{"id":12270,"date":"1977-10-01T13:40:00","date_gmt":"1977-10-01T12:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/erfahrungen-mit-rosa-l\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:16","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:16","slug":"erfahrungen-mit-rosa-l","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/erfahrungen-mit-rosa-l\/","title":{"rendered":"Erfahrungen mit Rosa L."},"content":{"rendered":"<p>Das Buch \u00fcber Rosa Luxemburg und ihre Zeit: wie es entstand, was ich dabei erlebte, wie es Kritik und Leser aufnahmen<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 115-119<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-zur-entstehungsgeschichte-des-buches\">I. Zur Entste&shy;hungs&shy;ge&shy;schichte des Buches<\/span><\/h2>\n<p>Die Anregung, eine Biografie \u00fcber Rosa Luxemburg zu schreiben, kam von meinem Lektor Hans-Joachim Gelberg. Ich sagte zuerst: nein. Ich hatte die Sisyphusarbeit an und die Diskussion um mein Buch &#8222;Ich habe sieben Leben &#8212; Die Geschichte des Ernesto Guevara, genannt Che&#8221; hinter mir, das im b\u00fcrgerlichen Lager, bei der extremen Linken und in der DDR (aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden) auf teilweise w\u00fctende Kritik gesto\u00dfen war. Ich wollte nicht als Autor auf Biografien sozialistischer Gallionsfiguren festgelegt werden, mich nicht in ein K\u00e4stchen sperren lassen. Ich war langsam davon \u00fcberzeugt &#8212; von der Kritik immer wieder in diese Pf\u00fctze geduckt! &#8212; da\u00df jene Stoffe zu schwierig seien f\u00fcr solche Jugendlichen, die nicht Ober- oder Realsch\u00fcler sind, f\u00fcr das damals so hochstilisierte Arbeiterkind.<br \/>Andererseits: ich kann, wenn ich solche Stoffe gestalte, nicht bei Adam und Eva anfangen. Ich mu\u00df formal was wagen k\u00f6nnen, sonst macht es keinen Spa\u00df, und damit ich Wissen, Informationen vermitteln kann, mu\u00df der Umgang mit ihnen auch immer mir selbst Spa\u00df machen.<br \/>Was Rosa Luxemburg anging, so gab es zudem ja einige recht gute Biografien. Ich nenne hier nur vier: Peter Nettls &#8222;Rosa Luxemburg&#8221;, zweib\u00e4ndig, urspr\u00fcnglich in England erschienen, dann in einer einb\u00e4ndigen Volksausgabe bei Kiepenheuer &amp; Witsch; zwar mit einigen Fehlern in den biografischen Fakten behaftet, sonst aber gediegen. Paul Fr\u00f6lichs &#8222;Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat&#8221;, bei der Europ\u00e4ischen Verlagsanstalt. Fr\u00f6lich hat die Luxemburg noch gekannt, war Augenzeuge der fr\u00fchen Jahre der deutschen KP, sa\u00df unter Hitler im KZ, wurde 1934 befreit und schrieb dieses Buch als kritischer Kommunist in Paris Ende August 1939. Weiter: &#8222;Rosa Luxemburg &#8212; ihr Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung&#8221;, im Verlag der Marxistischen Bl\u00e4tter, Frankfurt\/Main 1971, verfa\u00dft von den Luxemburg-Kennern der DDR,<br \/>Annelies Laschitza und G\u00fcnter Radczun. (Letzterer hat \u00fcbrigens auch die seit 1974 abgeschlossenen, in f\u00fcnf B\u00e4nden vorliegenden &#8222;Gesammelten Werke&#8221; im Dietz Verlag redaktionell betreut und sie mit einem Vorwort versehen, aus dem sich die Interpretation des luxemburg&#8217;schen Werkes durch das Institut f\u00fcr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED ablesen l\u00e4\u00dft).<br \/>Hinzuk\u00e4me noch: Helmut Hirschs Monografie bei Rowohlt. (Als erster \u00dcberblick gut brauchbar.) Nicht vergessen werden darf: die fast einer Teilbiografie gleichkommende Sammlung der Briefe zwischen Rosa und Leon Jogiches, von der seit 1971 eine Auswahl aus der zweib\u00e4ndigen polnischen, von Feliks Tych edierten Ausgabe bei der Europ\u00e4ischen Verlagsanstalt in deutscher Sprache vorliegt.<br \/>Fazit: Es schien mir, mit diesen B\u00fcchern sei das Marktinteresse auf der Skala vom wissenschaftlichen Fachbuch bis zur mehr popul\u00e4ren, aber zuverl\u00e4ssigen Information hinreichend abgedeckt. Ich sagte: nein. Unter anderem auch, weil ich zweifelte, ob mein Lektor, der vorallem Rosas empfindsame Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis kannte, sich eine klare Vorstellung von der Brisanz mache, die in den Fakten dieses Lebens und in den Gedanken dieser Frau steckten.<br \/>Dann fuhr ich auf Einladung des Bulgarischen Schriftsteller-Verbandes nach Sofia. Ich sprach mit Kollegen, Parteifunktion\u00e4ren, Professoren. Was mich best\u00fcrzte, war das v\u00f6llige Desinteresse an einer Theoriediskussion. Ich machte eine weitere Probe: Was wissen Studenten der Volkswirtschaft, der Politischen Wissenschaften in einem Land mit sozialistischer Gesellschaftsordnung \u00fcber eine der Erzm\u00fctter des modernen Sozialismus? Was wissen sie \u00fcber Rosa Luxemburg? Ergebnis: Sie wissen nicht mehr, als da\u00df sie 1918\/19 die KP in Deutschland mitgegr\u00fcndet hat. Wirklich und wahrhaftig nichts mehr!<br \/>Da erwachte mein Interesse.<br \/>Eine Szene in der Bundesrepublik fiel mir wieder ein. Ich war nachmittags auf die Bahnpost in Wiesbaden gegangen. Ich gebe dort gew\u00f6hnlich meine Briefe auf. Vor mir steht eine freundlich wirkende alte Dame. Sie verlangt zehn Briefmarken. Sie bekommt die Briefmarken, zahlt, stutzt, sagt dann zu dem Schalterbeamten: &#8222;Diese Briefmarke nehme ich nicht.&#8221; &#8222;Warum nicht?&#8221; fragte der Beamte er-staunt. &#8222;Das fragen Sie noch.., da ist die Luxemburg drauf&#8230; dieses bolschewistische Flintenweib.&#8221;<br \/>Die alte, freundlich aussehende Dame besteht nicht einmal darauf, da\u00df ihr der Beamte andere Marken gibt. Sie nimmt die zehn Sondermarken mit Rosa Luxemburgs Portr\u00e4t, wirft sie zusammengekn\u00fcllt auf den Boden und tritt mit der Schuhsohle so lange darauf herum, bis sie v\u00f6llig zerfetzt sind.<br \/>Ich hatte mich damals schon gefragt: Wie ist es nur m\u00f6glich, da\u00df man jemanden, der \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre tot ist, noch immer so ha\u00dft?<br \/>Jetzt sagte ich mir: Ich will herausfinden, wie dieser Ha\u00df entstanden ist, warum er fortdauert? Ja, schrieb ich an Hans-Joachim Gelberg, ich werde das Buch \u00fcber Rosa L. schreiben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-rosa-nachgereist\">II. Rosa nachgereist<\/span><\/h2>\n<p>Die Vorbereitungsphase f\u00fcr ein solches Buch sieht bei mir so aus: ich lese alles, aber auch wirklich alles, was sich zur Person und ihrem Umfeld auftreiben l\u00e4\u00dft. Danach reise ich ihren Lebensweg ab. Zuerst fuhr ich mit G\u00fcnther Stiller, der den Bildteil gestalten sollte, nach Amsterdam ins &#8222;International Instituut voor Sociale Geschiedenis&#8221;. Ich suchte dort die Kautsky-Korrespondenz, ich rekonstruierte mir den schlie\u00dflich doch gescheiterten Versuch des B\u00fcros der Internationale, durch solidarisches Handeln des europ\u00e4ischen Proletariats den Ausbruch des I. Weltkriegs zu verhindern. Ich traf im Lesezimmer Prof Feliks Tych aus Warschau, der zuf\u00e4llig auch am Institut zu Besuch war. Was mich dort beeindruckte, war, da\u00df es \u00fcber die Grenzen der Machtbl\u00f6cke hinweg Kontakte zwischen Leuten gab, die an solch einem Thema arbeiten.<br \/>Ein halbes Jahr sp\u00e4ter fuhr ich nach Warschau. Durch Vermittlung einer westdeutschen Kommunistin st\u00f6berte ich die uralte, aber geistig noch sehr bewegliche Sofia Marchlewski auf. Ihr Vater spielte in der polnischen sozialistischen Bewegung an der Seite von Rosa Luxemburg eine wichtige Rolle. Wer das Heraufkommen des Sozialismus in Polen kennenlernen will, mu\u00df sich mit dem Lebensweg dieses Mannes besch\u00e4ftigen. Seine Tochter war eine Zeitlang mit dem Jugendstil-Maler Heinrich Vogeler verheiratet. All das ist unter Fachleuten bekannt. Was weniger oder gar nicht bekannt war, ist dies: Sofias Mutter hie\u00df mit dem M\u00e4dchennamen Bronislawa Gutman. Sie geh\u00f6rte als junges M\u00e4dchen auf dem Gymnasium in Warschau (sp\u00e4ter studierte sie in Z\u00fcrich Biochemie!) zu jenen politischen Sch\u00fclerzirkeln, in denen auch Rosa mit den Ideen des Sozialismus, den Werken von Karl Marx und dem Programm der &#8222;Partei des II. Proletariats&#8221; zum erstenmal in Ber\u00fchrung gekommen sein mu\u00df. Die Erz\u00e4hlungen von Sofia Marchlewski waren f\u00fcr mich insofern von unsch\u00e4tzbarem Wert, als durch sie einiges Licht auf die im Dunkeln liegende, in den meisten Biografien mit ein paar allgemeinen S\u00e4tzen abgetane Jugendzeit von Rosa Luxemburg in Warschau fiel. Die Frage, wie denn damals ein junges M\u00e4dchen aus einer j\u00fcdischen Familie politisiert worden sei, mu\u00dfte gerade die Jugendlichen unter meinen Lesern, so \u00fcberlegte ich mir, besonders interessieren. Ich begriff hier auch, da\u00df eine Biografie von Rosa immer zwei Schaupl\u00e4tze im Auge behalten m\u00fcsse: das damals russische Polen und seine sozialistische Bewegung einerseits, und die Schweiz, das Deutsche Kaiserreich bzw. Mittel- und Westeuropa andererseits.<br \/>Mein zweiter wichtiger Kontakt in Warschau war Prof. Feliks Tych. Da\u00df Tych einer der exzellentesten Luxemburg-Kenner ist, d\u00fcrfte bekannt sein. In Westeuropa bekanntgemacht werden sollte, da\u00df er seit Jahren an einer Biografie Leon Jogiches&#8216; arbeitet, einer Gestalt, die auch \u00fcber ihre Beziehungen zu Rosa Luxemburg hinaus f\u00fcr die Geschichte des europ\u00e4ischen Sozialismus auf der Schwelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert au\u00dferordentlich wichtig ist.<br \/>Tych konnte f\u00fcr seine Arbeit in Moskau archivierte Briefe von Rosa und Leon einsehen, die beispielsweise Nettl nicht bekannt waren. Er kann an Hand dieser Briefe beweisen, da\u00df sich der Bruch zwischen Rosa und Leon 1907 anders abgespielt hat als noch Nettl mutma\u00dft. (Wer um die Bedeutung der Bindung zwischen Rosa und Jogiches wei\u00df, wird begreifen, da\u00df es hier nicht um spie\u00df-b\u00fcrgerliche Aff\u00e4renschn\u00fcffelei geht, sondern um ein psychologisch sehr entscheidendes Moment.) Tych erlaubte mir, diese seine Forschungsergebnisse, die ausf\u00fchrlich in seiner Jogiches-Biografie dargestellt werden, f\u00fcr mein Buch zu verwenden. Dann Z\u00fcrich. Mit Theo Pinkus bin ich zwar nicht verwandt, aber er war und ist f\u00fcr mich seit Jahren so etwas wie ein v\u00e4terlicher Freund in allen Fragen des Sozialismus und Marxismus. Selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df ich ihn fragte, wie man ein solches Buch \u00fcber Rosa Luxemburg angehen solle. Seinen Rat kann man im Buch selbst nachlesen, aber ich zitiere diesen Satz hier gern: Theo sagte in Z\u00fcrich: &#8222;Du m\u00fc\u00dftest an ihr kIar machen, was Emanzipation bedeutet. Sie war nun wirklich eine emanzipierte Frau, in einem viel umfassenderen Sinn, als wir diesen Begriff heute gemeinhin verstehen. Gescheit und gebildet. Allein die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Die Leute denken doch immer noch&#8230; eine Sozialistin, die hat nur ihr Parteiprogramm im Kopf.&#8221;<br \/>Das wurde dann fast zum Hauptthema: klarzumachen &#8211; es gab da einmal eine sich durch den Sozialismus allround-emanzipierende Frau. Was hie\u00df das im einzelnen? Wie schwierig war das damals? Theo und ich redeten eine ganze Nacht (am Tag war ich die verschiedenen Wohnungen Rosas in Z\u00fcrich abgeklappert, hatte mir ihren enfant terrible-Auftritt auf dem Intemationalen Sozialistischen Arbeiterkongre\u00df 1893 und ihre Existenz zwischen Uni in Z\u00fcrich und Zeitungsredigieren in Paris vorzustellen versucht). Ich klagte Theo mein Leid, wie schwer es mir falle, einen Einstieg in die Theorie zu finden.<br \/>Er sagte: &#8222;Warte mal.., was man eben auch erkl\u00e4ren m\u00fc\u00dfte, &#8230; wie fest sie auf dem Boden des Marxismus gestanden hat, und da\u00df sie dennoch keine Scheuklappen trug. Sie war eine kritische Marxleserin. Das ist auch eine Tradition, die es aufzudecken gilt.&#8221;<br \/>Und dann wies er mich auf einen Text hin, von dem ich mittlerweile immer wieder fordere, da\u00df er in jedem deutschsprachigen Geschichtsbuch (so ab 10. Klasse) zu finden sein sollte. Als sich n\u00e4mlich Franz Mehring bei seiner Marx-Biografie das Problem stellte, den Inhalt des &#8222;Kapitals&#8221; zu rekapitulieren (und zwar so, da\u00df er von m\u00f6glichst vielen Lesern verstanden w\u00fcrde), wandte er sich an Rosa, und sie schrieb ihm eine allgemeinverst\u00e4ndliche Zusammenfassung, eine Skizze der Hauptgedankenwege.<br \/>Davon abgesehen, da\u00df es die k\u00fcrzeste und allgemeinverst\u00e4ndlichste Einf\u00fchrung ins &#8222;Kapital&#8221; ist, die ich kenne, bekommt man durch diesen Text auch als Laie eine Vorstellung davon, wie sich Rosa Marx angeeignet hat.<br \/>Ja, und dann nat\u00fcrlich Berlin&#8230;<br \/>Ich bin die Wegstrecke der Autos, in denen die Freikorps-Gangster erst Karl Liebknecht, dann Rosa Luxemburg zur Liquidierung fuhren, nachgegangen. \u00dcberhaupt diese Episode&#8230; diese Mordsache geht einem schon bis in die politische Seele.<br \/>Und wer es noch nicht kennt, der sollte sich unbedingt E. Hannover-Dr\u00fccks und Heinrich Hannovers Dokumentation eines politischen Mordes &#8222;Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht&#8221; einmal vornehmen. Dieses schmale B\u00e4ndchen in der edition suhrkamp ist ein Mu\u00df f\u00fcr jeden, der begreifen lernen will, warum die Weimarer Republik scheiterte. Und wer es je aus politischen Gr\u00fcnden mit der deutschen Justiz zu tun kriegt, der wei\u00df, wenn er diese Schrift gelesen hat, was ihm bl\u00fchen kann.<br \/>Ich bin Jahrgang 1934. Zwischen 1945 und 1954 habe ich in beiden deutschen Staaten die Oberschule besucht. Wie sich die (vielleicht wichtigste) deutsche Revolution 1918\/19 wirklich abspielte, dar\u00fcber habe ich im Geschichtsunterricht so gut wie gar nichts mitgekriegt. Von daher wurde mir f\u00fcr das Rosa-Luxemburg-Buch auch das wichtig: J\u00fcngeren Deutschen (nicht nur Jugendlichen und Sch\u00fclern) zun\u00e4chst einmal vorzuf\u00fchren, was bei dieser Revolution geschah.<br \/>Ich war (um es gem\u00e4\u00dfigt auszudr\u00fccken) tief best\u00fcrzt und besch\u00e4mt \u00fcber das Verhalten der damaligen Parteif\u00fchrer der SPD, die ja heute gern zu S\u00e4ulenheiligen verkl\u00e4rt werden. (Als ihnen die Ehre widerfuhr im Gro\u00dfen Hauptquartier mit den Milit\u00e4rs an einem Tisch essen zu d\u00fcrfen, war&#8217;s f\u00fcr sie pers\u00f6nlich vollbracht und das sozialistische Bewu\u00dftsein rasch vergessen!) Verst\u00e4ndlich, da\u00df man noch heut in der SPD kein Interesse hat, solches an die gro\u00dfe Glocke zu h\u00e4ngen.<br \/>Das schlechte Gewissen ist in diesem Punkt wirklich allgemein: die B\u00fcrgerlichen haben es, die Sozialdemokraten, die so rasch gute B\u00fcrger wurden. Und nat\u00fcrlich ist da auch viel Schweigen bei den Kommunisten.<br \/>Wer wei\u00df schon, da\u00df Rosa vor den so dirigistisch auftretenden Abgesandten aus Moskau warnte? Wer wei\u00df schon, wie beim mitteldeutschen Aufstand deutsche Arbeiter von dieser Partei verheizt wurden? Wer kennt schon das Schicksal eines Mannes wie Paul Levi, an dessen Lebensweg sich so vieles \u00fcber die Entwicklung und das Elend des Kommunismus in Deutschland ablesen l\u00e4\u00dft. Dieser Mann, der schon 1913 Rosa Luxemburg in dem &#8222;Wehrzersetzungsproze\u00df&#8221; verteidigt hatte, nahm kurz vor Ablauf der Verj\u00e4hrungsfrist den Kampf gegen den die M\u00f6rder Rosas beg\u00fcnstigenden Richter Jorns auf. Das Ende Levis ist geradezu metaphernhaft. Bei einer Grippe st\u00fcrzte er sich, von Schreckensbildern verfolgt, aus dem Fenster seiner Wohnung und stirbt unten auf dem Pflaster.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-rosas-theorie\">III. Rosas Theorie<\/span><\/h2>\n<p>Da will auch niemand ran. Beliebteste Ausrede: Sie habe kein geschlossenes System hinterlassen. Dabei sind auch da Lektionen aufzuarbeiten, die uns bis heute und f\u00fcr morgen angehen. Von der komplizierten Geschichte jenes Textes, der in der neuen Luxemburg-Ausgabe der DDR mit der \u00dcberschrift &#8222;Zur russischen Revolution&#8221; versehen wurde, will ich hier gar nicht reden. Da kennt man\u00a0immer nur den Satz vom linken Manuskriptrand ohne Einordnungshinweis: &#8222;Freiheit f\u00fcr die Anh\u00e4nger der Regierung, nur f\u00fcr die Mitglieder einer Partei &#8211; m\u00f6gen sie noch so zahlreich sein &#8211; ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ,Gerechtigkeit`, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen ,Freiheit` an diesem Wesen h\u00e4ngt und weil seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird.&#8221;<br \/>Mit diesem Satz (dann meist unvollkommen zitiert) schm\u00fcckten sich lange kalte Krieger. Ihnen sei vorgehalten, da\u00df auch ein anderer Satz &#8222;reine&#8221; Rosa Luxemburg ist: &#8222;Gesch\u00e4ndet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend, so steht die b\u00fcrgerliche Gesellschaft da, so ist sie.&#8221;<br \/>Nein, nein, man mu\u00df schon das ganze Manuskript lesen, seinen geschichtlichen und entstehungsgeschichtlichen Kontext sehen, aber dann &#8211; und das ist wieder einem anderen Lager sehr peinlich &#8211; wird es zu einer der Schriften, in denen der Wurzelgrund dessen sich vorbereitet, was heute &#8222;Eurokommunismus&#8221; hei\u00dft.<br \/>Und weiter: Erleben wir nicht heute in der SPD wieder eine Art Revisionismusdebatte?<br \/>Wie differenziert wird bei Rosa \u00fcber die Frage der revolution\u00e4ren Gewalt nachgedacht! Wie stellen sich sowjetrussische und DDR-Kommunisten zu dem Luxemburg-Satz: &#8222;Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, an Stelle der b\u00fcrgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen.&#8221;?<br \/>Was hat die SPD im Jahre 1977 zu den S\u00e4tzen Rosas zu sagen, die da lauten: &#8222;In der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist der Sozialdemokratie dem Wesen nach die Rolle einer oppositionellen Partei vorgezeichnet, als regierende darf sie nur auf den Tr\u00fcmmern des b\u00fcrgerlichen Staates auftreten&#8221;?<br \/>Ist man ein &#8222;Sponti&#8221;, ein Spinner, wenn man darauf beharrt, da\u00df sozialistische Parteien sich mit diesen S\u00e4tzen heute auseinanderzusetzen haben? Oder sind solche Forderungen schon als Indizien f\u00fcr (verbotene) Aktionsgemeinschaften mit den<br \/>Kommunisten benutzbar? Als Verherrlichung von Gewalt oder Mangel an Verfassungstreue? All dies lie\u00dfe sich noch viel weiter treiben. Und im Sinn des Fortschritts von Sozialismus f\u00e4nde ich es sehr w\u00fcnschenswert, da\u00df, von diesen S\u00e4tzen ausgehend, sie kritisch untersuchend und benutzend, es jemand weitertreibt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-rezeptionsgeschichten\">IV. Rezep&shy;ti&shy;ons&shy;ge&shy;schichten<\/span><\/h2>\n<p>Zum Schlu\u00df ein paar Ausk\u00fcnfte zu der Frage: Wie ist das Buch angekommen? Wie wurde es verbreitet? Wie waren die Reaktionen? Ein deutscher Verleger: &#8222;Nun Herr Hetmann, als n\u00e4chstes kommt dann wohl eine Biografie \u00fcber Josef Stalin!&#8221;<br \/>Ein anderer deutscher Verleger: &#8222;Sie m\u00fcssen auf-passen, da\u00df man Sie nicht in die linke Ecke stellt. Dann kann ich ihre B\u00fccher nicht mehr verkaufen&#8230;&#8221;<br \/>Noch ein deutscher Verleger: &#8222;Wenn jemand schon ein Buch \u00fcber Rosa Luxemburg schreibt, ist ja klar&#8230;&#8221;<br \/>Das Buch ist jetzt knapp ein Jahr auf dem Markt. Der Verlag verkauft die 3. Auflage. In dem Exemplar, mit dem ich arbeite, steht 11.&#8211;15 000. Ich erw\u00e4hne das nur, weil dies &#8211; im Zeichen der &#8222;Tendenzwende&#8221; &#8211; niemand erwartet hatte. Die Frage w\u00e4re dann: Wer sind die Leser? Bestimmt nicht nur Jugendliche. Ich w\u00fcrde vermuten, da\u00df das Gros der Leser in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren zu suchen sein wird.<br \/>Kritik an dem Buch: Es wende sich nur an eine elit\u00e4re Minderheit (Ute Blaich in der Zeit). Dazu kann ich nur sagen: Noch einfacher, noch tiefer ansetzend, h\u00e4tte ich nicht schreiben k\u00f6nnen. Positiv: &#8222;Was mir besonders gef\u00e4llt&#8230; da\u00df Hetmann Verst\u00e4ndnishilfen gibt, indem er die Lebensumst\u00e4nde der Normalb\u00fcrger beschreibt.&#8221; (Ulla Schickling in der Frankfurter Rundschau). Ja, das schien mir wichtig, denn wer kann sich denn heute von uns noch so ohne weiteres vorstellen, wie ein schlesischer Landarbeiter damals lebte, wie die Reichen und wie die Armen wohnten, was man an einer Grundschule des wilhelminischen Deutschland \u00fcber Kaiser, Soldaten und Krieg lernte, wie man damals den 1. Mai feierte!<br \/>Geh\u00e4ssig bis antisemitisch &#8211; eine Leserzuschrift: &#8222;Ihr Wahrheitsfanatismus ist demgem\u00e4\u00df, wie die gesamte sozialistische Idee, auch die der Rosa Luxemburg nur pseudo-edel&#8230; sie unternehmen den Versuch, den Leser systematisch zu verhirschelmardochaisieren.&#8221; &#8222;Ihrem Buch fehlt das p\u00e4dagogische Bem\u00fchen!&#8221;<br \/>Stimme aus der DDR auf die Frage, ob man das Buch dort nicht in Lizenz herausbringen wolle: &#8222;In f\u00fcnf Jahren werden wir vielleicht soweit sein&#8230;!&#8221; (Das war vor den &#8222;Ereignissen des IV. Quartals&#8221;, wie man in der DDR die Vorg\u00e4nge um die Ausb\u00fcrgerung von Wolf Biermann zu umschreiben pflegt.) \u00dcberschrift in einer Provinzzeitung: &#8222;Die Tr\u00e4ume der Rosa Luxemburg&#8230; Stille, Ruhe, ein Baby, eine Bibliothek&#8230;&#8221; (Weilburger Tagblatt).<br \/>Was nie geschah (auch nicht bei einer Diskussion zum Start des Buches in einer Vorortsb\u00fccherei in Wiesbaden, zu der der rege Bibliotheksdirektor K.H. Pr\u00f6ve auch Vertreter der Parteien eingeladen hatte): Rosas Denken und Handeln am Heute \u00fcberpr\u00fcfen. Aber da riet mir jemand, ich solle das Buch doch mal an den Vorw\u00e4rts schicken.<br \/>Na, ich wei\u00df nicht. So viel Optimismus habe ich schon l\u00e4ngst nicht mehr!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2419],"publikationen":[1308],"class_list":["post-12270","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hans-christian-kirsch","publikationen-29-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Erfahrungen mit Rosa L. - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/erfahrungen-mit-rosa-l\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Erfahrungen mit Rosa L. - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das Buch \u00fcber Rosa Luxemburg und ihre Zeit: wie es entstand, was ich dabei erlebte, wie es Kritik und Leser aufnahmen aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 115-119 I. 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