{"id":12323,"date":"1976-04-17T18:00:00","date_gmt":"1976-04-17T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gleichheit-postulat-und-realitaet\/"},"modified":"2021-08-24T21:46:46","modified_gmt":"2021-08-24T19:46:46","slug":"gleichheit-postulat-und-realitaet","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/20-vorgaenge\/publikation\/gleichheit-postulat-und-realitaet\/","title":{"rendered":"Gleichheit \u0097 Postulat und Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 20 (Heft 2\/1976), S. 75-85<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erfolge-und-rueckschlaege\">Erfolge und R&uuml;ckschl&auml;ge<\/span><\/h2>\n<p>Jahrtausendelang war die Geschichte des Menschen nicht viel mehr als\u00a0 eine Geschichte der Ungleichheit, Unfreiheit und Herrschaft. Laut und vernehmlich ert\u00f6nte der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit erst im 18. Jahrhundert. Die gro\u00dfen Revolutionen von 1776, 1789, 1848, 1917 schienen dann ein neues Zeitalter der Gleichheit einzul\u00e4uten. Fast jede Revolution schlug aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in die offene oder schleichende Gegenrevolution um, auf jeden Vorsto\u00df der Gleichheit folgte ein R\u00fcckschlag. Schien das 20. Jahrhundert noch angetreten, um der Gleichheit zu ihrem Endsieg zu verhelfen, so gab allzubald die enthusiastische Erwartung den Zweifel oder gar der Verzweiflung Raum. Heute ist die Frage, ob aus der Krise unserer Gesellschaft neue Inhalte und Formen der Gleichheit hervorgehen werden oder ob die Krise sich als das Vorspiel eines Zeitalters neuer Ungleichheit und Unfreiheit erweisen wird.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"dispensierung-des-gleichheits-postulats\">Dispen&shy;sie&shy;rung des Gleich&shy;heits&shy;-&shy;Pos&shy;tu&shy;lats?<\/span><\/h2>\n<p>Viel spricht f\u00fcr einen negativen Ausgang. Zu den besonders beunruhigenden Symptomen geh\u00f6rt, da\u00df die gro\u00dfen sozialen Bewegungen, die in den Industriel\u00e4ndern Tr\u00e4ger egalit\u00e4rer Forderungen waren, nach bescheidenen Teilerfolgen erschlafft sind. Obwohl es ihnen nicht gelungen ist, der Gleichheit in der Politik, von der \u00d6konomie und Kultur ganz zu schweigen, zu einem entscheidenden Durchbruch zu verhelfen, ist von Gleichheit heute immer weniger die Rede. So fehlt dieses Postulat sowohl im Godesberger Programm der SPD wie im Grundsatzprogramm des DGB von 1963.<br \/>In der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte der UN von 1948 wird zwar das Recht auf Gleichheit erw\u00e4hnt; in den Vereinten Nationen berufen sich auch gerade die schw\u00e4cheren Staaten auf das Prinzip der Staatengleichheit. Erfolge in dieser Richtung bewirken aber keineswegs unmittelbar und oft nicht einmal mittelbar gr\u00f6\u00dfere Gleichheit f\u00fcr die B\u00fcrger innerhalb der betreffenden Staaten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kommunistische-ungleichheit\">&bdquo;Kommu&shy;nis&shy;ti&shy;sche&ldquo; Ungleich&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Die Oktoberrevolution wie die chinesische Revolution hatten zun\u00e4chst\u00a0 im Zeichen der Gleichheit gesiegt &#8212; charakteristisch f\u00fcr die etablierten\u00a0 kommunistischen Regimes von heute ist aber nicht nur das Verk\u00fcmmern der Freiheit, sondern auch das Schwinden der Gleichheit im politischen Bereich; besonders in der Wirtschaft sind die Ungleichheiten seit Jahr und Tag merklich angewachsen und das nicht nur in der Sowjetunion, in der DDR oder Ungarn, sondern sogar auch schon in China und Albanien. Crane Brinton hatte 1931 behauptet, wachsende Standardisierung sei von abnehmendem Egalitarismus begleitet. Santayana hatte damals erkl\u00e4rt, niemals seien die Menschen einander so gleich gewesen und doch so zerstritten. Beide d\u00fcrften recht behalten haben.<br \/>Diese Entwicklung kann sicherlich nicht einfach als Betriebsunfall der Revolution oder Versagen b\u00f6ser F\u00fchrer abgetan werden. Vielmehr steckt im Postulat der Gleichheit selber ein immanenter Widerspruch: Die Menschen m\u00f6gen sich mehr gleichen als man lange Zeit zuzugeben bereit war &#8211; sie sind und bleiben aber zugleich in nicht unwichtigen Aspekten ungleich. Hinter den verschiedenartig ausgeformten historischen Ungleichheiten, die durchaus ernstzunehmen sind, lauern in der Natur angelegte latente Unterschiede des Geschlechts und des Alters, der Charakterstruktur und des Temperaments. Diese Unterschiede mag man in einem schwierigen Proze\u00df der Egalisierung abbauen. Ein solcher Proze\u00df mu\u00df aber von einer nach Gleichheit strebenden Bewegung von Einzelnen, Gruppen, Organisationen getragen sein. Wir sprechen dabei bewu\u00dft von Bewegung, insofern sich eine solche aktiv gegen \u00fcberlieferte Haltungen und Vorurteile, Tabus und Dogmen, Interessen und Institutionen der Privilegierten wie aber auch (und das ist ein weiteres ernstes Hindernis!) nicht selten der von diesen mitgepr\u00e4gten Unterprivilegierten richtet. Da jene wie diese in der Regel passiv oder aktiv, gewaltlos oder gewaltsam Widerstand leisten, scheinen nur Reglementierung und Manipulierung, versteckte oder sogar offene Gewalt Abhilfe schaffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"egalisierende-gewalt-und-neue-privilegien\">Egali&shy;sie&shy;rende Gewalt und neue Privilegien<\/span><\/h2>\n<p>Da\u00df solche Kampfmittel ausschlie\u00dflich von den Unterprivilegierten gegen die Privilegierten angewandt und sofort aufgegeben werden, sobald die Privilegien beseitigt sind, w\u00e4re an sich denkbar, obwohl auch schon das in der Regel mit viel Blut und Leid verbunden w\u00e4re. Bei solchen Unkosten bleibt es aber meist nicht. Allzu oft schie\u00dft die egalisierende Gewalt \u00fcber ihr Ziel hinaus, schafft sie neue Ungleichheiten und Privilegien. So bilden sich innerhalb der f\u00fcr Gleichheit k\u00e4mpfenden Bewegungen neue Abstufungen und R\u00e4nge, institutionalisieren sich bald neue Hierarchien. Die &#8222;Ehemaligen&#8221; werden zum Teil integriert; vor allem aber tendiert die Gewalt dahin, sich in den H\u00e4nden der Neureichen, der neuen Potentaten, der neuen Funktion\u00e4re und F\u00fchrer zu konzentrieren. Eine Beschr\u00e4nkung der neuen Privilegierten mag zun\u00e4chst nur auf Kosten von deren Freiheiten gehen &#8211; insofern aber die Freiheit unteilbar ist, trifft das dann auch allzu leicht die anderen. \u00d6konomische Gleichheit, die durch Machtkonzentration in der Politik, in den Informationsmitteln usw realisiert wird, schafft bald neue Unfreiheit und Ungleichheit. Diese lie\u00dfen sich abbauen, wenn Gewalt und Herrschaft hinter gewaltfreier Aktion und funktionaler F\u00fchrung zur\u00fccktr\u00e4ten, wenn Gleichheit und Freiheit in Br\u00fcderlichkeit und Unfreiheit aufgingen. Nur setzt das sowohl neue Gesellschaftsstrukturen wie aber auch neue Menschen voraus. Aldous Huxley hat in seiner letzten gro\u00dfen Utopie Eiland eine solche Gesellschaft mit neuen humanen Institutionen und mit neuen Menschen so plastisch geschildert, da\u00df man ihre Verwirklichung nicht f\u00fcr unm\u00f6glich halten m\u00f6chte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wirtschaftliche-ungleichheit\">Wirtschaft&shy;liche Ungleich&shy;heit <\/span><\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst sei hier aber einmal kurz skizziert, in welchen Bereichen heute Wirtschaftliche die Ungleichheit besonders kra\u00df in Erscheinung tritt. Es geht zun\u00e4chst um\u00a0 die Wirtschaft. Wir werden dabei sehen, da\u00df gerade in dieser Sph\u00e4re eine weitere Egalisierung m\u00f6glich und sinnvoll ist. Selbst in den reichsten Industriel\u00e4ndern ist der Graben zwischen reich und arm keineswegs zugesch\u00fcttet. Hier wie auf dem Weltmarkt herrscht immer noch eine Ordnung vor, die man mit den K\u00fcrzeln Sozial-, Monopol- und R\u00fcstungskapitalismus kennzeichnen kann.<br \/>Der Exxon-Gewinn (in der BRD Esso genannt) wurde f\u00fcr 1973 auf 2,4 Milliarden, f\u00fcr 1974 auf 4 Milliarden Dollar gesch\u00e4tzt. An der Spitze der Umsatzliste in den Vereinigten Staaten lagen 1969 General Motors mit fast 23 Milliarden, Standard Oil und Ford Motor Co mit je 14 Milliarden Dollar. General Motors ist auch der gr\u00f6\u00dfte der 13 Superriesen &#8211; Multinationale Korporationen, die alle einen Jahresumsatz von \u00fcber 20 Milliarden DM erreichten. In Westdeutschland lagen 1974 die August-Thyssen-H\u00fctte, BASF und H\u00f6chst mit je \u00fcber 20 Milliarden DM Umsatz vorn. Die 104 Spitzenunternehmen hatten zusammen einen Umsatz von 463 Milliarden DM; sie besch\u00e4ftigten 3,73 Millionen &#8222;Arbeitnehmer&#8221;. Das Bilanzsummentotal der 100 gr\u00f6\u00dften Gesch\u00e4ftsbanken der Welt belief sich 1968 auf \u00fcber 2 Billionen DM, was etwa 60% des amerikanischen Bruttosozialproduktes entsprach. Die Konzentration von Kapital und Macht wird gelegentlich von kapitalistischer Seite offen zugegeben &#8211; so in Christ und Welt am 4.9.1964: &#8222;Die totale Macht der 100 M\u00e4nner &#8211; 425 b\u00f6rsennotierte Gesellschaften werden von den Banken beherrscht.&#8221; 1971 kam das Wirtschaftswissenschaftliche Institut (WWI) des DGB zu der Schlu\u00dffolgerung, 88 Konzerne und Gro\u00dfunternehmen h\u00e4tten rund 50% des Industrieumsatzes und damit den dominierenden Einflu\u00df auf den Wirtschaftsablauf. Ginge diese Entwicklung weiter, so w\u00fcrden wir nach der Berechnung amerikanischer Computer im Jahre 2.000 von 175 amerikanischen sowie von 125 europ\u00e4ischen und japanischen Gro\u00dffirmen beherrscht werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"reich-und-arm-in-der-brd\">Reich und arm in der BRD<\/span><\/h2>\n<p>Den Gegensatz von reich und arm hat der Spiegel, 28. 7. 69, sehr plastisch geschildert:\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Rund 2380 westdeutsche Unternehmer und Kapitaleigner hatten 1965 ein Monatseinkommen von durchschnittlich je 190000 DM. Im gleichen Jahr verdiente ein Drittel der Lohn- und Gehaltsempf\u00e4nger h\u00f6chstens DM 500, binnen 12 Monaten soviel wie die Million\u00e4re in 23 Stunden. Deutschlands Kaufh\u00e4user zahlten ihren Vorstandsmitgliedern 1967 h\u00f6here Geh\u00e4lter als alle anderen Branchen, im Monat durchschnittlich DM 45.304. Unterhalb der get\u00e4felten Vorstandsetagen aber arbeiteten in Kaufh\u00e4usern die am schlechtesten bezahlten Angestellten der Bundesrepublik. Ihr durchschnittliches Monatsgehalt betrug DM 1014. Das strichen die Herren aus dem Top-Management alle f\u00fcnf Stunden ein. Insgesamt 15247 Bundesb\u00fcrger mu\u00dften 1966 Verm\u00f6gen mit mehr als einer Million DM versteuern. Allein Westdeutschlands 34 reichste M\u00e4nner zogen aus ihrem Besitz Jahreseinkommen von jeweils mehr als 10 Millionen Mark. Diese kleine Gruppe, zu der die Industriellen Friedrich Flick und Herbert Quandt, der Presse-Tycoon Axel Springer und die Feudalsippe derer von Thurn und Taxis z\u00e4hlen, meldete den Finanz\u00e4mtern 1963 ein Gesamteinkommen von rund 680 Millionen Mark, genau doppelt so viel wie die 29000 Arbeiter und Angestellten der August-Thyssen-H\u00fctte AG in Duisburg-Hamborn zusammen. Fast die H\u00e4lfte aller westdeutschen Haushalte konnte bis 1961 von ihrem Arbeitslohn noch nicht einmal DM 2.000 zur\u00fccklegen. Der Betrag reicht gerade aus, die Beerdigungskosten des Ern\u00e4hrers zu decken. Rund drei Millionen Familien mit fast 9 Millionen Angeh\u00f6rigen besitzen nichts au\u00dfer einem bi\u00dfchen Hausrat und ihrer Garderobe.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Million\u00e4re 1969&#8212;1972 von 5.745 auf 6.678 angewachsen. In der ganzen BRD waren es 1960 7800, 1966 14.000. In der Bundesrepublik geh\u00f6rten 1960 35% des gesamten Privatverm\u00f6gens 1,7% aller Haushalte, die restlichen 65% geh\u00f6rten dagegen 98,3% der Haushalte. Die 1,7% mit \u00fcber einem Drittel des Verm\u00f6gens besa\u00dfen zudem 70% des ertragreichen Kapital- und Betriebsverm\u00f6gens. Auf weniger als 1% entfiel mehr als 25% des gesamten Betriebs- und 43% des gesamten privaten Kapitalverm\u00f6gens. Ein Promille aller Haus-halte verf\u00fcgte gleichbleibend von 1935&#8212;1969 \u00fcber 14% des gesamten Volksverm\u00f6gens. Nat\u00fcrlich besitzen heute &#8222;Arbeitnehmer&#8221;, angefangen vom Arbeiter bis zum h\u00f6chsten Beamten, Wertpapiere: 18% im Gegensatz zu 30% der Selbst\u00e4ndigen, bei denen der Durchschnittswert des Papiers ca 42.204 DM betr\u00e4gt, w\u00e4hrend er bei den Arbeitnehmern bei 11.338 DM liegt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"einkommensverteilung\">Einkom&shy;mens&shy;ver&shy;tei&shy;lung <\/span><\/h2>\n<p>\u00c4hnlich ungleich ist die Einkommensverteilung. Zwar soll sich das Nettoeinkommen eines Arbeitnehmers, in stabiler Kaufkraft gemessen, von 1925 bis 1972 von 312 DM monatlich auf 1.060 DM etwa verdreifacht haben. Die Einkommen der Selbst\u00e4ndigen nehmen aber relativ st\u00e4rker zu. Wie das D WI 1973 herausfand, standen 1970 einem selbst\u00e4ndigen Haushalt monatlich rund 1850 DM mehr zur Verf\u00fcgung als 10 Jahre zuvor, ein Arbeitnehmerhaushalt hatte im gleichen Zeitraum nur einen Zuwachs von DM 800. Erkl\u00e4rt wird das unter anderem mit der Zunahme der Steuerlastquote und des Anteils zur Sozialversicherung der Arbeitehmer, w\u00e4hrend die Steuerlastquote der Einkommen aus Unternehmert\u00e4tigkeit und Verm\u00f6gen fast unver\u00e4ndert blieb. Nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes von 1974 sind die Privateinkommen aus Unternehmert\u00e4tigkeit 1960&#8211;1972 um 111% von 67 Milliarden auf 141 Milliarden DM gestiegen, die Verm\u00f6genseink\u00fcnfte der privaten Haushalte um 383% von 6 auf 28 Milliarden DM. Beide Einkommensarten zusammen sind um 133% von 72 Milliarden auf 169 Milliarden DM gestiegen. Dagegen haben sich die Einkommen aus unselbst\u00e4ndiger Arbeit um 207% erh\u00f6ht. Entscheidend ist aber, da\u00df in diesem Zeitraum die Zahl der Selbst\u00e4ndigen um ein Drittel zur\u00fcckgegangen, die der Arbeitnehmer hingegen um 10% gestiegen ist.<br \/>Der Spiegel hatte bereits auf die hohen Geh\u00e4lter von Topmanagern verwiesen. 1972 bezog ein Vorstandsmitglied bei Karstadt fast 600000 DM pro Jahr, ein Regieassistent beim Film oder Fernsehen etwa DM 8400. Das Nettogehalt der westeurop\u00e4ischen Topmanager variierte 1970 zwischen DM 94700 in Frankreich, DM 78000 in der BRD und DM 50200 in Holland.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"armut-in-der-wohlstandsgesellschaft\">Armut in der &bdquo;Wohl&shy;stands&shy;ge&shy;sell&shy;schaft&ldquo;<\/span><\/h2>\n<p>Da\u00df es nach wie vor auch in den hochindustrialisierten L\u00e4ndern Massenarmut gibt, wird meist vergessen. Selbst in den reichen USA, wo 6% der Weltbev\u00f6lkerung \u00fcber 60% aller G\u00fcter- und Rohstoffquellen verf\u00fcgen, leben seit Jahren nach einer sehr vorsichtigen Sch\u00e4tzung \u00fcber zehn Millionen Menschen unter der amtlich festgesetzten Armutsgrenze und 18 Millionen in abbruchreifen H\u00e4usern. Nach anderen Sch\u00e4tzungen m\u00fcssen bis zu 25% oder gar 30% als arm angesehen werden.<\/p>\n<p>Und das vielger\u00fchmte Wirtschaftswunderland Bundesrepublik? Nach einem Sozialbericht der Bundesregierung von 1970 lag das Nettoeinkommen von 25% aller Arbeiterhaushalte unter DM 800 im Monat. Dem rheinland-pf\u00e4lzischen Sozialminister Heinrich Gei\u00dfler zufolge lagen 1974 rund zwei Millionen Haushalte mit 5,8 Millionen Menschen unter den Bedarfss\u00e4tzen der Sozialhilfe. Sie waren also arm! Fast drei Millionen Haushalte mit sechs bis neun Millionen Menschen leben laut Albert Vietor von der Neuen Heimat in &#8222;d\u00fcsteren Slums&#8221;. 1970 hatten sieben Millionen, dh mehr als ein Drittel aller Wohnungen, weder Bad noch Dusche. In jeder vierten Wohnung fehlte die Toilette. \u00dcber die Existenz von 1,3 Millionen Rassehunden sind wir genauestens informiert (in Florida wurde 1972 ein Testament f\u00fcr rechtsg\u00fcltig erkl\u00e4rt, wonach 81 Hunde 18 Millionen Dollar erbten!) &#8211; keiner kennt die genaue Zahl der Obdachlosen. Man sch\u00e4tzt, da\u00df \u00fcber eine halbe Million Menschen in Obdachlosenasylen hausen und 300 000 als Landstreicher in der Bundesrepublik von Ort zu Ort gejagt werden. Besonders benachteiligt sind die etwa 300000 Kinder und Jugendlichen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-dritte-welt\">Die Dritte Welt <\/span><\/h2>\n<p>All das ist nat\u00fcrlich noch &#8222;nichts&#8221; verglichen mit dem Elend in der Dritten\u00a0 oder besser Zwei-Drittel Welt, das wiederum nur die eine Seite der krassen Ungleichheit in den Lebensbedingungen zwischen Nord und S\u00fcd darstellt. Wir k\u00f6nnen hier auf die Not und den Hunger in den sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern kaum eingehen. Es ist auch wohl einigerma\u00dfen bekannt, da\u00df zB die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung unterern\u00e4hrt ist und da\u00df j\u00e4hrlich an die drei\u00dfig Millionen am Hunger oder dessen Folgen sterben. Zugleich vernichten wir in den reichen L\u00e4ndern Gem\u00fcse und Obst, denaturieren Weizen zu Futtergetreide, geben Butter in die Seifenfabriken oder verwenden sie als Viehfutter. Am trostlosesten ist wohl der Umstand, da\u00df trotz allen Aufrufen und Ermahnungen, Reden und Beschl\u00fcssen die Kluft zwischen den reichen und armen L\u00e4ndern w\u00e4chst. (Siehe dazu den Aufsatz von Udo Ernst Simonis &#8222;Armut, Unterbesch\u00e4ftigung und soziale Ungleichheit in Asien und Afrika&#8221; in Nr 17 der Vorg\u00e4nge.)<br \/>In 17 lateinamerikanischen L\u00e4ndern schwankt der Anteil jener, die im Jahr pro Kopf 70 oder weniger Dollar verdienen, zwischen 11 und 17% &#8212; so ein Bericht des Wirtschafts- und Sozialrats der UN von 1975. Von den rund 580 Millionen Indern leben 365 Millionen unterhalb der Armutsgrenze; ihr Einkommen pro Kopf und Jahr liegt unter $ 75. Doppelt getroffen sind die Kinder in den armen L\u00e4ndern. Von den 54 Millionen unter 14 Jahren, die arbeiten m\u00fcssen, leben 52 Millionen in der Dritten und Vierten Welt. In Sao Paulo sterben j\u00e4hrlich 5000 Kinder unter f\u00fcnf Jahren an Unterern\u00e4hrung. Aber auch \u00fcber 800 Millionen Erwachsene &#8212; die Mehrzahl in Asien, Afrika und Lateinamerika &#8212; sind Analphabeten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"entwicklungshilfe\">Entwicklungshilfe?<\/span><\/h2>\n<p>Leisten wir aber nicht reichliche Entwicklungshilfe? Da\u00df es damit nicht so weit her ist, daf\u00fcr nur eine Zahl: Die echte Entwicklungshilfe kostet jeden Bundesb\u00fcrger pro Tag den Preis einer halben Zigarette. Dabei wurden immerhin im Jahre 1971 von jedem Bundesb\u00fcrger im Durchschnitt \u00fcber 2000 Zigaretten geraucht. W\u00e4hrend 1959\/60 &#8222;nur&#8221; 19 Milliarden DM verraucht und vertrunken wurden, betrug diese Zahl 1971 schon 40 Milliarden. F\u00fcr Blumen gaben wir j\u00e4hrlich \u00fcber 4 Milliarden aus. Werbung kostete 1969 18 Milliarden DM, 1974 in den USA 58 Milliarden DM und weltweit 92 Milliarden DM. In dieses Bild pa\u00dft, da\u00df unsere Gro\u00dfen Unsummen f\u00fcr Presseb\u00e4lle, Empf\u00e4nge, Festessen usw ausgeben &#8212; nicht selten auf Kosten der Steuerzahler.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ungleichheit-in-staat-und-gesellschaft\">Ungleich&shy;heit in Staat und Gesell&shy;schaft <\/span><\/h2>\n<p>Demokratien r\u00fchmen sich, da\u00df in ihnen die Gleichheit zumindest in Staat und Recht vorherrscht. In der Tat, im politischen Bereich genie\u00dfen die Massen nach jahrzehntelangen K\u00e4mpfen mehr Freiheit und Gleichheit als in den Oligarchien alten Stils oder den Autokratien neuesten Datums. Aber noch immer bleibt auch in den Demokratien die Gleichheit eng begrenzt und die Freiheit ernstlich bedroht. Der Einflu\u00df von Plutokraten, B\u00fcrokraten, Technokraten durchdringt alle Bereiche des \u00f6ffentlichen Lebens.<br \/>Mit dem Abbau demokratischer Freiheiten und der Machtzunahme der staatlichen Exekutive und B\u00fcrokratie vermindert sich auch der Spielraum f\u00fcr die Gleichheit zwischen B\u00fcrger und Obrigkeit. In Verband und Verwaltung, Presse und Justiz, Partei und Parlament hat derjenige, der \u00fcber Besitz und Bildung, Information und Kontakte verf\u00fcgt, unvergleichlich mehr M\u00f6glichkeiten oder sogar Machtpositionen als der einfache B\u00fcrger, Bauer oder Arbeiter.<br \/>Nach dem WWI des DGB treffen wenige Hundert Personen, die mit den Gro\u00dfunternehmen und Konzernen, den Gro\u00dfbanken und den gro\u00dfen Kapitaleigent\u00fcmern in Verbindung stehen, die wichtigsten Entscheidungen in den kapitalorientierten Verb\u00e4nden, in bestimmten Parteien, in der Staatsb\u00fcrokratie, in der Publizistik sowie im Erziehungs-, Wissenschafts- und Forschungsbereich. So wagen heute im Zeitalter des gleichen Wahlrechts selbst die Arbeitnehmerorganisationen nicht mehr, die Gleichheit zwischen dem einzelnen Arbeiter, Manager und Kapitalisten als solchem zu fordern, sie setzen sich schon dem Vorwurf des &#8222;Radikalismus&#8221; aus, wenn sie im Stile des St\u00e4ndestaates die Gleichberechtigung der &#8222;St\u00e4nde&#8221; Kapital und Arbeit, die &#8222;parit\u00e4tische&#8221; Mitbestimmung, die Gleichheit zwischen den Massenorganisationen der Millionen und den Kapitalzusammenschl\u00fcssen der wenigen fordern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"noch-keine-rechtsgleichheit\">Noch keine Rechts&shy;gleich&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Wir wollen hier nur noch auf die Gleichheit und Ungleichheit im Rechtswesen eingehen. In einer Demokratie sollte die Gleichheit vor dem Gesetz eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. Aber immer noch ist das Recht viel zu sehr Instrument eines Staates, der auch als demokratischer Rechtsstaat zugleich Milit\u00e4r-, Polizei- und Gewaltstaat geblieben ist, als da\u00df es wirklich durchg\u00e4ngig und erfolgreich der Gleichheit und Freiheit aller dienen k\u00f6nnte. Besonders wenig hat sich am klassischen Eigentums- und Erbrecht ge\u00e4ndert. Aber auch die sch\u00fcchternen Ans\u00e4tze zur Verbesserung der Rechtslage des Kindes und der Ehefrau im Familienrecht bleiben hinter modernen Erkenntnissen und humanen Erfordernissen weit zur\u00fcck.<br \/>In diesem Zusammenhang noch ein Wort zur paradox-absurden Behandlung der Frau, die noch immer sogar juristisch (von ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Position wollen wir nicht sprechen) keineswegs gleichberechtigt ist. So soll etwa w\u00e4hrend der Schwangerschaft nicht sie \u00fcber ihren K\u00f6rper verf\u00fcgen &#8211; es sind die M\u00e4nner, die das ihre dazu beitragen, da\u00df die Masse der Frauen der &#8222;Versuchung&#8221; einer illegalen Abtreibung erliegt. K\u00fcrzlich erkl\u00e4rte der Bundestagsabgeordnete Andreas v. Schoeler (FDP) im Bundestag, j\u00e4hrlich trieben 20000 deutsche Frauen im Ausland ab, die Zahl der &#8222;illegalen&#8221; Abtreibungen in der Bundesrepublik betr\u00fcge 300000 j\u00e4hrlich. Ja, die &#8222;Sorge&#8220; f\u00fcr den Ungeborenen ist bei uns un\u00fcbertroffen; nur nimmt die F\u00fcrsorge nach der Geburt rapide ab, bis sie den Punkt erreicht, wo Millionen als billige &#8222;Arbeitskr\u00e4fte&#8221; verschlissen oder gar als &#8222;Menschenmaterial&#8221; und &#8222;Kanonenfutter&#8221; &#8222;verheizt&#8221; werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"strafprozessordnung-und-gerichtsverfassungsgesetz\">Straf&shy;pro&shy;ze&szlig;&shy;ord&shy;nung und Gerichts&shy;ver&shy;fas&shy;sungs&shy;ge&shy;setz<\/span><\/h2>\n<p>Die Strafproze\u00dfordnung wie das Gerichtsverfassungsgesetz repr\u00e4sentieren nach wie vor die Macht und Herrlichkeit des Staates. Der vorsintflutliche Charakter des Strafrechts spiegelt sich in schwersten Strafandrohungen f\u00fcr Aufs\u00e4ssigkeit gegen die Obrigkeit und f\u00fcr grobe Eigentumsdelikte ebenso wie in milden Sanktionen f\u00fcr den Mi\u00dfbrauch wirtschaftlicher \u00dcberlegenheit oder die Mi\u00dfhandlung Schwacher und Abh\u00e4ngiger wieder. So genie\u00dfen immer noch Beamte gegen\u00fcber Privatpersonen, Gebildete gegen\u00fcber Ungebildeten, aber auch Wohlhabende gegen\u00fcber \u00c4rmeren die in einer Standes- und Klassengesellschaft selbstverst\u00e4ndlichen Vorrechte. <br \/>Die alte Forderung des Gothaer und Erfurter Programms der SPD nach Unentgeltlichkeit der Rechtssprechung ist total vergessen. Insbesondere der \u00e4rmere Angeklagte steht isoliert und hilflos der konzentrierten Staatsmacht gegen\u00fcber &#8212; was kann auch sein Rechtsanwalt ausrichten gegen den \u00fcberm\u00e4chtigen Apparat der Polizei und Staatsanwaltschaft? Sogar die Sitzordnung im Gerichtssaal macht schon die Ungleichheit der Parteien im Strafproze\u00df sowie das enge Miteinander von Staatsanwalt und Strafrichter deutlich.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"privilegien-im-bildungswesen-gleichheit-und-freiheit\">Privilegien im Bildungs&shy;wesen Gleichheit und Freiheit<\/span><\/h2>\n<p>Wenn wir uns nun der Gleichheit im Kulturbereich zuwenden, so wollen wir uns auf den Komplex der Schulbildung beschr\u00e4nken. Selbst hier sind noch Klassen-, Besitz- und Machtprivilegien deutlich sp\u00fcrbar. Die \u00fcberlieferte konfessionelle oder &#8222;christliche&#8221; Drei-Klassen-Schule mag in der Bundesrepublik auf dem R\u00fcckzug begriffen sein. Aber auch der Zugang zu den sich langsam vereinheitlichenden Schultypen ist immer noch vor allem von der materiellen, psychischen und intellektuellen Verfassung des Elternhauses abh\u00e4ngig. Wo bleibt die Chancengleichheit, wenn etwa das eine Kind in einer sch\u00f6nen Villa mit Garten, Bibliothek usw in der Obhut liebender Eltern aufw\u00e4chst, das andere als &#8222;Schl\u00fcsselkind&#8221; in einer Mietskaserne, in der der Fernsehapparat und die Bild-Zeitung die Kultur repr\u00e4sentieren? <br \/>So wundert es nicht, da\u00df die Zahl der Kinder von Arbeitern in den h\u00f6heren Schulen und Universit\u00e4ten noch lange nicht dem Bev\u00f6lkerungsanteil dieser entspricht. Freilich ist der Anteil der studierenden Arbeiterkinder von 4% 1953 auf 12% 1973 angestiegen. Der Abbau von Schulgeld und Studiengeb\u00fchren, die Zunahme der Stipendien haben hier einiges bewirkt &#8212; aber schon ist auch hier die Tendenz wieder r\u00fcckl\u00e4ufig. Der Abbau der sozialen Leistungen f\u00fcr die Studenten trifft vor allem die \u00e4rmeren unter ihnen.<br \/>Aber selbst wenn der Zugang zu den Bildungsm\u00f6glichkeiten wirklich allen gleicherma\u00dfen offen st\u00fcnde, erg\u00e4be sich hier ein ernstes Problem, auf das Kurt Eisner schon 1896 hingewiesen hat. An die Stelle des Zufalls des Besitzes &#8222;w\u00fcrde der Zufall des Besitzes ganz bestimmter, im geistigen Wettkampf \u00fcberlegener F\u00e4higkeiten treten und damit abermals eine h\u00f6chst unnat\u00fcrliche Auslese entstehen&#8221;. Statt eines solchen &#8222;reinen Bildungsmanchestertums&#8221; sollen nach Eisner &#8222;alle Bildungsinstitute der Gesellschaft, von dem Kindergarten bis zur Universit\u00e4t jedem Mitglied dieser Gesellschaft er\u00f6ffnet werden, unabh\u00e4ngig nicht nur vom Besitz, sondern auch von der F\u00e4higkeit. Nur so schrumpft die Ungerechtigkeit auf das Mindestma\u00df zusammen&#8221;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gleichheit-und-freiheit\">Gleichheit und Freiheit <\/span><\/h2>\n<p>Eisner ber\u00fchrt hier einen Fragenkreis, der nicht nur, aber insbesondere auch f\u00fcr die Kultursph\u00e4re h\u00f6chst bedeutsam ist &#8212; den des Verh\u00e4ltnisses von Gleichheit und Freiheit. Alle gesellschaftlichen Institutionen sollen nach Eisner auf dem Prinzip der Gleichheit beruhen &#8211; jede Auslese schon hier w\u00e4re antisozialistisch. &#8222;Die Individualisierung beginnt erst, wo die Gemeinschaftsinstitutionen aufh\u00f6ren. Dort auf der H\u00f6he, jenseits der Gemeinschaft und ihrer Einrichtung, oberhalb der Massenvegetationsgrenze hebt erst das freie Spiel der Kr\u00e4fte an, das nun nicht mehr gesellschaftsfeindlich wirken kann, weil es sich au\u00dferhalb der Gesellschaft mit ihren Rechten und Pflichten tummelt, im unumschr\u00e4nkten Machtbereich des Individuums.&#8221;<br \/>Wir m\u00f6chten Eisner darin zustimmen, da\u00df gerade im materiell-kulturellen Bereich Freiheit und Individualit\u00e4t besonders wichtig, aber auch leichter zu verwirklichen sind. Gerade hier sollte auch der au\u00dferordentlichsten Pers\u00f6nlichkeit ein Maximum an Entfaltung gew\u00e4hrt und gesichert werden. Gerade hier sind die Unterschiede in der Begabung, im Lebensstil, in der Zielsetzung nat\u00fcrlich und besonders wertvoll. Nicht als homo faber und homo oeconomicus und nicht einmal als zoon politikon, sondern als homo sapiens et ludens m\u00fc\u00dfte der Mensch sich freiestens entfalten. Hier sollten seiner Liebe und Phantasie, seinem Spiel und Traum m\u00f6glichst keine Grenzen gesetzt werden. Vieles, was im wirtschaftlichen Bereich sch\u00e4dlich ist, w\u00e4re hier m\u00f6glich, da hier so manches ohne gro\u00dfen materiellen Aufwand geschaffen werden kann. Spielen und Lieben, Singen und Dichten kann ich ohne viele Tonnen Stahl und Kohle, ohne viele Kilowatt oder PS. Freilich ruht auch diese Kulturwelt auf der harten Basis der materiellen Produktion und letztlich stellt sich auch hier immer wieder das Problem der Verteilung knapper Ressourcen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-materiellen-beduerfnisse\">Die materiellen Bed&uuml;rfnisse<\/span><\/h2>\n<p>Geht es in der Kultur um den freien \u00dcberschu\u00df, so m\u00fcssen wir im wirtschaftlich-technischen Bereich zun\u00e4chst f\u00fcr die notwendigsten materiel len Bed\u00fcrfnisse des Menschen und der Menschheit sorgen. Insofern diese f\u00fcr alle dieselben sind, sind sie auch egalit\u00e4r zu befriedigen &#8211; sei es nach Ma\u00dfgabe objektiv-festzustellender Normen und Indikatoren, sei es mittels freien Angebots nach dem Nulltarif. Sobald das Angebot die Nachfrage deckt, kann man Wasser und Brot, Kartoffeln und Wein, Schuhe und Hemden, Wohnraum und Autobusse, Bibliotheken und Kinos &#8222;sozialisieren&#8221;, dh alle Menschen k\u00f6nnen diese G\u00fcter und Dienstleistungen gem\u00e4\u00df ihren &#8211; begrenzten! &#8211; Bed\u00fcrfnissen ohne Entgelt erhalten. Es w\u00fcrden auch dann noch feinere, ausgefallenere, kostspieligere, neuere G\u00fcter und Dienstleistungen &#8211; vom Pelzmantel und Auto bis zum Sekt und Kaviar &#8211; produziert werden, die nur k\u00e4uflich zu erwerben w\u00e4ren. Um dies zu erm\u00f6glichen, sollte die Entlohnung nach dem Leistungsprinzip erfolgen. Da\u00df auch eine solche Gleichheit nach dem Leistungsprinzip ihre Mi\u00dfst\u00e4nde erzeugt, hat schon Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms deutlich gemacht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"leistungsgesellschaft\">&bdquo;Leis&shy;tungs&shy;ge&shy;sell&shy;schaft&ldquo;?<\/span><\/h2>\n<p>Halten wir aber fest: Schon die durchgehende Bezahlung nach einem solchen Ma\u00dfstab der Arbeitsleistung, so schwierig sie gerade heute in einer komplexen Wirtschaft geworden ist, w\u00e4re ein weltgeschichtlicher Fort-schritt verglichen mit dem, was wir heute haben, und was sich zwar als &#8222;Leistungsgesellschaft&#8221; ausgibt, in Wahrheit aber noch ganz entscheidend eine Gesellschaft ererbter und zuf\u00e4lliger, oft antisozial erworbener Privilegien einerseits, unverdienter und zuf\u00e4lliger Diskriminierungen andrerseits ist. Man denke doch nur an die Vererbung ganzer Wirtschaftsimperien, an die Akkumulation von Grundrente und Kapitalzins, an die Ausnutzung von Monopolpreisen, an systematische Spekulationen und &#8222;legalen&#8221; Steuer-, Kunden- usw -Betrug. Nur drei Beispiele statt vieler aus dem Bereich der Ausnutzung des Bodenmonopols: Ein Flurstrich im Stuttgarter Westen wurde f\u00fcr 1,5 Millionen gekauft und drei Wochen sp\u00e4ter f\u00fcr 2,5 Millionen wiederverkauft. 4500 qm &#8222;Bauland&#8221; waren 1948&#8211;1952 f\u00fcr DM 40000 gekauft worden, 1973 wurden 5,3 Millionen daf\u00fcr verlangt. Der m\u00fchelose Wertzuwachs privater Bodenbesitzer seit 1950 ist mit ca. 300 Milliarden DM gr\u00f6\u00dfer als die Spareinlagen aller privaten Haushalte mit 232 Milliarden DM 1971 &#8212; so Bundesst\u00e4dtebauminister Hans-Jochen Vogel 1973.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unser-steuersystem-foerdert-die-ungleichheit\">Unser Steuer&shy;system f&ouml;rdert die Ungleich&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Abhilfe und Egalisierung w\u00e4ren hier m\u00f6glich &#8212; durch \u00dcberf\u00fchrung marktbeherrschender Unternehmen in Gemeineigentum, durch progressive Einkommenssteuer, durch radikale Besteuerung gr\u00f6\u00dferer Erbschaften und arbeitslosen Gewinns, durch Mindestl\u00f6hne, durch H\u00f6chsteinkommensgrenzen usw. In der Bundesrepublik haben wir ein Steuerreform, das die Ungleichheit f\u00f6rdert. Wer aber eine radikale Steuerreform vorschl\u00e4gt oder gar wie die Jusos wagt, eine Einkommensbegrenzung von DM 5000 pro Monat anzuregen (nach Robespierre sollte niemand viel mehr oder viel weniger als 3000 Francs im Jahr einnehmen!) erntet Spott: un und Hohn &#8212; gerade auch von jenen Partei- und Gewerkschaftsb\u00fcrokraten, die ihre hohen Einkommen aus den Beitr\u00e4gen kleiner Lohnempf\u00e4nger beziehen.<br \/>Da\u00df aber auch die abh\u00e4ngigen Massen krasse Ungleichheit in der Regel hinnehmen, erkl\u00e4rt sich wohl nur so, da\u00df sie als Ergebnis ihrer jahrtausendealten Unterdr\u00fcckung, ihrer autorit\u00e4ren Sozialisation, ihrer mangelnden Bildung, aber auch als Folge einer noch so begrenzten Beteiligung am &#8222;Wirtschaftswunder&#8221; ebenso bescheiden, gef\u00fcgig und servil sind wie ihre Herren und deren Trabanten selbstbewu\u00dft, \u00fcberm\u00fctig und aggressiv. Und wenn schon &#8222;die da oben&#8221; weder die sittliche Fragw\u00fcrdigkeit der Und gleichheit noch ihre latenten Disfunktionalit\u00e4ten (Zunahme des Verbre chens, des Terrors, der Selbstmorde, der Depressionen und Neurosen nach der WHO sind in einigen westlichen L\u00e4ndern ein F\u00fcnftel der Einwohne davon betroffen &#8211;, Alkoholismus und andere S\u00fcchte) sehen wollen oder k\u00f6nnen, so erst recht nicht &#8222;die da unten&#8221;, die um ihr t\u00e4glich Brot (einschlie\u00dflich des K\u00fchlschranks, Autos usw) ringen und bangen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"entscheidungsfindung-in-der-politik\">Entschei&shy;dungs&shy;fin&shy;dung in der Politik<\/span><\/h2>\n<p>Die Hoffnung auf eine egalit\u00e4re Einflu\u00dfnahme der Massen in der Politik also begrenzt. Gerade hier in der Politik fallen jedoch die letzten Entscheidungen dar\u00fcber, ob die Gesellschaft von morgen den Weg zu mehr Gleichheit und Freiheit oder den zu mehr Hierarchie und Autokratie gehen wird. Die Entscheidungsfindung in der Politik stellt aber die moderne, komplexe Gesellschaft vor gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten und Widerspr\u00fcche: Demokratie ist identisch mit Gleichheit und Freiheit, Demokratisierung hei\u00dft Egalisierung und Liberalisierung. W\u00e4hrend nun aber wie angedeutet im Prinzip in der Wirtschaft sehr wohl der Gleichheit der Vorrang vor den Freiheiten der Privilegierten gew\u00e4hrt werden kann und umgekehrt in der Kultur die Freiheit vor der Gleichheit rangieren mag, geht es in der Politik, im Staat und in der globalen Staatengesellschaft um das subtilste Gleichgewicht von Gleichheit und Freiheit.<br \/>Wir haben zwar angedeutet, da\u00df auch hier die Br\u00fcderlichkeit das ihre dazu beitragen k\u00f6nnte, den Gegensatz von Freiheit und Gleichheit zu mildern. Das erspart uns aber nicht, nach konkreten L\u00f6sungen zu suchen. Immer wieder m\u00fcssen wir in Theorie und Praxis, in Strategie und Experiment nach neuen Kombinationen von demokratischer Gleichheit und funktionaler F\u00fchrung seitens der Experten, der Spezialisten und Generalisten, der Politiker und Wissenschaftler, der K\u00fcnstler und Techniker suchen. Nur so m\u00f6gen wir uns dem Ziel der freien Gleichheit alles dessen, was MenschenantIitz tr\u00e4gt, n\u00e4hern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"von-anderen-laendern-lernen\">Von anderen L&auml;ndern lernen<\/span><\/h2>\n<p>Schlie\u00dflich sollten wir nicht darauf verzichten, zun\u00e4chst einmal unumwun-den zuzugeben, wie unzureichend die Gleichheit in der Bundesrepublik\u00a0 und in den anderen gr\u00f6\u00dferen Demokratien &#8212; von den Diktaturen ganz zu schweigen &#8211; verwirklicht ist. Zugleich sollten wir dar\u00fcber nachdenken, warum einige kleinere L\u00e4nder, vor allem die skandinavischen Staaten, die Niederlande und die Schweiz (wo der Bundespr\u00e4sident mit dem Bus ins Amt f\u00e4hrt), auch Jugoslawien, in manchen Bereichen mehr Gleichheit kennen. K\u00f6nnten und sollten wir nicht von ihnen lernen? Warum errichtet man bei uns nicht Institute, in denen die Entwicklungen in diesen L\u00e4ndern systematisch studiert werden? Warum sendet man nicht Kommissionen in diese L\u00e4nder, die uns \u00fcber deren Schwierigkeiten und L\u00f6sungen objektiv informieren? Wir glauben, die Antwort zu wissen: Die Millionen, die das kosten k\u00f6nnte, sind nicht vorhanden &#8211; wir brauchen daf\u00fcr Milliarden f\u00fcr Fregatten, D\u00fcsenj\u00e4ger und Tanks, f\u00fcr die Verg\u00fctungen f\u00fcr unsere Minister und Diplomaten, Generale und Generaldirektoren &#8211; und f\u00fcr deren Reisen, Empf\u00e4nge und Feste. Womit wir auch schon wieder beim Problem der Gleichheit, das hei\u00dft der Ungleichheit, w\u00e4ren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[761,667],"autoren":[463],"publikationen":[1317],"class_list":["post-12323","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gleichheit","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ossip-k-flechtheim","publikationen-20-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gleichheit \u0097 Postulat und Realit\u00e4t - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/20-vorgaenge\/publikation\/gleichheit-postulat-und-realitaet\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gleichheit \u0097 Postulat und Realit\u00e4t - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 20 (Heft 2\/1976), S. 75-85 Erfolge und R&uuml;ckschl&auml;ge Jahrtausendelang war die Geschichte des Menschen nicht viel mehr als\u00a0 eine Geschichte der Ungleichheit, Unfreiheit und Herrschaft. 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