{"id":12283,"date":"1985-02-24T04:00:00","date_gmt":"1985-02-24T03:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/frauenarmut\/"},"modified":"1985-02-24T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-24T11:00:00","slug":"frauenarmut","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/frauenarmut\/","title":{"rendered":"Frauenarmut"},"content":{"rendered":"<p>Ein Strukturprinzip unserer patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft. aus: vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 77-83<\/p>\n<p>Die Fakten zu Frauenarmut sind inzwischen \u00fcberall bekannt:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">die durchschnittlichen Frauenl\u00f6hne liegen 25 &#8211; 30% unter den\u00a0 M\u00e4nnerl\u00f6hnen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Frauen werden in der Industrie und in den B\u00fcros mehrheitlich die unqualifizierten, monotonen Arbeitspl\u00e4tze ohne Aufstiegschancen zugewiesen. Gerade diese Arbeitspl\u00e4tze sind stark rationalisierungsgef\u00e4hrdet;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Frauen sind &#8211; gemessen an ihrem Erwerbst\u00e4tigen-Anteil &#8211; in h\u00f6herem Ma\u00dfe von Erwerbslosigkeit betroffen als M\u00e4nner. 1983: 39% der sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigten sind Frauen;\u00a0 44% der Erwerbslosen sind Frauen. Dieses Mi\u00dfverh\u00e4ltnis hat sich gegen\u00fcber 1980 und 1981 etwas gebessert, weil die letzte Rationalisierungswelle vor allem Industriearbeitspl\u00e4tze vernichtet hat. Bei der jetzt beginnenden B\u00fcrorationalisierung werden mehrheitlich Frauenarbeitspl\u00e4tze vernichtet werden.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">1982: Das eigene Einkommen von 74% aller Frauen \u00fcber 15 Jahre reichte nicht zur eigenen Existenzsicherung aus. Es lag unterhalb von DM 1200,- monatlich (1). Im einzelnen hei\u00dft das f\u00fcr 1982: 9,5 Mio. Frauen (35,1%) haben \u00fcberhaupt kein eigenes Einkommen; knapp 5 Mio. erwerbst\u00e4tige Frauen bekommen netto weniger als 1200,- DM monatlich, das sind 54,4% aller erwerbst\u00e4tigen Frauen (2). Darunter sind 1,7 Mio. Frauen die unter DM 600,- monatlich verdienen.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Von den als erwerbslos registrierten Frauen bekamen im Oktober 1983 49,1% keinerlei Arbeitslosenunterst\u00fctzung, 38% Arbeitslosengeld und 13% Arbeitslosenhilfe. Die Unterst\u00fctzungsleistung liegt f\u00fcr 94,5% der Frauen unter DM 1200,- monatlich, f\u00fcr 38,6% sogar unter 600,- DM.<\/p>\n<p>Von den 8 Mio. Frauen \u00fcber 15 Jahre, die als Nicht-Erwerbspersonen bezeichnet werden, haben 1982 5,2 Mio. (=65%) ein Einkommen aus Rente oder von Angeh\u00f6rigen von weniger als DM 1200,- monatlich. Unter diesen wiederum sind knapp 2,2 Mio. Frauen mit einem Einkommen unter DM 600,-.<\/p>\n<p>Anfang 1984 betr\u00e4gt die durchschnittliche Rente einer fr\u00fcheren Arbeiterin monatlich 434,- DM, einer fr\u00fcheren Angestellten DM 774,-. Die Witwenrente einer Arbeiterfrau liegt bei durchschnittlich DM 659,- monatlich und der Frau eines Angestellten bei 928,- DM.<br \/>Z\u00e4hlt man die Frauen, die kein Einkommen haben bzw. ein Einkommen unter DM 600,- monatlich zusammen, so sind dies 1982 13,6 Mio. Frauen, also genau die H\u00e4lfte der weiblichen Wohnbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">Frauen m\u00fcssen wesentlich mehr arbeiten als M\u00e4nner. Der Umfang der Hausarbeit taucht in Statistiken nicht auf. Der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Arbeit erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Aus Zeitbudgetstudien wissen wir aber, da\u00df die unbezahlt bleibende Hausarbeit in einer Volkswirtschaft etwa den gleichen Umfang hat wie die bezahlte Erwerbsarbeit. D.h. Frauen m\u00fcssen etwa Zweidrittel der gesellschaftlich \u00fcblichen Arbeit, in den Haushalten, den Betrieben und B\u00fcros zusammengerechnet, leisten (3).<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn auch die Fakten bekannt sind, einzelne von ihnen auch zitiert werden, so werden sie jedoch nie zusammengesehen oder gar zur Basis von Analysen gemacht. Ich kenne weder einen rechten noch einen linken Wirtschaftswissenschaftler, Sozialpolitiker, Gewerkschaftler oder sonstwie Politiker, der die durchg\u00e4ngige Benachteiligung, Abh\u00e4ngigkeit und Armut von Frauen als ein wesentliches Strukturprinzip unserer kapitalistisch-patriarchalischen Gesellschaft benannt hat, geschweige denn, da\u00df er dieses Strukturprinzip zum Ausgangspunkt seiner Gegenstrategien gemacht h\u00e4tte, obgleich die Erkenntnisse und Zusammenh\u00e4nge schon seit mindestens zehn Jahren in der Frauenforschung entwickelt und entfaltet worden sind.<\/p>\n<p><i>Die Trennung von Lohnarbeit und Hausarbeit bewirkt die Spaltung der abh\u00e4ngig Arbeitenden<\/i><\/p>\n<p>Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung zwischen M\u00e4nnern und Frauen, die zum Nachteil der Frauen organisiert ist, sind auf jeden Fall \u00e4lter als der Kapitalismus. Partriarchalische Strukturen haben sich je nach den materiellen Bedingungen von Gesellschaften unterschiedlich fr\u00fch herausgebidet (4).<br \/>Der Kapitalismus hat sich bereits in seinen Fr\u00fchformen diese patriarchalischen Strukturen zu nutze gemacht, seine Weise der Ausbeutung von Arbeitskraft hierauf aufgebaut. Und mit zunehmender Entfaltung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse hat sich auch die geschlechtliche Arbeitsteilung zum Nachteil der Frauen weiter ver-feinert und verfestigt. Mit der Entstehung der St\u00e4dte, der Verbindung des Handelskapitals mit dem st\u00e4dtischen Handwerk begann die Abl\u00f6sung der Existenzsicherung der Massen durch eigenen Grund und Boden und durch eigene Produktionsmittel. Es entstand der &#8218;freie&#8216; Lohnarbeiter, der &#8218;frei&#8216; war von Produktionsmitteln und seine Existenz nur noch \u00fcber den Verkauf seiner Ware Arbeitskraft sichern konnte. Es entstanden die Verlagssysteme, in denen mit Hilfe von Verlegern vor allem die weibliche Arbeitskraft auf dem Lande in die st\u00e4dtische Produktion einbezogen wurde, nachdem sich das Villikationswesen mehr und mehr aufgel\u00f6st hatte (5).<br \/>In den ersten Industriebetrieben, den Webereien, den Spinnereien, den Bergwerken, wurden zu Beginn \u00fcberwiegend Frauen und Kinder besch\u00e4ftigt. Sie bekamen extrem niedrige L\u00f6hne, die nicht zur Existenzsicherung ausreichten, sie konnten jederzeit wieder entlassen werden. Erst im Laufe des 19. Jhds. wurde der ungeheuerlichen k\u00f6rperlichen und \u00f6konomischen Ausnutzung der Frauen und Kinder Grenzen gesetzt, weil der gesundheitliche Zustand der heranwachsenden m\u00e4nnlichen Arbeitskraft und der zuk\u00fcnftigen Soldaten den Herrschenden immer bedenklicher wurde. Die gew\u00fcnschte Reproduktion war nicht mehr sichergestellt.<br \/>Parallel zur realen Vernutzung der weiblichen Arbeitskraft in der Warenproduktion entwickelte sich die Ideologie \u00fcber die naturgem\u00e4\u00dfe Bestimmung der Frau zu Hausfrau, Gattin und Mutter. Bereits vor der Industrialisierung schrieben Philosophen wie Hegel, Kant und Fichte \u00fcber die \u00bbnat\u00fcrliche Seinsweise der Frauen\u00ab. Es entstand das b\u00fcrgerliche Frauenbild, das auch bis Mitte des 19. Jhds. nur in b\u00fcrgerlichen Familien Eingang fand. Die Familie wurde zum privaten Territorium erkl\u00e4rt im Unterschied zum \u00bb\u00f6ffentlichen Bereich\u00ab, der der Wirtschaft und Politik vorbehalten war. Frauen wurden aus dem \u00f6ffentlichen Bereich ausgegrenzt. Es war nicht &#8218;lady-like&#8216;, sich dort zu bet\u00e4tigen. Es war die Zeit, in der romantische Liebe hoch im Kurs stand. Von der domestizierten B\u00fcrgersfrau wird erwartet, da\u00df sie ihrem schwerarbeitenden Mann, ihrem Ern\u00e4hrer, der drau\u00dfen in der feindlichen Welt um seinen Lohn und sein Ansehen k\u00e4mpfen mu\u00df, ein liebevolles, geordnetes Heim, Gem\u00fctlichkeit, Frieden und Entspan-nung bietet, da\u00df sie ihm Kinder &#8217;schenkt&#8216;, sie mit seinem Lohn &#8218;haushaltet&#8216;, d.h. seine Versorgung m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos und problemlos gew\u00e4hrleistet. Von Arbeit ist dabei nicht die Rede. In der 2. H\u00e4lfte des 19. Jhds. wurde auch den eigentumslosen Leuten das Eherecht zugesprochen. Die Arbeiterfrau konnte heiraten. Auch sie \u00fcbernahm nach und nach die b\u00fcrgerliche Ideologie der Trennung von Privatem und \u00d6ffentlichem, von der unsichtbar bleibenden Hausarbeit und der bewerteten Lohnarbeit, forciert durch die Forderungen der Arbeiterbewegung nach einem \u00bbFamilienlohn\u00ab.<\/p>\n<p>Wir sollten nicht vergessen, da\u00df diese Domestizierung der Frauen nicht nur durch Ideologien m\u00f6glich wurde, sondern da\u00df ihr Gewalt und Unterdr\u00fcckung vorausgingen, beginnend etwa im 14. Jhd. Diese Gewalt richtete sich direkt gegen den K\u00f6rper der Frauen, gegen ihre Selbstbestimmung von Geburten, gegen die Autonomie ihres K\u00f6rpers, ihrer Gesundheit. Wir wissen heute durch die historischen Forschungen der Frauen, da\u00df zwischen dem 16. und 18. Jhd. mehr als 6 Mio. Frauen als Hexen gefoltert, gejagt und get\u00f6tet wurden. Am Ende dieser Jagd-Zeit war die Frau domestiziert. Sie war mit direkter Gewalt unterworfen worden, sie war ihrer \u00f6konomischen, rechtlichen und beruflich-qualifikatorischen Selbst\u00e4ndigkeit beraubt. Sie kann ab jetzt normalerweise ihre Existenz nur sichern, wenn sie sich in die pers\u00f6nliche Abh\u00e4ngigkeit eines Mannes begibt.<br \/>Die Geschichte zeigt, da\u00df die Entstehung der unbezahlten und unsichtbar gemachten Hausarbeit eng verflochten ist mit der Herausbildung des &#8218;freien&#8216; Lohnarbeiters und der Trennung von \u00f6ffentlichem und privatem Territorium. Hier handelt es sich um zwei Seiten einer Medaille. An der Tatsache, da\u00df Frauen damals auf die Versorgungsinstitution Ehe\/Familie\/Patriarch angewiesen waren, hat sich im Kern nichts ge\u00e4ndert. Das beweisen die eingangs genannten Fakten. Im Gegenteil, seit der Wende-Politik der CDU wird Frauen eine finanzielle Selbst\u00e4ndigkeit erneut erschwert und der Anteil ihrer unbezahlten Arbeit kr\u00e4ftig ausgeweitet. Arbeit wird heute in unserer Gesellschaft immer noch zum Nachteil der Frauen geteilt:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">Frauen leisten den Hauptteil der unbezahlten aber lebensnotwendigen Arbeit;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Frauen wird innerhalb der Erwerbsarbeit immer noch die schlechtbezahlte, unqualifizierte Arbeit unter schlechten Bedingungen zugewiesen. Sie sind die flexiblen, allzeit zu heuernden und zu feuernden Arbeitskr\u00e4fte.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>An der Beibehaltung der Zust\u00e4ndigkeit der Frauen f\u00fcr die unbezahlte Arbeit sind sowohl das Kapital als auch M\u00e4nner interessiert. F\u00fcr den Mann, der zwar kein Eigentum mehr an den Produktionsmitteln hat, bringt diese Arbeitsteilung gesellschaftliche Macht. Er kann eine Frau &#8217;sein eigen&#8216; nennen, er bringt das Geld nach Hause, er kann Karriere machen, er hat die Zeit, im \u00f6ffentlichen Territorium zu handeln. F\u00fcr das Kapital ist diese \u00bbZust\u00e4ndigkeit\u00ab ebenfalls ideal. Es kann eine weibliche Arbeitskraft einkaufen, die sich zumeist als \u00bbZuverdienerin\u00ab versteht, d.h. zu Lohnkompromissen bereit ist, kaum Kraft und Zeit hat f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen zu k\u00e4mpfen, flexibel einzusetzen ist, keine Probleme hat, sich unterzuordnen, zu einfachen, auch monotonen Arbeiten bereit ist, denn sie identifiziert sich ja nur zum Teil mit ihrer Erwerbsarbeit. Alles in allem ist sie die ideale Reservearmee f\u00fcr den Unternehmer. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung &#151; das ist hier die These &#151; ist damit f\u00fcr das Kapital der Hebel zur Spaltung der lohnabh\u00e4ngig Arbeitenden insgesamt und damit die Ursache f\u00fcr die st\u00e4ndig wachsende Armut der Massen im Vergleich zum wachsenden Reichtum der Gesellschaften insgesamt.<\/p>\n<p><i>Kapitalstrategien zur Profitmaximierung sind Verarmungsstrategien f\u00fcr die Masse der Arbeitenden<\/i><\/p>\n<p>Die Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals haben sich in den letzten Jahren versch\u00e4rft. Gewinne werden heute in den Firmen gemacht, die auf hohem technischen Niveau (sprich: automatisierte Fertigung) hochwertige Waren, Spitzentechnologien oder modernstes technisches Wissen und Verfahrenstechniken exportieren k\u00f6nnen. Ebenfalls gut geht es Firmen, die ihr Kapital in der Dritten Welt, in sogenannten &#8218;Billiglohnl\u00e4ndern&#8216;, investiert haben, dort produzieren lassen und die Waren hier billig verkaufen k\u00f6nnen bzw. billige Halbfabrikate reimportieren, um sie hier zu verfeinern und dann teuer zu verkaufen. Die Stichworte zur Verbesserung der Profitchancen hei\u00dfen: Modernisieren, Rationalisieren, Kosten senken, um international konkurrenzf\u00e4hig zu bleiben bzw. zu werden.<br \/>Das Ziel des Kapitals, auf m\u00f6glichst hohem technischen Niveau international konkurrenzf\u00e4hig zu sein, wird von unserem Staat und von den Gewerkschaften ebenfalls unterst\u00fctzt. Eine der wichtigsten Kapitalstrategien im Hinblick auf dieses Ziel hei\u00dft heute: Die Arbeit von der gutbezahlten \u00fcber die schlechtbezahlte zur unbezahlten Arbeit hin umzuverteilen. Diese Strategie ist nicht neu, sie wird allerdings in den letzten Jahren verst\u00e4rkt betrieben. Sie ist auch keine kurzfristige Erscheinung im Rahmen einer &#8218;Krise&#8216;, sondern eine konsequente und notwendige Weiterentwicklung der Kapitalverwertungsform. Das Wort &#8218;Krise` mystifiziert die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse, weil es die Vorstellung von einem absehbaren Ende einer solchen Phase hervorruft.<br \/>Die Umstrukturierung der Lohnarbeit geschieht heute vor allem durch die steigende Zahl der \u00bbungesch\u00fctzten\u00ab Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und die Ausdehnung der unbezahlten Arbeit. Ungesch\u00fctzte Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse sind z.B. Werkvertr\u00e4ge, Zeitvertr\u00e4ge, Leiharbeit, geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung, Kapovaz, Job-sharing, Heimarbeit, also alle solche Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die im Unterschied zu den tariflich und im Betriebskollektiv abgesicherten Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen rechtlich, materiell und sozial ausgeh\u00f6hlt sind (6). F\u00fcr die Unternehmer l\u00e4uft diese Form der Umstrukturierung der Lohnarbeit unter dem Stichwort \u00bbFlexibilisierung des Arbeitskr\u00e4fteeinsatzes\u00ab.<br \/>Zahlen \u00fcber den Umfang solcher ungesch\u00fctzter Arbeitsverh\u00e4ltnisse sind in den offiziellen Statistiken kaum zu finden. Abgesehen von der illegalen Leiharbeit und den Werkvertr\u00e4gen, sind diese Arbeitsformen derzeit \u00fcberwiegend f\u00fcr Frauen vorgesehen. Ohne die tariflich eingebundene Teilzeitbesch\u00e4ftigung mitzurechnen, sch\u00e4tze ich, da\u00df ca. 3 Mio. Frauen in solchen ungesch\u00fctzten Arbeitsverh\u00e4ltnissen stehen. Die Statistik weist aus, da\u00df in den letzten Jahren eine ganze Reihe Frauen zus\u00e4tzlich erwerbst\u00e4tig geworden ist, \u00fcberwiegend sind es verheiratete Frauen. Die Feinanalyse zeigt aber, da\u00df dieses Mehr an Arbeitspl\u00e4tzen haupts\u00e4chlich Teilzeitar-beitspl\u00e4tze sind und hier wiederum haupts\u00e4chlich solche von unter 20 Stunden w\u00f6chentlich. Es ist davon auszugehen, da\u00df die ungesch\u00fctzten Arbeitsverh\u00e4ltnisse den Frauen in den seltensten F\u00e4llen existenzsichernde L\u00f6hne einbringen.<br \/>Auch M\u00e4nner werden in Zukunft damit rechnen m\u00fcssen, verst\u00e4rkt solche flexibilisierten Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zugewiesen zu bekommen. In Japan beispielsweise ist Heimarbeit von M\u00e4nnern nichts Neues (7). Aber gerade das Beispiel Japan zeigt, da\u00df die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse von Frauen auch in dem ungesch\u00fctzten Bereich dann immer noch schlechter sind als die der M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Die unbezahlte Arbeit der Frauen wird zwangsweise ebenfalls mehr. Das hat mehrere Gr\u00fcnde. Zum einen ist das Einkommen der Haushalte in den letzten Jahren zur\u00fcckgegangen, d.h. f\u00fcr die Hausfrau, mit weniger Geld auskommen zu m\u00fcssen, mehr Zeit f\u00fcr den Einkauf aufzuwenden, mehr Produkte wieder selbst herzustellen, weniger Dienstleistungen zu kaufen. Zum anderen bedingt sich die Mehrarbeit im Haus durch die Regierungsma\u00dfnahmen zum Abbau von Sozialleistungen. Wenn den Sch\u00fclern das Baf\u00f6g gestrichen wird, wenn der Kinderbetreuungsbetrag gek\u00fcrzt wird, wenn das Arbeitslosengeld in H\u00f6he und Dauer gek\u00fcrzt wird, wenn die Bemessensgrundlage f\u00fcr Renten verschlechtert wird, wenn die Pfleges\u00e4tze f\u00fcr Alte erh\u00f6ht werden, die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Behinderte gekappt wird &#151; um nur einige zus\u00e4tzliche Belastungen zu nennen &#151; so zwingt das den einzelnen zu Umschichtungen in seinem verf\u00fcgbaren Einkommen und das hei\u00dft immer zu Mehrarbeit. Und auch diese Mehrarbeit trifft vor allem die Frauen. Parallel dazu ruft der Staat die Frauen unter der Parole \u00bbFrauen k\u00f6nnen mehr\u00ab zur ehrenamtlichen Arbeit auf, was nichts anderes hei\u00dft, als da\u00df unter dem Stichwort &#8218;Selbsthilfe&#8216; die gesellschaftliche Armut zu Lasten der Frauen privatisiert wird..<\/p>\n<p><i>\u00d6ffentliche und private Gewalt gegen Frauen sind Teil des Strukturprinzips Frauenarmut<\/i><\/p>\n<p>Wir mu\u00dften registrieren, da\u00df heute 74% aller Frauen in der BRD kein ihre Existenz sicherndes Einkommen haben. Damit ist nicht gesagt, da\u00df diese Frauen alle am Hungertuch nagen. Sicher mu\u00df eine viel zu gro\u00dfe Zahl dieser Frauen an oder unter der absoluten Armutsschwelle leben. Der andere Teil dieser 74% sichert ihre Existenz normalerweise durch ihre pers\u00f6nliche Abh\u00e4ngigkeit zu einem Mann. Die Versorgungsinstitution Ehe hat f\u00fcr viele Frauen die Form von Leibeigenschaft. Das wird ihr in dem Moment deutlich, wo sie sie verl\u00e4\u00dft. Sp\u00e4testens dann n\u00e4mlich ist sie normalerweise auf die \u00f6ffentliche Sozialhilfe angewiesen. Zudem mu\u00df sie erfahren, da\u00df eine Frau alleine wie herrenloses Gut behandelt wird und mit Gewalt traktiert wird. V. Bennhodt-Thomsen schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\"><i>&#132;Die unbezahlte Arbeit, die f\u00fcr die (Ehe)-M\u00e4nner geleistet wird, ist gleichsam ein Tribut, den diese f\u00fcr ihren Besch\u00fctzerdienst einfordern&#8230; Da\u00df diese Besch\u00fctzer gleichzeitig gewaltt\u00e4tig sein werden, versteht sich schon fast von selbst. Wem dieses Gleichnis zu drastisch erscheint, sei daran erinnert, da\u00df in der BRD laut Statistik pro Stunde eine Frau vergewaltigt wird. Ferner sei daran erinnert, da\u00df Vergewaltigungen geplant sind (Brownmiller, 1980), da\u00df den Frauen permanent eine (n\u00e4chtliche) Ausgangssperre auferlegt ist, da\u00df der weibliche K\u00f6rper mit Hilfe des \u00a7 218 zwangsbewirtschaftet wird, usw.&#8220;<\/i> (8)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend der Staat das \u00f6ffentliche Gewaltmonopol beansprucht, hat er den M\u00e4nnern die regellose Gewalt auf dem privaten Territorium \u00fcberlassen. Und die M\u00e4nner nutzen sie zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien.<\/p>\n<p><i>Ausblick<\/i><\/p>\n<p>Unsere gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse wurden hier als patriarchalisch- kapitalistisch charakterisiert, die ihre Basis in der heute immer noch vorherrschenden Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau haben. Die Zust\u00e4ndigkeit der Frauen f\u00fcr die Kinderaufzucht und die Versorgung des Mannes einerseits und die daraus resultierende Position der Zuverdienerin &#151; Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt andererseits schaffen f\u00fcr die Frauen Zwangssituationen, aus denen systemimmanent nicht herauszukommen ist. Sie sind es, die auch in den n\u00e4chsten Jahren, wenn die Neuen Technologien die verbleibenden Arbeitspl\u00e4tze beherrschen werden, in wachsendem Ma\u00dfe die Ausgegrenzten, die Zwangsarbeitenden, die Armen sein werden. Da\u00df diese Rutschbahn in die Armut nicht auf die Frauen beschr\u00e4nkt bleiben wird, ist heute schon offenkundig. Die sogenannte \u00bbNeue Armut\u00ab der Erwerbslosen und die Zwangsarbeit der Sozialhilfeempf\u00e4nger und der M\u00e4nner in den Arbeitsh\u00e4usern nimmt ebenfalls zu. Aber die Erkenntnisf\u00e4higkeit der M\u00e4nner reicht offensichtlich immer nur so weit zu sehen, da\u00df es ihnen sp\u00fcrbar ein bi\u00dfchen besser geht als den Frauen. Das ist f\u00fcr sie Grund genug, die vorherrschende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durch gewaltsame Aufrechterhaltung ihrer patriarchalischen Privilegien weiter zu st\u00fctzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frauen m\u00fcssen m.E. die politisch-strategischen \u00dcberlegungen von einigen Grundforderungen ausgehen:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">Abschaffung bzw. Verweigerung aller die Frauen benachteiligenden Formen von geschlechtlicher Arbeitsteilung.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Schaffung von M\u00f6glichkeiten zur Sicherung der eigenen Existenz, die aus der Menge der geleisteten bezahlten und unbezahlten Arbeit resultiert.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Autonomie \u00fcber ihren K\u00f6rper.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Forderungen beziehen sich nicht nur auf die Frauen in unserer Bundesrepublik, sondern schlie\u00dfen die Frauen in der Dritten Welt ebenso ein.<\/p>\n<p>Konkrete Tagesforderungen, die sich aus diesen Grundforderungen ableiten lie\u00dfen, m\u00fcssen diskutiert werden. Zu fordern w\u00e4re beispielsweise: Halbierung aller unbezahlten, schlechtbezahlten und gutbezahlten Arbeiten zwischen M\u00e4nnern und Frauen und garantierte Grundsicherung f\u00fcr jeden einzelnen, denn eine existenzsichernde Erwerbsarbeit wird es in Zukunft noch weniger geben als heute.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>1 Unter Einkommen` wird hier nicht nur Einkommen aus Erwerbsarbeit gez\u00e4hlt, sondern auch Einkommen aus Renten, Arbeitslosenunterst\u00fctzung, Unterst\u00fctzung von Angeh\u00f6rigen und Einkommen aus Verm\u00f6gen. Die Zahlen zum Einkommen sind entnommen einem noch unver\u00f6fftl. MS von Petra M\u00fcller, Braunschweig.<br \/>2 Ohne Erwerbst\u00e4tige in der Landwirtschaft und Mithelfende Familienangeh\u00f6rige. Letztere haben per Definition kein Einkommen. 1982 arbeiteten 708000 Frauen als Mithelfende Familienangeh\u00f6rige.<br \/>3 siehe Bericht der UNO zum Jahr der Frau, 1980<br \/>4 Material hierzu siehe u.a. M. Mies, Gesellschaftliche Urspr\u00fcnge der geschlechtlichen Arbeitsteilung, in: beitr\u00e4ge zur feministischen theorie &#038; praxis, Heft 3, 1980; E. Bornemann, Das Patriarchat, Frankfurt 1975<br \/>5 Zum Villikationswesen und der Umorganisation von Arbeit siehe auch: A. Wolf-Graaf, Frauenarbeit im Abseits, M\u00fc. 1981, S. 294 ff<br \/>6 siehe hierzu: C. M\u00f6ller, Ungesch\u00fctzte Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse &#151; verst\u00e4rkte Spaltung der abh\u00e4ngig Arbeitenden, in: beitr\u00e4ge zur feministischen theorie &#038; praxis, Heft 9\/10, 1983<br \/>7 1. Lenz, Frauenarbeits-Futurismo-Tango, in: dto. Heft 9\/I0, 1983<br \/>8 V. Bennholdt-Thomsen, Die Zukunft der Frauenarbeit und die Gewalt gegen Frauen, in: beitr\u00e4ge zur feministischen theorie &#038; praxis, 9\/10, 1983, S. 217<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[815,818,816,667],"autoren":[450],"publikationen":[1277],"class_list":["post-12283","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-armut","tag-frauen","tag-sozialstaat","tag-vorgaenge-artikel","autoren-carola-moeller","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Frauenarmut - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/frauenarmut\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Frauenarmut - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Strukturprinzip unserer patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft. aus: vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 77-83 Die Fakten zu Frauenarmut sind inzwischen \u00fcberall bekannt: die durchschnittlichen Frauenl\u00f6hne liegen 25 &#8211; 30% unter den\u00a0 M\u00e4nnerl\u00f6hnen; Frauen werden in der Industrie und in den B\u00fcros mehrheitlich die unqualifizierten, monotonen Arbeitspl\u00e4tze ohne Aufstiegschancen zugewiesen. 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