{"id":12358,"date":"1991-10-31T12:00:00","date_gmt":"1991-10-31T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/joachim-perels-eine-neue-heroisierung-deutscher-geschichte\/"},"modified":"1991-10-31T12:00:00","modified_gmt":"1991-10-31T11:00:00","slug":"joachim-perels-eine-neue-heroisierung-deutscher-geschichte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/113-vorgaenge\/publikation\/joachim-perels-eine-neue-heroisierung-deutscher-geschichte\/","title":{"rendered":"Joachim Perels: Eine neue Heroisierung deutscher Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Die Bestattung der Preu\u00dfen-K\u00f6nige in Potsdam<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge  Nr. 113 (Heft 5\/ 1991), S.54-55<\/p>\n<p><b>Am Umgang mit der eigenen Geschichte zeigt sich, wie stark ein demokratisches Gegenwartsbewusstsein ist. Seit einiger Zeit beobachten wir, da\u00df bedr\u00fcckende, ja grauenvolle Fakten deutscher Geschichte in ein neues Licht gestellt werden, um sie einem kritischen Blick zu entziehen. Auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg inszeniert Bundeskanzler Kohl gemeinsam mit Pr\u00e4sident Reagan 1985 eine Art Vers\u00f6hnungszeremoniell, als dessen Ergebnis die m\u00f6rderische, v\u00f6lkerrechtliche Grunds\u00e4tze mit F\u00fc\u00dfen tretende Angriffsmaschinerie des NS-Staates als blo\u00dfer unterlegener Kontrahent in einem gewisserma\u00dfen klassischen milit\u00e4rischen Konflikt erscheint. Im Historikerstreit des Jahres 1986 geht es konservativen Historikern darum, die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden durch den Staats- und Verwaltungsapparat des Nationalsozialismus als so-genannte Abwehrreaktion gegen den Bolschewismus halb verst\u00e4ndlich zu machen und damit den Schuldanteil der F\u00fchrungsschichten des Dritten Reiches an einem der gr\u00f6\u00dften Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu minimieren. Auch wenn sich diese Position in der \u00f6ffentlichen Meinung, dank der entschiedenen Argumentation f\u00fchrender Soziologen und Historiker &#8211; wie J\u00fcrgen Habermas und Hans Ulrich Wehler -, nicht durchsetzt, bleiben die restaurativen Interessen, die deutsche Geschichte in ein unkritisches Licht zu stellen, bestehen.<\/b><\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdige Tatbest\u00e4nde werden aus der Historie verdr\u00e4ngt, um Geschichte zum Instrument einer neuen nationalen Identit\u00e4tsbildung zu machen. Sie dient als Identifikationsobjekt, auf das man seine im Alltag des Existenzkampfes oft unerf\u00fcllten W\u00fcnsche projiziert und damit mindestens den Schein eines Anteils am sogenannten gro\u00dfen Geschehen der eigenen Nation erwirbt. Die Produktion eines gesch\u00f6nten Geschichtsbildes gen\u00fcgt dumpfen ideologischen Bed\u00fcrfnissen, nicht aber der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Distanz zwischen dem geschichtlichen Geschehen und einem demokratischen Gegenwartsbewu\u00dftsein wird durch Formen eines blinden Einverst\u00e4ndnisses ersetzt.<\/p>\n<p>Dies geschah bei der mit gro\u00dfem staatlichen Aufwand inszenierten Bestattung der beiden Preu\u00dfenk\u00f6nige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. in Potsdam. Arnulf Baring hat den Zweck des Unterfangens unverh\u00fcllt bestimmt: &#132;Die stille Anwesenheit Kohls ist &#8230; der \u00f6ffentliche Beweis, da\u00df alle Deutschen heute getrost ihren Frieden machen k\u00f6nnen mit herausragenden, fr\u00fcher umstrittenen Pers\u00f6nlichkeiten &#8230;&#8220; Dieser Sicht der fr\u00fchen preu\u00dfischen Geschichte korrespondiert, da\u00df die Bundeswehr, als sei sie nicht die Armee einer Demokratie, sondern einer Monarchie, als staats\u00fcberh\u00f6hende Staffage eingesetzt wird, die durch die Intonierung eines Chorals (Was Gott tut, das ist wohlgetan) auch noch die Vereinigung von Thron und Altar wiederaufleben l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Der neue K\u00f6nigskult widerspricht einem realit\u00e4tsgerechten Bild von Preu\u00dfen unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. Von den absolutistischen Regimes beider K\u00f6nige trennt uns eine Welt. Friedrich Wilhelm I. war kein Reformer, sondern ein diktatorischer, zum Sadismus f\u00e4higer Herrscher eines Milit\u00e4rstaats. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz war ihm fremd. Als Friedrichs Freund Katte wegen der Mithilfe bei einem geplanten Fluchtversuch von der Justiz lediglich zu Festungshaft verurteilt wurde, machte sich Friedrich Wilhelm I. zum obersten Richter und erlie\u00df ein Todesurteil. Da\u00df Friedrich von seinem Vater befohlen wurde, die Hinrichtung seines Freundes anzusehen, zeugt von einer machtbesessenen Lust, durch Leid Gef\u00fcgigkeit zu erzwingen &#8211; ein Grundschema, nach dem sich der Gehorsamkeitskult im fr\u00fchen Preu\u00dfen ausbildete.<\/p>\n<p>Gewi\u00df, Friedrich II. war eine andere Figur als sein Vater. Innenpolitisch hat er, der sich der aufkl\u00e4rerischen Gedankenwelt bis zu einem gewissen Grade \u00f6ffnete, die Toleranz f\u00fcr die unterschiedlichen Religionen durchgesetzt, eine zwar nicht generelle, aber immerhin punktuelle Verbesserung der Lage der Juden verf\u00fcgt, die Anwendung der Folter stark eingeschr\u00e4nkt, dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz unabh\u00e4ngig von der st\u00e4ndischen Gliederung zum Durchbruch verholfen. Die emanzipatorischen Rechtspositionen, Vorl\u00e4ufer f\u00fcr die Ausbildung des modernen Verfassungsstaates, hatten aber eine klare Grenze. Gegen\u00fcber den franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rern, die &#8211; wie d&#8217;Holbach &#8211; f\u00fcr das Recht der Souver\u00e4nit\u00e4t des Volkes eintraten, bestand Friedrich II. entschieden auf der \u00dcberlegenheit der absolutistischen, erbmonarchischen Herrschaftsform, die das Volk real von jeder politischen Mitwirkungsm\u00f6glichkeit ausschloss, auch wenn die Gesetze so gestaltet werden sollten, als ob der K\u00f6nig gegen\u00fcber den Mitb\u00fcrgern Rechenschaft ablegen m\u00fc\u00dfte. So war es konsequent, da\u00df unter Friedrichs II. Regiment, das sich gegen\u00fcber juristischen, philosophischen, historischen und theologischen Schriften ein regierungsamtliches Erkenntnisprivileg zusprach, ein striktes System der Vorzensur galt. In seinem politischen Testament von 1752 sprach Friedrich II. davon, da\u00df ein politisches System sich nicht behaupten k\u00f6nne, &#132;wenn es nicht einem einzigen Kopf entspringe. Dies mu\u00df der des Souver\u00e4ns sein.&#8220;<\/p>\n<p>Die absolutistische Struktur der Regierungsgewalt hatte au\u00dfenpolitisch die Konsequenz, da\u00df reine Eroberungskriege wie die drei schlesischen einzig aus dem Machterweiterungskalk\u00fcl des frei entscheidenden Regenten resultierten. \u00dcber 50000 Soldaten verloren allein in diesen Kriegen ihr Leben. Immanuel Kant, der bedeutenste Aufkl\u00e4rer im Preu\u00dfen Friedrich II., der die absolutistische Denkungsart geistig aush\u00f6hlte, fand f\u00fcr die preu\u00dfische Kriegsfreudigkeit die besten Worte: &#132;&#8230; F\u00fcr die Allgewalt der Natur, oder vielmehr ihrer uns unerreichbaren obersten Ursache, ist der Mensch nur eine Kleinigkeit. Da\u00df ihn aber auch die Herrscher von seiner Gattung daf\u00fcr nehmen, und als eine solche behandeln, indem sie ihn teils tierisch, als blo\u00dfes Werkzeug ihrer Absichten, belasten, teils in ihren Streitigkeiten gegeneinander aufstellen, um sie schlachten zu lassen &#8211; das ist keine Kleinigkeit, sondern Umkehrung des Endzwecks der Sch\u00f6pfung selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Wird die Distanz zu den deutschen Monarchen von einst aufgehoben, werden sie ins Sonnenlicht einer neuen Verehrung getaucht, wer-den nicht nur die zeitgen\u00f6ssischen Kritiker monarchischer Allgewalt ins Unrecht gesetzt, sondern auch die Demokratie &#8211; das Prinzip der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t erscheint als relative Gr\u00f6\u00dfe, der eine autorit\u00e4re Regierungsgewalt als positive Alternative gegen\u00fcbergestellt werden kann. Fast ist schon wieder vergessen, da\u00df der Aufstieg der antidemokratischen Kr\u00e4fte in der Weimarer Republik auch mit Hilfe der gro\u00dfen Friderikus -Rex-Filme, die ein diktatorisches Staatsideal proklamierten, h\u00f6chst massenwirksam bef\u00f6rdert wurde. Ein Geschichtsbild, das die Heroisierung von Alleinherrschern betreibt, ist einer Demokratie nicht angemessen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[427],"publikationen":[1249],"class_list":["post-12358","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-joachim-perels","publikationen-113-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Joachim Perels: Eine neue Heroisierung deutscher Geschichte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/113-vorgaenge\/publikation\/joachim-perels-eine-neue-heroisierung-deutscher-geschichte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Joachim Perels: Eine neue Heroisierung deutscher Geschichte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Bestattung der Preu\u00dfen-K\u00f6nige in Potsdam aus: Vorg\u00e4nge Nr. 113 (Heft 5\/ 1991), S.54-55 Am Umgang mit der eigenen Geschichte zeigt sich, wie stark ein demokratisches Gegenwartsbewusstsein ist. 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