{"id":12309,"date":"1977-01-28T15:12:00","date_gmt":"1977-01-28T14:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/geschichte-und-geschichtsunterricht\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:08","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:08","slug":"geschichte-und-geschichtsunterricht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/geschichte-und-geschichtsunterricht\/","title":{"rendered":"Geschichte und Geschichtsunterricht"},"content":{"rendered":"<p>Der Kampf um die Erinnerung<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft2\/1977), S.33-41<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"fuer-einen-geschichtsunterricht-der-statt-einsinnige-historische-kontinuitaet-erscheinen-zu-lassen-und-sich-damit-gegen-die-zukunft-zu-sperren-der-idee-des-fortschritts-in-der-tradition-der-aufklaerung-verpflichtet-ist-plaediert-der-giessener-geschichtsdidaktiker-klaus-bergmann-den-kampf-um-die-erinnerung-zu-gewinnen-muss-die-bekannte-geschichte-gleichsam-immer-neu-gegen-den-strich-gebuerstet-werden\">F&uuml;r einen Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richt, der, statt einsinnige historische Kontinuit&auml;t erscheinen zu lassen und sich damit gegen die Zukunft zu sperren, der Idee des Forts&shy;chritts in der Tradition der Aufkl&auml;rung verpflichtet ist, pl&auml;diert der Gie&szlig;ener Geschichts&shy;di&shy;dak&shy;tiker Klaus Bergmann. Den Kampf um die Erinnerung zu gewinnen, mu&szlig; die bekannte Geschichte gleichsam immer neu gegen den Strich geb&uuml;rstet werden.<\/span><\/h2>\n<p><b>Kants Prinzip der Erziehungskunst<\/b><\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Vor nunmehr genau zweihundert Jahren forderte Immanuel Kant als &#8222;Prinzip der Erziehungskunst&#8221;: &#8222;Kinder sollen nicht nur dem gegenw\u00e4rtigen, sondern dem zuk\u00fcnftig m\u00f6glichen besseren Zustande des menschlichen Geschlechts, das ist: der Idee der Menschheit und deren ganzen Bestimmung angemessen erzogen werden.&#8221; Er bemerkte zugleich zwei Hindernisse, die Eltern und die F\u00fcrsten: &#8222;1. Die Eltern n\u00e4mlich sorgen gemeiniglich nur daf\u00fcr, da\u00df ihre Kinder gut in der Weltfortkommen, und 2. die F\u00fcrsten betrachten ihre Untertanen nur wie ihre Instrumente zu ihren Absichten.&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-rahmenrichtlinien-geist-der-aufklaerung\">Die &bdquo;Rahmen&shy;richt&shy;li&shy;nien&rdquo;: Geist der Aufkl&auml;rung<\/span><\/h2>\n<p>Kant ahnte noch nichts von privaten Elternvereinen, wirtschaftlichen Interessengruppen und politischen Parteien, die sich derzeit als sprach-und medienm\u00e4chtige Organisationen daran interessiert zeigen, die Aufkl\u00e4rung vergessen zu machen, zu beenden oder f\u00fcr abgeschlossen zu erkl\u00e4ren, die zu ihrer eigenen Geschichte geh\u00f6rt. Die Kampagne gegen die Rahmenrichtlinien war ein Lehrst\u00fcck. Wohl erstmalig in der Erziehungsgeschichte hatte eine Regierung &#8211; gew\u00e4hlter Nachfahre ungew\u00e4hlter F\u00fcrsten &#8211; den bemerkenswerten, ja unerh\u00f6rten Versuch unternommen, den Unterricht so zu konzipieren, da\u00df &#8222;ein zuk\u00fcnftiger besserer Zustand dadurch hervorgebracht werde&#8221; (Kant). Im R\u00fcckgriff auf die Aufkl\u00e4rung setzte sie Selbst- und Mitbestimmung, Emanzipation &#8211; unerledigte Versprechen des fr\u00fchen B\u00fcrgertums &#8211; als Ziele der Erziehung ein. Auch der Geschichtsunterricht sollte nicht mehr den bestehenden Zust\u00e4nden seine Weihen geben; er sollte sich vielmehr als wirklich historischer Unterricht ausweisen, \u00fcber die Gegenwart hinausgreifend, Zukunft in der Vergangenheit entdeckend &#8211; die Ermutigungen des B\u00fcrgerpr\u00e4sidenten Gustav Heinemann, Geschichte auch anders zu denken, aufgreifend.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gegenreform\">Gegenreform<\/span><\/h2>\n<p>Eine sprachgewaltige Gegenreform setzte alle, aber auch alle Mittel ein, um die Verwirklichung einer aufkl\u00e4rerischen Erziehungskunst zu verhindern und die Erinnerung an bessere Einsichten zu tilgen. In dieser Atmosph\u00e4re von Feindseligkeit, Angst und Demagogie hat sich ein eigent\u00fcmliches Geschichtsbewu\u00dftsein offenbart. Es hat seinen Ausdruck gefunden in dem Spruch &#8222;Trau keinem \u00fcber 130&#8221;, der vor der Bundestagswahl 1972 in der Anzeige einer socit anonyme \u00fcber ein Portr\u00e4t von Karl Marx gesetzt worden ist, aber auch auf Kant und andere &#8222;Ideologen&#8221; oder &#8222;linke Systemver\u00e4nderer&#8221; der Vergangenheit beziehbar ist. Er sollte ernstgenommen werden. Der Sinn von Unternehmern f\u00fcr Scherz, Satire, Ironie ist beschr\u00e4nkt auf die tiefere Bedeutung, die allemal sehr ernst ist. Geschichte kann demnach vergessen werden; Geschichte soll vergessen werden, sofern sie bestandsgef\u00e4hrdend sein k\u00f6nnte. Historisches Nachdenken ist unerw\u00fcnscht: es k\u00f6nnte Geschichte als das schlechte Gewissen des B\u00fcrgertums freilegen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"entgeschichtlichung\">Entgeschichtlichung<\/span><\/h2>\n<p>&#8222;Die listigste Rache an besseren Zielen ist die, da\u00df man sie als erreicht ausgibt&#8221; (Bloch): Das B\u00fcrgertum, das die politische Macht errungen hat, vergi\u00dft und verdr\u00e4ngt seine urspr\u00fcnglichen, humanit\u00e4r und humanistisch angelegten Intentionen der Weltver\u00e4nderung, oder: gibt sie als erreicht aus. Geschichtliches Denken schrumpft seinen Denkbereich auf die Vor-Geschichte einer Gegenwart ein, die als elementar entwicklungslos vorgestellt und unterstellt wird. Entgeschichtlichung, wie sie sich hier als Ph\u00e4nomen der sp\u00e4ten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ausdr\u00fcckt, ist von Bertolt Brecht mit der lapidaren Kurzformel erkl\u00e4rt worden: &#8222;Der Angelangte vergi\u00dft viel&#8221;: das B\u00fcrgertum, das &#8211; ebenfalls nach Brecht &#8211; einen langen Weg hinter sich hat, aber keinen langen Weg mehr vor sich sieht, allenfalls den oder jenen Ausweg, verdr\u00e4ngt seine und jede zukunftstr\u00e4chtige Vergangenheit, vor allem auch gewichtige Teile seiner eigenen Vergangenheit, in der mehr beabsichtigt und versprochen war als die Verwirklichung blo\u00dfer Teilinteressen. Es traut keinem \u00fcber 130. Denn wer das \u00fcberdenkt, was in Geschichte &#8211; vor allem in historischen Denkans\u00e4tzen und Realisierungsans\u00e4tzen &#8211; antizipiert und aufgeschatzt ist, erf\u00e4hrt Geschichte auch als bestandskritisches und bestandsgef\u00e4hrdendes Denken und Wissen. Die Bew\u00e4ltigung der als alternativelos gedachten Gegenwart bedarf aber nicht der weitgespannten Erinnerung an Anderes, an Gegenvorstellungen der \u00f6konomischen, gesellschaftlichen und politischen Organisation, an die zugesagte Teilhabe aller an historischen Erarbeitungen; sie tendiert vielmehr zur Aussperrung der Geschichte aus dem Bewu\u00dftsein. Das Denken ist einer Gegenwart verhaftet, die zur Zukunft wie zur Vergangenheit hin gleicherma\u00dfen perspektivelos ist. Pr\u00e4gnant nach Marx: &#8222;Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr.&#8221; Die Geschichte verendet in der Gegenwart.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unhistorische-gegenwart-und-abschaffung-der-zukunft\">Unhis&shy;to&shy;ri&shy;sche Gegenwart und Abschaffung der Zukunft<\/span><\/h2>\n<p>II.<\/p>\n<p>Die im Streit um den Geschichtsunterricht kenntlich gewordene &#8222;interessierte Blockade einer historischen Reflexion&#8221; (Heydorn\/Koneffke) beruht auf der Vorstellung einer Geschichte, die als die einzig m\u00f6gliche Geschichte ausgegeben wird. Es ist eine Geschichte, deren Bezugspunkt die gedanklich stillgestellte, unhistorische Gegenwart ist. Sie ist die Vor-Geschichte der Gegenwart, als habe die Vergangenheit ihren aparten Zweck in der Gegenwart. Geschichte wird damit zu einem einsinnigen Proze\u00df zurechtgestutzt; der B\u00fcrge f\u00fcr ihre Wahrheit ist der historische Erfolg. Was historisch nur gedacht und gefordert wurde, nur versucht wurde und scheiterte, ist dann durch den realhistorischen Proze\u00df in seinem Rechtsanspruch und in seinem Wahrheitsanspruch dementiert worden. Man kann es, da es die historische Pr\u00fcfung nicht bestanden hat, links liegenlassen. Wenn der historische Erfolg zum Ma\u00dfstab des Bedeutsamen erhoben wird, verf\u00e4llt das Ungelungene, nur Versuchte, nur Gedachte dem Verdikt. Es kann scheinbar mit Fug und Recht auf den Kehrichthaufen der Geschichte gefegt werden. Auf dem &#8222;blankgefegten Fundament einer verdr\u00e4ngten Geschichte&#8221; (Habermas) erhebt sich die Gegenwart als die hoffnungslos naturalisierte &#8222;Tagesunordnung&#8221;. Das Interesse an Geschichte schrumpft zum Interesse an einer Geschichte, die den historischen Erfolg protokolliert und die Gegenwart still stellt. Geschichte wird benutzt, um die Gegenwart als das Ergebnis des historischen Prozesses zu rechtfertigen. Der Welt des historisch Gewordenen wird unter Berufung auf den historischen Proze\u00df der Anschein verliehen, die Welt des einzig M\u00f6glichen, des einzig Vern\u00fcnftigen und gar des Zuk\u00fcnftigen zu sein. Die Gegenwart wird mit scheinbar historischen Argumenten entgeschichtlicht, die Zukunft wird abgeschafft. Zur\u00fcck bleibt eine verwaltete Geschichte, in der die Vor-Geschichte eindeutig unzweideutig verbucht und inventarisiert ist. Es ist eine erkaltete Geschichte, mitleidlos und unempfindlich gegen\u00fcber den Opfern des historischen Prozesses.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichtsunterricht-als-mittel-sozialer-kontrolle\">Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richt als Mittel sozialer Kontrolle<\/span><\/h2>\n<p>III.<\/p>\n<p>Es ist schwer auszumachen, in welchem Ma\u00dfe der Geschichtsunterricht an den Schulen solchen theoretisch kruden Vorstellungen einer ver\u00e4ngstigten und interessierten \u00d6ffentlichkeit entspricht; weniger schwer ist festzustellen, da\u00df er solchen Vorstellungen entsprechen soll. Die interessierten Hersteller und Verwalter eines einheitlichen und verpflichtenden Geschichtsbildes haben sich in den letztj\u00e4hrigen Kontroversen um den Geschichtsunterricht bis zur Kenntlichkeit ver\u00e4ndert. Ihnen geht es nicht darum, Sch\u00fcler an Geschichte und geschichtlichem Denken als historisch erarbeiteten Denkformen teilhaben zu lassen; ihnen liegt daran, ihre Vorstellungen \u00fcber Geschichte und Geschichtsunterricht als ein Mittel sozialer Kontrolle durchzusetzen oder auch zu erhalten.<br \/>Es kann nicht bestritten werden, da\u00df man Geschichte so eingeschr\u00e4nkt erz\u00e4hlen kann; nur: es ist nicht &#8222;die&#8221; Geschichte, die da vorgestellt wird und verbindlich gemacht werden soll. Sie ist lediglich eine Geschichte, und diese Geschichte ist unschwer als das historische Selbstverst\u00e4ndnis nur eines Teils der Gesellschaft anszumachen, der sich in der Welt des Gegebenen zufrieden eingerichtet hat, weil er sie nach seinen Bed\u00fcrfnissen und seinem Bedarf gestaltet hat. Qualitative Ver\u00e4nderung und die historische Einsicht der Ver\u00e4nderlichkeit sind dann unerw\u00fcnscht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"einsinnige-geschichts-bilder\">Einsinnige Geschichts&shy;-&shy;Bilder<\/span><\/h2>\n<p>Denen, die so \u00fcber Geschichte &#8211; \u00fcber Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit &#8211; denken, kann, darf und will niemand ihre historische Identit\u00e4t nehmen. Sie m\u00fcssen aber &#8211; endlich &#8211; daran gehindert werden, ihre historische Identit\u00e4t anderen aufzuzwingen. Wer &#8211; ein Zerrbild f\u00fcr ein Abbild ausgebend und dabei Ranke beschw\u00f6rend &#8211; sein Geschichts-Bild als objektives und einzig m\u00f6gliches Geschichts-Bild vermitteln will, betreibt Indoktrination. Wer den traditionellen Geschichtsunterricht in der Form einer faktenreichen chronologischen Geschichtskunde, aus der eine einsinnige und parteiisch historische Kontinuit\u00e4t vorscheint, wider alle Einsichten der Geschichtstheorie und der Geschichtsdidaktik verteidigt, macht aus anspruchsberechtigten Sch\u00fclern Instrumente seiner Absichten und richtet sie f\u00fcr seine Zwecke oder f\u00fcr die Zwecke der Zeit ab.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verkuerzung-und-indoktrination\">Verk&uuml;rzung und Indok&shy;tri&shy;na&shy;tion<\/span><\/h2>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Die Verk\u00fcmmerung historischen Denkens, das aus Angst um geistigen und materiellen Besitz Geschichte auf Protokollnotizen historischen Erfolgs &#8211; allenfalls noch auf Bildungsg\u00fcter, die man sich schuldig zu sein glaubt &#8211; beschr\u00e4nkt und die Geschichtlichkeit der Gegenwart nicht denken kann, erm\u00f6glicht auch nur einen verk\u00fcmmerten und &#8211; was wichtiger ist &#8211; einen massiv indoktrinierenden Geschichtsunterricht, der tendenziell folgende Z\u00fcge tragen mu\u00df:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8211; seine Unterrichtsinhalte sind unter einem einseitigen Zugriff ausgew\u00e4hlt, da das historisch Erfolgreiche auch als das Bedeutsame unterstellt wird; das Ungelungene wird unterschlagen oder als belanglos abgetan; blind gegen\u00fcber dem Leid macht er sein Pensum;<br \/>&#8211; er mi\u00dfversteht Geschichte als eine Ansammlung von Forschungsergebnissen, versteht Geschichte nicht als eine historisch erarbeitete Form des Denkens, die jeder einfachen Form der Erinnerung \u00fcberlegen ist, die eben darum auch vermittlungsw\u00fcrdig ist;<br \/>&#8211; in seinem Bestreben, die Vor-Geschichte der Gegenwart einzufangen und eine einsinnige, einseitige, parteiliche Kontinuit\u00e4t zu vermitteln, ver\u00f6det er Geschichtsunterricht auf das Erlernen von Fakten und chronologischen Ereignisreihungen;<br \/>&#8211; er ma\u00dft sich das Recht an, \u00fcber die historische Identit\u00e4t von Sch\u00fclern unterschiedlichster Herkunft verf\u00fcgen und ihr lebensgeschichtlich erworbenes soziales Geschichtsbewu\u00dftsein \u00e4ndern zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichtsunterricht-als-buettel-der-herrschenden\">Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richt als B&uuml;ttel der Herrschenden<\/span><\/h2>\n<p>Solche Vorstellungen \u00fcber Geschichtsunterricht sind nicht neu; sie durchziehen die Geschichte des Geschichtsunterrichts. Immer war der Geschichtsunterricht als staatliche Veranstaltung wesentlich darauf angelegt, das historische Selbstverst\u00e4ndnis des Staates und der in ihm Herrschenden an Sch\u00fcler unterschiedlichster sozialer Herkunft zu vermitteln und damit die Sch\u00fcler auf die bestehende Gegenwart zu verpflichten. Immer war er anf\u00e4llig f\u00fcr ideologische Vereinnahmungen durch die Herrschenden, die Sprachgewaltigen, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die durch Herkunft, Bildungsgang und Beruf Privilegierten. Der Geschichtsunterricht darf nicht l\u00e4nger der B\u00fcttel des Staates, nicht der des vielf\u00e4ltig und vielseitig herrschenden Teils der Gesellschaft sein, der sich f\u00fcr das Ganze ausgibt. Er darf nicht l\u00e4nger wie in naiver Unschuld gegenwartsverhaftet sein. Denn die Gegenwart geht nicht auf in dem, was sie zu sein scheint und als was ihre Interessenten sie ausgeben. Sie ist nicht die Einl\u00f6sung aller Versprechen, aller Hoffnungen und Vorgriffe der Vergangenheit; sie ist nicht das Ende aller Tage. Der Geschichtsunterricht kann und darf nicht zulassen, da\u00df den Sch\u00fclern durch die Einbildung einer einseitigen und einsinnigen Geschichte Erinnerungen versagt und vorenthalten werden und da\u00df sie als Erinnerungslose der \u00dcberm\u00e4chtigung durch die gegebene Gewalt der Dinge ausgeliefert werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"recht-und-anspruch-der-schueler-auf-emanzipation\">Recht und Anspruch der Sch&uuml;ler auf Emanzi&shy;pa&shy;tion.<\/span><\/h2>\n<p>V.<\/p>\n<p>Der Geschichtsunterricht wird um keinen Deut reicher, wenn er &#8211; s\u00fcchtig nach Modernit\u00e4t &#8211; \u00fcber curricularen Innovationsstrategien, Taxonomien, Evaluation, Operationalisierung, multiple-choice-tests oder Simulationsspielen die einfache Wahrheit vergi\u00dft, die so schwer zu verwirklichen ist: er ist dem Recht und dem Anspruch der Sch\u00fcler auf Emanzipation verpflichtet. Er kann dieser Verpflichtung nur nachkommen, wenn er das ideologische Grund\u00fcbel des Geschichtsunterrichts vermeidet, das derzeit wieder dem Kampf einer ver\u00e4ngstigten und interessierten \u00d6ffentlichkeit um die Erinnerung zugrundeliegt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vorgriffe-auf-die-zukunft\">Vorgriffe auf die Zukunft<\/span><\/h2>\n<p>Die Vorstellung einer einsinnigen Geschichte, die zudem noch als die Geschichte schlechthin ausgegeben wird, ist in einem klassischen Sinn ideologisch: sie wirkt sich nicht nur bestandserhaltend aus, sondern ist auch wissenschaftlich dubios. Denn ein geschichtliches Denken, das sich selber verbietet, die bestehende Wirklichkeit gedanklich zu historisieren und zu \u00fcberschreiten, verst\u00f6\u00dft gegen elementare Grundlagen historischen Denkens und ist kein geschichtliches Denken mehr. Jedes geschichtliche Denken geht von Vorgriffen auf die Zukunft aus. Immer bereits enth\u00e4lt die Frage, die historisches Nachdenken und Erinnern ausl\u00f6st, die Vorstellung einer erw\u00fcnschten Zukunft &#8211; einer unechten oder einer echten Zukunft. Die gedanklich in die Zukunft verl\u00e4ngerte Gegenwart ist unechte Zukunft, die sich von der Gegenwart nicht abhebt. Sie gr\u00fcndet in der f\u00fcr gegenw\u00e4rtiges, sp\u00e4tes b\u00fcrgerliches Denken feststellbaren ungemein kurzen Zeitperspektive. Nur der, &#8222;der Gesellschaft als eine andere denken kann denn die existierende&#8221; (Adorno), verf\u00fcgt \u00fcber echte Zukunft und h\u00e4lt zugleich geschichtliches Denken \u00fcber die Gegenwart hinaus durch.<br \/>Das Denken einer echten Zukunft versucht, der unhistorischen \u00dcberm\u00e4chtigung durch eine gedanklich stillgestellte und entgeschichtlichte Gegenwart zu entrinnen &#8211; und damit geschichtliches Denken zu bleiben und bleibendere Ergebnisse zu ermitteln: &#8222;Geschichte enth\u00fcllt sich erst von dem her, was noch nicht ist&#8221; (Habermas). Nur echte Zukunft ist die historischem Denken entsprechende Zukunft. Dieser gedankliche Vorgriff ist kein &#8222;keckes Antizipieren von Weltpl\u00e4nen&#8221; (Jakob Burckhardt), ist keine spinnerte, schon gar keine ideologische oder doktrin\u00e4re Spekulation; er geht vielmehr aus der gedanklich disziplinierten Vermittlung von Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit, von Existenz und Potenz einer geschichtlich erreichten Stufe hervor; er ist der bestehenden Wirklichkeit und Gesellschaft zwar historisch verbunden, aber nicht unhistorisch verhaftet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erinnerung-an-unabgegolten-vergangenes\">Erinnerung an unabge&shy;golten Vergangenes<\/span><\/h2>\n<p>Dieser Vorgriff auf die Zukunft entstammt selber der Erinnerung an unabgegolten Vergangenes und an unerledigte Forderungen der Vergangenheit. Er ist abgeleitet aus dem im historischen Proze\u00df immer wieder auffindbaren und immer weiter getriebenen Nachdenken \u00fcber M\u00f6glichkeiten menschenw\u00fcrdiger Existenz und der Beendigung einer Vor-Geschichte, die sich als Arbeits-, Gewalt- und Leidenszusammenhang enth\u00fcllt; immer wieder scheint im historischen Proze\u00df die in die geschichtliche Praxis einm\u00fcndende, teilweise gelingende, oftmals scheiternde Hoffnung auf, das Leiden und die Ausbeutung, die Versagungen und die Vorenthaltungen k\u00f6nnten ein Ende nehmen oder auch nur nach Ma\u00dfgabe des M\u00f6glichen verringert werden. Sie wird zum Ausgangspunkt des wissenschaftlichen, disziplinierten, methodisch-kritischen Denkens einer echten Zukunft; und sie wird zugleich zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Aufarbeitung und die gedankliche Abarbeitung der Vergangenheit. Antizipation und Erinnerung gehen ein dialogisches und dialektisches Verh\u00e4ltnis ein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zukunftsbezogene-erinnerung\">Zukunfts&shy;be&shy;zo&shy;gene Erinnerung<\/span><\/h2>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Nach allen Erfahrungen mit einem ahistorischen, gegenwartsverhafteten Geschichtsunterricht: die Aufgabe des Geschichtsunterrichts kann nur noch darin bestehen, Sch\u00fcler zu zukunftsbezogener Erinnerung zu bef\u00e4higen. Gegen\u00fcber einer Gegenwart, die dazu neigt, sich dem inhumanen Selbstlauf der Sachen und Waren zu ergeben und sich in diesem Selbstlauf der Frage des schieren \u00dcberlebens gegen\u00fcbersieht, ist der Geschichtsunterricht eine Instanz, die die Erinnerung an Anderes, an andere, m\u00f6gliche Formen menschenw\u00fcrdiger Existenz st\u00e4ndig zu fordern und zu verwirklichen hat. Er hat das Vergessen und Verdr\u00e4ngen dessen zu verhindern, das einmal darauf gerichtet war, alle Menschen nach Ma\u00dfgabe des objektiv M\u00f6glichen an historischen Erarbeitungen teilhaben zu lassen (Idee der allgemeinen Humanit\u00e4t und der sozialen Gesittung), und sie aus Bedingungen zu befreien, die ihre Rationalit\u00e4t beschr\u00e4nken (Idee der Emanzipation). Er h\u00e4lt dabei im Blick, da\u00df das Erinnerte gilt und da\u00df der Bereich des objektiv M\u00f6glichen ausgedehnt worden ist. Es ist wahr, da\u00df &#8222;auf einem m\u00fchevollen und umwegreichen Pfad durch die bisherige Geschichte &#8230; eine noch immer vormenschliche Welt den materiellen Grund ihrer eigenen Vermenschlichung gelegt&#8221; hat (Werner Hofmann).<br \/>Aber diese Erkenntnis bleibt folgenlos, wenn die Erinnerung an gedachte und gelebte, antizipierte und gescheiterte M\u00f6glichkeiten menschlicher und menschenw\u00fcrdiger Existenz abhanden kommt. Und sie kommt abhanden, wenn die rechten Verwalter einer einsinnigen Geschichte die Verdr\u00e4ngung ihres schlechten Gewissens durchsetzen und die linken Ver\u00e4chter der Geschichte auch weiterhin die M\u00fche scheuen, historisch denken zu lernen und mit besseren Argumenten in den Kampf um die Erinnerung einzugreifen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"suche-nach-zukunft-in-der-vergangenheit\">Suche nach Zukunft in der Vergan&shy;gen&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Ein Geschichtsunterricht, der auf die Suche nach Zukunft in der Vergangenheit geht und die Geschichte untersucht, um Zukunft zu entdecken, ist die einzige Form, in der historisch-politische Bildung noch m\u00f6glich und zul\u00e4ssig ist. Andernfalls droht der R\u00fcckfall in die wissenschaftlich auf-geputzte Ideologie und Indoktrination eines Gesinnungsunterrichts. Die Suche nach Zukunft oder m\u00f6glichen Zuk\u00fcnften in der Vergangenheit ist das Leitmotiv eines Geschichtsunterrichts, der den Fallstricken einer ahistorisch gegenwartsbezogenen, gegenwartsverhafteten Denkweise entgehen und entkommen will, weil er &#8211; durch die Geschichte des Geschichtsunterrichts gewarnt &#8211; ihre Konsequenzen kennt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichtsunterricht-fuer-den-fortschritt-der-sozialen-gesittung\">Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richt f&uuml;r den Fortschritt der sozialen Gesittung<\/span><\/h2>\n<p>VII.<\/p>\n<p>Diese &#8211; didaktischen &#8211; \u00dcberlegungen sind nicht gerade neu und wohl auch wenig &#8222;curricular&#8221;. Die Betonung des Leitmotivs Zukunft soll &#8222;nur&#8221; daran erinnern, da\u00df Erinnerung als aufgreifende und aufhebende &#8222;Erinnerung&#8221; (Hegel) die Substanz eines Geschichtsunterrichts ausmacht, der die Vergewaltigung und \u00dcberm\u00e4chtigung der Sch\u00fcler durch eine kapitalistische Warenwelt und ihre technokratischen Macher und Ideologen als akute und historische Gefahr erkennt. Erinnert wird an die Idee des Fortschritts als die Idee, unter der das B\u00fcrgertum einst angetreten ist, die es aber nur noch in ihrer quantitativen Verkehrung annimmt. Indem Fortschritt in der Tradition der Aufkl\u00e4rung an seiner Menschlichkeit gemessen wird, nicht als sicher, sondern als m\u00f6glich unterstellt wird, ist diese Erinnerung vor Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen wie vor der ihr immanenten Gefahr der pogmatisierung gesch\u00fctzt. &#8222;Fortschritt ist auch ein Akt des Wollens&#8221; (Paul Weymar) &#8211; und der Geschichtsunterricht sollte den Fortschritt der sozialen Gesittung ebenso wollen wie ihre Verwirklichung.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gedanken-ueber-moeglichkeiten-eines-zukunftsbezogenen-geschichtsunterrichts\">Gedanken &uuml;ber M&ouml;glich&shy;keiten eines zukunfts&shy;be&shy;zo&shy;genen Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richts<\/span><\/h2>\n<ul>\n<li>Das Bekenntnis zu absichtsvoll &#8222;uncurricularen&#8221; Aussagen schlie\u00dft die Erlaubnis ein, den M\u00f6glichkeiten eines zukunftsbezogenen Geschichtsunterrichts in &#8222;uncurricularer&#8221; Sprache spekulativ nachzugehen.<br \/>Er betrachtet Gegenwart nicht aus historischer Perspektive, sondern in historischer Perspektive. Indem er Zukunft und Zuk\u00fcnfte in der Vergangenheit aufzusp\u00fcren sucht, besteht er auf der Geschichtlichkeit und auf der Ver\u00e4nderlichkeit als Kategorien historischen Denkens, die er allen Versuchen entgegenstellt, die Gegenwart praktisch und gedanklich stillzustellen.<\/li>\n<li>Er bewahrt sich die empfindsame Naivit\u00e4t, nach der Notwendigkeit scheinbarer historischer Selbstverst\u00e4ndlichkeiten zu fragen: er fragt nach Herrschaft und Formen der Herrschaft, nach Knechtschaft und Formen der Knechtschaft, nach Kultur und ihren Anteilseignern, nach Zwangsarbeit und millionenfachen menschlichen Besch\u00e4digungen, nach Versagungen und Vorenthaltungen, indem er sie in Beziehung setzt zu historisch-gesellschaftlich erarbeiteten objektiven M\u00f6glichkeiten.<\/li>\n<li>Er erm\u00f6glicht, indem er Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit historisch in Frage stellt, jene Befreiung von Geschichte und unbegriffenen Momenten der Lebensgeschichte, von \u00fcberst\u00e4ndigen Verh\u00e4ltnissen und unangemessenen Bewu\u00dftseinsformen, die Nietzsche einer kritischen Historie als Aufgabe zuweisen wollte (- bislang mit eher magerem Erfolg).<\/li>\n<li>Er stellt neben der Frage nach der Befreiung von einer Geschichte, die wie ein Alp auf den Gehirnen und dem Leben der Zeitgenossen lasten kann, die Frage nach historischem Erbe, indem er bewu\u00dft auf m\u00f6gliche Zukunft in der Vergangenheit ausgeht.<\/li>\n<li>Er verzeichnet Siege wie Niederlagen der einen und der anderen Seite auf dem verschlungenen, m\u00fchseligen und umwegreichen Pfad der Gattungsgeschichte und vergesellschaftet die vergangenen Erfahrungen als Ansatz f\u00fcr behutsame Radikalit\u00e4t. Er vermittelt historische Bildung als die F\u00e4higkeit, &#8222;die politisch relevante Beziehung zwischen Antizipation und Bedingung herzustellen &#8230; Die objektive Notwendigkeit deckt jede subjektive W\u00fcnschbarkeit zu; der Mensch kriecht an seine Freiheit heran&#8221; (Hans-Joachim Heydorn).<\/li>\n<li>Er erm\u00f6glicht, indem er Geschichte auch und nach Ma\u00dfgabe des M\u00f6glichen gegen den Strich b\u00fcrstet (Benjamin), Angeh\u00f6rigen von Gruppen, Schichten und Klassen, d.h. Sch\u00fclern unterschiedlichster sozialer Herkunft, ihre historische Identit\u00e4t zu finden, die ihnen bislang durch eine einsinnige Geschichte enteignet war und wurde.<\/li>\n<li>Er erm\u00f6glicht Sch\u00fclern die Teilhabe an einer wesentlichen historischen Erarbeitung; an Erkenntnisweisen und Kategorien historischen Denkens, die systematisch einge\u00fcbt werden m\u00fcssen &#8211; eines eingreifenden Denkens, das zu denkendem Eingreifen bef\u00e4higt.<\/li>\n<li>Er beweist seine Wissenschaftlichkeit, indem er dazu bef\u00e4higt, \u00fcber die bestehende Gesellschaft vern\u00fcnftig hinauszudenken und sich von der bestehenden Gesellschaft nicht \u00fcberm\u00e4chtigen zu lassen. Er erweist sie aber auch darin, da\u00df er die bestehenden gesellschaftliche Erarbeitungen kenntlich macht, um sie vor Regression zu verteidigen. Er macht deutlich: es gibt Zeiten, da schreitet fort, wer zur\u00fcckgreift.<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-gegen-den-strich-buersten\">Geschichte gegen den Strich b&uuml;rsten<\/span><\/h2>\n<p>VIII.<\/p>\n<p>Der Kampf um die Erinnerung ist ein Kampf von Anfang an:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8230; immmer doch<br \/>Schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten<br \/>Dem Erschlagenen entstellt<br \/>Der Schl\u00e4ger die Z\u00fcge<br \/>Aus der Welt geht der Schw\u00e4chere und zur\u00fcck bleibt<br \/>Die L\u00fcge\n<\/p>\n<p align=\"right\" class=\"bodytext\"><i>Brecht<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In diesen Kampf ist auch der Geschichtsunterricht verwickelt. Das Bewu\u00dftsein dieses Kampfes und das Bewu\u00dftsein der Verantwortung vor den Heranwachsenden verpflichtet Wissenschaftler und Lehrer: Sie m\u00fcssen Geschichte m\u00fchselig gegen den Strich b\u00fcrsten, um die Z\u00fcge des Erschlagenen kenntlich, die L\u00fcge erkennbar zu machen und den Mi\u00dfbrauch der Geschichte zu verhindern.<br \/>Das Programm hat nur einen Nachteil: es ben\u00f6tigt zu seiner Verwirklichung Erben Kants und Verfechter einer Erziehungskunst im Sinn der Aufkl\u00e4rung, die gegenw\u00e4rtig unter das Verdikt fallen; Radikale im \u00f6ffentlichen Dienst zu sein.<\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p>Fustel de Coulanges empfiehlt dem Historiker, wolle er eine Epoche nacherleben, so solle er alles, was er vom sp\u00e4teren Verlauf der Geschichte wisse, sich aus dem Kopf schlagen. Besser ist das Verfahren nicht zu kennzeichnen, mit dem der historische Materialismus gebrochen hat. Es ist ein Verfahren der Einf\u00fchlung. Sein Ursprung ist die Tr\u00e4gheit des Herzens, die acedia, welche daran verzagt, des echten historischen Bildes sich zu bem\u00e4chtigen, das fl\u00fcchtig aufblitzt. Sie galt bei den Theologen des Mittelalters als der Urgrund der Traurigkeit. (&#8230;) Die Natur dieser Traurigkeit wird deutlicher, wenn man die Frage aufwirft, in wen sich denn der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich einf\u00fchlt. Die Antwort lautet unweigerlich, in den Sieger. Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einf\u00fchlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zu gut. Damit ist dem historischen Materialisten genug gesagt. Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden \u00fcber die dahin f\u00fchrt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so \u00fcblich war, im Triumphzug mitgef\u00fchrt. Man bezeichnet sie als die Kulturg\u00fcter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturg\u00fctern \u00fcberblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht ohne Grauen bedenken kann. Es dankt sein Dasein nicht nur der M\u00fche der gro\u00dfen Genien, die es geschaffen haben, sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Proze\u00df der \u00dcberlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist. Der historische Materialist r\u00fcckt daher nach Ma\u00dfgabe des M\u00f6glichen von ihr ab. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Geschichte gegen den Strich zu b\u00fcrsten.<\/p>\n<p><i>Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (VII),1940.<\/i><\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2435],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12309","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-bergmann","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geschichte und Geschichtsunterricht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/geschichte-und-geschichtsunterricht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geschichte und Geschichtsunterricht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Kampf um die Erinnerung aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft2\/1977), S.33-41 F&uuml;r einen Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richt, der, statt einsinnige historische Kontinuit&auml;t erscheinen zu lassen und sich damit gegen die Zukunft zu sperren, der Idee des Forts&shy;chritts in der Tradition der Aufkl&auml;rung verpflichtet ist, pl&auml;diert der Gie&szlig;ener Geschichts&shy;di&shy;dak&shy;tiker Klaus Bergmann. 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