{"id":12254,"date":"1985-11-30T01:00:00","date_gmt":"1985-11-30T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-schluessel-zu-vielen-tueren\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"ein-schluessel-zu-vielen-tueren","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/ein-schluessel-zu-vielen-tueren\/","title":{"rendered":"Ein Schl\u00fcssel zu vielen T\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p>Christel Neus\u00fc\u00df&#8216; Analyse m\u00e4nnlicher Denkmuster<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. 119-121<\/p>\n<p>\u00dcber den Zusammenhang von Liebe und Arbeit wurde in den letzten Jahren in der Frauenbewegung und -forschung viel nachgedacht. Jene T\u00e4tigkeiten der unz\u00e4hligen Frauen, die aus Liebe unentgeltlich und Tag f\u00fcr Tag unter der Bezeichnung \u00bbHausarbeit\u00ab vorgenommen werden, d\u00fcrfen endlich auch Arbeit genannt und in den Rang gesellschaftlich notwendiger Arbeit gehoben werden &#8211; auch wenn es noch vereinzelt Marx-Orthodoxe geben mag, die vor den Realit\u00e4ten des Lebens die Augen verschliessen und lieber bestimmten \u00bbKopfgeburten\u00ab nachjagen. Diese \u00bbKopfgeburten\u00ab sind Thema des neuen Buches von Christel Neus\u00fc\u00df:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\"><i>Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder Die Genossin Rosa Luxemburg bringt alles durcheinander, Verlag Rasch und R\u00f6hring, Hamburg, 1985.<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Christel Neus\u00fc\u00df, Professorin an der Fachhochschule f\u00fcr Wirtschaft in Berlin, hat wichtige Artikel zu Sozialstaats- und Imperialismustheorien, zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zur Gewerkschaftspolitik verfa\u00dft. 1972 ver\u00f6ffentlichte sie ihr Buch \u00fcber \u00bbImperialismus und Weltmarktbewegung des Kapitals\u00ab. Jetzt beschreibt sie den Abl\u00f6sungspro-ze\u00df von ihrem \u00bbZweitvater Marx\u00ab (S. 8), der bei ihr einhergeht mit einem \u00bbPerspektivwechsel\u00ab: \u00bb&#8230; nicht mehr nur als theoretischer Kopf von oben, sondern als qua Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit Betroffene auch von unten\u00ab S. 18 m\u00f6chte sie k\u00fcnftig Theorie und Geschichte der Arbeiterbewegung betrachten. Marx, so ist ihr klar geworden, hat als Mann geschrieben, und er hat seinen \u00bbm\u00e4nnlichen Blick\u00ab nicht zum Gegenstand seiner sonst so scharfen Reflexionsf\u00e4higkeit gemacht.<\/p>\n<p>Ausgesprochen kurzweilig liest sich ihr Einleitungskapitel (\u00bb\u00dcber was schreibst Du denn?\u00ab), in dem sie darlegt, wie sie darauf kam, da\u00df sie sich selbst als Frau jahrelang von ihrer wissenschaftlichen und politischen Arbeit abgetrennt habe. Sie wollte nicht zu den Benachteiligten und Unterdr\u00fcckten geh\u00f6ren &#8211; und schien es \u00e4u\u00dferlich gesehen ja auch nicht. Da\u00df sie ihr Frau-Sein und ihren wissenschaftlichen Kopf schlie\u00dflich doch noch zusammenbekam, verdankt sie pers\u00f6nlichen Erfahrungen in ihren Beziehungen und der Debatte zwischen Feministinnen und Marxisten \u00fcber die Frage, ob Marx die Hausarbeit ber\u00fccksichtigt habe oder nicht. Diese Debatte ist auch Thema ihres ersten Kapitels mit dem vielsagenden Titel: \u00bbDer Mann Marx. Kopf und Hand &#8211; wo bleibt denn da der Rest?\u00ab Das Thema Marx und Hausarbeit ist der Ausgangspunkt f\u00fcr ihre weiteren \u00dcberlegungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, die sie jetzt mit \u00bbsubjektiven Augen\u00ab(S.18) erforscht.<\/p>\n<p>Sie wirft Marx vor, er sei bei seiner Analyse von Kapital und Arbeit allein von den Verh\u00e4ltnissen in der Fabrik ausgegangen und habe die \u00bbproduktiv-wertbildende Arbeit\u00ab der M\u00fctter<\/p>\n<p>&#8211; Christel Neus\u00fc\u00df schreibt: \u00bbmeiner Mutter\u00ab<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0nicht zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Die Kritik des Marx&#8217;schen Arbeitsbegriffes, der gro\u00dfe Bereich menschlicher T\u00e4tigkeiten ausspare, bzw. als nicht produktiv werte, f\u00fchrt sie zu einer m\u00e4nnlichen Form des Denkens \u00fcberhaupt, die sie &#8211; in Anlehnung an ein ber\u00fchmtes Zitat aus dem ersten Band des \u00bbKapitals\u00ab &#8211; das \u00bbBaumeistermodell\u00ab nennt. Marx hatte dort ausgef\u00fchrt:<\/p>\n<p>\u00bbWas aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, da\u00df er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht, da\u00df er nur eine Formver\u00e4nderung des Nat\u00fcrlichen bewirkt, er verwirklicht im Nat\u00fcrlichen zugleich seinen Zweck, den er wei\u00df, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen mu\u00df.\u00ab MEW, Bd. 23, S. 193<\/p>\n<p>Das \u00bbBaumeistermodell\u00ab, als ein umfassendes, nicht nur auf bestimmte T\u00e4tigkeiten begrenztes Denkmuster, verfolgt Christel Neus\u00fc\u00df durch die Geschichte der Arbeiterbewegung hindurch bis heute. Sie findet es nicht nur bei Vertretern der Gewerkschaften, der SPD und des \u00bbrealen Sozialismus\u00ab wider, sondern auch bei der Gegenseite, bei den Unternehmern, ihren Parteien und Ideologen. Kapitalismus und \u00bbArbeiterkopfbewegung\u00ab wollten glauben machen, so die Autorin, die Arbeit der M\u00fctter mit ihrer speziellen Produktionsweise sei nicht produktiv. Sie arbeitet heraus, da\u00df beide Fraktionen \u00fcberhaupt alle T\u00e4tigkeiten, die nicht gem\u00e4\u00df \u00bbBaumeistermodell\u00ab organisiert w\u00fcrden, als \u00bbinstinktivvormenschlich\u00ab auffa\u00dften. Dazu z\u00e4hle auch die Vorstellung von der \u00bbgeschichtslos\u00ab herumliegenden Natur, die es, ebenso wie die sogenannten \u00bbprimitiven V\u00f6lker\u00ab zu beherrschen gelte. Diese Einstellung habe Folgen:<\/p>\n<p>\u00bbDa\u00df Frauen, sofern sie nicht Fabrikarbeiterinnen sind, &#132;primitive V\u00f6lker&#147; und die Natur so behandelt werden, als seien sie nicht produktiv, und da\u00df der Mann von der Gesellschaft nur als produktiv betrachtet wird, wenn er in der Fabrik malocht oder in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re t\u00e4tig ist, all das r\u00e4cht sich. Dieses Denken entspricht eben, wenn es sich m Praxis umsetzt, nicht der gegenst\u00e4ndlichen Wahrheit.<br \/>Ausbeutung, Gewalt, Raub, Zerst\u00f6rung signalisierten die Unwahrheit.\u00ab(S. 286) Ausbeutung, Raub, Zerst\u00f6rung und Gewalt aber m\u00fcssen, wenn sie zu offensichtlich werden, verdr\u00e4ngt, weggeschoben, \u00bbweginterpretiert\u00ab werden. Brutalit\u00e4ten von Arbeitern gegen ihre Frauen werden so zum \u00bbRestbestand des alten Patriarchats\u00ab, Gewalt und Zerst\u00f6- rung zu leider nun mal notwendigen Stationen auf dem Weg des \u00bbzivilisatorischen Fortschritts\u00ab.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ihrer Kritik entdeckt Christel Neusu\u00df Gemeinsamkeiten mit Rosa Luxem-burg. Nirgendwo finde sich bei ihr jene \u00bbList der Vernunft\u00ab, mit der Gewalt und Zerst\u00f6rung irgendwann einmal als produktiv f\u00fcr den historischen Fortschritt eingeordnet wurden. Rosa Luxemburg frage in ihren \u00f6konomischen und historischen Schriften nicht wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen nach den \u00bbWunderwerken der gro\u00dfen Industrie\u00ab, sondern nach dem \u00bbSchicksal der V\u00f6lker im Proze\u00df der Entwicklung des kapitalistischen Weltmarktes\u00ab(S.288). Auch an anderer Stelle unterscheide sie sich in ihrer Blickrichtung ganz erheblich von den M\u00e4nnern der Arbeiterbewegung: Im Gegensatz zur Marx&#8217;schen Kopfgeburt von der \u00bbganzen Welt als kapitalistischer Nation\u00ab gehe sie von der historischen Realit\u00e4t aus Rosa Luxemburg hatte in diesem Zusammenhang von einer \u00bbblutleeren theoretischen Fiktion\u00ab gesprochen).<br \/>Die Gegen\u00fcberstellung verschiedener politischer und organisatorischer Positionen von Rosa Luxemburg mit den vom m\u00e4nnlichen Denkmuster gepr\u00e4gten Auffassungen liest sich sehr spannend.<\/p>\n<p>Christel Neusu\u00df begr\u00fcndet Rosa Luxemburgs andere Denkweise mit den Praxiserfahrungen und -traditionen ihres Geschlechts. Sie haben sich Arbeit, Entwicklung und Ver\u00e4nderung in der Tradition der Arbeitserfahrungen von Frauen, die Kinder aufz\u00f6gen oder f\u00fcr ihr Gro\u00dfwerden verantwortlich w\u00e4ren, vorgestellt. (Hier fallt allerdings sofort auf da\u00df Rosa Luxemburg selbst keine Kinder gehabt hat). Christel Neusu\u00df schreibt:<\/p>\n<p>\u00bbIch interpretiere ihre Vorstellung vom sozialen Widerstandshandeln und von der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung als eine tiefgreifende Kritik der Auftrennung des Gesamtzusammenhangs menschlicher Praxis in m\u00e4nnlich- kopfgeleitete und weiblich-gef\u00fchlsgeleitete T\u00e4tigkeiten, in Geschichte und &#8218;Natur&#8216; &#8230;\u00ab(S. 328). Allerdings habe sie sich niemals Gedanken \u00fcber Geschlechtszugehorigkeiten und die damit verbundenen Traditionen von Praxis, Herrschaft und Ausbeutung gemacht. Deshalb sei sie an dieser Stelle selbst \u00bbim Kopf stecken geblieben\u00ab(S. 328).<br \/>Trotz dieses spannenden Ansatzes wurde mir die Lekt\u00fcre des Buches oft m\u00fchsam und z\u00e4h. Zu viel scheint in diesen, wie ein endloses Selbstgespr\u00e4ch dahinflie\u00dfenden Text hineingepackt. Christel Neus\u00fc\u00df&#8216; Ziel: die \u00bbEntschl\u00fcsselung speziell m\u00e4nnlicher Muster von Arbeit, Produktivit\u00e4t und sozialem Handeln\u00ab(S.18) ist ja auch ein gro\u00dfer Anspruch &#8211; zu umfassend vielleicht, um ihn als Einzelne, auf einen Schlag und in einem Buch einzul\u00f6sen. Indes,das war auch nicht ihre Absicht .Lediglich ihren Erkenntnisstand wolle sie darlegen, schreibt die Autorin und Erkenntnisse seien ja immer im Flu\u00df.<br \/>Ich wei\u00df nicht, ob es gut ist, wenn die Entwicklungsphasen der Erkenntnis in ihrer ganzen Breite ver\u00f6ffentlicht werden, noch dazu in streckenweise unertr\u00e4glich schlampiger Sprache und Zitierweise. Vielleicht hat sie auch mit einem Schl\u00fcssel zu viele T\u00fcren aufsperren wollen. &#8211;<\/p>\n<p>Trotzdem, die T\u00fcr zu Rosa Luxemburg habe ich mir gern aufschlie\u00dfen lassen. Der Ansatz, \u00fcber Rosa Luxemburg als \u00bbFrau, die Politik macht\u00ab (S. 326) nachzudenken, ist lohnend. Hoffentlich gelingt es den Leserinnen und Lesern des Buches, bis dahin vorzudringen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2408],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12254","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sibylle-quacksibylle-quack","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Schl\u00fcssel zu vielen T\u00fcren - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/ein-schluessel-zu-vielen-tueren\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Schl\u00fcssel zu vielen T\u00fcren - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Christel Neus\u00fc\u00df&#8216; Analyse m\u00e4nnlicher Denkmuster aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. 119-121 \u00dcber den Zusammenhang von Liebe und Arbeit wurde in den letzten Jahren in der Frauenbewegung und -forschung viel nachgedacht. 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