{"id":12310,"date":"1977-01-28T15:09:00","date_gmt":"1977-01-28T14:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/geschichte-und-vergangenheit\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:09","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:09","slug":"geschichte-und-vergangenheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/geschichte-und-vergangenheit\/","title":{"rendered":"Geschichte und Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S.42-48<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vergangenheit-ist-nicht-objektiv-da-sie-lebt-vom-gedaechtnis-der-leute-nur-was-die-gegenwart-von-ihr-weiss-ist-vorhanden-von-dieser-these-ausgehend-zeigt-die-historikerin-und-publizistin-christa-dericum-wie-sehr-geschichte-die-bemuehung-ist-die-gegenwart-und-gaenzlich-ungewisse-zukunft-dadurch-zu-bewaeltigen-dass-sie-darunter-ein-netz-aus-nuetzlichem-und-fuer-gewiss-gehaltenem-vergangenen-knuepft-vergangenheit-dient-den-einen-zur-legitimation-ihrer-macht-den-anderen-zur-legitimation-ihres-kampfes-um-befreiung\">&bdquo;Vergan&shy;gen&shy;heit ist nicht objektiv da, sie lebt vom Ged&auml;chtnis der Leute. Nur was die Gegenwart von ihr wei&szlig;, ist vorhanden.&rdquo; Von dieser These ausgehend zeigt die Histo&shy;ri&shy;kerin und Publizistin Christa Dericum, wie sehr Geschichte die Bem&uuml;hung ist, die Gegenwart und g&auml;nzlich ungewisse Zukunft dadurch zu bew&auml;ltigen, da&szlig; sie darunter ein Netz aus n&uuml;tzlichem und f&uuml;r gewi&szlig; gehaltenem Vergangenen kn&uuml;pft. Vergan&shy;gen&shy;heit dient den einen zur Legiti&shy;ma&shy;tion ihrer Macht, den anderen zur Legiti&shy;ma&shy;tion ihres Kampfes um Befreiung.<\/span><\/h2>\n<p><b>&#8222;Nach Canossa gehen wir nicht&#8220;<\/b><\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt des Kulturkampfes, im Mai 1872, knapp ein Jahr nach der Gr\u00fcndung des zweiten Kaiserreiches, sagte Otto von Bismarck vor dem Reichstag mit kr\u00e4ftigem Pathos: &#8222;Seien Sie au\u00dfer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht, weder k\u00f6rperlich, noch geistig.&#8221;<br \/>Bismarck kannte die Wirkung solcher R\u00fcckgriffe in die Geschichte. Die begeisterte Zustimmung der Zuh\u00f6rer und des deutschen B\u00fcrgertums, das sie vertraten, blieb nicht aus. Niemand wollte nach Canossa gehen. Die Emp\u00f6rung \u00fcber die Anspr\u00fcche der r\u00f6mischen Kurie auf Unfehlbarkeit in Glaubenssachen wuchs mit der Erinnerung an die Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum \u00fcber die Laieninvestitur im hohen Mittelalter. Damals hatte sich der Kaiser nach langem Widerstreben der Autorit\u00e4t des Papstes unterworfen. F\u00fcr sein Imperium lehnte Bismarck dergleichen ab. Ein zweites Canossa sollte es nicht geben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-falscher-vergleich\">Ein falscher Vergleich<\/span><\/h2>\n<p>Bismarcks Geschichtsverst\u00e4ndnis reichte nicht weiter als das der meisten seiner Zeitgenossen. Der Vergleich mit der Dem\u00fctigung, die Kaiser Heinrich IV im Winter des Jahres 1077 auf sich genommen hatte, war falsch. Aber er lag nahe. Niemand hielt Bismarck entgegen, da\u00df weder der Papst noch die deutschen F\u00fcrsten im Jahr 1872 vom Kaiser und seinem Kanzler einen Bu\u00dfgang mit leiblicher Unterwerfung verlangten.<br \/>Das Unfehlbarkeitsdekret des Papstes war eine erfindungsreiche Waffe im Kampf um die Macht; doch l\u00e4ngst schon hatte die Theorie von den zwei Schwertern, dem geistlichen und dem &#8211; von diesem abh\u00e4ngigen &#8211; weltlichen, keine Wirklichkeit mehr. Hie\u00df es w\u00e4hrend des mittelalterlichen Investiturstreits von Papst Gregor VII, da\u00df er \u00fcberall mit dem geistlichen Schwert herumblitze, so konnte man von Pius IX nichts vergleichbar Kraftvolles sagen. Er hatte den Kirchenstaat verloren, weil er die Impulse der italienischen Einigungsbewegung verkannt hatte. Von Rom war ihm die Peterskirche mit dem Vatikan- und Lateranpalast geblieben. Seine Versuche, den Verlust der weltlichen Macht durch Erkl\u00e4rungen geistlicher Autorit\u00e4t auszugleichen, mu\u00dften kl\u00e4glich erscheinen gemessen an den Aufkl\u00e4rungs- und Freiheitsidealen der Epoche.<br \/>Papst Pius IX brauchte das Unfehlbarkeitsdekret, um die vorher erlassene Enzyklika &#8222;Quante cura&#8221;, die sich gegen die freien Anschauungen \u00fcber die Religion richtete, und den sogenannten &#8222;Syllabus errorum&#8221; &#8211; das Verzeichnis aller Irrlehren, mit der Forderung der unbedingten Unterordnung des Staates und der wissenschaftlichen Forschung unter die Autorit\u00e4t der katholischen Kirche &#8211; durchsetzen zu k\u00f6nnen. Das Unfehlbarkeitsdekret war ein \u00e4u\u00dferstes Aufgebot. Die Ohnmacht des Papsttums gegen\u00fcber den neuen staatlichen Gewalten dokumentierte sich.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"papst-und-kaiser-im-mittelalter\">Papst und Kaiser im Mittelalter<\/span><\/h2>\n<p>Niemals w\u00e4re es Gregor VII und den P\u00e4psten des Mittelalters in den Sinn Papst und Kaiser gekommen, sich als Stellvertreter Christi auf Erden in Glaubenssachen eine Garantie gegen den Vorwurf der Fehlbarkeit zu geben. Gab es zuweilen zwei oder gar drei P\u00e4pste, die sich ihre Macht gegenseitig streitig machten, so hatte das vorwiegend politische Gr\u00fcnde. Bei Canossa, im 11. Jahrhundert, stand p\u00e4pstliche Autorit\u00e4t als von Gott gegeben noch hoch im Kurs: der Kaiser wurde vom Papst gekr\u00f6nt und best\u00e4tigt, das Christentum bestimmte mit seiner hierarchischen Ordnung auch das gesellschaftliche Gef\u00fcge des Abendlandes.<br \/>Wohl hatte der weltliche Machtanspruch der P\u00e4pste seit Karl dem Gro\u00dfen die K\u00f6nige und Kaiser zu Gegenanspr\u00fcchen gereizt. Die vielgepriesene Einheit des christlichen Abendlandes war in Wirklichkeit ein st\u00e4ndiges Gegeneinander im Miteinander. Sie bestand aus Spannungen und ungleichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen. Im Glauben aber war man sich einig: Papst, Kaiser, die F\u00fcrsten, das Volk. Daran \u00e4nderten auch vorreformatorische Str\u00f6mungen nichts.<br \/>Deshalb mu\u00dfte Heinrich IV im B\u00fc\u00dfergewand vor Canossa erscheinen, nachdem er im Kampf um die weltliche Macht sich zu der f\u00fcr damalige Begriffe unerh\u00f6rten Anma\u00dfung hatte hinrei\u00dfen lassen, den Papst f\u00fcr abgesetzt zu erkl\u00e4ren. Wegen dieser Tat wurde er gebannt. Kein Kaiser des Mittelalters konnte es sich leisten, im Bann der Kirche Christi, die zu verteidigen er geschworen hatte, weiter zu regieren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"bismarck-und-das-paepstliche-unfehlbarkeitsdekret\">Bismarck und das p&auml;pstliche Unfehl&shy;bar&shy;keits&shy;de&shy;kret<\/span><\/h2>\n<p>Im Jahr 1872 sah die Situation f\u00fcr das protestantische Preu\u00dfen, f\u00fcr das Deutsche Kaiserreich, f\u00fcr Bismarck und das deutsche B\u00fcrgertum g\u00e4nzlich anders aus. Was von Bismarck und seinen Zuh\u00f6rern an dem p\u00e4pstlichen Unfehlbarkeitsdekret als Ungeheuerlichkeit empfunden wurde, war das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen dem historischen Anspruch und dem neuen nationalen Selbstbewu\u00dftsein mit Souver\u00e4nit\u00e4tsanspruch in allen Bereichen. Den Papst h\u00e4tte Bismarcks Vergleich mit Canossa zutiefst befriedigen m\u00fcssen, w\u00e4re er selbst in der Lage gewesen, den tiefsitzenden Komplex, die Unsicherheit zu beurteilen, die hinter Bismarcks Pathos stand. &#8222;Canossa&#8221; als Reaktion war mehr als das \u00e4u\u00dferste, das auch ein weniger abgewirtschaftetes Papsttum in dieser Lage h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen.<br \/>Die scheinbare Wiederkehr einer historischen Konstellation, der Situation von Canossa, beeintr\u00e4chtigte das omnipotente Hochgef\u00fchl des preu\u00dfisch-deutschen Kaiserreiches offensichtlich ganz entscheidend. Nat\u00fcrlich war die Gleichzeitigkeit von Reichsgr\u00fcndung und Unfehlbarkeitserkl\u00e4rung nicht zuf\u00e4llig, wie der ganze darum entbrannte Streit sehr deutlich zeigt. Aber Bismarck verkannte mit seiner vehementen Abweisung einer Canossa-Unterwerfung die eigene Wirklichkeit genau so wie die Lage, in der Kaiser und Papst sich acht Jahrhunderte fr\u00fcher befunden hatten.<br \/>Woher kam das?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-als-stuetze-der-gegenwart\">Geschichte als St&uuml;tze der Gegenwart<\/span><\/h2>\n<p>II<\/p>\n<p>Wie so oft in der Politik spielte die Historie bei Bismarck dann eine Rolle, wenn vergleichbare Verh\u00e4ltnisse zu fortschrittlichen Erw\u00e4gungen Anla\u00df boten. Die Idee, aus der Geschichte zu lernen, war schon vor dem 19. Jahrhundert tief eingewurzelt, lange bevor Jakob Burckhardt sie eindr\u00fccklich formulierte: &#8222;Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (f\u00fcr ein andermal) als weise (f\u00fcr immer) werden.&#8221; Das &#8222;weise f\u00fcr immer&#8221; des Philosophen kam der historisierenden Epoche entgegen. Das 19. Jahrhundert hatte die Geschichte als St\u00fctze der Gegenwart nicht entdeckt, aber es machte entschiedener davon Gebrauch als fr\u00fchere Epochen.<br \/>Der englische Historiker J. P. Plumb hat neuerdings nachgewiesen, da\u00df zu allen Zeiten und in allen Kulturen Vergangenheit jeweils manipuliert worden ist. Vergangenheit dient den Interessen der Gegenwart, lautet seine These. Das ist durchaus nicht negativ zu beurteilen, sondern als notwendige Folge der Hilflosigkeit des Menschen seinem Dasein gegen\u00fcber, das er in seinen Bedingungen, in die er hineingeboren wurde; weder ganz erfassen, noch seinen w\u00fcnschen entsprechend formen kann. Das einzig Sichere im Leben der Menschen ist das, was sie aus der abgeschlossenen Vergangenheit als Wissen, als Vorbild, als &#8222;Lebensideal&#8221;, wie Johan Huizinga sagt, mitnehmen k\u00f6nnen. Die g\u00e4nzlich ungewisse Zukunft erh\u00e4lt eine einigerma\u00dfen gewisse Vorstrukturierung nur durch R\u00fcckgriffe auf etwas, was in der Vergangenheit als gut, n\u00fctzlich, gewi\u00df, gegenwartsstiftend galt. Oder auf etwas, das so absto\u00dfend war, da\u00df es in Gegenwart und Zukunft nicht wieder vorkommen soll.<br \/>Vergangenheit ist die Summe all dessen, was geschehen, gemacht und gedacht worden ist. Aber sie ist nicht in toto gegenw\u00e4rtig. Vieles ist verloren, zerst\u00f6rt, vergessen. Nur Spuren der Vergangenheit sind da, Reste, die interpretiert werden m\u00fcssen, um verstanden zu werden. Vergangenheit ist nicht objektiv da, sie lebt im Ged\u00e4chtnis der Leute. Nur was die Gegenwart von ihr wei\u00df, ist vorhanden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-als-interpretation-von-vergangenheit\">Geschichte als Inter&shy;pre&shy;ta&shy;tion von Vergan&shy;gen&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Vergangenheit ist nicht identisch mit Geschichte. Geschichte ist Bewu\u00dftwerdung von Vergangenheit. Johan Huizinga nannte es &#8222;die geistige Form, in der eine Kultur sich Rechenschaft \u00fcber ihre Vergangenheit gibt&#8221;. Man k\u00f6nnte Geschichte auch als ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckgerufene Vergangenheit bezeichnen. Da hat dann jeder seine eigene Geschichte, und was an Gemeinsamkeiten auftaucht, gelangte durch Interpretationen in die K\u00f6pfe. Und Interpretationen der Vergangenheit bestimmen die Gegenwart.<br \/>W\u00e4hrend die Geschichtswissenschaft nach immer pr\u00e4ziseren Methoden zur Erforschung der Vergangenheit suchte, machte sich schon im 19. Jahrhundert eine pragmatische Geschichtsauffassung breit. An der Idee des Fortschritts orientiert, wurde die Geschichte in Anspruch genommen, um an ihr das Besserwissen der Gegenwart, ihr Weisersein zu demonstrieren. Noch 1916 schrieb der ehemalige Reichskanzler B\u00fclow eine &#8222;Deutsche Politik&#8221;, in der die Geschichte als Lehre f\u00fcr das politische Verhalten erscheint. Dabei wurde die historische Wirklichkeit im Sinne der jeweiligen Gegenwart gedeutet und eine zukunftsbeflissene Geschichte, statt einer vergangenheitsbezogenen Gegenwart, konstruiert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-lebt-vom-vergleich\">Geschichte lebt vom Vergleich<\/span><\/h2>\n<p>Freilich ist, wie Edmund Burke angesichts der Franz\u00f6sischen Revolution immer wieder darlegte, das Bed\u00fcrfnis des Menschen, sich nach Vorbildern, \u00e4hnlichen Erscheinungen oder abschreckenden Beispielen in der Vergangenheit umzusehen, ein Grundmotiv menschlichen Verhaltens. Geschichte lebt vom Vergleich, und in der Unsicherheit seines Daseins ist der Mensch empf\u00e4nglich f\u00fcr Vergleichbares. Bismarcks Canossa-Argument zeigt dies. Auch Fragen wie: Ist Bonn Weimar? War Hitler Karl dem Gro\u00dfen vergleich-bar? \u00c4hnelte die Franz\u00f6sische Revolution der protestantischen Reformation, der Mensch um 1900 dem des alten Rom? Glich die Konferenz von Helsinki dem Wiener Kongre\u00df von 1814\/15?<br \/>Solche Vergleiche sind \u00fcblich. Sie beruhen auf einer mehr oder weniger deutlichen Vorstellung zumindest eines der beiden Sachverhalte oder Menschen, einer der beiden Epochen. Sie etikettieren das jeweils andere mit der Assoziation vom einen. Alle Tradition beruht auf Vergleich. Unsere Erziehung ist gepr\u00e4gt davon. Da ist von &#8222;gro\u00dfen Deutschen&#8221; die Rede, von historischen Figuren, Helden, mythischen Taten. Aber auch von dem Onkel Egon, dem Verschwender, der dem heranwachsenden Knaben mahnend vorgehalten wird, er trete in dessen Fu\u00dfstapfen. Oder von einer Ideologie des 19. Jahrhunderts, die vergleichsweise geschichtstr\u00e4chtig f\u00fcr unsere Gegenwart wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-als-legitimation-der-macht\">Geschichte als Legiti&shy;ma&shy;tion der Macht<\/span><\/h2>\n<p>J. H. Plumb beschreibt in seinem Buch Die Zukunft der Vergangenheit die Auffassung der Chinesen, die bis heute ihre Vergangenheit nicht historisch-distanziert betrachten, sondern nach ihrer sozialen Effektivit\u00e4t. Die Vergangenheit wird genutzt f\u00fcr die Gegenwart. Gesetze, Sittenvorschriften, die Legitimit\u00e4t der Herrschaft, Erziehungsprinzipien, Glaubenss\u00e4tze wurden und werden aus der Vergangenheit abgeleitet. Das Gewicht fr\u00fcheren Daseins verleiht solchen Zeugnissen zwingende Autorit\u00e4t. Plumb schlie\u00dft seine Beobachtung dieses Ph\u00e4nomens an verschiedenen Kulturen mit der Behauptung, Geschichte sei immer eine aufgestellte Ideologie mit einer Absicht, die darauf hinziele, das Individuum zu kontrollieren, Gesellschaften zu motivieren oder Klassen zu inspirieren. Konzepte von Vergangenheitsinterpretation \u00e4ndern sich je nach den Bed\u00fcrfnissen der Gegenwart.<br \/>Macht bedarf der Legitimation. Erfahrungsgem\u00e4\u00df suchen sie die jeweils Herrschenden in drei Bereichen: in der Religion oder Ideologie, die auf Vergangenheit gr\u00fcnden; in der <br \/>P h i 1 o s o p h i e, die ihre Weisheit aus Erfahrungen der Vergangenheit zieht; in der <br \/>G e s c h i c h t e, mit deren Hilfe gegenw\u00e4rtige Anspr\u00fcche aus der Vergangenheit abgeleitet werden. Gemeinsam ist allen diesen Anstrengungen die Auffassung, die schon von den meisten V\u00f6lkern der alten Welt \u00fcberliefert ist, da\u00df die Vergangenheit der einzige Beweis f\u00fcr das Fortleben in der Zukunft ist. Ob die Geschichte als fortschreitender Proze\u00df oder als kreis-, ellipsen- oder andersf\u00f6rmige Bewegung aufgefa\u00dft wird, \u00e4ndert daran nichts. Solange Menschen leben, wird sie in Bewegung sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geschichte-stets-auf-gegenwart-bezogen\">Geschichte &ndash; stets auf Gegenwart bezogen<\/span><\/h2>\n<p>III<\/p>\n<p>&#8222;Geschichte&#8221; hei\u00dft die Summe der Bem\u00fchungen, Vergangenes zu verstehen. Oder, wie Waldemar Besson konzis sagt:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Geschichte, verstanden als die ihr geschichtliches Gewordensein reflektierende Gegenwart, ist &#8211; notwendig relativ zu dieser &#8211; stets auf sie bezogen. Der Versuch, Maximen f\u00fcr das konkrete Handeln in dieser Gegenwart aus der Geschichte zu gewinnen, f\u00e4llt daher in sich zusammen. Der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist nicht als ein unabh\u00e4ngig vom Betrachter existierendes ,Gegen\u00fcber` objektivierbar, sondern unterliegt der Verwandlung &#8230; Der Satz, da\u00df die Geschichte immer wieder umgeschrieben werden m\u00fcsse, bezeichnet den Sachverhalt, da\u00df sich unser Verh\u00e4ltnis zur Vergangenheit in dem Ma\u00dfe \u00e4ndert, wie sich die gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit und mit ihr unsere Interessen, Leidenschaften, Denkweisen und sozialen Verhaltensformen selber umformen.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Waldemar Besson, der fr\u00fch verstorbene Historiker der Neuzeit, war ungew\u00f6hnlich sensibel seinem eigenen Metier gegen\u00fcber. Die Gegenwart vermi\u00dft ihn, denn von ihm h\u00e4tte sie eine brauchbare Geschichtstheorie er-warten k\u00f6nnen, die die Hegelsche &#8222;List der Vernunft&#8221; zwischen Ideologie, angeblicher Objektivit\u00e4t und angeblicher geschichtlicher Wahrheit aufsp\u00fcrt. Die Relativit\u00e4t des Denkens als Grundbedingung f\u00fcr Geschichte schien Besson unabweisbar.<br \/>Die verschiedenen neueren Ans\u00e4tze der Geschichtswissenschaft reflektieren dies auch. So die Auffassung, da\u00df die Geschichtswissenschaft niemals das Leben einer Epoche ganz reproduzieren k\u00f6nne. Immer gibt Geschichte Ausschnitte aus der F\u00fclle vergangener Wirklichkeiten, das hei\u00dft, sie bewahrt nur das vor dem Vergessenwerden, was in irgendeiner Weise der Gegenwart als wissenswert erscheint. &#8222;Geschichte ist daher die sich ihres Werdens bewu\u00dftwerdende Gegenwart.&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kein-wertfreies-historisches-urteil\">Kein &bdquo;wertfreies&ldquo; histo&shy;ri&shy;sches Urteil<\/span><\/h2>\n<p>Es gibt keine objektive Geschichte, die der Historiker blo\u00df auf zuarbei- Kein &#8222;wertfreies&#8221; ten habe. Geschichte ist jeweils relatives Wissen, ist Interpretation. Auch bei peinlich genauer Quellenkritik und Beachtung aller bekannten Faktoren l\u00e4\u00dft sich kein authentisches Bild der Vergangenheit herstellen. Niemals kann der Historiker &#8222;wertfrei&#8221; urteilen, niemals feststellen &#8222;wie es gewesen ist&#8221;, wie Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert noch glaubte. Kein Mensch kann von seinen gegenw\u00e4rtigen Bedingungen, von seinen gegenw\u00e4rtigen Interessen und damit von seinen jeweiligen Interpretationsm\u00f6glichkeiten abstrahieren. Das Subjekt, als handelndes Subjekt der Gegenwart, verleibt sich das geschichtliche Objekt ein und verwandelt es, ob es will oder nicht.<br \/>Die Auseinandersetzungen \u00fcber den Bismarckschen Machtstaat best\u00e4tigen dies. Historiker vor allem waren es, die aus der Geschichte das monarchische Prinzip, den Caesarismus und die preu\u00dfische Hegemonie ableiteten, Die Ideen von 1848 lie\u00dfen sich mit Hilfe des historischen Reichsbegriffes abwerten. Vergleiche mit fr\u00fcheren plebiszit\u00e4ren Bewegungen f\u00fchrten die Gefahren der B\u00fcrgerkriege und Unruhen vor Augen. Die mit akribischem Eifer verbreiteten Vergleiche mit Zeiten der Einheit, mit K\u00f6nigs- und Kaiserherrschaft \u00fcber alles, was &#8222;deutsch&#8221; schien, standen gegen Partikularismus, F\u00f6rderalismus und demokratische Ans\u00e4tze.<br \/>Immer schon war der geschichtliche Vergleich ein Element der Politik. Er wird eingesetzt, um die \u00f6ffentliche Meinung zu beeinflussen, um das allgemeine Denken auf logische Schl\u00fcsse hinzuf\u00fchren, die ohne diesen Vergleich nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4ren. Die Allgemeinheit kann die Beweisf\u00fchrung des Historikers nicht nachpr\u00fcfen, sie wird die Analogie als richtig akzeptieren. Deshalb nehmen totalit\u00e4re Staaten ihre Historiker an die dogmatische Leine. Deshalb haben Historiker zu allen Zeiten eine so wichtige Rolle in den Staaten gespielt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gefaehrliche-mystifizierung-der-vergangenheit\">Gef&auml;hrliche Mysti&shy;fi&shy;zie&shy;rung der Vergan&shy;gen&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>IV<\/p>\n<p>Der konservative Rebell Friedrich Nietzsche sprach von den &#8222;geschichtlichen Effekten an sich&#8221; und von Zeiten, die zwischen einer monumentalischen Vergangenheit und einer mythischen Fiktion gar nicht zu unterscheiden verm\u00f6gen, weil aus der einen Welt genau dieselben Antriebe entnommen werden k\u00f6nnen wie aus der anderen. Hitlers historische Analogien hatten verheerende Wirkung. Die Nachkriegszeit ist voll von Monumentalisierungen, wie die hochaufgelegte Naziliteratur, Heldengeschichtsschreibung, Kriegsmemoiren und Erscheinungen wie die des Obersten Rudel zeigen. Das Bed\u00fcrfnis der Gegenwart nach einer bestimmten Art von Vergangenheit scheint gro\u00df zu sein. Da\u00df diese Vergangenheit schon selbst eine Mystifizierung von Vergangenheit brauchte, erschwert die Geschichte.<br \/>Auch die linke Bewegung lebt vom historischen Vergleich. Die Philosophie des dialektischen Materialismus ist eine historische Philosophie, entstanden im 19.Jahrhundert, das dem Historismus mehr als alle anderen auch aus politischen Gr\u00fcnden zugeneigt war. Hegels Auffassung von der &#8222;Wahrheit, die in der Macht liegt&#8220;, begr\u00fcndete die sp\u00e4tere deutsche Staatsrechtslehre und beeinflu\u00dft sie bis heute. Marx und Engels analysierten die Geschichte als die Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen. Klassenkampf ist heute zu einem politischen Programm geworden, losgel\u00f6st von seiner historischen Bedingheit.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-historische-vergleich-wird-zur-ideologie\">Der historische Vergleich wird zur Ideologie<\/span><\/h2>\n<p>Wie auch immer angewandt, wird der historische Vergleich zu Ideologie.<br \/>Die Ideologie ist, wie der Vergleich selber, weder beweisbar, noch widerlegbar. Der Vergleich h\u00e4lt, wie Bismarck wohl wu\u00dfte, das Denken in einem bestimmten Rahmen fest. Was herausf\u00e4llt, geh\u00f6rt nicht zum Bild. Die Analogie, urspr\u00fcnglich ein logisches Hilfsmittel zur Erhellung von Sachverhalten, gerinnt zur Metapher. Es entsteht Eindeutigkeit durch Etikettierung anstelle von erkl\u00e4render Umschreibung des jeweiligen Zustanedes. Das Vorgehen erkannte schon der r\u00f6mishce Rethoriker Qintilan: &#8222;Zweifelhaftes auf etwas \u00c4hnliches, das nicht in Frage steht, zu beziehen, um Ungewisses durch Gewisses zu beweisen.&#8220;<br \/>Verabsolutierung der Geschichte f\u00fchrt allemal dazu, Gewisses erzwingen zu wollen. Die Trennung von Vergangenheit und Geschichte mindert den Anspruch.Sie h\u00e4lt die Fraglichkeit offen. Historische Denkm\u00e4ler sind keine Beweise.<\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p>Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus hei\u00dft. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als w\u00e4re er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Fl\u00fcgel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte mu\u00df so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unabl\u00e4ssig Tr\u00fcmmer auf Tr\u00fcmmer h\u00e4uft und sie ihm vor die F\u00fc\u00dfe schleudert. Er m\u00f6cht wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenf\u00fcgen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seine Fl\u00fcgeln verfangen hat und so stark ist, da\u00df der Engel sie nicht mehr schlie\u00dfen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den R\u00fccken kehrt, w\u00e4hrend der Tr\u00fcmmerhaufen vor ihm zum himmel w\u00e4chst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.<\/p>\n<p><i>Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (IX), 1940.<\/i><\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2436],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12310","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-christa-dericum","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geschichte und Vergangenheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/geschichte-und-vergangenheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geschichte und Vergangenheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S.42-48 &bdquo;Vergan&shy;gen&shy;heit ist nicht objektiv da, sie lebt vom Ged&auml;chtnis der Leute. 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