{"id":12313,"date":"1981-10-01T14:00:00","date_gmt":"1981-10-01T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/geschwindigkeit-und-lebenschancen\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:30","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:30","slug":"geschwindigkeit-und-lebenschancen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/53-vorgaenge\/publikation\/geschwindigkeit-und-lebenschancen\/","title":{"rendered":"Geschwindigkeit und Lebenschancen"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die Schwierigkeit, in einer automobilisierten Gesellschaft aufzuwachsen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 53 (Heft 5\/1981), S. 82-85<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"worueber-ich-sprechen-moechte\">Wor&uuml;ber ich sprechen m&ouml;chte<\/span><\/h2>\n<p>Kaum erwachsen, ist sie auch schon fast verstorben, die Utopie von der autogerechten Gesellschaft. Erst 20 Jahre ist unsere t\u00e4gliche Verkehrslawine alt, die Zahl der Pkw hat sich seither von 4,5 Millionen auf 23 Millionen verf\u00fcnffacht. Freiheit, Komfort, Prestige, die dreifaltige Verhei\u00dfung des konsumintensiven Fortschritts kristallisierte sich besonders im Automobil, und wir haben das Antlitz unseres Landes bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet, um den Raum f\u00fcr die freie Fahrt des freien B\u00fcrgers durchl\u00e4ssig zu machen. Energiekosten und Verkehrsverstopfung haben den Mythos der automobilen Gesellschaft verblassen lassen; ich m\u00f6chte von den p\u00e4dagogischen Kosten eines solchen Typs von Fortschritt sprechen. Schlie\u00dflich haben alle Lebensverh\u00e4ltnisse eine p\u00e4dagogische Dimension; wie sie sich f\u00fcr junge Menschen anf\u00fchlen, pr\u00e4gt sich der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung ein. Jenseits aller Schulen stellt jeder Lebensplan auch einen Bildungsplan dar. Mich interessiert, wie der &#8222;heimliche Bildungsplan&#8220; der Autogesellschaft, und damit ein St\u00fcck weiter auch der heimliche Bildungsplan des industrialistischen Fortschritts, beschaffen ist.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wie-das-auto-den-raum-umwertet\">Wie das Auto den Raum umwertet<\/span><\/h2>\n<p>Ein paradoxer Effekt ist zu verzeichnen: entgegen allen Hoffnungen verhilft uns das Auto nicht dazu, mehr Zeit einzusparen, denn Autofahrer wie Nicht-Autofahrer geben t\u00e4glich dieselbe Zeit f\u00fcr ihre Mobilit\u00e4t aus. Wer sich mit einem Auto ausr\u00fcstet, ist nicht weniger unterwegs, sondern f\u00e4hrt weiter, die neuerworbenen Geschwindigkeitskr\u00e4fte werden nicht in weniger Mobilit\u00e4tszeit, sondern in l\u00e4ngere Fahrtstrecken umgem\u00fcnzt. Allein zwischen 1970 und 1978 hat sich die mittlere t\u00e4gliche Wegstrecke pro Einwohner um 24 % verl\u00e4ngert, statt vormals 20,5 km dann 25,4 km. Dieser Explosion unseres Aktionsradius sind die Siedlungsverh\u00e4ltnisse nachgewachsen und umgekehrt: die explodierten Entfernungen zwingen uns zu einem automobilen Aktionsradius. Unsere t\u00e4glichen Ziele, wo wir arbeiten, einkaufen oder Freunde besuchen wollen, sind weiter weg gewandert: der Tante-Emma-Laden ist verschwunden, der Betrieb liegt am anderen Ende der Stadt und die Freunde sind in die Trabantenstadt gezogen. Weil die Entfernungen so wachsen, sehen wir uns pl\u00f6tzlich zum Auto gen\u00f6tigt, Mobilit\u00e4tszwang allerorten.<\/p>\n<p>Dabei ist das Wachstum der Entfernungen der r\u00e4umliche Ausdruck eines sozialen Vorgangs, n\u00e4mlich der Zentralisierung unserer Lebensverh\u00e4ltnisse. Da wird die Ferne wichtiger als die N\u00e4he: W\u00e4hrend in der lokalen Umwelt unserer Wohnung kaum mehr viel zu holen ist, sind die lebenswerten Ziele in die Ferne ger\u00fcckt, den Nahraum brauchen wir nicht mehr. Mehr noch, der Nahraum mit seinen Winkeln und Sturheiten steht im Wege, er hindert die Beschleunigung zu den ferneren Zielen. Also mu\u00df er dran glauben: da wird abgetragen, begradigt, durchsto\u00dfen und vereinheitlicht, bis die Nachbarschaft zur Durchgangsstra\u00dfe und zum Parkraum umgebaut ist. Hohe Geschwindigkeiten f\u00fchren zu einer Umwertung des Raumes, indem der Nahraum der Ferne dienstbar gemacht wird, die Ferne \u00fcberherrscht die N\u00e4he.<\/p>\n<p>Die Geringsch\u00e4tzung der N\u00e4he allerdings kann sich nur weniger als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung leisten: sie verf\u00fcgt n\u00e4mlich nur \u00fcber ihre K\u00f6rperkr\u00e4fte und nicht \u00fcber die Motorkr\u00e4fte eines Autos. Nur der besch\u00e4ftigte, m\u00e4nnliche, 25-50j\u00e4hrige Teil der Bev\u00f6lkerung wird beschleunigt, nur die f\u00fcr Arbeit und Konsum in der Ferne n\u00fctzlichen M\u00e4nner haben ihre Aktionsweite und ihre Umlaufgeschwindigkeit erh\u00f6ht. Sie fahren all den anderen davon: Kinder, Jugendliche, \u00e4ltere Menschen, Hausfrauen, weniger Bemittelte, sie werden stehen gelassen. Die Beschleunigung der einen wird mit der Verlangsamung der anderen erkauft, die Macht der einen \u00fcber den Raum verurteilt die anderen zur Ohnmacht in ihrem Raum. Ich vermute, da\u00df die ungleiche Herrschaft \u00fcber Geschwindigkeit, da\u00df der Niedergang der Nahwelt und der Aufstieg der entfernten Welt ein gedeihliches Aufwachsen erschweren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"transportbeduerftige-kinder\">Trans&shy;port&shy;be&shy;d&uuml;rf&shy;tige Kinder<\/span><\/h2>\n<p>Wo Kinderg\u00e4rten, Schulen, Freunde, ja all die St\u00e4tten, wo das Leben rauscht, aus der Nachbarschaft auswandern, da werden Kinder unbeweglicher. Aus eigener Kraft &#8211; sei es zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad &#8211; k\u00f6nnen sie manche f\u00fcr sie attraktive Orte, und auch viele Pflichtorte, nicht erreichen, die Automobilisierung hat f\u00fcr sie weniger Mobilit\u00e4t gebracht. Besch\u00e4digt ist ihre Kompetenz, kraft eigener Motorik den ihnen wichtigen Raum zu beherrschen. Nicht, da\u00df sie nicht d\u00fcrften, sondern da\u00df sie effektiv nicht k\u00f6nnen, mindert ihre Autonomie. Eine Erfahrung, die im p\u00e4dagogischen Schlagschatten des industrialistischen Fortschritts h\u00e4ufig wiederkehrt: nicht mehr so die Verbote angreifbarer Personen, sondern die stummen Zw\u00e4nge technisch-organisatorischer Systeme rauben die Lebensluft.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite w\u00e4chst der Zwang zum Transport; Kinder m\u00fcssen zunehmend damit fertig werden, Pendler und Passagiere zu sein. So hat sich zwischen 1960 und 1975 der Ausbildungsverkehr verdreifacht, obwohl die Zahl der Sch\u00fcler nur zu einem Drittel gestiegen war, oder anders: die H\u00e4lfte aller Ausbildungswege sind Transportwege. Besonders sticht hier nat\u00fcrlich die Zentralisierung der Landschulen ins Auge, wo zu nachtschlafender Zeit der Schulbus in gro\u00dfen Schleifen von Dorf zu Dorf die Kinder einsammelt, um sie auf Umwegen und mit viel Geschaukel in Mittelpunktschulen abzuliefern. Untersuchungen zu Schulbuskindern geben einen aufschlu\u00dfreichen Hinweis: nicht M\u00fcdigkeit oder Zeitdauer macht sie \u00e4ngstlicher und aggressiver, sondern der versperrte R\u00fcckzug zur Mutter. Kinder, die ohne Transport auskommen, f\u00fchlen sich in der Lage, bei drohender Gefahr nach ihrem eigenen Willen zur sch\u00fctzenden Mutter zur\u00fcckzukommen, andere f\u00fchlen sich bedrohlich ausgeliefert und abgeschnitten und m\u00fcssen sich behaupten. Mehr Kinder lernen fr\u00fcher, mit Stra\u00dfenbahnen und Bussen klarzukommen, ihr Zugewinn an Selbst\u00e4ndigkeit verlangt mehr Selbstdisziplin und Selbstbehauptungswillen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig verst\u00e4rkt die Abh\u00e4ngigkeit vom Transport die Abh\u00e4ngigkeit von den Erwachsenen. Weil ihnen ihre Welt aus eigener Kraft nicht zug\u00e4nglich ist, sind sie auf das Wohlwollen der Erwachsenen angewiesen. Die chauffierende Mutter ist die komplement\u00e4re Rolle zum Vorschulpassagier; in England sind 27 % aller Autofahrten, die M\u00fctter unternehmen, solche Chauffeursfahrten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"spielen-als-termingeschaeft\">Spielen als Termin&shy;ge&shy;sch&auml;ft<\/span><\/h2>\n<p>Transportabh\u00e4ngigkeit \u00fcbt in die \u00d6konomie des Raumes und in die \u00d6konomie der Zeit ein. Kinder lernen, Distanzen zu kalkulieren, den Weg zum Bleistiftkaufen und den zur Freundin g\u00fcnstig hintereinander zu koppeln. An der Haltestelle lernt man zu warten, die Zeit totzuschlagen, im Bus braucht es Geduld, manche W\u00fcnsche sind aufzusparen, bis sie f\u00e4llig sind. Der Kinderalltag wird mehr durch Verabredungen strukturiert, weniger durch Ereignisse und Begegnungen: wann kommst du zur\u00fcck? wie treffen wir uns? wie lange brauche ich da? Dazu kommt, da\u00df die Beschleunigung der Kinder wie auch der Eltern die Koordinationslast f\u00fcr alle erh\u00f6hen, es ist einfach mehr zu planen, zu bedenken, einzurechnen. Kurzum, Kinder m\u00fcssen sich oft fr\u00fch in das Gesch\u00e4ft der Koordination von Personen in Raum und Zeit ein\u00fcben. Solche abstrakten Verpflichtungen erfordern Zeitdisziplin und Selbstkontrolle, spontane Motive, den eigenen Erlebensrhythmus, \u00fcberraschende Eindr\u00fccke mu\u00df der heranwachsende &#8222;Organisationsmensch&#8220; wegstecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"beschnittener-streifraum\">Beschnit&shy;tener Streifraum<\/span><\/h2>\n<p>Vor lauter p\u00e4dagogischer Aufr\u00fcstung vergessen wir oft, da\u00df bis in die j\u00fcngste Vergangenheit viele Kinder &#8222;auf der Stra\u00dfe&#8220; ihre Welt und ihren Platz darin gefunden haben (weniger ausgepr\u00e4gt bei den Kindern des gehobenen B\u00fcrgertums). In der Nachbarschaft, mit ihren Stra\u00dfen und Hinterh\u00f6fen, ihren B\u00e4chen und Brachgel\u00e4nden, ihren Kr\u00e4merl\u00e4den und Werkst\u00e4tten, ihren Treffpunkten und Zusammenk\u00fcnften, war ein gutes St\u00fcck der Welt erfahrbar, handgreiflich standen ihre Berufe, ihre Konflikte und ihre vielen Gesichter vor Augen. Der Nahraum war so etwas wie ein Mikrokosmos der Natur und der Gesellschaft, die Welt offenbarte sich dort im kleinen. Und vor allem war die &#8222;Stra\u00dfe&#8220; ein St\u00fcck unbetreuter Erfahrung, wo in lockeren und festen Gruppen nach eigenen Regeln und Gesetzen eine eigenst\u00e4ndige Kinderwelt Fu\u00df fassen konnte.<\/p>\n<p>Die Automobilisierung, wie auch schon die Verst\u00e4dterung allgemein, zerst\u00f6rt solche lokalen Lebensr\u00e4ume. Physisch r\u00fccken die Herausforderungen der Natur, die unheimlich glucksenden B\u00e4che und das undurchdringliche Gestr\u00fcpp ferner. Parkfl\u00e4chen und Verkehrsstra\u00dfen haben das Gel\u00e4nde der \u00dcberraschungen und der Abenteuer abgeschn\u00fcrt und schneiden &#8211; bei Strafe des Verkehrtods &#8211; den Streifraum von Kindern ab. Damit schwinden Gelegenheiten, sich ungebunden einen Raum auszukundschaften und zu erobern, damit vergehen die Anregungen, seine Umwelt auszuprobieren und nach eigener ldee zu gestalten. Unabh\u00e4ngigkeit braucht ein Territorium, Raumgrenzen sind Entwicklungsgrenzen.<\/p>\n<p>Und weiter: bei einem so strangulierten Aktionsraum verliert die unabh\u00e4ngige Kinderwelt der Stra\u00dfenspiele und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe an Boden. Ein beschnittener Raum hat beschnittene soziale Beziehungen im Gefolge. Denn f\u00fcr Kinderspiele ist kein Platz: Knickern, Verstecken, V\u00f6lkerball, Hopsen, R\u00e4uber und Gendarm und erst recht das Gewoge der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe brachten die Kinder zusammen. Beschnittene Beziehungen allerdings erschweren die Identit\u00e4tsbildung, denn mit wem soll man sich vergleichen, wie kann man sich selbst in den Reaktionen der anderen erfahren?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ausgewanderte-gesellschaft\">Ausge&shy;wan&shy;derte Gesell&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>Wo fr\u00fcher ein Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgebreitet war, wo verkauft, verhandelt, wo flaniert und zur Schau gestellt wurde, da braust heute der Verkehr. Die Stra\u00dfe ist vom Lebensraum zum Verkehrsraum verkommen, da stellt sich nichts mehr zur Schau als gegenseitig konkurrierende Autofahrer. Da\u00df, verst\u00e4rkt durch das Automobil, sich die sozialen Aktionsr\u00e4ume der Erwachsenen geographisch ungemein erweitert haben, hat zwei dramatische Effekte f\u00fcr die Welt, mit der Kinder in Ber\u00fchrung kommen: arbeitende und alte Menschen sind ihrem Gesichtskreis entschwunden. Was die Gesellschaft am Leben erh\u00e4lt, n\u00e4mlich Arbeit, und was die Gesellschaft gestern war, die Alten bezeugen es, ist f\u00fcr die Jungen weniger zug\u00e4nglich, ja weniger wirklich geworden. Wie Alltag, Arbeit und Alter jenseits der Familie aussieht, kann von Kindern kaum mehr eingesehen werden, im doppelten Sinne des Wortes. Der Ausschnitt der Gesellschaft, welcher durch prim\u00e4re Erfahrung erlebt werden kann, schrumpft gegen Null.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"enteignete-umwelt\">Enteignete Umwelt<\/span><\/h2>\n<p>Wer unsicher, orientierungslos und versch\u00fcchtert sich einer fremden Stadt ausgesetzt sieht, der erlebt, wie eine ungesicherte Beziehung zum Raum die Identit\u00e4t, das Gef\u00fchl, die eigene Sache in der Hand zu haben, strapaziert. &#8222;Mein&#8220; Platz, &#8222;mein&#8220; Weg und &#8222;mein&#8220; Viertel sind so etwas wie das r\u00e4umliche Geh\u00e4use der ldentit\u00e4t. Wie es f\u00fcr Gro\u00dfstadtkinder schwieriger geworden ist, sich ihre Umwelt anzueignen, wird dadurch illustriert, da\u00df sie, Untersuchungen zufolge, einen eingegrenzteren subjektiven Stadtplan im Kopfe haben als Kleinstadtkinder. Der Nahraum, den sie sich vorstellen k\u00f6nnen, ist begrenzt, stattdessen bilden sich f\u00fcr sie mehrere, unverbundene Inseln vertrauter R\u00e4ume ab, die &#8211; geographisch in der Stadt verstreut &#8211; in der Wahrnehmung nicht in einem zusammenh\u00e4ngenden Raum lokalisiert werden k\u00f6nnen. Die Zusammenh\u00e4ngigkeit ihrer Raumerfahrung ist gerissen. Ob eine Umwelt subjektiv angeeignet werden kann, h\u00e4ngt von zwei Faktoren ab: sie mu\u00df gut &#8222;lesbar&#8220; und sie mu\u00df ver\u00e4nderbar sein. Nun scheint es, dass die Nahr\u00e4ume unserer St\u00e4dte und auch der D\u00f6rfer weniger &#8222;lesbar&#8220; geworden sind, weil sie weniger an kontrastreicher Vielfalt der Personen, Aktivit\u00e4ten und Formen anbieten. Vielfalt und Kontraste machen die Umwelt sprechen, sie ziehen Gef\u00fchle und Aufmerksamkeit auf sich, erst die Unterschiede regen an und fordern zu Reaktionen auf. Gerade erforschendes und spielendes Verhalten erstirbt in einer Ein-Zweck-Welt betonierter Langeweile. Wo es andererseits anregungsarm und einf\u00e4ltig zugeht, da gibt es auch nichts anzugreifen, einzugreifen und zu handeln. Einer glatten Umwelt, an der sich nichts zu gestalten, ver\u00e4ndern anbietet, lassen sich keine pers\u00f6nlichen Spuren aufpr\u00e4gen. Der ber\u00fchmte Vandalismus ist die verzweifelt verkehrte Weise, der resonanzlosen Umwelt einen pers\u00f6nlichen Stempel aufzudr\u00fccken. Verschlie\u00dft sich aber der Nahraum der subjektiven Aneignung, dann ist es schwerer, selbst einen Ort zu finden und durch die Aneignung eines Raumes ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Kompetenz und Einflu\u00dfkraft der eigenen Person zu bekommen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"freiwuechsige-kindheit-und-betreute-kindheit\">Freiw&uuml;ch&shy;sige Kindheit und betreute Kindheit<\/span><\/h2>\n<p>Die Automobilisierung der Gesellschaft hat kr\u00e4ftig dazu geholfen, das &#8222;\u00d6kosystem&#8220; einer unabh\u00e4ngigen und freiw\u00fcchsigen Kindheit zu zerst\u00f6ren. Jene Lebensgewebe der N\u00e4he, in deren Zug\u00e4nglichkeit, Anregungsdichte und Gestaltbarkeit &#8211; ganz unbemerkt und ungeplant &#8211; die sozialen und r\u00e4umlichen Chancen einer Kindheit au\u00dferhalb des p\u00e4dagogischen Blicks eingelassen waren, l\u00f6sen sich auf. Die Chancen, beil\u00e4ufig aufzuwachsen, ein St\u00fcck weit ungeplant und unveranstaltet gro\u00df zu werden und die Welt ohne Anleitung zu erlernen, sind offenbar gesunken. Wenn einem die K\u00f6rperenergien wenig mehr n\u00fctzen, wenn man kaum mehr mit den eigenen Augen und Sinnen in die Gesellschaft findet, wenn man die Welt, die einen umstellt, weniger mit seinen Motiven besetzen und nach seinen Motiven pr\u00e4gen kann, dann wird es schwerer, die eigene Person als Ursprung von Einflu\u00df und Kompetenz zu erleben und sich selbst als jemand wahrzunehmen, von dem etwas ausgeht, sich als Subjekt eben zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Erosion des &#8222;soziokulturellen Humus&#8220; wird kompensiert und wiederum verst\u00e4rkt durch den Kunstd\u00fcnger veranstalteter Betreuung und Belehrung, vom didaktischen Spielzeug \u00fcber die Ganztagsschule bis zum Fernsehapparat. Es mehren sich die Anzeichen, da\u00df erh\u00f6hte Dosen an Betreuung, &#8211; wie beim Kunstd\u00fcnger, der die Selbstt\u00e4tigkeit der Natur ausschaltet, auch &#8211; kontraproduktiv wirken und das Klima f\u00fcr ein gedeihliches Aufwachsen verschlechtern. Vielmehr treiben mehr Betreuung, mehr Versorgung und mehr Konsum, die ja alle zur Kompensation der freiw\u00fcchsigen Kindheit angetreten waren, tiefer in das Dilemma der modernen Kindheit: da\u00df n\u00e4mlich die Balance zwischen unabh\u00e4ngiger Weltaneignung und programmierter Welterfahrung in Unordnung geraten ist. Unterfordert zu sein in der freiw\u00fcchsigen, sinnlich unmittelbaren Weltaneignung und \u00fcberfordert zu sein in der fremdgeplanten, fabrizierten Welterfahrung, dieses Ungleichgewicht scheint die Krisenlage der modernen Kindheit auszumachen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2438],"publikationen":[1296],"class_list":["post-12313","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfgang-sachs","publikationen-53-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geschwindigkeit und Lebenschancen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/53-vorgaenge\/publikation\/geschwindigkeit-und-lebenschancen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geschwindigkeit und Lebenschancen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcber die Schwierigkeit, in einer automobilisierten Gesellschaft aufzuwachsen In: vorg\u00e4nge 53 (Heft 5\/1981), S. 82-85 Wor&uuml;ber ich sprechen m&ouml;chte Kaum erwachsen, ist sie auch schon fast verstorben, die Utopie von der autogerechten Gesellschaft. 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