{"id":12224,"date":"2004-03-02T22:00:00","date_gmt":"2004-03-02T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-stadt-als-ort-der-integration-von-zuwanderern\/"},"modified":"2004-03-02T12:00:00","modified_gmt":"2004-03-02T11:00:00","slug":"die-stadt-als-ort-der-integration-von-zuwanderern","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-165\/publikation\/die-stadt-als-ort-der-integration-von-zuwanderern\/","title":{"rendered":"Die Stadt als Ort der Integration von Zuwanderern"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber den Umgang mit Differenz in der modernen Gesellschaft<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 165 ( Heft 1\/2004), S.9-19<\/p>\n<p><i>In unseren St\u00e4dten wachsen von Tag zu Tag die Anteile von ethnischen Minderheiten an der Wohnbev\u00f6lkerung. Auch wenn kein einziger Zuwanderer aus dem Ausland mehr nach Deutschland k\u00e4me, w\u00fcrde dieser Anteil wachsen, weil die Migrantenbev\u00f6lkerung durchschnittlich j\u00fcnger ist, und weil die autochthonisch Einheimischen weniger Kinder bekommen. Noch ist die deutsche Politik vor allem auf die Abwehr weiterer Zuwanderung ausgerichtet, aber dies wird sich bald \u00e4ndern, denn in absehbarer Zeit werden die jungen Arbeitskr\u00e4fte sehr knapp.<\/i><\/p>\n<p>Migranten leben vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten &#151;genauer; in den gro\u00dfen St\u00e4dten Westdeutschlands. In den ostdeutschen St\u00e4dten haben sich bisher keine ethnischen Minderheiten in nennenswertem Umfang gebildet. Man sch\u00e4tzt, dass \u00fcber 90 Prozent auch der k\u00fcnftigen Zuwanderer in die westlichen Bundesl\u00e4nder ziehen werden. Ein hoher Anteil von Migranten unter den Stadtbewohnern wird bald die Normalit\u00e4t in westdeutschen Gro\u00dfst\u00e4dten sein. In manchen St\u00e4dten werden in wenigen Jahrzehnten 40 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Andere St\u00e4dte werden bald dazu \u00fcbergehen m\u00fcssen, um Zuwanderer zu werben, um die absehbaren Folgen der demographischen Entwicklung insbesondere auf den Arbeitsm\u00e4rkten etwas auszugleichen.<\/p>\n<p>Diese Prozesse werden das soziale und kulturelle Leben in den gro\u00dfen St\u00e4dten sehr ver\u00e4ndern. Integration wird zu einer zentralen Zukunftsaufgabe, f\u00fcr die politische Konzepte erarbeitet werden m\u00fcssen. Nicht erst die Debatte um das Kopftuch als Symbol von kultureller Andersartigkeit hat deutlich gemacht, dass die Vorstellungen dar\u00fcber, was Integration ist und wie sie gelingen kann, bisher noch weit auseinandergehen. Wir wollen dazu im Folgenden einige grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen aus sozialwissenschaftlicher Sicht vortragen.<\/p>\n<h5><span id=\"was-heisst-integration\">Was hei&szlig;t Integra&shy;tion?<\/span><\/h5>\n<p>Wenn \u00fcber Integration gesprochen wird, stehen im Hintergrund zwei ganz verschiedene Fragen und zwei ganz verschiedene Vorstellungen von Gesellschaft. Bei der Frage nach der Integration der Gesellschaft, also danach, was Gesellschaft eigentlich zusammen-h\u00e4lt, stellt man sich Gesellschaft als ein Ganzes vor, das sich aus verschiedenen, m\u00f6glicherweise sogar widerspr\u00fcchlichen Teilen zusammensetzt, und deren Zusammenhalt auf irgendeine Weise gesichert werden muss. Das kann durch gemeinsame Werte, durch politische Macht oder durch unterschiedliche Beitr\u00e4ge von Subsystemen zum Funktionieren des Ganzen geschehen.<\/p>\n<p>Von einer ganz anderen Vorstellung von Gesellschaft wird bei der Frage nach der Integration von Individuen in die Gesellschaft ausgegangen. Gesellschaft wird in diesem Fall als ein in sich geschlossenes Ganzes gedacht, in das von au\u00dfen ein Individuum oder eine Gruppe gleichsam eindringen. Als Problem der Integration gilt dann, wie die Kluft zwischen Drinnen und Drau\u00dfen \u00fcberwunden werden kann. Diese Vorstellung bildet \u00fcblicherweise den Hintergrund der Diskussion \u00fcber die Integration von Zuwanderern. Es geht um die, die ,drau\u00dfen` sind, und um die Frage, ob und wie sie ,hinein` kommen k\u00f6nnen oder sollen.<br \/>Je nachdem welche Vorstellung von Gesellschaft zugrunde gelegt wird, ergeben sich dabei ganz andere Wege der Integration von Zuwanderern.<\/p>\n<p>Wenn eine Gesellschaft, deren Homogenit\u00e4t durch die Zuwanderung in Frage gestellt wird, an der Vorstellung eines homogenen Ganzen festh\u00e4lt, dann stehen zwei Wege offen:<\/p>\n<p>a) Die Assimilation: die ,Leitkultur` bleibt unver\u00e4ndert und verlangt daher von den Zuwanderern Anpassung an diese Kultur. Die Zuwanderer sollen ihre Fremdheit ablegen und sich so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich integrieren. Die Anpassungsleistung liegt allein beim Individuum. In der deutschen Politik ist bis heute dieses Modell dominant.<\/p>\n<p>b) Die amerikanische Vorstellung vom meltingpot (Schmelztiegel) unterstellt dagegen, dass sich im Prozess der Zuwanderung auch die Aufnahmegesellschaft ver\u00e4ndert. Sie entwickelt eine neue Identit\u00e4t. In der Vorstellung von einem american way of life verschmelzen die von den Zuwanderern mitgebrachten Elemente zu etwas Neuem. Die Anpassungsleistung liegt also auf beiden Seiten: bei den Zuwanderern, die ihre partikulare Identit\u00e4t ablegen, und bei der Gesellschaft, die eine neue Identit\u00e4t durch Wandel erreicht.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen ist die Vorstellung von einer homogenen Kultur die normative Grundlage. Das ist eine modellhafte, abstrakte Vorstellung. \u00dcber die gro\u00dfen St\u00e4dte, in denen sich die Zuwanderer sammeln, haben die Gr\u00fcnder einer Soziologie der Stadt schon am Beginn des 20. Jahrhunderts ganz andere Vorstellungen entwickelt: nicht Integration durch die Aufrechterhaltung bzw. Herstellung von Homogenit\u00e4t &#150; sondern, ganz im Gegenteil &#150; Integration durch das Aushalten von Differenz.<\/p>\n<p>Georg Simmel ging es um die Aufrechterhaltung von Differenz in der modernen Gro\u00dfstadt, und diese Leistung musste nach seiner Analyse vom Individuum erbracht werden. Simmel sah es als eine Aufgabe urbaner Individuen, sich gegenseitig in ihrer Fremdheit zu respektieren, also weder sich selbst noch den Zuwanderer zur Anpassung zu zwingen. In der Gro\u00dfstadt leben die Menschen in anonymer Distanz zueinander, so formulierte er, ja sie ignorieren sich als individuelle Menschen wechselseitig, was zu der gro\u00dfstadttypischen Reserviertheit und Unpers\u00f6nlichkeit bei allt\u00e4glichen Beziehungen f\u00fchrt. Dadurch entsteht ein sozialer Raum f\u00fcr die problemlose Koexistenz des Heterogenen. Man kann dies als den Integrationsmodus urbaner Indifferenz bezeichnen.<\/p>\n<p>Auch in der amerikanischen Einwanderungsstadt, wie sie von Park, Burgess u.a. in den 1920er Jahren an der Universit\u00e4t von Chicago theoretisch konzipiert wurde, bleibt die Differenz zwischen den verschiedenen Kulturen erhalten, Aber Integration wird dabei ganz anders gedacht: als M\u00f6glichkeit des Fortbestehens von einander fremden Kollektiven, d.h. von ethnischen Gruppen: die Stadt wird gedacht als ein Mosaik verschiedener Lebenswelten, die r\u00e4umlich voneinander geschieden sind. Das ist die segregierte Stadt, in der soziale und kulturelle Distanzen in r\u00e4umliche Distanzen \u00fcbersetzt sind und dadurch direkte Konflikte zwischen den verschiedenen Kulturen vermieden werden. Anpassung wird nicht verlangt und nicht erzwungen.<\/p>\n<h5><span id=\"welches-der-vier-modelle-ist-heute-angemessen\">Welches der vier Modelle ist heute angemessen?<\/span><\/h5>\n<p>Wenn Gesellschaft als geschlossenes Ganzes, als eine homogene Einheit gedacht wird, in das Fremdheit durch Zuwanderung gleichsam importiert wird, dann kann Integration nur verstanden werden als ein Prozess, in dessen Verlauf Fremdheit zum Verschwinden gebracht wird. Sie wird vergessen, vernichtet oder zu etwas Neuem umgeschmolzen. Gelingt das nicht, wird sie wieder ausgeschieden.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung hat G\u00fcltigkeit f\u00fcr vormoderne Gesellschaften. In Stammesgesellschaften gibt es keine Rollen f\u00fcr Fremde. Deshalb ist hier Fremdheit unertr\u00e4glich. Sie muss vernichtet werden, sei es wortw\u00f6rtlich, indem der Fremde erschlagen wird, sei es durch seine spurlose Integration, indem der Fremde beispielsweise durch Adoption zum Verwandten gemacht wird.<\/p>\n<p>Mit fortschreitender Differenzierung der Gesellschaft entstehen jedoch Positionen im sozialen Gef\u00fcge, in die der Fremde einr\u00fccken und Fremder bleiben kann oder sogar muss. Das sind gesellschaftliche Funktionsl\u00fccken. Das klassische Beispiel daf\u00fcr ist der Jude, der im Mittelalter das den Christen verbotene, aber \u00f6konomisch notwendige Ausleihen von Geld gegen Zins betreibt. In den 1960er Jahren ist es der Gastarbeiter, der die untersten Positionen auf dem Arbeitsmarkt besetzt, die f\u00fcr Einheimische unattraktiv geworden sind &#150; ein Modell der Unterschichtung. Beide Male ist der Fremde als n\u00fctzliches Mitglied des \u00f6konomischen Systems integriert, im \u00dcbrigen aber ausgegrenzt als kulturell Fremder, als ,der Jude` oder &#150; politisch &#150; als ,der Ausl\u00e4nder&#8216;. Der Fremde ist zugleich in der Gesellschaft und au\u00dferhalb von ihr.<\/p>\n<p>In modernen Gesellschaften verwischt sich jedoch die Grenze zwischen Drinnen und Drau\u00dfen. Moderne Gesellschaften sind keine nach au\u00dfen abgeschlossenen Einheiten &#150; und sie produzieren aus sich heraus Fremdheit. Die Verortung des Fremden auf der Grenze zwischen Drinnen und Drau\u00dfen ist gebunden an die Existenz nationalstaatlich verfasster Gesellschaften als geschlossener, homogener Einheiten, in die der Fremde von au\u00dfen eindringt. Das aber entspricht immer weniger der Realit\u00e4t. Die deutsche Gesellschaft ist weder \u00f6konomisch &#150; Stichwort ,globale Verflechtung&#8216; &#150; noch politisch &#150; Stichwort &#130;Europ\u00e4ische Union&#8216; &#150; als ein nach au\u00dfen abgeschlossenes Ganzes zu begreifen. Und intern differenzieren sich moderne Gesellschaften immer st\u00e4rker in verschiedene Milieus und Lebensstilgruppen aus. Sie erzeugen aus sich heraus, strukturell, Fremdheit.<\/p>\n<p>Gleichg\u00fcltigkeit und Distanziertheit des Gro\u00dfstadtbewohners, die gro\u00dfst\u00e4dtische ,Mentalit\u00e4t`, lassen Raum daf\u00fcr, dass jeder nach seiner\u00a0 leben kann, ohne von an-deren kontrolliert oder zur Anpassung gedr\u00e4ngt zu werden. Gleichzeitig zwingen kulturelle Konkurrenz und \u00f6konomische Arbeitsteilung dazu, die eigene Besonderheit immer sch\u00e4rfer herauszuarbeiten. Arbeitsteilung und urbane Distanziertheit sind nach Simmel die Voraussetzungen zunehmender Individualisierung &#150; bis hin zu Lebensstilen, die sich bewusst als alternativ stilisieren. Die Kultur der Zugewanderten ist nur ein Milieu neben anderen. Die Distanz zwischen traditionellen Industriearbeitern im suburbanen Eigenheim und den Yuppies in den Gr\u00fcnderzeitvierteln der Gro\u00dfst\u00e4dte oder zur Alternativ-Szene d\u00fcrfte kaum geringer sein als zum t\u00fcrkischen Milieu in Berlin-Kreuzberg.<\/p>\n<p>In modernen Gesellschaften bleiben die meisten Kontakte zwischen Individuen auf sehr kleine Ausschnitte der Person beschr\u00e4nkt. Man begegnet sich in funktional definierten Kontexten, in denen die \u00fcbrigen Facetten der Pers\u00f6nlichkeit nicht interessieren. Das klassische Beispiel daf\u00fcr ist der Markt: Auf dem Markt treten Kunden und Verk\u00e4ufer zueinander in Beziehung, alle \u00fcbrigen pers\u00f6nlichen Merkmale interessieren dabei nicht. In funktional differenzierten Gesellschaften wird segment\u00e4res Rollenverhalten allt\u00e4glich. Wenn in modernen Gesellschaften Kontakte nur partiell sind, d.h, der Andere allenfalls nur ausschnitthaft bekannt ist, dann bleibt jeder dem Anderen auch fremd. In modernen Gesellschaften ist ,Fremdheit` also der Normalfall. Sie muss nicht importiert werden, sie ist Alltagserfahrung auch unter den Einheimischen.<\/p>\n<p>Fremdheit ist eine universale Bedingung des modernen Lebens. Die Prozesse der Individualisierung und der funktionalen Differenzierung machen die Vorstellung einer durch Homogenit\u00e4t integrierten Gesellschaft obsolet. Assimilation und melting pot sind demnach keine Integrationsmodelle f\u00fcr moderne Gesellschaften, denn diese sind hochkomplexe, in sich sogar widerspr\u00fcchliche Einheiten. Und gerade das &#150; so unsere zentrale These &#150; macht die Integration von Zuwanderern leichter:<\/p>\n<p>In modernen Gesellschaften verschwindet die Dichotomie von Drinnen und Drau\u00dfen in einem allgemeinen Integrationsprozess der gesamten Gesellschaft. Der erst k\u00fcrzlich zugewanderte Fremde ist lediglich ein Sonderfall von Fremdheit. Diese ,Normalit\u00e4t von Fremdheit&#8216; macht moderne Gesellschaften f\u00e4hig, Zuwanderer zu integrieren, ohne ihre Fremdheit vernichten zu m\u00fcssen oder sie dauerhaft in bestimmten Nischen auszugrenzen.<\/p>\n<p>Die Binnendifferenzierung moderner Gesellschaften produziert aber nicht nur strukturell Fremdheit, sie zergliedert den Integrationsprozess auch in Teilprozesse, die nicht direkt miteinander verbunden sind. Dadurch wird es m\u00f6glich, dass sich Integration jeweils nur partiell als \u00f6konomische, politische, kulturelle oder soziale vollzieht, ohne dass zwischen den verschiedenen Dimensionen ein notwendiger Zusammenhang best\u00fcnde.<\/p>\n<p>Integration in den Arbeitsmarkt beispielsweise setzt nicht die politischen Staatsb\u00fcrgerrechte voraus. Und wer nicht \u00fcber Kapital verf\u00fcgt, kann sich trotzdem an der Suche nach Wahrheit im wissenschaftlichen System beteiligen, der Besitz der Wahrheit wiederum ist keinesfalls notwendige Voraussetzung, um am politischen Prozess teilzunehmen. Integration kann also durchaus ein ungleichzeitiger oder sogar widerspr\u00fcchlicher Prozess sein, das hei\u00dft: Integration ist kein irgendwie abschlie\u00dfend definierbarer Zu-stand und es geht nicht bei jedem ,Integrationsproblem` immer gleich um Alles oder Nichts.<\/p>\n<p>Die Differenzierung in autonome Teilsysteme steigert die Integrationsf\u00e4higkeit der modernen Gesellschaft. Weil Wirtschaft und Politik getrennte Systeme sind, kann man sich politisch v\u00f6llig fremd bleiben und trotzdem gute Gesch\u00e4fte miteinander machen. M\u00e4rkte erlauben die Teilnahme bei aufrechterhaltener Fremdheit. Demokratie und Markt sind &#150; theoretisch &#150; offene Systeme. Sie erm\u00f6glichen Teilnahme ohne Ansehen der Person, und eben dadurch erweitern sich die \u00f6konomischen und politischen Spielr\u00e4ume. Moderne Gesellschaften k\u00f6nnen kulturelle Fremdheit de thematisieren.<\/p>\n<p>Man kann angesichts der umfangreichen Zuwanderungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs durchaus behaupten, dass die heutige deutsche Gesellschaft eine enorme Integrationsf\u00e4higkeit unter Beweis gestellt hat, sich also als moderne Gesellschaft bew\u00e4hrt hat. Das begr\u00fcndet zun\u00e4chst einmal einen grunds\u00e4tzlichen Optimismus auch f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<h5><span id=\"grenzen-des-modells\">Grenzen des Modells<\/span><\/h5>\n<p>Zuwanderung wirft jedoch neue und sch\u00e4rfere Fragen sozialer Ungleichheit auf. Bisher haben wir modelltheoretisch argumentiert und dabei das Idealbild einer liberalen Gesellschaft zugrunde gelegt. Aber man muss auch fragen, ob die Voraussetzungen dieses liberalen Modells gelingender Integration \u00fcberhaupt gegeben sind.<br \/>Zwei Einw\u00e4nde liegen auf der Hand:<\/p>\n<p>a) Das liberale Modell der Integration setzt gleiche Chancen des Zugangs zu Markt, Demokratie und Bildung voraus. Diese Chancengleichheit ist jedoch keineswegs f\u00fcr alle gegeben. Also funktionieren das \u00f6konomische, das politische und das Bildungssystem in der Realit\u00e4t nicht so, wie es sich die Theorie vorstellt.<\/p>\n<p>b) Die Situation der sozialen Gruppen, die in unserer Gesellschaft typischerweise mit Zuwanderern allt\u00e4glich in Kontakt kommen, macht den gelassenen Umgang mit Fremdheit zu selten m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wir haben zwei M\u00f6glichkeiten, wie in modernen Gesellschaften mit Fremdheit umgegangen werden kann, eingangs erw\u00e4hnt: einmal durch soziale Distanz zwischen Individuen, also durch die von Simmel beschriebene urbane Indifferenz des Gro\u00dfstadtbewohners, zum anderen durch r\u00e4umliche Distanz zwischen sozialen Gruppen, die sich im Bild der Stadt als einem Mosaik verschiedener Lebenswelten manifestiert.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit zu urbaner Toleranz und Distanziertheit ist aber nicht \u00fcberall vorhanden. Das hat sozialstrukturelle und psychische Gr\u00fcnde: Wer sich anderen gegen\u00fcber gleichg\u00fcltig verhalten will, der darf nicht \u00f6konomisch auf sie angewiesen sein. Der gleichg\u00fcltig-distanzierte Gro\u00dfst\u00e4dter ist nur lebensf\u00e4hig auf Basis einer gesicherten \u00f6konomischen Existenz: als Rentier, als Besitzer eines sicheren Arbeitsplatzes oder als B\u00fcrger eines ausgebauten Sozialstaates. Diese Voraussetzung ist heute aber keineswegs selbstverst\u00e4ndlich gegeben, weder f\u00fcr alle Zuwanderer noch f\u00fcr alle Einheimischen. Zudem: Distanziertheit und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber Fremden ist um so eher m\u00f6glich, je gesicherter die pers\u00f6nliche Identit\u00e4t ist, wozu psychische Autonomie und eine klare soziale Position geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Filtermechanismen auf den Arbeits- und Wohnungsm\u00e4rkten bringen die Zuwanderer in die N\u00e4he zu den einheimischen Verlierern des Strukturwandels. Wer sozialen Abstieg erfahren hat oder in einer existentiell ungesicherter Situation lebt, wessen soziale Identit\u00e4t also bedroht ist, der ist jedoch am wenigsten in der Lage, in urbaner Abgekl\u00e4rtheit mit Fremdheit umzugehen. Im Gegenteil: er braucht S\u00fcndenb\u00f6cke, und Migranten waren immer schon besonders geeignet f\u00fcr diese Rolle.<\/p>\n<p>Die urbane Indifferenz des gelernten Gro\u00dfst\u00e4dters ist der idealisierte Modus der Integration in einer funktionierenden liberalen Gesellschaft &#151; aber wie alle Ideale ist auch das ein utopisches Modell. Deshalb taugt es nicht generell f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung von Konflikten, wie sie in unseren St\u00e4dten zu erwarten sind.<\/p>\n<p>Bleibt nur das letzte Modell? Die Stadt als Mosaik ethnischer D\u00f6rfer, wie es typisch f\u00fcr gro\u00dfe Einwanderungsst\u00e4dte ist? Wer sich in New York von der Wall Street aus nach Norden bewegt, findet sich zun\u00e4chst unter lauter nach dem letzten Dress-Code gekleideten, wei\u00dfen Angestellten mit Aktentaschen und Handys. Bald aber meint man, in China zu sein, etwas sp\u00e4ter in einem orthodoxen Judenviertel, dann in Russland oder weiter rechts in S\u00fcdamerika. Im Norden gelangt man nach Harlem, einem Zentrum der schwarzen Amerikaner. Und dass das so ist, hat seine guten Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Abgesehen von allen Zw\u00e4ngen durch Wohnungsmarkt und Diskriminierung: Die segregierte Stadt, das Mosaik ethnischer D\u00f6rfer, kann auch im positiven Sinne notwendig sein: einerseits, um Konflikte zu vermeiden, indem soziale und kulturelle Distanzen durch r\u00e4umliche Distanz neutralisiert werden, andererseits als Voraussetzung f\u00fcr die Bildung informeller Hilfsnetze, die den Neuank\u00f6mmlingen die ersten Schritte in der Fremde erleichtern. Wir kommen darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<h5><span id=\"nicht-integration-in-sondern-integration-der-gesellschaft\">Nicht Integration in, sondern Integration der Gesell&shy;schaft<\/span><\/h5>\n<p>Die empirischen Einw\u00e4nde gegen den Optimismus des liberalen Modells verweisen zun\u00e4chst einmal auf die Notwendigkeit, seine Voraussetzungen sicherzustellen. Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt oder aus dem demokratischen Prozess und die Vererbbarkeit von Bildungschancen sind allgemeine Probleme der deutschen Gesellschaft, die nicht erst durch Zuwanderung entstehen. Also ist es die Aufgabe der Integrationspolitik, f\u00fcr alle Gesellschaftsmitglieder Chancengleichheit herzustellen, d.h. Diskriminierung &#151; gleich gegen wen &#151; zu verhindern, Vollbesch\u00e4ftigung zu sichern und jedem die gleichen Bildungschancen zu bieten. Das ist keine Aufgabe einer besonderen Integrationspolitik f\u00fcr Ausl\u00e4nder, sondern Sache der ,normalen` Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, deren Adressaten die einheimischen Verlierer des Strukturwandels ebenso sind wie die Zuwanderer.<\/p>\n<p>\u00a0Integration nicht ein Problem dar, das durch Zuwanderung w\u00e4re. Das eigentliche Problem sind die Tendenzen der Ausgrenchaft, die Einheimische wie Zugewanderte treffen. Zweitens wird I: Bedrohlichkeit und hoffentlich auch ihre S\u00fcndenbockfunktion gedentit\u00e4ten bedroht sind, dann durch allgemeine Tendenzen der\u00a0 Zuwanderung. Die Krise der sozialen Identit\u00e4t, die Gefahren den durch die Konfrontation mit Fremden aktualisiert, aber nicht fern. Und drittens wird der stigmatisierende Effekt von Politiken hlmeinend auch immer &#151; als spezielle Politiken zur Integration von ssaten zugleich als eine besondere Problemgruppe stigmatisieren.<\/p>\n<p>\u00a0Sicher nicht, denn das ,Integrationsproblem` kann nicht auf die nomischer, politischer und Bildungschancen reduziert werden &#151; viel w\u00e4re. Es geht aber auch um Fragen der sozialen Anerkennung. gative und soziale Anerkennung als positive Bedingung gelingen-wichtiger Teil des Integrationsprozesses erkannt werden.<\/p>\n<p>\u00a0Achtung und Respekt sind unverzichtbare Grundlagen einer Integration gelingt oder misslingt insofern auch in jeder kleinen all-t\u00e4glichen Handlung: wie man einem Bettler begegnet ist ebenso eine Integrations- oder ng wie der Umgang mit einer Kopftuch-Ausl\u00e4nderin, die einem eine Frage des allt\u00e4glichen Umgangs miteinander, gleich ob es der Stra\u00dfe, auf dem Markt, im Rathaus, auf einem Amt oder auf Sammlung handelt. Politisch-administratives Handeln kann hier Was folgt daraus f\u00fcr Integrationspolitik?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ein grunds\u00e4tzlicher Optimismus. Demokratie und Markt sind prinzipiell offene Systeme, in die jeder ohne Ansehen der Person eintreten kann, sofern die Mindestbedingungen gegeben sind: Kaufkraft oder qualifizierte Arbeitskraft auf dem Markt, die Staatsb\u00fcrgerrechte im politischen System. Diese Mindestbedingungen sind von den Subjekten und von der Gesellschaft zu erbringen: Seitens der Gesellschaft sind das beispielsweise Antidiskriminierungsregeln, politische und soziale B\u00fcrgerrechte und Qualifizierungsm\u00f6glichkeiten; seitens der Zuwanderer sind es Qualifikationserwerb und verfassungskonformes Verhalten. Den Rest kann man getrost den Prozessen von Markt und Demokratie \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Zustands-Indikatoren wie Schulerfolg, Arbeitslosenquote oder H\u00e4ufigkeit interethnischer Eheschlie\u00dfungen erlauben nicht das Urteil, Integration sei gelungen oder gescheitert. Entscheidend ist nicht die gegenw\u00e4rtige Situation, sondern die Richtung des Prozesses: Verl\u00e4uft die Karriere einer Gruppe oder eines Individuums abw\u00e4rts oder aufw\u00e4rts? Ausgrenzung und Integration sind Verlaufsmuster, die sich durch die Richtung ihrer Bewegung unterscheiden: an den Rand der Gesellschaft oder in ihre Mitte. Durchschnittlich schlechtere Schulergebnisse von Zuwandererkindern sind kein Zeichen f\u00fcr gescheiterte Integration, sondern Hinweise daf\u00fcr, wo die Chancengleichheit vergr\u00f6\u00dfert werden m\u00fcsste. Meldungen aber, wonach der Schulerfolg von Migrantenkindern sich verschlechtert oder die Sprachkompetenz in der dritten Generation wieder zur\u00fcckgeht, sind Alarmsignale, die auf misslingende Integration oder Ausgrenzungsprozesse hinweisen.<\/p>\n<p>Auch grunds\u00e4tzliche Probleme bleiben bestehen. Differenzierte Gesellschaften kennen Grenzen tolerierbarer Fremdheit. Ein fr\u00f6hliches laissez-faire in jeder Hinsicht kann nicht die Grundlage von Integrationspolitik sein. So ist die Trennung verschiedener Teilsysteme, z.B. des politischen von der Religion, konstitutiv f\u00fcr moderne Gesellschaften. Das Verlangen nach Enddifferenzierung w\u00fcrde die gesellschaftliche F\u00e4higkeit zur Integration von Fremden untergraben. Fundamentalistische Positionen, gleich ob christlicher oder anderer Provenienz, die die s\u00e4kulare Staatsauffassung nicht akzeptieren, k\u00f6nnen nicht nur die Verfassung verletzen, sie stellen auch das Strukturmerkmal horizontal differenzierter Gesellschaften infrage. Ebenso unverhandelbar sind nat\u00fcrlich Menschenrechte wie die Unantastbarkeit der W\u00fcrde des Menschen.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, Integrationsprobleme lie\u00dfen sich in irgendeinem Sinne endg\u00fcltig l\u00f6sen, ist unangemessen. Integration ist ein unabschlie\u00dfbarer und konfliktreicher Prozess, der keinem festen Schema folgt und immer wieder von Neuem beginnt. Integrationsprobleme k\u00f6nnen sich lediglich wandeln. Es gibt daher auch keine eindeutigen und feststehenden Standards, an denen man das Erreichte messen k\u00f6nnte &#150; und ebenso wenig sind verallgemeinerbare Ma\u00dfnahmen zur Integration formulierbar, die man in jeder Stadt und auf jeden Fall anwenden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Vorsicht ist au\u00dferdem geboten vor der Vorstellung, Integration k\u00f6nne von Amtsstuben aus befohlen und umgesetzt werden. Denn wenn erst einmal die gr\u00f6bsten Hindernisse in Form von diskriminierenden Vorschriften ausger\u00e4umt, und wenn die Zug\u00e4nge zu den F\u00f6rdert\u00f6pfen fair ge\u00f6ffnet sind, dann liegt es immer noch an den sozialen Interaktionen zu jeder Zeit und an jedem Ort, ob Chancengleichheit gew\u00e4hrt, wechselseitige Anerkennung gesichert und gegenseitiger Respekt praktiziert wird. Das hei\u00dft: die Politik hat ihre Grenzen. Nicht alles l\u00e4sst sich von oben steuern.<\/p>\n<h5><span id=\"konsequenzen-fuer-die-gesellschaftliche-praxis\">Konse&shy;quenzen f&uuml;r die gesell&shy;schaft&shy;liche Praxis<\/span><\/h5>\n<p>Aus den bisherigen \u00dcberlegungen lassen sich aber auch einige Empfehlungen f\u00fcr eine Integrationspolitik ableiten. Beispielhaft seien genannt:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>Wenn Integration ein konflikthafter Prozess ist, dann m\u00fcssen Mechanismen der Konfliktmoderation unterhalb der Schwelle von Polizei und Justiz entwickelt werden, die verhindern, dass Konflikte eskalieren. In Frankfurt wird das vom Amt f\u00fcr multikulturelle Angelegenheiten versucht. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Ebenso wichtig ist die Einrichtung von Fr\u00fchwarnsystemen, die rechtzeitig auf Konflikte aufmerksam machen, bevor es zum R\u00fcckzug in die geschlossene Gemeinschaft der Alteingesessenen bzw. der Zuwanderer oder zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen kommt. Das hei\u00dft nichts anderes, als dass die Koexistenz von heterogenen Individuen oder Gruppen sozial eingebettet werden muss, wenn sie sich nicht von selbst problemlos gestaltet. Horribile dictu: in Konfliktzonen muss soziale Kontrolle etabliert werden. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Ma\u00dfnahmen, mit denen bestimmte Ziele erreicht werden sollen, m\u00fcssen unter Beteiligung der konfligierenden Gruppen ausgehandelt werden, und sie m\u00fcssen in genauer Kenntnis der Situation formuliert sein. Das verlangt nicht nur objektive Informationen \u00fcber Arbeitslosenquoten, Qualifikationen u.\u00e4, sondern auch &#132;tacit knowledge&#148;, ein qualitatives Wissen, auf dessen Hintergrund die vorliegenden Informationen \u00fcberhaupt erst interpretierbar werden. Was gilt als ,gute Arbeit&#8216;, was wirkt als eine Kr\u00e4nkung des Ehrgef\u00fchls, geht es wirklich um ein materielles Problem oder eher um Fragen der sozialen Anerkennung? Solches Wissen kann nur vor Ort, z.B. in den Kommunen, Schulen, Betrieben und Wohnungsverwaltungen erworben werden, d.h. in Interaktionen innerhalb ortsgebundener Milieus, und es kann auch nur von Person zu Person in allt\u00e4glichen Kontakten vermittelt werden. Dazu m\u00fcssen diejenigen, die in Wohnungsbaugesellschaften, Betrieben, Kommunalverwaltungen, der Polizei und Vereinen allt\u00e4glich in Kontakt mit Zuwanderern kommen, geschult werden und sie m\u00fcssen ihre Erfahrungen untereinander austauschen k\u00f6nnen. Solche Kontakte k\u00f6nnen erleichtert werden durch Stadtteilmanagement, Au\u00dfenstellen der Verwaltungen oder informelle Konsultationsverfahren. Deshalb ist Integrationspolitik vor allem lokale Politik.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wenn das Ideal der Integration durch urbane Indifferenz eine Utopie ist, dann bleibt als M\u00f6glichkeit nur die Stadt als Mosaik getrennter Lebenswelten. Aber dieses Modell der Integration ist nur zweite Wahl, und als zweite Wahl ist es mit Ambivalenzen beladen. Denn r\u00e4umliche Segregation kann auch mit Abschlie\u00dfung und Ausgrenzung verbunden sein. In der Realit\u00e4t m\u00fcssen alle Fragen der Integration daher im Bewusstsein der Ambivalenz jeden einzelnen Schritts angegangen werden.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist der Umgang mit Einwanderungsquartieren (,ethnische Kolonien&#8216;). Solche Quartiere sind eine Begleiterscheinung fast aller Einwanderungsprozesse. Sie er-f\u00fcllen notwendige Funktionen als Orte vertrauter Heimat in der Fremde, wo der neu Zugewanderte Nachbarn findet, die seine Sprache sprechen, seine Gewohnheiten teilen, wo er Unterkunft, eine auf seine Bed\u00fcrfnisse zugeschnittene Infrastruktur, Informationen \u00fcber die neue Umgebung, materielle und emotionale Unterst\u00fctzung finden kann. In-sofern ist Segregation funktional. Einwanderungsquartiere k\u00f6nnen aber auch zu Fallen werden. Die Quartiere der neu Zugewanderten k\u00f6nnen &#150; in Reaktion auf gescheiterte Integrationsversuche &#150; zu Orten des R\u00fcckzugs in die eigene Gemeinschaft und damit zur Mobilit\u00e4tsfalle werden. Es k\u00f6nnen sich Klientelbeziehungen bilden &#150; bis hin zu mafiosen Strukturen, deren Patrone wenig Interesse an der Integration ihrer Klientel in die umgebende Gesellschaft haben.<\/p>\n<p>Einwanderungsquartiere sind als dauerhafte Erscheinungen in Einwanderungsst\u00e4dten zu akzeptieren, zugleich muss die Stadtpolitik alles daran setzen, dass die einzelnen Zuwanderer sich nur vor\u00fcbergehend darin aufhalten (m\u00fcssen). Sie m\u00fcssen Durchgangsstationen sein und d\u00fcrfen nicht Ausdruck einer strukturellen Ausgrenzung werden. Dazu ist es notwendig, Integrationshilfen in diesen Quartieren zu konzentrieren, weil dort die Adressaten solcher Bem\u00fchungen konzentriert und daher leichter zu erreichen sind. Statt einer forcierten Politik der isolierenden Verstreuung der Zuwanderer \u00fcber das ganze Stadtgebiet &#150; die von Kommunalpolitikern h\u00e4ufig als die ,eigentlich richtige&#8216; Strategie angesehen wird &#150; geht es darum, die Zug\u00e4nge f\u00fcr die Neueinwanderer offen zu halten und gleichzeitig die \u00dcberg\u00e4nge in die Gesellschaft der Einheimischen so leicht wie m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Das bedeutet, freiwillige Segregation zuzulassen, die durch Diskriminierung und Mechanismen des Wohnungsmarkts erzwungene dagegen zu verhindern. Vorrangig geht es also darum, die Optionen der Migranten auf dem Wohnungsmarkt zu erweitern. Dazu kann die Bereitstellung von Belegrechtswohnungen in allen Quartieren einer Stadt dienen &#150; was aber in der Regel dort auf scharfen Widerstand st\u00f6\u00dft, wo die am st\u00e4rksten segregierten einheimischen Gruppen in der Stadt wohnen, und das sind die Wohlhabendsten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr die unvermeidliche Ambivalenz einer integrationsf\u00f6rdernden Politik ist der Umgang mit der informellen \u00d6konomie. In gr\u00f6\u00dferen Einwanderungskolonien k\u00f6nnen sich ethnische \u00d6konomien entwickeln, d.h, \u00f6konomische Aktivit\u00e4ten, deren Unternehmer, Arbeitskr\u00e4fte und Kunden \u00fcberwiegend derselben Zuwanderergruppe angeh\u00f6ren. Diese sind nicht nur wichtig f\u00fcr die Versorgung der Zuwanderer, sie bieten auch den Neuank\u00f6mmlingen, die zun\u00e4chst keinen Zugang zum normalen Arbeitsmarkt gefunden haben, Existenzm\u00f6glichkeiten jenseits der Abh\u00e4ngigkeit von der Sozialhilfe. Ethnische \u00d6konomien aber sind h\u00e4ufig nur aufgrund informeller Organisation lebensf\u00e4hig. Eine allzu scharfe Durchsetzung der Bestimmungen des Arbeits- und Gewerberechts k\u00f6nnte ihre Existenz gef\u00e4hrden und damit viele Neuank\u00f6mmlinge in die Abh\u00e4ngigkeit vom Sozialstaat treiben. Notwendig w\u00e4re eine pragmatische Handhabung der Bestimmungen, bei der nicht immer so ganz genau hingesehen wird, wer nun in einer Restaurantk\u00fcche gerade arbeitet oder wer sich in einer Wohnung aufh\u00e4lt. Die Zweischneidigkeit einer solchen Lockerung der Kontrolldichte liegt auf der Hand: die in langen K\u00e4mpfen von der Arbeiterbewegung durchgesetzten Standards des Arbeitsrechts, der Tarifbindung, der Wohnungsversorgung etc, w\u00fcrden ausgeh\u00f6hlt, wom\u00f6glich w\u00fcrde der Bildung korrupter Klientelbeziehungen Vorschub geleistet.<\/p>\n<p>Jenseits aller Ambivalenzen und Aushandlungsprozesse geht es darum, bestimmte Mindeststandards f\u00fcr alle Stadtbewohner zu sichern. Eine der wichtigsten Orte daf\u00fcr ist die Schule. Das Bildungssystem ist heute der entscheidende Filter f\u00fcr den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. In der Schule und nicht erst auf dem Arbeitsmarkt entscheidet sich,ob jemand \u00f6konomisch an den Rand ger\u00e4t oder auf eigenen Beinen stehen kann. Zum anderen sind die Schulen Orte, an denen eine Begegnung zwischen Einheimischen und Zugewanderten politisch beeinflussbar ist. Die durchschnittliche Grundschule in einer deutschen Innenstadt ist heutzutage eine internationale Schule &#150; nur ist sie in den seltensten F\u00e4llen auf diese Aufgabe vorbereitet.<\/p>\n<h5><span id=\"integrationspolitik-150-ein-fazit\">Integra&shy;ti&shy;ons&shy;po&shy;litik &#150; ein Fazit<\/span><\/h5>\n<ol>\n<li>\n<p>\u00a0Integration darf nicht als der Weg einer Minderheit von drau\u00dfen nach drinnen gedacht werden. Die Gesellschaft insgesamt hat ein Integrationsproblem, wenn Fremdheit zum Normalfall wird. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Das Integrationsproblem verteilt sich in modernen Gesellschaften auf verschiedene Subsysteme. Dadurch verliert es seine Komplexit\u00e4t, die ansonsten nicht bew\u00e4ltigbar w\u00e4re. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Politik und Gesellschaft haben daf\u00fcr zu sorgen, dass die Integrationswege in die institutionalisierten Subsysteme f\u00fcr alle offen stehen. ,Integration` nur als ein Problem der Zuwanderer zu definieren, w\u00e4re ein verh\u00e4ngnisvoller Fehler. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Integration ist niemals ,fertig` oder endg\u00fcltig gelungen. Es handelt sich dabei um einen immer offenen Prozess, der ungleich und ungleichzeitig verl\u00e4uft. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>F\u00fcr die Politik bleibt dabei viel zu tun, aber sie hat auch ihre Grenzen: die soziale Anerkennung von Fremden kann nicht b\u00fcrokratisch organisiert oder verordnet werden. Sie bleibt eine Leistung, die wir alle in allt\u00e4glichen Interaktionen so zu erbringen haben, wie wir sie f\u00fcr uns selbst erwarten. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Die Differenz zwischen institutioneller und sozialer Integration f\u00fchrt zu einem Dilemma der st\u00e4dtischen Integrationspolitik: wird sie klientelspezifisch und allzu f\u00fcrsorgerisch, wirkt sie stigmatisierend und ungewollt ausgrenzend. Dennoch darf sie nicht verkennen oder ignorieren, dass es spezifische N\u00f6te bzw. Bed\u00fcrfnisse auf Seiten von Minderheiten gibt. Daraus ergibt sich eine grunds\u00e4tzliche Ambivalenz kommunaler Integrationspolitik, f\u00fcr die nur in langwierigen und konfliktreichen Prozessen des Aushandelns eine Balance gefunden werden kann.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Integrationspolitik verlangt eine au\u00dferordentlich schwierige Gratwanderung. Wie Sigmund Freud formuliert hat: es gibt f\u00fcr jedes komplexe Problem auch eine einfache L\u00f6sung &#150; nur ist die f\u00fcr gew\u00f6hnlich falsch.<\/p>\n<p><b>*\u00a0<\/b>Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 6. November 2003 anl\u00e4sslich der Verleihung des Schader-Preises in Darmstadt gehalten wurde.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2398],"publikationen":[1464],"class_list":["post-12224","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hartmut-haeussermannlwalter-siebel","publikationen-vorg-165"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Stadt als Ort der Integration von Zuwanderern - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-165\/publikation\/die-stadt-als-ort-der-integration-von-zuwanderern\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Stadt als Ort der Integration von Zuwanderern - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcber den Umgang mit Differenz in der modernen Gesellschaft aus: Vorg\u00e4nge Nr. 165 ( Heft 1\/2004), S.9-19 In unseren St\u00e4dten wachsen von Tag zu Tag die Anteile von ethnischen Minderheiten an der Wohnbev\u00f6lkerung. 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