{"id":12312,"date":"1995-12-20T16:45:00","date_gmt":"1995-12-20T15:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/08a9689106\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"08a9689106","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/08a9689106\/","title":{"rendered":"Geschichtsrevision durch \u00f6ffentliche Kampagnen: Die Gruppe um Rainer Zitelmann"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 98-103<\/p>\n<p>Am 7. April 1995 erscheint auf der dritten Seite der FAZ eine gro\u00dfe Anzeige unter dem Titel &#132;8. Mai 1945 &#150; Gegen das Vergessen&#148;. Die Initiatoren dieser Anzeige, u.a. Rainer Zitelmann und Klaus Rainer R\u00f6hl, ehemals radikale Linke, w\u00e4hlen einen ungew\u00f6hnlichen Weg: Sie schreiben keinen Aufsatz, keinen Artikel, keine Glosse, sondern f\u00fcnf S\u00e4tze. Diese k\u00fcrzelhafte Form zielt nicht auf Reflexion, sondern auf schnelle Identifikation.<\/p>\n<p>Die Kampfposition der Anzeige wird deutlicher erkennbar, wirft man einen Blick in das etwa zur gleichen Zeit im Hausverlag der Rechtskonservativen erschienene Buch von Rainer Zitelmann &#132;Wohin treibt unsere Republik?&#148; [1]. Im Unterschied zu gedankenreichen, sprachlich begabten Konservativen &#150; wie etwa Johannes Gross &#150; lernt man, auch in der Kritik, aus dieser Agitationsschrift nichts, zumal sie in einer b\u00fcrokratisierten, gegenstandsarmen Sprache geschrieben ist. Dennoch mu\u00df man diese Schrift wegen ihrer politischen Wirkung ernst nehmen. Immerhin hat sie auch der fr\u00fchere Herausgeber der FAZ, Fritz Ullrich Fack, in seiner Zeitung wohlwollend besprochen.<\/p>\n<p>Der Hauptgegner f\u00fcr Zitelmanns Versuch der Revision des Geschichtsverst\u00e4ndnisses ist Richard von Weizs\u00e4cker und seine bekannte, im Jahre 1985 gehaltene Rede zum 8. Mai 1945. [2] Zitelmann greift diese Rede, die den 8. Mai 1945\u00a0als Tag der Befreiung vom &#132;menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft&#148; begreift, frontal an. Den entscheidenden Grund nennt er selber: Er wendet sich gegen den &#132;scheinbar selbst zerknirschte(n), in Wahrheit jedoch stets das eigene Volk und die Geschichte dieses Volkes anklagende(n) Tonfall&#148; der &#132;Reden Weizs\u00e4ckers&#147; [3] &#8211; als bes\u00e4\u00dfe die deutsche Geschichte angesichts von Buchenwald, Treblinka und Auschwitz eine homogene, positive Gestalt, mit der man sich fraglos identifizieren k\u00f6nne. Die Kritik an der Rede Weizs\u00e4ckers entspringt einem r\u00fcden Nationalismus. Von diesem Ziel bestimmt, sucht Zitelmann die unverstellte Wahrnehmung des nationalsozialistischen Terrorsystems zu ver\u00e4ndern, ja zu blockieren. In einem Gemeinschaftsbeitrag hatte er schon von einem &#132;Mangel an Gelassenheit im Umgang mit der NS-Geschichte&#148; gesprochen &#8211; als handele es sich um einen f\u00fcr moralisches Empfinden ungeeigneten Gegenstand. Als verantwortlicher Redakteur der &#132;Welt&#148; ver\u00f6ffentlicht er eine bemerkenswerte Besprechung des Films &#132;Schindlers Liste&#148;. Ulrich Raulffs berichtet dar\u00fcber: Zitelmann &#132;lie\u00df &#8230; den fr\u00fcheren Filmer Will Tremper schreiben, der sich \u00fcber die \u00fcbertriebene Grausamkeit beschwerte, mit der die SS -Eins\u00e4tze im Ghetto von Krakau dargestellt seien, und sich dazu auf Heinrich Himmler berief. Den darauf losbrechenden Sturm der Entr\u00fcstung, der auch die Redaktion der ,Welt` erfa\u00dfte, suchte Zitelmann mit dem Wort zu d\u00e4mpfen, dies sei ein Aufstand des Schlammes gegen den Berg. [5]<\/p>\n<p>Im einzelnen setzt Zitelmann den von ihm so genannten &#132;Stereotypen der Linken&#147;,[6] die Weizs\u00e4cker artikuliere, die Behauptung entgegen, da\u00df der westdeutsche Pr\u00e4sident &#132;die Menschen in der DDR ausklammerte, f\u00fcr die ja der 8. Mai keineswegs Befreiung bedeutete&#148;. Er setzt hinzu, da\u00df &#132;die kommunistischen Widerstandsk\u00e4mpfer f\u00fcr die Ersetzung der nationalsozialistischen durch die stalinistische Diktatur&#148; k\u00e4mpften. [7] Als Historiker d\u00fcrfte Zitelmann wissen, da\u00df die DDR nicht am 8. Mai 1945 gegr\u00fcndet worden ist. F\u00fcr die Menschen der sowjetischen Besatzungszone hat der 8. Mai keine andere Bedeutung als im Westen, er sprengt endg\u00fcltig das NS-Mordsystem, dem geschichtlich nichts Vergleichbares folgt. Die Entwicklung zur SED-Diktatur war ein l\u00e4ngerer widerspr\u00fcchlicher Proze\u00df, dem zun\u00e4chst gewichtige, zumal sozialistische Gegentendenzen entgegen-wirken, wie sie etwa von der Zeitschrift &#132;Ost und West&#148; (1947-1949) von Alfred Kantorowicz oder von Professoren wie Wolfgang Abendroth [8] formiert werden. Die Etablierung der DDR-Diktatur kann nicht in den Kategorien des NS-Mordsyndikats, auf das der Begriff der Befreiung bezogen ist, zureichend erfa\u00dft werden. Denn nach der Einsicht von Hannah Arendt geht die NS-Herrschaft weit \u00fcber eine Tyrannis hinaus, weil sie die systematische Ermordung von Menschen, die keine politischen Feinde sind, betreibt. [9]<\/p>\n<p>Die Ausgrenzung des kommunistischen Widerstands durch Zitelmann ist im Ergebnis ein Angriff auf den gesamten Widerstand gegen das NS-Regime: Es war die aus Konservativen, Christen und Sozialdemokraten gebildete Gruppe des 20. Juli, die &#8211; mit Julius Leber und Adolf Reichwein &#8211; am 22. Juni 1944 die Verbindung zur kommunistischen Opposition, zur Saefkow-Jacob-Gruppe, herstellt, um die Front gegen Hitler zu verbreitern.[10] Dies auch von Stauffenberg unterst\u00fctzte B\u00fcndniskonzept der M\u00e4nner des 20. Juli wird von Zitelmann im Nachhinein negiert.<\/p>\n<p>Die Attacke auf die Position Weizs\u00e4ckers, angetrieben von einem blind machenden Affekt, der sich in der Bemerkung vom &#132;oft nichtssagenden Wortschaum&#148; [11] der Reden des fr\u00fcheren Bundespr\u00e4sidenten \u00e4u\u00dfert, ist das Hauptziel der Anzeige zum 8. Mai. Sie \u00fcbernimmt wesentliche Elemente einer Rede, die Alfred Dregger vor dem Verband Deut-scher Soldaten gehalten hat. [11a] Der Text der Anzeige lautet: &#132;,Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragw\u00fcrdigste Paradoxie f\u00fcr jeden von uns. Warum denn? Weil wir erl\u00f6st und vernichtet in einem sind.` Die Paradoxie des 8. Mai, die der erste Bundespr\u00e4sident unserer Republik, Theodor Heuss, so treffend charakterisierte, tritt zunehmend in den Hintergrund. Einseitig wird der 8. Mai von Medien und Politikern als ,Befreiung&#8216; charakterisiert. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, da\u00df dieser Tag nicht nur das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft bedeutete, sondern zugleich auch den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdr\u00fcckung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes. Ein Geschichtsbild, das diese Wahrheiten verschweigt, verdr\u00e4ngt oder relativiert, kann nicht Grundlage f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis einer selbstbewu\u00dften Nation sein, die wir Deutschen in der europ\u00e4ischen V\u00f6lkerfamilie werden m\u00fcssen, um vergleichbare Katastrophen k\u00fcnftig auszuschlie\u00dfen.&#148;<\/p>\n<p>Der Satz von Theodor Heuss, der durch seine Zustimmung zum Erm\u00e4chtigungsgesetz vom M\u00e4rz 1933 zur Konstituierung der NS-Diktatur selber beigetragen hat und daher f\u00fcr die Frage der Bewertung der Zerschlagung des Regimes ein problematischer Zeuge ist, verfehlt das eigentliche Geschehen des 8. Mai 1945. In schlechter Allgemeinheit wird diesem Tag die &#132;tragischste und fragw\u00fcrdigste Paradoxie f\u00fcr jeden von uns&#148; zugemessen. Die Nazis in Gesellschaft, Staat und Milit\u00e4r, der Widerstand und die Opfer in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sa\u00dfen wahrlich nicht in einem Boot. Heuss aber spricht Differenzierungslos von &#132;wir&#148;. Diese Fiktion ersetzt den kritischen Gesamtblick auf das Regime. Aus dieser Perspektive aber ergibt sich, da\u00df die Niederlage der Nazi-Diktatur objektiv mit der Befreiung zusammenf\u00e4llt. Wer Befreiung als einen einseitigen Begriff bezeichnet und ihn &#8211; wie die Autoren der Anzeige &#8211; relativierend auch noch in Anf\u00fchrungszeichen setzt, hat sich gedanklich vom NS-Regime nicht vollst\u00e4ndig gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Diese Tendenz belegt der n\u00e4chste Formelsatz, in dem der 8. Mai als Tag des &#132;Beginn(s) von Vertreibungsterror&#148; bezeichnet wird. Ignatz Bubis hat zu Recht die hierin implizierte Verdr\u00e4ngung der Herrschaftsmechanismen des Dritten Reiches scharf notiert: &#132;Dieser Vertreibungsterror hat &#8230; bereits am 30. Januar 1933 begonnen.[12]. Die Folgen des von Nazi-Deutschland vom Zaun gebrochenen Krieges werden aus dem geschichtlichen Verantwortungszusammenhang gel\u00f6st und zu puren Daten, die die Deutschen gleichsam schuldlos treffen, verkehrt. Die Entstehungsgeschichte der Schrecken der Vertreibung, der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und Polen, ohne den die Fl\u00fcchtlinge ihre Heimat nicht verloren h\u00e4tten, bleibt ausgeblendet. Unterschlagen wird, da\u00df die Teilung Deutschlands nicht das Ziel der Siegerm\u00e4chte des 8. Mai war. In der Potsdamer Konferenz vom August 1945 wird vielmehr beschlossen, gesamtdeutsche Staatssekretariate f\u00fcr Wirtschaftsfragen einzurichten, um die Einheit Deutschlands zu wahren. Diese Beschl\u00fcsse werden von Frankreich, nicht von der Sowjetunion torpediert.<\/p>\n<p>Die Formeln der Anzeige, deren Sto\u00dfrichtung darin besteht, den wichtigsten Einschnitt der deutschen Geschichte, die Beendigung des Systems des Grauens durch die Alliierten, zu relativieren, zielen auf ein anderes Geschichtsbild. Es wird im Wort von der &#132;selbstbewu\u00dften Nation&#148; zusammengefa\u00dft. Das ist die Vokabel f\u00fcr einen neuen Nationalismus, der die Gesamtwirklichkeit des Nationalsozialismus der moralisch angemessenen Wahrnehmung entzieht und die Umverteilung der Schuld zu Lasten der Alliierten betreibt. [12a]<\/p>\n<p>Angesichts des Gehalts der Anzeige zum 8. Mai ist es bemerkenswert, welche Unterst\u00fctzung sie erf\u00e4hrt. Zu den Unterzeichnern der Anzeige geh\u00f6ren prominente Christdemokraten wie Alfred Dregger und Heinrich Lummer, CSU-Politiker wie der Entwicklungsminister Carl Dietrich Spranger und Peter Gauweiler, einflu\u00dfreiche Verleger wie Herbert Fleissner und Carl Wilhelm Busse, Journalisten vom rechten Rand wie Caspar von Schrenck-Notzing von &#132;Criticon&#148; und Dieter Stein von der &#132;Jungen Freiheit&#148;, der stell-vertretende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen Alfred Arbelt, der Geschichtsprofessor Franz W. Seidler und die Professoren der Politikwissenschaft Gerhard Kn\u00fctter und Klaus Hornung. Auch der fr\u00fchere sozialdemokratische Verteidigungsminister Hans Apel unterschreibt die Anzeige, zieht seine Unterschrift nicht aus inhaltlichen Gr\u00fcnden, sondern deshalb zur\u00fcck, weil er &#132;diese Gesellschaft&#148; nicht mag.&#148; [13]<\/p>\n<p>In bestimmten Zeitungen wird die Kampagnenpolitik aufgegriffen. In der FAZ werden die Positionen der Anzeige durch einen nur vier Tage nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung erscheinenden Leitartikel verst\u00e4rkt. Eckhard Fuhr, der in einem sp\u00e4teren Beitrag behauptet, zum guten Teil sei es dem Aufruf zum 8. Mai gelungen, &#132;die politisch-kulturell vorherrschende Linke in ihrer pawlowschen &#8230; D\u00fcrftigkeit&#148; vorzuf\u00fchren,[14] stellt sich auf den Standpunkt des Heuss-Satzes von der sogenannten Ambivalenz des 8. Mai und verteidigt die Verfasser. [15] Fuhr \u00fcbernimmt die Thesen der Anzeige. Er macht Front gegen Rita S\u00fcssmuth &#8211; mit einem Scheinargument. Viele Deutsche h\u00e4tten die &#8211; von Fuhr in Anf\u00fchrungszeichen gesetzte &#8211; Schreckensherrschaft &#132;nicht als solche empfunden&#148;. Daher seien sie auch nicht von ihr befreit worden. Die Affirmation des Regimes wird zum Argument gegen den Vorgang der Befreiung gemacht, die Verblendung der Anh\u00e4nger des NS-Regimes zum Wahrheitskriterium umgef\u00e4lscht. Dabei \u00e4ndert das subjektive Bewusstsein der Mitl\u00e4ufer und der T\u00e4ter nichts an dem Gesamtgeschehen der Befreiung vom national-sozialistischen Zwangssystem. In dem Leitartikel, der am 50. Jahrestag des 8. Mai er-scheint, beh\u00e4lt die FAZ &#8211; \u00fcbereinstimmend mit der Anzeige die Position der teilweisen Negation der befreienden Bedeutung des 8. Mai bei. Der Herausgeber Johann Georg Rei\u00dfm\u00fcller schreibt: &#132;Die Deutschen h\u00e4tten sich damals freudig befreit f\u00fchlen m\u00fcssen und sonst nichts. Wer das verlangt, dem ist das menschliche Ma\u00df abhanden gekommen.&#147;[16].<\/p>\n<p>Die Kampagne zur Umdeutung des 8. Mai wird auch von politischen Kr\u00e4ften der CDU und der CSU aufgenommen. Wolfgang Sch\u00e4uble stellt sich hinter seinen Vorg\u00e4nger Alfred Dregger und erkl\u00e4rt, da\u00df es gegen den von Dregger unterschriebenen Aufruf nichts einzuwenden g\u00e4be.&#148; Anders als Rita S\u00fcssmuth, die die &#132;Befreiung von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft als das einigende Band &#8230; dieses Jahrestags [18] bezeichnet, schiebt Sch\u00e4uble die Wahrheitsfrage beiseite. Er erkl\u00e4rt, da\u00df man den Menschen nicht vorschreiben k\u00f6nne, was sie mit diesem Datum f\u00fcr Gef\u00fchle zu verbinden haben.&#148;[19]<\/p>\n<p>In die gleiche Kerbe schl\u00e4gt die CSU, sie verwendet den Aufruf fast w\u00f6rtlich in ihren Verlautbarungen und beruft sich auf das Wort von Heuss, wir seien zugleich erl\u00f6st und vernichtet worden? [20] Der stellvertretende CSU-Vorsitzende Friedrich sagt, es sei einseitig, wenn der 8. Mai allein als Tag der Befreiung gesehen werde. [21]<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich betrachtet ist die Kampagne der Gruppe um Zitelmann erfolgreich. Ihr gelingt es, auch bedingt durch viele politische und journalistische Querverbindungen, das konservative bis rechtsradikale Meinungslager um einen Focus zu sammeln. Doch erreicht sie ein wichtiges Ziel nicht. Die geplante Kundgebung, mit der die Initiatoren ihre Kampagne am 7. Mai 1995 in M\u00fcnchen abschlie\u00dfen wollten, mu\u00df abgesagt werden, nachdem Alfred Dregger auf Druck seiner Partei seine Zusage, die Hauptrede zu halten, zur\u00fcckzieht. Zuvor hat sich Dregger den Einwand von Bubis, da\u00df der Vertreibungsterror nicht erst am 8. Mai 1945, sondern am 30. Januar 1933 begann, zu eigen gemacht.<\/p>\n<p>Die Wirksamkeit der Kampagne zum 8. Mai darf nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Sie erreicht die Mobilisierung der eigenen politischen Kr\u00e4fte, ihr gelingt es aber nicht, die Meinungsf\u00fchrerschaft zu erringen, weil eine starke Mehrheit der politischen und wissenschaftlichen \u00d6ffentlichkeit den nationalistischen Angriff auf die unverstellte Wahrnehmung der \u00dcberwindung der NS-Herrschaft abwehrt und die Frage der Verantwortung f\u00fcr die Praxis des NS-Terrors nicht beiseite schieben l\u00e4\u00dft. Ein Beispiel ist der Kommentar der &#132;Zeit&#148; zu der Anzeige: &#132;Der 8. Mai als Beginn deutscher Leiden. Man kennt das von den Verlegern und Autoren, deren Namen unter der Anzeige stehen. Nazi-Tenor, Machtergreifung, Rassenwahn, Auschwitz, was ist das schon, verglichen mit dem, was danach kam? Es ist die immerw\u00e4hrende Melodie vom Gleichgewicht der Schuld. [22]<\/p>\n<p>Umfragen zeigen, da\u00df die \u00d6ffentlichkeit gegen rechtskonservative Umdeutungen der deutschen Geschichte des 8. Mai 1945 resistenter ist, als man es angesichts des L\u00e4rms der Gruppe um Zitelmann denken sollte. Eine im Auftrag der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen im April 1995 durchgef\u00fchrte Untersuchung ergibt, da\u00df 80 Prozent der Deutschen das Kriegsende eher als Befreiung denn als Niederlage ansieht [23]. Die Tendenz dieses Ergebnisses wird auch vom Institut in Allensbach best\u00e4tigt. [24]<\/p>\n<p>Die relative Immunit\u00e4t der politischen \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber nationalistischen Meinungskampagnen sollte nicht vergessen machen, da\u00df in zugespitzten Krisen die Durchsetzungsm\u00f6glichkeiten der Ideologen des rechten Kartells zunehmen werden, weil sie in Zeiten der Verunsicherung identifikatorische Botschaften erfolgreicher aussenden k\u00f6nnen. Und auch gegenw\u00e4rtig sind derartige Kampagnen nur durch eine ideologiekritisch gesch\u00e4rfte Kompetenz zu neutralisieren, die die auf Filzschuhen der Scheinsachlichkeit sich bewegende Gruppe um Zitelmann n\u00fcchtern analysiert. Man sollte der Versuchung widerstehen, mit gleicher agitatorischer M\u00fcnze heimzuzahlen. Das Argument hat eine gr\u00f6\u00dfere Langzeitwirkung.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 R. Zitelmann, Wohin treibt unsere Republik?, Frankfurt\/M. 1995<br \/>2 R. v. Weizs\u00e4cker, Bulletin der Bundesregierung Nr. 52\/1985, S. 441ff.<br \/>3 R. Zitelmann (Fn. l), S. 89<br \/>4 Zit. nach M. Kittel, Die Legende von der zweiten Schuld, Frankfurt\/M.1993, S. 11 <br \/>5 FAZ vom 13.4.94<br \/>6 R. Zitelmann (Fn. 1), S. 86<br \/>7 Ebd., S. 87<br \/>8\u00a0 W. Abendroth, Die Justizreform in der Sowjetzone Deutschlands, Europa Archiv 1948, S. 1545 , Anm. 68<br \/>9 H. Arendt, Urspr\u00fcnge und Elemente totaler Herrschaft (1955), FrankfurtlM.1962, S. 672ff.<br \/>10 D. Beck, Julius Leber, Sozialdemokrat zwischen Reform und Widerstand, Berlin 1983, S. 195ff. R. Zitelmann (Fn.1), S. 85<br \/>11a FR, v. 27.3.93<br \/>12 FAZ v.19.4.95<br \/>12a In dieser Linie liegt die j\u00fcngste ideologische Operation von Zitelmann. Er verschaffte seinem geistigen Freund Karlheinz Wei\u00dfmann, einem j\u00fcngeren rechtskonservativen Historiker, die M\u00f6glichkeit, den Nationalsozialismus-Band der Propyl\u00e4en-Weltgeschichte zu schreiben. Die renomierten Herausgeber der Reihe, D. Groh, H. und W.J. Mommsen u.a., erkl\u00e4rten, der Verlag habe sich &#132;unter Verletzung des Vertrages mit dem Herausgeber&#148; f\u00fcr Wei\u00dfmann entschieden. Der Berichterstatter der FAZ, Michael Jeismann, zitiert aus Wei\u00dfmanns Buch &#132;Der Weg in den Abgrund&#148; diesen Satz; &#132;Aber niemals hat ein Volk so hart f\u00fcr seine Untaten geb\u00fc\u00dft, die es beging oder die doch in seinem Namen begangen wurden.&#148; Jeismann kommentiert: , Von den V\u00f6lkern, die gar<br \/>nicht ahnen konnten, wof\u00fcr sie b\u00fc\u00dfen, ist nicht weiter die Rede.&#148; FAZ v. 24.11.95, s, auch S\u00fcddeutsche Zeitung vom 25.\/26.11.1995<br \/>13 Der Spiegel v. 17.4.95, S. 92<br \/>14 FAZ v. 25.4.95 <br \/>15 FAZ v. 11.4.95 <br \/>16 FAZ v. 8.5.95 <br \/>17 FAZ v. 2.5.95<br \/>18 Der Spiegel (Fn. 13), S. 92<br \/>19 Fn. 17<br \/>20 FAZ v. 13.4.95<br \/>21 FAZ v. 12.4.95 <br \/>22 Zeit v. 14.4.95 23 FR v. 29.4.95 <br \/>24 FAZ v. 25.4.95<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[427],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12312","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-joachim-perels","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geschichtsrevision durch \u00f6ffentliche Kampagnen: Die Gruppe um Rainer Zitelmann - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/08a9689106\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geschichtsrevision durch \u00f6ffentliche Kampagnen: Die Gruppe um Rainer Zitelmann - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 98-103 Am 7. 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