{"id":12276,"date":"1977-01-28T14:32:00","date_gmt":"1977-01-28T13:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/faschismus-nationalsozialismus-kommunismus-und-stalinismus\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:07","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:07","slug":"faschismus-nationalsozialismus-kommunismus-und-stalinismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/faschismus-nationalsozialismus-kommunismus-und-stalinismus\/","title":{"rendered":"Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Stalinismus"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 70-78<\/p>\n<p>Faschismus und Kommunismus wurden h\u00e4ufig als totalit\u00e4re Ideologien, Bewegungen und Systeme einfach gleichgesetzt. In letzter Zeit hat man nun diese Sichtweise oft als eine rein formale total verworfen. Uns scheint heute eine irgendwo in der Mitte liegende Charakterisierung der komplexen Wirklichkeit gerechter zu werden. Dabei gehen wir davon aus, da\u00df alle vier im Titel genannten Begriffe genauer zu umschreiben und voneinander abzugrenzen sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"faschismus-und-nationalismus\">Faschismus und Natio&shy;na&shy;lismus<\/span><\/h2>\n<p>Der italienische Faschismus stellt sich als eine Art von Vorl\u00e4ufer des deutschen Nationalsozialismus dar. Dieser erscheint als die reifste Form des &#8222;Faschismus&#8221;: er ist aber auch dessen einzige voll ausgereifte &#8222;klassische&#8221; Erscheinungsform geblieben. Andere reaktion\u00e4r-autorit\u00e4re Milit\u00e4rdiktaturen oder Zivilautokratien sollten nicht als faschistisch denunziert werden, so b\u00f6sartig sie auch im einzelnen sein m\u00f6gen. Es fehlt ihnen n\u00e4mlich stets und \u00fcberall an ganz entscheidenden Kriterien des Faschismus und Nationalsozialismus, die eben ganz anders als sonstige Diktaturen moderne Massenbewegungen und -ideologien implizierten. Der Begriff faschistisch ist so schwer zu erfassen, da es zwar eine Anzahl solcher Bewegungen gegeben hat und auch in Zukunft noch geben mag, diese bisher aber eben nur in Italien und Deutschland zur Macht gelangen und eine echt faschistische Herrschaftsform begr\u00fcnden konnten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kommunismus-und-stalinismus\">Kommunismus und Stalinismus<\/span><\/h2>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich da mit dem Kommunismus und Stalinismus. Die Geschichte kennt nicht nur eine ganze Anzahl recht verschiedenartiger kommunistischer Bewegungen und Ideologien &#8211; die Kommunisten haben auch in einer Vielzahl von L\u00e4ndern die Macht an sich gerissen. Wir sind da also schon lange nicht mehr auf Ru\u00dfland beschr\u00e4nkt &#8211; kommunistische Regimes erstrecken sich heute von der Sowjetunion bis nach China, von Kuba und der DDR \u00fcber Polen und Rum\u00e4nien bis nach der \u00c4u\u00dferen Mongolei und Vietnam. Nun sind alle diese Regimes, so verschieden sie in ihrem industriellen Entwicklungsstand, in ihrer Geschichte und Gr\u00f6\u00dfe auch sein m\u00f6gen, doch alle in einem wichtigen Punkt identisch: sie waren und bleiben leninistisch und stalinistisch oder sp\u00e4tstalinistisch und das hei\u00dft auch eben totalit\u00e4r. Die einzigen Ausnahmen bilden hier die CSSR in den sp\u00e4ten 60er Jahren und in anderer Weise das Jugoslawien Titos. (Vielleicht nehmen auch noch Ungarn und Polen als &#8222;halbstalinistische&#8221; Staaten eine begrenzte Sonderstellung ein.) Daneben gab und gibt es aber kommunistische Bewegungen und Ideologien, die alles andere als totalit\u00e4r oder stalinistisch oder auch nur leninistisch gewesen waren oder auch heute wieder sind. Wir denken dabei an den sogenannten Euro-Kommunismus, aber auch an die fr\u00fchen Erscheinungsformen des Kommunismus \u00fcberhaupt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unterschiede-und-annaeherungen\">Unter&shy;schiede und Ann&auml;he&shy;rungen<\/span><\/h2>\n<p>Aus all dem ergibt sich schon, da\u00df wir zwischen faschistischem und sowjetkommunistischem oder stalinistischem Totalitarismus unterscheiden m\u00fcssen. Halten wir zun\u00e4chst einmal daran fest, da\u00df auch bei aller Ann\u00e4herung Faschismus wie Sowjetkommunismus nie zu einer identischen und einheitlichen Bewegung und Ideologie verschmolzen sind. Selbst der deutsch-russische Nichtangriffspakt 1940 (der ein H\u00f6chstma\u00df an Ann\u00e4herung bedeutete) blieb Episode. Faschismus und Stalinismus gleichen zwei Str\u00f6men, deren Quellen Welten auseinanderliegen, die sich freilich zur Zeit von Hitler und Stalin immer st\u00e4rker anzun\u00e4hern schienen.<br \/>Der Faschismus, der selber als Gegenbewegung und Reaktion auf den Kommunismus entstanden war, eignete sich manche kommunistischen Auffassungen und Verhaltensweisen an wie umgekehrt insbesondere Stalin auch viel von Hitler \u00fcbernommen hat. Aus all diesen Gr\u00fcnden haben diejenigen nicht ganz unrecht, die den Faschismus als &#8222;braunen Bolschewismus&#8221; oder auch den Stalinismus als &#8222;roten Faschismus&#8221; haben deuten wollen, wobei allerdings die Adjektive braun und rot schon die nicht unwesentlichen Unterschiede andeuten. Mit Recht hat man daher auch gesagt, der Faschismus und der Stalinismus k\u00f6nnten nur in e i n e m Punkte miteinander verglichen werden; dieser Punkt ist freilich bedeutsam: beide sind und bleiben eben totalit\u00e4r.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"nationale-praegung-der-totaiitarisanen\">Nationale Pr&auml;gung der Totai&shy;ita&shy;ri&shy;sanen<\/span><\/h2>\n<p>Hier ist ein Wort \u00fcber die nationalen Charakteristika dieser verschiedenen Totalitarismen am Platze. Der Faschismus war nicht zuletzt das Produkt der italienischen Gesellschaft und Kultur. Er spiegelte die Situation eines Landes wider, das gefangen blieb in den Widerspr\u00fcchen eines modernen Kapitalismus, der von einer breiten radikalen, aber erfolglosen Arbeiterbewegung attackiert wurde, zugleich aber starke Reste eines agraren Feudalismus aufwies, der die Basis f\u00fcr die vorb\u00fcrgerlichen Ober- und Mittelschichten bildete, die so zur Rebellion gegen die sozialistische Arbeiterbewegung als Auswuchs des Kapitalismus provoziert wurden.<br \/>Aber auch der Nationalsozialismus und der Bolschewismus als Leninismus-Stalinismus waren ganz entscheidend von den spezifischen Eigenschaften Deutschlands beziehungsweise Ru\u00dflands gepr\u00e4gt. Beide waren und sind bis ins letzte deutsch beziehungsweise russisch geblieben. Sie sind Ausdruck der Geschichte und Politik des jeweiligen Landes. Dabei haben Deutschland und Ru\u00dfland das gemeinsam, da\u00df sie sogenannte versp\u00e4tete Nationen waren. In Deutschland lag dabei der R\u00fcckstand st\u00e4rker im Staatlich-Nationalen, in Ru\u00dfland im Wirtschaftlich-Gesellschaftlichen.<br \/>Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen wir nicht \u00fcbersehen, da\u00df Deutschland schon 1918 eines der hochindustrialisiertesten und technisch-organisatorisch fortschrittlichsten L\u00e4nder der Welt war. Freilich herrschte auch hier, \u00e4hnlich wie in Italien, der Widerspruch zwischen der fortschrittlich-kapitalistischen Wirtschaft mit ihrer starken Arbeiterbewegung und den absolutistisch-feudalen Relikten im Staat und in der Landwirtschaft. Um so paradoxer ist der Umstand, da\u00df die deutsche Novemberrevolution 1918 im wesentlichen doch nicht \u00fcber den Rahmen einer b\u00fcrgerlichen Revolution hinauskam und nun der Nationalsozialismus als extremste Gegenrevolution gegen diese sp\u00e4tb\u00fcrgerliche Revolution in Erscheinung tritt &#8211; der Nationalsozialismus, nach Thomas Mann &#8222;eine Afterrevolution ohne jede Beziehung zur ldee der Menschheit und ihrer Zukunft&#8221;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-anfaenge-des-kommunismus\">Die Anf&auml;nge des Kommunismus<\/span><\/h2>\n<p>Bolschewismus und Stalinismus sind dagegen nicht zuletzt Erscheinungsformen der Russifizierung des europ\u00e4ischen Kommunismus. Als , eine moderne soziale Bewegung l\u00e4\u00dft sich der Kommunismus bis auf die Arbeiterbewegung des 19.Jahrhunderts oder noch weiter zur\u00fcck verfolgen. Zun\u00e4chst waren Kommunismus und Sozialismus sogar noch fast auswechselbare Begriffe. Dabei wurde der Kommunismus von den radikalsten Intellektuellen, Arbeitern und \u00e4rmeren Bauern getragen. In diesem Kommunismus orientierten sich die gro\u00dfen revolution\u00e4ren, radikalen und demokratischen Traditionen Europas zun\u00e4chst vor allem an den Bed\u00fcrfnissen einer aufsteigenden Arbeiterklasse. So suchte der Kommunismus die Sehnsucht der unterdr\u00fcckten Volksmassen und insbesondere der Proletarier nach einer neuen und gerechteren Gesellschaftsordnung zu artikulieren. Mit der Stabilisierung des Kapitalismus nach 1848 begannen sich jedoch die arbeitenden Klassen mit dem Status quo abzufinden und ihre revolution\u00e4re Ideologie zur\u00fcckzuschrauben. Erst in der gro\u00dfen Krise des Ersten Weltkrieges formierten sich die radikaleren Kommunisten aufs neue &#8211; Einflu\u00df gewinnen konnten sie aber selbst dann nur in jenen Teilen der Welt, die unter der Katastrophe ganz besonders gelitten hatten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"bolschewismus-von-der-revolution-zur-konterrevolution\">Bolsche&shy;wis&shy;mus: Von der Revolution zur Konter&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion<\/span><\/h2>\n<p>Die Russische Oktoberrevolution 1917 war ganz anders als die Deutsche Novemberrevolution nicht nur eine b\u00fcrgerliche, sondern auch eine progressive b\u00e4uerlich-proletarische Revolution. Der Bolschewismus artikulierte zun\u00e4chst diese revolution\u00e4ren Zielsetzungen, schlug aber schon sehr bald in eine latente Konterrevolution um. Diese wandte sich schon in den 20er Jahren zun\u00e4chst gegen die Intellektuellen, die als erste gleichgeschaltet wurden, dann zu Anfang der 30er Jahre gegen die Bauern, die ihre wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit verloren, und dann vor allem seit Mitte der 30er Jahre als Stalinismus auch gegen die Arbeiter, die total unterworfen und versklavt wurden. Schlie\u00dflich bek\u00e4mpfte die Konterrevolution aber sogar auch die zun\u00e4chst emanzipierten nationalen Minderheiten, die ganz besonders seit den 60er Jahren russifiziert wurden. Diese Gegenrevolution hat aber dennoch nie alle revolution\u00e4ren Elemente total zu eliminieren vermocht. Man kann sie so gesehen mit Thomas Mann als eine &#8222;autokratische Revolution im byzantinischen Kleide&#8221; charakterisieren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"russifizierung-des-kommunismus\">Russi&shy;fi&shy;zie&shy;rung des Kommunismus<\/span><\/h2>\n<p>Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 und die Gr\u00fcndung der Kommunistischen Internationale 1919 trugen entscheidend dazu bei, da\u00df sich der Kommunismus mit der ldeologie und Praxis der russischen Bolschewiki und der von ihnen kontrollierten kommunistischen Bewegungen identifizierte. Dabei gingen die Bolschewiki nach 1917 immer mehr dazu \u00fcber, ihre Politik den Bed\u00fcrfnissen eines ungeheuer weiten und isolierten, unterentwickelten und noch \u00fcberwiegend agrarischen Kontinentes anzupassen, eines Kontinentes, der zudem seit Jahrhunderten Grenzland und Schlachtfeld zwischen europ\u00e4ischen und asiatischen Kulturen gewesen war. Im Verlaufe dieses Prozesses wurden im Kommunismus die typisch westlichen humanistischen und kosmopolitischen Werte derjenigen Komponente der russischen Tradition geopfert, die auf der Unterwerfung des Individuums unter die Gemeinschaft und deren<br \/>F\u00fchrern beruhte. Diesen so russifizierten Kommunismus wollen wir als Bolschewismus beziehungsweise Leninismus-Stalinismus bezeichnen. Nicht zuf\u00e4llig hat dann dieser Zweig des kommunistischen Stammbaums auch seine ausgesprochen totalit\u00e4ren Z\u00fcge entwickelt.<br \/>Nebenbei sei nur bemerkt, da\u00df sich die Kommunisten selber wohl zun\u00e4chst noch garnicht im klaren dar\u00fcber waren, wohin ihre Form der sogenannten Diktatur des Proletariats f\u00fchren w\u00fcrde. Wie Orwell richtig bemerkt hat: &#8222;Die russischen Kommunisten &#8230; besa\u00dfen nie den Mut, ihre eigenen Beweggr\u00fcnde zuzugeben. Sie taten so, ja, glaubten vielleicht sogar, &#8230; gleich um die Ecke liege das Paradies.&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"faschismus-und-stalinismus-totalitaere-saekularreligionen\">Faschismus und Stali&shy;nis&shy;mus: totalit&auml;re S&auml;kular&shy;re&shy;li&shy;gi&shy;onen<\/span><\/h2>\n<p>Wir sprechen unter anderem auch deswegen vom Stalinismus wie vom Faschismus als einer Spielart des Totalitarismus, da sie uns beide so stark an Orwell erinnern. Sicherlich haben sie den Orwell&#8217;schen Idealtypus von Totalitarismus nie hundertprozentig realisieren k\u00f6nnen. Wenn nun auch der Begriff totalit\u00e4r wie die meisten politischen Kategorien nicht eindeutig und nicht frei von Emotionen ist, so halten wir auch aus diesem Grunde doch an ihm fest. Er erfa\u00dft n\u00e4mlich, wie schon angedeutet, ein ganz wesentliches Merkmal beider ldeologien, Bewegungen und Systeme, n\u00e4mlich die ungeheuer weitgehende Gleichschaltung des Einzelnen wie aller unabh\u00e4ngigen wichtigeren Gruppen, Organisationen und Instit\u00fctionen gem\u00e4\u00df den Interessen und Ideen der monopolistischen Herrschaftsspitze.<br \/>Der Faschismus wie der russifizierte Kommunismus treten zudem beide mit dem Anspruch auf, die Krise der modernen Gesellschaft, deren sie sich in der Tat bewu\u00dfter sind als manche konservativeren Richtungen, \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. So versprechen sie beide dem Menschen Brot f\u00fcr den hungrigen Magen, Sicherheit f\u00fcr das verst\u00f6rte Gem\u00fct und Gemeinschaft f\u00fcr das einsame Herz. Faschismus und Stalinismus fanatisieren ihre Anh\u00e4nger zun\u00e4chst in einem solchen Ausma\u00df, da\u00df deren Geist und Glaube der Glut einer religi\u00f6sen Bewegung gleichkommen. Aus diesem Grunde hat man beide mit Recht als S\u00e4kular- oder Sozialreligionen gekennzeichnet. Diesen Wesenszug hat Thomas Mann bereits 1950 gro\u00dfartig skizziert:.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Der heilige Schrecken, die neue Kirche, der neue universelle bindende Glaube, welcher zu all seinen anderen Verhei\u00dfungen Befreiung von der Freiheit verhei\u00dft, ist gefunden: das byzantinische Ru\u00dfland, wo es b\u00fcrgerliche Demokratie nie gegeben hat und Despotie gewohnte Lebensluft ist, schuf ihn; auf dem Grunde einer durchaus nicht \u00f6stlichen, sondern der Entwicklung des westlichen Industrialismus entstammenden pan\u00f6konomischen Welterkl\u00e4rung und Heilslehre von unbedingtem Wahrheitsgehalt errichtete es seine rechtgl\u00e4ubige, angeblich allein seligmachende Kirche mit heiligen B\u00fcchern, einem sakrosankten Dogmengeb\u00e4ude und allem Zubeh\u00f6r. Da sie zugleich Staat ist, diese Kirche, so treibt sie Machtpolitik &#8211; wen wundert es? Welteroberung ist ein uralter Traum, und jeder Glaube will die Welt erobern &#8211; auf die Gefahr hin, da\u00df er dabei zum blo\u00dfen Mittel der Welteroberung wird.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Indem der charismatische F\u00fchrer -&#8222;der totalit\u00e4re Staatsmann ist ein Religionsstifter&#8220; (Thomas Mann) &#8211; seine Anh\u00e4nger mobilisiert und in einen Kreuzzug gegen wirkliche oder eingebildete Feinde f\u00fchrt, erreicht er auch, da\u00df sich die Gefolgschaft seiner Macht blindlings unterwirft. Bei all ihrer Militanz und Gewaltt\u00e4tigkeit spiegelt dieser den Massen dabei immer wieder paradoxerweise gelegentlich auch das Traumbild der Gemeinschaft und des Friedens vor.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wirtschaftliche-und-soziale-umstrukturierung\">Wirtschaft&shy;liche und soziale Umstruk&shy;tu&shy;rie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Man hat mit Recht darauf hingewiesen, da\u00df der Faschismus die \u00fcberlieferte kapitalistische Wirtschaftsordnung im wesentlichen unver\u00e4ndert \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend der Kommunismus sie grundlegend ver\u00e4ndert. \u00dcberall, wo der Kommunismus an die Macht gelangt ist, wurde der Gro\u00dfgrundbesitz aufgeteilt und die Industrie verstaatlicht. Zun\u00e4chst erhielten die armen Bauern das Land, das ihnen sp\u00e4ter infolge der Kollektivierung der Landwirtschaft freilich wieder entzogen wurde. Die planm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrte Industrialisierung verschaffte den Arbeitern Arbeit (aber auch in wachsendem Ma\u00dfe Zwangsarbeit!) und Brot. Da aber weder die Bauern noch die Arbeiter frei sind, sich zu organisieren und etwa kollektive Tarifvertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen, f\u00e4llt es ihnen schwer, sich bessere Lebensbedingungen zu erk\u00e4mpfen, wenn auch ein bescheidenes Ma\u00df an wirtschaftlicher Sicherheit und gewisse Aufstiegsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ihre Kinder zum Bild des Stalinismus geh\u00f6ren. Wobei der Lebensstandard dieser Klassen in ihrer Gesamtheit immer noch entscheidend hinter dem der entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder zur\u00fcckbleibt.<br \/>W\u00e4hrend der Faschismus im B\u00fcndnis mit den privilegierten Gruppen der Gesellschaft an die Macht kam, suchte der Kommunismus diese Macht jenen Gruppen zu entrei\u00dfen. Die Verfolgung durch die Kommunisten traf daher zun\u00e4chst die Aristokratie und die Bourgeoisie. Dar\u00fcber hinaus erfa\u00dfte sie aber auch alsbald alle Individuen und Organisationen, die sich den neuen Herren nicht total unterwerfen wollten. Ja, der gegen die nicht-stalinistische Mitte oder Linke gerichtete Terror ist zuweilen r\u00fccksichtsloser und ha\u00dferf\u00fcllter als der gegen die konservative Rechte. Um seine Ein-Partei-Diktatur zu sichern, hat der Stalinismus schlie\u00dflich Machttechniken angewandt, die denen des Faschismus \u00e4hneln. Er hat nicht gez\u00f6gert, ganze D\u00f6rfer in die Ein\u00f6den zu verpflanzen oder etwa seine Opfer zu zwingen, nicht begangene und nicht begehbare Verbrechen \u00f6ffentlich immer wieder zu gestehen. Zwar hat die Ausrottung ganzer nationaler, religi\u00f6ser oder rassischer Gemeinschaften als solche nicht auf seinem Programm gestanden &#8211; ein Auschwitz wurde im sowjetischen Machtbereich nicht betrieben. Die Versklavung von Millionen hingegen war typisch f\u00fcr den Hochstalinismus &#8211; Workuta mag als Symbol hierf\u00fcr genannt werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-fuehrungsschichten\">Die F&uuml;hrungs&shy;schichten<\/span><\/h2>\n<p>Bestand die faschistische F\u00fchrung aus deklassierten Desperados aus dem Mittelstand, so sind die kommunistischen F\u00fchrer vor allem Intellektuelle, qualifizierte Arbeiter, Techniker, die zum Teil aus der Arbeiterschaft aufgestiegen sind und sich rasch in normale B\u00fcrokraten und Technokraten verwandeln (schon um die Jahrhundertwende hatte der radikale russische Gesellschaftstheoretiker und Revolution\u00e4r Waclaw Machajski &#8211; Pseudonym A. Wolski &#8211; behauptet, der Sozialismus sei die Ideologie der Intellektuellen, der neuen Mittelklasse von Beamten, Technikern, Managern, nicht aber die Weltanschauung der Masse der Handarbeiter). Die autorit\u00e4re Charakterstruktur d\u00fcrfte bei beiden &#8222;Eliten&#8221; vorherrschen, bei den Faschisten aber wohl zudem noch st\u00e4rker der pathologisch-sadistisch-masochistische und paranoische Typus. Entsprechend mag der Stalinismus bei aller &#8222;Faschisierung&#8221; doch immer noch eine Idee rationaler, konstruktiver, &#8222;humaner&#8221; bleiben als der total nihilistische Nationalsozialismus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"imperialismus\">Imperialismus<\/span><\/h2>\n<p>Kein Wunder, da\u00df der Nationalsozialismus super-imperialistisch war. Er ging darauf aus, die Welt &#8222;am deutschen Wesen genesen&#8221; zu lassen. Hin-gegen fand der Stalinismus sich bald mit der kapitalistischen Umwelt ab, um seine Aggressionen vor allem gegen den inneren Feind zu richten. Zweifellos ist der Stalinismus weniger imperialistisch und expansionistisch gewesen als der Nationalsozialismus, freilich zugleich noch erheblich totalit\u00e4rer als dieser. Im Gegensatz zum Faschismus bedarf der Stalinismus nicht des Krieges, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen oder die freilich in immer weitere Ferne r\u00fcckende Weltherrschaft zu erlangen. So verherrlicht seine Ideologie auch keineswegs den Krieg als solchen &#8211; sie rechtfertigt ihn h\u00f6chstens als Mittel zum Zweck.<br \/>Zwar erwartete man lange Zeit, da\u00df Kriege und Krisen die kapitalistischen L\u00e4nder von innen heraus so schw\u00e4chen w\u00fcrden, da\u00df diese schlie\u00dflich zu einer leichten Beute f\u00fcr die eigenen kommunistischen oder auch faschistischen Bewegungen werden m\u00fc\u00dften. Die Kommunisten waren auf das &#8222;Schlimmste&#8221; &#8211; also auf den Sieg des Faschismus &#8211; gefa\u00dft, erhofften aber zugleich das &#8222;Beste&#8221; &#8211; den Sieg des Kommunismus. In diesem Sinne unterst\u00fctzte und steuerte der Kreml die kommunistische Weltbewegung. Zugleich r\u00fcstete er f\u00fcr den Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den kommunistischen Staaten und einem m\u00f6glicherweise faschistischen Machtblock. Hierbei gingen die stalinistischen Machthaber zwar kleinere Risiken ein, um ihre wirtschaftliche, politische und strategische Position zu verbessern; sie waren aber nie bereit, einen gro\u00dfen Krieg zu wagen. Mittels einer solchen zweispurigen Politik f\u00e4llt es ihnen dann nat\u00fcrlich auch leichter als den Faschisten, immer wieder als echte Apostel des Friedens aufzutreten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kommunismus-vorrang-der-institutionen\">Kommu&shy;nis&shy;mus: Vorrang der Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen<\/span><\/h2>\n<p>In der Nachfolge der materialistischen Geschichtsauffassung seiner Gr\u00fcnder geht der Kommunismus davon aus, da\u00df die institutionellen und technischen Kulturbereiche stets grundlegender und wichtiger sind als die letzten kulturellen Werte. &#8222;Ewige Wahrheiten wie Freiheit, Gerechtigkeit usw.&#8221; waren bereits von Marx und Engels als Widerspiegelungen der &#8222;Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch den anderen&#8221; abgewertet worden, w\u00e4hrend die kommunistische Revolution &#8222;das radikalste Brechen&#8220; &#8222;mit den \u00fcberlieferten Ideen&#8221; mit sich bringen sollte.<br \/>Demgem\u00e4\u00df wollte der Kommunismus urspr\u00fcnglich im Gegensatz zum Faschismus die \u00fcberlieferten autorit\u00e4ren Grundwerte durch ein neues humanistisches Ethos der Gerechtigkeit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit ersetzen. Sobald die Kommunisten in einem Lande die Herrschaft erlangten, stie\u00dfen sie zun\u00e4chst die politischen Institutionen radikal um und strebten nach totaler Macht \u00fcber alle anderen Kulturbereiche. Die neugeschaffenen politischen, wirtschaftlichen und technischen Institutionen haben Vorrang in allen Lebensbereichen. Da der Stalinismus weniger als der Faschismus auf den totalen Krieg ausgerichtet ist, kann er seinen milit\u00e4rischen Apparat besser unter Kontrolle halten und die technischen und institutionellen Kulturbereiche rasch und gr\u00fcndlich modernisieren und integrieren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-institutionen-als-zwangsjacke\">Die Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen als Zwangsjacke<\/span><\/h2>\n<p>In einer solchen Gesellschaft scheinen die politischen Institutionen keine Engp\u00e4sse der Gesellschaft mehr zu sein &#8211; daf\u00fcr werden sie aber nur zu bald zu Zwangsjacken f\u00fcr das im Prinzip total gleichgeschaltete Individuum. Auch dort, wo der technisch-wissenschaftliche und wirtschaftliche Bereich reguliert wird, bleiben Richtung und Geschwindigkeit seines Fortschritts im wesentlichen unkontrolliert. Die Institutionen dienen nicht prim\u00e4r dem Interesse des Menschen, sie bleiben stark auf die entpers\u00f6nlichte Machtorganisation ausgerichtet. Aus diesem Grunde wird jeder, stehe er hoch oben in der institutionellen Hierarchie oder unten auf dem Grunde der sozialen Pyramide, zu einem R\u00e4dchen in der modernisierten totalit\u00e4ren oder autokratisch-b\u00fcrokratisch-technokratischen Maschine, w\u00e4hrend der Bereich der letzten echten Humanwerte zusammenzuschrumpfen scheint.<br \/>Indem sich der Kommunismus im Verlaufe seiner Entwicklung zum herrschenden Regime , institutionalisierte, ohne da\u00df es ihm dabei gelang, ein wirklich freiheitlich-egalit\u00e4res Gemeinwesen zu schaffen, wuchs die Entt\u00e4uschung \u00fcber die urspr\u00fcnglichen Ideale. Sie verwandelte sich immer mehr in eine oft recht zynische Verehrung von Macht und Erfolg, Effizienz und Ordnung. Die fr\u00fcher humanen Werte \u00fcberlebten im Stalinismus nur noch als leere ewig wiederholte Schlagworte, die sowohl der Propaganda wie der Selbstt\u00e4uschung dienten. Paradoxerweise wurden zugleich viele der<br \/>zun\u00e4chst verworfenen altmodischen Werte und Tugenden wie Liebe zum Vaterland und zur Familie, milit\u00e4rische Disziplin und Gehorsam gegen\u00fcber den jeweiligen Machthabern rehabilitiert. Anders als der Nationalsozialismus mag der Stalinismus die Fortf\u00fchrung der utilitarischen, technischen und industriellen Momente unserer Zivilisation gew\u00e4hrleisten, vorausgesetzt, da\u00df so etwas bei gleichzeitigem Absterben des Bereichs echter menschlicher Grundwerte m\u00f6glich ist. Aber selbst wenn er so, im Gegensatz zum Faschismus, dem Menschen sein t\u00e4gliches Brot zu geben verm\u00f6chte, bleibt die Frage: Kann und will dieser Mensch auf die Dauer von Brot allein leben?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-stalinismus-eine-verratene-utopie\">Der Stalinismus &mdash; eine verratene Utopie<\/span><\/h2>\n<p>Diese Frage stellt sich im Stalinismus wohl noch dringlicher als im Faschismus, da auch im Stalinismus, d.h. der russifiziertesten und totalit\u00e4rsten Form des Kommunismus, die Utopie einer besseren Zukunft trotz allem nicht total verschwindet. Alles, was sich etwa seit 1917 in Ru\u00dfland und seit 1945 in den anderen kommunistischen Staaten zugetragen hat, geschah ja immer noch irgendwie auch im Zeichen der Marx&#8217;schen utopischen Vision. Die Schreckensma\u00dfnahmen eines Stalin wurden unter Berufung auf die &#8222;Klassiker&#8221; Marx, Engels und Lenin gerechtfertigt. M\u00f6glicherweise w\u00e4re ein anderes Regime, das sich nicht so sehr auf eine utopische Lehre berufen h\u00e4tte, nicht weniger terroristisch gewesen &#8211; man denke etwa an den Nationalsozialismus, dessen Archaismus ja Welten von der Utopie trennten. Der Stalinismus war aber nun einmal, um Arthur Koestler zu zitieren, eine &#8222;verratene Utopie&#8221;, wobei die Entt\u00e4uschung \u00fcber das Scheitern der gro\u00dfen Vision, vor allem aber der Versuch, das Versagen vor sich selber und den an-deren (vorallem auch den Kritikern im eigenen Lager) zu verbergen, wohl mit dazu beigetragen haben, den Terror noch besonders infam und die T\u00e4uschung ungew\u00f6hnlich perfid zu machen. Insofern aber die neuen Machttr\u00e4ger (nach Toynbee immer noch Futuristen!) doch nicht einfach total auf die Utopie verzichten wollen oder k\u00f6nnen, mu\u00df diese ihnen nun sogar zus\u00e4tzlich zur ideologischen. Rechtfertigung ihrer Machtpolitik dienen. So nimmt schlie\u00dflich in der Tat der &#8222;Gott, der keiner war&#8221;, die Z\u00fcge Luzifers an, verwandelt sich die Zukunft der Utopie in die Gegenwart einer &#8222;Satanokratie&#8221;, wird die Theodizee der Utopie zur &#8222;Satanologie&#8221;.<br \/>Dennoch bleibt, fast bis zur Unkenntlichkeit verst\u00fcmmelt und pervertiert, eine andere Komponente erhalten. Einen letzten \u00dcberrest an Humanum vermag selbst ein Stalin nicht zu vernichten. Wie lie\u00dfen sich sonst die noch so bescheidene Entstalinisierung nach dem Tode des Tyrannen, vor allem aber auch ein &#8222;Prager Fr\u00fchling&#8221; erkl\u00e4ren?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-nationalsozialismus-endgueltiger-ausbruch-aus-der-geschichte-der-humanitaet\">Der Natio&shy;nal&shy;so&shy;zi&shy;a&shy;lis&shy;mus: Endg&uuml;ltiger Ausbruch aus der Geschichte der Humanit&auml;t<\/span><\/h2>\n<p>Der Nationalsozialismus war. dagegen im Gegensatz zum Stalinismus nie ein gefallener Engel; er verk\u00f6rperte immer nur das B\u00f6se schlechthin, bedeutete den endg\u00fcltigen Ausbruch aus der Geschichte der Humanit\u00e4t. Mit der Formel &#8222;Destruction Arrayed&#8221; hat Arthur Koestler den totalen Nihilismus und Atavismus, Irrationalismus und Extremismus von Nationalsozialismus und Faschismus angedeutet. Gegens\u00e4tze wie Toynbees Futurismus und Archaismus, Koestlers &#8222;Utopia Betrayed&#8221; und &#8222;Destruction Arrayed&#8221; sagen wichtiges zur Differenz von Stalinismus und Faschismus aus. Aber auch Thomas Mann hat den letzteren wohl richtig eingesch\u00e4tzt, wenn er dem Nationalsozialisten Blunck entgegenhielt, gerade Schriftsteller und Dichter sollten wissen, &#8222;da\u00df zwar das Leben sich allerlei gefallen l\u00e4\u00dft, da\u00df aber das ganz und gar Unsittliche nicht vor ihm besteht&#8221;.<br \/>Hier ist eine Einschr\u00e4nkung des Begriffes &#8222;totalit\u00e4r&#8221; am Platze: selbst zur Zeit des Hochstalinismus war eine totale Erfassung der gesamten Gesellschaft und Kultur im Sinne Orwells einfach technisch nicht m\u00f6glich. Dem einzelnen verblieb ein, freilich au\u00dferordentlich beschr\u00e4nkter Privatbereich: die Familie bildete eine Insel im Meer der Unfreiheit; selbst die Kirche verschwand nicht ganz; die durchgehende Gleichschaltung von Naturwissenschaft und Technik erwies sich schlie\u00dflich als unm\u00f6glich, gerade auch wegen der fatalen Folgen im internationalen Konkurrenz-und Machtkampf. Andererseits drang freilich die herrschende Ideologie in immer weitere Lebensbereiche vor, die organisatorische Erfassung des Einzelnen wie der Gruppen wurde immer r\u00fccksichtsloser durchgesetzt. Die tote Hand eines er-starrten Dogmatismus lastete unter Stalin ungeheuer schwer sogar auf Wissenschaft, Literatur und Kunst.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"chruschtschows-reformpolitik\">Chruscht&shy;schows Reform&shy;po&shy;litik<\/span><\/h2>\n<p>Chruschtschows neo-leninistische Reformpolitik, die mit der Kritik am Personenkult Stalins vor allem nach dem 20. Parteitag 1956 eingeleitet wurde, unterschied sich vom Stalinismus durch den Abbau von Massenterror, die Hebung des allgemeinen Lebensstandards, durch gr\u00f6\u00dfere Freiheit von Reglementierung f\u00fcr das Individuum, insbesondere auch im Privat- und Kulturleben. Man hat daher hierin mit Recht eine Art von &#8222;Liberalisierung&#8221; und einen \u00dcbergang von einem extrem totalit\u00e4ren zu einem eher autorit\u00e4ren Regime sehen wollen. Ja, Heinz Brandt hat in seinem Beitrag zu dem Sammelband &#8222;Entstalinisierung in der Sowjetunion&#8221; (herausgegeben von Reinhard Crusius und andern, Frankfurt 1977) Chruschtschow mit Lincoln verglichen: Jener habe die Privatsklaverei, dieser die Staatssklaverei abgeschafft. Auch Chruschtschow habe damit eigentlich eine neue Gesellschaftsordnung in der Sowjetunion begr\u00fcndet, die auch nach dem Sturze Chruschtschows nicht einfach r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden konnte.<br \/>Unterscheidet sich nachwievor das jetzige Regime vom Hochstalinismus durch die Schw\u00e4che der Ideologie, die weiter fortschreitende Verselbst\u00e4ndigung von manchen Kulturbereichen, wie etwa vorallem der Wissenschaft und Technik, und eine wenn auch noch schwache, so doch wachsende Opposition insbesondere auch unter den Intellektuellen, so sucht die Parteib\u00fcrokratie zum Teil wohl im B\u00fcndnis mit Milit\u00e4rs und mit Teilen der neuen Technokratie unabh\u00e4ngige Str\u00f6mungen nun wieder immer mehr &#8222;gleichzuschalten&#8221; vor allem im kulturellen Bereich. Terror und T\u00e4uschung werden nun wieder in dem f\u00fcr ein totalit\u00e4res Herrschaftssystem &#8222;normalen&#8221; Ma\u00dfe eingesetzt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eine-mehrzahl-von-kommunismen\">Eine Mehrzahl von Kommunismen<\/span><\/h2>\n<p>Auf den Sowjetkommunismus war hier genauer einzugehen. Nicht nur wegen der realen Macht der Sowjetunion, sondern auch wegen der ideellen Ausstrahlung des Bolschewismus und Stalinismus auf viele L\u00e4nder. Zweifellos wird die Hegemonie der Sowjetunion nun immer sch\u00e4rfer von China bek\u00e4mpft &#8211; und China mag sehr wohl eines Tages den ersten Platz im kommunistischen Lager einnehmen. Aber selbst wenn wir von diesem Zweikampf der Superm\u00e4chte absehen, kann man schon l\u00e4ngst nicht mehr von\u00a0dem Kommunismus oder Stalinismus sprechen. Wir haben es heute mit einer Mehrzahl von Kommunismen zu tun. Kommunisten nennen sich nun die Sowjetkommunisten ebenso wie die Chinesen, die Jugoslawen wie die Kubaner, die Stalinisten wie die Trotzkisten und Maoisten, total an Moskau orientierte Splitterparteien wie DKP (und SEW) ebenso wie die unabh\u00e4ngigen Massenparteien in Frankreich, Italien oder Japan.<br \/>Nachwievor folgen die meisten kleineren kommunistischen Parteien unkritisch der F\u00fchrung des Kremls, wobei bei ihnen sicherlich die organisatorisch-finanzielle Abh\u00e4ngigkeit von diesem eine erhebliche Rolle spielt. Im gro\u00dfen und ganzen kann man bei allen kleineren Differenzen diese Str\u00f6mungen als stalinistisch oder sp\u00e4tstalinistisch charakterisieren. Das trifft aber nicht mehr auf die gro\u00dfen kommunistischen Parteien Westeuropas wie die Kommunistische Partei Italiens, Spaniens, Frankreichs, aber auch auf die Kommunistische Partei Japans zu. Auch ihnen f\u00e4llt es noch nicht leicht, wirklich eigenst\u00e4ndig zu operieren. Allzu lange hatten sich ihre Anh\u00e4nger daran gew\u00f6hnt, die Mi\u00dferfolge im eigenen Lande durch den Glauben an die Allmacht, Allg\u00fcte und Allweisheit der fernen Sowjetunion zu kompensieren. Diese blieb f\u00fcr sie immer noch das Paradies, ihre F\u00fchrer waren die G\u00f6tter, die ihnen den Weg zur Seligkeit ebnen helfen m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"emanzipation-vom-moskauer-vorbild\">Emanzi&shy;pa&shy;tion vom Moskauer Vorbild<\/span><\/h2>\n<p>Inzwischen aber kann man bei immer zahlreicher werdenden Parteien &#8211; wie etwa der italienischen oder spanischen, der japanischen und nun auch der franz\u00f6sischen &#8211; Anzeichen einer Neuorientierung im Zeichen einer immer weiterreichenden Entstalinisierung feststellen. Diese beruht sicherlich nicht zuletzt auch auf den schlechten Erfahrungen, die die Kommunisten nach 1945 mit einer Strategie der Gewalt nach dem Vorbild der bolschewistischen Revolution machen mu\u00dften. Denn wo ist es ihnen \u00fcberhaupt gelungen, mittels eines gewaltsamen Umsturzes an die Macht zu gelangen? Vielleicht in Asien, aber dort operierten die kommunistischen Parteien, die ja auch alles andere als legale proletarische Massenparteien waren, in einem ausgesprochen vorindustriellen Gesellschaftsmilieu. Auch Kuba war alles andere als eine moderne Industriedemokratie. Zudem hatte die Kommunistische Partei hier nichts unternommen, um der Revolution zum Erfolg zu verhelfen. Diese war das Werk des Individualisten Fidel Castro und seiner kleinen intellektuellen Freischar.<br \/>Sogar in Osteuropa w\u00e4ren die Kommunisten m\u00f6glicherweise 1945 dem Kampf um die totale Macht ausgewichen oder w\u00e4ren unterlegen, w\u00e4ren diese Gebiete nicht in die Interessensph\u00e4re Moskaus einbezogen und von dessen Armeen besetzt worden. Abgesehen von Jugoslawien und Albanien erlebte sogar Osteuropa nicht so sehr eine echte Revolution der eingeborenen kommunistischen Parteien aus eigener Kraft als vielmehr eine mehr oder weniger versteckte Annexion durch die Sowjetunion. Auch deuteten bereits damals \u00d6sterreich und Finnland an, wie gering die Chancen der Kommunisten \u00fcberall dort waren, wo sie sich nicht auf die Bajonette der Roten Armee st\u00fctzen konnten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-westliche-kommunismus-als-transmissionsriemen-zwischen-kapitalismus-und-bolschewismus\">Der westliche Kommunismus als Trans&shy;mis&shy;si&shy;ons&shy;riemen zwischen Kapita&shy;lismus und Bolsche&shy;wismus<\/span><\/h2>\n<p>Die weitgehende Demokratisierung oder &#8222;Domestizierung&#8221; der kommunistischen Bewegung in Westeuropa heute scheint angesichts des noch immer stark betonten Gegensatzes von Kommunismus und Sozialdemokratie, vorallem aber auch im Hinblick auf die Gebresten der sp\u00e4tb\u00fcrgerlichen Gesellschaft ein gr\u00f6\u00dferes R\u00e4tsel aufzugeben als die rasche Integrierung der Sozialdemokratie von 1914 in den damals bl\u00fchenden Hochkapitalismus. Die heutige Anf\u00e4lligkeit des Kommunismus gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Milieu, in dem er operiert, d\u00fcrfte sich zum Teil so erkl\u00e4ren, da\u00df im Westen immer noch objektiv fortschrittlich-sozialistische Tendenzen sp\u00fcrbar sind, so schwach die entsprechenden Kr\u00e4fte und Gruppen auch zeitweise sein m\u00f6gen. Deutet man den Kommunismus in der westlichen Welt sozusagen als Transmissionriemen zwischen Kapitalismus und Bolschewismus, so verl\u00e4uft die Bewegung je nach Vitalit\u00e4t des jeweiligen Systems mehr in der einen oder anderen Richtung. W\u00e4hrend der unmittelbaren Nachkriegskrise tendierten die kommunistischen Parteien daher st\u00e4rker dazu, \u00f6stliches stalinistisches Gedankengut nach dem Westen &#8222;einzuschleusen&#8221;. Heute, da sich der Westen wie der Osten in einer mehr oder weniger latenten Krise befinden, wirken dieselben Parteien eher als &#8222;Bazillentr\u00e4ger&#8221; f\u00fcr die Infiltrierung fortschrittlichen westlichen Gedankengutes in den Osten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-charaktermaske-der-kommunistischen-parteien\">Die Charak&shy;ter&shy;maske der kommu&shy;nis&shy;ti&shy;schen Parteien<\/span><\/h2>\n<p>Diese Doppelrolle verm\u00f6gen die kommunistischen<br \/>Parteien umso eher zu spielen, als sie von jeher eine zwiesp\u00e4ltige Charaktermaske trugen: mitideologisch-regressiv-totalit\u00e4ren Z\u00fcgen vermischten sich utopisch-revolution\u00e4r-libert\u00e4re Aspekte. &#8222;Welche dieser beiden Seiten \u00fcberwiegt, h\u00e4ngt nun jeweils nicht nur von der historischen Situation, sondern auch vom Milieu und der durch dieses mitbestimmten Funktion ab. So konnten die kommunistischen Bewegungen in den unterentwickelten Kulturen stets st\u00e4rker als Triebkr\u00e4fte technisch-industrieller Modernisierung wirken, w\u00e4hrend sie im industriell und zivilisatorisch entwickelten Westen stets auch Produkte der Dekadenz der Gesellschaft waren. Solange sie nun ,leninistische` oder gar ,stalinistische` Ziele und Methoden kopierten, st\u00e4rkten sie alle reaktion\u00e4r-nihilistischen Kr\u00e4fte und Tendenzen &#8211; waren sie in der Tat in einem Proze\u00df der ,Faschisierung` begriffen. Ihre j\u00fcngste Entwicklung scheint daf\u00fcr zu sprechen, da\u00df sie in dem Ma\u00dfe, wie der stalinistische Druck aus Moskau nachl\u00e4\u00dft, wieder die fortschrittlich-sozialen Momente ihrer ldeologie vitalisieren und so auch Anschlu\u00df an die anderen sozialistisch-demokratischen Richtungen zu finden verm\u00f6gen. Die Frage, ob das im weiteren Verlauf zu einer weiteren Verb\u00fcrgerlichung der gesamten Arbeiterbewegung oder zu einer revolution\u00e4r-libert\u00e4ren Renaissance f\u00fchren wird, kann wohl nur die Zukunft beantworten:&#8221; (Ossip K. Flechtheim: Weltkommunismus im Wandel, 1965).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"grenzen-eines-uebernationalen-faschistischen-machtanspruchs\">Grenzen eines &uuml;berna&shy;ti&shy;o&shy;nalen faschis&shy;ti&shy;schen Macht&shy;an&shy;spruchs<\/span><\/h2>\n<p>Was schlie\u00dflich die Erfolgsperspektiven des Faschismus anlangt, so erscheint dessen &#8222;Endsieg&#8221; fraglich. Da der Faschismus nur dort triumphiert, wo die Krise besonders tief ist und alle anderen Bewegungen versagt haben, ist es unwahrscheinlich, da\u00df er in der ganzen Welt gleichzeitig siegt. Der Faschismus eines bestimmten Landes ist aber seinem Wesen nach supernationalistisch und imperialistisch. Zu echter Zusammenarbeit mit anderen nationalen Faschismen ist er daher kaum f\u00e4hig; vielmehr wird er eher andere Nationen und Rassen absto\u00dfen, insbesondere wenn kein gemeinsamer Feind vorhanden ist. Die Reibungen des Dritten Reiches mit Italien und Japan verdeutlichen die Schwierigkeit einer \u00fcbernationalen faschistischen Strategie.<br \/>Ein geschlossenes faschistisches Weltsystem ist daher nur als Ergebnis der Eroberung der Welt durch eine einzige faschistische \u00dcbermacht denkbar. Selbst wenn diese aber &#8211; etwa zusammen mit ihren faschistischen Satelliten &#8211; wider alles Erwarten schlie\u00dflich doch einen echten milit\u00e4rischen Sieg erringen sollte, w\u00fcrde sie immer noch vor der selbst heute kaum l\u00f6sbaren Aufgabe stehen, nach der gewaltsamen Unterwerfung von f\u00fcnf Kontinenten und sieben Meeren diese st\u00e4ndig zu regieren. Es bleibt daher wohl nur die Orwellsche Alternative eines Nebeneinander mehrerer faschistischer M\u00e4chte, die sich in einem permanenten Kriegszustand befinden w\u00fcrden &#8211; ein infernalischer Zustand, der aber nicht ganz unwahrscheinlich sein d\u00fcrfte. Wie gro\u00df der Preis w\u00e4re, den die Menschheit f\u00fcr eine faschistische Integration der Welt &#8211; vorausgesetzt, da\u00df diese \u00fcberhaupt m\u00f6glich w\u00e4re! &#8211; zu zahlen h\u00e4tte, haben wir bereits angedeutet. Es ist daher kaum \u00fcbertrieben, wenn man mit Arthur Koestler die faschistische &#8222;L\u00f6sung&#8221; als &#8222;organisierte Zerst\u00f6rung&#8221; diagnostiziert.<\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p>Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, dann wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen.<\/p>\n<p>Hegel, 1807<\/p>\n<p>Der Klassenkampf, der einem Historiker, der an Marx geschult ist, immer vor Augen steht, ist ein Kampf um die rohen und materiellen Dinge, ohne die es keine feinen und spirituellen gibt. Trotzdem sind diese letzteren im Klassenkampf anders zugegen denn als die Vorstellung einer Beute, die an den Sieger f\u00e4llt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem Kampf lebendig, und sie wirken in die Ferne der Zeit zur\u00fcck. Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden jemals zugefallen ist, in Frage stellen. Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt Kraft eines Heliotropismus geheimer Art, das Gewesene d e r Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist. Auf diese unscheinbarste von allen Ver\u00e4nderungen mu\u00df sich der historische Materialist verstehen.<\/p>\n<p><i>Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (IV), 1940.<\/i><\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[463],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12276","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ossip-k-flechtheim","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Stalinismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/faschismus-nationalsozialismus-kommunismus-und-stalinismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Stalinismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 70-78 Faschismus und Kommunismus wurden h\u00e4ufig als totalit\u00e4re Ideologien, Bewegungen und Systeme einfach gleichgesetzt. 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