{"id":12356,"date":"1985-11-30T07:00:00","date_gmt":"1985-11-30T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/internationale-beziehungen-und-geheimpolitik\/"},"modified":"1985-11-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-11-30T11:00:00","slug":"internationale-beziehungen-und-geheimpolitik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/internationale-beziehungen-und-geheimpolitik\/","title":{"rendered":"Internationale Beziehungen und Geheimpolitik"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S.69-75.<\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheoretiker haben es gut. Wer hinter der Oberfl\u00e4che politischer Handlungen, die oft nur ein verworrenes Bild von den laufenden Ereignissen formen, eine zweite Ebene vermutet, auf der alles sehr viel \u00fcbersichtlicher verl\u00e4uft, weil die Akteure miteinander verschworen sind, weil es ohnehin nur ganz wenige gibt, die die F\u00e4den der Wirklichkeit in H\u00e4nden haben, und weil alles geheim ist, verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber privile-gierte Einsichten (Erkenntnisse oder intelligence hei\u00dft das im professionellen Jargon). Er vermag dar\u00fcber hinaus auch eine ganz besondere Art von Befriedigung aus diesen Einsichten zu ziehen. Denn der Verschw\u00f6rungstheoretiker ist ja, wenn auch sozusagen nur als Voyeur (aber was hei\u00dft hier: nur?), ein Miteingeweihter. Wer die \u00bbProtokolle der Weisen von Zion\u00ab f\u00fcr ein authentisches Dokument der Politik des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts h\u00e4lt(1), f\u00fcr den ordnen sich die verschiedenartigsten Anzeichen des Verfalls automatisch zu einem Meisterplan einer Handvoll machtgieriger, krummnasiger M\u00e4nner, die die Welt beherrschen wollen.<\/p>\n<p>Nimmt man es genau, ist die verschw\u00f6rungstheoretische Perspektive der Standard Ansatz zur Erkl\u00e4rung von politischen Vorg\u00e4ngen, vom Stammtisch bis in Theoriebildung der Politikwissenschaft(2). Wie \u00fcblich bei derlei, besteht das Problem nun nicht darin, da\u00df Hirngespinste an die Stelle von Denken getreten sind, da\u00df \u00bballes falsch\u00ab ist. Das ist es ja nicht, wie jeder wei\u00df. Es gibt in der Tat unter der Oberfl\u00e4che des politischen Gesch\u00e4fts eine zweite Ebene, auf der alles \u00fcbersichtlicher verlaufen soll, was es aber nur selten tut. Vielleicht w\u00fcrden sich einige der politischen Akteure, um sich ihr Gesch\u00e4ft zu erleichtern, auch gerne miteinander verschw\u00f6ren, aber das klappt nur in den wenigsten F\u00e4llen.<\/p>\n<p>Nehmen wir als Beispiel die internationalen Beziehungen. Vor aller anderen Politik ist sie \u00fcber mehrere Jahrhunderte von dem Ruch geheimer und geheimnisvoller Machenschaften umweht. Zu Beginn der Neuzeit war Staatspolitik grunds\u00e4tzlich Staatsgeheimnis. Dies lockerte sich langsam. Aber noch im 18. Jahrhundert mu\u00dften die Beratungen im (englischen) Parlament als streng vertraulich behandelt werden. Selbst als die politische Legitimation des Staats der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft es unumg\u00e4nglich machte, die Ergebnisse solcher Beratungen \u00f6ffentlich zu machen, verblieb doch ein gro\u00dfer Teil des Entscheidungsprozesses im Verborgenen. Auf zwei eng miteinander verbundenen Politikfeldern ist die Macht des Geheimen auch heute noch beachtlich, in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten und solchen des Milit\u00e4rs. Ist dies nichts als ein Rest Feudalismus, ein \u00fcber b\u00fcrokratische Interessen am Leben gehaltener Anachronismus?<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"ein-wendepunkt-an-dem-es-geradeaus-ging\">Ein Wendepunkt, an dem es geradeaus ging<\/span><\/h5>\n<p>Das zwanzigste Jahrhundert, von Beginn an eines der falschen Emphase, versprach zun\u00e4chst eine grundlegende \u00c4nderung. Der Charakter der internationalen Beziehungen scheint sich unter dem Eindruck der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges zu ver\u00e4ndern. So wird angek\u00fcndigt, von Lenin: \u00bbDie Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab, sie erkl\u00e4rt, da\u00df sie ihrerseits fest entschlossen ist, alle Verhandlungen v\u00f6llig offen vor dem ganzen Volke zu f\u00fchren. ..\u00ab(3). Genau zwei Monate sp\u00e4ter proklamiert der Pr\u00e4sident der USA: \u00bb\u00d6ffentliche Friedensvertr\u00e4ge, \u00f6ffentlich beschlossen, nach denen es keine privaten internationalen Abmachungen irgendwelcher Art geben darf. Vielmehr soll die Diplomatie stets frei und vor aller \u00d6ffentlichkeit sich abspielen.\u00ab(4)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat sich kein Mensch daran gehalten. Der Text von Lenins \u00bbDekret \u00fcber den Frieden\u00ab ist eine revolution\u00e4re Aktion, schwungvoll nach r\u00fcckw\u00e4rts gerichtet (n\u00e4mlich gegen die Kerenski-Regierung) und listig an die Kriegsgegner, denen suggeriert werden soll, da\u00df man sich mit dem R\u00fccken an der Wand in einer moralisch h\u00f6herwertigen Stellung befindet. Wilsons \u00bbVierzehn Punkte\u00ab sollten die Grundlage f\u00fcr eine neue internationale Ordnung bilden, f\u00fcr ein System kollektiver Sicherheit und friedlicher Handelsinteressen, f\u00fcr das es auf den Pariser Vorort Konferenzen 1918\/19 und die Jahre danach keine Chance gab.<\/p>\n<p>Gewi\u00df haben sich Art, Formen, Inhalt der internationalen Beziehungen nach 1917\/18 gewandelt. Der Aufstieg der USA zu einer Weltf\u00fchrungsmacht hat ihr politisches System dazu gezwungen, ihre Au\u00dfenpolitik zu professionalisieren(5), mithin also den \u00fcberlieferten Techniken au\u00dfenpolitischen Handelns anzupassen. Das ging allerdings nur langsam. F\u00fcr die Au\u00dfenpolitik von Henry Kissinger ist die Wilsonsche Forderung nach \u00f6ffentlicher Diplomatie schlicht irrelevant geworden.<\/p>\n<p>Im Selbstverst\u00e4ndnis der sowjetischen Partei- und Staatsf\u00fchrung haben sich mit dem Sieg der Revolution in Ru\u00dfland und seither in steter Expansion \u00bbinternationale Beziehungen neuen Typs\u00ab(6) ausgebildet. Das Neue daran kann aber jedenfalls nicht die Erf\u00fcllung der Leninschen Forderung nach \u00f6ffentlicher Diplomatie sein. Weder beim \u00bbproletarischen Internationalismus\u00ab noch bei der Politik der \u00bbfriedlichen Koexistenz\u00ab wird auf Nicht-\u00d6ffentlichkeit verzichtet. Im Gegenteil. Jenem Nichtangriffsvertrag mit Deutschland vom 23.8.1939 wurde ein Geheimes Zusatzprotokoll beigesellt, in dem es u.a. hei\u00dft: \u00bbAus Anla\u00df der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR haben die unterzeichneten Bevollm\u00e4chtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensph\u00e4ren in Osteuropa er\u00f6rtert&#8230; F\u00fcr den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staat geh\u00f6renden Gebiete werden die Interessensph\u00e4ren Deutschlands und der UdSSR ungef\u00e4hr durch die Linie der Fl\u00fcsse Pissa, Narew, Weichsel und San abgegrenzt. Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabh\u00e4ngigen polnischen Staates erw\u00fcnscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen w\u00e4re, kann endg\u00fcltig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung gekl\u00e4rt werden. In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verst\u00e4ndigung l\u00f6sen.\u00ab(7) Das taten sie dann auch, eine Zeit lang. Nun k\u00f6nnte man behaupten, da\u00df es sich in diesem &#8211; zugegeben: unter moralischen Gesichtspunkten ziemlich widerw\u00e4rtigen &#8211; Fall um eine Ausnahme handelt, weil die Akteure ihre Au\u00dfenpolitik im Effekt gleicherma\u00dfen ungebunden betreiben konnten. R\u00fccksichten auf einheimische \u00d6ffentlichkeit entfielen, so da\u00df man sich ohne weiteres der Formen klassischer Geheimdiplomatie bedienen konnte.<\/p>\n<p>Indes mu\u00df man mit der Einf\u00fchrung moralischer Gesichtspunkte \u00e4u\u00dferst vorsichtig sein, will man sich nicht von den eigenen Pr\u00e4ferenzen den analytischen Horizont einnebeln lassen. Und au\u00dferdem mag das Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt mit seinen erheblichen Konsequenzen erst \u00fcber 1941 und dann \u00fcber 1945 hinaus vielleicht ein Ausnahmefall wegen seiner besonderen zynischen Qualit\u00e4t sein. Geheimdiplomatie, wenn sie auch technisch immer schwieriger geworden ist, nimmt selbstverst\u00e4ndlich auch nach 1945 einen wichtigen Platz in den. Umgangsformen der Akteure im internationalen System ein. Je heikler ein internationaler Konflikt ist, in der Regel hei\u00dft das auch: je brisanter, je gef\u00e4hrlicher, um so mehr sind die beteiligten Akteure auf Geheimkontakte und Geheimdiplomatie verwiesen. Die Vorstellung, Lenins und Wilsons Konzept einer offenen Diplomatie h\u00e4tte sich im 20. Jahrhundert durchgesetzt, l\u00e4\u00dft sicher nicht nur altgedienten Diplomaten das Blut in den Adern gefrieren.<\/p>\n<p>Die wahrscheinlich gef\u00e4hrlichste internationale Krise der Nachkriegszeit, die Kuba Raketenkrise vom Herbst 1962, ist so behandelt worden, da\u00df die amerikanische \u00d6ffentlichkeit trickreich get\u00e4uscht worden ist; nicht auszudenken, w\u00e4s passiert w\u00e4re, w\u00e4re dieses T\u00e4uschungsman\u00f6ver nicht gegl\u00fcckt. Zu Beginn der siebziger Jahre hat es sogar einen Friedensnobelpreis f\u00fcr ein vermeintliches geheimdiplomatisches Meisterst\u00fcck gegeben; die Beendigung des amerikanischen Teils des Vietnam Kriegs sieht sich aus heutiger Sicht allerdings etwas anders an. In den Memoiren Kissingers findet sich f\u00fcr diese Jahre eines machtpolitisch n\u00fcchternen, partielle Kooperation anstrebenden Ost-West-Verh\u00e4ltnisses ein anderes Beispiel f\u00fcr die Verwendung dann allerdings so doch nicht benutzter Formen der Geheimdiplomatie. Es geht um den Nah-Ost-Konflikt, wie er sich einmal wieder in besonders l\u00e4stiger Form im Fr\u00fchjahr 1972 pr\u00e4sentierte, und um amerikanisch sowjetische Absprachen, deren Einzelheiten hier fortfallen k\u00f6nnen, weil es um die Methode geht: \u00bbSchlie\u00dflich gab uns Gromyko einen guten Rat f\u00fcr die \u00dcberwindung unserer innenpolitischen Schwierigkeiten. Er schlug vor, vor der \u00d6ffentlichkeit zu erkl\u00e4ren, wir handelten eine Vereinbarung \u00fcber das Auseinanderr\u00fccken der Truppen am Suezkanal aus, w\u00e4hrend er und ich uns im geheimen \u00fcber eine endg\u00fcltige Regelung einigten, die wir nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 1972 bekanntgeben und in Kraft setzen k\u00f6nnten.\u00ab Den n\u00e4chsten Satz mu\u00df man noch mitauff\u00fchren: \u00bbTrotz meines legend\u00e4ren Selbstvertrauens und meiner angeblichen Neigungen zur Geheimhaltung glaubte ich nicht, da\u00df so etwas m\u00f6glich sei, und lehnte den Vorschlag ab.\u00ab(8)<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"von-der-funktionalitaet-der-geheimhaltung-in-der-aussenpolitik\">Von der Funkti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t der Geheim&shy;hal&shy;tung in der Au&szlig;en&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Die Soziologen, jedenfalls die kaltschn\u00e4uzigen (also die richtigen) haben keine Skrupel, von der Funktionalit\u00e4t der Geheimhaltung zu sprechen. \u00bbDie Verwendung des Geheimnisses als einer soziologischen Technik, als einer Form des Handelns, ohne die angesichts unsres sozialen Umgebenseins gewisse Zwecke \u00fcberhaupt nicht erreichbar sind &#8211; ist ohne weiteres einzusehen.\u00ab Das stammt nicht von Max Weber, k\u00f6nnte aber(9). Das Kn\u00e4uel von unterschiedlichen Interessen und Perzeptionen (Wahrnehmungen), als welches sich das \u00bbsoziale Umgebensein\u00ab in der Au\u00dfenpolitik erweist, verlangt ganz offensichtlich Geheimhaltung als politische Technik, jedenfalls in einem bestimmten Stadium der Entscheidungsvorbereitung. Man mu\u00df das, wohlgemerkt, gr\u00fcndlich unterscheiden von der Geheimhaltung der Ergebnisse solcher Entscheidungsprozesse. Da d\u00fcrfte Kissinger recht haben, wenn er glaubt, so etwas sei f\u00fcr Regierungen moderner Demokratien einigerma\u00dfen risikolos nicht m\u00f6glich. Wir werden immer wieder aus den politischen Apparaten selbst heraus \u00fcber vorgeblich zu Unrecht geheim gehaltene Entscheidungen informiert, man denke an die Ver\u00f6ffentlichung der \u00bbPentagon-Papiere\u00ab oder an das Durchsickern der \u00bbBahr-Papiere\u00ab aus der Verhandlungsphase des ersten der Ostvertr\u00e4ge der sozial-liberalen Koalition oder j\u00fcngst an die Greenpeace-Aff\u00e4re in Frankreich.<\/p>\n<p>Wir sind hier aber unversehens auf eine andere Ebene des Problems Geheimhaltung und internationale Politik gerutscht. Die These fr\u00fchb\u00fcrgerlicher Aufkl\u00e4rung &#8211; Politik mu\u00df \u00f6ffentlich werden, so nur wird sie auch rationaler &#8211; war ja immer schon ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Aber auch die nicht ganz so optimistische Deutung der Forderung nach \u00d6ffentlichkeit im Sinne einer \u00d6ffnung von Partizipations-Chancen greift (wenn man so will: leider) zu kurz, um das teils raffinierte, teils grobschl\u00e4chtige politische Spiel um Geheimhaltung und \u00d6ffentlichkeit, um die Funktionalisierung der \u00bbWelt\u00f6ffentlichkeit\u00ab (der fiktiven) f\u00fcr die eigenen Zwecke oder die Wirkungen des innenpolitischen Drucks auf das au\u00dfenpolitische Verhalten des Gegners im Sinne der eigenen Ziele zu benutzen. \u00bbAu\u00dfenpolitik bedeutet in vielen F\u00e4llen, da\u00df man in der Verfolgung nationaler Interessen einen Weg suchen mu\u00df, der die eigene \u00d6ffentlichkeit befriedigt, ohne die \u00d6ffentlichkeit des Auslands gegen sich aufzubringen.\u00ab(10)<\/p>\n<p>Dies sind h\u00e4ufig Balance-Akte. Offentlichkeit in diesem Sinne ist auch weniger ein diffuses moralisches Gebilde, vielmehr ein Produkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen mit besonderen Rollen f\u00fcr die parlamentarische Opposition und f\u00fcr die Massenkommunikationsmittel, also derjenigen, die in und mit ihnen das Sagen haben.<\/p>\n<p>Der Funktionalisierung von \u00d6ffentlichkeit entspricht die Funktionalit\u00e4t der Geheimhaltung. Bei den Legislativen in modernen parlamentarischen Demokratien, ihren dem Prinzip \u00d6ffentlichkeit sozusagen am meisten verpflichteten Organen, ist die Geheimhaltung \u00bbsogar so notwendig, da\u00df jeder Versuch, sie etwa durch radikale Reformen abzuschaffen, nur dazu gef\u00fchrt hat, den Schauplatz f\u00fcr wichtige Entscheidungen zu verlagern; aus den Plenarsitzungen in die Aussch\u00fcsse, aus den Aussch\u00fcssen in die Parteigremien usw.\u00ab(11) Die inoffizielle Soziologie nennt diesen Vorgang, mit dem Macht-Diffusion verhindert wird, das \u00bbGesetz des wandernden Kerns\u00ab. Das ist vielleicht ein bi\u00dfchen zu bildhaft ausgedr\u00fcckt; gemeint ist damit eine ubiquit\u00e4re soziale Erfahrung (die Akademiker meiner Generation zu ihrem Leidwesen in der Hochschulpolitik der vergangenen 15 Jahre bis zum \u00dcberdru\u00df machen mu\u00dften), da\u00df immer dort, wo sich der Kreis der an politischen Entscheidungen Beteiligten ausweitet, der Entscheidungsproze\u00df somit \u00f6ffentlich(er) wird, sich er sich aufzuspalten beginnt, und zwar in einen offiziellen, uneigentlichen und in einen diesem vorgelagerten inoffiziellen, eigentlichen Entscheidungsproze\u00df, zu dem nur ein sehr viel kleinerer Kreis Zugang bekommt. So \u00e4hnlich, kl\u00e4ren uns die Ethnologen auf, funktioniert das auch in den sogenannten primitiven Gesellschaften(12), was ein m\u00e4chtiges Indiz daf\u00fcr ist, da\u00df es sich auch in Zukunft nicht \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>\u00bbDas Geheimnis ist im innersten Kern der Macht.\u00ab(13) Das ist, wenn auch mystisch tremolierend, nichts als eine empirische Feststellung.<br \/>Um hier gleich einen spannend erscheinenden, aber letztlich in einer Sackgasse endenden Nebenweg abzusperren &#8211; wir sprechen hier von politischen Prozessen in der Au\u00dfenpolitik, nicht von Geheimdiensten aller Art, \u00fcber die es ein \u00dcberma\u00df an apologetischer und kritischer Trivialliteratur gibt, in der die substantielle Armseligkeit dieser f\u00fcr die Politik weitgehend \u00fcberfl\u00fcssigen Institutionen verdeckt wird, einmal so und einmal anders herum. \u00bbOhne Geheimagenten f\u00e4nde das ewige Mi\u00dftrauen der M\u00e4chtigen wohl \u00fcberhaupt keine Linderung. Schon dadurch mag Spionage zur Verminderung der Aggressivit\u00e4t erheblich beitragen.\u00ab(14) Das ist mehr als zweifelhaft. Auch Pornofilme und -heftchen verschaffen ja dem ewigen Verlangen der Unm\u00e4chtigen keineswegs Linderung.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"das-verschwinden-der-verantwortung\">Das Verschwinden der Verant&shy;wor&shy;tung<\/span><\/h5>\n<p>In der internationalen Politik hat sich in den letzten Jahren um die Begriffsachse geheim\/\u00f6ffentlich ein Doppelstandard ausgebildet, der leicht zu durchschauen ist. Aber hier wie anderswo bleibt das Durchschauen folgenlos; au\u00dferdem sind Doppelstandards schlie\u00dflich ja auch dazu da, da\u00df man Widerspr\u00fcchlichkeiten unbelastet durchh\u00e4lt(15). Es lassen sich die Ebene der deklaratorischen, \u00f6ffentlichen und an \u00d6ffentlichkeiten adressierte Politik und die einer unsichtbar bis geheimen, an direkte politische Akteure adressierte Politik unterscheiden. Ein etwas melancholisch stimmendes Beispiel f\u00fcr das friedliche Nebeneinander von Aktivit\u00e4ten auf diesen beiden Ebenen bietet die UNO-Politik. Auf den Generalversammlungen wird internationale Politik \u00f6ffentlich betrieben. Am Rande der Generalversammlungen treffen sich die Akteure zu Einzelgespr\u00e4chen, vertraulich in der Methode, uneinsehbar f\u00fcr Au\u00dfenstehende im Inhalt; und nicht nur der in derlei Dingen geradezu rekords\u00fcchtige Au\u00dfenminister der Bundesrepublik Deutschland bewertet den politischen Erfolg einer Generalversammlung haupts\u00e4chlich an dem, was \u00bbam Rande\u00ab passiert ist. Allerdings sind es nur die Kurzsichtigen unter den Zynikern, die daraus den voreiligen Schlu\u00df ziehen, also sei es vollkommen gleichg\u00fcltig, was auf der deklaratarischen Ebene der internationalen Politik veranstaltet wird. Das Gegenteil ist richtig, das Doppelstandard-System funktioniert nat\u00fcrlich nur, wenn die Standards auf beiden Ebenen g\u00fcltig sind. Sie sind eben nur f\u00fcr verschiedene Zwecke g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Immerhin gibt es bei internationalen Organisationen wie der UNO noch diese Ebene der symbolischen Politik, auf der grundlegende soziale Werte wie Frieden und Wohlfahrt als Zielprojektionen (wenn auch mit Hintergedanken) umworben werden. Dies ist gewi\u00df ambivalent. Ich bin mir indes ziemlich sicher, da\u00df solche Ambivalenz&#8220; nicht ohne weiteres negativ zu beurteilen ist, wozu es aus entgegengesetzter Motivation sowohl \u00bbkonservative\u00ab wie \u00bbprogressive\u00ab Beobachter der internationalen Politik dr\u00e4ngt. Ein Beispiel f\u00fcr erstere bietet etwa Walter L. B\u00fchl in seinem klugen Buch \u00fcber \u00bbTransnationale Politik\u00ab: \u00bbObwohl die au\u00dfenpolitisch engagierte \u00d6ffentlichkeit nur einen sehr kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung umfa\u00dft und der definitive Einflu\u00df der \u00f6ffentlichen Meinung auf die Gestaltung der Au\u00dfenpolitik nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden soll, ist sie (auf l\u00e4ngere Sicht gesehen) insofern eine wichtige Kontextvariable, als \u00fcber die \u00f6ffentliche Meinung eine typische Transformation der politischen Entscheidungen in Richtung einer gr\u00f6\u00dferen Dramatisierung der Ereignisse, der Primitivierung der Alternativen und einer zyklischen Verlaufsform stattfindet.\u00ab Das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Durch die Einschr\u00e4nkung der M\u00f6glichkeit zur Geheimdiplomatie, zu Geheimabkommen und des Verbergens komplexer politischer Handlungen vergr\u00f6\u00dfern sich ja auch die Chancen, solche Handlungen zu korrigieren oder, aus anderer Sicht, korrigieren zu m\u00fcssen: Man kann dies etwa am Verhalten westlicher Regierungen in ihrer S\u00fcdafrika-Politik w\u00e4hrend des vergangenen Jahrzehnts verfolgen. Aber nat\u00fcrlich sind diese Chancen insgesamt nur schw\u00e4chlich, dar\u00fcber darf man sich keine Illusionen machen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist mit dem Stichwort der transnationalen Politik ein anderer, schon heute umfangreicher und weiter wachsender Bereich des internationalen Systems zur Sprache gekommen, in dem die Begriffsachse geheim\/\u00f6ffentlich eigentlich keine Rolle mehr spielt. Die Vielfalt der in sich gebrochenen, miteinander verschachtelten, im einzelnen gar nicht mehr identifizierbaren nationalen, organisationsinternen, \u00f6konomischen und anderen Interessen, welche das Handeln und Verhalten von wichtigen Akteuren in diesem Bereich bestimmen, also etwa (wahllos herausgegriffen aus einer Riesenzahl) der Internationalen Energie-Agentur, der Pugwash-Conference, der Katholischen Kirche, dem Volkswagenwerk, der Sozialistischen Internationale oder dem P.E.N. Club, l\u00e4\u00dft sich nicht nur nicht mehr \u00fcberschauen, sie ist auch f\u00fcr die beteiligten Subjekte selbst sozusagen weder geheim noch \u00f6ffentlich. Damit aber verschwindet auch das g\u00e4ngige Zuordnungs-Schema von Handlung und Handlungsfolge; von trial and error, von Kosten und Nutzen, entschwindet die Kategorie Verantwortung aus der internationalen Politik, welche die einen f\u00fcr eine m\u00f6glichst ungest\u00f6rte (Funktions-)Elite politischer Akteure und die anderen f\u00fcr eine an der \u00dcberwindung von Ungerechtigkeit, der Verbreitung von Menschenrechten und der Bewahrung des Weltfriedens interessierte \u00d6ffentlichkeit reklamieren.<\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheoretiker, das kommt am Ende heraus, sind also Moralisten, die mit relativ einfachen, meist bin\u00e4ren Einteilungsrastern das Konzept Verantwortung in der internationalen Politik retten m\u00f6chten. Bekanntlich tun sie das in der Regel auf absurde Weise, indem sie die Verantwortung f\u00fcr Schlimmes jemandem in die Schuhe schieben. Zwar ist nicht wirklich alles so simpel, wie es zutage liegt, auch in Bonn nicht, wo man, nach einem Bonmot von Johannes Gross, das Abgr\u00fcndige imaginiert, weil man eben dem Simplen, das zutage liegt, nicht glauben mag. Aber das, was in den internationalen Beziehungen eben nicht zutage liegt, was mit viel Aufwand aufzudecken, ja zu entlarven auch ein Beruf ist, das sind in der Regel nicht die grandiosen oder perfiden Geheimnisse, sondern Routineangelegenheiten vor beschr\u00e4nkten Horizonten. Rezepturen zur Offen-legung rei\u00dfen diese Horizonte nicht auf. Stattdessen verschieben sie, mit leichter Zeitverz\u00f6gerung, die Grenze zwischen dem Offiziellen und dem Inoffiziellen. Au\u00dfenpolitik der Demokratie unterscheidet sich von der aristokratischen Au\u00dfenpolitik im Grad ihrer Komplexit\u00e4t, der ist n\u00e4mlich h\u00f6her. Das hat aber weder etwas mit Effizienz noch mit Moral zu tun, weder mit Verfall noch mit Fortschritt.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 Die \u00bbProtokolle der Weisen von Zion\u00ab sind eine grobe F\u00e4lschung, das war schon lange bekannt, als dennoch viele Menschen \u00fcberall m der Welt sie f\u00fcr echt hielten. Das ist ein weiterer Vorteil von Verschw\u00f6rungstheorien: sie sind unwiderlegbar.<\/p>\n<p>2 Der andere Theorie-Typ, am Stammtisch und in politologischen Seminaren, ist der Verselbst\u00e4ndigungs-Ansatz. Etwa; das kriegt eben keiner in den Griff, wobei \u00bbdas\u00ab die B\u00fcrokratie sein kann, die Technik, das Wettr\u00fcsten, der milit\u00e4risch-industrielle Komplex usw.<\/p>\n<p>3 W.I. Lenin, Dekret \u00fcber den Frieden, hier zit. nach: K. Farner, Th. Pinkus (Hrsg.), Der Weg des Sozialismus. Quellen und Dokumente vom Erfurter Programm 1891 bis zur Erkl\u00e4rung von Havanna 1962, Reinbek 1964, S. 52.<\/p>\n<p>4 Ansprache von Pr\u00e4sident Wilson vor dem Kongre\u00df am 8.1.1918, m: Woodrow Wilson, Memoiren und Dokumente \u00fcber den Vertrag zu Versailles anno 1919, hrsg. (1923), v. R.St. Baker, Bd. III,<\/p>\n<p>S Die Forderung nach einer solchen Professionalisierung und nach der \u00dcberwindung einer \u00bbdiplomacy by dllettantism\u00ab durchzieht .z.B. das Buch von George F. Kennan, Amerlcan Drplomacy 1900-1950, New York 1952.<\/p>\n<p>6Vgl. Joachim Pabst, Internationale Beziehungen neuen Typs. Erfahrungen, Entwicklungsetappen, Probleme, Berlin\/Ost 1981 &#8211; in der Tat viel Probleme!<\/p>\n<p>7 Nichtangriffsvertrag Deutschland-Sowjetunion vom 23.8.1939, zit. nach: H.-A. Jacobsen (Hrsg.), Der Weg zur Teilung der Welt. Politik und Strategie 1939-1945, Koblenz 1977, S. 27.<\/p>\n<p>8 Henry A. Kissinger, Memoiren 1968-1973, M\u00fcnchen 1979, S. 1369. Mir geht es hier nicht um die Chuzpe des Vorschlags. Auch nicht um die seiner Zur\u00fcckweisung. Man soll nur erkennen, da\u00df beide Politiker zu Geheimhaltung und \u00d6ffentlichkeit ein instrumentelles Verh\u00e4ltnis und kein moralisches zeigen. Das macht sie keineswegs tadelnswert.<\/p>\n<p>9 Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung, M\u00fcnchen u. Leipzig 1922, 2. Aufl., S. 273.<\/p>\n<p>10 Wilhelm G. Grewe, Spiel der Kr\u00e4fte in der Weltpolitik. Theorie und Praxis der internationalen Beziehungen, Frankfurt\/M. 1981, S. 322, mit einigen eindrucksvollen Beispielen.<\/p>\n<p>11 Carl J. Friedrich, Pathologie der Politik, Frankfurt\/M, und New York 1973, S. 145.<\/p>\n<p>12 Dazu, so am\u00fcsant wie gelehrt, F.G. BaileY, MoralitY and Expediency, Oxford 1977.<\/p>\n<p>13 Elias Canetti, Masse und Macht, Hamburg 1960, S. 333.<\/p>\n<p>14 G.-K.<\/p>\n<p>Kaltenbrunner (Hrsg.), Wozu Geheimdienste? Kundschafter, Agenten, Spione, M\u00fcnchen 1985, S. 10 (aus dem Vorwort des Herausgebers).<\/p>\n<p>15 Vgl. hierzu: Kl. Moritz, Doppelstandard, Soltro 1982 (Grundlagen gesellschaftlicher Reproduktion, Bd. 3) &#151; gegen\u00fcber einer eher \u00bbnaiven\u00ab Anthropologie \u00e4 la Bateson und anderer wird in diesem Band einer, wie mir scheinen will, angemesseneren und im \u00fcbrigen auch spannenderen Theoriearbeit das Wort geredet.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2447],"publikationen":[1272],"class_list":["post-12356","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wilfried-von-bredow","publikationen-78-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Internationale Beziehungen und Geheimpolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/78-vorgaenge\/publikation\/internationale-beziehungen-und-geheimpolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Internationale Beziehungen und Geheimpolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 78 (Heft 6\/1985), S.69-75. 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