{"id":12320,"date":"1997-06-30T09:00:00","date_gmt":"1997-06-30T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gibt-es-einen-freien-tod\/"},"modified":"2021-08-24T21:48:24","modified_gmt":"2021-08-24T19:48:24","slug":"gibt-es-einen-freien-tod","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/gibt-es-einen-freien-tod\/","title":{"rendered":"Gibt es einen &#8222;freien&#8220; Tod?"},"content":{"rendered":"<p>Suizidmotivation und suizidprophylaktische Intervention<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 73-83<\/p>\n<p>&#8222;I believe that no man ever threw away life,<br \/>while it was worth keeping.<br \/>For such is the horror of death,<br \/>that small motives will never be able<br \/>to reconcile us to it &#8230;&#8220;[1]<\/p>\n<p>Die moralphilosophische Diskussion \u00fcber die Selbstt\u00f6tung wird seit Jahrhunderten leidenschaftlich und vielf\u00e4ltig gef\u00fchrt. Dennoch scheint die Frage nach der moralischen Bedeutsamkeit der Suizidpr\u00e4vention davon unber\u00fchrt geblieben zu sein: Pr\u00e4vention und Intervention werden vielfach als selbstverst\u00e4ndlich erachtet. Eingriffe in die pers\u00f6nliche Freiheit des Einzelnen werden gegebenenfalls in Kauf genommen. Der Suizid wird in unserer Gesellschaft vorrangig als medizinisches und psychologisches &#8222;Problem&#8220; wahrgenommen, demgegen\u00fcber moralphilosophische Diskussionen an Bedeutung verlieren.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr diesen einseitigen und von Vorurteilen belasteten Umgang mit der Suizidthematik k\u00f6nnte vor allem in der zumeist negativen Einsch\u00e4tzung der Motive einer Selbstt\u00f6tung liegen. Eine Analyse m\u00f6glicher Motivationen f\u00fcr einen Suizid kann hier fruchtbar sein. Dar\u00fcber hinaus erm\u00f6glicht eine differenziertere Einsch\u00e4tzung der Suizidpr\u00e4vention und -intervention im Hinblick auf die pers\u00f6nliche Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen eine kritische Diskussion der vielfach selbstverst\u00e4ndlich gewordenen Praxis suizidprophylaktischer Intervention.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"selbsttoetung-ein-unrecht-und-wider-die-natur\">Selbst&shy;t&ouml;&shy;tung: Ein Unrecht und wider die Natur?<\/span><\/h2>\n<p>Wie schwierig die Einsch\u00e4tzung der Motive f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung ist, zeigt sich an den oft sehr gegens\u00e4tzlichen Stellungnahmen zu diesem Thema. Sie reichen von der grunds\u00e4tzlichen Pathologisierung des Suizids bis hin zur Anerkennung rationaler Selbstt\u00f6tungsmotive.<\/p>\n<p>Klieeisen und Langen bringen eine klare, aber einseitige Einsch\u00e4tzung der Motivation f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung zum Ausdruck: Sie halten die M\u00f6glichkeit eines rational begr\u00fcndeten Suizids f\u00fcr fragw\u00fcrdig und vertreten die Auffassung, ein Suizid beruhe meist auf einer psychischen St\u00f6rung. Sie berufen sich dazu auf eine Untersuchung des Wiener Psychologen Ringel von 1961, der gar von einer &#8222;Neurose zum Tode&#8220; gesprochen hatte.[2]<\/p>\n<p>Klaus Thomas versucht diese These empirisch zu belegen, indem er feststellt, da\u00df von 6000 untersuchten Suizidgef\u00e4hrdeten nur 17 Menschen ohne eindeutige psychische St\u00f6rungen waren?[3] Thomas bringt ferner ein Beispiel, mit dem er seine grunds\u00e4tzliche Pathologisierung der Selbstt\u00f6tung zu rechtfertigen sucht. Es ist der philosophisch begr\u00fcndete Brief zweier Suizidenten, den er folgenderma\u00dfen kommentiert: &#8222;Depressive und andere seelisch Kranke lieben es, die krankheitsbedingte Hoffnungslosigkeit hinter den Theorien irgendeiner nihilistischen Philosophie zu verbergen.&#8220;[4] In diesem Sinne gibt es f\u00fcr ihn \u00fcberhaupt keinen &#8222;freien&#8220;, das hei\u00dft rationalen, willentlichen Todeswunsch: &#8222;Alles Reden von der Willensfreiheit trifft f\u00fcr den Lebensm\u00fcden nicht zu, und gar das Wort vom &#8218;Freitod&#8216; f\u00fchrt v\u00f6llig irre &#8230;&#8220;[5]<\/p>\n<p>Zusammenfassend w\u00fcrden sich aus dieser Sichtweise die Motive f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung auf verschiedene Formen physischer und psychischer St\u00f6rungen reduzieren lassen. Der Suizid fiele damit nicht mehr in den Bereich moralphilosophischer \u00dcberlegungen, es sei denn im Bezug auf die Formen des Umgangs mit Suizidenten.<\/p>\n<p>Dagegen wehrt sich Anthony Flew vehement gegen die prinzipielle Annahme, jeder Suizid w\u00e4re ein Hinweis auf eine psychische St\u00f6rung. Er ist der \u00dcberzeugung, da\u00df sich ebenso Motive aufzeigen lassen, die auf klaren und wohl\u00fcberlegten Entscheidungen beruhen. Flew \u00e4u\u00dfert vielmehr den Verdacht, da\u00df eine einseitige Beurteilung des Suizids der Gesellschaft eine passende Rechtfertigung verschaffe, den Suizidenten &#8222;in einen gesellschaftlich akzeptierbaren Menschen und B\u00fcrger&#8220; zu verwandeln.[6] Dies f\u00fchre dazu, da\u00df Helfende zu &#8222;staatlichen Funktionstr\u00e4gern&#8220; und Selbstm\u00f6rder zu &#8222;Objekten&#8220; gemacht w\u00fcrden.[7] Offenkundig wird das Problem, rationale Motive f\u00fcr Suizidhandlungen als solche anzuerkennen, stark durch normative Wertungen beeinflu\u00dft. Die beiden Fragen, &#8222;Gibt es ein Recht auf Selbstt\u00f6tung?&#8220; und &#8222;Ist eine Selbstt\u00f6tung &#8218;unnat\u00fcrlich&#8216;?&#8220; spielen f\u00fcr diese Bewertung eine zentrale Rolle.<\/p>\n<p>Die Frage nach dem Recht auf Selbstt\u00f6tung ber\u00fchrt die Freiheit des Einzelnen. Ihre Beantwortung kann entweder aus theologischer, anthropologischer oder sozialer Perspektive geschehen. Einw\u00e4nde gegen eine rationale Selbstt\u00f6tung kannte bereits das antike Weltbild, innerhalb dessen der Mensch vielfach als &#8222;Eigentum der G\u00f6tter&#8220; betrachtet wurde.[8]<\/p>\n<p>Aus christlicher Sicht wurde besonders bei Augustinus und Thomas von Aquin das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis des menschlichen Lebens von einer g\u00f6ttlichen Instanz als &#8222;Geschenk&#8220; beschrieben, demgegen\u00fcber der Mensch sich verantwortlich zeigen m\u00fcsse.[9] Die christliche Geschenkmetapher l\u00e4\u00dft sich jedoch ebensogut umgekehrt deuten. Bereits Hume hat in seinem Essay &#8222;On Suicide&#8220; Augustinus&#8216; Vorstelllung von den Grenzen menschlicher Freiheit radikal in Frage gestellt, indem er darauf hinwies, da\u00df gerade die M\u00f6glichkeit des Suizids Teil des Lebens als &#8222;Geschenk&#8220; sei.[10]<\/p>\n<p>Individualanthropologische, nichttheonome Argumente in Bezug auf die Freiheit zur Selbstt\u00f6tung stellen zwar nicht deren prinzipielle Berechtigung in Frage. Sie zweifeln vielmehr am Sinn eines Suizids, da das Ende des Lebens zugleich das Ende der menschlichen Freiheit bedeute.[11] Neben individualanthropologischen Argumenten spielen in der Diskussion \u00fcber den Suizid auch soziologische Aspekte eine Rolle. So wird der Suizid beispielsweise als Unrecht an der Gesellschaft verurteilt.[12] Umgekehrt gibt es je-, doch ebenso Argumente, die daf\u00fcr sprechen, da\u00df weder der Staat, noch die Familie Rechte gegen\u00fcber einem Suizidenten beanspruchen k\u00f6nnen.[13]<\/p>\n<p>Neben dem Freiheitsaspekt fehlt auch die Frage nach der &#8222;Nat\u00fcrlichkeit\/Unnat\u00fcrlichkeit&#8220; des Suizids in kaum einer philosophischen Stellungnahme zu diesem Thema. Innerhalb der christlichen Tradition sind es vor allem Thomas von Aquin und Kant, deren Hauptargument gegen die Selbstt\u00f6tung das der &#8222;Unnat\u00fcrlichkeit&#8220; ist.<\/p>\n<p>Der Naturbegriff l\u00e4\u00dft allerdings gegens\u00e4tzliche Konnotationen zu: Das &#8222;Nat\u00fcrliche&#8220; kann sowohl aus einer konservativen Haltung heraus als das Vern\u00fcnftige, bzw. als das Best\u00e4ndige gelten, als auch als Schlagwort f\u00fcr eine alternative, konventionskritische Lebensweise dienen. F\u00fcr Birnbacher sind beide Naturvorstellungen idealistisch und damit rein fiktiv: &#8222;,Natur&#8216; ist nicht nur inhaltlich offen, sondern l\u00e4\u00dft die jeweils zugrundegelegte Ausdeutung als die objektiv richtige, weil in den Tatsachen selbst liegende erscheinen.&#8220;[14]<\/p>\n<p>Soll &#8222;Natur&#8220; als Ma\u00dfstab menschlichen Handelns gelten, kann also allenfalls ein bestimmter Ausschnitt der Natur gemeint sein.[15] Die \u00dcberlegungen zu &#8222;Nat\u00fcrlichkeit&#8220; oder &#8222;Unnat\u00fcrlichkeit&#8220; des Suizids legen die Vorstellung von einem &#8222;nat\u00fcrlichen Tod&#8220; nahe. Kann der Ausdruck &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; wenigstens in diesem Zusammenhang eine moralisch relevante Bedeutung annehmen?<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Gerd Roellecke,[16] wehrt sich auch Josef H\u00e4ussling gegen den Begriff der &#8222;Nat\u00fcrlichkeit&#8220;, indem er vor allem auf die subjektive Seite des menschlichen Todes hinweist: &#8222;&#8230; denn die R\u00fcckf\u00fchrung des Sterbens eines bestimmten Lebewesens auf dessen nat\u00fcrliches Enden schlie\u00dft f\u00fcr dieses Lebewesen ein, da\u00df es trotz aller besonderer Struktur letzthin doch nur als verg\u00e4ngliches Naturst\u00fcck betrachtet wird.&#8220;[17] Diese Einw\u00e4nde deuten darauf hin, da\u00df die Verwendung des Naturbegriffes moralphilosophischen Argumenten nur eine scheinbare Objektivit\u00e4t verleiht. Warum sollte ein Tod, der durch Altersschw\u00e4che verursacht wird, nat\u00fcrlicher sein, als ein Tod, der durch Krankheit oder durch den Menschen selbst herbeigef\u00fchrt wird? Der Vorgang des Sterbens kann unabh\u00e4ngig von seiner Verursachung nur nat\u00fcrlichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten folgen, denen der menschliche K\u00f6rper genauso unterliegt, wie der Organismus anderer Lebewesen. Selbst der Versuch, den Begriff des &#8222;nat\u00fcrlichen &#8220; qualitativ aufzufassen, bezieht sich hier auf zwei unterschiedliche Aspekte (Vorgang und Verursachung des Sterbens), die beide jedoch, je nach Definition des Naturbegriffes, sowohl als &#8222;nat\u00fcrlich&#8220;, als auch als &#8222;unnat\u00fcrlich&#8220; gelten k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"motive-fuer-eine-selbsttoetung\">Motive f&uuml;r eine Selbst&shy;t&ouml;&shy;tung<\/span><\/h2>\n<p>Folgend sind alle mir bekannten Motive f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung aufgelistet, ohne dabei nach ihrer statistischen H\u00e4ufigkeit zu fragen:<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1suizid-aus-rationalen-erwaegungen\">1.Suizid aus rationalen Erw&auml;gungen<\/span><\/h2>\n<ul>\n<li>weltanschauliche Gr\u00fcnde (religi\u00f6se, philosophische Motive);<\/li>\n<li>altruistische Motive (Entlastung, &#8222;Opfertod&#8220;);<\/li>\n<li>politische Gr\u00fcnde (Protest, Druckmittel, Machtentzug);<\/li>\n<li>subjektive Motive (als unzumutbar empfundene Krankheiten oder;<\/li>\n<li>\u00e4u\u00dfere Lebensbedingungen)<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"2suizid-aus-affektiven-gruenden\">2.Suizid aus affektiven Gr&uuml;nden<\/span><\/h2>\n<ul>\n<li>akute Verzweiflung, Versagens\u00e4ngste (soziale, partnerschaftliche, berufliche, finanzielle Probleme, Tod eines Nahestehenden;<\/li>\n<li>ersch\u00fctternde Erlebnisse wie Krieg, Vergewaltigung, Katastrophen);<\/li>\n<li>Demonstrativselbstmord (appellativ oder als &#8222;Bestrafung&#8220; auf Grund von Vernachl\u00e4ssigung, \u00dcberforderung, versteckter Aggression);<\/li>\n<li>Leidensminderung (krankheitsbedingte Schmerzzust\u00e4nde, Schuldgef\u00fchle, Angst vor R\u00fcckf\u00e4llen, bzw. Wiederholung von Schmerzen oder bestimmten Situationen);<\/li>\n<li>Verwirrung, Verblendung (durch T\u00e4uschung, Beeinflussung oder Medikamente, bzw. Drogen verursachte \u00c4ngste oder \u00dcberzeugungen;<\/li>\n<li>Massenhysterie)<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-suizid-als-folge-einer-psychischen-erkrankung\">3. Suizid als Folge einer psychischen Erkrankung<\/span><\/h2>\n<ul>\n<li>Depression;<\/li>\n<li>schwerwiegende, oft dauerhafte St\u00f6rung des Bewu\u00dftseinszustandes (Psychose, Neurose, Hirn- oder Nervensch\u00e4den)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Motive f\u00fcr die erste Form des Suizids sind weitgehend rational bestimmt. Ein wichtiges Kriterium f\u00fcr die Definition eines &#8222;rationalen&#8220; Selbstmordes gibt Anton Leist: &#8222;Kriterium f\u00fcr einen \u00fcberlegten Selbstmord sollte sein, ob er sich stimmig aus dem Wertsystem der Person ergibt, wie &#8218;tief&#8216; oder &#8218;oberfl\u00e4chlich&#8216; die Entscheidung dem repr\u00e4sentativen Denken und F\u00fchlen der Person entspringt.&#8220;[18] Die sogenannten &#8222;rationalen&#8220; Selbstt\u00f6tungsmotive sind von dauerhafter Bedeutung f\u00fcr den Einzelnen, d.h. der Suizident w\u00fcrde sich in einer \u00e4hnlichen Situation stets gleich entscheiden, da der Suizid prinzipiell mit seinen Wertvorstellungen \u00fcbereinstimmt und nicht rein affektiv bedingt ist. Dies kann aus weltanschaulichen oder aus religi\u00f6sen \u00dcberlegungen heraus geschehen. Jemand hat beispielsweise das Gef\u00fchl, sein Lebensziel erreicht zu haben und m\u00f6chte nun den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmen. Hier wird versucht, das Leben nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ aufzufassen. Eine solche Position findet sich beispielsweise bei Nietzsche: &#8222;Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will. &#8230; Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihre F\u00e4den in die L\u00e4nge und gehen dabei selber immer r\u00fcckw\u00e4rts.&#8220;[19]<\/p>\n<p>Auch eine religi\u00f6s motivierte, rationale Selbstt\u00f6tung ist denkbar; etwa wenn ein gl\u00e4ubiger Buddhist nicht im Leben, sondern im Erreichen des Nirwana den Sinn seiner Existenz sieht und deshalb diesen Zustand durch das Beendigen seines Lebens zu erreichen sucht.<\/p>\n<p>Neben weltanschaulichen, bzw. religi\u00f6sen Motiven gibt es politisch motivierte Selbstt\u00f6tungen, die sich mit konkreten Forderungen oder Appellen an die Gesellschaft richten. Beispiele daf\u00fcr sind die Selbstverbrennung aus Protest gegen repressive Strukturen, die Nahrungsverweigerung eines Gefangenen oder der radikale Entzug der staatlichen Macht durch Selbstvernichtung. Zahlreiche Beispiele lassen sich vor allem auch f\u00fcr den altruistisch motivierten Suizid finden. Wenn etwa in Katastrophensituationen lebenserhaltende M\u00f6glichkeiten nur f\u00fcr eine begrenzte Anzahl der Betroffenen vorhanden sind und rational abgewogen wird, durch den eigenen Tod ein anderes Leben zu retten.<\/p>\n<p>Am schwierigsten sind innerhalb der Kategorie der rational motivierten Suizide die rein subjektiven &#8222;Bilanzselbstmorde&#8220; zu beschreiben. F\u00fcr viele Kritiker, vorrangig f\u00fcr Psychologen und Theologen, gibt es keine subjektiv rationalen Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung, es sei denn im Falle einer letalen Krankheit. Diese Form der Motivation l\u00e4\u00dft sich jedoch nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Die Bilanzierung der eigenen Lebensbedingungen kann im Bezug auf ein subjektives Wertesystem erfolgen, das f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht unbedingt akzeptabel sein mu\u00df. Die Glaubhaftigkeit dieses Wertesystems und damit des rationalen Aspektes der Entscheidung zur Selbstt\u00f6tung l\u00e4\u00dft sich am ehesten den gesamten \u00c4u\u00dferungen und der Lebens- und Arbeitsform der entsprechenden Person entnehmen. F\u00fcr den einen mag es als rational erscheinen nur die M\u00f6glichkeiten einer biologisch gesicherten Existenz in Erw\u00e4gung zu ziehen, w\u00e4hrend f\u00fcr andere bestimmte qualitative Lebensbedingungen als existentiell erachtet werden (zum Beispiel ein Leben in Freiheit oder eine bestimmte Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens). Ein subjektiv rationaler Suizid wurde bereits in der Antike praktiziert, wof\u00fcr zahlreiche Beispiele zu nennen w\u00e4ren. Ganz bewu\u00dft wurden dabei die qualitativen Aspekte des Lebens in den Vordergrund ger\u00fcckt: &#8222;Wo volles Leben nicht mehr m\u00f6glich ist, wird Selbstt\u00f6tung zu einem gewollten Ende.&#8220;[20] Auch in der neueren Geschichte lassen sich zahlreiche F\u00e4lle aufz\u00e4hlen, in denen sich Menschen w\u00e4hrend des Hitlerregimes zur Selbstt\u00f6tung veranla\u00dft sahen, da auch eine Emigration ihnen nicht die Lebensumst\u00e4nde bieten konnte, in denen f\u00fcr sie ein sinnvolles Weiterleben m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Selbstt\u00f6tungen, bei denen die rationale Distanz fehlt, habe ich Suizid aus affektiven Gr\u00fcnden benannt. Ihren Motiven ist gemeinsam, da\u00df sie von einem momentanen Affekt geleitet werden und der Suizidwunsch zu einem anderen Zeitpunkt m\u00f6glicherweise nicht mehr besteht. Hier ist es denkbar, da\u00df sich die jeweilige Situation konstruktiv beeinflussen l\u00e4\u00dft, so da\u00df die Bedingungen f\u00fcr ein sinnerf\u00fclltes Leben wieder erreicht werden k\u00f6nnen. Aus diesem Grunde sind innerhalb der affektiven Selbstt\u00f6tungsmotive auch Suizide einzuordnen, die bewu\u00dft als Appell oder als aggressiver Akt nach au\u00dfen gerichtet sind. H\u00e4ufig lassen sich die derart motivierten Selbstt\u00f6tungen an der Form ihrer Ausf\u00fchrung erkennen. Entweder wird der Versuch so angelegt, da\u00df die Chance einer Rettung besteht, oder aber da\u00df andere zu &#8222;T\u00e4tern&#8220; gemacht werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es Suizidhandlungen, die durch bewu\u00dfte T\u00e4uschung und Manipulation aggressiver politischer oder religi\u00f6ser Gruppen oder durch Drogen und Medikamente verursacht werden. Die Einsch\u00e4tzung einer manipulativ bedingten Selbstt\u00f6tung ist vor allem im religi\u00f6sen Bereich problematisch. Wo kann mit Recht von Manipulation oder Massenhysterie gesprochen werden, und wann m\u00fcssen Entscheidungen aus religi\u00f6sen oder weltanschaulichen Gr\u00fcnden als rational eingestuft werden?<\/p>\n<p>Die letzte Gruppe der pathologisch bedingten Selbstt\u00f6tungsmotive ist zun\u00e4chst relativ eindeutig und auch zumeist unbestritten. &#8222;Zun\u00e4chst&#8220; deshalb, weil sich auch hier bei genauerer Betrachtung Zuordnungsprobleme ergeben k\u00f6nnen. W\u00e4hrend beispielsweise Klaus Thomas den Suizid Heinrich Kleists als Folge einer Depression einordnet,[21] lassen sich ebenso Gr\u00fcnde finden, diesen Suizid als nichtpathologisch zu klassifizieren. H\u00e4ngt die Einsch\u00e4tzung einer psychischen St\u00f6rung in manchen F\u00e4llen nicht auch von gesellschaftlichen Normen ab? Gibt es neben depressiven Grundhaltungen nicht auch eine Verzweiflung, die sich aus der Betrachtung des sozialen und m\u00f6glicherweise auch des \u00f6kologischen Zustandes der Welt ableitet? Ist es einer Depression zuzuschreiben, wenn sensible Menschen sich aufgrund der unfa\u00dfbaren Grausamkeit eines Krieges oder der grunds\u00e4tzlichen Inakzeptanz gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse zur Selbstt\u00f6tung entschlie\u00dfen? Mit dieser Frage soll jedoch der tragische Aspekt rationaler Entscheidungen zu einem Suizid nicht bestritten werden; eine rational erwogene Selbstt\u00f6tung schlie\u00dft ein hohes Ma\u00df an Emotionalit\u00e4t sicherlich nicht aus.<\/p>\n<p>Eine abschlie\u00dfende Frage im Bezug auf die Motive, die zu einer Selbstt\u00f6tung f\u00fchren k\u00f6nnen, ist der Aspekt des Todeswunsches: In welchen F\u00e4llen wird der Tod tats\u00e4chlich gewollt, und wann wird er zugunsten eines Ideals oder einer weniger akzeptablen Alternative &#8222;blo\u00df&#8220; in Kauf genommen?<\/p>\n<p>Bei einem Suizid, der ausschlie\u00dflich weltanschaulich motiviert ist, wird der Tod tats\u00e4chlich auch gewollt. Jemand der sich hingegen f\u00fcr andere Menschen &#8222;opfert&#8220;, macht dies in den meisten F\u00e4llen sicherlich nicht, weil er das Leben nicht mehr sch\u00e4tzt, sondern weil er das eigene Leben f\u00fcr das eines anderen in die Waagschale wirft.<\/p>\n<p>Im Rahmen von subjektiv rationalen Motiven werden die pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nde mit einem Ideal verglichen. Dabei wird, wie auch im Falle der politisch motivierten Selbstt\u00f6tung, nicht der Tod als solcher gew\u00fcnscht, sondern die Ver\u00e4nderung eines realen Zustandes. Bei den affektgeleiten Motiven scheint der Wunsch, tot zu sein, st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt. Hier bedeutet der Tod in den meisten F\u00e4llen so etwas wie &#8222;Flucht&#8220; aus unertr\u00e4glich scheinenden Situationen, die einem das Weiterleben, das man sich unter &#8222;normalen&#8220; Bedingungen eigentlich w\u00fcnscht, unm\u00f6glich zu machen scheinen. Des weiteren finden sich hier, vor allem im Bereich religi\u00f6ser Beeinflussung, diffuse Vorstellungen von Leben und Tod, die eine Beurteilung schwierig machen. Sehr stark kann der Todeswunsch bei psychischen Erkrankungen sein. Hier wird das &#8222;Totsein&#8220; bedeutsamer als das Leben, da die eigene Existenz m\u00f6glicherweise als extrem negativ aufgefa\u00dft wird oder insgesamt eine verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung besteht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"suizidpraevention-zwischen-autonomie-und-fuersorgepflicht\">Suizid&shy;pr&auml;&shy;ven&shy;tion: Zwischen Autonomie und F&uuml;rsor&shy;ge&shy;pflicht<\/span><\/h2>\n<p>Wie ein Suizidversuch, ob nun in einer akuten Situation oder in Situationen, die eine klare Einsch\u00e4tzung erlauben, beurteilt wird, h\u00e4ngt offenbar von der prinzipiellen moralischen Einstellung des Beurteilenden gegen\u00fcber der Selbstt\u00f6tung ab. F\u00fcr einen Menschen, der die Motive f\u00fcr einen Suizid grunds\u00e4tzlich negativ bewertet, wird ein Eingreifen in den meisten F\u00e4llen angezeigt sein. Von einer solchen Position aus wird allenfalls die altruistisch motivierte Selbstt\u00f6tung positiv beurteilt.<\/p>\n<p>Wie die \u00dcberlegungen zur philosophischen Einsch\u00e4tzung des Suizids gezeigt haben, kann es neben dieser Einstellung dem Suizid gegen\u00fcber auch bestimmte Anspr\u00fcche der Gesellschaft an das Individuum geben, die ein paternalistisches Verhalten zur Folge haben. Ein bedenkliches Beispiel f\u00fchrt Kurt Weis an. Er beschreibt, wie ein Suizident, der sich an das Suicide Prevention Center (USA) wendet, durch psychologisch geschulte Kr\u00e4fte so lange am Telefon festgehalten wird, bis seine Nummer, die er freiwillig nicht nennen m\u00f6chte, ermittelt werden kann. Im folgenden wird er von der Polizei zwangsweise in eine Nervenheilanstalt \u00fcberf\u00fchrt, aus der er nach 72 Stunden mit einer erheblichen Kostenbelastung wieder nach Hause entlassen wird.[22]<\/p>\n<p>Die moralische Werthaltung, die in diesem Beispiel zum Tragen kommt, ist ein Hinweis darauf, da\u00df die menschliche Autonomie innerhalb dieser Gesellschaft nur begrenzt respektiert wird. Im Gegensatz dazu hei\u00dft es beispielsweise im Abschlu\u00dfbericht des internationalen Verbandes f\u00fcr Telefonseelsorger (IFOTES): &#8222;Wenn sich ein Klient in unserer Gegenwart t\u00f6ten will, soll nicht die Polizei gerufen werden. Es besteht eine Freiheit auch zum Suizid.&#8220;[23]<\/p>\n<p>Neben weltanschaulich motivierten Verhaltenstendenzen Suizidgef\u00e4hrdeten gegen\u00fcber, scheinen auch die pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnde Au\u00dfenstehender deren \u00dcberlegungen f\u00fcr ein Eingreifen oder Unterlassen zu beeinflussen. In Gespr\u00e4chen habe ich verschiedentlich festgestellt, da\u00df die Toleranz in Bezug auf rationale Selbstt\u00f6tungsmotive bei manchen Menschen offensichtlich dort aufh\u00f6rt, wo der eigene Seelenfriede in Gefahr ist. Dabei kommt das Abw\u00e4gen m\u00f6glicher Schuldgef\u00fchle zum Tragen, das je nach Motivation der Selbstt\u00f6tung und je nach pers\u00f6nlichem Verh\u00e4ltnis zum Suizidenten unterschiedlich ausf\u00e4llt. Die pers\u00f6nliche Kosten-Nutzen-Abrechnung auf Seiten eines potentiellen &#8222;Helfers&#8220; reicht vom egoistischen Festhalten am Leben des Partners, auch wenn dieser aus wohlerwogenen Gr\u00fcnden sein Leben beenden m\u00f6chte, bis hin zum paternalistischen Verhalten einem Fremden gegen\u00fcber, um sich vor dem m\u00f6glichen Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wird deutlich, da\u00df innerhalb der Suizidpr\u00e4vention zwei unterschiedliche Formen von Bed\u00fcrfnissen existieren: Zum einen scheinen die Bed\u00fcrfnisse der Gesellschaft oder eines Au\u00dfenstehenden, zum anderen die Bed\u00fcrfnisse des Suizidenten zu z\u00e4hlen. Flew unterscheidet hier zwischen &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; und &#8222;Sollensbed\u00fcrfnis&#8220;.[24] Als &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; bezeichnet er das Bed\u00fcrfnis des Betroffenen; Tun und Unterlassen anderer richten sich in der konkreten Situation nach seinem tats\u00e4chlichen Wollen. Das &#8222;Sollensbed\u00fcrfnis&#8220; bezieht sich im Gegensatz dazu auf das Wollen Au\u00dfenstehender; hier wird das getan, was f\u00fcr den Betroffenen als richtig erachtet wird, was aber nicht notwendig dem entspricht, was er selbst m\u00f6chte. Die &#8222;Sollensbed\u00fcrfnisse&#8220; legen dem Handeln Au\u00dfenstehender einen Ma\u00dfstab zugrunde, der sich auf die Gesellschaft, den Staat, auf Weltanschauungen oder individuelle Einsch\u00e4tzungen st\u00fctzt.[25]<\/p>\n<p>In Gesellschaften, in denen menschliche Autonomie nur begrenzt akzeptiert wird, wird mehr das &#8222;Sollens-&#8220; als das &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; das Verhalten einem Suizidenten gegen\u00fcber bestimmen. Im Falle einer liberaleren Einstellung, die jedem Menschen das prinzipielle Recht zur Selbstt\u00f6tung zugesteht, wenn es die Freiheit anderer nicht verletzt, wird mehr das &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>Joseph Fletcher beispielsweise setzt sich f\u00fcr das &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; eines Suizidenten ein: &#8222;Das ethische Prinzip, das hier gelten mu\u00df, ist die Unverletzlichkeit der Person und der Respekt vor ihrer freien Entscheidung. Suizidenten handeln bisweilen aus zutiefst pers\u00f6nlichen, \u00e4u\u00dferst privaten Gr\u00fcnden. Es kommt h\u00e4ufig genug vor, da\u00df andere, selbst wenn sie ihnen nahestehen, die Dinge nicht in derselben Art und Weise aufaddieren k\u00f6nnen, um ihren Freitod zu rechtfertigen. Wenn jedoch kein eindeutiges und dagegen sprechendes Unrecht dabei geschieht, m\u00fcssen zweifellos die Werte der Selbstbestimmung und Freiheit zugunsten des Suizidenten sprechen.&#8220;[26]<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Wie k\u00f6nnen &#8222;Sollens&#8220;- und &#8222;Wollensbed\u00fcrfnisse&#8220; vor allem in akuten Situation differenziert werden? Zu Recht weist Birnbacher darauf hin, da\u00df es notwendig ist, die situativen Bedingungen einer Suizidpr\u00e4vention in Betracht zu ziehen.[27] Er unterscheidet dabei grunds\u00e4tzlich zwei Arten von Entscheidungssituationen: Erstens akute Situationen, die ein sofortiges Handeln erfordern, ohne da\u00df m\u00f6glicherweise die Motive f\u00fcr eine Selbstt\u00f6tung einsichtig sind und zweitens &#8222;ideale&#8220; Situationen, die eine genaue Einsch\u00e4tzung erlauben. Im ersten Fall sind seiner Meinung nach &#8222;Faustregeln&#8220; n\u00f6tig, die m\u00f6glichst klare und einfache Handlungsmuster bereithalten.[28] Die erste Faustregel besteht f\u00fcr ihn darin, den Suizidenten, gegebenenfalls auch mit Gewalt, au\u00dfer Lebensgefahr zu bringen und wenn n\u00f6tig, psychologischer Behandlung zu unterstellen. Dies rechtfertigt Birnbacher damit, da\u00df zum einen die Suizidhandlung f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden nicht eindeutig erfa\u00dfbar ist und zum anderen statistisch gesehen die meisten Selbstt\u00f6tungen affektiv bedingt sind, d.h. nicht dem tats\u00e4chlichen Interesse des Suizidenten entsprechen. Die zweite Faustregel bezieht sich auf die Dauer der Nachbetreuung. Eine Zwangsintervention, die zur Erstellung einer Prognose erforderlich sein kann, will Birnbacher auf h\u00f6chstens vier Wochen beschr\u00e4nkt wissen. Insgesamt unterscheiden sich seine Faustregeln f\u00fcr ein sofortiges Eingreifen nicht sehr von der Intervention bei Suizidversuchen, die offensichtlich nicht wohlerwogen sind und bei denen man davon ausgehen kann, da\u00df der Suizident die Verhinderung der Selbstt\u00f6tung sp\u00e4ter billigen wird. Das bedeutet zun\u00e4chst, da\u00df Birnbacher von einer prinzipiellen Interventionspflicht ausgeht, wenn die Situation nicht eindeutig f\u00fcr eine rationale Selbstt\u00f6tung spricht. Dadurch scheint er eher eine Verletzung menschlicher Autonomie in Kauf nehmen zu wollen als den m\u00f6glichen Irrtum eines Suizidenten zuzulassen: &#8222;Es ist also nicht nur nicht auszuschlie\u00dfen, sondern liegt geradezu im Wesen der Wahrscheinlichkeit selbst begr\u00fcndet, da\u00df man bei konsequenter Anwendung des eingeschr\u00e4nkten Paternalismus Fehler zu beiden Seiten hin macht, (&#8230;), da\u00df man bei einigen Patienten durch eine erfolgreiche Intervention sinnloses Leiden unn\u00f6tig verl\u00e4ngert.&#8220;[29]<\/p>\n<p>Wird hier tats\u00e4chlich das &#8222;Wollensbed\u00fcrfnis&#8220; und die Handlungsfreiheit des Suizidenten respektiert, oder dienen die Praxisregeln vielmehr dazu, den Helfenden vor einem Irrtum zu sch\u00fctzen? Mein Verdacht ist, da\u00df Birnbachers Praxisregeln eher aus der Frage resultieren, wie es f\u00fcr einen potentiellen Helfer w\u00e4re, wenn sich eine nichtverhinderte Selbstt\u00f6tung im Nachhinein als Irrtum herausstellen sollte. Offensichtlich ist diese Situation Au\u00dfenstehenden weniger zumutbar, als einem Suizidenten bei einer m\u00f6glicherweise unbegr\u00fcndeten Intervention im Falle eines sogenannten &#8222;Bilanzselbstmordes&#8220;. Man darf jedoch nicht davon ausgehen, da\u00df ein rational erwogener Selbstt\u00f6tungsversuch derart &#8222;rational&#8220; erfolgt, da\u00df er zu jeder Zeit und ohne eine nennenswerte emotionale Belastung beliebig wiederholt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Birnbacher ist dennoch der Auffassung, eine schwach-paternalistisch motivierte Suizidverhinderung ber\u00fccksichtige weniger die Belange Au\u00dfenstehender, als die des Suizidenten selbst: &#8222;Wir sollten (&#8230;) ein Interesse daran haben, jetzt und in Zukunft sicher sein zu k\u00f6nnen, da\u00df wir von einer Verzweiflungstat zur\u00fcckgehalten werden, die wir in fr\u00fcheren und sp\u00e4teren Momenten nicht zu akzeptieren und vielleicht nicht einmal zu verstehen imstande sind: Deshalb m\u00fcssen wir an einer L\u00f6sung festhalten, die uns ein St\u00fcck weit vor uns selber sch\u00fctzt.&#8220;[30]<\/p>\n<p>Dieses Argument ist jedoch kaum \u00fcberzeugend, denn damit wird versucht, entgegen der gerade von Birnbacher propagierten situativen Ethik, eine allgemeing\u00fcltige Norm aufzustellen. Es w\u00e4re doch denkbar, da\u00df es Menschen gibt, die diesen &#8222;Schutz vor sich selbst&#8220; als empfindliche Verletzung ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit auffassen, da sie das Leben generell als &#8222;Wagnis&#8220; deuten, dem sie sich selbstverantwortlich aussetzen m\u00f6chten. Dar\u00fcber hinaus ist die Einsch\u00e4tzung, was f\u00fcr einen anderen Menschen das Beste ist, schwerlich m\u00f6glich. Geht man von einer prinzipiellen Autonomie des Menschen aus, wird man nur dann eingreifen, wenn dazu eine Aufforderung besteht. Diese Aufforderung kann zum einen als konkreter Hilferuf an einen Au\u00dfenstehenden gerichtet sein, zum anderen auch in der zwar unausgesprochenen, aber offensichtlichen Hilfsbed\u00fcrftigkeit eines Menschen bestehen.<\/p>\n<p>Eine irrt\u00fcmliche Intervention, die Birnbacher zugunsten seiner &#8222;Faustregeln&#8220; in akuten Situationen in Kauf nimmt, kann einen unzul\u00e4ssigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen bedeuten. Durch eine ungerechtfertigte Intervention kann der Schritt zu einer wohlerwogenen Selbstt\u00f6tung erschwert werden. Die m\u00f6glichen Konsequenzen formuliert Kamlah: &#8222;Das Recht auf den eigenen Tod wird nur noch selten radikal bestritten. Aber wer von diesem Recht Gebrauch macht, weil er ein menschenw\u00fcrdiges Leben nicht mehr f\u00fchren kann, wird jedenfalls zu einem menschenunw\u00fcrdigen Sterben gezwungen.&#8220;[31]<\/p>\n<p>Insgesamt wird deutlich, wie notwendig es ist, das Selbstverst\u00e4ndnis der Suizidpr\u00e4vention auf der Basis differenzierter moralphilosophischer \u00dcberlegungen neu zu \u00fcberdenken und den Stellenwert einer paternalistisch ausgerichteten Praxisnorm zu hinterfragen. Wenn eine echte Bed\u00fcrftigkeit auf Seiten eines Suizidenten besteht, die in Form einer eindeutigen Aufforderung an einen Au\u00dfenstehenden gerichtet ist, besteht keine Notwendigkeit, \u00fcberhaupt von &#8222;Paternalismus&#8220; zu sprechen. Die Unterscheidung zwischen &#8222;schwachem&#8220; und &#8222;starkem&#8220; Paternalismus verschleiert nur die Tatsache, da\u00df es sich bei einem paternalistischen Verhalten, auch wenn dies graduell unterschiedlich sein mag, immer um die Beschr\u00e4nkung menschlicher Freiheit handelt. Wenn ich mich als Au\u00dfenstehende auch dann f\u00fcr ein Eingreifen entscheide, wenn die Motivlage nicht eindeutig ist, mu\u00df mir klar sein, da\u00df ich das vielleicht nicht unbedingt nur deshalb tue, weil mir das Wohl des Anderen am Herzen liegt, sondern, weil ich ihn spontan als &#8222;hilfsbed\u00fcrftig&#8220; einstufe.<\/p>\n<p>Prinzipiell ist jedoch davon auszugehen, da\u00df jeder Suizidversuch ernstzunehmenden, h\u00f6chst pers\u00f6nlichen Motiven entspringt, die unl\u00f6sbar mit dem Selbstbestimmungsrecht eines Menschen verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>1 Hume (1964), Bd.IV, S.414.<\/p>\n<p>2 Klieeisen und Langen, in: Eser (1976), S.91.<\/p>\n<p>3 Thomas (1977), S.33.<\/p>\n<p>4 ebd., S.32.<\/p>\n<p>5 ebd., S 35.<\/p>\n<p>6 Flew, in: Eser (1976), S.98.<\/p>\n<p>7 ebd., S.99.<\/p>\n<p>8 Ein deutlicher Hinweis auf diese Geisteshaltung findet sich beispielsweise in Platons Phaidon. Sokrates erkl\u00e4rt seinem Gespr\u00e4chspartner, &#8222;da\u00df die G\u00f6tter uns in ihrer Obhut haben und da\u00df wir, die Menschen, einen Teil ihres Eigentums ausmachen.&#8220; Platon (1988), Bd.11, S.35<\/p>\n<p>9 Sehr differenzierte Ausf\u00fchrungen in Bezug auf die philosophioschen Aspekte des Suizids finden sich bei Hammer (1975).<\/p>\n<p>10 Hume schreibt hierzu: &#8222;When I fall upon my own sword, therefore, I receive my death equally from the hands of the Deity as if it had proceeded from a lion, a precipice, or a fever.&#8220; Hume (1964), Bd. IV, S.407.<\/p>\n<p>11 vgl.: Sarte (1962), S.676; Kant (1924), S.184.<\/p>\n<p>12 vgl.: Birnbacher, in: Leist (1990), S.405.<\/p>\n<p>13 vgl.: ebd.; au\u00dferdem: Hume (1964), Bd.IV, S.413.<\/p>\n<p>14 Birnbacher, in: Zeitschrift f\u00fcr philosophische Forschung (45\/1991), S.64.<\/p>\n<p>15 vgl. dazu auch die Ausf\u00fchrungen John Stuart Mills: &#8222;In sober truth, nearly all the things which men are hanged or imprisoned for doing to one another, are nature&#8220;s every day performances.&#8220; Mill (1969), Bd. X, S.385.<\/p>\n<p>16 Roellecke, in: Eser (1976), S.336-345.<\/p>\n<p>17 H\u00e4ussling, in: Eser (1976), S.62.<\/p>\n<p>18 Leist (1990), S.57.<\/p>\n<p>19 Nietzsche (1990), S.65.<\/p>\n<p>20 vgl.: Seneca, Ad Lucilium epistulae, 75,18.<\/p>\n<p>21 vgl.: Thomas (1977), S.21.<\/p>\n<p>22 Weis, in: Eser (1976), S.185.<\/p>\n<p>23 zitiert ebd., S.186.<\/p>\n<p>24 vgl.: Flew, in: Eser (1976), S.96.<\/p>\n<p>25 vgl.: ebd., S.97<\/p>\n<p>26 Fletcher, in: Ebeling (1979), S.242.<\/p>\n<p>27 vgl.: Birnbacher, in: Leist (1990), S.410 ff.<\/p>\n<p>28 vgl.: ebd., S.414.<\/p>\n<p>29 Birnbacher, in: Suicidprophylaxe (4\/1982), S.230f.<\/p>\n<p>30 ebd., S.235.<\/p>\n<p>31 Kamlah, in: Ebeling (1979), S.222.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Birnbacher, Dieter: Selbstmord und Selbstmordverh\u00fctung aus ethischer Sicht, in: Leist, Anton (Hrsg): Um Leben und Tod. Moralische Probleme bei Abtreibung, k\u00fcnstlicher Befruchtung, Euthanasie und Selbstmord, Frankfurt am Main 1990, S. 395-422<\/p>\n<p>Birnbacher, Dieter: Ethische Aspekte der suizidprophylaktischen Intervention, in: Suicidprophylaxe. 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IV, Aalen 1964<\/p>\n<p>Kamlah, Wilhelm: Meditatio Mortis, in: Ebeling, Hans (Hrsg.): Der Tod in der Moderne, K\u00f6nigstein\/Taunus 1979, S.210-225<\/p>\n<p>Kant, Immanuel: Eine Vorlesung \u00fcber Ethik, hrsg. von Paul Menzer, Berlin 1924<\/p>\n<p>Klieeisen, M.\/Langen, D.: Lebensalter und Sterbewillen, in: Eser, Albin (Hrsg.): Suizid als human-und sozialwissenschaftliches Problem, Stuttgart 1976, S. 88-93<\/p>\n<p>Leist, Anton (Hrsg.): Um Leben und Tod. Moralische Probleme bei Abtreibung, k\u00fcnstlicher Befruchtung, Euthanasie und Selbstmord, Frankfurt a.M. 1990<\/p>\n<p>Mill, John Stuart: Essays an Ethics, Religion and Society, hrsg. von J.M. Robson, Bd. X, Toronto 1969<\/p>\n<p>Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra, Stuttgart 1990<\/p>\n<p>Platon, hrsg. von Otto Apelt, Bd.II, Leipzig 1988<\/p>\n<p>Roellecke, Gerd: Gibt es ein ,Recht auf den Tod&#8216;?, in: Eser, Albin (Hrsg.): Suizid als human- und sozialwissenschaftliches Problem, Stuttgart 1976, S.336-345<\/p>\n<p>Sartre, Jean Paul: Das Sein und das Nichts, Hamburg 1962<\/p>\n<p>Thomas, Klaus: Warum weiter leben?, Freiburg 1977<\/p>\n<p>Weis, Kurt: Der Eigennutz des Sisyphos &#8211; Zur Soziologie der Selbstmordverh\u00fctung, in: Eser, Albin (Hrsg.): Suizid als human- und sozialwissenschaftliches Problem, Stuttgart 1976, S.180-193<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2440],"publikationen":[1045],"class_list":["post-12320","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-elisabeth-romer","publikationen-vorg-138"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gibt es einen &quot;freien&quot; Tod? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/gibt-es-einen-freien-tod\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gibt es einen &quot;freien&quot; Tod? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Suizidmotivation und suizidprophylaktische Intervention Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 73-83 &#8222;I believe that no man ever threw away life,while it was worth keeping.For such is the horror of death,that small motives will never be ableto reconcile us to it &#8230;&#8220;[1] Die moralphilosophische Diskussion \u00fcber die Selbstt\u00f6tung wird seit Jahrhunderten leidenschaftlich und vielf\u00e4ltig gef\u00fchrt. 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