgebaut. Und in den Jahren der zunehmenden Arbeitslosigkeit entlie\u00df man ledige und verwitwete Arbeiterinnen, Angestellte und Beamtinnen fristlos, wenn sie nicht mehr als 3 (!) Kinder zu unterhalten hatten.<\/p>\n<p>Die 1965 verfa\u00dfte &#132;Charta&#8220; der &#132;Freien Gewerkschaften&#8220; enth\u00e4lt nicht von ungef\u00e4hr die Forderung &#132;Der Anspruch der Frau auf Arbeit mu\u00df auch in Krisenzeiten aufrecht er-<\/p>\n<p>halten bleiben&#8220;. &#8211; Nach den deutschen Erfahrungen von 1920 bis 1945 ist die Bef\u00fcrch-tung nicht grundlos, da\u00df man die &#132;Gleichberechtigung&#8220; zu einem weiblichen Arbeits-kr\u00e4ftereservoir umwerten k\u00f6nnte, dessen man sich nach Bedarf bedient und das man<\/p>\n<p>ohne viel Federlesens bei ver\u00e4nderter Wirtschaftslage wieder ausschaltet.<\/p>\n<p>Der Paragraph 1356 des Gleichberechtigungsgesetzes von 1957 ist ohnehin etwas kautschukartig. Im Sinne der Forderung der &#132;Freien Gewerkschaften&#8220; erscheint er nicht unbedingt zuverl\u00e4ssig, denn er lautet: &#132;Die Frau ist zur Erwerbst\u00e4tigkeit berechtigt, soweit dies mit ihren Pflichten in der Ehe und Familie vereinbar ist.&#8220; Das am 1. 4. 1966 in der DDR in Kraft getretene Familiengesetzbuch, gegen das in unserer Presse in z. T. unverst\u00e4ndlicher Weise polemisiert wird (es enth\u00e4lt immerhin die Gleichstellung des unehelichen Kindes mit dem ehelichen und kennt bei der Ehescheidung keinen Schuldigen mehr), verpflichtet auch den m\u00e4nnlichen Ehepartner zur Hausarbeit, wenn der weibliche berufst\u00e4tig ist. Aus einer 1961 ver\u00f6ffentlichten empirisch-soziologischen Erhebung Dr. Elisabeth Pfeils von der Hochschule Hamburg (Berufst\u00e4tigkeit von<\/p>\n<p>M\u00fcttern) geht hervor, da\u00df eine solche Solidarit\u00e4t zwischen den Ehepartnern in der Bundesrepublik, wenn \u00fcberhaupt vorhanden, bei Arbeitern und Akademikern \u00fcblicher ist<\/p>\n<p>als bei mittleren und unteren Angestellten.<\/p>\n<p>Wie man aus den Tagungsprogrammen der eingangs benannten drei internationalen<\/p>\n<p>Konferenzen von 1965 entnehmen konnte, wird die &#132;Gleichberechtigung&#8220; der Frau in<\/p>\n<p>der noch immer vorz\u00fcglich auf den Mann ausgerichteten Arbeitswelt in j\u00fcngster Zeit kritischer untersucht, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war, um die nicht mehr totzuschweigenden Widerspr\u00fcche zwischen ihrer Rechtsg\u00fcltigkeit und ihrer Verwirk-lichung zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Dieser Aufgabe sollen vor allem die &#132;Frauenreports&#8220; dienen, die nach dem noch von<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Kennedy in Auftrag gegebenen und 1963 ver\u00f6ffentlichten amerikanischen (&#132;Report of the Presidents Commission of the Status of Women&#8220;, \u00fcbersetzt ins Deutsche, Italienische, Schwedische, Japanische) und den schwedisch-norwegischen Untersu-chungen &#132;Leben und Arbeit der Frau&#8220; (ebenfalls 1963) auch von der Bundesrepublik, D\u00e4nemark und Japan vor-bereitet werden. Anhand detaillierter Recherchen namhafter Wissenschafter (Soziologen, Mediziner, Psychologen, Juristen, National\u00f6konomen und Sozialversicherungsexperten) will man mit ihnen Klarheit \u00fcber die tats\u00e4chliche Situation der erwerbst\u00e4tigen Frau gewinnen. Das meint im besonderen: \u00fcber ihre Ausbildungs-<\/p>\n<p>und Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, ihre Arbeitsbedingungen und ihre neben der au\u00dfer-h\u00e4uslichen T\u00e4tigkeit zu erf\u00fcllenden Familienpflichten. Untersuchungen \u00fcber die Entwicklung ihrer Kinder sind ihnen beigeordnet. Aus den jeweiligen Ergebnissen<\/p>\n<p>sollen dann Reformvorschl\u00e4ge, die man den Parlamenten und Regierungen vorlegt, entwickelt werden. Es geht in ihnen also vorz\u00fcglich darum, die der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktion der Frau angemessenen sozialen und rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, unter denen die weibliche Gleichberechtigung eigentlich erst gew\u00e4hrleistet werden kann. Sowohl die amerikanische wie die schwedische Regierung zogen aus ihren Frauenreports bereits praktische Konsequenzen. Das gleiche gilt f\u00fcr jene Englands, Polens und der Schweiz, denen seit Jahren aus Detailuntersuchungen gewonnene Empfehlungen zur Verbesserung des Status der weiblichen Berufst\u00e4tigen zugehen. &#8211;<\/p>\n<p>Alle hier angedeuteten Recherchen wurzeln in der Erkenntnis: da\u00df das weibliche Recht auf Arbeit in Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur nur sehr unvollkommen durch den Prozentsatz der im Erwerbs- oder Berufsleben stehenden Frauen bekr\u00e4ftigt wird. Glaubw\u00fcrdig verwirklicht kann es nur erscheinen, wenn man den berufst\u00e4tigen Frauen aus partnerschaftlicher Einsicht differenzierte Arbeitsbedingungen zugesteht, die ihre &#132;Doppelrolle&#8220; ber\u00fccksichtigen: als Ehefrau und Mutter und als Berufst\u00e4tige.<\/p>\n<p>In allen europ\u00e4ischen Staaten diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs und vor allem in Amerika ist die Zahl der verheirateten Frauen seit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges erheblich gestiegen. In der Bundesrepublik in zw\u00f6lf Nachkriegsjahren um 20 Prozent. Die Fr\u00fchehe,einschlie\u00dflich der Studentenehen, sind wie die erh\u00f6hte Lebenserwartung internationale Ph\u00e4nomene in industriellen Leistungsgesellschaften. In der Bundesrepublik geben jungverheiratete Frauen, soweit sie einer au\u00dferh\u00e4uslichen Arbeit nachgehen, diese meistens erst nach der Ankunft des zweiten Kindes auf. Mangelnde Aufkl\u00e4rung bel\u00e4\u00dft<\/p>\n<p>sie offenbar in dem Irrtum, da\u00df das schulpflichtige Kind die Mutter dringender ben\u00f6tige als das dreij\u00e4hrige oder das Baby. In den USA h\u00e4lt man die Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern mit Kindern unter sechs Jahren geradezu f\u00fcr unmoralisch, wenn sie nicht von ung\u00fcn-stigen wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen erzwungen wird. Dem ist allerdings hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern die Tagesschulen vorherrschen. Da also in der zweiten H\u00e4lfte dieses Jahrhunderts durch Fr\u00fchehe und erh\u00f6hte Lebenserwartung in zunehmendem Ma\u00dfe verheiratete Frauen erwerbs- und berufst\u00e4tig sind, geh\u00f6ren zu den differenzierten Arbeitsbedingungen: die Ausgestaltung der Teilzeitbesch\u00e4ftigung &#8211; auch f\u00fcr Beamtinnen (auch des h\u00f6heren Dienstes) &#8211; die Einrichtung von Kinderkrippen und Tagesschulen und von Weiterbildungskursen f\u00fcr die jahrelang aus ihrem Beruf Ausscheidenden (nicht nur an den Fachschulen, sondern auch an den Universit\u00e4ten).<\/p>\n<p>Wie schwer sich die zuletzt genannten Forderungen heute erf\u00fcllen lassen, ist den Fordernden nicht unbekannt. Der notorische Fachkr\u00e4ftemangel k\u00f6nnte sie geradezu illusorisch erscheinen lassen und verf\u00fchrt nicht selten zu dem n\u00e4herliegenden L\u00f6sungsvorschlag, die M\u00fctter sollten grunds\u00e4tzlich auf die Berufsarbeit verzichten und zu den ber\u00fchmt ber\u00fcchtigten drei K&#8217;s zur\u00fcckkehren: Kinder, K\u00fcche, Kirche&#8230; Au\u00dferdem werden sich hier sich auf ihre Erfahrungen berufende Skeptiker zu Wort melden und einwenden, da\u00df die Frauen die ihnen in den vergangenen vier, f\u00fcnf Jahren h\u00e4ufiger angebotenen Aufstiegschancen &#8211; sei es in der Wirtschaft, im Schuldienst oder in der Verwaltung &#8211; entt\u00e4uschend selten nutzten. Sie z\u00f6gen ebenso wie die Arbeiterinnen Besch\u00e4ftigungen vor, die sie mit m\u00f6glichst wenig Verantwortung beladen.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnliche Einw\u00e4nde lassen Politiker h\u00f6ren; obwohl man die wenigen Frauen, die sich politisch engagieren, bei den Wahlen bis auf ein paar Ausnahmen hoffnungslos schlecht auf den Kandidatenlisten placiert und im Vergleich zu den wortreich angebotenen M\u00e4nnern einigerma\u00dfen zur\u00fcckhaltend f\u00fcr sie wirbt. Da\u00df unbequeme Politikerinnen, die schonungslose Fragen stellen, noch unbeliebter sind als ihre m\u00e4nnlichen Kombattanten, zeigte der nicht zu verschleiernde &#132;Fall Hamm-Br\u00fccher&#8220; bei den letzten bayrischen Landtagswahlen. Er ging wie die verhinderte R\u00fcckkehr Hedda Heusers in den Bundestag (1965) auf das Konto der an mutigen und gescheiten Frauen nicht armen FDP.<\/p>\n<p>Da\u00df Frauen sich ungern dazu entschlie\u00dfen, ihre ganze Kraft beanspruchende Verantwortungen im Beruf wie in der Politik zu \u00fcbernehmen, ist unbestreitbar.<\/p>\n<p>Man vergi\u00dft m\u00e4nnerlicherseits nur leicht, den Gr\u00fcnden f\u00fcr einen solchen Verzicht nachzusp\u00fcren. Nur zu oft machen diese ihn notwendig. Sieht man einmal von den Vorurteilen ab, denen sich eine Vorgesetzte von M\u00e4nnern fast stets ausgesetzt wei\u00df und vor deren entnervender Konkretisierung bei der Zusammenarbeit sie zur\u00fcckschreckt &#8211;<\/p>\n<p>der trifftigste Anla\u00df f\u00fcr ihre beruflichen Selbstbescheidungen ist die schon ein paar Sprossen tiefer durchlebte \u00dcberforderung ihrer Leistungsf\u00e4higkeiten. Um ihre &#132;Doppelrolle&#8220; durchzuhalten, ohne Schaden zu nehmen, wird sie ihnen in den west-lichen L\u00e4ndern voran in der Bundesrepublik &#8211; trotz Arbeitszeitverk\u00fcrzungen (die<\/p>\n<p>jedoch eher ihren Ehepartnern als ihnen freie Stunden bescheren) nur provisorisch, improvisiert oder \u00fcberhaupt nicht erleichtert. &#132;Frauenreports&#8220; werden den Parlamenten auch vorgelegt, weil sie einer weiteren Zunahme der Fr\u00fchinvalidit\u00e4t weiblicher Berufst\u00e4tiger mit Familienpflichten vorbeugen wollen. Von bundesdeutschen Restaurationsenthusiasten wird diese Fr\u00fchinvalidit\u00e4t mit Vorliebe zum beweiskr\u00e4ftigen Vorwand mi\u00dfbraucht, um die Frauen an den h\u00e4uslichen Herd zur\u00fcckzulocken. Da\u00df<\/p>\n<p>dieser inzwischen vollautomatisiert kochen kann und sich die von Illustrierten und Werbezeitschriften zu ewig jungen, immer strahlenden Heimchen-am Herd-Manipulierten, wenn ihre Kinder nur halbwegs erwachsen sind, vom Morgen bis<\/p>\n<p>zum Abend allein an ihm finden und empfinden, wird nicht in Betracht gezogen.<\/p>\n<p>Doch welcher Ehemann, der sie dort aufgehoben wissen m\u00f6chte, kommt noch zum Mittag-essen nach Hause?<\/p>\n<p>Nach einer Angabe Ludwig Prellers (Zeit 1965, Nr. 52 unter der \u00dcberschrift &#132;Der Patriarch regiert nicht mehr&#8220;) ist in Westdeutschland jede zweite jung verheiratete Frau unter 25 Jahren erwerbst\u00e4tig. In Gro\u00dfst\u00e4dten wie Hamburg und Frankfurt ist jede vierte Arbeiterfrau, jede siebente Angestellten- und jede achte Beamtenfrau der mittleren Jahrg\u00e4nge erwerbst\u00e4tig und Mutter von Kindern. Im Sonderdruck &#132;Zur Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern&#8220;, den der &#132;Verein f\u00fcr \u00f6ffentliche und private F\u00fcr-sorge&#8220;, Frankfurt a. M.,<\/p>\n<p>im November 1964 herausgab, ist zu lesen: &#132;Die Erwerbst\u00e4tigkeit der M\u00fctter hat um so st\u00e4rker zugenommen, je gr\u00f6\u00dfer die Kinderzahl im Haushalt ist. Das gilt besonders f\u00fcr<\/p>\n<p>die M\u00fctter in abh\u00e4ngiger Stellung. Seit 1957 ist die Zahl der erwerbst\u00e4tigen M\u00fctter (&#8230;)<\/p>\n<p>mit 1 Kind unter 14 Jahren um 24 % gestiegen, bei zwei Kindern um 44 %, bei drei und mehr Kindern um 98 %. Unter den 1962 au\u00dfer Haus arbeitenden 1 600 000 M\u00fcttern befanden sich 55 % Arbeiterinnen, 22 % Beamte und Angestellte und 23 % Selbst\u00e4ndige und mithelfende Familienangeh\u00f6rige (nicht eingerechnet der Besch\u00e4ftigten in der Land- und Forstwirtschaft). Einem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes ist folgendes Einkommen von erwerbst\u00e4tigen M\u00fcttern von Kindern unter 14 Jahren aus dem Jahre 1962 zu entnehmen: 36 % verdienten 150-299 DM; 39 %: 300-599 DM; 3,4 %: 600-799 DM und 1,5 % 800 DM und dar\u00fcber. Zweifellos sind die Einkommen von berufst\u00e4tigen M\u00fcttern 1966 h\u00f6her als die sich in den hier wiedergegebenen Zahlen niederschlagenden und obwohl die in ihnen mitenthaltenen Teilzeitbesch\u00e4ftigungen infolge des Arbeitskr\u00e4ftemangels gestiegen sind. Gewi\u00df aber nicht, weil die Frauen im Zuge der fortschreitenden Gleichberechtigung in h\u00f6her dotierte Positionen aufr\u00fcckten. &#8211; Es erscheint an dieser Stelle vielleicht nicht \u00fcberfl\u00fcssig, den eben genannten Zahlenangaben die Versicherung hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df sich die jugendlichen Kriminellen auffallend selten aus den bemitleideten &#132;Schl\u00fcsselkindern&#8220; rekrutieren. Die meisten Kinder erwerbst\u00e4tiger M\u00fctter werden von Verwandten (insbesondere bei den Arbeiterinnen) zufriedenstellend betreut. Aus der &#132;empirisch-soziologischen Erhebung an 900 berufst\u00e4tigen M\u00fcttern aus vollst\u00e4ndigen Familien&#8220;, die Elisabeth Pfeil vorlegte, geht hervor, da\u00df eine psychische Sch\u00e4digung der Kinder durch die Erwerbst\u00e4tigkeit ihrer M\u00fctter nicht nachgewiesen werden kann. Dieses Ergebnis wird von englischen Untersuchungen unterst\u00fctzt. Es kommt in erster Linie auf die Intelligenz und Vitalit\u00e4t der M\u00fctter an, ob sie sich durch ihre berufliche Beanspruchung ihren Kindern entfremden oder ob sie die Beziehung zu ihnen gerade durch diese zu intensivieren verm\u00f6gen. Nach E. Pfeils Ermittlungen sch\u00e4tzen schulpflichtige Kinder gar nicht selten die allgemeinen Fragen aufgeschlossene geistige Weitr\u00e4umigkeit ihrer berufst\u00e4tigen M\u00fctter. Die Zu-kurz-Kommenden, \u00dcber-forderten und \u00dcberm\u00fcdeten sind in den meisten F\u00e4llen diese und nicht ihre Kinder. Elisabeth Pfeil schreibt in ihren Schlu\u00dfbemerkungen, es sei &#132;keineswegs ausgemacht,<\/p>\n<p>da\u00df wir geradewegs auf eine Gesellschaft zugehen, in der M\u00fctterarbeit allgemein wird. Vielmehr scheint alles auf Differenzierungen zu dr\u00e4ngen. Hier ja, dort nicht &#8211; in dieser Lebensphase, aber nicht in jener &#8211; f\u00fcr solche Frauen ja, f\u00fcr andere nein. Die kommende Gesellschaft wird eher eine mehrschichtige sein. Die Schicht der berufsorientierten Frauen wird zwar zunehmen, nicht aber das ganze Feld besetzen&#8220;.<\/p>\n<p>Wie wenig gradlinig der Weg der Frau im 20. Jahrhundert verlief und vor allem verl\u00e4uft, best\u00e4tigt das k\u00fcrzlich bei Rowohlt herausgekommene Buch der Amerikanerin<\/p>\n<p>Betty Friedan, Der Weiblichkeitswahn oder die Mystifizierung der Frau (Originalaus-gabe 1963 unter dem Titel &#132;The Feminine Mystique&#8220;, New York). Es ist, was der Umschlag verspricht, ein &#132;vehementer Protest gegen das Wunschbild von der Frau&#8220;, das die Amerikanerinnen nach dem Zweiten Weltkrieg, verdummt durch Popularpsycho-logie und absatzsteigernde Reklame, zu verk\u00f6rpern trachten und verk\u00f6rpern. Ein aufsehenerrgender Protest gegen die weibliche &#132;Fehlentscheidung&#8220; zum auf M\u00e4nnerfang pirschenden, familienbesessenen Frauchen mit einem H\u00fchnerhirn. Man w\u00fcnscht diesem Buch auch in Deutschland eine sich der amerikanischen angleichende Auflageh\u00f6he und Einwirkung. Es beweist nicht zuletzt, da\u00df eine Frau mehr Mut aufbringt, wenn sie N\u00e4chstliegendes kritisch und selbstkritisch anpeilt, statt Utopia zu suchen.<\/p>\n<p>Was aber taten die deutschen Parlamente und Bundesregierungen seit 1949, um den auf Differenzierungen angelegten Lebensweg ihrer B\u00fcrgerinnen heute und in Zukunft zu erm\u00f6glichen, von denen 37,3 Prozent berufst\u00e4tig sind? Im April 1962 beantragte die SPD-Fraktion im Bundestag eine Deutsche &#132;Frauen-Enquete&#8220;. Dieser Antrag wurde ein Jahr sp\u00e4ter mit einem \u00c4nderungsvorschlag der CDU an den Ausschu\u00df f\u00fcr Familien- und Jugendfragen \u00fcberwiesen. Nach einem weiteren Jahr wurde er von diesem in 8 Sitzungen behandelt. Und im Dezember 1964 laut Drucksache IV\/837, Umdruck 247-betr. ,Enquete \u00fcber die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom Plenum der Bundesregierung in Auftrag gegeben (was beinhaltet, da\u00df diese Mittel f\u00fcr Expertenkommissionen, Wissenschaftsberichte und Statistische Erhebungen bereitstellen soll). Zu den Expertenkommissionen geh\u00f6ren neben anderen die Professoren Rene K\u00f6nig und Neuend\u00f6rfer, die Oberregierungsr\u00e4tin Grallert und deren m\u00e4nnlicher Kollege Herberger vom Statistischen Bundesamt, Frau Junker-Seliger vom Hauptvorstand des DGB und Dr. Elisabeth Pfeil. &#151; Nach dem einzigen Satz, der in der viert\u00e4gigen Bundestagsdebatte zur Regierungserkl\u00e4rung des Kanzlers Ehrhard im November vorigen Jahres zur Situation der Frauen in der Bundesrepublik fiel, soll ihre Enquete im f\u00fcnften Jahr nach ihrer Beantragung vorliegen. Der amtierende Arbeits- und Sozialminister prophezeite ihr Erscheinen im Fr\u00fchjahr 1966 einigerma\u00dfen beil\u00e4ufig. Kein Abgeordneter, keine Abgeordnete f\u00fchlten sich durch sein &#132;en passant&#8220; zu einer Zwischenfrage oder zu der Anmerkung herausge-fordert: die von Kennedy veranla\u00dfte amerikanische Enquete habe nur zwei Jahre zu ihrer Fertigstellung gebraucht. Unsere Volksvertretung scheint sich der sozialpolitischen Bedeutung dieses seit Jahren ausstehenden Dokumentes einer gesellschaftkritischen Grundlagenforschung nicht bewu\u00dft zu sein. Auch nicht die SPD-Fraktion, die die unbewegte Einseitigkeit der W\u00e4hlerinnen nicht zu Unrecht, aber auch nicht nur zu Recht f\u00fcr ihre behinderte Durchschlagskraft verantwortlich macht. Da\u00df Frauen in der Bundes-republik in gro\u00dfer Zahl &#132;konservativ&#8220; w\u00e4hlen, hat viele und komplexe Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die seit fast einem halben Jahrhundert gleichberechtigten Frauen machten auf ihrem Wege zur Emanzipation nicht nur Schritte, sondern auch R\u00fcckschritte. Die Schuld,<\/p>\n<p>die sie zu letzteren &#132;ermunterte&#8220;, ist nahezu geschlechtsneutral. Denn den \u00e4u\u00dferen<\/p>\n<p>Vorurteilsbarrieren, die u. a. ein kindlich gebliebenes m\u00e4nnliches Selbstbewu\u00dftsein verteidigen, finden in weiblicher Denkfaulheit ihre Entsprechungen. Aber R\u00fcckschritte z\u00e4hlen in einer &#132;sich wandeln-den Welt&#8220; doppelt. F\u00fcr beide Geschlechter.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2020],"publikationen":[2846],"class_list":["post-12222","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-charlotte-maack","publikationen-05-1966"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/05-1966\/publikation\/die-situation-der-frauen-in-der-bundesrepublik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge Nr. 05\/1966, S. 199-207 Im vorigen Herbst erschien im List-Verlag M\u00fcnchen ein Buch, das zun\u00e4chst Neugier, dann Verbl\u00fcffung und nicht selten Spottlust weckte. 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