{"id":12275,"date":"1985-11-30T05:00:00","date_gmt":"1985-11-30T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/familie-unter-verdacht\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"familie-unter-verdacht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/familie-unter-verdacht\/","title":{"rendered":"Familie unter Verdacht"},"content":{"rendered":"<p>Die wissenschaftliche Kolonisierung der Institution \u00bbFamilie\u00ab<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.78 (Heft 6\/1985), S.85-94<\/p>\n<p>Die Familie steht als Institution seit langem unter Verdacht. Das die Familie verborgene Macht aus\u00fcbe, privates Wissen und F\u00fchlen pflege und ein undurchsichtiges Eigenleben f\u00fchre, wird ihr im Zeichen einer nach \u00d6ffentlichkeit rufenden Aufkl\u00e4rung immer wieder vorgeworfen. Sie, die durch ihre traditionelle Rolle der Basis Sozialisation als Angelpunkt m\u00f6glicher oder verhinderter gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung gesehen wird, steht gerne im Mittelpunkt der Kritik.<\/p>\n<p><i>Die moralischen Kontrolleure:<br \/>\u00bbAufkl\u00e4rung\u00ab als wissenschaftliche Strategie der Normalisierung<\/i><\/p>\n<p>Auch wenn sie oft als \u00bbKeimzelle des Staates\u00ab verstanden wird, mu\u00df dennoch klargestellt werden, da\u00df sie eben nicht wie all die anderen Institutionen, von denen die klassische Aufkl\u00e4rung \u00d6ffentlichkeit forderte, der Sph\u00e4re des \u00bbPolitischen\u00ab, der Sph\u00e4re des Staates zuzurechnen ist. Historisch war die patriarchalische Gewalt der Familien zwar das Modell der Staatsgewalt, doch \u00fcber Jahrhunderte ber\u00fchrten sich die Handlungs-und Aufgabenfelder von Familien und Staat nur peripher. \u00bbFamilie\u00ab war nie eine Unterstruktur des Staates, immer stand sie als Mikroorganisation des Alltagslebens an einem Gegenpol, was nicht bedeutet, da\u00df es nicht ausgepr\u00e4gte Beziehungen und Aufgabenverteilungen zwischen beiden gab: Ob es um Kriege, die Einf\u00fchrung neuer \u00d6konomien, um Pazifizierung im Inneren ging, immer mu\u00dfte der Staat mit der Familie rechnen, mit ihr verhandeln, ihr Rechte zusprechen und Aufgaben zuteilen, die au\u00dferhalb seines Einflu\u00dfbereiches lagen. Nat\u00fcrlich unterlag dieses B\u00fcndnis zwischen Staat und Familie einem zunehmenden Machtgef\u00e4lle (Monopolisierung der Gewalt &#8211; vgl. Norbert Elias: \u00dcber den Proze\u00df der Zivilisation, 2 Bde., Ffm 1978), aber nie war die Familie letztlich durch den Staat und seine Verwaltung zu ersetzen und sie ist es offensichtlich bis heute nicht. (Jedes Modell, das dies versuchte, hat einen so offensichtlich repressiven Charakter gezeigt, da\u00df es hierf\u00fcr kaum Legitimation gefunden hat. Zu deutlich wurde, da\u00df die nivellierenden und gleichf\u00f6rmigen Zuschreibungen und Codes staatlicher Verwaltung den Besonderheiten, die die Sozialisation zumindest des Kleinkindes erfordert, nicht gerecht werden k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Eine Wende erfuhr die B\u00fcndnis Beziehung zwischen Staat und Familie erst, als mit Beginn der industriellen Revolution die Sph\u00e4re der klassischen Politik sich auszuweiten begann, das Soziale ein politischer Faktor wurde. Die \u00bbSoziale Frage\u00ab r\u00fcckte die Familie in den Bannkreis der Politik: von ihr wollte man pl\u00f6tzlich Genaueres wissen; nicht nur ob und wieviele Kinder sie aufzog, sondern wie sie sie erzog, welche ausbildungsm\u00e4\u00dfigen, hygienischen und disziplinarischen Bedingungen sie f\u00fcr sie schaffte, etc. Hier hat die Forderung nach \u00d6ffentlichkeit der Familie ihren historisch logischen Ausgangspunkt: sie wurde vom Staat gestellt, und ihr Ziel war nicht die Aufdeckung geheimer Machtstrukturen, sondern die soziale Kontrolle angesichts immer differenzierterer Anforderungen an die Erziehung der Kinder. Aufkl\u00e4rung hatte hier nicht (oder erst im Nachhinein so interpretiert) den Sinn der Entmystifizierung von Herrschaft als Bewegung \u00bbvon unten\u00ab, sondern den milit\u00e4rischen &#8211; oder besser: polizeilichen\u00a0 Sinn einer Strategie \u00bbvon oben\u00ab.<\/p>\n<p>Sicher l\u00e4\u00dft sich die Geschichte der Familienpolitik, die damals begann, nicht ausschlie\u00dflich als Geschichte einer politischen Verwaltung beschreiben. Ausschlaggebender waren hier sicher die sp\u00e4teren \u00bbPolicey-Wissenschaften\u00ab, die den f\u00fcrsorgerischen, verwaltenden und kontrollierenden Aspekt unter einer Art Vorform der Sozialwissenschaften vereinten.<\/p>\n<p>Gest\u00fctzt auf die Vorarbeit von Theologen, \u00c4rzten und Lehrern konnte sich (und dies konfligierte nicht selten mit der Tagespolitik) ein Netz von wissenschaftlichen Strategien und Bem\u00fchungen um die Familie herum installieren, das in seinen beiden haupts\u00e4chlichen Bezugssystemen, n\u00e4mlich der Justiz und der Psychiatrie ein normatives Paradigma entfaltete. Vormundschaftsgesetze und Schulpflicht sind im 19. Jhdt. das Resultat dieser Anstrengungen. Zum ersten Mal gewinnt der Staat zwei einschneidende juristische M\u00f6glichkeiten, die Familie zu kontrollieren. Neben vielf\u00e4ltigen Wohlfahrtsinstitutionen, die das Elend und die Zerrissenheit der Bev\u00f6lkerung (und der Familien) in den Anf\u00e4ngen der Industrialisierung aufzufangen und zu strukturieren versuchen, wird das Heim (das Waisenhaus, das F\u00fcrsorgeheim) zum drohenden Gegenbild der Familie. In einer Zeit der Deterritorialisierung und Aufl\u00f6sung alter Bande und Lebenswelten, versuchen P\u00e4dagogen, \u00c4rzte, Juristen und F\u00fcrsorgebeamte die entwurzelte und nur den Gesetzen des Verkaufs der Arbeitskraft gehorchende Bev\u00f6lkerung in ein Gef\u00fcge neuer moralischer Ordnung zu zw\u00e4ngen. Vereinfacht gesprochen wurde den Eltern und Kindern die Alternative gestellt, entweder wieder als Familie zu funktionieren oder aber in den Heimen der Wohlfahrtspflege, in Irren und Zuchth\u00e4usern ein Asyl Dasein zu f\u00fchren. (Der philantropische Gesichtspunkt, unter dem diese Ma\u00dfnahmen vollzogen wurden, verstellt leicht den Blick f\u00fcr die gesellschaftlich strategische Bedeutung dieser aufkommenden Wohlfahrtspflege.)<\/p>\n<p>Diese moralische und normalisierende \u00bbInstandsetzung\u00ab der Familie richtete sich im Kern auf eine ungebundene, freiflottierende Sexualit\u00e4t: das Bandenleben von Kindern, Kinderprostitution etc. Es galt, die Sexualit\u00e4t als Verkehrsform wieder in den Rahmen der Familie und deren Muster von Erlaubtem und Verbotenem einzuordnen, denn nur hier war sie bev\u00f6lkerungspolitisch regulierbar, im Hinblick auf eine ad\u00e4quate Erziehung kontrollierbar und im Zweifelsfall als pervers disqualifizierbar (Vgl. Michel Foucault, Sexualit\u00e4t und Wahrheit, Ffm 1977 &#8211; Foucault zeigt deutlich, wie stark die \u00dcberwachung jeglicher Sexualit\u00e4t in der Familie, die au\u00dferhalb des elterlichen Schlafzimmers sich auch nur andeutete, weniger zu ihrer Unterdr\u00fcckung, als vielmehr zu ihrer positiven Beschreibung, zum \u00bbzur Sprache bringen\u00ab, zur Einrichtung eines wissenschaftlichen Diskurses diente). Sp\u00e4testens mit Sigmund Freud best\u00e4tigte sich der Verdacht, wurde das \u00bbGeheimnis der Familie\u00ab gel\u00fcftet, wenn auch in einer g\u00e4nzlich ver\u00e4nderten, symbolischen Deutung: Die sexualisierte Familie, in der das Kleinkind als \u00bbpolymorph pervers\u00ab bezeichnet wird, bildet in der Strukturierung und Sublimierung sexueller W\u00fcnsche eine erwachsene Ich Struktur heraus. Die rationale Erkl\u00e4rung, die zugleich das Geheimnis der Sexualit\u00e4t und der Sozialisation in der Familie aufl\u00f6ste, f\u00fchrte den Wissenschaftler in die Familie ein. Beobachteten die Psychiater und Juristen, die Vertreter der alten Kontroll Strategie, die Familie noch vom festen Boden ihrer Institutionen und Asyle immer bereit, die Familien tats\u00e4chlich auseinanderzunehmen, so steht jetzt der Experte im Schlafzimmer der Familie und dringt bis in die Tr\u00e4ume vor, immer bereit zu analysieren, aber mit dem Ziel, die Familie in ihren affektiven Beziehungen neu zusammenzusetzen. Der rationale wissenschaftliche Diskurs hatte den Zugang zum Kernbereich der Familie geschafft und ihre Mitglieder seine Sprache gelehrt.<\/p>\n<p>Das Geheimnis der Familie &#8211; eine Vorstellung, die Generationen von Roman-Autoren bis hin zu Thomas Mann ern\u00e4hren konnte &#8211; endete auf der Couch des Psychoanalytikers; es hatte seinen \u00bbZweck\u00ab erf\u00fcllt: der Anreiz wissenschaftlicher Neugier hatte zu einer wissenschaftlichen Durchdringung der Familie gef\u00fchrt. \u00dcber den Weg einer Um-zingelung, Beschw\u00f6rung, Verheimlichung und Hervorrufung durch \u00c4rzte, Theologen und Erzieher (man mu\u00df die wissenschaftlichen Werke der damaligen Zeit lesen, um zu verstehen mit welcher Akribie und welch ungeahnten Projektionen die H\u00fcter einer wenn auch fortschrittlichen Moral der Familie alles zutrauten) wurde das Geheimnis der Familie gel\u00fcftet: Es hie\u00df \u00d6dipus und war symbolischer Natur.<\/p>\n<p><i>Die anstrengenden Helfer:<br \/>Die Intensivierung der Anforderungen im Code der psychosozialen Intervention<\/i><\/p>\n<p>Aus der heiligen (und gleichzeitig schuldbeladenen) Familie wird die Familie als psychosoziale Institution (Talcott Parsons hat Freuds Begriffe in einen funktionalistischen Code \u00fcbersetzt und damit zumindest den Anspruch einer funktionalistischen Erkl\u00e4rung elterlichen und kindlichen Verhaltens in Hinsicht auf die gesellschaftlichen Anforde-rungen erhoben &#8211; Vgl. T. Parsons: Beitr\u00e4ge zur Soziologischen Theorie, Berlin 1964, 5. 109 ff.). Und so folgten der Speerspitze der Psychoanalyse in einer gewissen Zwangsl\u00e4ufigkeit all die neue Spezialisten, die den Code der Anforderungen als kommunikativen Proze\u00df in die Familie integrierten und das familiale Feld in der Breite bearbeiteten. Die neuen Schlagworte waren: Integration statt Segregation, Unterst\u00fctzung statt Schuldzuweisung, Hilfe zur Selbsthilfe statt Entm\u00fcndigung, Emanzipation statt Fremdbestimmung. Doch das neue Paradigma erm\u00f6glicht nicht nur eine Anpassung der Familie an neue (humanere) Wertigkeiten, sondern vor allem auch eine Intensivierung des \u00bbZugriffs\u00ab auf die Familien im Zeichen geforderter Funktionalit\u00e4t: \u00bbWie kann man der Familie einen Teil ihrer alten Macht abnehmen, ohne sie deswegen so weit auszuschalten, da\u00df man ihr keine neuen Erziehungs- und Gesunderhaltungsaufgaben \u00fcbertragen kann?\u00ab (Jacques Donzelot: Die Ordnung der Familie, Ffm 1980, S. 209). F\u00fcr diese Strategie sind die psychiatrischen und juristischen Interventionstaktiken ungeeignet: immer war ihr strafender bzw. ausgrenzender und isolierender Eingriff derart bestimmend, da\u00df die Familie als Funktionstr\u00e4ger unbrauchbar &#8211; weil zerrissen &#8211; wurde, da\u00df ihre Mitglieder als Insassen von Anstalten keine produktive Rolle mehr spielen konnten. Fast v\u00f6llig fehlte die R\u00fcckkopplung der Intervention an die Normalisierung. Mit Hilfe des neuen Paradigmas mu\u00dfte man sich nicht mehr auf m\u00fchevolle und oft ergebnislose Resozialisierungsma\u00dfnahmen verlassen. Vielmehr konnte man unmittelbar in der Familie prophylaktisch (und aus der Prophylaxe wurde System) die Eltern sozialisieren. Nur dieses Vorgehen &#8211; in den Familien und mit den Familien zu arbeiten &#8211; konnte dem ungeheuren Wandel der Werte und den Anspr\u00fcchen an differenzierte Entwicklung vor allem in der Kindererziehung gerecht werden. Die \u00bbFeinarbeit der Sozialisation\u00ab (Negt\/Kluge) ben\u00f6tigt die N\u00e4he, die die neuen psychosozialwissenschaftlichen Strategien erm\u00f6glichten, indem sie die \u00bbProblemdefinition\u00ab in &#8211; man mu\u00df schon sagen: raffinierter Art und Weise gleichzeitig monopolisieren und anonymisieren.<\/p>\n<p>Ein beliebiges Beispiel:<\/p>\n<p>Dem Hilferuf einer ratlosen Mutter bei der Erziehungsberatung folgt in der Regel ein Fragestellen und Durchleuchten der familialen Situation, die die Spezifik und Pragmatik des Hilferufes bei weitem \u00fcberschreitet. Mit der unzweifelbar guten Absicht, das \u00dcbel bei der Wurzel zu packen, wird &#8211; mit \u00bb non-direktiver Beratung\u00ab versteht sich &#8211; die ganze Familien-, Erziehungs- und Beziehungsgeschichte und Struktur zur Sprache, ans Licht der (Experten-)\u00d6ffentlichkeit und in den Zusammenhang zum urspr\u00fcnglichen Hilferuf gebracht. Pl\u00f6tzlich steht alles zur Debatte und zwar in einer Sprache, die genauestens erkl\u00e4ren kann, warum die Erwartungshaltungen der Eltern an ihr Kind zu gro\u00df sind, nicht aber wie man verhindert, da\u00df die Milch auf dem Ofen anbrennt, wenn man gleichzeitig die Schulaufgaben seines Kindes \u00fcberwachen soll.<\/p>\n<p>Dies mag banal klingen, aber die Gefahr der \u00bbhautnahen\u00ab Intervention besteht gerade darin, da\u00df sie die Familien \u00fcberfordert und zwar derart stark, da\u00df jegliche Handlungsautonomie unm\u00f6glich wird und Orientierungsmuster f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der vielf\u00e4ltigen familialen Aufgaben (Reproduktion, emotionale Kompensation, Organisation des Freizeit-Alltags etc.) unter dem Legitimationsdruck von Experten- und Medien\u00f6ffentlichkeit zusammenbrechen. Ihres historischen sozialen Netzes und ihres traditionellen Familien-wissens beraubt, steht die Familie den Anforderungen seitens der \u00bbGesellschaft\u00ab sozusagen ohne R\u00fcckendeckung gegen\u00fcber:<\/p>\n<p>Von der Familie wird in zunehmendem Ma\u00dfe verlangt, ein soziales Feld zu konstituieren, in dem sich gesellschaftliche Bilder des Gl\u00fccks, der Befriedigung, der Zufriedenheit abbilden lassen, quasi als Projektionsleinwand des Gl\u00fccks, das diese Gesellschaft verspricht: subjektiver Lebenssinn. Dazu ist\/w\u00e4re notwendig, da\u00df die Familie als Gruppe funktionsf\u00e4hig ist, d.h. die von der Familie erwartete Intimit\u00e4t ist wohl nur m\u00f6glich, wenn die Familie ein Netz personaler allt\u00e4glicher Beziehungen darstellt, das weit \u00fcber den engen Rollenhorizont sonstiger spezieller sozialer Beziehungen (Liebe, Beruf, Freizeit) hinausgehen mu\u00df, wenn es seiner integrativen Funktion gerecht werden soll. Zudem wird von der Familie aber auch die Erf\u00fcllung eines institutionellen Auftrags erwartet: die Sozialisation bzw. Erziehung des Kindes. Dieser Auftrag, diese Funktion unterstellt, da\u00df die Familie nicht nur eine Gruppe, eine Solidargemeinschaft ist, sondern eine soziale Institution, die in der Lage ist, einen gesellschaftlichen Code (Anforderungen an einen sozialisierten Menschen) zu lesen, zu interpretieren, in Handlungsschritten zu organisieren und seine Reproduktion am eigenen Kind zu kontrollieren. Diese doppelte Anforderung an die Familie, einerseits solidarische Kleingruppe zu sein (Reproduktion, Bew\u00e4ltigung des Alltags, Tr\u00e4ger einer personalen Gl\u00fccksidee, psychische Entspannung durch Beziehung &#8211; Integrationsfunktion) und andererseits eine funktionierende Institution (Erziehung &#8211; Sozialisationsfunktion) zu bilden, wird tendenziell ad absurdum gef\u00fchrt, wenn gleichzeitig die Ressourcen der Familie geschm\u00e4lert bzw. von der Gesellschaft aufgesogen werden:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">1. Vor allem in sog. Unterschichtfamilien ist durch zunehmende Verknappung des Geldes, des Wohnraums und der Zeit eine Situation geschaffen, in der sie zur Bew\u00e4ltigung der an sie gestellten Anforderungen die \u00d6konomie der Kr\u00e4fte und Energien nicht mehr ad\u00e4quat organisieren k\u00f6nnen: Eine systematische \u00dcberforderung ist die Folge.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2. Als Ressource mu\u00df aber auch das sog. \u00bbFamilienwissen\u00ab, der Bestand an historisch gewachsenem Alltagswissen verstanden werden, der sozusagen die \u00bbWeisheit\u00ab einer Familie begr\u00fcndete. Dieser Wissensbestand, der auch eine relativ autonome lebens-weltliche Perspektive bedeutete, familiale Sinnkoh\u00e4renz erm\u00f6glichte, ist dysfunktional geworden, kann mit der industriell organisierten Wissensproduktion der Gesellschaft als Ganzem nicht mehr Schritt halten. Die Folge ist ein Einbruch des gesellschaftlich organisierten Wissens in die Familie, deren Sinnressourcen (Routinewissen) fragw\u00fcrdig geworden sind. Nun ist aber das in den Wissenschaften organisierte Spezialwissen (z.B. zur Kindererziehung) nicht in der Lage, der Familie zu einer neuen Routine zu verhelfen, ihr Handlungsorientierungen zu geben, da die Familie sich nicht als ausschlie\u00dflich professionelle Instanz (z.B. der Kindererziehung) etablieren kann, da sie ja eine integrative Funktion hat, in der dieses Spezialwissen nicht absorbierbar ist. Das Resultat, so l\u00e4\u00dft sich thesenartig darstellen, ist eine \u00bbVerd\u00fcnnung\u00ab der Decke der Normalit\u00e4t, der Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, durch die immer \u00f6fter die \u00bbZerbrechlichkeit\u00ab des Ganzen sichtbar wird. Diese tendenzielle Situation des Zweifels, die bis an die Wurzeln der Realit\u00e4tsdefinition reicht, wird noch versch\u00e4rft durch den \u00bbImport\u00ab von wissenschaft-lichen Sinn-Fragmenten, die ein unabl\u00e4ssiges Umdefinieren und Neuorientieren erfordern.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Einerseits erwartet man eine Kompensation gesellschaftlicher Defizite durch die Familie, andererseits stellt man sie ganz unter das Diktat der Werte dieser Gesellschaft. Und diese Werte sind alles andere als homogen; die gr\u00f6\u00dften Widerspr\u00fcchlichkeiten werden an die Eltern herangetragen: \u00bbEs ist verboten, da\u00df Kind zu beunruhigen, sagten ihnen die Psychologen. Passen Sie auf, da\u00df es nicht einschl\u00e4ft, antworteten die Lehrer. Es ist \u00e4ngstlich, deshalb arbeitet es schlecht, bemerkte der Kinderarzt. Die Eltern senkten den Kopf: wenn das Kind \u00e4ngstlich wird, so ist das ihre Schuld. Es ist nicht motiviert, entdeckten die Soziologen. Nicht motiviert, die Eltern erschraken: sie hatten versagt. Lie\u00df sich das noch wiedergutmachen? Machen Sie ihm keine Angst, sagte man ihnen. Machen Sie ihm klar, da\u00df das Leben ein Kampf ist, hie\u00df es als n\u00e4chstes. Sch\u00fctzen Sie es, befahl man. Setzen Sie es der Gefahr aus, sonst verdammen Sie es zum Sch\u00fcrzenzipfel. Verbot es zu umhegen. Verbot es zu traumatisieren. Verbot, die eigenen Tr\u00e4ume von fr\u00fcher auf das Kind zu projizieren. Verbot, es sich selbst zu \u00fcberlassen. Verbot, sich um es zu k\u00fcmmern\u00ab. (Vitia Hessel, Le temps des parents; zit: n. Donzelot, a.a.O.)<\/p>\n<p><i>Die Flucht nach innen:<br \/>Krisenmanagement im Familienalltag<\/i><\/p>\n<p>Wen wundert es, da\u00df die Familien angesichts dieser Forderungen eine Flucht nach innen antreten, das Bild der heilen Familie in einer verkl\u00e4rten Idylle suchen. Es ist nicht der nostalgische Anachronismus einer kleinb\u00fcrgerlichen Scheinwelt, der die Familien in ihre Isolation zieht, sondern die Konsequenz immer h\u00f6herer, immer widerspr\u00fcchlicherer Erwartungen an die Familie. F\u00fcr sie besteht die einzige \u00dcberlebenschance darin, sich eine relative Autonomie zu bewahren bzw. allt\u00e4glich von neuem zu erk\u00e4mpfen; diese ist Bedingung daf\u00fcr, da\u00df die Familie &#8211; wie im Prinzip jede andere soziale Gruppe &#8211; die an sie gerichteten Erwartungen und Normen in einer einigerma\u00dfen stabilen, familienspezifischen Art und Weise zu resorbieren und in eigene Handlungsorientierungen zu \u00fcbersetzen in der Lage ist.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckzug auf sich selbst bietet den Familien allerdings keine Perspektiven, er ist allein von einer k\u00e4mpferischen Haltung gepr\u00e4gt, denn ihre Identit\u00e4t ist zerbrechlich geworden. So flie\u00dfen alle Anstrengungen und Energien in die Organisation und perspektivische Aufrechterhaltung einer Lebenswelt, deren Horizont oft an der Wohnungst\u00fcr einer Drei-Zimmer-Sozialbauwohnung endet. Je gr\u00f6\u00dfer der Legitimations- und Handlungsdruck von au\u00dfen, desto dichter mu\u00df die Familie quasi zusammenr\u00fccken, versuchen, die ganze Vielfalt und Widerspr\u00fcchlichkeit der an sie gerichteten Erwartungen noch in ein Krisenmanagement der Alltagsbew\u00e4ltigung zu integrieren. In einem t\u00e4glichen Kleinkampf mu\u00df Normalit\u00e4t produziert werden, obwohl es f\u00fcr die Familien immer schwieriger wird, den Normen der Gesellschaft einen eigenproduktiven Anteil, eine ihr gem\u00e4\u00dfe Verarbeitung, eine auf ihre Spezifik gerichtete Interpretation dieser Normen beizusteuern: \u00bbPathogen also die Familie, die den \u00e4u\u00dferen Normen Widerstand leistet, pathogen aber auch die, die es vers\u00e4umt\u00ab (Donzelot, S. 237). Doch diese Ambivalenz ist keine neutrale mehr, Entscheidungsraum bleibt wenig, und die Tendenz hat eine Eigendynamik bekommen: Auf der Flucht vor der Gesellschaft und ihrer Instanzen bzw. auf der Flucht vor der Psychose kapselt sich die Familie in einen Binnenraum, \u00fcberfrachtet ihre Beziehungen und produziert Neurosen.<\/p>\n<p>Letztlich ist die Isolation der Familie auch f\u00fcr die Gesellschaft eine \u00e4u\u00dferst funktionale Angelegenheit: Alle Konflikte, alles Aufbegehren, alle Suche nach authentischem Leben hat seinen gesellschaftlichen Ort heute in der Familie: Ob midlife-crisis oder Gene-rationskonflikt, ob Aggressionsabfuhr oder Sexualit\u00e4tsprobleme &#8211; alles wird in der Familie ausgetragen, scheint dort seinen nat\u00fcrlichen Ort zu haben. Diese geballte Ladung an Konfliktstoff und -energie &#8211; w\u00fcrde sie etwa bei einem Zusammenbrechen der Familie auf den \u00f6ffentlichen \u00bbSozial-Markt\u00ab geworfen &#8211; k\u00f6nnte heute kaum noch eine Gesellschaft verkraften, sei sie auch noch so sozialstaatlich organisiert.<\/p>\n<p>Das konservative Familienbild der heilen, privaten Familie ist so gesehen nichts weiter als die ideologische Verbr\u00e4mung dieser Absto\u00dfung gesellschaftlicher Konfliktbereiche in das Feld der familialen Privatsph\u00e4re: Unter der freiheitlichen &#8211; scheinbar die Familie in ihrer Autonomiebestrebung unterst\u00fctzenden &#8211; Parole \u00bbWeniger Staat!\u00ab werden ihr Aufgaben, wie das Auffangen beruflicher Schwierigkeiten, psychischer Spannungsausgleich, Erholungsangebote, etc., aufgeb\u00fcrdet. F\u00fcr die Familien selbst jedoch dreht diese Ideologie der heilen Familienwelt die Schraube der Anspannungen noch einige Umdrehungen weiter. Nicht nur, da\u00df sie Aufgaben \u00fcbernehmen mu\u00df, von denen man bezweifeln kann, ob sie sie alleine zu tragen in der Lage ist, sondern die Eltern m\u00fcssen auch t\u00e4glich die gesellschaftlich vorgegebenen Werte und Grundregeln der Familie zur Zielvorgabe ihres Handelns machen. Jede Mutter tut, \u00bbwas ihr gesellschaftlich so nahegelegt ist: Sie macht Gebrauch von den allgemeinen normativen Bildern \u00fcber Orte der Erf\u00fcllung. Ehe und Familie sind die institutionalisierten Orte der Erf\u00fcllung schlechthin\u00ab. (Lerke Gravenhorst: Die ambivalente Bedeutung von \u00bbFamilie\u00ab in den Biographien von M\u00e4dchen und M\u00fcttern, M\u00fcnchen 1982, S. 24)<\/p>\n<p>Die jeder Mutter pr\u00e4sente Idealvorstellung einer \u00bbwahren Gemeinschaft\u00ab der Familie verbietet es ihr geradezu, \u00fcberhaupt \u00bbProbleme zu haben\u00ab, geschweige denn diese zuzugestehen und zu ver\u00f6ffentlichen. Die Angst vor Stigmatisierungen ist nicht irreal. Dieses Verbot, \u00bbDampf abzulassen\u00ab sowie der sozial geforderte und von den Familien sich selbst auferlegte Druck, Unbefriedigtsein, Nichterf\u00fcllung und widrige Realit\u00e4t in das Korsett der Normalit\u00e4t zu zw\u00e4ngen, schaffen f\u00fcr sich alleine schon eine Situation, die man als implosiv kennzeichnen mu\u00df. Gewaltakte werden oft zur einzig noch als m\u00f6glich angesehenen Handlungsweise in einer als ausweglos erlebten Situation.<\/p>\n<p><i>Tod der Familie oder Tod in der Familie?<br \/>Gibt es einen dritten Weg?<\/i><\/p>\n<p>So weisen fast t\u00e4glich Skandalberichte und in der Presse ver\u00f6ffentlichte Statistiken auf Ungeheuerlichkeiten hin: Kindesmi\u00dfhandlungen und -vernachl\u00e4ssigungen, verpr\u00fcgelte und vergewaltigte Ehefrauen, \u00bbsexueller Mi\u00dfbrauch\u00ab von Kindern. Immer deutlicher wird in letzter Zeit, da\u00df es sich hierbei nicht um eine Ausnahmeerscheinung pathologie-verd\u00e4chtiger Randgruppen oder sozial deklassierter Bev\u00f6lkerungsschichten handelt, auch wenn hier die soziale Auff\u00e4lligkeit eher zu Interventionen f\u00fchrt (was dann ein statistisches Zerrbild ergibt).<\/p>\n<p>Sicher, Gewalt in der Familie hat es immer gegeben (Vgl. Gisela Zenz: Kindesmi\u00dfhandlung und Kindesrechte, Ffm 1981, S. 19 ff.), doch immer war diese Gewalt in ein religi\u00f6s-rituelles Muster oder in einen Code der Disziplinierung eingebunden, war in einer Legalit\u00e4t fundiert, die darauf beruht, da\u00df der Staat Anteile seines Gewaltmonopols an die Familie delegierte. Die Gewalt, die heute als Mi\u00dfhandlung in der Familie sichtbar und zur Sprache gebracht wird, hat kaum noch Halt in einem legalen Prinzip. Sie ist impulsiv, eruptiv und affektiv, auch wenn manche Eltern sich immer noch auf ihr Z\u00fcchtigungsrecht berufen. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit der Ursachenforschung von Kindesmi\u00dfhandlung auseinandersetzen, doch eines scheint deutlich zu sein: Es gibt in den Familien eine neue (unabh\u00e4ngig von den veralteten Codes disziplinarischer Ma\u00dfnahmen) Form der Gewalt, die au\u00dferhalb jeder Legitimation steht, die ganz an den Pol des Affektiven gekettet ist und die letztlich niemand will (auch die Eltern nicht). Der neue Verdacht der Gewalt, dem die Familie ausgesetzt ist, beginnt seit einigen Jahren Wogen zu schlagen. Sollte sich herausstellen, da\u00df Sexualit\u00e4t au\u00dferhalb des Ehebettes nicht nur symbolisch, sondern als reale Vergewaltigung eine Rolle spielt, da\u00df die ganze kolonisatorische Feinarbeit der sozialen Instanzen Gewalt als Wesensmerkmal von Familie wenn nicht hervorgerufen, so doch v\u00f6llig \u00fcbersehen hat, so kann dies leicht zur Folge haben, da\u00df die \u00bbalten\u00ab segregierenden und strafenden Strategien von Psychiatrie und Justiz wieder aufleben (Sie sind inzwischen mit dem Code des Sozialen und dem Code des Psychischen ger\u00fcstet und w\u00e4ren durchaus in der Lage, ein inzwischen feingesponnenes Netz von Differenzierungen zu weben). Doch noch(?) scheinen die \u00bbneuen\u00ab sozialwissenschaftlich und therapeutisch orientierten Strategien das Feld des Kinder- und Mutterschutzes zu besetzen, indem sie das Schuldprinzip zugunsten eines Prinzips der Kommunikation und Beziehung in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen versuchen.<\/p>\n<p>Beiden Strategien gemeinsam ist jedoch der neue Verdacht, die neue Inszenierung von Ungeheuerlichkeiten zur Legitimation ihrer Ma\u00dfnahmen: In \u00f6ffentlichen Aufrufen wird die Bev\u00f6lkerung angehalten, auf anhaltendes Schreien in Nachbarwohnungen zu achten, Sozial-Polizei zu spielen. Jugend\u00e4mter versichern, auch anonymen Anzeigen nachzugehen, und Therapeuten wetteifern mit Staatsanw\u00e4lten um die effektivere Art der Intervention. Die Gefahr, da\u00df neue Anforderungs- und Legitimationskriterien an die Familie generell herangetragen werden, da\u00df sich die Spirale von Intervention und Zuschreibung einerseits und von R\u00fcckzugstendenzen und Orientierungslosigkeit anderer-seits noch um eine Windung weiter dreht, sollte nicht \u00fcbersehen werden.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren etwa wurde viel vom Tod der Familie gesprochen (dies war eine politische Diskussion \u00fcber Faschismus, Autorit\u00e4t und Zwangscharakter), heute besteht die Gefahr, da\u00df die Familie als Institution (sicher nicht die einzelne Familie) unter einem ungeheueren gesellschaftlichen Druck, aber auch durch den \u00bbAnpassungszwang\u00ab an entpolitisierte soziale Interventionsinstanzen (die zu einem nicht geringen Teil von den damaligen Diskutanten in professioneller Sachkenntnis vertreten werden) zu Tode kommt. Es geht mir nicht darum, Verschw\u00f6rungstheorien aufzubauen, sondern die Ironie von self-fullfilling prophecies aufzuzeigen &#8211; und darum, familienpolitische \u00dcberlegungen anzuregen, die den Horizont von Psycho- und Sozialspezialisten ein wenig \u00fcberschreiten. Eine Familienpolitik, die einen pointierten dritten Weg zwischen nostalgischem Konser-vativismus und therapeutischer P\u00e4dagogisierung gehen will, mu\u00df sowohl Abstand von der ldeologie der Familie als gl\u00fccklicher ldylle nehmen als auch vom Mythos, da\u00df dieses Gl\u00fcck qua therapeutischer Intervention und Elternschule organisierbar sei. Bevor man mit neuen Anspr\u00fcchen an die Familie herantritt, mu\u00df ihr Gelegenheit gegeben werden, die fundamentalen Ver\u00e4nderungen in der innerfamilialen Rollenverteilung, in den Sozialisationsanforderungen, in ihrer Beziehungsdynamik und elterlichen Verantwortlichkeit nicht nur bruchst\u00fcckhaft zu rezipieren, sondern in eine familiale Perspektive zu integrieren, die die Herstellung von Handlungsorientierung erlaubt. Nur in einer relativen Autonomie kann die Familie ein nicht nur an Krisen orientiertes Selbstverst\u00e4ndnis gewinnen. Es geht nicht darum, die wissenschaftlich-therapeutische Sph\u00e4re einfach von den Familien zur\u00fcckzuziehen und diese ihrem Schicksal zu \u00fcberlassen, sondern darum, die Familie in die Lage zu versetzen, die Zuschreibungen und Codes dieser Sph\u00e4re produktiv f\u00fcr sich zu wenden und zu resorbieren. Wenn aber diese relative Autonomie weder vom einfachen R\u00fcckzug des Staates\/der Wissenschaft von der Familie noch in der Verst\u00e4rkung des therapeutischen Netzes und p\u00e4dagogischen Anspruchs um die Familie erreicht werden kann, m\u00fcssen sozialpolitisch zumindest die Bedingungen daf\u00fcr gesetzt werden, da\u00df die Familie selbst sich in Gemeinschaft mit anderen qua Selbsthilfe diese Autonomie organisieren kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich fragen, ob denn diese Familie \u00fcberhaupt noch eine Chance hat, aber wenn es darum geht die Familie zu unterst\u00fctzen (und davon reden alle!), mu\u00df man sich eben \u00fcberlegen, wie man ihr \u00fcberhaupt noch helfen kann. Noch Anfang der siebziger Jahre gab es eine hitzige Debatte um alternative Lebensformen, die in Deutschland schlichtweg eingeschlafen ist; Allenfalls als therapeutisches Konzept ist die Wohngemeinschaft eine Alternative zum Asyl geworden. Wenn ich idealisierend weiter denke, liegt die einzige Chance der Familie darin, diese Diskussion wieder aufzugreifen, nicht mit dem Ziel eine emphatische Alternative wieder aufleben zu lassen, sondern um zu \u00fcberlegen, ob und wie die Familie in eine \u00bbcommunity\u00ab integrierbar w\u00e4re. (Hier gibt es Modellversuche &#8211; auch gescheiterte -, Fehler und Ansatzpunkte f\u00fcr eine aktualisierte Diskussion). Eine These: Nur ein Zusammenschlu\u00df von mehreren Familien in gr\u00f6\u00dferen \u00bbcommunities\u00ab b\u00f6te die Chance, da\u00df<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"left\">durch differenziertere Arbeitsteilung die momentane \u00dcberfrachtung der Kleinfamilie abgebaut wird;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die Familie in ihren Problematiken sich der \u00bbcommunity\u00ab gegen\u00fcber \u00f6ffnet, ohne den Stigmatisierungsprozessen \u00f6ffentlicher Instanzen ausgesetzt zu sein; <\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die \u00bbcommunity\u00ab eine Art Filter zwischen den Zuschreibungen der staatlichen\/ wissenschaftlichen Sph\u00e4re und den einzelnen Familien bildet;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die \u00bbCommunity\u00ab einen eigenen Code entwickelt, der sich st\u00e4rker an der komplexen Alltagssituation der Familien orientieren w\u00fcrde als an fragmentarischen Anforderungen.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine idealistische These? Sicherlich! Doch sprechen einige Anzeichen daf\u00fcr, da\u00df sich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Ver\u00e4nderungen anbahnen, f\u00fcr die die \u00bbcommunity\u00ab eine geeignete L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit w\u00e4re:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"left\">das kostenm\u00e4\u00dfig aufgebl\u00e4hte Gesundheitswesen droht zu kollabieren; das System der Rentenversicherung qua Generationenvertrag ist bereits dabei. Es ist durchaus denkbar, da\u00df die Entwicklung von Solidargemeinschaften das System der staatlichen Versicherung teilweise abzul\u00f6sen in der Lage ist.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die wohl strukturelle Arbeitslosigkeit stellt neben dem Problem der Umverteilung von Geldern das Problem der Integration von sinnvoller Bet\u00e4tigung, von freigesetzten Arbeitskr\u00e4ften in neue Arbeits- (und Lebens-)zusammenh\u00e4nge (die b\u00f6ten sich in selbst-verwalteten \u00bbcommunities\u00ab!).<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dies kann im Moment nicht mehr als ein Denkansto\u00df sein. Das Weiterdenken allerdings darf man sich wohl nicht von den familientherapeutischen Profis erwarten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2421],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12275","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-tilmann-broszat","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Familie unter Verdacht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/familie-unter-verdacht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Familie unter Verdacht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die wissenschaftliche Kolonisierung der Institution \u00bbFamilie\u00ab aus: vorg\u00e4nge Nr.78 (Heft 6\/1985), S.85-94 Die Familie steht als Institution seit langem unter Verdacht. 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