{"id":12321,"date":"1976-07-05T21:00:00","date_gmt":"1976-07-05T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gleichheit-als-bedingung-und-grenze-der-freiheit-oder-auch-ein-beitrag-zu-freiheit-oder-sozialismu\/"},"modified":"2021-08-24T21:46:51","modified_gmt":"2021-08-24T19:46:51","slug":"gleichheit-als-bedingung-und-grenze-der-freiheit-oder-auch-ein-beitrag-zu-freiheit-oder-sozialismu","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/22-vorgaenge\/publikation\/gleichheit-als-bedingung-und-grenze-der-freiheit-oder-auch-ein-beitrag-zu-freiheit-oder-sozialismu\/","title":{"rendered":"Gleichheit als Bedingung und Grenze der Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>oder: Auch ein Beitrag zu &#8222;Freiheit oder Sozialismus&#8221;<\/p>\n<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 22 (Heft 4\/1976), S. 5-9<\/p>\n<p>Freiheit hat zu allen Zeiten als positiver Begriff gegolten, Gleichheit nie. Freiheit will jeder, Gleichheit wollen nur einige und diese auch nur unter bestimmten Bedingungen, f\u00fcr bestimmte Gruppen, f\u00fcr bestimmte Zeit.<br \/>Wer statt Gleichheit Gerechtigkeit sagt, findet mehr Sympathien. Gerechtigkeit will jeder, wie jeder Freiheit will. F\u00fcr den Begriff der Gerechtigkeit gilt n\u00e4mlich, was f\u00fcr den Freiheitsbegriff zutrifft: er ist unbestimmt, l\u00e4\u00dft viele, fast alle Inhalte zu und verbindet sich, wie die historische Erfahrung zeigt, unter Umst\u00e4nden mit seinem Gegenteil. Der Gleichheitsbegriff weist diese inhaltliche Leere nicht auf, er ist logisch bestimmter. Blickt man genauer hin, so sieht man, da\u00df Gleichheit nie die absolute Identit\u00e4t verglichener Objekte meint, sondern stets eine partielle Aussage bedeutet: zwei Objekte sind in bestimmter Hinsicht gleich, in bestimmter Hinsicht ungleich. Gleichheit impliziert den Gedanken der Ungleichheit.<br \/>Damit ist eine weitere Einsicht bereits erschlossen: Gleichheit, als absolute Identit\u00e4t verstanden, kann nie m\u00f6gliches Ziel der Politik sein, ist es auch nie gewesen. Ein schwer zu tilgendes Vorurteil gegen\u00fcber allen Formen des Sozialismus ist die Vorstellung, als wolle sozialistische Politik die Menschen absolut gleich machen. Ein anderes Vorurteil ist noch schwerer auszur\u00e4umen: Kein linker Theoretiker hat je Gleichheit als Zweck an sich selbst angesehen und politisch gefordert. Gleichheit ist \u00fcberhaupt keine Sache, die, f\u00fcr sich genommen, einen Wert darstellt, wenn man nicht gleichzeitig angeben kann, in welcher Hinsicht und das hei\u00dft gleichzeitig: in bezug auf welche festzuhaltenden Unterschiede sie gelten soll.<br \/>Das Thema Freiheit und Gleichheit bietet deshalb sowohl hinsichtlich der logischen wie der politischen Qualit\u00e4t der Begriffe gro\u00dfe Schwierigkeiten. Spr\u00fcche von der Art des &#8222;Soviel Freiheit wie m\u00f6glich, soviel Gleichheit wie n\u00f6tig&#8221; oder das Bild von den beiden Waagschalen sind verf\u00fchrerisch, aber falsch, weil sie die unterschiedliche logische Struktur der beiden Begriffe vergessen machen und so tun, als ob Freiheit und Gleichheit auf derselben Ebene verrechenbar seien. Der Gegensatz von Freiheit bleibt Unfreiheit, und das Gegenteil von Gleichheit ist Ungleichheit.<\/p>\n<p>Soziologisch bedeutet Gleichheit soziale Homogenit\u00e4t. Auch f\u00fcr soziale Homogenit\u00e4t gilt, was f\u00fcr Gleichheit allgemein zutrifft: keine Gesellschaft ist absolut homogen, sondern immer nur in bezug auf bestimmte Verhaltensweisen, Lebensweisen, Glaubensweisen. Wir kennen in der Geschichte menschlicher Soziet\u00e4t eine F\u00fclle von Homogenit\u00e4tsmedien: Gleichf\u00f6rmigkeiten der E\u00dfgewohnheiten, der Tages- und Arbeitseinteilung, der religi\u00f6sen Vorstellungen, der sexuellen Sitten. Ein Blick auf gegenw\u00e4rtige B\u00fcrgerkriege zeigt die bis heute starke Bedeutung religi\u00f6ser, kultureller und sprachlicher Homogenit\u00e4ten, die jedoch gleichzeitig wieder Epiph\u00e4nomene f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Homogenit\u00e4ten sein k\u00f6nnen.<br \/>Man kann diese oder jene Form sozialer Homogenit\u00e4t mit dieser oder jener Phase der Geschichte eines Volkes funktional in Verbindung bringen: bestimmte Homogenit\u00e4tsweisen sind f\u00fcr bestimmte historische Aufgaben besonders geeignet, andere nicht. Auch wechselt die Homogenit\u00e4tsschwelle an sich stark. In Friedenszeiten k\u00f6nnen bestimmte Homogenit\u00e4tsfelder weniger stark besetzt sein als in Kriegszeiten, wo allgemein die Homogenit\u00e4t einer Gesellschaft h\u00f6her liegen mu\u00df. Man reagiert im Kriege heftiger auf abweichende Meinungen oder Verhaltensweisen, weil der Gesamtbestand der Gesellschaft gef\u00e4hrdet ist und man f\u00fcrchten mu\u00df, da\u00df solche Differenzen sich zu kriegsentscheidenden Schw\u00e4chen entwickeln. Der B\u00fcrgerkrieg ist die Situation katastrophaler Inhomogenit\u00e4t: der Sinn der Gemeinschaft steht selber zur Disposition, das Gesamtsystem zerf\u00e4llt in Teilsysteme nach Ma\u00dfgabe neuer Homogenit\u00e4tskriterien.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-gleichheitsforderung-des-buergertums\">Die Gleich&shy;heits&shy;for&shy;de&shy;rung des B&uuml;rgertums<\/span><\/h2>\n<p>Eine solche Situation hat es im modernen Europa zweimal gegeben: einmaI in Gestalt der religi\u00f6sen B\u00fcrgerkriege, die zur Entstehung des absoluten Staates beitrugen, zum anderen in den b\u00fcrgerlichen Revolutionen, deren Ergebnis die liberaIen Verfassungsstaaten Europas gewesen sind.<br \/>Der absolute Staat beantwortet die Situation religi\u00f6ser Disparit\u00e4t mit dem Versuch einer neuen Homogenit\u00e4t, die sich rational begr\u00fcndete und sich solcherma\u00dfen tautologisch auf die Staatsgesellschaft selbst bezog, ohne den Umweg \u00fcber transzendente religi\u00f6se Verankerungen. Staatsraison hie\u00df die neue politische Homogenit\u00e4tsformel, die der absolute Staat erfand. Sie bedeutete die vern\u00fcnftige Einsicht in den politischen Zusammenhang von Schutz und Gehorsam, deren Garant eine neue politische Dreifaltigkeit war: F\u00fcrst, Armee und Verwaltung. Staatliche Einheit stand gesellschaftlicher und religi\u00f6ser Vielheit gegen\u00fcber. Jeder sollte nach seiner Fasson selig, auch nach seinen M\u00f6glichkeiten reich oder gebildet werden d\u00fcrfen, sofern er nur die Homogenit\u00e4t nicht verletzte, auf die dieses Staatswesen theoretisch und praktisch gebaut war.<br \/>Diese politische Versuchsanordnung hat jahrhundertelang gehalten. Politische und \u00f6konomische Macht des Adels lieferten die soziale Einheit f\u00fcr eine Legitimit\u00e4t, die von allen St\u00e4nden anerkannt war. Erst die Emanzipation des dritten Standes sprengte diese gegliederte Einheit, ri\u00df politische Repr\u00e4sentation und \u00f6konomische Macht auseinander und zwang zu einer neuen Besinnung auf die Homogenit\u00e4tsmedien der St\u00e4nde. Das B\u00fcrgertum, bisher zufrieden mit dem politischen Freiraum der Familie, der Fr\u00f6mmigkeit, der \u00d6konomie, sah, da\u00df die gesamte StaatsgeseIlschaft zunehmend von b\u00fcrgerlichem Erwerbsstreben unterhalten wurde und forderte volle politische Repr\u00e4sentation. Diese Forderung lief wesentlich \u00fcber das Postulat \u00d6ffentlichkeit: beide, f\u00fcrstliche Politik mit ihren geheimen R\u00e4ten und b\u00fcrgerliche Privatheit sollten aufgehoben werden, die politische Homogenit\u00e4t erweitert, und das hie\u00df f\u00fcr das B\u00fcrgertum: die \u00f6konomische Identit\u00e4t zur politischen ausgedehnt werden.<br \/>Das B\u00fcrgertum begab sich mit dieser Forderung auf einen Weg, f\u00fcr den es schlecht vorbereitet war. Kritik war nie seine Sache gewesen, politisches Bewu\u00dftsein nicht seine Art von Standesbewu\u00dftsein. Zur ldentit\u00e4t des dritten Standes geh\u00f6rte gem\u00e4\u00df dem absolutistischen Staatsmodell Autonomie im privaten und \u00f6konomischen Bereich,<br \/>Heteronomie auf dem Felde obrigkeitlicher Politik. Die Forderung nach politischer Autonomie sollte nun mit der Realit\u00e4t \u00f6komomischer Autonomie verbunden werden. Der dritte Stand sollte die gesamte Nation repr\u00e4sentieren. Von der Revolution erwartete man die Vers\u00f6hnung von Mensch, Unternehmer und Staatsb\u00fcrger.<br \/>Diese Theorie stand hinter der Verbindung der beiden Begriffe Freiheit und Gleichheit. Freiheit von f\u00fcrstlicher Bevormundung sollte zur politischen Autonomie f\u00fchren, die nach dem Modell der \u00f6konomischen gedacht war: Erwerbsb\u00fcrger sollten von Objekten zu Subjekten eines Staates werden, der allen in gleicher Weise Freien privates Gl\u00fcck garantierte, oder doch das Streben nach ihm.<br \/>Die Politisierung des B\u00fcrgers blieb damit gebunden an die unter dem Absolutismus bereits erreichte Form von Freiheit: die Bef\u00f6rderung eines privatistisch verstandenen Gl\u00fcckes, das sich in der Familie und in der Familienunternehmung erf\u00fcllte. Die liberale Staatstheorie reduziert den Staat auf seine Schutz- und Rechtsfunktionen und macht ihn zum Mittel der vollen Durchsetzung von b\u00fcrgerlichen Werten, die durch die Revolution nicht ver\u00e4ndert wurden. Zwar h\u00e4lt sich das B\u00fcrgertum durch die Ereignisse der Revolution und die neue politische Macht selber f\u00fcr ver\u00e4ndert, ahnt auch wohl, da\u00df es eigentlich nicht einfach zur privaten Existenz zur\u00fcckkehren kann, nachdem sich dem Bourgeois der Citoyen hinzugesellte. Dennoch hat der revolution\u00e4re Weg &#8222;die Grundlagen der b\u00fcrgerlichen Klasse nicht ver\u00e4ndert, sondern nur deutlicher &#8212; als politische und sozialeForm &#8212; sichtbar gemacht&#8221; (Heinz Schlaffer).<\/p>\n<p>Das zeigte sich beim Aufkommen des vierten Standes. Da n\u00e4mlich sah das B\u00fcrgertum, was es sich selbst mit seinen Revolutionen, seiner Politisierung und &#8222;Verstaatlichung&#8221; eingehandelt hatte. Nun wurde es vom Proletariat an seinen eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen und solcherma\u00dfen gezwungen, die von ihm bevorzugte Verbindung von \u00d6konomie und Politik zu verteidigen. In dem Augenblick, in dem die Identit\u00e4t von Bourgeoisie und Nation durch das Aufkommen des Proletariats infragegestellt wurde, zerbrach auch die Einheit von Politik und b\u00fcrgerlichem Erwerb. Der liberale Staat, kaum da\u00df er geboren war, zeigte seine mangelnde F\u00e4higkeit zur sozialen Homogenisierung.<br \/>Der Beweis daf\u00fcr, da\u00df das B\u00fcrgertum politisch nichts anderes im Sinne hatte, als sich seine Privatsph\u00e4re politisch sichern zu lassen, ist die Tatsache, da\u00df Liberalismus und Demokratie in der Praxis nicht notwendig zusammengehen mu\u00dften. F\u00fcr Deutschland zeigt dies die politische Philosophie Kants auf klarste Weise. Kant forderte nicht demokratische, sondern liberale Homogenit\u00e4t, die er mit dem Begriff der Republik fa\u00dfte. Auf der einen Seite konstatierte er eine Gleichheit aller &#8222;vern\u00fcnftigen Wesen, von welchem Range sie auch sein m\u00f6gen&#8230;: n\u00e4mlich, in Ansehung des Anspruchs, selbst Zweck zu sein, von jedem anderen auch als ein solcher gesch\u00e4tzt und von keinem blo\u00df als Mittel zu anderen Zwecken gebraucht zu werden. Hierin &#8230; steckt der Grund der so unbeschr\u00e4nkten Gleichheit des Menschen.&#8221; Diese Einsicht hinderte ihn aber nicht, politisch nur denjenigen volles B\u00fcrgerrecht zuzusprechen, die \u00f6konomisch unabh\u00e4ngig, d.h. als Erwerbsb\u00fcrger autonom waren. Die Freiheit politischer Autonomie kann Kant zufolge Staatsb\u00fcrgern nicht zuerkannt werden, welche die Voraussetzung des Erwerbsb\u00fcrgers nicht mitbringen: Eigentum. Eigentum und Freiheit war die Verbindung, die das B\u00fcrgertum unter dem Schutz des absoluten Staates geschaffen hatte und bis heute nicht wieder aufgeben will.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-scheitern-der-buergerlichen-politik-in-deutschland\">Das Scheitern der b&uuml;rger&shy;li&shy;chen Politik in Deutschland<\/span><\/h2>\n<p>Das eindr\u00fccklichste Beispiel daf\u00fcr, wie wenig erfolgreich b\u00fcrgerliche Politik in der Herstellung einer neuen politisch tragf\u00e4higen Homogenit\u00e4t war, ist die Entwicklung in Deutschland. Die Geschichte dieses b\u00fcrgerlichen Nationalstaates stellt einerseits eine Ausnahme hinsichtlich der Entwicklung des liberalen Verfassungsstaates in Europa dar, andererseits zeigen sich in dieser Sonderentwicklung die Geburtsfehler des b\u00fcrgerlichen Verfassungsstaates besonders deutlich. Die deutschen Revolutionen blieben auf der Strecke, der Nationalstaat wurde \u00fcber einen siegreichen Krieg von Preu\u00dfen geschaffen, und das B\u00fcrgertum lie\u00df sich vom autorit\u00e4ren Obrigkeitsstaat gegen das Proletariat sch\u00fctzen. Im Unterschied zum franz\u00f6sischen B\u00fcrgertum gelang dem deutschen weder die politische Emanzipation noch die Schaffung eines Nationalstaates. Freiheit gab es weiter nur im Raum der Gesellschaft, im \u00f6konomischen Erwerbsstreben, in der privaten Sph\u00e4re, besonders in der Innerlichkeit des Familienlebens und im Reich der Bildung, der idealistischen Philosophie, der romantischen Musik, der Naturbegeisterung. Nur hier waren &#8222;die Gedanken frei&#8221;. Dieser restriktive Freiheitsbegriff, der seine Grenzen an einem autorit\u00e4ren Staatsverst\u00e4ndnis fand, hatte ein ebenso restriktives Gleichheitsverst\u00e4ndnis zur Folge. In Deutschland bezahlte das B\u00fcrgertum seine \u00f6konomische Freiheit weiterhin mit der Unterwerfung unter das sogenannte monarchische Prinzip, und dies um so mehr, je st\u00e4rker das Proletariat auf der Einl\u00f6sung der demokratischen Rechte bestand, die das B\u00fcrgertum dem Obrigkeitsstaat gegen\u00fcber zu fordern selbst nicht den Mut fand. Das politisch schwache B\u00fcrgertum lie\u00df sich vom autorit\u00e4ren Staat gegen ein Proletariat sch\u00fctzen, dem der Weg in den Nationalstaat dadurch versperrt war, da\u00df dieser Staat nicht demokratisch organisiert war. Proletariat und Nation gerieten in einen Gegensatz, der in anderen L\u00e4ndern nie so ausgesprochen war. Dort mu\u00dfte sich das B\u00fcrgertum selber gegen das Proletariat sch\u00fctzen und sehen, wie es ideologisch mit der Situation zurechtkam, vom Proletariat st\u00e4ndig mit seinen eigenen politischen Forderungen und Werten zitiert und angegriffen zu werden. Auf diese Weise ist die Linke Frankreichs oder Englands nie aus der nationalen Homogenit\u00e4t herausgefallen: es gab Fl\u00fcgelbildungen, aber eben einer gemeinsamen demokratischen Bewegung.<br \/>In Deutschland gerieten dagegen Proletariat und Nation in einen Gegensatz, der f\u00fcr Jahrzehnte latenten B\u00fcrgerkrieg bedeutete. Ausgerechnet im politisch r\u00fcckst\u00e4ndigen Deutschen Reich wurde der Marxismus theoretisch voll ausgebildet. Weil der politischen Linken der Weg in einen demokratischen Nationalstaat versperrt war, gab es f\u00fcr sie nur die M\u00f6glichkeit, sich in ihrem Kampf gegen das B\u00fcrgertum zugleich gegen den Nationalstaat zu wenden. Der Kampf gegen den nationalen Obrigkeitsstaat wurde identisch mit dem Kampf f\u00fcr den internationalen Sozialismus. Gleichheit bedeutete nicht die demokratische Gleichheit von Deutschen, sondern die internationale Solidarit\u00e4t der Arbeiterklasse. Auf diese Weise wurden deutsche Proletarier zu &#8222;vaterlandslosen Gesellen&#8221;.<br \/>Die deutsche Staatsgesellschaft wies somit in jenen Jahrzehnten nur ein Homogenit\u00e4tsmedium auf: das nationale, eingef\u00e4rbt von feudalen und bildungsb\u00fcrgerlichen Elementen. Wer Reserveoffizier und Corpsstudent war, galt als &#8222;nationaler Mann&#8221;, und der Gleichschritt uniformierter Kolonnen wurde zum Cantus firmus der deutschen Gesellschaft. Sozialismus dagegen galt per se f\u00fcr antikaiserlich, antinational, antiv\u00f6lkisch.<br \/>Wie schon bei der Gr\u00fcndung des deutschen Nationalstaates, brachte auch hier ein Krieg die Wende. 1914 vor die Wahl gestellt, sich der Beteiligung an diesem gro\u00dfen nationalen Ereignis zu versagen oder den Weltkrieg als Mittel zur nationalen Integration der Arbeiterklasse zu nutzen, entschied sich die deutsche Sozialdemokratie daf\u00fcr, auf das Angebot des Kaisers, keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche zu kennen, einzugehen. Man bewilligte Kriegskredite und deutsche Sozialdemokraten gingen f\u00fcr die deutsche Sache ins Feld. Auf diese Weise integrierte sich die Arbeiterschaft wie vorher das B\u00fcrgertum in einen nationalen Obrigkeitsstaat, der als kreigf\u00fchrender seine autorit\u00e4ren Z\u00fcge nur desto deutlicher hervorkehren konnte.<br \/>Aber die Sozialdemokratie blieb bis heute mit dem Verdacht nationaler Illoyalit\u00e4t behaftet, so da\u00df auch der diesj\u00e4hrige Wahlkampf der CDU\/CSU wieder die beiden geschichtlichen Homogenit\u00e4ten gegeneinander halten und nationale Homogenit\u00e4t gegen internationalen Sozialismus ausspielen kann.<\/p>\n<p>Die deutsche Geschichte des Themas Freiheit und Gleichheit zeigt, da\u00df es der Bourgeoisie unter Umst\u00e4nden f\u00fcr lange Zeit gelingen kann, die \u00f6konomische Gleichheit durch andere Formen von Homogenit\u00e4t zu substituieren. Die Devise &#8222;Ein Volk, ein Reich, ein F\u00fchrer&#8221; war auch ein solcher Versuch, und es gibt bekanntlich eine ganze Theorie, die den Faschismus als eine \u00dcberlebensform des Kapitalismus erkl\u00e4ren will.<br \/>Bei alledem hat sich Deutschland zu einem Sozialstaat entwickelt, der mit seinen Leistungen an der Spitze vergleichbarer Staaten rangiert. Das ist kein Einwand gegen die vorgetragene These: Bismarck erg\u00e4nzte die Sozialistengesetze mit einem Sozialversicherungssystem, das man vorbildlich nennen mu\u00df, auch wenn es in der Tradition des absolutistischen Wohlfahrtsstaates lag, indem er soziale Leistungen als Alimentation und Pazifierung von unpolitischen Untertanen verstand. Diesen Sinn hat Sozialversicherung f\u00fcr viele bis heute. Die gesamte Theorie des Daseinsvorsorgestaates von Ernst Forsthoff steht im Horizont des alten Obrigkeitsstaates. Nicht zuf\u00e4llig zitiert er die folgende Passage aus Bismarcks Gedanken und Erinnerungen mit Zustimmung: &#8222;Die gr\u00f6\u00dfere Besonnenheit der intelligenteren Klassen mag immerhin den materiellen Untergrund der Erhaltung des Besitzes haben; der andere des Strebens nach Erwerb ist nicht weniger berechtigt; aber f\u00fcr die Sicherheit und Fortbildung des Staates ist das \u00dcbergewicht derer, die den Besitz vertreten, das n\u00fctzlichere. Ein Staatswesen, dessen Regiment in den H\u00e4nden der Begehrlichen, der novarum rerum cupidi und der Redner liegt, welche die F\u00e4higkeit, urteilslose Massen zu bel\u00fcgen, in h\u00f6herem Ma\u00dfe wie andere besitzen, wird stets zu einer Unruhe der Entwicklung verurteilt sein, der so gewichtige Massen, wie staatliche Gemeinwesen sind, nicht folgen k\u00f6nnen, ohne in ihrem Organismus gesch\u00e4digt zu werden.&#8221;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"freiheit-gibt-es-nur-in-einer-gemeinschaft-von-gleichen\">Freiheit gibt es nur in einer Gemein&shy;schaft von Gleichen<\/span><\/h2>\n<p>Freiheit bedeutet in seinem urspr\u00fcnglichen Sprachsinn &#8222;Freihalsigkeit&#8221; und h\u00e4ngt etymologisch mit &#8222;Freund&#8221; zusammen. Freiheit ist nicht zu trennen von einer Gemeinschaft, die solche Freiheit garantiert: als Gemeinschaft von Gleichen n\u00e4mlich. Nur unter seinesgleichen kann man frei sein. Die rechtliche Bedingung solcher durch Gleichheit garantierten Freiheit nannten die Germanen &#8222;Friede&#8221;. Dieser sozialgeschichtliche Zusammenhang gilt nach wie vor. Nur innerhalb einer in bestimmter Hinsicht homogenen Gruppe kann ich mich frei bewegen, wei\u00df ich mich angenommen und geachtet, finde ich meine Identit\u00e4t.<br \/>Der Liberalismus meinte, mit der Rechtsgleichheit dem Erfordernis sozialer Homogenit\u00e4t gen\u00fcge zu tun. Es zeigte sich aber, da\u00df in der Rechtsgleichheit eine Menge sozialer und \u00f6konomischer Implikationen und Konsequenzen steckten, die zur Ausweitung auf Chancengleichheit hindr\u00e4ngten. Heute geht der Kampf um die Auslegung dieser Gleichheit. In den Diskussionen wird eines immer deutlicher: die Gleichheit der \u00f6konomischen Position bleibt eine unaufgebbare Forderung moderner Freiheit und ist durch kein anderes soziales Homogenit\u00e4tsmedien zu ersetzen. In dem Ma\u00dfe, in dem andere Homogenit\u00e4tsmedien (Religion, traditionale Moralen, ideologische Formierungen) an Kraft verlieren, wird die soziale Sicherheit zum fast einzigen Homogenit\u00e4tsmedium einer modernen Industriegesellschaft. Die abh\u00e4ngigen Schichten der Bev\u00f6lkerung reagieren, wie Statistiken beweisen, zunehmend aggressiver auf soziale Unsicherheit und leidvoll erfahrene Fremdbestimmung. Wenn sich die Einsicht erst herumgesprochen hat, da\u00df Bed\u00fcrfnisse und ihre Befriedigung prinzipiell erweiterungsf\u00e4hig sind, werden sich die von der Bourgeoisie jetzt noch ideologisch verteidigten Bastionen nicht mehr halten lassen. Die begonnene Diskussion \u00fcber Inhalt und Grenze des Leistungsbegriffs sind Anzeichen daf\u00fcr.<br \/>Demokratie ist eine Staatsform des Friedens und der Prosperit\u00e4t: in Kriegszeiten geht stets ein St\u00fcck Demokratie verloren. Die konservative Kritik am Wohlfahrtsstaat zeigt deutlich den Unwillen \u00fcber eine Entwicklung, die breiten Bev\u00f6lkerungsschichten alle diejenigen Annehmlichkeiten bringen soll, deren sich die Bourgeoisie schon seit zweihundert Jahren erfreut &#8212; zusammen mit dysfunktionalen Folgen wie zum Beispiel einer st\u00e4rkeren Angewiesenheit auf psychotherapeutische Hilfe, wie sie Freud damals einer hauchd\u00fcnnen Schicht der Wiener Bourgeoisie angedeihen lie\u00df.<\/p>\n<p>Bei diesem Proze\u00df handelt es sich um das, was Hegel mit dem Ausdruck &#8222;Fortschritt im Bewu\u00dftsein der Freiheit&#8221; umschrieb. Individuelle Freiheit und die W\u00fcrde der Person lassen sich heute nicht mehr trennen von der Gleichheit sozialer Ausstattung, nachdem die politische Demokratie Gleichheit auf dem Felde verwirklicht hat, auf dem das Thema Freiheit aktuell ist: als Freiheit von nicht durch das Volk legitimierter Herrschaft. Die Friedensordnung, die fr\u00fcher wenigen Gleichen ihre Freiheit garantierte, umfa\u00dft heutzutage die ganze Nation. Alle B\u00fcrger sollen in gleicher Weise in ihrer menschlichen W\u00fcrde gesch\u00fctzt werden, ihr Lebensgl\u00fcck in gleicher Weise finden k\u00f6nnen; aber nicht in derselben Weise: der konservative Vorwurf, soziale Gleichheit f\u00fchre mit Notwendigkeit zum totalit\u00e4ren Staat, trifft nicht. Die materielle Gleichheit ist darin eine &#8222;abstrakte&#8221; Gleichheit, da\u00df sie auf eine konkrete Ausf\u00fcllung des individuellen Freiheitsraumes, auf &#8222;Totalisierung&#8221; gerade verzichtet. Soziale Gleichheit bedeutet Sicherheit in der &#8222;Gro\u00dfgruppe&#8221; Nation, Solidarit\u00e4t in einer Wertgemeinschaft, die prinzipielle Ranggleichheit der Menschen voraussetzt. In unserer Gesellschaft ist solche Ranggleichheit wesentlich durch \u00f6konomische Gr\u00f6\u00dfen und soziale Sicherheit bestimmt. Die soziale Verbindung von Freiheit und Gleichheit schlie\u00dft Totalisierung aus, Politisierung aber ein: in dem Ma\u00dfe, in dem alle B\u00fcrger einer Nation in gleicher Weise frei sein sollen, m\u00fcssen sie in gleicher Weise an der Gestaltung des Gemeinwesens teilnehmen k\u00f6nnen. Da inzwischen alle Bereiche auch der privaten Existenz von politischen Entscheidungen abh\u00e4ngig sind, erf\u00fcllt sich die Autonomie des Individuums in politischer Partizipation.<br \/>Ziel von alledem bleibt die Freiheit individueller Selbstverwirklichung. Der Sinn \u00f6konomischer Homogenit\u00e4t erf\u00fcllt sich also nicht in sozialer Gleichf\u00f6rmigkeit, sondern in der Chance, als Person in einer Gruppe von Gleichen Identit\u00e4t zu finden. Identit\u00e4t der Person aber schlie\u00dft v\u00f6llige Gleichheit von &#8222;Individuen&#8221; gerade aus. Das politische Ziel einer humanen Gesellschaft ist Freiheit des Menschen unter seinesgleichen.<\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p>Bei uns wird der Bauernkrieg vor 450 Jahren \u00fcblicherweise im Zusammenhang mit der Reformationsgeschichte nur am Rande behandelt&#8230; Wird solches und vieles andere einfach zugedeckt und vergessen, weil unser Grundgesetz jetzt gew\u00e4hrleistet, wof\u00fcr Vorfahren gek\u00e4mpft und gelitten haben? Dann w\u00e4ren es in der Tat nur fremde Siegerm\u00e4chte aus zwei Weltkriegen, die uns demokratisch gemacht haben. Unsere Demokratie kann aber nur dann Bestand haben, wenn wir uns demokratisch gemacht haben. Unsere Demokratie kann aber nur dann Bestand haben, wenn wir uns in sie hineinleben und der eigenen Wurzeln gedenken, die sie bei uns hat&#8230; Was uns not tut, w\u00e4re ein neuer Lessing der Freiheitsbewegung&#8230; T\u00e4glich h\u00f6ren wir von Freiheitsbewegungen in den verschiedenen L\u00e4ndern&#8230; Deutsche Terroristen, die sich f\u00e4lschlich zu Anw\u00e4lten dieser Bewegungen ernennen, sind auch hier wirksame Helfer derer, die von Freiheitsbewegungen m\u00f6glichst wenig h\u00f6\u00e4ren m\u00f6gen.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Gustav W. Heinemann bei der Verleihung des Lessing-Preises in Hamburg am 2. Oktober 1975<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[761,667],"autoren":[459],"publikationen":[1315],"class_list":["post-12321","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gleichheit","tag-vorgaenge-artikel","autoren-martin-greiffenhagen","publikationen-22-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gleichheit als Bedingung und Grenze der Freiheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/22-vorgaenge\/publikation\/gleichheit-als-bedingung-und-grenze-der-freiheit-oder-auch-ein-beitrag-zu-freiheit-oder-sozialismu\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gleichheit als Bedingung und Grenze der Freiheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"oder: Auch ein Beitrag zu &#8222;Freiheit oder Sozialismus&#8221; aus vorg\u00e4nge Nr. 22 (Heft 4\/1976), S. 5-9 Freiheit hat zu allen Zeiten als positiver Begriff gegolten, Gleichheit nie. 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