{"id":12237,"date":"2011-07-16T12:24:00","date_gmt":"2011-07-16T10:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-gedenken-fuer-fritz-bauer\/"},"modified":"2011-07-16T12:00:00","modified_gmt":"2011-07-16T10:00:00","slug":"ein-gedenken-fuer-fritz-bauer","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/07-1968\/publikation\/ein-gedenken-fuer-fritz-bauer\/","title":{"rendered":"Ein Gedenken f\u00fcr Fritz Bauer"},"content":{"rendered":"<p>Vorg\u00e4nge 07\/1968 S. 241<\/p>\n<p>(vg) Dr. Fritz Bauer, Hessischer Generalstaatsanwalt seit 1956, Mitgr\u00fcnder der Humanistischen Union und deren Vorstandsmitglied von Anfang an, ist am 30. Juni 1968, zwei Wochen vor der Vollendung seines 65. Lebensjahres, gestorben. F\u00fcr alle seine Freunde kam dieser Tod j\u00e4h und best\u00fcrzend. Diese Freunde hatten erwartet, Fritz Bauer werde, wenn er entlastet sein w\u00fcrde vom \u00f6ffentlichen Amt, erst recht beispielhaft t\u00e4tig werden f\u00fcr die Grundanliegen seines Lebens, die zugleich Grundanliegen unserer Demokratie sind. Was Fritz Bauer anderseits f\u00fcr die Humanistische Union bedeutet hat, wird wohl erst sichtbar werden, wenn in Zukunft bei den Beratungen ihres Vorstands seine Stellungnahme ausbleibt.<\/p>\n<p>Die offizielle Trauerfeier des hessischen Staates f\u00fcr Fritz Bauer fand am 6. Juli 1968 in Frankfurt statt. Fritz Bauer aber hatte den Wunsch, in Stille beerdigt zu werden. Bei einer Gedenkfeier im privaten Freundeskreis hielt Dr. Richard Schmid, ehemals Stuttgarter Oberlandesgerichtspr\u00e4sident und au\u00dferdem Beiratsmitglied der HU, eine Gedenkrede f\u00fcr Fritz Bauer, die wir hier seinen Freunden zu seinem Gedenken zur Kenntnis geben.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Heft werden wir den Text von Fritz Bauers letztem Vortrag, den er zehn Tage vor seinem Tod, am 21. Juni 1968 in einer HU-Veranstaltung in M\u00fcnchen \u00fcber das Thema &#8222;Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart&#8220; hielt, ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Freundschaftliche Beziehungen \u00fcber etwa vierzig Jahre weg geben mir das Recht, in dieser Feier zu sprechen. Vielleicht gewinnt Ihr Bild vom Verstorbenen durch meine Erinnerungen ein Weniges an Deutlichkeit. Fritz Bauer ist mir zuerst als junger Assessor und Amtsrichter in Stuttgart begegnet, der das ihm obliegende allt\u00e4gliche amtsrichterliche Gesch\u00e4ft besser und schneller als andere und mit der linken Hand erledigte. Seine gro\u00dfe geistige Energie galt der Wissenschaft und damals vor allem der Politik. Mit seinem Freunde Kurt Schumacher versuchte er &#8211; unter anderem mit Hilfe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold\u00a0&#8211; die Stabilisierung und, als die nicht gelang, die Rettung der Weimarer Republik. Als auch die nicht gelang und er aus der KZ-Haft der Nazi entlassen worden war, emigrierte er nach D\u00e4nemark. Dort hatte ich, es war kurz nach dem Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs im Sommer 1936, einmal ein langes Gespr\u00e4ch mit ihm in einem Kopenhagener Park. Ich erinnere mich nicht, wor\u00fcber wir sprachen, sondern nur noch an die politische Atmosph\u00e4re, die damals zum Verzweifeln war. Es war der H\u00f6hepunkt des Hitlerschen Ansehens auch au\u00dferhalb Deutschlands. Auch dort h\u00f6rte man allenthalben die Frage: Was haben Sie denn gegen Hitler? Die Verbindung zu Fritz Bauer brach ab, bis man von ihm wieder aus Braunschweig h\u00f6rte, wo er dann sein gro\u00dfartiges Pl\u00e4doyer in Sachen Remer hielt, das in der deutschen Justiz und in der Frage des Widerstands Epoche machte. Von dieser Zeit an trafen wir uns wieder-holt in unserer Eigenschaft als Generalstaatsanw\u00e4lte; auch manchmal au\u00dferdienstlich. Beide haben wir, und zwar er mit viel mehr Energie, Sto\u00dfkraft und wissenschaftlicher Gr\u00fcndlichkeit, die herk\u00f6mmliche preu\u00dfisch-deutsche Vorstellung eines Staatsanwalts zu ver\u00e4ndern oder zu widerlegen versucht, wonach ein Staatsanwalt der H\u00fcter einer strikten und autorit\u00e4ren Gesetzlichkeit sei, feindlich jeder Ver\u00e4nderung oder Entwicklung oder gar einer Individualisierung des Rechts und der Rechtsanwendung. Fritz Bauer hat seine amtliche T\u00e4tigkeit in einer bisher unerh\u00f6rten Weise verbunden mit der bitter n\u00f6tigen Kritik an Gesetzen und Rechtsprechung und die Erfahrung aus der amtlichen T\u00e4tigkeit daf\u00fcr nutzbar gemacht. In seine Frankfurter Zeit fallen seine gro\u00dfen wichtigen Leistungen, durch die Frankfurt geradezu zu einem Zentrum der Initiativen in der deutschen Nachkriegsjustiz geworden ist. Er hat keine M\u00fche, keine Reibung, keinen Entschlu\u00df gescheut, die den von ihm er-kannten Notwendigkeiten dienten, und er hat dieserhalb viele Anfeindungen, viel Mi\u00dfgunst und Anzweiflung auf sich genommen. In diese Zeit f\u00e4llt auch seine reiche und intensive literarische und Vortragst\u00e4tigkeit, die Publikation wichtiger B\u00fccher sowohl als Verfasser wie als Herausgeber. Von dem In-halt dieser Schriften kann nicht kurz berichtet werden; sicherlich ist mir auch nur ein Teil zu Gesicht gekommen. Fritz Bauer ist immer mit der ihm eigenen Vehemenz zum n\u00e4chsten Vorhaben weitergeeilt, ohne sich um die Wirkung seiner einzelnen Leistungen gro\u00df zu k\u00fcmmern und seine Erfolge zu pflegen. In einer Zeit, in der viele Menschen sich keine \u00dcberzeugungen und Gesinnungen mehr erlaubten, um nicht als Ideologen zu gelten, war es wahrhaft tr\u00f6stlich, einen Menschen zu wissen, der nicht nur eine \u00dcberzeugung hatte, sondern auch den Mut, sie offen, verantwortlich und gegen Widerst\u00e4nde zu vertreten. Seine Hauptm\u00fche galt in den letzten Jahren der Erneuerung unseres Strafrechts und unseres Strafvollzugs, und ich m\u00f6chte bei dieser Gelegenheit folgendes nicht verhehlen: Da\u00df man ihn, den gro\u00dfen Sachkenner und Praktiker, den Kenner vor allem auch ausl\u00e4ndischer Verh\u00e4ltnisse und Fortschritte, den leidenschaftlich interessierten Humanisten, der gleichzeitig ein vorz\u00fcglicher Jurist war,\u00a0&#8211; da\u00df man ihn nicht in die gro\u00dfe Strafrechtskommission berufen hat, hat sicher Gr\u00fcnde gehabt, aber Gr\u00fcnde, die nicht zur Ehre der deutschen Nachkriegsjustiz gereichen und die der Qualit\u00e4t des Entwurfs nicht zugute gekommen sind. Da\u00df man keine wirkliche Reform beabsichtigte, ergibt sich daraus, da\u00df man den bedeutendsten Reformer nicht heranzog. Der Verstorbene wurde dann auch nicht m\u00fcde, den Entwurf sachkundig zu kritisieren, den Gesetzgeber zur Modernit\u00e4t zu mahnen und von dem R\u00fcckfall in das anderswo l\u00e4ngst abgetane Vergeltungs- und Schuldstrafrecht ab-zuhalten. Diese Vorhaben haben in den letzten Jahren \u00fcberwiegend die Aktivit\u00e4t Fritz Bauers bestimmt. Im Amt hat seine M\u00fche au\u00dfer der politischen Justiz und den Verbrechen des Dritten Reiches dem Strafvollzug gegolten, den er mit Recht f\u00fcr den wichtigeren Teil des Strafwesens gehalten hat, ganz im Gegensatz zur offiziellen Richtung. Aus unserem letzten l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch im vergangenen Dezember erinnere ich mich unserer gemeinsamen pessimistischen Feststellung, wieviel menschliche Werte und M\u00f6glichkeiten, Begabungen, guter Wille bei dem Zustand unserer heutigen Strafrechtspflege und unseres Strafvollzugswesens Tag f\u00fcr Tag vor die Hunde gehen.<\/p>\n<p>Und wenn schon von seinem Pessimismus die Rede ist: Bei ihm fand man eine recht seltene Kombination dieser Haltung. Eine h\u00e4ufig recht negative Bewertung seiner Umwelt, Zweifel an der F\u00e4higkeit der Deutschen, die Fakten ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen und rational zu verarbeiten. Nach psychologischen Gesetzen h\u00e4tten solche Erkenntnisse zur Verzweiflung oder zur Resignation und Gleichg\u00fcltigkeit f\u00fchren m\u00fcssen. Aber bei Fritz Bauer war es gerade umgekehrt. Die pessimistische Grundstimmung schien die Aktivit\u00e4t und sachliche Leidenschaft eher zu steigern, zu einer Intensit\u00e4t, die seine physischen Lebenskr\u00e4fte schlie\u00dflich aufgezehrt hat. Seine geistigen Kr\u00e4fte h\u00e4tten noch f\u00fcr lange Zeit gereicht. Sein Tod ist der schmerzlichste Verlust, der das deutsche Rechtsleben nach dem Kriege getroffen hat.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2403],"publikationen":[2864],"class_list":["post-12237","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-richard-schmid","publikationen-07-1968"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Gedenken f\u00fcr Fritz Bauer - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/07-1968\/publikation\/ein-gedenken-fuer-fritz-bauer\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Gedenken f\u00fcr Fritz Bauer - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vorg\u00e4nge 07\/1968 S. 241 (vg) Dr. Fritz Bauer, Hessischer Generalstaatsanwalt seit 1956, Mitgr\u00fcnder der Humanistischen Union und deren Vorstandsmitglied von Anfang an, ist am 30. 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