{"id":12307,"date":"1985-11-30T12:00:00","date_gmt":"1985-11-30T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/geheimnis-ein-interaktionistisches-paradigma\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"geheimnis-ein-interaktionistisches-paradigma","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/geheimnis-ein-interaktionistisches-paradigma\/","title":{"rendered":"Geheimnis \u0097 Ein interaktionistisches Paradigma"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. 38-48<\/p>\n<p>\u00bbDas Geheimnis, das durch negative oder<br \/>positive Mittel getragene Verbergen von<br \/>Wirklichkeiten,\u00a0ist einer der gr\u00f6\u00dften<br \/>Errungenschaften der Menschheit\u00ab<\/p>\n<p>Simmel 1968, 272<\/p>\n<p>Ebenso wie der Anspruch auf Umverteilung materieller G\u00fcter kann auch der auf Umverteilung von Wissen zum Gegenstand sozialer und politischer Auseinandersetzungen werden. Insbesondere solche F\u00e4lle bergen ein hohes Konfliktpotential, in denen Wissen monopolisiert und anderen daran Interessierten bewu\u00dft und absichtlich vorenthalten wird. Es sind dies F\u00e4lle, in denen durch Geheimhaltung Macht gesch\u00f6pft und ergriffen wird. Diese Akte ziehen meistens dann heftige Turbulenzen nach sich, wenn sie ganz offensichtlich Normen zur Ver\u00f6ffentlichung von Wissen verletzen und au\u00dferdem von solchen Akteuren begangen werden, die ohnehin \u00fcber Machtressourcen verf\u00fcgen. Dies trifft vielfach f\u00fcr Positionsinhaber im Politikbereich demokratisch verfa\u00dfter Gesell-schaften zu. Die M\u00f6glichkeit zur Kontrolle der gew\u00e4hlten Vertreter durch Teilhabe an Wissen ist zentraler Bestandteil dieser Systeme. Diese Kontrollm\u00f6glichkeit wird ganz offensichtlich dann vereitelt, wenn B\u00fcrgern der Zugang zu f\u00fcr sie relevantes Wissen versperrt wird, aber auch dann, wenn auf sie zu viel f\u00fcr sie irrelevantes Wissen abgeladen wird.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt derzeitiger Zeitdiagnose stehen zwei Vermutungen \u00fcber die Entwicklungstendenzen von Geheimnis: Zum einen wird der Verdacht ge\u00e4u\u00dfert, Geheimnis nehme im Politikbereich immer mehr zu; das \u00d6ffentliche werde immer privater. Zum anderen wird der Verdacht einer gleichzeitig stattfindenden, gegenl\u00e4ufigen Tendenz ge\u00e4u\u00dfert, nach der die Geheimhaltung privater (oder intimer) Angelegenheiten immer mehr abnehme; das Private werde immer \u00f6ffentlicher (so etwa k\u00fcrzlich Guggenberger 1985). Sollte &#8211; um den von Richard Sennet gepr\u00e4gten Ausdruck zu \u00fcbernehmen &#8211; die \u00bbTyrannei der Intimit\u00e4t\u00ab die \u00bbTyrannei der \u00d6ffentlichkeit\u00ab ersetzt haben? (Siehe hierzu die Diskussion von Barbara Sichtermann 1985).<\/p>\n<p>Georg Simmel hat in seiner im Jahre 1908 publizierten \u00bbSoziologie\u00ab eine sog. Evolutionsformel aufgestellt, die der heutigen Zeitdiagnose widerspricht. Danach wird \u00bbdas \u00d6ffentliche immer \u00f6ffentlicher, das Private immer privater\u00ab (Simmel 1968, 277). Haben die j\u00fcngsten Entwicklungen Simmels Evolutionsformel \u00fcberholt? Oder beruht die<br \/>heutige Kritik auf einer \u00dcbersch\u00e4tzung der durch Massenmedien hochgespielten Skandalf\u00e4lle und Aff\u00e4ren? Diese Fragen lassen sich in der so gestellten Form nicht beant-worten. Sie k\u00f6nnen auch nicht Diskussionsgegenstand eines Beitrages sein, der seinem Charakter nach nicht kulturkritisch sein soll. Er beschr\u00e4nkt sich auf den Versuch, eine wichtige Vorfrage zu kl\u00e4ren: Was ist eigentlich genauer unter Geheimnis zu verstehen? Welche sozialen Beziehungen werden inszeniert oder abgeschn\u00fcrt, wenn Wissen geheim gehalten wird? Die Kl\u00e4rung dieser Fragen erlaubt es, auf Widerspr\u00fcche, Spannungen und Prozesse hinzuweisen, die durch Geheimhaltung als Interaktionsform als solcher ausgel\u00f6st werden. Viele aktuelle politische Skandal-F\u00e4lle (von der F\u00e4lschung der Hitler-Tageb\u00fccher, \u00fcber den Flick-Skandal und die Parteispendenaff\u00e4re, bis zum Weinskandal) lie\u00dfen sich bereits dadurch eher verstehen, da\u00df man Erkenntnisse \u00fcber Geheimnis als Interaktionsform von Anfang an ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Der Rekurs auf kontingente politische \u00bbUmst\u00e4nde\u00ab und \u00bbBedingungen\u00ab reicht oft blo\u00df aus, um die von Fall zu Fall inhaltlich wechselnden, aber funktional austauschbaren politischen Motive f\u00fcr Geheimhaltungsabsichten zu erfassen, nicht aber, um Struktur und Dynamik geheimer Konstellationen selbst zu begreifen.<\/p>\n<p>Ein solcher Rekonstruktionsversuch von Geheimnis als Interaktionsform soll hier unternommen werden und zwar auf der Grundlage des f\u00fcnften Kapitels aus Simmels \u00bbSoziologie\u00ab: \u00bbDas Geheimnis und die geheime Gesellschaft\u00ab.<\/p>\n<p>Georg Simmel ist vorgehalten worden, Geheimnis nur unzul\u00e4nglich definiert zu haben (so etwa von Sievers 1974). Diese &#8211; wie immer berechtigte &#8211; Kritik dient oft blo\u00df als Vorwand, um sich der M\u00fche einer konstruktiven Erarbeitung der von Simmel haupts\u00e4chlich verwendeten analytischen Elemente von Geheimnis zu entziehen. Scheut man diese M\u00fche jedoch nicht und l\u00e4\u00dft sich von Simmel zu Erg\u00e4nzungen und Weiterf\u00fchrungen seiner Gedanken anregen, so l\u00e4\u00dft sich ein sog. interaktionistisches Paradigma von Geheimnis erstellen.<\/p>\n<p>Simmel analysiert Geheimnis unter der Perspektive der Wechselwirkung. Dies mag zun\u00e4chst trivial erscheinen, hat aber Konsequenzen f\u00fcr die Definition und Auswahl der empirischen F\u00e4lle von Geheimnis. Als Soziologe interessiert Simmel Geheimnis haupts\u00e4chlich insofern, als es soziale Beziehungen stiftet. Er r\u00e4umt ein, da\u00df \u00bb&#8230;man mit Recht sagt, ein Geheimnis, um das Zwei wissen, sei keines mehr\u00ab (Simmel 1968, 283). Die soziale Wirkung von F\u00e4llen, in denen ein einzelner Wissen f\u00fcr sich allein beh\u00e4lt, ist \u00bbIsolierung, Gegensatz, egoistische Individualisation\u00ab (Simmel 1968, 282); sie sind unter der Perspektive der Wechselwirkung soziologische Grenzf\u00e4lle. In dem Moment, in dem ein Akteur Wissen bewu\u00dft und gewollt angebbaren anderen Akteuren vorenth\u00e4lt und es mit angebbar anderen Akteuren teilt, &#8211; erst in diesem Moment entsteht eine Dreierkonstellation, die jene Spannung, Emotionalit\u00e4t und Dynamik enth\u00e4lt, die Attraktivit\u00e4t und Ambivalenz von Geheimnissen ausmachen. Welches sind nun im einzelnen die analytischen Elemente des interaktionistischen Paradigma?<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"i-anzahl-von-akteuren-und-arten-von-handlungen-im-geheimnis\">I. Anzahl von Akteuren und Arten von Handlungen im Geheimnis<\/span><\/h5>\n<p>Folgt man Simmel und betrachtet Geheimnis unter der Perspektive der Wechselwirkung, so stellt sich zun\u00e4chst die Frage, wie viele Akteure typischerweise am Geheimnis partizipieren und welche Arten von Handlungen sie dabei entfalten. Die Beantwortung dieser Fragen f\u00fchrt zum ersten Definitionsmerkmal:<\/p>\n<p>Geheimnis stiftet typischerweise Triaden: Zwei Akteure, (A) und (B), teilen Wissen (I.1) und machen es dadurch zu einem exklusiven Gut, da\u00df sie es vor Dritten, (C), verbergen (I.2). Der \u00bbstark betonte Ausschlu\u00df aller Drau\u00dfenstehenden\u00ab verleiht den Geheimnistr\u00e4gern \u00bbein entsprechend stark betontes Eigentumsgef\u00fchl\u00ab (Simmel 1968, 273). Teilen von Wissen assoziiert (A) und (B) noch in einer anderen Hinsicht: Sie verst\u00e4ndigen sich dar\u00fcber, welche Wissensbestandteile anderen vorenthalten werden sollen und elaborieren u.U. Symbole und Codes zur Binnenkommunikation. Die Beherrschung einer Geheimsprache hat mehr als nur instrumentelle Funktionen: (A) und (B) qualifizieren sich damit nicht nur als Tr\u00e4ger exklusiven Wissens, sondern auch als Tr\u00e4ger einer exklusiven Kultur.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Teilhabe von Wissen assoziiert, hat das Verbergen von Wissen die Wirkung der Dissoziation. Geheimnistr\u00e4ger m\u00fcssen eine Vorentscheidung dar\u00fcber treffen, welche anderen Akteure von der Teilhabe an dem exklusiven Gut ausgeschlossen werden sollen. Durch Verbergen wird eine Schranke zwischen Wissenden und Nicht Einzuweihenden konstruiert. Dadurch bricht aber die Wechselwirkung nicht ab; vielmehr werden in Orientierung an den ausgeschlossenen Dritten vielf\u00e4ltige Techniken des Verbergens erfunden, die ethisch mehr oder minder bedenklich, in manchen F\u00e4llen sogar paradox sein k\u00f6nnen. Plagen den Geheimnistr\u00e4ger Schuldgef\u00fchle, weil er vor dem Dritten etwas verbirgt, dann wird er \u00bbdadurch zu R\u00fccksicht, Zartheiten, geheimem Wiedergutmachen-wollen bewegt, zu Nachgiebigkeiten und Selbstlosigkeiten, die ihm bei v\u00f6llig gutem Gewissen ganz fernl\u00e4gen\u00ab (Simmel, 1968, 272, Anm. 1). Verbergungstechniken betreffen zum einen das vorzuenthaltende Wissen selbst und k\u00f6nnen solche T\u00e4tigkeiten veranlassen wie Verschweigen, Unterlassen, Vertuschen, Themenwechsel, aber auch Manipulation von Tagesordnungen, Vernichten von Akten, L\u00fcgen, F\u00e4lschen, Unterschlagen. Zum anderen k\u00f6nnen die Techniken des Verbergens die Personen der Geheimnistr\u00e4ger selbst betreffen und zu so bekannten Ma\u00dfnahmen f\u00fchren wie Verstecken, Maskieren, Tarnen, chirurgische Operation, Selbstentstellung. Nach Simmel nehmen Verbergungstechniken oft die Form einer \u00bbaggressiven Defensive\u00ab gegen\u00fcber dem (oder den) ausgeschlossenen Dritten an.<\/p>\n<p>Die dritte Handlungsart, die nach dem Modell geheimer Dreierkonstellationen entfaltet wird, besteht in dem Versuch des Dritten das Geheimnis von (A) und (B) zu enth\u00fcllen (I.3). Um Enth\u00fcllungsaktivit\u00e4ten entfalten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen drei Voraussetzungen erf\u00fcllt sein; der Dritte mu\u00df ein Minimum an Wissen besitzen: Erstens mu\u00df er wissen, das er von Wissen ausgeschlossen wurde; zweitens, wer ihm Wissen vorenth\u00e4lt und drittens mu\u00df er \u00fcberhaupt daran interessiert sein, das vor ihm verborgene Wissen zu enth\u00fcllen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die ersten beiden Voraussetzungen oft erst in einem langwierigen Proze\u00df erf\u00fcllbar sind, der zum eigentlichen Drehpunkt der Interaktionsdynamik werden kann, ist nach Simmel die letzte Voraussetzung am ehesten zu erf\u00fcllen. Oft reicht bereits die Kenntnis vom Ausschlu\u00df von der Teilhabe des exklusiven Gutes Wissen aus, um die Motivation zur Enth\u00fcllung zu wecken. Dabei kann der Dritte einer \u00bbtypischen Irrung\u00ab unterliegen indem er annimmt: \u00bballes Geheimnisvolle ist etwas Wesentliches und Bedeutsames\u00ab (Simmel 1968, 274). Unbekanntes und Unzug\u00e4ngliches erf\u00e4hrt in der Phantasie des ausgeschlossenen Dritten eine Wertsteigerung und Aufmerksamkeitsbetonung, \u00bbdie die offenbarte Wirklichkeit meistens nicht gewonnen h\u00e4tte\u00ab (Simmel 1968, 274). Eben diese &#8211; oft ma\u00dflose &#8211; Wertsteigerung mobilisiert ausgeschlossene Dritte zu Enth\u00fcllungsaktivit\u00e4ten, die mehr oder minder aufwendig sein k\u00f6nnen; von so laienhaften und allt\u00e4glichen Enth\u00fcllungsversuchen wie \u00bbdas Horchen an verschlossenen T\u00fcren und das Hineinschielen auf fremde Briefe\u00ab, \u00bbdas gierige, spionierende Auffangen jedes unbedachten Wortes, die bohrende Reflexion: was dieser Tonfall wohl zu bedeuten habe, wozu jene \u00c4u\u00dferungen sich kombinieren lie\u00dfen, was das Err\u00f6ten bei der Nennung eines bestimmten Namens wohl verrate&#8230;\u00ab (Simmel 1968, 267), bis zu systematischen Techniken professionalisierter und \u00bbroutinisierter\u00ab Enth\u00fcller, wie Journalisten, Spione, Detektive, Fahndungsbeamte, Sozialwissenschaftler und Computer (Marx and Reichmann 1984). Der \u00bbaggressiven Defensive\u00ab der Geheimnistr\u00e4ger steht die \u00bbaggressive Offensive\u00ab der Enth\u00fcller gegen\u00fcber &#8211; eine Frontstellung, die dann ins Ungleichgewicht ger\u00e4t, wenn Professionalit\u00e4t und Routine ungleich auf beide Seiten verteilt sind.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"ii-geheimnis-als-institution\">II. Geheimnis als Institution<\/span><\/h5>\n<p>Der zweite Aspekt des interaktionistischen Paradigma von Geheimnis betrifft die Frage, in welchem Ausma\u00df Geheimhaltung institutionalisiert ist. Verbergen von Wissen kann Positionsinhabern als Pflicht vorgeschrieben sein, deren Einhaltung durch Sanktionen unterschiedlicher Art und Ausma\u00dfes sozial kontrolliert wird. Institutionalisierte Geheimnisse sorgen daf\u00fcr, da\u00df die Kommunikation von Wissen nicht der ldiosynkrasie der jeweiligen Positionsinhaber \u00fcberlassen bleibt. Vielmehr wird etwa von dem Sozialbeamten, Priester, Arzt erwartet, da\u00df sie als Positionsinhaber ihrer professionellen Pflicht gen\u00fcgen und das ihnen von ihren Klienten anvertraute Wissen Dritten gegen\u00fcber verschweigen. Von den Klienten wird andererseits erwartet, da\u00df sie so viel Wissen mitteilen, wie zur Herstellung der von ihnen gew\u00fcnschten Leistung notwendig ist: Um vom Beamten Kindergeld, vom Priester Gewissenserleichterung, vom Arzt Heilung zu erhalten, mu\u00df der Klient (B) Wissen \u00fcber seine Person bereitstellen. Da (A) in der Regel definiert, wie viel Wissen er zur Herstellung der Leistung ben\u00f6tigt, befindet sich (B) in einer diffusen Abh\u00e4ngigkeit von (A). Er wird sich auf diesen asymmetrischen Tausch nur dann einlassen, wenn er von der Erwartung ausgehen kann, da\u00df (A) seine Schweigepflicht einh\u00e4lt. Die Institutionalisierung von Geheimhaltung ist funktionale Voraussetzung f\u00fcr die Realisierung von Zielen zentraler gesellschaftlicher Einrichtungen (Simmel 1968, 273; Merton 1968, 398 f; Popitz 1968). H\u00e4lt sich auch nur ein Akteur in dieser Triade nicht an die ihm positionell vorgeschriebenen Normen, ger\u00e4t die betreffende gesellschaftliche Einrichtung ins Wanken: Bricht (A) seine Schweigepflicht, stellt (B) kein Wissen mehr bereit; verweigert (B) die von (A) geforderten Angaben zu seiner Person, stellt (A) die betreffende Leistung nicht her; und ist der Dritte mit Enth\u00fcllungsoffensiven erfolgreich, bricht die Tauschbeziehung zwischen (A) und (B) zusammen. Das Institut der Volksz\u00e4hlung ist in der Bundesrepublik aufgrund einer derartigen in sich verzahnten Beziehungskette von nicht gew\u00e4hrleisteter Geheimhaltung, Aussageverweigerung, Leistungsausfall zumindest in der bislang praktizierten Form zusammengebrochen. Gesellschaftliche Einrichtungen, die ihre Ziele nur auf der Basis von Geheimhaltung erreichen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sich nicht nur effektive Mechanismen zur Kontrolle von Normenverst\u00f6\u00dfen einfallen lassen, sondern vor allem Mechanismen zur Sch\u00f6pfung von Vertrauen und Herstellung von Sinn.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"iii-geheimnis-als-organisation\">III. Geheimnis als Organi&shy;sa&shy;tion<\/span><\/h5>\n<p>Von Geheimnis als Institution ist Geheimnis als Organisation zu unterscheiden. Schlie\u00dfen sich beispielsweise schwedische Bisch\u00f6fe einem Freimaurerorden an; bilden Parteifunktion\u00e4re Tarnorganisationen; folgen Studenten geheimen religi\u00f6sen Sekten oder politischen Geheimb\u00fcnden, so tun sie dies freiwillig. Weder dem schwedischen Bischof, noch dem Parteifunktion\u00e4r, noch dem Studenten ist es positionell vorgeschrieben, sich einer dieser erw\u00e4hnten geheimen Organisationen anzuschlie\u00dfen. Im Gegenteil: Sie geraten typischerweise aufgrund ihrer Mitgliedschaft in Geheimorganisationen in Konflikt mit anderen Vorschriften, die an ihrer Position haften. Von Bisch\u00f6fen wird erwartet, da\u00df sie vor ihrer Gemeinde keine Geheimnisse haben; Parteifunktion\u00e4re m\u00fcssen Spendengelder \u00f6ffentlich ausweisen; Studenten wird angesonnen, ihre religi\u00f6sen und politischen Erl\u00f6sungssehns\u00fcchte innerhalb der etablierten gesellschaftlichen Einrichtungen zu befriedigen. Die sozialen Konflikte, die in diesen F\u00e4llen entstehen, sind je anders gelagert; daher scheint es sinnvoll und wichtig, analytisch zwei Typen von Geheimorganisationen zu unterscheiden, prim\u00e4re und sekund\u00e4re.<\/p>\n<p>&#149; In prim\u00e4ren geheimen Organisationen \u00bbist das Geheimnis soziologischer Selbstzweck, es handelt sich um Erkenntnisse, die nicht in die Menge dringen sollen; die Wissenden bilden eine Gemeinschaft, um sich gegenseitig die Geheimhaltung zu garantieren\u00ab (Simmel 1968, 289). Die Mitglieder prim\u00e4rer geheimer Organisationen halten Wissen absichtlich und bewu\u00dft exklusiv, weil nach ihrer Einsch\u00e4tzung sonst das Organisationsziel nicht realisiert werden k\u00f6nnte. So begr\u00fcndet etwa ein prominenter schwedischer Bischof die Geheimhaltung der Rituale in Freimaurerorden mit der besonderen p\u00e4dagogischen Wirkung geheimer Praktiken f\u00fcr die initiierenden Mitglieder: \u00bbEin Text, den man zum ersten Mal h\u00f6rt, hat eine ganz andere Wirkung und l\u00f6st ein ganz anderes Erlebnis aus als ein Text, den man von vornherein kennt.\u00ab (Biskopen i V\u00e4xj\u00f6, Sven Lindeg\u00e4rd, skrivelse till ansvarsn\u00e4mden f\u00f6r biskopar, 4.3.1985). Prim\u00e4re geheime Organisationen m\u00fcssen danach streben, eine bestimmte Organisationsgr\u00f6\u00dfe nicht zu \u00fcberschreiten. Je gr\u00f6\u00dfer die Organisation, desto st\u00e4rker wird die Realisierung ihres Organisationsziels gef\u00e4hrdet. Typischerweise geraten numerisch limitierte Geheimorganisationen in ein Dilemma: Je kleiner die noch vertr\u00e4gliche Mitgliederzahl f\u00fcr die Zieler-reichung ist, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Probleme ihrer materiallen Versorgung und der Aufrechterhaltung ihrer Autonomie. Dieses Dilemma l\u00f6sen Geheimnisorganisationen oft dadurch, da\u00df sie ihren wenigen Mitgliedern hohe Beitragszahlungen zumuten. Dadurch erhalten prim\u00e4re geheime Organisationen oft den Akzent \u00f6konomischer Exklusivit\u00e4t, der nicht immer mit den inhaltlichen Zielen der Organisation in Harmonie gebracht werden kann. Wie ein schweizerischer Freimauer mitteilte, sah sich ein Orden angesichts einer zahlenm\u00e4\u00dfig und finanziell zu schwachen Mitgliederbasis gezwungen, um Mitglieder offen zu werben, ein Mittel, das dem Modellcharakter reiner prim\u00e4rer Geheimorganisationen radikal widerspricht.<\/p>\n<p>&#149; Sekund\u00e4re Geheimorganisationen sind solche, deren Organisationsziele und\/oder Mittel von der \u00e4u\u00dferen Gesellschaft als deviant definiert werden und die den Weg der Geheimhaltung w\u00e4hlen, um sich der gesellschaftlichen Verfolgung zu entziehen. Weder f\u00fcr die Mafia, noch f\u00fcr die Rote Armee Fraktion, noch f\u00fcr die Muslimbr\u00fcder (um nur einige prominente Beispiele sekund\u00e4rer Geheimorganisationen zu erw\u00e4hnen) ist Geheimhaltung soziologischer Selbstzweck. F\u00fcr diese ist sie vielmehr ein &#8211; meist aufwen-diges &#8211; organisatorisches Mittel, um Mitglieder und materielle Ressourcen vor \u00e4u\u00dferem Zugriff zu sch\u00fctzen und um zu gew\u00e4hrleisten, da\u00df die urspr\u00fcnglichen Organisationsziele unter der ver\u00e4nderten Bedingung ihrer Kriminalisierung weiter verfolgt werden k\u00f6nnen (Simmel 1968, 282).<\/p>\n<p>F\u00fcr prim\u00e4re Geheimorganisationen ist die Anwendung der soziologischen Technik der Geheimhaltung eine conditio sine qua non f\u00fcr die Zielerreichung; f\u00fcr sekund\u00e4re Geheimorganisationen wird die ihnen von au\u00dfen aufgezwungene (oder nahegelegte) Technik der Geheimhaltung oft zur Voraussetzung f\u00fcr ungewollte und unbemerkte Zielverschiebungen, zur Fehlinvestition von Energien und zur verzerrten Wahrnehmung der Realit\u00e4t von seiten untergetauchter Mitglieder. Friedhelm Neidhardt hat diese Eigendynamik ganz raffiniert am Beispiel der Geschichte der RAF analysiert: Kassiberschreiben, Untertauchen, Wohnungsbeschaffung, materielle Beutez\u00fcge etc. wurden unmerklich zur Hauptbesch\u00e4ftigung und f\u00fchrten die Mitglieder der RAF immer weiter von ihren urspr\u00fcnglichen politischen Zielen ab (Neidhardt 1981). Die spezifische Gefahr sekund\u00e4ren Geheimorganisationen besteht darin, da\u00df sich im Laufe ihrer Geschichte die Technik der Geheimhaltung zum Selbstzweck verkehrt und auf diese Weise die urspr\u00fcnglichen Organisationsziele und -ressourcen vernichtet werden. Auch prim\u00e4re Geheimorganisationen sind der Gefahr von Zielverschiebung, Organisationsdeformation und Selbstdestruktion ausgesetzt. Je mehr Wissen die \u00e4u\u00dfere Gesellschaft produziert, desto schwerer haben es prim\u00e4re Geheimorganisationen, ihr Wissen exklusiv zu halten.<\/p>\n<p>So wurde beispielsweise das urspr\u00fcnglich von den Freimaurern geh\u00fctete Geheimnis der Baukunst durch Verwissenschaftlichung und Popularisierung von Mathematik und Architektonik gel\u00fcftet. Die Freimaurer sahen sich angesichts dieser Offenbarung gehalten, die Geheimhaltung auf die formalen Aspekte ihrer Organisaion, auf die Rituale, zu verlagern, wenn sie als Geheimorganisation \u00fcberlebensf\u00e4hig bleiben wollten. Die Existenz prim\u00e4rer Organisationen ist zus\u00e4tzlich dann gef\u00e4hrdet, wenn sich das Prinzip der \u00d6ffentlichkeit in der \u00e4u\u00dferen Gesellschaft kulturell und politisch mehr und mehr durchsetzt. Im Zentrum der hitzigen Debatte um die Existenzberechtigung der schwedischen Freimaurerlogen stand die Frage der Legitalit\u00e4t geheimer Organisationen: \u00bbDie Freimaurer sind eine geschlossene Gesellschaft, die nicht den heutigen gestiegenen Anforderungen an Offenheit entsprechen\u00ab (so etwa Barbro Berglund, Svenska kyrkans n\u00e4mnd f\u00f6r mellankyrkliga och ekumeniska f\u00f6rbindelser, Sydsvenska Dagbladet Sn\u00e41l-posten, 5.3.1985).<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"iv-die-dualistische-struktur-von-geheimnis\">IV. Die dualis&shy;ti&shy;sche Struktur von Geheimnis<\/span><\/h5>\n<p>Simmel geht allgemein davon aus, da\u00df soziale Einheiten erst dadurch an Vitalit\u00e4t gewinnen, da\u00df in ihnen gleichzeitig gegens\u00e4tzliche soziale Kr\u00e4fte zusammenwirken (Simmel 1968, 262; Nedelmann 1980). Dreierkonstellationen haben im Vergleich zu Dyaden und \u00bbMehr-als-Drei\u00ab-Gruppierungen durch die schillernde Rolle des Dritten eine besonders hohe Vitalit\u00e4t. Triaden jedoch, die auf der Basis von Geheimnis gebildet werden, geraten dadurch unter Hochspannung, da\u00df sich die Akteure an widerspr\u00fcchlichen Interessen orientieren, st\u00e4ndig in die Versuchung zum Seitenwechsel und \u00dcberlaufen geraten und pl\u00f6tzlichen emotionalen Wechseln ausgesetzt sind. Akteure, die in geheime Interaktionskonstellationen involviert sind, geraten typischerweise unter Stre\u00df; Kurzschlu\u00dfhandlungen und \u00dcberraschungsman\u00f6ver sind daher wahrscheinlich, insbesondere bei unprofessionalisierten Geheimnistr\u00e4gern.<\/p>\n<p>&#149; Der erste Dualismus in geheimen Dreierkonstellationen besteht in der Freisetzung von sowohl assoziierenden als auch disassoziierenden sozialen Kr\u00e4ften. Auf der einen Seite wird durch das Teilen von Wissen eine Klasse von Besitzern geschaffen, die sich das Recht zur Kontrolle ihres Monopols aneignen und hierdurch intern integriert werden (siehe hierzu detaillierter Wilson 1984, insbs. 17 &#8211; 19). Auf der anderen Seite \u00bblegt das Geheimnis eine Schranke zwischen die Menschen\u00ab (Simmel 1968, 275), indem es die vom Wissen ausgeschlossenen Dritten als Klasse von Nichtbesitzern konstituiert und in eine antagonistische Position zur Klasse der Wissensmonopolisten bringt. Der \u00bbKlassenkampf\u00ab zwischen Besitzern und Nichtbesitzern spitzt sich im allgemeinen auf die Kernfrage der Umverteilung von Wissen zu und entbrennt in dem Moment, in dem die deprivierten Dritten Enth\u00fcllungsversuche unternehmen und die Geheimnistr\u00e4ger ihr Monopol verteidigen. Jedes Mitglied beider Klassen ist jedoch potentieller \u00dcberl\u00e4ufer ins feindliche Lager; daher ist die urspr\u00fcngliche Konstellation stets der Gefahr ausgesetzt, sich zu verschieben oder total zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&#149; Diese intern angelegte Transformationsdynamik ist auf ein zweites dualistisches Merkmal zur\u00fcckzuf\u00fchren: Es betrifft die widerspr\u00fcchlichen Interessen, an die sich die drei in Geheimnisse involvierten Akteure orientieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst die Geheimnistr\u00e4ger betrifft, so richten sie ihr Handeln an zwei sich widersprechenden Interessen aus, die beide f\u00fcr sie attraktiv sind. Einerseits sind sie daran interessiert, ihre exklusive Stellung zu erh\u00f6hen und ihr \u00bbstark betontes Eigentumsgef\u00fchl\u00ab zu vertiefen (Simmel 1968, 273); dies realisieren sie durch Verteidigung und Expansion ihres Wissensmonopols. Andererseits werden sie zum logischen Gegensatz zur Geheimhaltung hingezogen: zum Verrat. Seine Attraktionen bestehen in dem \u00bbverf\u00fchrerischen Anreiz\u00ab, die soziale Schranke, die sie durch das Teilen des Geheimnisses zwischen sich selbst und Dritten aufgebaut haben, \u00bbdurch Ausplaudern oder Beichte zu durchbrechen\u00ab (Simmel 275). Bewahren und Verraten des Geheimnisses stellen f\u00fcr die Geheimnistr\u00e4ger je unterschiedliche Gratifikationen in Aussicht: Geheimhaltung wird durch zunehmende Solidarit\u00e4t zwischen (A) und (B) belohnt, Verrat durch die Empfindung der \u00bbLust der Beichte\u00ab (Simmel 1968, 275); es sieht in der Macht des Verr\u00e4ters, die bestehende Konstellation durch Einsatz geringf\u00fcgiger Mittel (oft reicht ein einziges Wort) total und \u00fcberraschend zu ver\u00e4ndern. Verr\u00e4ter kommen in den Genu\u00df, Loyalit\u00e4ten umzupolen: Sie k\u00f6nnen vorher ausgeschlossene Dritte emotional einbinden und urspr\u00fcnglich Verb\u00fcndete fallen lassen. Das Moment des Geheimnisverrates enth\u00e4lt Reize, die denen vergleichbar sind, die der Verschwender von Geld empfindet: \u00bb&#8230; das mit dem Geldbesitz gegebene Machtgef\u00fchl konzentriert sich f\u00fcr die Seele des Verschwenders am vollst\u00e4ndigsten und am lustvollsten in dem Augenblick, wo er diese Macht aus H\u00e4nden gibt.\u00ab (Simmel 1968, 274). Wenn die Weiterleitung einer wichtigen Mitteilung gelegentlich dadurch zu beschleunigen versucht wird, da\u00df man sie mit dem Siegel der Verschwiegenheit versieht, so bedient man sich eben dieser Erkenntnis.<\/p>\n<p>Da Geheimhaltung stets durch die Attraktivit\u00e4t des Verrates intern bedroht ist, stiftet sie Cypischerweise h\u00f6chst labile Interaktionskonstellationen. Diese intern verursachte Labilit\u00e4t wird zus\u00e4tzlich durch eine externe Gefahrenquelle verst\u00e4rkt, durch die Enth\u00fcllungsversuche Dritter. Wegen dieser beiden Gefahrenquellen bed\u00fcrfen geheime In-teraktionskonstellationen zus\u00e4tzlicher sozialer Stabilisierungsmechanismen, sofern sie auf Dauer gestellt werden sollen. Ihre Er\u00f6rterung verdiente gesonderte Beachtung.<\/p>\n<p>Was den ausgeschlossenen Dritten betrifft, so ist auch dieser in seinen Handlungen durchaus nicht eindeutig ausgerichtet. Seine Enth\u00fcllungsabsichten sind beispielsweise dann korrumpierbar, wenn ihn die Geheimnistr\u00e4ger am Genu\u00df des exklusiven Gutes Wissen teilhaben lassen. Wie die meisten Deprivierten, wird auch er dazu neigen, seine \u00bbaggressive Offensive\u00ab in dem Ma\u00dfe zu mildern, in dem ihm durch das \u00dcberlaufen ins feindliche Lager der Geheimnistr\u00e4ger Macht zuw\u00e4chst. In die Klasse der Geheimnistr\u00e4ger eingeschlossene Dritte senken aber tendenziell die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr das Weiterbestehen des Geheimnisses. Je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe der Geheimnistr\u00e4ger wird, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Kontrollprobleme bei gleichzeitigem Sinken des Wertes des Geheimnisses. Schon deshalb werden sich die Geheimnistr\u00e4ger nur begrenzt der Technik der Einweihung ausgeschlossener Dritter in ihr Geheimnis bedienen k\u00f6nnen, um die aggressiven Enth\u00fcllungsoffensiven Wissensdeprivierter zu pazifizieren. Je \u00f6fter sie sich dieses Mittels bedienen, desto st\u00e4rker tragen sie selbst zur Destruktion ihres Geheimnisses bei.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"v-das-psychische-leben-von-geheimnis\">V. Das psychische Leben von Geheimnis<\/span><\/h5>\n<p>Soziales Handeln l\u00f6st bei den wechselwirkenden Akteuren bestimmte Arten des Erlebens aus (Nedelmann 1985). Diese allgemeine Erkenntnis Simmels gilt auch f\u00fcr das Geheimnis als Interaktionsform. Individuen, die in geheime Triaden involviert sind, geraten in typische emotionale Verfassungen.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchlsleben der Geheimnistr\u00e4ger ist h\u00f6chst widerspr\u00fcchlich und voller Spannungen. Ihr ohnehin \u00bbstark betontes Eigentumsgef\u00fchl\u00ab wird durch das Bewu\u00dftsein gesteigert, da\u00df andere von diesem Besitz ausgeschlossen sind. Der Stolz auf die Ausnahmestellung (\u00bb&#8217;Ich wei\u00df doch was, was du nicht wei\u00dft&#8217;\u00ab, Simmel 1968, 274) wird typischerweise zum formalen Mittel, um gegen\u00fcber ausgeschlossenen Dritten zu prahlen und sie zu deklassieren. Beamte bedienen sich vorzugsweise dieses Mittels gegen\u00fcber l\u00e4stigen Klienten; Naturwissenschaftler und Politiker gegen\u00fcber protestierenden Kernkraftgegnern und Umweltsch\u00fctzern; Pressesprecher gegen\u00fcber neugierigen Journalisten; Vertreter von Regierungspartei(en) angesichts bohrender Fragen von Vertretern der Oppositionspartei(en). Diesem stark betonten Eigentumsgef\u00fchl, das mit Geheimhaltung verbunden ist, steht das bereits erw\u00e4hnte Gef\u00fchl der \u00bbLust zur Beichte\u00ab gegen\u00fcber, der Machtgenu\u00df, der mit dem Moment des Verrates maximiert und gleichzeitig konsumiert wird. Bereits tropfenweise dosierte Informationsfl\u00fcsse, Andeutungen und Geheimtips m\u00f6gen f\u00fcr viele Geheimnistr\u00e4ger in ihrem Alltagsverkehr mit unwissenden Dritten Lustgewinne einbringen. Sind Machtgef\u00fchle jedoch durch sich widersprechende Handlungen, durch Verbergen und Offenbaren, zu befriedigen, dann wird die Berechenbarkeit des k\u00fcnftigen Handelns von Geheimnistr\u00e4gern schwer, insbesondere von solchen, die machtanf\u00e4llig und -s\u00fcchtig sind. Geheimnisse ziehen Pers\u00f6nlichkeiten vom Typus des \u00bbexcessive ego\u00ab an (Wilson 1984, 18); deren Handeln ist bekanntlich h\u00e4ufig abwegig.<\/p>\n<p>Diese prinzipielle Schwierigkeit der Berechenbarkeit des Handelns der Geheimnistr\u00e4ger tr\u00e4gt zur Herauspr\u00e4parierung des wohl wichtigsten Merkmals des psychischen Lebens in Geheimnissen bei: dem anhaltenden Gef\u00fchl der Unsicherheit. Durch die stets pr\u00e4sente Gefahr der internen und externen Bedrohung ihres Geheimnisses m\u00fcssen deren Tr\u00e4ger immer auf \u00bbSchicksalswendungen und \u00dcberraschungen\u00ab gefa\u00dft sein (Simmel 1968, 275). Bekanntlich ist die \u00dcberlebenschance solcher Gruppen gering, deren Mitglieder keine gesicherten Hypothesen \u00fcber das k\u00fcnftige Handeln anderer aufstellen k\u00f6nnen. Diese Gruppierungen sind funktional auf eine Emotion angewiesen, mit der sie ihre Unsicherheit \u00fcberwinden k\u00f6nnen: Vertrauen. Nach Simmel ist Vertrauen eine \u00bbHypothese k\u00fcnftigen Verhaltens\u00ab, mit deren Hilfe der \u00bbmittlere Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um den Menschen\u00ab (eben: Unsicherheit) in Richtung Wissen verlagert werden kann (Simmel 1968, 263). Vertrauen ist eine notwendige Emotion, um \u00bbpraktisches Handeln\u00ab (ebenda) in geheimen Organisationen und Institutionen zu erm\u00f6glichen. Der soziologische Fachausdruck der \u00bbgreedy institution\u00ab lie\u00dfe sich vorteilhaft zur Charakterisierung geheimer Interaktionskonsteilationen verwenden: Sie sind eine nach Vertrauen gierige Einrichtung und neigen in ihrer Gefr\u00e4\u00dfigkeit dazu, Individuen in ihrer gesamten Pers\u00f6nlichkeit in die geheime Konstellation einbeziehen zu wollen.<\/p>\n<p>Je mehr geheime Interaktionskonstellationen jedoch dazu tendieren, zu totalen Einrichtungen zu werden, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Gefahr, da\u00df ihnen die Kontrolle des Privatlebens und sonstiger Aktivit\u00e4ten der ihnen angeh\u00f6renden Gesamtpers\u00f6nlichkeiten entgleitet. In diese Gefahr begeben sich geheime Einrichtungen auch dann, wenn ihre Gier auch das Geheimwissen selbst erfa\u00dft: Geheimdienstler, Sozialbeamte, Statistiker, Journalisten, Sozialwissenschaftler und andere professionelle und \u00bbroutinisierte\u00ab Beschaffer pers\u00f6n-licher Daten k\u00f6nnen typischerweise nur selten ihre Neugier nach immer mehr Wissen voll befriedigen. Sie laden sich damit Wissensballast auf, den die oft selbst nicht beherrschen und leisten damit dem Mi\u00dfbrauch von Daten Vorschub.<\/p>\n<p>Geheime Gesellschaften begegnen diesen Gefahren in der Regel durch Aus\u00fcbung \u00bbab-soluter Herrschaft \u00fcber die Mitglieder\u00ab (Sirnmel 1968, 299). Sie entwickeln sich zum Typus einer autorit\u00e4ren, zentralistisch und hierarchisch strukturierten Organisation (Simmel 1968, 297 &#8211; 304; und Neidhardt 1981).<\/p>\n<p>Das f\u00fcr geheime Triaden typische Gef\u00fchlsleben und die durch es verursachte interne Spannung ist erst dann v\u00f6llst\u00e4ndig begreifbar, wenn man die Emotionen des ausgeschlossenen Dritten (C) mit in die Analyse einbezieht: Dieser ist haupts\u00e4chlich von Eifersucht beherrscht. Aus dieser Emotion w\u00e4chst geheimen Interaktionskonstellationen eine Handlungsenergie zu, die erst zur vollen Entfaltung der f\u00fcr sie typischen destruktiven Eigendynamik f\u00fchrt. Bereits die formale Tatsache des Ausschlusses von Wissen weckt im allgemeinen Eifersucht auf die Wissenden. Vermutet der ausgeschlossene Dritte zus\u00e4tzlich &#8211; zu Recht oder zu Unrecht -, da\u00df das ihm vorenthaltene Wissen nachteilig f\u00fcr ihn ist, wird er motiviert genug sein, um die mit Enth\u00fcllungsaktivit\u00e4ten unvermeidlich verbundenen Kosten zu tragen. Simmel hat in verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen analysiert, inwiefern Eifersucht eine sozial destruktive Emotion ist. (Das ist an anderer Stelle nachzulesen: Nedelmann 1983, 198 &#8211; 203). Der eifers\u00fcchtige Dritte erhebt einen Anspruch darauf, Mitbesitzer des exklusiven Gutes Wissen zu werden; oft mu\u00df er sich diesen Anspruch erst politisch erk\u00e4mpfen und durchsetzen. Dem Prototyp des eifers\u00fcchtigen Enth\u00fcllers gehen die Energien erst im Moment der Destruktion der geheimen Interaktionskonstellation aus. Ebenso wie der auf Liebe eifers\u00fcchtige betrogene Ehemann es vorzieht, die Liebe zur Ehefrau zu zerst\u00f6ren, als vorzeitig seinen Anspruch auf Liebe fallen zu lassen, ebenso wird es auch der vom Geheimnis ausgeschlossene eifers\u00fcchtige Dritte vorziehen, das Geheimnis selbst zu zerst\u00f6ren, als die Waffen gegen die Klasse der Wissensmonopolisten zu fr\u00fch zu strecken. Zerst\u00f6ren ist in den meisten F\u00e4llen auch technisch einfacher, als in den Besitz des Geheimwissens zu gelangen. Auch die Geheimnistr\u00e4ger werden es in vielen F\u00e4llen vorziehen, ihr Geheimwissen zu zerst\u00f6ren, bevor es Dritten in die H\u00e4nde f\u00e4llt. Wissen ist Macht; durch Zerst\u00f6ren von Wissen wird Macht entzogen &#8211; nach dieser bekannten Formel werden beide Lager handeln.<\/p>\n<p>Diese erw\u00e4hnten Emotionen, Machtgef\u00fchle der Wissensmonopolisten und Deprivationsgef\u00fchle der Nichtwissenden; Lust des Verbergens und Faszination des Verrates; Unsicherheit und Vertrauen; Besitzerstolz und Eifersucht verleihen in ihrer Kombination geheimen Dreierkonstellationen jene emotionale Attraktivit\u00e4t, die mit erkl\u00e4ren mag, weshalb Geheimnis auch dann noch als Interaktionsform weiterlebt, wenn das Wissen selbst offenbart worden ist. Das \u00dcberleben der Freimaurer ist hierf\u00fcr nur ein Beispiel; die Entstehung neuer freiwilliger Geheimorganisationen, in deren Mittelpunkt die Beherrschung geheimer Rituale steht, ein anderes Beispiel f\u00fcr die noch heute vorherrschende oder wiedererlangte emotionale Attraktivit\u00e4t von Geheimnis als Interaktionsform.<\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag ist den Studentinnen und Studenten gewidmet, die im Winter- und Sommersemester 1984\/85 an den Forschungsseminaren \u00fcber Geheimnis an der Universit\u00e4t Freiburg teilgenommen haben. Viele Ertr\u00e4ge der Seminardiskussion gehen in diesen Aufsatz ein. Es sei den Teilnehmern an dieser Stelle f\u00fcr ihren Anregungen und ihr Engagement gedankt.<\/i><\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>Guggenberger, Bernd (1985): Die nackte Wahrheit ist nicht immer das Wahre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.8.1985.<br \/>Marx, Gary T. and Reichman, Nancy (1984): Routinizing the Discovery of Secrets: Computers as Informants. In: American Behavioral Scientist. vol. 27, Number 4, March\/April 1984, 423 &#8211; 452. Merton, Robert K. (1968): Mechanisms of Observability of Norms and of Role-Performance. In: ders.: Social Theory and Social Structure. New York 1968, 395 &#8211; 407.\u00a0,<br \/>Neidhardt, Friedhelm (1981): \u00dcber Zufall, Eigendynamik und Institutionalisierbarkeit absurder Prozesse. Notizen am Beispiel einer terroristischen Gruppe. In: von Alemann, Heine und Thurn, Peter (Jhrg.): Soziologie in weltb\u00fcrgerlicher Absicht. Festschrift f\u00fcr Rene K\u00f6nig. Opladen 1981.<br \/>Nedelmann, Birgitta (1983): Strukturprinzipien der soziologischen Denkweise Georg Simmels. In: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 32, 559 &#8211; 573.<br \/>Nedelmann, Birgitta (1983): Georg Simmel &#8211; Emotion und Wechselwirkung in intimen Gruppen. In: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 25, 1983, 174 &#8211; 209.<br \/>Nedelmann, Birgitta (1985): Action and Experience in Georg Simmel&#8217;s Sociology, Vortrag gehalten an der Universit\u00e4 degli Studi di Genova, 16.4.1985.<br \/>Popitz, Heinrich (1968): \u00dcber die Pr\u00e4ventivwirkung des Nichtwissens. T\u00fcbingen 1968.<br \/>Sennett, Richard (1985): Verfall und Ende des \u00f6ffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimit\u00e4t. Frankfurt a.M. und Hamburg 1985.<br \/>Sichtermann, Barbara (1985): Ende des \u00f6ffentlichen Lebens. Zu R. Sennett: Die Tyrannei der Intimit\u00e4t. In: \u00c4sthetik und Kommunikation. Heft 57\/58, Jahrgang 15, 1985, Intimit\u00e4t, 21 &#8211; 28.<br \/>Simmel, Georg (1968): Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft. In: ders.: Soziologie. Berlin 1968, 256 &#8211; 304<br \/>Sievers, Burkhard (1974): Geheimnis und Geheimhaltung in sozialen Systemen.<br \/>Wilson, Des. (1984): Information is Power: The Causes of Secrecy. In: ders. (ed.) The Secrets File. London 1984, 13 &#8211; 21.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2434],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12307","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-birgitta-nedelmann","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geheimnis \u0097 Ein interaktionistisches Paradigma - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/geheimnis-ein-interaktionistisches-paradigma\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geheimnis \u0097 Ein interaktionistisches Paradigma - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S. 38-48 \u00bbDas Geheimnis, das durch negative oderpositive Mittel getragene Verbergen vonWirklichkeiten,\u00a0ist einer der gr\u00f6\u00dftenErrungenschaften der Menschheit\u00ab Simmel 1968, 272 Ebenso wie der Anspruch auf Umverteilung materieller G\u00fcter kann auch der auf Umverteilung von Wissen zum Gegenstand sozialer und politischer Auseinandersetzungen werden. 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