{"id":12255,"date":"1985-11-30T17:00:00","date_gmt":"1985-11-30T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-traditionalist\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"ein-traditionalist","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/ein-traditionalist\/","title":{"rendered":"Ein Traditionalist. Zum Tode von Wolfgang Abendroth."},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S.21-23<\/p>\n<p>Die Tradition einer \u00bbwestdeutschen Linken links von der SPD, so schrieb die \u00bbFrankfurter Allgemeine Zeitung\u00ab in ihrem Nachruf f\u00fcr Wolfgang Abendroth, werde aufrechterhalten nicht durch gesellschaftliche Analytik, sondern durch \u00bbBewunderung f\u00fcr Einzelpers\u00f6nlichkeiten\u00ab; und so sei es die Person Abendroth gewesen, die \u00bbjunge Menschen an sich zog und an sozialistische Ideen band\u00ab.<\/p>\n<p>So ganz falsch ist das nicht. Traditionen politischer Bewegungen und politische Theorien, die auf gesellschaftliches Handeln gerichtet sind, vermitteln sich nur zum Teil und nur unter gro\u00dfen Schwierigkeiten \u00fcber Literatur. \u00dcberlieferung ist auf Menschen angewiesen, auf die Anziehungsf\u00e4higkeit erkennbarer politischer Praxis, auf Diskussionsbereitschaft, in der pers\u00f6nliches Engagement steckt. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Zeiten, in denen bestimmte Traditionen historisch gebrochen sind, in den gesellschaftlichen Institutionen kaum Ausdrucksm\u00f6glichkeiten haben, von den vorherrschenden Meinungen her verdr\u00e4ngt werden sollen.<\/p>\n<p>Genau hier ist auszumachen, was Wolfgang Abendroth f\u00fcr die Linke m Westdeutschland bedeutete. Hier allerdings ist auch zu korrigieren, was die FAZ im Nachruf auf Abendroth beschrieb. Der war ein Mensch, der nicht die Rolle des distanzierten Wissenschaftlers annahm, nahm, der auch keinerlei \u00c4hnlichkeiten mit den Technikern der \u00bbPolitarbeit\u00ab hatte. Ich wei\u00df aus eigener Erfahrung, wie Abendroth \u00bbpers\u00f6nlich\u00ab wirkte, wie sehr im Kontakt zu ihm menschliche Verbindlichkeit entstand; ganz unverbla\u00dft ist f\u00fcr mich die Erinnerung an den akademischen Lehrer Abendroth zu Beginn der 50er Jahre, als wir &#8211; die ersten Marburger akademischen Sch\u00fcler &#8211; den damals einzigen marxistischen Hochschullehrer in der Bundesrepublik kennenlernten und bald wu\u00dften, da\u00df er weitaus mehr in seine Universit\u00e4tst\u00e4tigkeit einbrachte als nur den versierten Umgang mit wissenschaftlicher Lehre. Abendroth faszinierte, aber das war keine wissenschaftlich oder pers\u00f6nlich \u00bbfreischwebende\u00ab oder gar irrlichternde Faszination &#130; sondern die Anziehung lag darin, da\u00df sich bei ihm Theorie und Praxis biographisch \u00fcberzeugend verbanden und darin eine Traditionslinie zu entdecken war, die nach dem deutschen Faschismus sonst kaum noch existierte, n\u00e4mlich die einer stetigen, solidarischen und zugleich kritischen intellektuellen Arbeit f\u00fcr die sozialistische Bewegung.<\/p>\n<p>Das eine solche wissenschaftliche und politische Lebensweise in jenen Jahren hierzulande selten geworden war, hatte seine Gr\u00fcnde in den Verlusten, die der Arbeiterbewegung und der linken Intelligenz in Deutschland durch Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung unter der Herrschaft des NS-Systems zugef\u00fcgt worden waren, es hatte Grunde aber auch in den Nachkriegsverh\u00e4ltnissen. Der Kalte Krieg dr\u00e4ngte zu politischen Parteinahmen, die so oder so einem kritisch-marxistischen Denken keinen Raum lie\u00dfen; die Erfahrung des Stalinismus und vieler Erscheinungen der sowjetischen Politik in Deutschland veranla\u00dfte viele Linksintellektuelle zum \u00bbAbschied von der Tradition\u00ab; andere f\u00fcgten sich den jeweiligen Parteiapparaten ein (in der Hoffnung, so noch am ehesten politisch wirksam werden zu k\u00f6nnen &#8211; um den Preis gedanklicher Selbst\u00e4ndigkeit. Andererseits waren die westdeutschen Wissenschaftsinstitutionen sehr darum bem\u00fcht, Marxisten den Zugang zu verwehren. Es war ein Gl\u00fccksfall, da\u00df Abendroth an der Universit\u00e4t zum Zuge kam, und \u00fcber viele Jahre hin haben ihm die Kollegen dort das Leben schwer gemacht, eben weil er seine politische Identitat nicht aufgab. Wer an den westdeutschen Hochschulen, au\u00dfer Abendroth, hat in den f\u00fcnfziger Jahren den wissenschaftlichen Anschlu\u00df an die Geschichte der Arbeiterbewegung mit dem Blick auf politische Praxis in der Gegenwart hergestellt? Wer, au\u00dfer Abendroth, hat Marxismus als analytische Methode zur Grundlegung aktuellen politischen Handelns nahegelegt? Da bleibt kaum ein anderer &#8211; bis im Zuge der Studentenbewegung ein akademischer Klimawechsel sich anbahnte.<\/p>\n<p>Wolfgang Abendroth war in seinen jungen Jahren von den Gedanken und Menschen der \u00bbKommunistischen Partei-Opposition\u00ab KPO gepr\u00e4gt worden; ein gutes St\u00fcck seiner politischen Sozialisation lag au\u00dferdem in den Erfahrungen der damaligen linken Jugendbewegung, die offen war auch f\u00fcr die Diskussion mit jungen Menschen anderer politischer Einstellung. Diese beiden Herk\u00fcnfte waren h\u00f6chst produktiv f\u00fcr die wissenschaftliche und politische Praxis Abendroth&#8217;s nach 1945 als er die Zeit der Illegalit\u00e4t der Haft und des erzwungenen Dienstes im Strafbataillon 999 hinter sich hatte. Abendroth war in einem politischen Kontext aufgewachsen, dem \u00bbLinientreue\u00ab zu Zwecken dieser oder jener Parteif\u00fchrung fremd war; er dachte sozialistische Theorie nicht in den Kategorien des Parteibefehls. \u00bbSowjet-marxistische\u00ab Dogmatisierung ist ihm nie in den Sinn gekommen. Er sah die Durchsetzung der sowjetischen Gesellschaft als Voraus-setzung historischen Fortschritts an, als Chance, &#8211; aber das hat ihn was die Erinnerung an Abendroth im Felde der DKP leicht vergi\u00dft nie daran gehindert, katastrophale Fehlent-wicklungen des sowjetischen Systems deutlich und systematisch unter Kritik zu nehmen. Andererseits ist Abendroth nie sozialdemokratischen Illusionen aufgesessen, wonach Wirtschaftswachstum plus parlamentarische Regierungsform aus sich heraus Demokratie und soziale Interessen der abh\u00e4ngig Arbeitenden, auf abh\u00e4ngige Arbeit Angewiesenen verb\u00fcrgen k\u00f6nnten; er hat nie aus dem Blick verloren, da\u00df die Gefahr eines neuen Faschismus bestehen blieb. Es lohnt sich immer noch, unter diesen Aspekten Abendroths Gegenentwurf zum Godesberger Programm zu lesen, der sich nicht als \u00bbmehrheitsf\u00e4hig\u00ab mi\u00dfverstand, sonder darauf angelegt war, die innerparteiliche Diskussion der SPD mit \u00fcberkommenen politischen Einsichten der Arbeiterbewegung in Ber\u00fchrung zu bringen.<\/p>\n<p>Abendroth war sich nie zu schade, politische Tagesarbeit zu \u00fcbernehmen. \u00bbWohlmeinende\u00ab Wissenschaftskollegen haben ihm oft geraten, er solle seine Energien auf gr\u00f6\u00dfere akademische Publikationen konzentrieren, statt sie auf aktuelle Referate und Expertisen f\u00fcr Gewerkschaftsorganisationen oder auf die Mitarbeit in kleinen links-sozialistischen Gruppen und Zeitschriften zu \u00bbvergeuden\u00ab, In solchen Ratschl\u00e4gen lag eine v\u00f6llige Verkennung der politischen Pers\u00f6nlichkeit Abendroth&#8217;s. Er wu\u00dfte, was er tat, als er seine Zelt und seine F\u00e4higkeiten daran setzte, in jenen f\u00fcr die westdeutsche Linke d\u00fcrren Jahren theoretische und personelle Kontmultaten zu sichern, mochte deren Reichweite noch so bescheiden sein. Er trug wesentlich dazu bei, da\u00df klassenpolitische Sichtweisen aus einigen westdeutschen Gewerkschaften nicht vollends verschwanden; zahlreiche Referate und Artikel Abendroth&#8217;s beim Sozialistischen Deutschen Studenten-bund, bei der SDS-F\u00f6rderergesellschaft, dann beim daraus entstehenden Sozialistischen Bund, oder in den \u00bbFunken\u00ab, der \u00bbSozialistischen Politik\u00ab, den \u00bbPl\u00e4nen\u00ab, den \u00bbWerk-heften\u00ab u.a. Publikationen sorgten daf\u00fcr, da\u00df die linkssozialistischen Positionen pr\u00e4sent blieben. Als dann mit der Studentenbewegung die intellektuelle Linke Auftrieb erhielt, erwies sich Abendroth als ein Mann, der f\u00fcr Publikumserfolg nicht anf\u00e4llig war. Durchaus gegen den damaligen Trend warnte er die Neue Linke davor, ihre eigene politische Konjunktur zu \u00fcbersch\u00e4tzen, rechtsstaatliche Errungenschaften zu negieren oder die SPD und die Gewerkschaften zum alten Eisen zu werfen. Er begr\u00fc\u00dfte es, da\u00df die kommunistische Richtung der Linken in der Bundesrepublik in Gestalt der DKP wieder legal auftreten konnte und hoffte darauf, da\u00df hier an \u00dcberlieferungen des deutschen Kommunismus aus dessen \u00bbvorbolschewistischer\u00ab Zeit wiederangekn\u00fcpft werden k\u00f6nne. Aber Abendroth lie\u00df sich nun wiederum auch nicht zum Nachbeter der DKP-Lesarten von Arbeiterbewegungsgeschichte machen; ganz zutreffend ist im Nachruf der \u00bbFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u00ab bemerkt, da\u00df Abendroth es riskierte, von den einen \u00bbwegen einer gewissen N\u00e4he zur DKP, von anderen wegen einer nie aufgebenen gewissen Distanz zu eben dieser DKP angegriffen zu werden\u00ab.<\/p>\n<p>Abendroth hat zeitlebens an dem theoretischen Potential und an dem praxisorientierten, kritischen Zugriff festgehalten, die er vor 1933 m authentischen Formen der deutschen Arbeiterbewegung kennengelernt hatte. Insofern war er Traditionalist. Die Linke in der Bundesrepublik w\u00e4re heute besser dran, hatte sie mehr von solcherart Traditionalisten zur Verf\u00fcgung gehabt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2409],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12255","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-arno-kloenne","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Traditionalist. 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